Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87747
Momentan online:
696 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > ErzÀhlungen
Lebenssplitter 1
Eingestellt am 20. 02. 2008 21:55


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
quetzal
Hobbydichter
Registriert: Feb 2008

Werke: 1
Kommentare: 0
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um quetzal eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Als Hannah elf Jahre alt war verliebte sie sich in den Dorfmetzger. Sie hatte die Mutter zum Einkauf im Fleischerladen begleitet. Die Metzgersfrau, eine mittelgroße, verhĂ€rmte Person wog gerade die Ware ab. In diesem Moment trat der Fleischer durch die SeitentĂŒr: ein wuchtiger Mann mit dunklem Haar, breiter Brust und mĂ€chtigen Armen. Hannah starrte ihn an und konnte den Blick nicht abwenden. Sie hatte ihn noch nie so nah gesehen. Nur ab und an aus der Ferne, wenn er beim Dorffest mit seiner Frau getanzt hatte. Die WĂ€rme die sein Körper ausstrahlte schien den ganzen Raum auszufĂŒllen. Hannah wĂŒnschte sich plötzlich, dass er seine Arme ausbreiten und um sie legen möge. Der Metzger sah sie an und bemerkte ihren durchdringenden Blick. Er trat hinter die Ladentheke, schnitt eine Scheibe Wurst ab und reichte sie ihr. Hannah nahm sie aus seiner Hand und senkte den Kopf. Mit leiser Stimme dankte sie.

Seit diesem Tag hielt sich Hannah hĂ€ufiger in der NĂ€he der Metzgerei auf, um mit den beiden Söhnen des Metzgers zu spielen. Die Jungen waren nur wenig jĂŒnger als sie. Das Haus des Metzgers war ein stattliches ehemaliges Gutshaus, das am oberen Ende des Dorfs stand. Daneben und dahinter breitete sich ein weitlĂ€ufiger Obstgarten aus, der bis zum Bahndamm reichte. Der Obstgarten grenzte auf der westlichen Seite an eine Scheune mit Stallungen. Daneben stand das Schlachthaus. Auf der anderen Seite der Obstwiese gelangte man ĂŒber einen schmalen Weg zur Bahnstation. TĂ€glich hielt hier morgens und nachmittags ein Zug, um das Dorf mit der Welt jenseits der HĂŒgel zu verbinden.

Hannah lebte am Ortsrand auf der anderen Seite des Bahndamms. Sie wohnte mit ihren Eltern in einem einfachem, phantasievoll verzierten Holzhaus. Hannahs Vater, den die Mutter um HaupteslĂ€nge ĂŒberragte, war ein stiller, in sich gekehrter Mensch. Zwar war er der Tochter sehr zugetan, vermochte seine GefĂŒhle jedoch nicht zu zeigen. Er zog sich hinter seine Arbeit zurĂŒck und war nur selten zu Hause. Eigentlich wĂ€re er gern Kunstmaler geworden. Um die Familie ernĂ€hren zu können arbeitete er statt dessen als Photograph. Er reiste mit dem EinspĂ€nner landauf, landab, um Menschen und Ereignisse abzulichten. Auf den Platten hielt er Schulklassen mit Ă€ltlichen Lehrerinnen und junge BrĂ€ute mit langer Schleppe fest. Er besuchte FamilienjubilĂ€en und Kindstaufen, Erstkommunionkinder und Feuerwehrmannschaften. So verewigte er die wichtigsten und glĂŒcklichsten Augenblicke im Leben der Abgelichteten und schenkte ihnen ein StĂŒck Erinnerung. Hannahs Mutter schĂ€mte sich seines Berufs. Sie hatte sich einen Doktor zum Ehemann gewĂŒnscht. Ein Fotograf konnte ihr nicht den Status bieten, von dem sie getrĂ€umt hatte.

