Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, m├╝ssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5284
Themen:   87708
Momentan online:
424 Gäste und 15 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Lenas blaue Uhr
Eingestellt am 18. 01. 2004 13:58


Autor
Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.
kleinerprinz
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Oct 2003

Werke: 32
Kommentare: 41
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um kleinerprinz eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das Ganze geht jetzt schon f├╝nf Jahre so. Es ist immer das Gleiche. Jeden Tag. Jede Woche. Jeden Monat. Immer das Gleiche. Viele w├╝rden, wenn sie an meiner Stelle w├Ąren, verr├╝ckt werden. Aber ich bin daran gew├Âhnt. Es ist ja immer das Gleiche. Mich kann nichts mehr ├╝berraschen, weil es immer das Gleiche ist. Jeden Morgen und jeden Abend. Es gibt keine Ver├Ąnderung. Es muss und soll alles so bleiben, wie es ist. Gleich. Und es ist besser so. Die Minuten, Stunden, Tage sollen sich nicht ├Ąndern. Sie m├╝ssen so bleiben. Es muss gleich bleiben, sonst w├╝rde man verlieren. Aber ich habe gewonnen. Das ist meine Welt. Ich habe sie gewonnen. Das ist alles, was ich habe. Das ist sch├Ân. Es ist immer das Gleiche, zum Gl├╝ck, immer das Gleiche. Es hat lange gedauert, bis ich das verstanden habe, aber dennoch habe ich gewonnen. Ich bin der K├Ąmpfer und doch ist es immer das Gleiche.
Ich habe mir das hier alles nicht ausgesucht. Ich muss es machen, weil es mir hilft. Ich muss hier sein, weil es mir hilft. Es w├╝rde mir helfen, hat man mir gesagt, weil ich dann besser leben kann. Ob sie Recht haben, wei├č ich nicht. Ich denke nicht. Es ist gut, wie es ist. Ich bin hier und das ist gut. Ich will keine Ver├Ąnderung. Ich will keine Hilfe. Ich wei├č, dass sie mir nicht helfen k├Ânnen. Mir kann keiner mehr helfen. Der Zug ist abgefahren. Schhh. Nur ich kann mir noch helfen. Ich kann alles zerst├Âren, wenn ich nicht aufpasse. Aber ich passe auf und helfe mir. St├╝ck f├╝r St├╝ck. Ich bin vorsichtig, aber trotzdem ist es schwer, weil es eben immer das Gleiche ist. Aber das macht es auch so einfach. Man gew├Âhnt sich daran. Man muss sich daran gew├Âhnen, denn dann kann man damit leben. Es ist ja immer das Gleiche. Im Grunde ist es wie das Morgens-Sein-Bett-Herrichten, Z├Ąhneputzen oder U-Bahnfahren. U-Bahnfahren? Ja! U-Bahnfahren.
Stellen Sie sich vor: Sie sitzen in einer U-Bahn. Sp├╝ren Sie dieses samtweiche, harmonische, beruhigende und trotzdem monotone Ruckeln des Wagens? Stellen Sie sich das Rauschen vor, wenn die Bahn zentimeterdicht an der Wand entlang f├Ąhrt. Schhh. Metertief unter der Erde. Und immer dieses Ruckeln. Immer dieses Rauschen. Bis zum n├Ąchsten Bahnhof. Und dann? Und dann, fragen Sie sich? Ja, dann geht es gl├╝cklicherweise wieder von vorne los.
Ich liebe U-Bahnfahren. Dieser Moment des Anfahrens der Bahn. Dieser Ruck und dann das Schhh. U-Bahnfahren ist Freiheit. Durch die ganze Welt. Schhh. Und noch viel weiter. Es gibt nichts Sch├Âneres auf der Welt, als mit U-Bahnen durch die Stadt zu fahren. U-Bahnen sind einfach. Sie sind nicht kompliziert. Man steigt ein, beruhigt sich und steigt wieder aus. Schhh. U-Bahnfahrer zu sein, muss der sch├Ânste Beruf der Welt sein. Man muss sich so frei und m├Ąchtig f├╝hlen. So m├Ąchtig. Mit einem kleinen Pedal f├╝hrt man hunderte Tonnen von Stahl durch die Sch├Ąchte. U-Bahnfahrer sind K├Ąmpfer. Ich war nie ein U-Bahnfahrer, aber ich w├╝rde U-Bahnfahren, wenn ich k├Ânnte. Tag und Nacht. Nacht und Tag.
Warum ich es nicht kann? Ich bin hier. Warum ich hier bin? Ich muss hier sein. Es sei besser f├╝r mich, hat man mir gesagt. Man w├╝rde mir helfen, damit ich wieder leben kann, damit ich wieder U-Bahnfahren kann. Ich br├Ąuchte Hilfe, hat man mir gesagt. Nein, ich bin ein K├Ąmpfer, ich brauche keine Hilfe. Schhh.

