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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Kurzgeschichten/5+6
Eingestellt am 27. 10. 2002 12:28


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Ankurei
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2002

Werke: 7
Kommentare: 1
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Fortsetzung zu "Der Hobbykiller"


5. Gute Zeiten – schlechte Zeiten

Besucher sind ab und an der Ansicht, sie wĂŒssten alles besser und versuchen, meine Herrin zu beeinflussen. Nicht nur, dass sie unĂŒberlegte VerbesserungsvorschlĂ€ge machen, z.B. „Sperr den Bengel doch ein und schmeiß den SchlĂŒssel weg“ oder „Wieso nennst Du diese Chaoten Kinder?“. Wegen des ersten Vorschlages erklĂ€rt Mom in der Regel, sie wĂŒrde vom Nachbarn die „Rote Karte“ kriegen und es aus diesem Grund lieber gar nicht erst versuchen, mich in den Kerker zu schmeißen. Zum zweiten Vorschlag erklĂ€rt sie geduldig, dass die Bezeichnung Kinder in jedem Fall seine Berechtigung hat, zumal sie wegen uns Kindersicherungen kaufen muss.

Manchmal ist sie dermaßen pflegeleicht, z.T. sogar unaufmerksam, was ich zwar registriere, jedoch keine Anstalten unternehme, diesen Umstand auszunutzen. Hat sie gute Laune, so schließe ich mich ihr mit Freuden an. Zu solchen Gelegenheiten fliege ich flugs in ihr BĂŒro, öffne den Papierlocher von unten, so dass Hunderte von bunten Konfettiflocken auf uns herabrieseln, und wenn Pyka und ich Bock auf noch mehr Karnevalsstimmung haben, fliegen wir immer wieder hin und her, her und hin, bis auch das letzte Konfetti am Boden liegt. Kann man ĂŒbrigens auch wunderbar mit Zwiebelschalen machen. Abwarten, bis die Dinger geschĂ€lt sind - Start.

Es gibt umgekehrt aber auch wieder Situationen, in denen ich mehr als froh bin, nicht ihr leibliches, sondern Adoptivkind zu sein. Wenn ich mir nÀmlich vorstelle, ich hÀtte die eine oder andere Macke von ihr geerbt, könnte ich mich gleich aufhÀngen. Will mal ein Beispiel erzÀhlen, das man sich ganz, ganz langsam reinziehen muss, um es auch nur ansatzweise zu verstehen.

Vor vielen Jahren habe ich Pyka beigebracht, brennende Kerzen so lange zu ĂŒberfliegen, bis sie erlöschen. Geht wunderbar und kinderleicht, doch legt man noch einen Zahn zu, ĂŒberwindet den letzten Rest von Skrupel, so kann es passieren, dass die Kerze nicht nur aus geht, sondern auch aus dem Leuchter saust. Gebe ja zu, leicht ist’s nicht, doch ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Was ich erzĂ€hlen will ist, dass ich bereits mehrmals mit ansehen musste, wie das MĂŒtterchen sich tatsĂ€chlich – das glaubt mir wahrscheinlich kein Vogel – anschickt, ein BĂŒgeleisen anzuschleppen, Löschpapier aufs Parkett zu klatschten und allen Ernstes den Fußboden zu bĂŒgeln. Das muss man auch langsam sacken lassen. Eine erwachsene Frau, die teilweise tut, als hĂ€tte sie die Weisheit mit Löffeln gefressen, bĂŒckt sich vor mir nieder, um meinen Laufsteg zu plĂ€tten. Wer sie kennt, damit meine ich besonders meinen Herrn Vater, dem ist bekannt, dass sie BĂŒgeleisen ansonsten nur anfasst, wenn dabei was fĂŒr sie rausspringt.

Die meisten ihrer Spleens sind mir zur GenĂŒge bekannt. Ich habe meine Macken, die Alten ihre, und das ist auch gut so. Morgens weiß ich genau so wenig wie sie, wie der Tag endet. Mal ist sie der GlĂŒckspilz, ich der Verlierer, mal hat sie die Arschkarte gezogen, ich schwelge im GlĂŒck. So ist das Leben, was will man da machen?

