Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87708
Momentan online:
244 Gäste und 2 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Laura kennt die Zukunft
Eingestellt am 01. 03. 2003 14:56


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
wiccasaint
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2003

Werke: 2
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

„Bitte sag’s nicht Mama!“ sagt sie zu mir.
Sie ist mir ein R├Ątsel. Ich versuche schon seit Jahren, sie zu verstehen, doch ich schaffe es nicht. Sie tut seltsame Dinge. Sie verh├Ąlt sich seltsam. Immer wieder. Und ich komme nicht dahinter, warum. Vielleicht liegt es an mir, da├č ich sie nicht verstehe, aber ich glaube, es liegt an ihr. Denn so ist sie. Laura. Laura ist meine Schwester.
„Bitte sag’s nicht Mama!“ sagt sie zu mir.

Ich hatte noch meine Freundin Anne besuchen wollen. Ich wollte nur kurz im Bad meine Haare machen. Sie sind sehr stur und scheinen ihren eigenen Kopf zu haben. Sie tun immer das, was sie wollen, niemals das, was ich will. Eigentlich ist ja der ‘Out-of-Bed-Look’ zur Zeit der letzte Schrei, doch ich will mit dieser Frisur nur herumlaufen, wenn es mich Stunden des Bearbeitens, des Gels hinein schmieren und mit Spray vergiften gekostet hat, und nicht, wenn sich meine Haaren eigensinnig dazu entschlossen haben, unkontrolliert von meinem Kopf abzustehen. Die Badezimmert├╝r war nicht verschlossen und ich ├Âffnete sie. Ich hatte mich gerade mit der Frage besch├Ąftigt, ob meine Haare wirklich ein Eigenleben f├╝hren konnten, als ich Laura sah. Wie versteinert stand sie vor dem Spiegel ├╝ber dem Waschbecken, mit starren Blick glotzte sie ihr eigenes Spiegelbild an. Sie bemerkte nicht einmal, da├č ich gekommen war. Sie sah schlecht aus und ich hatte mich gefragt, was sie wohl schon wieder hatte. Ich kenne Laura. Ich war nicht wirklich ├╝berrascht. Unterhalb meines Blickwinkels sah ich eine Bewegung. Automatisch wanderte mein Blick dorthin. Erst jetzt hatte ich bemerkt, da├č sich unter ihrem linken Arm, der schlaff neben ihrem K├Ârper herab baumelte, eine kleine Pf├╝tze gesammelt hatte. Und es tropfte immerzu etwas von ihrem Arm und machte die Pf├╝tze damit erst zu einer Pf├╝tze. Ich trat einen Schritt auf Laura zu. Nun erkannte ich den roten Farbstoff der Fl├╝ssigkeit und ihre etwas dickliche Konsistenz. Dann sah ich auch die Rasierklinge in ihrer rechten Hand, die blutverschmiert und leblos in dem von roten Tropfen ├╝bers├Ąten Waschbecken ruhte. ├ťberrascht war ich jedoch immer noch nicht gewesen. Langsam war ich auf sie zugegangen und hatte ihren linken Arm in die Hand genommen. Laura blickte mich pl├Âtzlich erschrocken an, als w├Ąre sie erst jetzt in ihren K├Ârper zur├╝ckgekehrt. Verschmierte Blutspuren klebten in ihrem Gesicht.
„Jan.“ sagte sie. Sie sprach meinen Namen aus als h├Ątte sie ihn noch niemals zuvor gesagt. Als h├Ątte sie ihn noch nie zuvor geh├Ârt. Ich hatte mir ihren Arm angesehen. Sie hatte sich zwei Schnitte zugef├╝gt. Jedoch hatte sie die Klinge nicht am Handgelenk, sondern kurz unterhalb der Armbeuge angesetzt. Verlaufene Spuren ihrer warmen K├Ârperfl├╝ssigkeit waren bis zu ihren Fingerspitzen gewandert. Ein langer Weg bis zu ihrem Ziel, dem freien Fall.