Es war vor exakt 352 Tagen. Der 1. April. Meine einzige Chance hier rauszukommen und mir zu helfen war, die 23 Sekunden zu nutzen. Die 23 Sekunden. Meine 23 Sekunden.
Jeden Morgen um 9 Uhr 15 kommt der Speisewagen, der uns das Essen liefert, das wir uns dann in der K├╝che zubereiten k├Ânnen. Jeden Morgen um 9 Uhr 15 m├╝ssen vier von uns das Essen ausladen. Am 25. M├Ąrz war ich an der Reihe. Eine Woche lang musste, nein, durfte ich das Essen ausladen. Ich nutzte diese Woche um meine Flucht zu planen. Die Tage verliefen immer gleich:
Das Gro├če Tor ├Âffnete sich. Der Wagen fuhr ein. Er wendete. Es war ein blauer Kleinbus. In der Zwischenzeit war das Tor wieder zu. Dann durften wir auf den Hof und die Beh├Ąlter in die K├╝che schleppen. Jeder nahm einen Beh├Ąlter. Jeder musste zweimal gehen. Ich wollte immer der Letzte sein, der den Beh├Ąlter wegbringen musste. Wenn wir zweimal gegangen waren, kamen wir auf unsere Zimmer, also nicht mehr auf den Hof. Nachdem sich das Tor ge├Âffnet hatte, fuhr der Wagen wieder los, und das Tor blieb 23 Sekunden offen. Meine 23 Sekunden.
Wir standen in einer Reihe in der K├╝che. Ich war der Letzte in der Reihe. Vor uns lag die zweifl├╝glige braune Stahlt├╝r, die zum Hof f├╝hrte. Die T├╝r wurde ge├Âffnet. Wir gingen in Reih und Glied in sehr kleinen Schritten zum Auto. Der Fahrer stand hinter seinem Kleinbus und sah auf die Uhr. Wir blieben in unserem Rhythmus. Jeder von uns nahm sich eine Kiste aus Edelstahl. Wir machten uns auf den R├╝ckweg zur K├╝che. Die Abst├Ąnde waren gr├Â├čer geworden, da man einige Sekunden brauchte, um in den Kleinbus zu steigen und sich einen Beh├Ąlter zu nehmen. Das Gleiche wiederholte sich jetzt ein weiteres Mal, wobei die Abst├Ąnde zwischen uns noch gr├Â├čer geworden waren.
Ich stand also hinter dem Kleinbus. Die anderen brachten schon zum zweiten Mal ihre Beh├Ąlter in die K├╝che. Der Fahrer war wie immer sehr nerv├Âs, weil er weiter wollte. Wir waren ihm wie immer zu langsam. Ich kletterte ein letztes Mal in den dunkeln Wagen. Mein Gewicht dr├╝ckte das Auto nach unten. Ich nahm den letzten Beh├Ąlter in die Hand. Ich stieg aus dem Auto und der Wagen erhob sich wieder. Mit dem letzten Beh├Ąlter in der Hand stand ich hinter dem Kleinbus. Etwa f├╝nfzehn Meter vor mir war der bewachte Eingang zur K├╝che. Ich machte mich langsam auf den Weg. Schritt f├╝r Schritt. Der Fahrer startete den Wagen, also musste sich das Tor ├Âffnen. Ich ging noch einen Schritt. Schhh. Noch sechs Meter bis zur K├╝che. Das Tor ├Âffnete sich. Meine 23 Sekunden begannen.
Ich warf den Beh├Ąlter zur Seite, drehte mich um und rannte los. Noch 22 Sekunden. Es waren zweiundf├╝nfzig Meter bis zum Tor. Der Wagen fuhr vor mir. Es waren sieben Meter bis zum Kleinbus. Noch 18 Sekunden. Ich kam dem Auto immer n├Ąher und auch dem Tor. Ich war auf der H├Âhe des Wagens, der besonders langsam zu fahren schien. Noch 15 Sekunden. Oder ich war besonders schnell. Man sah, dass ich fliehen wollte, und rannte mir hinterher. Noch 10 Sekunden. Sie versuchten das Tor schneller zu schlie├čen. Meine 23 Sekunden. Der Kleinbus gab Gas und war auf der H├Âhe des Tores. Ich war direkt hinter dem Wagen. Noch h├Âchstens 5 Sekunden. Ich rannte. Der Wagen stoppte. Ich fiel.

Jetzt bin ich allein. Nat├╝rlich haben sie mich gekriegt. Jetzt darf ich noch nicht einmal das Essen ausladen. Das ist meine Strafe, aber es hilft mir ja. Sie haben Recht. Ich brauche Hilfe. Ich brauche Hilfe, hier rauszukommen. Alleine schaffe ich das nicht, das wei├č ich. Aber ich habe mich damit abgefunden. Und es ist besser so. Schhh.
Und es ist besser so. Und es ist besser so. Was dieser Satz alles bewegen kann. Und es ist besser so. Meine Lena, ja ich liebe und ich werde auch geliebt, sagte diesen Satz st├Ąndig. Jeder hat seinen eigenen Satz. Sie sagte: „Und es ist besser so.ÔÇť Sie sagte diesen Satz zu jeder Gelegenheit. Und es ist besser so. Er dr├╝ckt ihre Gleichg├╝ltigkeit aus, zu allem, was sie sieht und empfindet. In meiner Gegenwart sagte sie diesen Satz st├Ąndig. Ich hasse diesen Satz. Wenn ich sonst nichts hasse, aber diesen Satz hasse ich. Er konnte, wenn er aus ihrem Mund kam, alles zerst├Âren. Sie wusste, dass sie mich mit diesem Satz umbringt. Aber es war dann doch anders. Und es ist besser so.

Es fing alles ganz harmlos an und blieb es auch. Bis sie mich eines Tages verlassen hat. Sie hat mich einfach verlassen. Ich konnte es nicht verhindern und will es auch gar nicht mehr r├╝ckg├Ąngig machen. Ich bin froh, dass sie mich verlassen hat, denn so kamen wir uns n├Ąher. Sie wollte mich verlassen und im Prinzip half ich ihr dabei. Es war nicht einfach. Nicht f├╝r sie und nicht f├╝r mich, aber sie wollte es so.
Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Es war der zweite Dienstag im April. Ich kam gerade von meiner Arbeit nach Hause und stieg in die U-Bahn. Die U-Bahn war wie immer ├╝berf├╝llt mit Menschen, die es zu eilig hatten und nach Hause wollten. Ich sa├č auf meinem Platz und genoss die Fahrt und konnte mich erholen. Am meisten liebte ich es, die Stationsansagen mitzusprechen: „Lichtenberg. ├ťbergang zum DB-Fernverkehr, zum Regionalverkehr, zur S-Bahn und zur Stra├čenbahn.ÔÇŁ Und wenige Sekunden sp├Ąter: ÔÇ×Ausstieg links.ÔÇŁ Es war immer der gleiche Platz, auf dem ich sa├č. Es war immer die gleiche Handlung, die sich wiederholte:
Ich sa├č auf meinem Platz und las ein Buch. Oft genug war es einer dieser Groschenromane, die niemand schrieb und niemand las. Es ging um nichts. Eigentlich nur um Liebe. Die Geschichte war immer die gleiche. Ich wei├č nicht, warum ich diese Hefte las, aber ich war fasziniert von den Personen, die sich liebten und immer zusammen kamen, wenn sie einander nur in die Augen schauten oder einander ber├╝hrten. Es war eine wunderbare Welt, die erz├Ąhlt wurde. Ich las in diesen Geschichten und schlug das Buch am Bahnhof Magdalenenstra├če zu. Die Bahn fuhr an. Ein letztes Mal wollte ich diesen Moment erleben. Schhh. Die Bahn fuhr. Ich packte das Buch in meine braune Tasche, die ich einst von meinem Vater zur Jugendweihe geschenkt bekam. Ich sa├č auf meinem Platz und wartete auf die Stationsansage. ÔÇ×Lichtenberg. ├ťbergang zum DB-Fernverkehr, zum Regionalverkehr, zur S-Bahn und zur Stra├čenbahn.ÔÇť Wieder dieses kurze Verschnaufen. ÔÇ×Ausstieg...ÔÇť Ich erhob mich. ÔÇ×...links.ÔÇť Und ging zu der T├╝r. Der Zug fuhr ein. Schhh. Ich stieg aus und ging noch genau 12 Minuten zu meiner Wohnung.
Ich mochte diesen Weg nicht. Er war nicht lang, aber h├Ąsslich. Es gibt sch├Âne und h├Ąssliche Wege. Meiner war h├Ąsslich. Die Wege, die man tagt├Ąglich geht, werden, je ├Âfter man sie benutzt, immer h├Ąsslicher. Sie k├Ânnen nichts daf├╝r, aber es ist so. Man kann es nicht ├Ąndern, weil man einfach alles kennt. Man kennt die Namen an den Hauseing├Ąngen. Man kennt die Verk├Ąufer der D├Ânerbuden. Man kennt die Graffitis an den W├Ąnden und man will alles nicht mehr sehen. Wege beginnen einen zu langweilen, weil sie sich nicht ver├Ąndern. Es war immer das gleiche Geschehen, das ich sah, wenn ich von der Arbeit nach Hause kam, und immer der gleiche Weg, der mich von der U-Bahn nach Hause f├╝hrte.
Doch damals war es anders. Mir war alles so bekannt, aber doch so fremd. Ich entdeckte meinen Weg ganz neu. Es standen B├Ąume an den Stra├čen, die mir zuvor nie bewusst geworden sind. Es waren Menschen auf den Stra├čen, die ich noch nie zuvor gesehen hatte. Es war alles so fremd. Auch die Farben schienen sich zu ver├Ąndern. Die Graffitis an den W├Ąnden leuchteten in grellen Farben, so dass sie einen gleich in die Augen sprangen und auch die Stufen zu meiner Wohnung im 4. Stock waren blau und nicht mehr gr├╝n. Sie waren jahrelang gr├╝n gewesen. Jeden Tag sah ich dieses abgelatschte gr├╝ne Linoleum. An diesem Tag war es anders. Ich konnte mir die Andersartigkeit nicht erkl├Ąren und wollte es auch nicht. Und es ist besser so. Vielleicht h├Ątte ich alles verhindern k├Ânnen. Vielleicht h├Ątte sich alles ge├Ąndert. Vielleicht h├Ątte meine Lena mich nicht verlassen. Nein. Sie h├Ątte mich bestimmt verlassen. Aber anders. Sie h├Ątte mich nicht verlassen m├╝ssen. Sie w├Ąre freiwillig gegangen. Aber sie hatte keine Wahl. Was h├Ątte sie auch tun sollen?

