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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Leichtsinnvoll
Eingestellt am 01. 01. 2012 17:10


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

Werke: 767
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Der bĂ€rtige Alte mit dem vollen grauen Haupthaar war ihm schon im RĂŒckspiegel aufgefallen, als Harald Sehnlich vor der Kneipe problemlos in eine enge LĂŒcke einparkte. Das gelang ihm seit einige Jahren sonst nur mit mehreren Versuchen.
Kurz starrte der BĂ€rtige auf das Heck von Haralds Auto, lĂ€chelte und verschwand hinter der KneipentĂŒr.
Irgendwie kam er Harald bekannt vor. Allerdings musste es Jahre her sein, als er ihn zum letzten Mal gesehen hatte, obwohl er ihm zugleich irgendwie vertraut war.
In der kleinen GaststĂ€tte, die den frommen Namen „Zum ewigen Licht“ fĂŒhrte, setzte Harald sich an den Nebentisch mit dem RĂŒcken zu dem bĂ€rtigen Graukopf.
Der unterhielt sich mit einem anderen allerdings glatzköpfigen Alten und meinte mit herrischem Tonfall: „Totgesagte leben eben lĂ€nger.“
„Sie leben wirklich lĂ€nger!“ bestĂ€tigte der Glatzkopf nickend, und wischte sich mit einem bunten Taschentuch ĂŒber sein haarloses Haupt. „Und fĂŒrs Überleben musste in unseren Lebensjahren schon verdammt viel Vorsicht walten lassen.“
„Ach was!“ Der bĂ€rtige Alte schĂŒttelte den Kopf, wies mit der Hand einmal in die Runde. Und von allen besetzten Tischen nickten ihm alte MĂ€nnerköpfe zu. Einige riefen: „Genau, Heinrich.“

Harald war nicht wieder in dieser Kneipe gewesen. Dennoch fielen ihm die Alten und besonders Heinrich oft wieder ein. Und jedes Mal kam er ihm dabei bekannter vor. Nicht selten trÀumte er nachts sogar von ihm.
Auch Harald will einfach noch keiner dieser alten Feiglinge sein, die nur noch mit einem großen Aufwand an Vorsichtsmaßnahmen durch ihr Leben stolpern, nein, spĂ€hend und tastend schleichen.
Je hĂ€ufiger er Gleichaltrigen begegnet, desto mehr sehnt er sich nach grenzenlosem Übermut, nach jenem unvernĂŒnftigen Wagemut, den er sich als Kind trotz aller Warnungen seiner nicht gerade mutigen Eltern heimlich herausnahm. Weder sein Vater noch die Mutter haben ihn zu seinem GlĂŒck jemals dabei erwischt, wenn er auf BĂ€ume kletterte und ausprobierte, wie sehr er dĂŒnnere Äste belasten konnte, wenn er von hohen Mauern oder im Sommer in unbekannte GewĂ€sser sprang.
Als Junge war er kaum in Todesgefahr, hatte er doch elastische Knochen und die notwendige UnbekĂŒmmterheit trotz aller einschrĂ€nkenden Vorsicht seiner Eltern, die ihn eher in Gefahr brachte, als ihn davor zu retten.
Sein Großvater, mit dem er viel Zeit verbrachte, da er wegen einer Zinkvergiftung Invalidenrente bekam, die er sich als Schiffbauer auf der Werft zuzog, traute ihm mehr zu. Und das, obwohl sein Sohn Harry im Krieg gefallen war und Harald dem verwaisten Vater als Ersatzsohn diente.
Gute fĂŒnfzig Jahre nĂ€her am Abgrund hat er jetzt mehr MĂŒhe, das Gleichgewicht zu halten, das ihn vor dem endgĂŒltigen Absturz bewahrt.
Immer noch versucht er diese Balance und immer noch heimlich. Nachts.
Zum GlĂŒck hat seine Frau Elke einen festen Schlaf.