Wie in den meisten Familien, wo zwei Generationen unter einem Dach leben, gibt es bei uns natĂŒrlich jede Menge Reibereien zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter. Zwar war es bei uns so, dass nicht ich auf Brautschau ging, sondern vertretungsweise meine liebe Mutter, doch wie ich eingangs bereits erwĂ€hnte, sieht es mit dem Paragraphen „Gleiches Recht fĂŒr Alle“ nicht rosig bei uns aus. Obwohl Mom also in der glĂŒcklichen Lage war, sich ihre Schwiegertochter persönlich aussuchen zu dĂŒrfen, keiften sich die zwei Matronen vom ersten Tag an wie die Marktweiber. Meine Pyka ist manchmal wirklich nicht gerade fein in ihrer Ausdrucksweise oder im Verhalten, doch umgekehrt steht Mami ihr in nichts nach. Ich halte mich da meist raus, nehme weder fĂŒr die eine, noch die andere Partei. Nee, nee, spĂ€ter vertragen sie sich vielleicht wieder, und ich bin der Gelackmeierte.

WĂ€hrend ich das Wort Wahrheit ĂŒber alles schĂ€tze und nach besten KrĂ€ften bemĂŒht bin, mich meinen Schwarmmitgliedern als ehrliche Feder zu prĂ€sentieren, nimmt es die liebe Pyka mit der Richtigkeit leider nicht so wichtig. Da kann ich mir den Schnabel fusslig quatschen, sie lĂŒgt wie gedruckt und bringt mich dadurch oft genug in ernsthafte Schwierigkeiten.

Da sitzen wir eines Tages von allein guten Geiern verlassen im Wohnzimmer, wissen mit unserer Freizeit wenig oder gar nichts anzufangen, bis Pyka auf die Idee kommt, nach intakten CD-HĂŒllen zu fahnden. Schnell wird sie fĂŒndig und zerbeißt fachmĂ€nnisch die Plastikummantelung des Herrn Eros Ramazotti, bis die Musikkonserve scheppernd ĂŒber den Boden kullert. Anstatt sich umgehend nach der nĂ€chsten CD umzusehen, verlĂ€sst sie mich, fliegt in TĂŒrnĂ€he und keift „Booogieeee“. Es vergehen wirklich keine drei Sekunden, bis die Chefin am Tatort eintrifft, die Situation eben so schnell erfasst und mich zur Schnecke macht. Mich!!! Ich habe nichts anderes getan, als fĂŒr Pyka Schmiere zu stehen, bin die Unschuld persönlich, werde jedoch zusammengeschissen, bis ich so klein geworden bin, dass man mich mit einem Mikroskop einsammeln könnte.

Derartige SockenschĂŒsse hat Pyka oft genug. Jedoch hat sie die Nummer mehr oder weniger ĂŒbertrieben, zumal Mami lĂ€ngst kapiert hat, wo der Hase lang lĂ€uft. Da kann Pyka sich mit ihrem dĂ€mlichen „Boooogieee“ noch so viel MĂŒhe geben, letztendlich hat man ihren wahren, verlogenen Charakter lĂ€ngst erkannt.


6. Ungebetene GĂ€ste

Wer immer auch dafĂŒr zustĂ€ndig sein mag, fĂŒr mieses Wetter zu sorgen: Ich hasse ihn. Ginge es nach mir, so ließe ich die Sonne ununterbrochen scheinen, zumal ich im Sonnenschein einfach besser drauf bin. Momentan ist aber Winter angesagt, was bedeutet, dass wir wenig Möglichkeiten haben, in die Balkonvoliere zu ziehen und uns sogar die BĂŒrzel abfrieren, sobald wir uns kurz auf den geöffneten FensterflĂŒgel setzen. Manche Fenster sind ĂŒbrigens vergittert. Ob dies bereits vor meinem Einzug so war, entzieht sich meiner Kenntnis, doch aus meiner Sicht ist ein solcher Zustand mehr als blöde, denn weder ich, noch Pyka kĂ€men jemals auf die abartige Idee, den goldnen KĂ€fig freiwillig zu verlassen. Lieber den Spatz in der Hand, als die Taube auf dem Dach.