Wir lernten uns in einem Theater kennen. Lena und ich. Ich bin Schauspieler. Ich spiele den Mephisto in Goethes ÔÇ×FaustÔÇť und sie machte die Maske. Jeden Abend au├čer montags stand ich auf der B├╝hne:

Ich bin der Geist, der stets verneint!
Und das mir Recht; denn alles, was entsteht,
Ist wert, dass es zugrunde geht;
Drum besser w├Ąr's, dass nichts entst├╝nde.
So ist den alles, was ihr S├╝nde,
Zerst├Ârung, kurz, das B├Âse nennt,
Mein eigentliches Element.

Sie machte mir geduldig die Haare und puderte mein Gesicht wei├č. Ich liebte es, wenn sie mit ihren zarten H├Ąnden meine Haare zu einem Zopf zusammen band. Ich liebte das Gef├╝hl, wenn sie mit ihrem Pinseln meinem Gesicht eine Maske aufsetzte. Ich liebte sie. Lena sprach, wenn sie arbeitete, nicht viel. Sie puderte mich liebevoll. Bevor ich auf die B├╝hne ging, strich sie mit ihrem Zeigefinger ├╝ber meinen Mund. Sie ist eine so wunderbare Frau.

Ich stand vor meiner T├╝r und suchte meinen Schl├╝ssel, der sich wie immer in der untersten Ecke meiner Tasche, die ich einst von meinem Vater zur Jugendweihe geschenkt bekam, befinden sollte. Doch an diesem Tag war er nicht da. Er war verschwunden. Ich konnte mich auch nicht erinnern, dass ich den Schl├╝ssel am Morgen eingesteckt hatte. Es war mir ein R├Ątsel. Mein Schl├╝ssel war verschwunden. Ich musste ihn wohl am Vortag verloren haben. Anders konnte ich mir die Situation nicht erkl├Ąren. Ich war beruhigt, dass sich die Andersartigkeit des ganzen Tages darin aufl├Âste, dass mein Schl├╝ssel verschwunden war. Ich klingelte bei unseren Nachbarn, die von uns, gerade f├╝r diese Situationen, einen Schl├╝ssel bekommen hatten und ging mit dem Schl├╝ssel in der Hand zur T├╝r. Ich stand wieder vor der T├╝r, doch war da mehr, als ich h├Ątte ahnen k├Ânnen. Ich steckte den Schl├╝ssel ins Schloss. Diese unbewusste Handlung wurde mir bewusst. Meine ganze Energie steckte in dem Schl├╝ssel, der nun die Aufgabe hatte, sein Loch zu finden. Der Schl├╝ssel steckte. Die Zeit schien stehen zu bleiben. Die Zeit, die ich so sehr bewunderte, fiel mir in den R├╝cken und blieb stehen. Ich wusste nicht, was als N├Ąchstes geschehen w├╝rde. Schhh. Ich war sehr angespannt und drehte den Schl├╝ssel langsam um und ├Âffnete die T├╝r.

Lena ist so leicht zu begeistern. Das finde ich bezaubernd. Sie freut sich ├╝ber alles. Sie lacht ├╝ber alles. Sie hat einen fabelhaften Humor. Sie ist, wie ich nie sein konnte. Ich habe die Welt nie verstanden. Sie steht immer im Mittelpunkt. Sie lacht und unterh├Ąlt alle um sich herum. Man wird, wenn man mit ihr zusammen ist, immer kleiner und kleiner, weil sie immer so aktiv ist. Man steht immer in ihrem Schatten, weil sie eine K├Ąmpferin ist.

Jeden Abend nach dem Theater gingen wir in ihr Lieblingscaf├ę. An diesen Ort, den ich stets zu vermeiden suchte. Es war ein grauenhafter Ort, der noch heute Ekelgef├╝hle bei mir weckt. Dieses Caf├ę war so fade und w├Ąssrig wie der Kaffee, den sie dort servierten. Wenn ich auch sonst nichts hasse, aber diesen Laden hasse ich. Aber sie liebte ihn. Der ganze Raum stank nach Rauch und es war dunkel. Das Caf├ę war eine gr├Â├čere Abstellkammer. Sie liebte ihre Abstellkammer. Sie liebte die Leute, die sich dort jeden Abend trafen. Und sie liebte die Musik. Ich hasste ihre Abstellkammer. Ich hasste die Leute, die sich dort jeden Abend trafen. Und ich hasste die Musik. Aber ich liebte Lena.
Jedoch war es bezaubernd, wenn wir an unserem Tisch sa├čen und ihr Gesicht im Kerzenschein leuchtet und sie ihre Erlebnisse des ganzen Tages erz├Ąhlte. Sie war immer so voller Energie, wenn sie erz├Ąhlte. Sie ist die eigentliche Schauspielerin. Sie ist die wahre K├Ąmpferin. Sie redete und redete. Sie holte kaum Luft. Ich kam nie zu Wort. Ich h├Ârte ihr nur zu und wollte nichts sagen. Ich sa├č da und schaute sie nur an. Das war das Sch├Ânste. Ich sa├č da und schaute sie nur an.