Wir sitzen auf dem Badewannenrand und ich verbinde Lauras Arm mit einer Mullbinde. Ich kann es nicht besonders gut und frage mich, ob es nicht auch zwei gro├če Pflaster getan h├Ątten.
Das Blut habe ich vorher schnell vom Kachelboden gewischt, obwohl ich fand, da├č sich ein wenig Farbe gut auf dem ├Âden Wei├č getan h├Ątte.
„Bitte sag’s nicht Mama!“ sagt sie jetzt zu mir.
„Ich mu├č es ihr sagen.“
„Wieso?“
„Weil das krank ist.“
Laura schaut mich nicht an. Sie sieht ├╝berall hin nur nicht zu mir. Ich bin fertig mit dem Verband. Er sieht recht akzeptabel aus, solange sie nicht ihren Arm bewegt. Sonst verrutscht er wieder. Ich ├╝berlege mir, mal einen Erste-Hilfe-Kurs zu machen, mit einer Schwester wie Laura im Haus kann man ihn immer gut gebrauchen. Und f├╝r den F├╝hrerschein auch.
„Warum tust du soetwas?“ frage ich sie. Ich will es wirklich wissen, denn ich verstehe nicht, weshalb sie immer wieder Dinge tut, die das Leben nur noch komplizierter machen.
„Ich mu├č es tun.“ sagt sie unsicher. Und dann: „Es ist eine Strafe.“
„Eine Strafe wof├╝r?“
Laura sieht mich immer noch nicht an. Wieso nicht? Sonst hat sie mich auch immer angesehen, doch nun tut sie so, als w├Ąre sie blind. Oder als w├Ąre ich nicht da. Als w├╝rde sie mit sich selbst sprechen. Vielleicht w├╝nscht sie sich, mit sich selbst zu sprechen anstatt mit mir.
„Ich habe Tr├Ąum.“ sagt sie z├Âgerlich.
„Und daf├╝r mu├čt du dich bestrafen?“
Laura nickt. „Und f├╝r meine Gedanken. Sie sind nicht normal. Sie sind schlecht. Vielleicht h├Ârt es auf, wenn ich mich bestrafe, wenn ich sie habe.“ Sie klingt so ungl├╝cklich. Ihre Augen sind feucht, aber ich mache mir darum keine Gedanken. So ist Laura. Jede Woche eine neue Katastrophe.
„Was sind das f├╝r Gedanken und Tr├Ąume?“
Laura sch├╝ttelt den Kopf. Eine dicke Tr├Ąne l├Ąuft ├╝ber ihre Wange. Wie gebannt starre ich auf sie, bin gespannt, ob sie sich auf dem Weg zum freien Fall verliert oder schlie├člich vom Kinn hinab tropft wie das Blut von ihrem Arm. Ich werde es nicht mehr erfahren, denn Laura spricht nun doch mit mir.
„Ich bin verliebt.“ sagt sie.
„Das ist doch gut.“ sage ich.
„Ich tr├Ąume vom K├╝ssen und von Liebe. Machen. Ich denke an Zungen in meinem Mund und an Sex.“
Ich mu├č etwas grinsen. Typisch f├╝r Laura, da├č sie das f├╝r etwas Schlechtes h├Ąlt. Sie wird’s schon noch herausfinden.
„Das ist nicht schlimm, Laura. Es ist nicht falsch, du wirst nur...“ Dann unterbricht sie mich.
„Mit dir.“
Ich glaube nicht, was sie sagt. Ich mu├č mich verh├Ârt oder die Zusammenh├Ąnge mi├čverstanden haben. Das kann sie nicht gesagt haben. Das kann sie nicht gemeint haben.
„Gedanken an deine Zunge und deinen Penis.“ f├╝gt sie noch hinzu. Extra f├╝r mich, als h├Ątte sie meine Gedanken geh├Ârt.
„Hast du nicht.“ kann ich nur sagen. Mehr f├Ąllt mir nicht ein. Laura nickt jetzt. Sie sieht mich immer noch nicht an. Sie hat ihre Augen geschlossen und ich bin froh dar├╝ber. Sie hat rote Wangen bekommen, und zwischen ihren Wimpern pressen sich neue Tr├Ąnen heraus. Diesmal warte ich nicht das Erreichen ihres Ziels ab. Ich stehe vom Badewannenrand auf.
„Ich werd’s Mama nicht sagen.“ sage ich zu ihr und verlasse das Badezimmer.