Apropos: An einem unfreundlichen Dienstagmorgen, das FrĂŒhstĂŒck war in Null-Komma-Nichts erledigt, sitze ich auf einer der Restpalmen und ĂŒberprĂŒfe die Blumenerde auf Feuchtigkeit, als ich in die hĂ€sslichste Visage starre, die mir jemals untergekommen ist. Mein GegenĂŒber ist riesengroß, trĂ€gt einen Schnabel mitten im Gesicht, von dem ich annehme, er besitzt so ungefĂ€hr den SchĂ€rfegrad eines Skalpells. Das Vieh hat bei der Verteilung von KörperfĂ€rbungen mit Sicherheit nicht drei Mal HIER geschrieen, denn es trĂ€gt eine Farbe Marke Schlaftablette, grau wie ein sibirischer Winter. Die einzige „Farbauflockerung“ bilden ein paar lĂ€cherliche schwarze Abzeichen auf Kopf und Schultern. Bereits beim ersten Blick so Auge in Auge, stelle ich fest, wie falsch das Aas mich anblinzelt. Es besitzt den Anmut einer Kakerlake, bemĂŒht sich aber, auf Mister Bombastic zu machen – einfach widerlich. Na ja, jedenfalls verhalte ich mich vollkommen ruhig und beobachte fasziniert, wie der Kerl sich ĂŒber einen Meisenknödel hermacht, der meines Wissens fĂŒr notleidende Ziervögel aufgehĂ€ngt wurde. Inzwischen hat auch Pyka den Eindringling entdeckt, doch als sie angeschossen kommt, macht er sich vor Angst in die Hose und kratzt die Kurve.

Mein Aufatmen nĂŒtzte jedoch nicht viel, denn am nĂ€chsten Tag tanzte er schon wieder an. Das Fenster war geschlossen, also war es mir nicht möglich, ihn hier und jetzt zur Schnecke zu machen, um die Sache ein fĂŒr allemal zu beenden. Diesmal machte er sich an ein paar verstreuten Vogelkörnern zu schaffen und biss ab und zu herzhaft in den Efeu. Obwohl ich ihn dermaßen anschnauzte, dass man meine Schimpftiraden sicher auch im Nebenbezirk vernahm, machte mein GegenĂŒber voll auf stur und wagte sich sogar, noch nĂ€her ans Fenster zu traben. Auge in Auge mit dieser Kreatur – nur eine hauchdĂŒnne Fensterscheibe trennte zwei Welten. Im Inneren des Raumes ein gebildeter grĂŒner Herr mit vorbildlichen Umgangsformen, draußen ein verlaustes, rĂŒpelhaftes Vogelvieh, das nun auch noch die Frechheit besaß, per Schnabel mit mir anbĂ€ndeln zu wollen. Nicht mit mir. Auch ich setzte meinen gefĂŒrchteten Schnabel ein und knallte damit gegen die Fensterscheibe. Hat gesessen. Er machte die Flatter.

Ich weiß nicht, wie es passieren konnte, aber ich habe tatsĂ€chlich nicht mitgekriegt, wie meine HaushĂ€lterin Essenreste vom Drei-GĂ€nge-Menue zusammenkratzte und auf den Balkon schleppte. Mir ist vollkommen entgangen, dass sie das vergammelte Zeug in eine hochherrschaftliche SchĂŒssel fĂŒllte und ausgerechnet auf den Platz stellte, an dem das Vieh gestern hockte. Deshalb bin ich auch voll aus den Latschen gekippt, als er morgens zur gleichen Zeit wie gestern angeschissen kam, um sich genĂŒsslich ĂŒber den PrĂ€sentierteller herzumachen. Er sah nicht nur aus, wie ein Schwein, sondern fraß auch so. Nachdem er die Köstlichkeiten lĂ€ngst eingeatmet hatte, kroch er noch immer auf dem Balkon rum, weil er sicher annahm, man wĂŒrde ihm noch ein Eis mit FrĂŒchten und Sahne nachschieben.

