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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Lebenslang
Eingestellt am 18. 06. 2004 03:31


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vicell
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Nebel, ├╝berall wohin ich schaue, ist Nebel. Manchmal finde ich den Herbst einfach unertr├Ąglich. Dieser gottverdammte Nebel zum Beispiel.
Er setzt sich ├╝berall fest und verschwindet nicht. Manchmal sehe ich ihn drau├čen durch mein kleines Fenster im dritten Stock einfach tagelang um mich herumschleichen. Dann verschwindet er abrupt und taucht unversehens wieder auf. Und an manchen Tagen, da sehe ich die Sonne kaum. Eigenartig.

Der Telefonh├Ârer h├Ąngt immer noch in meiner Hand. Langsam stehe ich auf und r├Ąume das Telefon an seinen Platz, und merke, wie die grinsenden Fratzen in mir immer noch unvermindert ihre schamlosen Spiele treiben.
Ich sitze auf meinem Bett, rauche, und starre in die Dunkelheit.
Was hatte sie gesagt?
Ich ├╝berlege angestrengt.
Zu Beginn gibt es immer die Hoffnung, sagte sie mir.
Welche Hoffnung? Ich baumele mit den F├╝├čen und genie├če die Schw├Ąrze, die mich beruhigend einh├╝llt und mir haltlose Versprechungen macht.
Hoffnung, dass es dieses Mal nicht so schlimm werden wird wie das letzte Mal?
Aber was tun, wenn der selbe gottverdammte Wind um die dieselben grauen H├Ąuser streicht, wenn der Nebel mich f├Ârmlich erdr├╝ckt, sich in mir bewegt, und niemand mir sagen kann, warum er das tut?
Derselbe eint├Ânige erbarmungslose Wind, er saugt mir alles Leben aus den Knochen, zieht die W├Ąrme aus mir und verl├Ąsst mich zitterndes B├╝ndel schlie├člich hohnlachend.

Ich halte es nicht mehr aus. W├╝tend stehe ich auf, ziehe meinen Mantel an, st├╝lpe meine M├╝tze ├╝ber und kontrolliere sorgf├Ąltig meinen letzten Zigarettenbestand.
Und wundere mich lediglich m├╝de, dass sogar noch welche vorhanden sind. Na bravo, gratuliere ich mir stillschweigend, w├Ąhrend ich die dunkle Treppe hinuntertappe, zu tr├Ąge, um Licht zu machen.
Ich entschlie├če mich zu einem kleinen Spaziergang. Einfach so.
Ich ziehe die Schultern ein und stemme mich nach drau├čen ins Freie.
Ohne gro├č zu ├╝berlegen, laufe ich los, biege um die dunkle Ecke und verschwinde ins Nirgendwo. Irgendwann muss ich ja mal die Gegend, in der mein Bruder und ich erst knapp zwei Wochen leben, kennenlernen.

Eine gro├če Gestalt kommt aus dem Dunkeln im schnellen Tempo auf mich zu. Ich halte meinen nun wachen Blick unentwegt auf sie/ ihn? gerichtet und registriere dumpf die hallenden Schritte, die an mir vorbeihasten.
Eindeutig keine Frauenschritte, stelle ich fest, drehe mich aber nicht zu der weiterhastenden Gestalt um, sondern setze langsam meinen Weg fort.

Wieso lausche ich eigentlich auf andere Schritte? Auf was warte ich eigentlich?
Was hatte sie gesagt. Ah ja, jetzt erinnere ich mich. Irgendwas mit Tellern. Sie hatte Teller f├╝r mich gekauft, achtzehn St├╝ck an der Zahl, wei├č sollen sie sein, mit blauem Rand. Sehr h├╝bsch ├╝brigens. Ich mag Blau. ├ťberhaupt liebe ich kr├Ąftige Farben. Aber das brauche ich ihr nicht zu sagen. Es ist schon seltsam, eine solche Freundschaft, ├╝berlege ich beim Laufen. Oft stelle ich mir die Frage, ob ich diese Freundschaft ├╝berhaupt verdiene. Wenn ich ehrlich mit mir bin, etwas, was ich ├╝brigens hasse, dann dr├Ąngt sich mir die Gewissheit auf, diese einzigartige und unverbr├╝chliche Freundschaft nicht verdient zu haben.
Ich bin unsicher, lenke meine Schritte in die kleine Nebenstrasse, die unvermutet vor mir auftaucht und lasse meine Gedanken spielen.
Ich glaube weder an Schicksal, noch an vorherbestimmte Sachen, jedoch glaube ich fest an den Zufall und an mein Leben mit ihm. Und an meine Liebe zu ihr.