Vor einiger Zeit war Laura ziemlich krank geworden. Sie hatte eine Grippe bekommen, hatte ├╝ber 39┬░C Fieber und so starke Gliederschmerzen, da├č sie Nachts geweint hat. Nach einer Woche ging es ihr wieder besser, doch da hatte es angefangen. Sie hatte pl├Âtzlich eine f├╝rchterliche Angst, durch das hohe Fieber m├Âglicherweise einen Herzschaden bekommen zu haben. Sie kaufte sich ein dickes ├ärztebuch. Sie la├č sehr viel darin. Ich sah sie nur noch selten ohne diesen tausend Seiten W├Ąlzer im Arm. Laura fing an, deswegen ziemlich durchzudrehen. Sie bef├╝rchtete mit einmal, alle m├Âglichen Krankheiten zu haben. Muskelzuckungen k├Ânnten die ersten Anzeichen f├╝r Epilepsie sein. Ihre Neigung zu Bluterg├╝ssen und ihr Zahnfleischbluten k├Ânnte ein Hinweis auf Leuk├Ąmie sein. Ihre st├Ąndigen Kopfschmerzen waren ein be├Ąngstigendes Zeichen f├╝r intrazerebrale H├Ąmorrhagie.
Und so weiter.
Laura konnte ihrer Meinung nach praktisch alles haben. Zwei Wochen sp├Ąter war jedoch alles wieder vergessen. Mama hatte sie zum Arzt geschleppt, obwohl sich Laura aus Angst vor der Diagnose lange dagegen gestreubt hatte. Doch als dieser Arzt Laura dann mitteilte, sie sei kerngesund, traf es sie wie ein Schlag. Damit hatte sie nicht gerechnet. Doch schlie├člich hatte sie es eingesehen. Ihr ├ärztebuch hatte sie danach nicht mal mehr mit dem Arsch angesehen.