Hannah verbrachte immer mehr Zeit mit ihren GefĂ€hrten, den Metzgerssöhnen, die noch eine kleine Schwester hatten. Als es draußen einmal regnete, spielten die Kinder in der Scheune. Nebenan im Stall rumorte das Schlachtvieh. Hannah schlĂŒpfte durch die HolztĂŒr hinein und kraulte eines der Tiere. Rinder, Schweine und Schafe, standen eingepfercht hier, um auf ihr Ende zu warten. Der Stall lag im Halbdunkel, es roch stickig. Ein seitlicher Gang fĂŒhrte zu einer TĂŒr, die halb offen stand. Hinter einer Wolke aus heißem Wasserdampf konnte sie im Schlachtraum die Gestalt des Fleischers erkennen. Obwohl sie der herausströmende Geruch ekelte, ging sie wie magisch angezogen auf die TĂŒr zu. In der Abflussrinne floss heißes, mit Blut vermischtes Wasser. Auf dem Schlachttisch lag der gehĂ€utete Kopf eines Kalbs, dessen Augen glasig ins Leere starrten. Hannah lehnte sich bewegungslos gegen den TĂŒrrahmen. Ihre Blicke waren gebannt auf den Mann gerichtet, der mit dem Hackbeil Fleisch auf dem Block zerteilte, wobei er die kraftvollen Arme auf und nieder bewegte. Sie fĂŒhlte, wie das Blut ihren Körper durchströmte und ihr heiß in den Kopf schoss. Von hinten kamen die drei Kinder angerannt, liefen an ihr vorbei, auf den Vater zu. Er hielt mit der Arbeit inne und rief ihnen zu, dass sie wieder verschwinden sollten. Erstaunt sah als er Hannah. „Wo treibst du dich denn herum – hier ist kein Spielplatz fĂŒr feine MĂ€dchen!“ Hannah wandte sich ab um zurĂŒckzulaufen. „Oder gefĂ€llt es Dir bei mir? Du könntest in der WurstkĂŒche helfen. Bist ja schon eine große Mamsell. Mein MĂ€del ist noch zu klein.“ Hannah grauste es das Schlachthaus zu durchqueren. Dennoch lief sie in Richtung WurstkĂŒche hinter dem Metzger her. Dort zeigte er auf den großen Fleischwolf. „Wenn du morgen kommen willst und deine Finger sauber sind, kannst du das Fleisch durchlassen. Ist keine schwere Arbeit, kriegst auch ein paar Groschen dafĂŒr.“ Sie nickte und ging. Anderntags begann sie, mit einer Haube ĂŒber den Haaren, in einen knöchellangen Kittel eingehĂŒllt, in der WurstkĂŒche zu helfen. Ihre Mutter durfte davon nichts wissen. Im Lauf der Zeit gewöhnte sie sich an die AusdĂŒnstungen der GedĂ€rme, das warme Blut. Sie ertrug den Anblick zersĂ€gter Tierkörper und selbst beim Zusammenbrechen des sterbenden Viehs vermochte sie hinzusehen. Dies war der Preis fĂŒr die Empfindungen, welche die NĂ€he des Metzgers in ihr auslösten. Abends kam seine Frau, um die blutbespritzten WĂ€nde abzuwaschen, und auf den Knien rutschend die Böden zu sĂ€ubern.

Hannahs Schulzeit war zu Ende. Sie wurde zu einem kinderlosen Onkel geschickt, der in einer nicht allzu weit entfernten Stadt eine Konditorei besaß. Dort sollte sie ihre Ausbildung erhalten, spĂ€ter vielleicht das GeschĂ€ft ĂŒbernehmen. In dieser Zeit kam sie nur noch selten ins Dorf zurĂŒck um die Eltern zu besuchen. Vier Jahre sah sie den Metzger nicht. Am ersten Mai tanzten junge und alte Dorfleute, kleine Kinder und der Kaplan um den Maibaum. Hannah war unter der Menge und drehte sich mit Freundinnen im Tanz. Plötzlich stand er vor ihr. Sofort durchströmte sie wieder jenes glĂŒhende GefĂŒhl. Der Metzger umschlang mit seinen mĂ€chtigen Armen ihre HĂŒften und drehte sie in rasenden Kreisen mit sich fort. Sie sah nur sein Gesicht, nahm nichts und niemand um sich mehr wahr. Als die Musik abbrach standen sie sich dicht gegenĂŒber. Sein mĂ€chtiger Leib berĂŒhrte ihre Brust. „Was ist mit dir? Ich hab’ dich lange nicht gesehen FrĂ€ulein. Du sagst ja nichts. Willst du nicht mit mir tanzen?“ Hannah sah ihm in die Augen, ihre Stimme war ruhig und klar: „Ich möchte, dass sie mich heiraten.“ Völlig verblĂŒfft und belustigt blickte er auf sie nieder. Dann lachte er laut auf „Das muss ich mir ĂŒberlegen, ein solches Angebot bekomm’ ich nicht alle Tage.“ Dabei taxierte er sie wie eins der Tiere, die er bei den Bauern kaufte. „Ein bisschen mehr Fleisch gehört aber schon auf deine Knochen, meine HĂŒbsche und hier oben mĂŒsste auch mehr drauf .“ Ihre Idee schien ihn zu amĂŒsieren. „Komm mit.“ Er umfasste ihre HĂŒfte erneut und ĂŒberquerte eng umschlungen mit ihr den dicht bevölkerten Dorfplatz. Jedermann konnte sie sehen. Die Leute fingen zu tuscheln an. Dies war ein Skandal. Daheim hatte der Fleischer eine kranke Frau. Hier poussierte er das junge Ding vor aller Augen. Und die Person schĂ€mte sich nicht. Im Dorf rief man Hannah von nun an eine Hure.