Unser erster Abend kommt mir in den Sinn. Rainer, ein Freund von mir, und ich wollten ins Kino. Ich wartete auf ihn, war einige Minuten vor ihm da gewesen und freute mich sehr auf unseren Abend.
Schlie├člich tauchte seine lange Gestalt auf, dr├╝ckte mich und er├Âffnete mir gleichzeitig, dass er noch eine Freundin eingeladen h├Ątte. Ob ich etwas dagegen h├Ątte, fragte er mich etwas sch├╝chtern. Ich blinzelte ihn erstaunt an, ├╝berlegte und verneinte schlie├člich.
Wir warteten also gemeinsam auf seine Freundin und endlich kam sie herbeigeeilt.
Eine fr├Âhlich vibrierende Stimme hatte sie, und ihre ansteckende Herzlichkeit eroberte mein Herz im Sturm.

Es war ein sehr langer und intensiver Abend. Nach dem Film sa├čen wir noch zu dritt stundenlang im Caf├ę und schwatzten ├╝ber Gott und die Welt. Und die Welt erschien uns so vertraut klein an diesem unvergesslichen Abend.
Wenn sie lachte, dann vibrierte ihr ganzer K├Ârper vor Lebensfreude und ihre explodierende Ausgelassenheit schwemmte alles Tr├╝bsal weg.
Ich konnte nicht anders, ich bewunderte sie und lie├č sie den ganzen Abend kaum aus den Augen. Ihre sorgf├Ąltig gezupften Brauen, die kleine wohlgeformte Nase, ihre rehbraunen Augen, die im d├Ąmmrigen Licht funkelten, und ihr ├╝ppiges lockiges dunkles Haar formten ein harmonisches Ganzes, welches mir gutgelaunt entgegenstrahlte. Ich war gl├╝cklich.

Ich habe meine Schritte angehalten und starre in das Dunkle. Kurz ├╝berlege ich, ob ich jetzt nicht einfach nach Hause gehen sollte, mein Bruder wartet auf mich, schie├čt es mir durch den Kopf, aber ich laufe weiter. Immer weiter und weiter, solange, bis das Grau des Nebels den Moment ertr├Ąnkt, indem ich mich befinde.

Ihre verzweifelte Stimme vorhin am Telefon. Ich war unf├Ąhig gewesen zu sprechen angesichts dieser Wut in der Stimme. Ich habe sie doch nicht gewollt, diese Wut. Gehasst und vor allem nicht verstanden habe ich sie, diese Erbitterung und Verzweiflung.

Es war so ein sch├Âner Abend damals, ├╝berlege ich fl├╝chtig. Eine fantastische Freundschaft, die diesem Abend folgte. Sie war einfach da, eigentlich unglaublich. Es brauchte nur dieser kleine winzige Augenblick, indem Rainer uns beide
vorstellte, und mein Leben schlug eine andere Richtung ein.

Zwei kleine unsichere Menschen, st├Ąndig auf der Suche nach Gr├Â├čeren und unvorstellbaren Dingen wie die Liebe, hatten sich gefunden und bildeten ein unschlagbares Ganzes.
Ich denke heute, dass mich das letzte Jahr, seit ich sie kenne, mehr ge├Ąndert hat, als die Jahre zuvor. Sicher, da waren noch viele andere Dinge, die mir eine Richtung gaben, andere Menschen und Freunde, aber sie hatten ihr sicheres Leben und Einkommen, und f├╝hrten ein v├Âllig anderes Leben, als ich es tat.
Sie und ich allerdings haben soviel gemeinsam, dass es beinahe schmerzt. Und f├╝r diesen Schmerz liebe ich sie.
Dabei sind wir so unterschiedlich, denke ich m├╝de, als ich meine Schritte langsam auf die andere Seite lenke. Es ist so eigenartig hell, als ich die Stra├če ├╝berqueren will. Ich bleibe stehen und blinzele unentschlossen ins Licht.
ÔÇ×Carol?ÔÇť
Ich bemerke die zwei Lichter in ihren Augen, die mich anlachen und mir ihre Liebe f├Ârmlich entgegen schreien.