Anne ist da. Wegen Laura mache ich mir keine Sorgen. Ich kenne sie. Vor zwei Wochen hat sie ihren Arm aufgeschnitten. Zwei Wochen sind lang f├╝r Laura. Ich wette, sie hat meinen Penis schon wieder vergessen. Ich warte schon darauf, da├č sie mir ihr n├Ąchstes Problem offenbart. Aber jetzt ist Laura egal, denn Anne ist da. Anne ist sehr h├╝bsch, ich kann stolz darauf sein, sie als Freundin zu haben. Sie sieht so ganz anders aus als Laura. Laura ist auch h├╝bsch. Aber anders. Ich kann auch stolz sein, Laura als Schwester zu haben. Das k├Ânnte ich zumindest, wenn Laura nicht so verr├╝ckt w├Ąre.
Anne ist gro├č, Laura ist klein. Anne ist blond, tr├Ągt ihre Haare gerne offen. Sie reichen ihr nur bis zu den Schultern. Schade. Ich mag lange Haare. Laura hat lange dunkelbraune Locken, die sie immer mit einer Spange b├Ąndigen mu├č, damit sie sie wenigstens einigerma├čen unter Kontrolle halten kann. Anne ist wirklich h├╝bsch, aber was ich an ihr nicht mag, ist, da├č sie ihre sch├Ânen blauen Augen st├Ąndig mit schwarzer Farbe zukleistert und sie so gr├Ą├člich verunstaltet. Sie sollte lieber wie Laura ganz auf Schminke verzichten. Denn Lauras dunklen Augen wirken auch ganz ungeschminkt einfach riesig, untermalt mit den ungetuschten, gigantisch langen Wimpern.
Daf├╝r hat Anne sch├Ân schmale H├╝ften. Das gef├Ąllt mir. Lauras H├╝ften sind etwas breit geraten, aber das macht eigentlich nichts. Das pa├čt zu Laura. Obwohl sie fast so schlank ist wie Anne. Daf├╝r hat Laura Sommersprossen. ├ťberall. Total h├╝bsch. Anne ├╝berschminkt sich ihre wenigen, die sie im Gesicht hat. Irgendwie ist Anne manchmal ganz sch├Ân dumm.
„Was ist los?“ fragt Anne mich pl├Âtzlich und weicht aus meiner Umarmung zur├╝ck. Ja, was ist eigentlich mit mir los? Ich vergleiche meine Freundin mit meiner Schwester. Das kann ich ihr ja wohl schlecht sagen.
„Wieso? Was soll los sein?“ tue ich scheinheilig. Vielleicht meint Anne ja etwas ganz anderes.
„Ich habe das Gef├╝hl, du bist mit den Gedanken ganz woanders.“
Ich f├╝hle mich gefangen. Was soll ich darauf sagen? Ich habe mal gelesen, da├č Frauen einen Mann niemals danach fragen sollen, was sie denken. Eigentlich bl├Âd, aber warum kann Anne sich nicht daran halten? Es klopft an der T├╝r. Gerettet, denke ich. Die T├╝r geht sofort nach dem Klopfen auf und Laura steht da. Na toll. Ich habe nun die Wahl zwischen der Tarantel und der Klapperschlange.
„Jan, ich mu├č mal mit dir sprechen.“ sagt Laura dominant. Ihre Augen sagen etwas anderes. Ich blicke zu Anne. Die wartet noch auf meine Antwort. Ich gehe mit Laura mit und schlie├če die Zimmert├╝r wieder hinter uns. Laura und ich stehen im Flur.
„Warum tust du das?“ fragt sie mich
„Was?“
„Du holst die her!“
„Anne ist meine Freundin.“
„Wo du doch genau wei├čt...!“
Nun bin ich ├╝berrascht. Es geht immer noch darum. Laura beweist eine Ausdauer, die sie bisher noch nie gezeigt hat. Aber mu├č es denn unbedingt bei mir sein?
„Das wird nicht passieren.“ sage ich zu ihr.
„Ich wei├č. Ich kenne meine Zukunft.“ Die Dominanz ist nun aus ihrer Stimme verschwunden.
„Du kennst deine Zukunft?“
„Ja.“ antwortet sie nur. Sie scheint pl├Âtzlich in v├Âllig fremden Sph├Ąren zu schweben.
„Kennst du auch meine?“
„Vielleicht.“
„Und?“
„Es wird besser.“
„Besser... als?“
„Jetzt“

Meine Blase dr├╝ckt. Also bewege ich meinen verschlafen K├Ârper aus meinem Bett und mache mich mi├čgelaunt auf den Weg ins Bad. Ich habe keine Ahnung, wie sp├Ąt es ist, ich habe darauf verzichtet, das Licht anzumachen und auf eine Uhr zu blicken. Ich will meine Augen schonen und verhindert, da├č das grelle Licht mich zu sehr wachr├╝ttelt. Aber ich vermute, da├č es etwa zwei Uhr nachts ist. Ich komme an Lauras Zimmer vorbei, es liegt direkt neben Ger├Ąusche daraus, doch ich k├╝mmere mich nicht weiter darum. Doch nachdem ich meine Blase erleichtert habe komme ich erneut an ihrem Zimmer vorbei, und die Ger├Ąusche sind immer noch zu h├Âren. Diesmal bleibe ich stehen und halte mein Ohr an die T├╝r. Es klingt darin, als h├Ątte Laura Schnupfen. Leise und ohne anzuklopfen ├Âffne ich ihre Zimmert├╝r. Ich will nur sicher gehen, da├č es ihr gut geht. In ihrem Zimmer ist es dunkel. Laura liegt in ihrem Bett und sieht aus, als w├╝rde sie schlafen. Doch ich habe unrecht. Ihre Augen sind offen und sie weint. Leise nur, und heimlich, aber ihr Schniefen verr├Ąt sie. Sie sieht mich an. Ich sehe sie an. Ich wei├č nicht, was ich tun soll.
„Ich will wieder ans Meer.“ fl├╝stert Laura. Ich kann an ihrer Stimmer h├Âren, da├č sie tats├Ąchlich weint. Ihre Stimme klingt verschleimt und ungew├Âhlich tief. So klingt sie immer, wenn sie geweint hat.
„Ich will endlich wieder zur├╝ck ans Meer.“ sagt sie erneut.
Ich schaue mich in ihrem Zimmer um. An zwei ihrer W├Ąnde h├Ąngen Fotos von der Nordsee, die sie selbst gemacht hat. Ich kann mich nicht erinnern, sie jemals an ihrer Wand gesehen zu haben. Aber ich bin auch schon lange nicht mehr in ihrem Zimmer gewesen.
„Bald.“ sage ich zu ihr. Ohne ein weiteres Wort zu sagen la├č ich Laura wieder alleine und kehre in mein warmes Bett zur├╝ck. Doch schlafen kann ich nun nicht mehr.