Hannah war neunzehn Jahre alt, der Metzger zweiundvierzig. Er hatte sich scheiden lassen, um sie zu heiraten. Die Eltern gaben ihr schriftliches EinverstĂ€ndnis und wechselten fortan die Straßenseite, wenn sie ihr begegneten. Der BrĂ€utigam behielt die Söhne bei sich, seine Frau zog mit der Tochter in einen entfernten Ort. Den Fleischverkauf im Laden ĂŒbernahm eine Cousine. Hannah wĂŒrde als VerkĂ€uferin dem GeschĂ€ft schaden, da die Dörfler mit Fingern auf sie zeigten. Außer den Söhnen als Trauzeugen kam niemand zur Hochzeit. Doch glaubte Hannah sich am Ziel ihrer TrĂ€ume. Sie liebte diesen Mann. Nie im Leben wĂŒrde sie einem begegnen, zu dem sie sich stĂ€rker hingezogen fĂŒhlte. Trotz der Verachtung der Dörfler war sie glĂŒcklich. In seinen Armen wĂŒrde sie geborgen, in seiner NĂ€he sicher aufgehoben sein. Dem Metzger schmeichelte ihre naive Zuneigung. In seinem Alter stand er prall im Leben, die GeschĂ€fte liefen hervorragend. Nun konnte er sich noch mit dieser hĂŒbschen Kindfrau an seiner Seite schmĂŒcken.

Als sich der krĂ€ftige Mann in der Hochzeitsnacht ihres noch wenig fraulichen Körpers bemĂ€chtigte, fĂŒhlte Hannah neben dem physischen Schmerz Angst und Beklemmung. Ihr BedĂŒrfnis nach NĂ€he und WĂ€rme war abrupt einer seelenlosen RealitĂ€t gewichen. Sie empfing nicht die Liebe, nach der sie sich gesehnt hatte. Diese HĂ€nde spendeten keine zĂ€rtliche WĂ€rme, der massige Körper keine BeglĂŒckung. Der Metzger zerbrach Hannah in der ersten Nacht.

Als Ehefrau hatte sie ab sofort die Dienste einer Magd zu leisten. Hannah verrichtete vom Morgen bis zur Nacht die Schmutzarbeit im Stall und in der Metzgerei. Im Schlachthaus und der WurstkĂŒche hatte sie die AbfĂ€lle zu beseitigen und in die Senkgrube zu werfen, die unertrĂ€glich stank. Hackklotz, SĂ€gen, WĂŒrfelschneider und all die anderen GerĂ€tschaften musste sie nach jedem Einsatz reinigen, von WĂ€nden, Boden, Ablaufrinnen das Blut abwaschen. Nun war sie es, die abends auf den Knien rutschte, um die verschmierten Böden zu schrubben. Hatte sie einst freiwillig hier ausgeholfen, so ekelte sie sich nun vor diesen TĂ€tigkeiten. Ihr Mann erwartete nach dem Austausch seiner Frauen die bruchlose Fortsetzung des bisherigen Arbeitsrhythmus, Tag fĂŒr Tag und Woche um Woche. Da er mittlerweile ĂŒber einen umfangreichen und wohlhabenden Kundenstamm verfĂŒgte, wurde mehrmals wöchentlich geschlachtet. Umgehend fuhr er die ersten Ladungen Frischfleisch zu den Kunden, wĂ€hrend Gesellen und Lehrlinge die Arbeit weiterfĂŒhrten. Kam der Metzger zurĂŒck, wurden WĂŒrste hergestellt und neue Rezepturen ausprobiert. Hannah existierte nicht. Die beiden Gesellen behandelten sie ebenso respektlos wie die Lehrlinge. Sie war die Hilfskraft fĂŒr den Dreck. Ihren Mann sah sie zwischen Vieheinkauf, Schlachtung, WurstkĂŒche und Auslieferung des Fleisches kaum. Die beiden Stiefsöhne, die zu den Lehrlinge gehörten, kommandierten sie stĂ€ndig herum. Vom Vater geschĂŒtzt und in der Rangordnung weit ĂŒber ihr stehend, ließen sie ihre Launen nach Belieben an ihr aus.