Ich werde von dem Kreischen des heranrasenden Autos emporgehoben und falle wie ein m├╝des Herbstblatt, welches eigentlich erst nach seinem Fall in voller Sch├Ânheit leuchtet und von den Fu├čg├Ąngern achtlos beiseite getreten wird, sanft zu Boden.
Noch einmal will ich Carols Namen rufen, aber ich schaffe es nicht. So m├╝de kann nur ein Toter sein, denke ich langsam und grinse ├╝ber diesen Schwachsinn, der durch mein unfallgesch├Ądigtes Hirn tobt.
ÔÇ×Ist alles in Ordnung mit Ihnen?ÔÇť, dringt eine erschrockene m├Ąnnliche Stimme an mein Ohr.
Was ist hier los? Ich will mich umdrehen, zu dieser Stimme, aber ich kann mich nicht bewegen. Ich sp├╝re nichts und versinke in mein geliebtes Nebelgrau, das mir nun endlich sein Geheimnis verr├Ąt: Fluss und Bewegung, das Streicheln des Windes, er hat mich in sein nebliges Innerstes eingeschlossen. Ich l├Ąchele ├╝ber soviel Naivit├Ąt, lasse mich aber von fremden H├Ąnden, die den unruhigen Nebel in mir erbarmungslos beiseite wischen, hochheben.
Mein Gott, wie vertraut erscheint mir das alles, fl├╝stere ich unh├Ârbar dem verst├Ąndnisvollen Nebel in mir zu, der nicht von meiner Seite weichen will.
Ein Gesicht beugt sich ├╝ber mich und atmet mich an.
ÔÇ×K├Ânnen Sie mich h├Âren?ÔÇť, laut und fremd ist es, und voller Leben.
Ich will auch leben, denke ich langsam und qualvoll und habe die Frage und das Gesicht schon wieder vergessen.
Das entsetzte Gesicht ├╝ber mir verschwindet schnell und ich h├Âre die Stille in mir, die gierig mein Restleben aufsaugt. Das widerliche Schmatzen bringt mich fast um meinen Verstand.
ÔÇ×Mein Gott, beeilen Sie sich, die Kleine schafft es sonst nicht mehr...ÔÇť
Verdammt, von wem reden die? Ich ├╝berlege, kann aber meine Gedanken nicht mehr ordnen.

Carol steht vor mir, morgendlich frisch, nur die Ersch├Âpfung in ihren weichen Augen ist sichtbar. Aber sie hatte ihr Haar geb├╝rstet und steht sehr aufrecht da, wieder ganz sie selbst, so als wenn dieses grauenvolle Telefonat nie gewesen w├Ąre. In der strahlenden Luft um sie herum ist sie das Sch├Ânste, was ich je gesehen habe.
Ihr leises L├Ącheln dringt zu mir und streichelt mich, streicht den letzten Schmerz von mir und wieder f├╝hle ich mich so gl├╝cklich, leicht und unbeschwert wie an unserem ersten Abend vor so langer Zeit...Ich sehe Carol, wie sie dasteht, so v├Âllig selbstverst├Ąndlich und gelassen, aufgeregt und nerv├Âs, aber vor Liebe ├╝berstr├Âmend. Als w├╝chse sie aus dem Boden, geschichtslos, nur der Erde zugeh├Ârig, wie die riesigen B├Ąume an der Stra├če hinter mir, die auftauchen, mich streifen und rasend schnell wieder verschwinden, dem weinendem Krankenwagen stumm Platz machend. Es scheint mir, als weine die ganze Stadt.

Ich sehe immer noch unverwandt Carol und atme tief ihre Gegenwart ein. Als sie mich zum Abschied vorsichtig an sich zieht, sp├╝re ich den vertrauten Duft von wilden Kirschen in ihrem Haar.

Ich schlie├če gl├╝cklich die Augen und lasse mich auf einer Trage herausheben.
Still und seelenlos baumelt mein ersch├Âpfter K├Ârper zwischen den dahineilenden M├Ąnnern und betrachtet den Nebel, der ihm erbarmungslos seinen pl├Âtzlichen unerkl├Ąrlichen Drang zu leben ausreden will.

Die M├Ąnner verschwinden leise und einer von ihnen ber├╝hrt mich wie zum Abschied leicht an der Schulter. Ich will den Gru├č erwidern, aber ehe ich zu Ende denken kann, sind sie weg.