Vor meiner Zimmert├╝r liegt ein Brief. Ich hebe ihn auf und gehe damit in mein Zimmer. Als ich ihn ├Âffne habe ich schon eine gewisse Ahnung. Er ist tats├Ąchlich von Laura. Es ist ein Liebesbrief. Er ist gespickt mit sch├Ânen Worten und starken Gef├╝hlen. Er ist voller Sehnsucht und wundersch├Ân. Worte wie „Leidenschaft“, „Verlangen“ und „Herzblut“ stehen darin. Doch er ist nicht an mich gerichtet.
„Lieber Philipp“ steht darin. Ich kenne keinen Philipp. Laura mu├č den Brief vor meiner T├╝r verloren haben. Warum sonst sollte ich ihn nun in meinen H├Ąnden halten? Aber woher kennt sie einen Philipp? Wann ist das passiert? Ich bin erleichtert, da├č sie nicht mehr der Meinung ist, in mich verliebt zu sein, aber ich dem Badezimmer. Ich h├Âre seltsame sp├╝re in diesem Moment, da├č sich in mir ein Knoten bildet. Was ist das? Ich denke lieber wieder an Laura. Ich habe nicht mehr mitbekommen, da├č sie sich schneidet. Entweder sie macht alles selbst sauber und verbindet die Wunden selbst, oder sie tut es einfach nicht mehr. Wahrscheinlich eher das Letztere. Das w├╝rde auch diesen Philipp erkl├Ąren. Laura redet nicht mehr viel mit mir. Das wundert mich schon etwas, doch ich vermute einfach, da├č sie beleidigt ist, weil ich nicht auf ihr Problem eingegangen bin. Das habe ich sonst immer getan. Mama und ich haben immer versucht, Laura davon zu ├╝berzeugen, da├č alles gut ist, da├č sie nur ├╝bertreibt oder sich etwas einredet. Im Notfall ├╝berzeugen wir sie einfach vom Gegenteil. Aber erst gehen wir immer auf sie ein. Wir wollen nicht riskieren, da├č es mal etwas Reales ist und wir es einfach ├╝bersehen. Doch was hatte ich in diesem Fall tun sollen? Ihr meinen Penis geben?
Wohl kaum.
Also ignoriere ich sie. Und nun ignoriert sie mich. Mir doch egal. Aber wer ist Philipp? Ich sp├╝re den Knoten immer noch. Er wird gr├Â├čer. Bei dem Namen Philipp wird er gr├Â├čer. Das gleiche Gef├╝hl habe ich auch, wenn Anne von ihrem Ex-Freund erz├Ąhlt. Ist es etwa Eifersucht? Nein, es ist sicher keine Eifersucht, denke ich. Trotzdem lasse ich den Brief in eine meiner Schubladen verschwinden. Wenn sie so bl├Âd ist, ihn vor meiner Zimmert├╝r zu verlieren, dann mu├č sie halt einen Neuen schreiben.
An Philipp.