Meine Unmutsbekundungen brachten ĂŒberhaupt nichts. Was hĂ€tte ich auch tun sollen, außer mit Bissen auf meine Situation aufmerksam zu machen. Mein Vorhaben musste allerdings auf den Nachmittag verschoben werden, denn durch meine BrĂŒllerei war ich inzwischen in der Voliere gelandet, wo ich bis zur Essenausgabe die Stellung zu halten hatte.

Abends belauschte ich ein GesprĂ€ch zwischen meinen Alten, wĂ€hrend sie erneut AbfĂ€lle in die SchĂŒssel klatschten. So erfuhr ich, dass der unverschĂ€mte graue Fresssack der Rasse NebelkrĂ€hen entstammt und auf den Namen „Alf“ hört. Daran, dass er tatsĂ€chlich hört, wage ich zu zweifeln, doch hieß der plötzlich so und wurde von einem Tag zum anderen in eine Familie aufgenommen, die lĂ€ngst aus allen NĂ€hten zu platzen droht. LĂ€ngst gehört es fĂŒr Alfilein zur Tagesordnung, bei Tagesanbruch auf einen Sprung mal vorbei zu schauen, sich die fette Wampe voll zu schlagen, um anschließend auf Nimmerwiedersehen zu entfleuchen.

Damit aber noch nicht genug. Als die graue, alf-farbige Jahreszeit endlich beendet war und der ersehnte Sonnenschein Einzug hielt, tauchte die graue Eminenz gewohnheitsgemĂ€ĂŸ mal wieder auf und soff aus seinem Kristallkelch, den man ihm vor einigen Wochen genehmigte. Auch, wenn ich mich noch immer nicht damit abgefunden habe, dass man ihm Nahrungsmittel zur VerfĂŒgung stellt, die von meinem Haushaltsetat abgezwickt werden, so nehme ich ihn inzwischen wie die KrĂ€tze hin, halte um des Friedens Willen den Schnabel. Kaum ist er auf der BalkonbrĂŒstung gelandet, latscht soeben zum Saufnapf und gibt sich mit GĂ€nsewein die Kante, als ein zweiter Alf hinter ihm landet. Ich musste meine Brille zu Hilfe nehmen, um die Lage zu erfassen. Gut, dass ich das getan habe, denn mit meinem Nasenfahrrad war es mir vergönnt, kaum wahrnehmbare Unterschiede zwischen Alf und Alf zu erfassen. WĂ€hrend der alte Alf mehr schwarze Begrenzungen auf der Kappe hat, hat der Neuzugang mehr welche in grau.

Lange hat es nicht gedauert, bis ich geschnallt habe, dass wir Alf jetzt im Doppelpack genießen dĂŒrfen. Das zweite Vieh erhielt auch sofort einen Namen, nĂ€mlich „Ronda“. Kann mich nicht daran erinnern, auch nur einen einzigen Tag mal das VergnĂŒgen erlebt zu haben, ohne von Alf und Ronda belĂ€stigt worden zu sein. Auch, wenn ich mich nach KrĂ€ften bemĂŒhe, meine Portionen brav leer zu essen, um Reste zu vermeiden – der Futternapf steht tĂ€glich neu gefĂŒllt auf Balkonien, und reißen auch alle Stricke und alle Teller wurden leer gegessen, ĂŒberhaupt kein Problem, denn dann wird fĂŒr die Herrschaften extra gekocht. Möchte sogar meine Einstreu verwetten, dass Mami ihnen lĂ€ngst eine Speisekarte aufgehĂ€ngt hat, auf der sie bereits zu Wochenbeginn erfahren, mit welchen Köstlichkeiten sie in den folgenden Tagen zu rechnen haben.

Über die Zukunft darf ich gar nicht nachdenken, denn aus Kindern werden bekanntlich Leute. Wahrscheinlich sieht Frau Mutter sich bereits nach Babynahrung um.

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