ÔÇ×Lasst mich bitte leben...ÔÇť, fl├╝stere ich leise vor mich.
Aber niemand h├Ârt mich, sie sind unerreichbar f├╝r mich geworden.

Der Nebel in mir triumphiert und umschlingt mich besitz ergreifend. Sein mitleidloses Grau umfasst mich mit einer weichen H├Ąrte und zieht mich unentwegt in seine Arme.

Ich richte mich, unsichtbar f├╝r die anderen geworden, auf und erblicke Carol, die immer noch mit ihrem schwarzen Mantel und dem Kirschduft im Haar dasteht und mich vorsichtig anl├Ąchelt.
Ich l├Ąchle zur├╝ck und sp├╝re den Schmerz unserer Liebe.

Langsam stehe ich auf und gehe auf sie zu.

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flammarion
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Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

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hu,

ganz sch├Ân gruselig.
lg
__________________
Old Icke

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Zinndorfer
???
Registriert: Jun 2004

Werke: 6
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Hallo Vicellomania, eine interessante Story. Ich denke, die Figur des Rainer solltest du nicht komplett untergehen lassen, nachdem du ihn erst mal eingef├╝hrt hast, und dann meine ich, es w├Ąre DANN DOCH ein bisschen viel Nebel im Text. Aber dieses Forum hier ist ja ganz begeistert von Wortwiederholungen, sodass du es ebensogut lassen kannst. ;-)
Gru├č Zinndorfer



Nebel, ├╝berall wohin ich schaue, ist Nebel. Manchmal finde ich den Herbst einfach unertr├Ąglich. Dieser gottverdammte Nebel zum Beispiel.
Er setzt sich ├╝berall fest und verschwindet nicht. Manchmal sehe ich ihn drau├čen durch mein kleines Fenster im dritten Stock einfach tagelang um mich herumschleichen. Dann verschwindet er einfach und taucht unversehens wieder auf. Und an manchen Tagen sehe ich die Sonne kaum. Eigenartig.
Der Telefonh├Ârer h├Ąngt immer noch in meiner Hand. Langsam stehe ich auf und r├Ąume das Telefon an seinen Platz, bin mir der Tatsache bewusst, dass die grinsende Fratzen in mir immer noch unvermindert ihre schamlosen Spiele treiben.
Ich sitze auf meinem Bett, rauche, und starre in die Dunkelheit.
Was hatte sie gesagt?
Ich ├╝berlege angestrengt.
Zu Beginn gibt es immer die Hoffnung, sagte sie mir.
Welche Hoffnung? Ich baumele mit den F├╝├čen und genie├če die Schw├Ąrze, die mich beruhigend einh├╝llt und mir haltlose Versprechungen macht.
Hoffnung, dass es dieses Mal nicht so schlimm werden wird wie das letzte Mal?
Aber was tun, wenn der selbe gottverdammte Wind um die dieselben grauen H├Ąuser streicht, wenn der Nebel mich f├Ârmlich erdr├╝ckt, sich in mir bewegt, und niemand mir sagen kann, warum er das tut?
Derselbe eint├Ânige erbarmungslose Wind, er saugt mir alles Leben aus den Knochen, zieht die W├Ąrme aus mir und verl├Ąsst mich zitterndes B├╝ndel schlie├člich hohnlachend.

Ich halte es nicht mehr aus. W├╝tend stehe ich auf, ziehe meinen Mantel an, st├╝lpe meine geliebte in dem Zusammenhang schnurz M├╝tze ├╝ber und kontrolliere sorgf├Ąltig meinen letzten Zigarettenbestand.
Und wundere mich lediglich m├╝de, dass sogar noch welche vorhanden sind. Na bravo, gratuliere ich mir stillschweigend, w├Ąhrend ich die dunkle Treppe hinuntertappe, zu tr├Ąge, um Licht zu machen.
Ich entschlie├če mich zu einem kleinen Spaziergang. Einfach so.
Ich ziehe die Schultern ein und stemme mich nach drau├čen ins Freie.
Ohne gro├č zu ├╝berlegen, laufe ich los, biege um die dunkle Ecke und verschwinde ins Nirgendwo. Irgendwann muss ich ja mal die Gegend kennen lernen, in der mein Bruder und ich erst knapp zwei Wochen leben. kennen lernen.