Mama, Laura und ich fahren in Urlaub. Nordsee. Wie jedes Jahr im Sommer seit Papa weg ist. Mama hat damals gemeint, man m├╝sse sich auch mal etwas g├Ânnen, wenn einem schon der Kerl wegrennt, und kaufte ein kleines Ferienh├Ąuschen an der Nordsee. Es steht ganz nah am Meer. Ich kann von meinem Zimmer aus das Wasser sehen. Ich sehe es mir gerne an. Genau wie jetzt. Laura steht am Strand, ich kann sie von hier aus erkennen. Schon seit einer Stunde steht sie dort am Strand und blickt auf das Meer hinaus. Es ist ein kalter und verregneter Sommer. Mal wieder. Ich ziehe mir meine Jacke ├╝ber, als ich mich auf den Weg zu Laura an den Strand mache. Als ich bei ihr ankomme steht sie noch immer da, unbeweglich wie eine Schaufensterpuppe. Ihre Haare sind so zerzaust von dem starken Wind, der am Wasser herrscht, da├č sie mir jetzt schon leid tut, wenn sie sp├Ąter versuchen wird, sie zu k├Ąmmen.
Laura hat mich noch nicht bemerkt. Sie erinnert mich an den Tag im Badezimmer, da hat sie auch so abwesend gewirkt. Das ist jetzt fast zwei Monate her. Ich frage mich, was sie wohl diesmal hat, und ob es mich ├╝berraschen wird.
„Laura.“ sage ich. Ich mu├č es fast schreien, das Rauschen des Meeres und der kreischende Wind sind lauter als ich gedacht hatte. Sie versuchen, meine Stimme zu verschlucken. Es gelingt ihnen nicht. Laura schaut mich wieder erschrocken an. Genau wie im Bad, als w├Ąre sie erst jetzt wieder zur├╝ck in ihren K├Ârper geschl├╝pft und vorher wie eine M├Âwe ├╝ber das Wasser geflogen.
„Jan.“ sagt sie. Diesmal ist es vertrauter und es erleichtert mich.
„Was siehst du?“ frage ich sie und deute auf das Wasser.
„Ich sehe das Leben.“
Ich verstehe nicht, was sie meint. Ich blicke nun auch auf das Wasser. Gro├če Wellen kommen auf uns zu. Sie werden immer kleiner und die letzten Spuren des salzigen Na├č enden ersch├Âpft kurz vor unseren F├╝├čen. Aber das Leben sehe ich nicht.
„Wie meinst du das?“ frage ich sie.
„Das ist das Leben. Von jedem. Von mir, von dir, von Mama. Das ist das Leben.“
Ich sch├╝ttele den Kopf, doch Laura sieht es nicht. Sie hat schon l├Ąngst wieder ihren Blick dem Meer zugewendet. Nach einer Pause, als wolle sie ihre Gedanken sammeln, spricht sie weiter.
„Das Meer ist wie das Leben. Wenn du davor stehst und in den Horizont blickst, dann denkst du, es ist unendlich. Doch das ist es nicht. Und auf deinem Weg zum anderen Ufer wirst du mitgerissen von Ebbe und Flut, von gro├čen und kleinen Wellen. Du kannst absolut nichts dagegen tun, denn du bist nur ein kleiner Tropfen. Ein winziger Tropfen in diesen gigantischen Mengen von Tropfen, die zusammen das Meer bilden. Dein einziges Ziel ist es, in diesen Massen von Tropfen nicht unterzugehen. Du darfst es nicht zulassen, dich in die Tief hinunter rei├čen zu lassen. Und so sehr du es auch versuchst, manchmal passiert es doch.“
Ich bewundere Laura. Sie macht sich ├╝ber so viele Dinge Gedanken. Ich w├╝nsche mir, ich w├╝rde es auch manchmal tun. Laura wendet ihren Blick vom Wasser ab und sieht mich an. Aber diesen Blick kenne ich von ihr noch nicht.
„Tut mir leid wegen der Sache im Bad. Und danach.“ sagt sie. „Ich war so dumm.“
Ist schon gut, denke ich. Aber wieso denke ich das? Sie hat es diesmal wahrlich ├╝bertrieben, da ist eine Entschuldigung auch angemessen. Doch statt etwas zu sagen nicke ich. Dann frage ich sie: „Wer ist Philipp?“
Sie lacht ein wenig, doch ihre Augen tun das nicht.
„Philipp.“ sagt sie erst nur. Und dann: „Tut mir leid mit dem Brief. Ich h├Ątte ihn nicht schreiben sollen. Ich war so dumm.“