Ich ├Âffnete die T├╝r und schaute sie nur an. Ich stand da, wie angewurzelt. Ich hielt die T├╝rklinke in der rechten Hand und schaute sie nur an. Ich konnte mich nicht bewegen. Am liebsten w├Ąre ich umgefallen und h├Ątte alles vergessen, was ich sah. Aber ich hielt mich zu stark fest. Ich schaute sie nur an und mir wurde gar nicht bewusst, dass ich sie anschaute. Sie hing vor mir und regte sich nicht.
Ich schloss die T├╝r und ging in die K├╝che. Ich setzte mich an den K├╝chentisch und nahm mir einen Apfel. Ich a├č den Apfel und sah aus dem Fenster. Ich sah aus dem Fenster und a├č meinen Apfel. Ich sah aus dem Fenster und sah, dass ich meinen Apfel a├č. Ich wei├č nicht, wie lange ich in der K├╝che sa├č und meinen Apfel a├č. Es muss Stunden gedauert haben. Schhh.
Der Mond strahlte mir ins Gesicht und ich sa├č immer noch vor dem Fenster. Ich war m├╝de. Lena war sicher auch m├╝de, daher stand ich auf, nahm sie vom Strick und legte sie in mein Bett.

Es war die sch├Ânste Nacht in meinem Leben.
Es war eine Mitternachtsvorstellung. Wir alle waren m├╝de und wollten nach Hause oder in eine der vielen Abstellkammern. Das Publikum war begeistert. Ich stand auf der B├╝hne und schrie: ÔÇ×Her zu mir!ÔÇť. Das war der letzte Satz, den ich zu sagen hatte. Ich riss Faust an mich und wir beide verschwanden hinter einer gro├čen Nebelwolke. Die B├╝hne war jetzt ganz leer. Das Licht ging aus. Es dauerte einige Sekunden und das Publikum begann zu klatschen. Es war wie jeden Abend begeistert. Es war 24 Uhr 32, als ich ein letztes Mal auf die B├╝hne ging und mich verbeugte. Ich mochte es nie, mich allein auf die B├╝hne zu stellen und mich feiern zu lassen. Man f├╝hlte sich so nackt und beobachtet. Es ist ein grauenhaftes Gef├╝hl, wenn man von achthundert Augen beobachtet wird. Vielleicht waren es noch mehr, aber das mag ich mir gar nicht vorstellen. Ich war ersch├Âpft und froh, dass ich nun nach Hause gehen konnte.
Ich ging von der B├╝hne in die Maske um mich abschminken zu lassen. Es war Lena, die neben meinem Stuhl stand und mir sorgf├Ąltig die wei├če Schminke aus dem Gesicht rieb. Ich war sehr ├╝berrascht ein neues Gesicht an unserem Theater zu sehen. Sie sagte nur: „Ich bin neu hier.ÔÇť Ich sah in ihre rehbraunen Augen und wusste, dass sie neu hier war. Solch wundersch├Âne Augen hatte ich noch nie zuvor gesehen. Sie waren bezaubernd und lie├čen einen nicht mehr los, wenn sie einen erst einmal erblickt hatten. Es war kein Starren, sondern vielmehr ein interessiertes Betrachten. Ich schaute ihr sehr lange in die Augen und merkte gar nicht, dass sie schon l├Ąngst fertig war. Ich sa├č in dem Stuhl und schaute in ihre Augen, die mich nicht verunsicherten. Ich f├╝hlte mich nicht nackt oder beobachtet. ÔÇ×FertigÔÇť, meinte sie. Sie ist anders als die anderen. Die Art und Weise wie sie mich abgepudert hatte, war so erregend, dass ich ihr ...

Es war die furchtbarste Nacht in meinem Leben.
Ich konnte nicht schlafen, da ich nicht m├╝de war. Ich lag in meinem Bett und betrachtet Lena, aber sie r├╝hrte sich nicht. Ich strich mit meinem Zeigefinger ├╝ber ihren Mund. Sie lag da und schien zu schlafen. Ich beneidete sie. Nein, ich hasste sie. Ich lag neben Lena und erinnerte mich an unsere Zeit und ich begann mich wieder in Lena zu verlieben.

Heute wei├č ich, dass es besser ist, wenn man keine Erinnerungen hat. Es bringt nur Probleme, wenn man sein Herz an unwichtige Dinge h├Ąngt. Leider gibt es keine wichtigen Dinge. Die Erinnerungen machen einen fertig. Sie sind nicht sch├Ân und auch nicht wichtig. Sie sind abscheulich und unwichtig. Sie lassen einen nicht mehr frei, wenn sie sich der Gedanken bem├Ąchtigt haben. Ich h├Ątte alle meine Erinnerungen zerst├Âren sollen. Schh. Erinnerungen zerst├Ârt man, indem man an nichts erinnert wird. Manchmal will man einfach Ver├Ąnderungen. Und man braucht sie immer.
Viele Wohnungen verstecken sich hinter Andenken und Mitbringseln. Im Grunde sind sie ein Nichts. Die einzige Aufgabe der Souvenirs ist es einzustauben, und das tun sie ziemlich gut. Ich habe sie nie richtig verstanden. Ich verstand, dass sie Geld kosten und rumstehen. Aber das Warum verstand ich nie. Oft erinnern sie nur an einen Urlaub, den man sowieso vergessen will, an ein Ereignis, das das Schrecklichte im Leben war oder an eine Liebe, die l├Ąngst vergangen ist. Erinnerungen werden im Laufe der Zeit immer schlimmer. Erst sind sie sch├Ân und man kann nicht genug von ihnen bekommen. Aber irgendwann nehmen sie so viel Platz ein, dass man nicht mehr atmen kann. Es ist ein grauenhaftes Gef├╝hl und ich erinnere mich nur schmerzlich.
Als ich noch zur Schule ging, war ich Buchstabier-Schulmeister. Pokale und Urkunden zierten mein Zimmer. Ich war immer der Beste. Ich stand gern in meinem Zimmer und sah mir die Urkunden an. Ich freute mich sie zu sehen. Heute bekomme ich sie nicht mehr aus meinem Kopf. Sie werden mich wohl ein Leben lang verfolgen, obwohl ich heute kein Buchstabier-Schulmeister mehr bin. Au├čerdem interessiert es heute keine Sau und es hat damals auch keine Sau interessiert, dass ich Schulmeister war. Es war und ist sinnlos. So ist es mit allen Gegenst├Ąnden in Wohnungen. Sie haben keine Bedeutung und m├╝ssen weg. Es gibt Tage, da muss man einfach alles ├Ąndern. Man will neue Tapete an den W├Ąnden. Man will Farbe und Leben. Man will den Nagel aus der Wand ziehen, an dem schon seit Jahren kein Bild h├Ąngt. Man will den dreckigen Teppich nicht mehr sehen und auch nicht die Flecken, die man immer versuchte abzudecken, indem man Blument├Âpfe draufstellte. Der ganze alte Schrott muss verschwinden. Der ganze Rotz muss ein f├╝r alle mal aus allen Wohnungen, aus allen H├Ąusern, aus der ganzen Welt verschwinden. Schhh.
Ich liebe das Nichts. Man wird nicht abgelenkt und hat seine Ruhe. Shhhh. Hier habe ich meine Ruhe. Man muss sich von den Erinnerungen trennen. Man muss k├Ąmpfen. Die Erinnerungen machen einen fertig. Ich wei├č das. Jeder Gegenstand erz├Ąhlt doch nur seine Geschichte, die niemand h├Âren will. Man f├╝hlt sich so eingeengt, in der Enge der Gedanken.
Ich mochte es fr├╝her, mein Zimmer aufzur├Ąumen. Es war immer sauber. Jedoch fiel es mir immer schwer, Andenken oder Geschenke wegzuwerfen. Diese ganzen Gegenst├Ąnde, die man bekam oder kaufte und eigentlich nicht wollte und auch nicht brauchte, waren nur im Weg und lie├čen sich nicht zerst├Âren. Man will und kann die Marzipan-Rose aus L├╝beck, die schon jahrelang im Schrank liegt, nicht mehr sehen. Man hasst Marzipan, man hasst Rosen und man hasst L├╝beck. Aber trotzdem muss man sich ├╝berwinden das Schei├čteil endlich in den M├╝ll zu hauen. Jedoch sp├Ątestens am n├Ąchsten Morgen kramt man die Rose wieder aus dem M├╝ll und alles bleibt beim Alten. Zu den vielen Gedanken und Gef├╝hlen, die sich um die Rose hegen, gesellt sich nur noch das Schuldgef├╝hl, weil man sie einst wegwerfen wollte. Die Rose liegt wieder im Schrank, man hat verloren und hasst sie noch mehr. Der Rose ist es egal und mir auch. Ich musste mich von allem trennen, was mir lieb war und ich bin froh dar├╝ber. Ich wurde von allem getrennt. Auch von Lena.