Eine dunkle Gestalt kommt schnell auf mich zu. Ich halte meinen nun wachen Blick unentwegt auf sie/ ihn? gerichtet und registriere dumpf die hallenden Schritte, die an mir vorbeihasten.
Eindeutig keine Frauenschritte, stelle ich fest, drehe mich aber nicht zu der nun davoneilenden Gestalt um, sondern setze langsam meinen Weg fort.

Wieso lausche ich eigentlich auf andere Schritte? Auf was warte ich eigentlich?
Was hatte sie gesagt. Ah ja, jetzt erinnere ich mich. Irgendwas mit Tellern. Sie hatte Teller f├╝r mich gekauft, achtzehn St├╝ck an der Zahl, wei├č sollen sie sein, mit blauem Rand. Sehr h├╝bsch ├╝brigens. Ich mag Blau. ├ťberhaupt liebe ich kr├Ąftige Farben. Aber das brauche ich ihr nicht zu sagen. Es ist schon seltsam, eine solche Freundschaft, ├╝berlege ich beim Laufen. Oft stelle ich mir die Frage, ob ich diese Freundschaft ├╝berhaupt verdiene. Wenn ich ehrlich mit mir bin, etwas, was ich ├╝brigens hasse, dann dr├Ąngt sich mir die Gewissheit auf, diese einzigartige und unverbr├╝chliche Freundschaft nicht verdient zu haben.
Ich bin unsicher, lenke meine Schritte in die kleine Nebenstrasse, die unvermutet vor mich auftaucht und lasse meine Gedanken spielen.
Ich glaube weder an Schicksal, noch an vorherbestimmte Sachen, jedoch glaube ich fest an den Zufall und an mein Leben mit ihm. Und an meine Liebe zu ihr.

Unser erster Abend kommt mir in den Sinn. Rainer und ich wollten ins Kino. Ich wartete auf ihn, war einige Minuten vor ihm da gewesen und freute mich sehr auf unseren Abend.
Schlie├člich tauchte seine lange Gestalt auf, dr├╝ckte mich und er├Âffnete mir gleichzeitig, dass er noch eine Freundin eingeladen h├Ątte. Ob ich etwas dagegen h├Ątte, fragte er mich etwas sch├╝chtern. Ich blinzelte ihn erstaunt an, ├╝berlegte und verneinte schlie├člich seine Frage.
Wir warteten also gemeinsam auf seine Freundin und endlich kam sie herbeigeeilt.
Eine fr├Âhlich vibrierende Stimme hatte sie, und ihre ansteckende Herzlichkeit eroberte mein Herz im Sturm.

Es war ein sehr langer und intensiver Abend. Nach dem Film sa├čen wir noch zu dritt stundenlang im Caf├ę und schwatzten ├╝ber Gott und die Welt. Und die Welt erschien uns so vertraut klein an diesem unvergesslichen Abend.
Wenn sie lachte, dann war es alles, was sie tat.??? Ihr ganzer K├Ârper vibrierte und ihre explodierende Ausgelassenheit schwemmte alle Tr├╝bsal weg.
Ich konnte nicht anders, ich bewunderte sie und lie├č sie den ganzen Abend kaum aus den Augen. Ihre sorgf├Ąltig gezupften Brauen, die kleine wohlgeformte Nase, ihre rehbraunen Augen, die im d├Ąmmrigen Licht funkelten, und ihr ├╝ppiges lockiges dunkles Haar formten ein harmonisches Ganzes, das mir gutgelaunt entgegenjauchzte. Ich war gl├╝cklich.

Ich habe meine Schritte angehalten und starre in das Dunkle. Kurz ├╝berlege ich, ob ich jetzt nicht einfach nach Hause gehen sollte, mein Bruder wartet auf mich, schie├čt es mir durch den Kopf, aber ich laufe weiter. Immer weiter und weiter, solange, bis das Grau des Nebels den Moment ertr├Ąnkt, indem ich mich befinde.

Ihre verzweifelte Stimme vorhin am Telefon. Ich war unf├Ąhig gewesen zu sprechen angesichts dieser Wut in der Stimme. Ich habe sie doch nicht gewollt, diese Wut. Gehasst und vor allem nicht verstanden habe ich sie, diese Erbitterung und Verzweiflung.