Warum ist sie nicht ├╝berrascht, frage ich mich. Hatte sie den Brief etwa bewu├čt vor meine Zimmert├╝r gelegt? Vielleicht sogar, um mich Eifers├╝chtig zu machen? Zum Gl├╝ck ist ihr das nicht gelungen, denke ich.
Laura redet weiter. „Wei├čt du, ich habe den Namen nur benutzt, weil ich es nicht ertragen konnte, den richtigen zu verwenden. Ich wei├č, das ist albern. Aber so bin ich halt. Es gibt keinen Philipp. Der Brief war f├╝r dich.“
Ich bin etwas durcheinander. „Aber jetzt ist es vorbei?“ frage ich sie.
„Ja,“ sagt Laura, „es ist vorbei.“
Ich sp├╝re, da├č sie die Wahrheit sagt. Doch Erleichterung sp├╝re ich nicht. Ich starre nun wie sie auf das Wasser. Es f├Ąngt an zu regnen, und erst jetzt bemerke ich, da├č es dunkel geworden ist. Wie kleine Neonlichter tanzen die dicken Regentropfen im Schein des Mondes auf der nassen Oberfl├Ąche. Doch die Sch├Ânheit in diesem Spiel der Tropfen erkenne ich nicht. Es sind f├╝r mich nur dicke Tr├Ąnen.
Bl├Âdsinn, sag ich mir. Ich bin froh, da├č meine Schwester nicht mehr auf mich scharf ist. Das ist doch die einzig logische Reaktion.
„Siehst du.“ sage ich zu ihr. „Hab ich doch gewu├čt, da├č das wieder vergeht.“
Laura nickt langsam. „Ja.“ sagt sie kaum h├Ârbar, dann noch etwas lauter hinterher:
„Du hattest mal wieder recht, kleiner Bruder.“
Ich hasse es, wenn sie das sagt. Dieses eine Jahr. Aber sie tut es immer wieder.
Mir ist kalt. Ich bin klatschna├č, Laura auch.
„Ich gehe jetzt wieder rein.“ rufe ich ihr zu. „Kommst du mit?“
Laura sch├╝ttelt den Kopf. „Geh schon vor, ich komme gleich nach.“
Ich laufe zur├╝ck zum Haus. Laura ruft mir noch etwas hinterher, es klingt wie:
„Alles ist gut.“ und „Ich liebe dich, Jan.“
Ich drehe mich nicht zu ihr um. Der Regen ist zu kalt. Ich will nicht, da├č er mir ins Gesicht peitscht. Ich will blo├č so schnell wie m├Âglich zur├╝ck ins Haus.
Dort warte ich auf sie. Ich setze mich zu Mama an den Kamin. Ich sitze ganz nah davor und sp├╝re die Hitze der Flammen auf meinem Gesicht. Meine Haut beginnt, davon zu spannen. Aber es f├╝hlt sich gut an. Mama lie├čt ein Buch. So eines von Joy Fielding. Darin geht es immer um starke Frauen, glaube ich. Laura ist keine starke Frau. Ich h├Ątte jetzt auch gerne ein Buch, aber keines von Joy Fielding. Ich habe schon seit Jahren kein Buch mehr freiwillig in die Hand genommen. Statt dessen nehme ich mir vor, Laura meinen Penis zu geben, wenn sie noch einmal danach fragt. Sie hat es verdient. Und warum eigentlich auch nicht? Was ist schon so schlimm daran? Ich fange an mir zu w├╝nschen, da├č sie es sich wieder anders ├╝berlegt.
Doch Laura kommt nicht zur├╝ck.
Jetzt wei├č ich es. Sie hat gelogen. Ich hatte nicht recht. Aber vorbei ist es tats├Ąchlich. Die ganze Nacht frage ich mich, ob Laura untergegangen ist oder ob sie das andere Ufer erreicht hat. Ich w├╝nsche mir f├╝r sie, da├č sie nicht untergegangen ist.
Am n├Ąchsten Tag wird ihr K├Ârper angesp├╝lt. Ich weine und knie mich neben sie als wir sie finden. Jetzt sieht sie nicht mehr h├╝bsch aus. Ihre Lippen sind ganz blau. Ihr linker Unterarm liegt frei. Er ist ganz dick und verquollen. Aber die tiefen, d├╝nnen Schnitte kann ich noch erkennen. Zugef├╝gt mit einer Rasierklinge. Etwa zwei Dutzend davon.
L├╝gnerin.
Ihre Augen sind geschlossen. Schade, denke ich. Ich mag ihre Augen so gerne. Jetzt sehe ich sie nie wieder. Ich fl├╝stere ihr ins Ohr, da├č ich sie liebe. Dann gehe ich zur├╝ck ins Haus, setze mich an das Fenster zum Wasser und schreibe mit meinem Finger auf die beschlagene Scheibe: LAURA KENNT DIE ZUKUNFT