Jetzt habe ich Angst. Schhh. Sie finden das komisch? Nein, das ist es nicht. Ich meine es Ernst und das ist es auch. Aber ich habe Angst. Ich habe schon immer Angst gehabt. Sie wissen nicht, wie das ist, wenn man vor allem und jedem Angst hat. Ich meine nicht die Angst-vor-Spinnen-Angst oder H├Âhen-Angst. Man f├╝hlt sich unsicher und allein. Ich denke, es war die Einsamkeit, die mich immer begleitet. Die Einsamkeit hat mir Angst gemacht. Nachdem ich sie verlassen musste, war ich wieder allein und hatte Angst. Hier habe ich Angst. Schhh. Lena war die einzige, die mir meine Angst nahm. Nein. Sie machte mir meine ├ängste ertr├Ąglicher, denn bei ihr bekam ich eine andere Angst. Eine, die mich nicht st├Ąndig verfolgte, sondern nur in ihrer Gegenwart. Es war wie ein Tausch. Es war kein guter Tausch, aber da ich mit Lena zusammen sein wollte, blieb mir nichts anderes ├╝brig. Bei ihr hatte ich diese Ich-Darf-Mich-Nicht-Blamieren-Angst. Immer, wenn wir uns trafen, wurde ich fast verr├╝ckt. Mein Herz schlug wie wild und ich verga├č alles um mich herum und war gl├╝cklich. Sie stand im Mittelpunkt und ich bewunderte sie. Ich wollte auf mich aufmerksam machen. Um meine Angst zu verstecken, redete ich viel. Ich wollte, dass sie mir zuh├Ârte, aber gesagt hatte ich nichts. Ich war immer darauf bedacht, nicht peinlich zu sein und ich denke, dass es mir nicht gelungen ist.
Nein. Es kann mir gar nicht gelungen sein. Warum? Ich bin zu verliebt. Ja. Ich bin verliebt. Und das war das Schlimmste, was mir passieren konnte. Nicht, dass ich nicht gl├╝cklich war, aber diese Angst, die mich auf Schritt und Tritt verfolgte, zerst├Ârte alles. Das klingt verr├╝ckt und das ist es wohl auch.