Es war so ein sch├Âner Abend damals, ├╝berlege ich fl├╝chtig. Eine fantastische Freundschaft, die diesem Abend folgte. Sie war einfach da, eigentlich unglaublich. Es brauchte nur dieser kleine winzige Augenblick, indem Rainer uns beide vorstellte, und mein Leben schlug eine andere Richtung ein war schon . Zwei kleine unsichere Menschen, st├Ąndig auf der Suche nach Gr├Â├čeren und unvorstellbaren Dingen wie die Liebe, hatten sich gefunden und bildeten ein unschlagbares Ganzes.
Ich denke heute, dass mich das letzte Jahr, seit ich sie kenne, mehr ge├Ąndert hat, als die Jahre zuvor war schon . Sicher, da waren noch viele andere Dinge, die mir eine Richtung gaben, andere Menschen und Freunde, aber sie hatten ihr sicheres Leben und Einkommen, und f├╝hrten ein v├Âllig anderes Leben, als ich es tat.
Sie und ich allerdings haben soviel gemeinsam, dass es beinahe schmerzt. Und f├╝r diesen Schmerz liebe ich sie.
Dabei sind wir so unterschiedlich, denke ich m├╝de, als ich meine Schritte langsam auf die andere Stra├čenseite lenke. Es ist so eigenartig hell, als ich die Stra├če ├╝berqueren will. Ich bleibe stehen und blinzele unentschlossen ins Licht.
ÔÇ×Carol?ÔÇť ich bemerke die zwei Lichter in ihren Augen, die mich anlachen und mir ihre Liebe entgegen schreien.
Ich werde von dem Kreischen des heranrasenden Autos emporgehoben und falle wie ein totes Herbstblatt, das eigentlich erst nach seinem Fall in voller Sch├Ânheit leuchtet und von den Fu├čg├Ąngern achtlos beiseite getreten wird, sanft zu Boden.
Noch einmal will ich Carols Namen rufen, aber ich schaffe es nicht. So m├╝de kann nur ein Toter sein, denke ich schwach und grinse ├╝ber diesen Schwachsinn, der durch mein Unfallgesch├Ądigtes Hirn tobt.
ÔÇ×Ist alles in Ordnung mit Ihnen?ÔÇť dringt eine erschrockene m├Ąnnliche Stimme an mein Ohr.
Was ist hier los? Ich will mich umdrehen, zu dieser Stimme, aber ich kann mich nicht bewegen. Ich sp├╝re nichts und versinke in mein geliebtes Nebelgrau, der mir nun endlich sein Geheimnis verr├Ąt: Fluss und Bewegung, das Streicheln des Windes, er hat mich in sein nebliges Innerstes eingeschlossen. Ich l├Ąchele ├╝ber soviel Naivit├Ąt, lasse mich aber von fremden H├Ąnden, die den fl├╝sternden Nebel in mir erbarmungslos beiseite wischen, hochheben.
Mein Gott, wie vertraut erscheint mir das alles, fl├╝stere ich unh├Ârbar dem verst├Ąndnisvollen Nebel in mir zu, der nicht von meiner Seite weichen will.
Ein Gesicht beugt sich ├╝ber mich und atmet mich an.
ÔÇ×K├Ânnen Sie mich h├Âren?ÔÇť, laut und fremd ist es, dieses Gesicht, so voller Leben.
Ich will auch leben, denke ich langsam und qualvoll und habe die Frage und das Gesicht schon wieder vergessen.
Das entsetzte Gesicht ├╝ber mir verschwindet schnell und ich h├Âre die Stille in mir, die gierig mein Restleben aufsaugt. Das widerliche Schmatzen macht mich noch ganz verr├╝ckt.
ÔÇ×Mein Gott, beeilen Sie sich, die Kleine schafft es sonst nicht mehr...ÔÇť
Verdammt, von wem reden die? Ich ├╝berlege, kann aber meine Gedanken nicht mehr ordnen.
Carol steht vor mir, morgendlich frisch, nur die Ersch├Âpfung in ihren weichen Augen ist sichtbar. Aber sie hatte ihr Haar geb├╝rstet und steht sehr aufrecht da, wieder ganz sie selbst, so als wenn dieses grauenvolle Telefonat nie gewesen w├Ąre. In der strahlenden Luft um sie herum ist sie das Sch├Ânste, was ich je gesehen habe.
ÔÇ×LiebesÔÇť, ihr leises Fl├╝stern dringt zu mir und streichelt mich, streicht den letzten Schmerz von mir und wieder f├╝hle ich mich so gl├╝cklich , leicht und unbeschwert wie an unserem ersten Abend vor so langer Zeit...Ich sehe Carol, wie sie dasteht, so v├Âllig selbstverst├Ąndlich und gelassen, aufgeregt und nerv├Âs, aber vor Liebe ├╝berstr├Âmend. Als w├╝chse sie aus dem Boden, geschichtslos, nur der Erde zugeh├Ârig, wie die riesigen B├Ąume an der Stra├če hinter mir, die auftauchen, mich streifen und rasend schnell wieder verschwinden, dem weinendem Krankenwagen stumm Platz machend. Es scheint mir, als weine die ganze Stadt.