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo wiccasaint...

... welch kurioser Avatar. Hat er eine Bedeutung?

Also, ich hab mal die Geschichte gelesen. Das Thema ist brisant und fordert auf zu Lesen. Und ich las. Dann stimme ich auch zu ├╝ber die Verletzungen. Ja, so machen es leider viele, die tiefe seelische Probleme haben.

Also der Inhalt ist recht ansprechend und Dein Schreibstil nicht ├╝bel, so weit ich das beurteilen darf.
Was mir nicht so gefallen hat: Das brisante Thema verliert sich etwas in der Gesamtl├Ąnge. Was nicht hei├čen soll, dass Du k├╝rzen musst. Nein! Aber gerade wegen dem brisanten Thema, k├Ânnte der Spannungsbogen mehr forciert werden, um die Dramatik des Ganzen zu erh├Âhen. W├Ąre doch auch sinnvoll wegen dem starken Ende.

So etwa in der Mitte war ich auch ein bisschen verwirrt im Text.

Ich hoffe Du verstehst, was ich meine? Deine Story ist gut. Nur in der Mitte dehnt sich der Stoff zu sehr.

Vielleicht kannste ja was anfangen mit meinen ├ťberlegungen.

Sch├Âne Gr├╝├če von
Socke

Bearbeiten/Löschen    


wiccasaint
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Feb 2003

Werke: 2
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Hey Rote Socke,
danke f├╝r Deinen Kommentar. Ich finde es immer sehr hilfreich, mal von femden Leuten zu h├Âren, was sie von meinen Geschichten halten. Also noch mal danke! Ich habe dieses Thema gew├Ąhlt, weil ich gerne ├╝ber Dinge schreibe, die ich selbst gerne lesen w├╝rde, was nicht hei├čt, da├č es mich selbst betrifft. Also keine Sorge. Wegen der gedehten L├Ąnge in der Mitte werde ich mir mal Gedanken machen, vielleicht gewinnt die Geschichte ja tats├Ąchlich etwas an Intensit├Ąt dadurch.
Liebe Gr├╝├če, wiccasaint

Bearbeiten/Löschen    


GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
Kommentare: 1405
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um GabiSils eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo wiccasaint,

ich habe den Text nach Erz├Ąhlungen verschoben. Sehr sch├Ân, wie du mit dem heiklen Thema umgehst!

Gru├č,
Gabi

Bearbeiten/Löschen    


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!