Vier Monate nach der Hochzeit war Hannah schwanger, fĂŒnfzehn Monate nach der Geburt des ersten Sohns brachte sie einen zweiten zur Welt. Ihr Mann hatte mittlerweile sein GeschĂ€ftsfeld erweitert. Das Haus war völlig umgebaut worden. Neben der Metzgerei hatte er eine SpeisegaststĂ€tte und moderne GĂ€stezimmer einrichten lassen. Seine verwitwete SchwĂ€gerin und deren Töchter waren eingezogen, um den Gasthausbetrieb zu fĂŒhren. Der Fremdenverkehr florierte vom ersten Tag an. Von weither kamen die GĂ€ste zur Sommerfrische und auch im Winter. Sie lobten die ruhige Unterkunft, die Freundlichkeit des Personals, das schmackhafte Essen und die erholsame Landschaft. Hannah hatte sich nun zusĂ€tzlich um die Fremdenzimmer zu kĂŒmmern. Mit beiden Kleinkindern im Schlepptau hastete sie zwischen FrĂŒhstĂŒck und Mittagessen von Raum zu Raum um Betten zu ordnen, BettwĂ€sche zu wechseln, Waschbecken zu scheuern und die Fußböden zu kehren. Im Sommer musste sie zudem den GemĂŒsegarten bewirtschaften und den Blumenschmuck am Haus pflegen. Im Winter mussten die Kachelöfen geschĂŒrt, die Wege um das Gasthaus von Schnee und Eis befreit und mit Holzasche bestreut werden. Und Nacht fĂŒr Nacht kniete Hannah mit Putzeimer und ScheuerbĂŒrste in den SchlachtrĂ€umen, im Laden, in der KĂŒche und reinigte die Böden. Ihr Mann war immer hĂ€ufiger und lĂ€nger unterwegs. Die außerordentliche QualitĂ€t seiner Wurstwaren hatte sich von Paris bis Berlin herumgesprochen. Das erste und einzige Telefon im Dorf stand auf seinem Schreibtisch und schrillte duzende Male am Tag.

Hannah war fĂŒnf Jahre verheiratet. Sie wirkte immer noch schmal und zart und war von mĂ€dchenhafter Ausstrahlung. In Sommer quartierte sich ein Gast aus der fernen Hauptstadt im Hause ein. Angeblich war er von adliger Herkunft und Abgeordneter im Parlament. WĂ€hrend die ĂŒbrigen GĂ€ste mit dem Zug anreisten, war er ĂŒber die staubigen Landstraßen per Automobil angekommen. Zudem hatte er ein Fahrrad mitgebracht, mit dem er sich jeden Vormittag auf den Weg machte, um die reizvolle Umgebung zu erkunden. Als Hannah eines Morgens mit BettwĂ€sche in den Armen aus dem Nebenzimmer kam, stieß sie fast mit ihm zusammen. Sie erschrak und trat einen Schritt zurĂŒck. Er lĂ€chelte sie an. „Seit ich hier bin, sehe ich, wie sie sich abhetzen. FĂŒr diese Arbeiten sind sie doch viel zu hĂŒbsch und zart“. Dabei strich er mit der Hand ĂŒber ihre Wange. Hannah war verwirrt, lief weg und stolperte die Treppe hinunter. Zwei Tage danach rĂ€umte sie gegen Mittag sein Zimmer auf. Sie hörte ihn nicht kommen. Unvermittelt stand er hinter ihr. Er umfasste ihre Brust und liebkoste ihren Nacken mit seinen Lippen. Hannah atmete heftig. Er drehte sie herum, zog sie an sich und kĂŒsste sie. Sie wollte sich wehren, zugleich aber brach eine unendliche Sehnsucht in ihr auf. In dieser Nacht schlich sie in sein Zimmer. Der Metzger war eine Woche auf GeschĂ€ftsreise. Sieben NĂ€chte lang suchte sie das versĂ€umte GlĂŒck nachzuholen. Ihr Mann kehrte zurĂŒck, der Geliebte reiste ab. Wenige Wochen spĂ€ter wusste Hannah, dass sie von ihm schwanger war.