Es fing alles ganz harmlos an. Wir trafen uns in Kneipen, die ich hasste, in Kinos, die ich liebte, und trafen uns immer wieder zuf├Ąllig. Ehrlich gesagt, war es oft mehr als ein Zufall. Es war mein Drang sie zu sehen und bei ihr zu sein. Sie ertrug diesen Drang und klagte nie. Ich war immer gl├╝cklich, wenn ich mit ihr zusammen war. Sie merkte nie, dass ich oft ihr Schicksal in die Hand nahm. Sie wollte scheinbar so leben und musste es auch, denn ich konnte mich nicht von ihr l├Âsen.
Sie konnte sich jedoch von mir l├Âsen. Sie k├╝ndigte von heute auf morgen und verlie├č Berlin. Sie ging, soviel ich h├Ârte, nach M├╝nchen. Ich war ├╝berrascht. Sie nahm mein Schicksal in die Hand. Ich hatte nie damit gerechnet, dass sie mich so im Stich lassen k├Ânne. Ich war entt├Ąuscht von meiner Lena. Ich konnte es nicht verstehen. Ich wollte sie wiedersehen und nahm wieder ihr Schicksal in die Hand.
Es war kein Zufall, dass wir dreizehn Tage nach ihrer Flucht ein Gastspiel in M├╝nchen hatten. Ich setzte alle Hebel in Bewegung, damit ich mit einem richtigen Grund nach M├╝nchen kommen konnte. Eigentlich wollte ich alles vergessen, alles aufgeben, besonders Lena. Aber es gelang mir nicht. Ich hoffte, sie nie wieder zu sehen, aber wir lie├čen einander nicht frei. Mich zog es, als wir in M├╝nchen angekommen waren, durch alle Stra├čen, in alle Abstellkammern und quer durch die ganze Stadt. Die ganze Kraft f├╝r meine t├Ąglichen Expeditionen gab mir die Hoffnung, sie bald wiederzusehen und wieder mit ihr zusammen zu sein.
Nach zwei Tagen wusste ich, wo sie wohnte. Ihr neues Zuhause war aber mehr eine Art Notunterkunft, ein Bunker in einem nie endenen Krieg, der sie zwar sch├╝tzte, aber der ihr nicht gefiel. Es war ein Neubau, der so klein war, dass sie sich sicher nicht wohlgef├╝hlt hatte. Die Wohnung bot nicht genug Platz f├╝r ihre Energie, ihre Kraft und ihre Sch├Ânheit.
Jeden Tag lief ich die Stra├če vor ihrem Haus drei Stunden lang auf und ab, um ihr dort zuf├Ąllig zu begegnen. Ich vermutete, dass sie wahrscheinlich sehr fr├╝h das Haus verlassen w├╝rde, denn sie schlief, genau wie ich, nicht sehr lang.
Wir gingen beide sp├Ąt ins Bett und standen fr├╝h auf. Ich wusste viel ├╝ber ihr Leben und ihre Gewohnheiten, weil sie st├Ąndig davon erz├Ąhlte. Ich wusste, was sie in der Nacht trug und wann sie schlafen ging, obwohl wir nie miteinander geschlafen haben. Es kam einfach nicht dazu, und ich denke, dass ich mich auch nicht getraut h├Ątte. An diesem Punkt, wenn ich uns beide zusammen in einem Bett sah, wurde meine Ich-Darf-Mich-Nicht-Blamieren-Angst am gr├Â├čten. Ich hatte wirklich Schiss vor ihr zu versagen, daher lie├č ich es nie dazu kommen. Dieser eine Akt war mir nie so wichtig gewesen. Ich habe nie verstanden, warum dieser eine Augenblick, der so sch├Ân und doch so eklig ist, das sein soll, wof├╝r man lebt. Es ist sch├Ân, aber nicht das, was ich von ihr will. Ich fand es viel sch├Âner, neben ihr aufzuwachen, aber auch dazu kam es nie. Ich habe es aber geschafft, dass ich sie am f├╝nften Tag zuf├Ąllig vor ihrer Haust├╝r antraf.
Sie war ├╝berrascht. Und dieser Blick, wenn sie ├╝berrascht ist, ist das Sch├Ânste an ihr. Ihre rehbraunen Augen werden gro├č, sie zieht die Augenbrauen nach oben, richtet ihren Kopf ein St├╝ck nach rechts und dann l├Ąchelt sie. Sie fiel mir in die Arme und schien sichtbar gl├╝cklich. Sie war gl├╝cklich jemanden zu sehen, den sie kannte. Die Erinnerung an mich machte sie gl├╝cklich. Und mich auch. Ich genoss es, von ihr umarmt zu werden. Und merkte schon damals, dass sie ungl├╝cklich war in dieser Stadt voller Chaoten, die auch sie nicht verstanden. Sie floh vor mir aus ihrer Heimat, aus ihren Wurzeln und konnte nicht mehr leben, da ihr der Antrieb fehlte. Sie vegetierte nur vor sich hin. Sie hat mir nie gesagt, dass ich die Ursache war, aber im Grunde habe ich nie daran gezweifelt. Warum auch sonst hat sie mir nie gesagt, dass sie weg will. Sie h├Ątte alles mit mir besprechen k├Ânnen, aber sie tat es nicht. Sie haute einfach ab.
Ich dachte, dass ich sie ├Ąndern k├Ânnte, aber das kann man nicht. Man kann keine Menschen ├Ąndern, jedenfalls nicht so, wie man sie haben will. Man erreicht immer das Gegenteil.
Aus Liebe zum Theater sprang sie f├╝r die neue Frau der Maske ein, die auf der Zugfahrt nach M├╝nchen krank geworden war und nun das Hotelzimmer h├╝ten musste.
Es war wie ein Traum. Ich war gl├╝cklich. Es war ein Zeichen, denn alles war so wie fr├╝her. Es war alles so vertraut und so gl├╝cklich. Wieder fuhr sie mit ihren H├Ąnden durch meine Haare und machte mir einen Zopf, wieder puderte sie mir das Gesicht und wieder setzte sie mir eine Maske auf wie sie es hunderte Male zuvor gemacht hatte. Doch diesmal war es viel k├╝hler als sonst. Das Gef├╝hl und die Liebe fehlten. Sie war kalt und mechanisch. Sie gab nur vor mich zu m├Âgen, das sp├╝rte ich, aber ich sp├╝rte auch, dass sie mich liebte. Ich hoffte es.

Ich hoffe es immer noch. Ich wei├č es nicht, weil es jetzt zu sp├Ąt ist und ich es nie erfahren werde, warum sie mich liebte, warum sie mich hasste, warum sie wegging, warum sie wiederkam, denn sie kam wieder nach Berlin.
Ich sitze hier stundenlang und wei├č es nicht. ├ťber uns haben wir nur selten gesprochen. Eigentlich war immer alles klar und es gab nichts zu besprechen. Sie machte, was sie wollte, und ich machte alles f├╝r sie. Wir n├Ąhern uns immer mehr an, aber sie wird mir immer fremder. Ich wei├č es nicht. Es entstand ein Ungleichgewicht zwischen uns, das wir nicht ausgleichen konnten. Aber so ist das in der Liebe. Die Liebe kann nicht jeden zufrieden stellen. Ich wei├č nicht, wie das gehen soll.
Man wird dumm hier. Wenn man hier ist, ist man nicht dumm, man ist es, wenn man wieder rauskommt, wenn man je wieder rauskommt, was nur den Wenigsten gelingt. Es ist immer das Gleiche. Immer das Gleiche, das ist das Schlimme. Es wird sich nichts ├Ąndern. Schhh. Eigentlich hat hier jeder seine eigene kleine Welt. Hier kann jeder f├╝r sich Gott sein, denn man kann selbst bestimmen, was geschehen soll. Man herrscht ├╝ber sich, ├╝ber seine Gedanken, seine W├╝nsche, seine Erinnerungen, sein Ich. Jeder wei├č, dass nach dem Fr├╝hling der Sommer folgt, nach dem Sommer der Herbst und nach dem Herbst der Winter und dann geht es wieder von vorn los. Es ist auch in der richtigen Welt immer das Gleiche. Manchmal sind die Winter w├Ąrmer und die Sommer k├Ąlter, als der Lebende es gewohnt ist. Aber man muss sich nur anpassen. Ich habe mich hier auch angepasst und es hat ihr und mir gut getan. Wir fanden wieder zueinander. Wir n├Ąherten uns wieder an. Ich rief sie an und traf sie. Ich passe mich ihr an, damit sie nicht wieder flieht. Ich wollte bei ihr sein und sie besch├╝tzen. Sie sollte keine Angst haben. Hier ist es auch so, ich muss mich nur anpassen, dann ist alles gleich und ich kann leben. Ich wei├č, was ich tue, mir ist es bewusst, was nicht bei jedem der Fall ist. Man muss f├╝r sich k├Ąmpfen.

Wir hatten uns also wiedergefunden, Lena und ich. Wir gingen wieder nach Berlin. Sie kam wieder mit, weil Bayern einfach nicht ihr Klima sei, wie sie sagte. Ich wusste, dass sie nur wegen mir wieder zur├╝ckkam. Sicherlich haben wir diesen Abstand gebraucht. Wir brauchten die drei Monate, die wir uns nicht sahen. Jetzt war alles so wie fr├╝her und ich war gl├╝cklich. Ich hatte f├╝r sie gek├Ąmpft und hatte gewonnen. Ich bin ein K├Ąmpfer. Das wusste ich schon immer.