Unverhofft, aber mĂŒhsam wird er wieder einmal wach. Elke schnarcht dezent. Nicht nur beim Schnarchen ist sie dezent.
Harald fĂŒhlt jene Benommenheit, die er seit Jahren von seinen Unterzuckerungen gewohnt ist. Die Zuckerkrankheit gibt er ungern zu und den Reiz seiner nĂ€chtlichen halbbewussten Wanderungen behĂ€lt er daher fĂŒr sich.
In den letzten Monaten war er oft unterzuckert. Das lÀsst ihn inzwischen sogar gewollt auf dem schmalen Grat zwischen Noch-Bewusstsein und Schon-Koma wandeln.
Harald trÀumt und trÀumt schon nicht mehr.
Es geht ihm gut. In diesem Zwischenzustand kann ihm weder das reale Leben noch der reale Tod etwas anhaben.
Benommen und verschwitzt bleibt er erst einmal unter seiner Daunenbettdecke liegen. Elke schnarcht dezent. Lautlos versucht er aufzustehen, um sich, ohne zu frieren, langsam durch die nÀchtliche und kalte Wohnung zu bewegen. Die Heizung schaltete sich automatisch nach vierundzwanzig Uhr aus.
Drei Mal schlĂ€gt die alte Standuhr. Vor dem Haus schimmern – von einem blassen Halbmond beschienen – SchneeflĂ€chen. Der Baum vorm Haus bewegt sich. Leise heult ein krĂ€ftiger Wind. Von irgendwoher zieht es. Elke mag es nicht, wenn alle Fenster geschlossen sind.
Haralds warmer Schlafanzug schĂŒtzt ihn außerhalb des Bettes eigentlich nicht gegen die winterliche KĂ€lte. Dennoch friert er nicht.
Eigentlich mĂŒsste er Traubenzucker einnehmen, um der Unterzuckerung zu entgehen.
An vielen Stellen der Wohnung liegen Schachteln mit dem zu kleinen weißen Quadern gepresstem Stoff, der ihn im Notfall ĂŒberleben lassen soll.
Lieber genießt er jetzt das leichte SchwindelgefĂŒhl vor dem drohenden Koma, schwankt, tastet sich voran, entdeckt den phosphorisierenden Lichtschalter, verzichtet darauf die Wohnzimmerlampe anzuschalten. Nur keine grelle Helligkeit. Dann wĂ€re alles zu wirklich. Viel zu wirklich.
Tastend nÀhert er sich dem Schrank, in dessen Schublade ein PÀckchen mit Traubenzucker wartet. Er schwankt, umklammert den Schubladengriff, atmet tief durch.
Am Fenster erkennt er die Umrisse des Ohrensessels, den er, als sein Großvater starb, von ihm erbte. Ebenso wie das kolourierte PortrĂ€tfoto. Es zeigte seinen Opa als jungen wilhelminischen Gardesoldaten.
Bild und Sessel nahm Harald als ErinnerungsstĂŒcke mit in seine Wohnungen. Schon einige Male war er umgezogen, weil er es liebte, an neuen Wohnorte von vorn zu beginnen.
Seine Hand umkrampft den Griff an der Schublade, dann lockert die Hand sich. Harald wankt hinĂŒber zum Sessel, lĂ€sst sich fallen. Weich fĂ€ngt ihn das alte Sitzmöbel auf. Er will sich wieder aufrichten, schnappt nach Luft, schließt die Augen, sinkt zurĂŒck, holt noch schnappend Luft, stĂŒtzt sich mit beiden HĂ€nden auf den Sessellehnen ab, drĂŒckt sich hoch, steht, schwankt, macht einen halben Schritt. Die Knie wollen nachgeben. Harald nicht.
Jetzt gerade nicht. Im Zustand zwischen den Welten.
Vorsichtig lÀsst sich erneut in den Sessel fallen.
„Pass auf, Junge
!“ knurrt der Großvater, greift ihm um den Leib und hĂ€lt ihn auf seinem Schoß fest. Der Bart des Opas kitzelt ihn im Nacken.
„Lass mich los
“, will Harald sagen. Er sitzt gern auf diesem Schoß. FrĂŒher schon, als der noch wĂ€rmte.
„Ich brauche Traubenzucker.“
Der Großvater hĂ€lt ihn fest. „Deine Mutter wollte schon immer son Zeugs in dich hineinstopfen. Das is nix fĂŒr MĂ€nner. Mein Sohn hat das auch nie geschluckt.“
Und dann kommt wie immer, wenn er von seinem im Polenfeldzug vermissten Sohn spricht, der Satz: „HĂ€tte Hitler den Krieg nicht angefangen!“ Er schluckt. „Ja, dann wĂŒrde Harry heute ein glĂŒckliches Leben leben. Der hatte Mut und Spaß am Leben.“
Harald versucht, sich aus den noch krĂ€ftigen Armen des alten Mannes zu befreien. Kurz ringen die Beiden miteinander. „Totgesagte leben lĂ€nger“, knurrt der Großvater und lĂ€sst schließlich los.
Harald fĂ€llt nach vorn, kriecht zum Schrank, erreicht ihn auf Knien, findet die Schublade, öffnet sie, tastet nach der Traubenzuckerschachtel, bekommt sie zu fassen, kann sie aufmachen, legt sich auf den Boden, kippt sich TraubenzuckerstĂŒcke in den geöffneten Mund, zerkaut sie und schluckt.
Eine Zeit lang bleibt er liegen. Dann kriecht er zum Sessel zurĂŒck. Setzt sich hinein.
FĂ€ngt an zu frieren, wartet, beginnt zu zittern, steht auf und schleicht ins Schlafzimmer zurĂŒck.
Elke unterbricht ihr Schnarchen. „Was ist?“ will sie wissen und dreht sich zu ihm um.
„War leicht unterzuckert. Und der Alte ist mir begegnet.“
„Welcher Alte?“
„Der aus der Kneipe. Von dem ich dir neulich erzĂ€hlte.“
Elke nickt, dreht sich um und beginnt dezent zu schnarchen.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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