Sie hatte seine Adresse aufbewahrt und schrieb ihm, dass sie sich in anderen UmstĂ€nden befinde. Er war wieder in seine Welt zurĂŒckgekehrt. Den Brief las er am Billardabend im Club laut vor. Gemeinsam mit seinen Freunden amĂŒsierte er sich köstlich ĂŒber die tumbe Metzgersfrau, die sich ihm so leidenschaftlich hingegeben hatte. Er schrieb zurĂŒck, dass die Angelegenheit fĂŒr ihn erledigt sei und fĂŒgte dem Schreiben einige Geldscheine bei. Seit ihrer Heirat war es der erste Brief, der an Hannah adressiert war. Der Postbote gab ihn ihrem Mann. Dieser las ihn und antwortete seiner Durchlaucht, dass es fĂŒr ihn eine ganz besondere Ehre sei, wenn unter seinem Dach das Kind eines so hochstehenden Herrn geboren und aufwachsen wĂŒrde. Selbst sei er doch nur ein einfacher, ungebildeter Dorfmetzger, der es zu Wohlstand gebracht habe. Seine Durchlaucht könne versichert sein, dass es dem Kind an nichts mangeln noch fehlen wĂŒrde. Auch sollte es die bestmögliche Erziehung und Ausbildung erhalten. SpĂ€ter verbreitete er die Kunde im ganzen Ort und stellte eine Kinderfrau und Amme ein. Hannah gebar ihren dritten Sohn, der ihr sofort weggenommen wurde. Zur Taufe richtete der Metzger ein prĂ€chtiges Fest aus. Da er mittlerweile als der wohlhabendste Mann weit und breit galt, wagte niemand im Dorf seine Einladung abzulehnen. Über den Bankert verlor keiner ein negatives Wort. WĂ€hrend seiner Abwesenheit durfte sich ausschließlich die Kinderfrau um den Kleinen kĂŒmmern. Hannah hatte sich fernzuhalten. War er zu Hause, widmete er dem Kind so viel Zeit als möglich, die er fĂŒr seine eigenen Söhne nie gehabt hatte.

Ein Jahr spĂ€ter brachte Hannah eine Tochter zur Welt, die Paula getauft wurde. Paula war bereits als Baby ein Abbild ihrer Mutter. Hannah klammerte sich an das kleine Geschöpf. Stets trug sie Paula mit sich herum wie eine Puppe und liebkoste sie innig. Paula war bei ihr, wohin sie auch ging, was sie auch tat. Sobald Paula laufen konnte, hielt sie sich an Hannahs SchĂŒrzenkittel fest und tapste auf Schritt und Tritt hinter ihr drein. Der Vater ignorierte die Tochter. Er hatte einzig Augen und Aufmerksamkeit fĂŒr den Sohn, der nicht sein leiblicher war. Stets brachte er ihm von auswĂ€rts Spielzeug oder SĂŒĂŸes mit. Mit zwei Jahren schon durfte der Kleine ihn mit der Kinderfrau auf seinen Reisen begleiten. Die Kinder wuchsen heran. Die leiblichen Kinder gingen in die Dorfschule. Den fremden Sohn unterrichtete ein Privatlehrer. Hannah erfĂŒllte ihre hĂ€uslichen Pflichten. Der Metzger ging seinen GeschĂ€ften nach.
Als Paula elf Jahre alt war, warf sich Hannah hinter dem Obstgarten nachmittags auf dem Bahndamm vor den Zug.
Nach der Beerdigung durfte ihr Name im Haus nicht mehr erwÀhnt werden. Von nun an war es Paulas Aufgabe, abends die Böden zu schrubben.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


ZurĂŒck zu:  ErzĂ€hlungen Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!