Auch fr├╝her in der Schule. Nie hat jemand gewagt mich anzufassen oder sich mit mir anzulegen, weil sie genau wussten, dass ich ein K├Ąmpfer bin und mich nicht unterdr├╝cken lasse. Ich war noch nie abh├Ąngig von irgendjemandem, ich habe immer allein gek├Ąmpft. Jeden Tag aufs Neue habe ich meinen Mut und meine St├Ąrke bewiesen. Und es ist mir immer gelungen. Ich war der Sch├╝ler, der den Lehrern sagte, dass sie Mist erz├Ąhlen, ich war der Sch├╝ler, f├╝r den alle M├Ądchen schw├Ąrmten, ich war der Sch├╝ler, der immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte, ich war der Sch├╝ler, der immer die tollsten Ferien hatte und ich war der Sch├╝ler, den jeder seine Hausaufgaben und sein Taschengeld gab. Ich war der Held der Klasse, ich wurde von allen geliebt. Ich bin ein K├Ąmpfer. K├Ąmpfer sind so. K├Ąmpfer m├╝ssen so sein.
Ich bin kein K├Ąmpfer. Nein. Ich will Sie nicht bel├╝gen. Ich will Ihnen die Wahrheit erz├Ąhlen. Schhh. Sie sollen von der Wahrheit wissen. Es war anders. Ganz anders.
Immer haben alle gegen mich gek├Ąmpft. Immer wurde ich geschuppst und geh├Ąnselt, nur weil ich ein guter Sch├╝ler sein musste. Es ist mir nie gelungen, meinen Mut und mein St├Ąrke zu beweisen. Ich suchte immer Schutz bei den ├älteren, die mich dann aber doch nur ins offene Messer laufen lie├čen. Ich bin der Sch├╝ler, der den Lehrern die Tafel wischte, ich bin der Sch├╝ler, der nie ein M├Ądchen gek├╝sst hat, ich bin der Sch├╝ler, der nie was zu sagen hatte, ich bin der Sch├╝ler, der immer zu Hause sa├č oder mit seinen Eltern an den Wannsee fuhr und ich bin der Sch├╝ler, der jedem seine Hausaufgaben und sein Taschengeld gab. Ich war die Waise der Schule, alle hassen mich. Alles, was sie mir lie├čen, war die braune Tasche, die ich einst von meinem Vater zur Jugendweihe geschenkt bekam. Daf├╝r zeigten sie kein Interesse. Zumindest beschr├Ąnkte es sich darauf, dass sie die Tasche nie zerschnitten oder klauten wie sie es mit meinen Schuhen, Jacken und Turnbeuteln taten.
Wenn ich auch sonst nichts hasse, aber meine Eltern hasse ich daf├╝r, dass sie mich so zur Schule gehen lie├čen. Ich war der letzte Trottel, der scheinbare Sohn von zwei Altkleidercontainern. Meinem Ansehen nutzte es auch nicht, dass ich immer der Beste war. Ich war wirklich nie schlecht. Ich war immer ein guter Sch├╝ler, flei├čig und artig, nett und hilfsbereit. Daf├╝r hasse ich meine Eltern. Ich will nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Ich habe alles zerst├Ârt, was mich an sie erinnert. Das ist das Einfachste. Jetzt sind sie fort. Ich kenne sie nicht mehr. Sie haben mich immer gezwungen zu lernen, zu lesen und zu rechnen. Und ich habe nicht gek├Ąmpft. Ich war kein K├Ąmpfer. Ich wollte immer einer sein, aber ich habe es nie geschafft. Man kann es auch nicht schaffen. Entweder man wird als K├Ąmpfer geboren oder man stirbt.

Lena ist eine K├Ąmpferin. Sie k├Ąmpft gegen mich. Das ist unser Spiel. Sie k├Ąmpft gegen mich, wie es jeder tut, der mich kennt oder nur auf der Stra├če sieht. Lena ist die beste K├Ąmpferin, die ich je gekannt habe. Und ich habe viele Menschen gekannt. Damals. Damals, als alles noch besser war. Als alles noch freier und abwechslungsreicher war. Damals. Damals, als ich mit Lena stundenlang telefonierte, damals als wir zusammen ins Kino gingen, damals als wir die Stadt nach neuen besseren und gr├Â├čeren Abstellkammern absuchten, damals als ich noch nicht hier war.
Hier, hier ist mein Ende. Hier komm ich nicht raus. Hier bin ich und hier werde ich bleiben, bis die Zeit kommt, dass ich gehen darf. Die Zeit, die Lena schon l├Ąngst eingeholt hat, aber mich noch nicht einmal bemerkt. Es kann wohl noch ewig dauern, aber ich werde k├Ąmpfen, denn heute bin ich ein K├Ąmpfer. Ich werde es schaffen und die Wahrheit ans Licht bringen. Die Wahrheit, die uns alle angeht. Nicht nur mich und Lena. Wir wissen, was die Wahrheit ist, aber die Welt soll es auch wissen. Denn es ist nicht einfach mit einer L├╝ge zu leben. Das ist das Schwerste. Die L├╝ge. Ich bin ganz offen. Ich habe immer gelogen und werde immer l├╝gen. Schhh. Aber nicht heute und nicht jetzt. Sie sollen die Wahrheit erfahren und in die Welt tragen. Ich kann es nicht, ich bin hier. Aber Sie, Sie sind frei, Sie k├Ânnen mit U-Bahnen fahren, wie ich es auch mit meiner Lena getan habe. Wir sind viel umhergefahren, einfach nur so. Es war der Ort der Ruhe und Erholung f├╝r uns beide. Dort konnten wir wir sein und einander lieben. Jeden Tag, au├čer montags, fuhren wir zusammen ins Theater. Jeden Morgen wartete ich auf sie. Sie wusste genau, dass ich auf sie warten w├╝rde, aber sie kam selten p├╝nktlich. Ich musste immer warten. Wenn ich auch sonst nicht hasse, aber Menschen, die unp├╝nktlich sind, hasse ich. Ich kann es nicht ausstehen, warten zu m├╝ssen. Ich hasse die Unp├╝nktlichkeit. Schhh. Die P├╝nktlichkeit gibt mir ein Gef├╝hl von Sicherheit. Unsicherheit verbreitet sich in mir, wenn ich warten muss. Diese Unsicherheit vermischt sich mit Hass.