Ich sehe immer noch unverwandt Carol und atme tief ihre Gegenwart ein. Als sie mich zum Abschied vorsichtig an sich zieht, sp├╝re ich den vertrauten Duft von wilden Kirschen in ihrem Haar.

Ich schlie├če gl├╝cklich die Augen und lasse mich auf einer Trage herausheben.
Still und seelenlos baumelt mein ersch├Âpfter K├Ârper zwischen den dahineilenden M├Ąnnern und betrachtet den Nebel, der ihm erbarmungslos seinen pl├Âtzlichen unerkl├Ąrlichen Drang zu leben ausredet.

Die M├Ąnner verschwinden leise und einer von ihnen ber├╝hrt mich wie zum Abschied leicht an der Schulter. Ich will den Gru├č erwidern, aber ehe ich zu Ende denken kann, sind sie weg.

ÔÇ×Lasst mich bitte leben...ÔÇť, fl├╝stere ich leise vor mich.
Aber niemand h├Ârt mich, sie sind unerreichbar f├╝r mich geworden.

Der Nebel in mir triumphiert und umschlingt mich besitz ergreifend. Sein mitleidloses Grau umfasst mich mit einer weichen H├Ąrte und zieht mich unentwegt in seine Arme.

Ich richte mich, unsichtbar f├╝r die anderen geworden, auf und erblicke Carol, die immer noch mit ihrem schwarzen Mantel und dem Kirschduft im Haar dasteht und mich vorsichtig anl├Ąchelt.
Ich l├Ąchle zur├╝ck und sp├╝re den Schmerz unserer Liebe.

Langsam stehe ich auf und gehe auf sie zu.

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Tartan
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Hi Lieblingscello!

Wei├čt ja, dass mir der Text von dir gef├Ąllt, gelle?

( Aber ganz sch├Ân melancholisch. Hab beim ersten Mal lesen ziemlich schlucken m├╝ssen! )

*Busserl*

Dat Tart├Ąnsche
__________________
(C) Carolyn Macmillan Coir MhicMhaolain air a Chnap Fhad

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vicell
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Hallo Zinndorfer,
danke f├╝r deine Hinweise!!!
...und tats├Ąchlich, dein kundiges Sp├Ąherauge hat so einige nette Stellen entdeckt, die ich gleich mal korrigiert habe.
Nun, wiegesagt, es eine Geschichten ├╝ber zwei Freundinnen, eine Liebesgeschichte und f├╝r die Figur des Rainers sah ich in diesem Zusammenhang keinen Platz mehr. Dhaer entschied ich mich dagegen, ihn noch etwas ausf├╝rhlicher darzustellen.
Ob dieses Forum nun Wortwiederholungen liebt oder nicht, sei mal dahingestellt, ich jedenfalls bin kein allzugro├čer Fan davon...(wie kommst du eigentlich drauf??)daher hab ich einige Sachen nochmals ├╝berarbeitet.
Was den Nebel anbelangt, er ist und bleibt hier das Schl├╝sselelement. Windige Sache, sowas, ich wei├č, aber das gibt dieser Story, die aus einer rein emotionalen Situation heraus entstanden und runtergeschrieben worden ist (mehr verrat ich aber nicht, sonst wirds zu r├╝hrselig *l├Ąchel*) genau den Beigeschmack, den ich damals haben wollte.
Ums mal profan auszudr├╝cken...

Tartan, dear, vielen Dank f├╝r die Blumen...

Lieben Gru├č nochmal und ein extra Dankesch├Ân f├╝rs aufmerksame Lesen!

Gru├č,
die vic *manchmal nebels├╝chtig*

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