Es war ein Sonntag im September. Lena und ich wollten auf eine Party gehen. Das hei├čt, eigentlich wollte nur Lena auf diese Party und ich wollte mit Lena zusammen sein. Es war eine der Partys, die sie so liebte und die so angesagt waren, dass man sie gar nicht verpassen durfte. Wir haben es dann aber doch geschafft. Ich stand auf dem Bahnhof und freute mich auf das U-Bahnfahren und auf Lena. Ich war wie immer drei├čig Minuten fr├╝her am Treffpunkt und wurde dadurch unfreiwillig in die Rolle des Warters gedr├Ąngt. Ich war immer zu fr├╝h, weil ich nicht unp├╝nktlich sein wollte und weil ich nicht in Hektik geraten wollte. Ich fand das Gef├╝hl gr├Ąsslich, das einem sagte, dass man noch zwanzig Minuten hat, aber drei├čig braucht. Ich war p├╝nktlich und wartete auf Lena. Nat├╝rlich war sie wie immer zu sp├Ąt. Aber das st├Ârte mich bei ihr nicht. Ich wartete geduldig. 20, 30, 40, 50 Minuten. Nach einer Stunde kam sie und meinte sie h├Ątte noch zu tun gehabt. Ich war froh sie zu sehen. Ich freute mich auf unseren gemeinsamen Abend. Ich freute mich auf Lena. Ich freute mich ihre Stimme zu h├Âren. Ihre wunderbare Stimme, die mir dann sagte, dass sie doch wieder nach Hause m├╝sse, weil sie sich nicht wohlf├╝hle und weil sie so m├╝de sei. Es war ein Abend, den ich nicht mochte. Es war ein gr├Ąsslicher Abend. Es war ein Abend wie jeder andere. Ich fuhr wieder nach Hause und sie auch.
Sie hatte mich wieder geschlagen in unserem Spiel, in unserem Kampf, aber das ist mir erst heute bewusst. Damals war ich deprimiert, dass sie mir die Freude nahm. Ich konnte es nicht fassen, dass sie so gelassen war, dass sie sich nicht freute, dass es ihr immer egal war. Aber sie hatte mir gesagt, dass es ihr nicht gut gehe. Ich glaubte ihr. Es war wohl besser so. Am Ende eines solchen Abends war ich froh meine ├╝brig gebliebene Vorfreude auf den schon l├Ąngst vermasselten Tag noch zu haben, denn die konnte sie mir nicht nehmen. Aber ehrlich gesagt, war das Gef├╝hl, das an die Stelle der Vorfreude trat, viel schlimmer. Ich war traurig und zweifelte an Lena, aber ich liebe sie.
Ich liebe sie auch daf├╝r, dass sie mich am selben Abend anrief. Das war wohl auch das Besondere an diesem Abend. Es war das erste Mal, dass sie bei mir angerufen hatte, das erste Mal, dass sie meine Nummer w├Ąhlte, das erste Mal, und auch das ist mir erst heute bewusst geworden, dass sie etwas von mir wollte, sie wollte den Kontakt zu mir, sie wollte meine Nummer w├Ąhlen, sie wollte mit mir sprechen, sie wollte mich. Ich war gl├╝cklich und schockiert zu gleich. Ich konnte es nicht fassen, dass ich, nachdem ich den H├Ârer von der Gabel genommen hatte, ihre Stimme h├Ârte. Es war ein wunderbares Gef├╝hl und mein Herz begann sehr schnell zu schlagen. Ich bekam wieder die Ich-Darf-Mich-Nicht-Blamieren-Angst und wusste nicht, was ich sagen sollte. Ich schwieg. Ich schwieg wie immer, wenn wir miteinander sprachen. Ich war nicht darauf vorbereitet. Ich erfuhr nur, dass sie mit mir sprechen wolle. Es sei dringend, f├╝gte sie hinzu. Ich wusste, dass ich endlich gewonnen hatte. Ihr war es nicht mehr egal, dass sie mich einfach stehen gelassen hatte. Sie wollte mich. Ich hatte gewonnen. Ich hatte meinen ersten Kampf gewonnen und war kein Verlierer mehr. Ich war der Gewinner und der gl├╝cklichste Mensch der Welt.
Noch Stunden nach dem Anruf zitterten meine H├Ąnde und ich bewegte mich nicht. Ich sa├č einfach nur in meinem Zimmer und wartete. Ich hatte alles erreicht. Sie liebte mich.
Mein Kopf war durchtr├Ąnkt von Informationen, die immer unsinniger wurden, je l├Ąnger ich dar├╝ber nachdachte. Ich dachte viel dar├╝ber nach, was sie mir erz├Ąhlt hatte. Wollte sie mich um zehn, oder um elf, oder um zehn nach elf, oder elf vor zehn oder am 10. um elf sehen. Da wir aber den 28. hatten und es schon um zehn war, ging ich los, in der Hoffnung, dass sie mich heute um elf sehen wollte. Ich war wie immer schon halb elf da, und somit konnte ich nichts falsch machen. Ich freute mich auf Lena und unseren gemeinsamen Abend.
Lena hatte die Abstellkammer ausgesucht, in der wir auch jeden Abend nach dem Theater waren, wir und die anderen Schauspieler und Theatermenschen. Ich freute mich nicht auf die Abstellkammer und auch nicht auf die ganzen Menschen, aber ich wusste, dass wir diesmal allein sein w├╝rden, allein zu zweit, denn sie hatte mich angerufen und sie wollte mit mir sprechen, sie wollte mich sehen, sie wollte meine N├Ąhe sp├╝ren.
Ich musste nat├╝rlich auf Lena warten, denn ich war der Warter und sie kam p├╝nktlich, wenn es nach ihrer Uhr ging. Es war wohl auch besser so. Ich setzte mich an einen Tisch, der in der hintersten Ecke stand und hinter dem ein Fenster war. Ich setzte mich mit dem R├╝cken zu den Menschen, die sich dort aufhielten, schaute aus dem Fenster und trank mein Bier. Schluck f├╝r Schluck. Lena kam um zw├Âlf.
Sie setzte sich an meinen Tisch. Sie schaute mich an. Ich war gespannt, wie sie mir sagen wolle, dass sie mich liebe und dass sie mit mir zusammen sein wolle. Ich l├Ąchelte sie an, doch sie reagierte nicht. Sie war wohl sehr aufgeregt und nerv├Âs, weil so ein gro├čer Schritt vor ihr lag. Sie schaute mich an und sagte nichts. Dann holte sie Luft. Mein L├Ącheln wurde immer gr├Â├čer und im Prinzip wusste ich ja, was sie mir sagen wollte. Ich war ihr zum ersten Mal ├╝berlegen, weil sie meine Angst hatte, sie musste sich ├╝berwinden, sie wollte es mir sagen. Daf├╝r liebte ich sie. Sie holte Luft und meinte, dass es aus und vorbei sei. Sie sagte, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben wolle und dass ich sie endlich in Ruhe lassen solle. Dann holte ich Luft. Es war wie ein Schlag ins Gesicht, der mein L├Ącheln in Luft aufl├Âste. Sie hatte wieder gewonnen. Damit hatte ich nicht gerechnet. Ich sa├č da und schaute sie nur an. All meine Tr├Ąume, all meine Hoffnung waren dahin und ich begann zu lachen. Sie hatte wirklich einen fabelhaften Humor. Ich lachte und lachte und liebte sie daf├╝r. Sie war eine gro├čartige Person. Ich konnte mich nicht mehr halten. Sie sa├č da wie versteinert und regte keinen Muskel ihres Gesichts. Ich lachte. Dann holte sie aus ihrer Tasche die Briefe, die ich ihr geschrieben hatte. Alle Briefe waren unge├Âffnet. Sie gab sie mir zur├╝ck. Sie gab mir meine Liebe zur├╝ck. Sie gab mir mein Leben zur├╝ck, das ich ihr geschenkt hatte. Es war also endg├╝ltig. Das verstehe ich erst heute. Sie wollte wirklich nichts mehr mit mir zu tun haben und sie hat sich von allen Erinnerungen getrennt. Sie hat an diesem Abend nicht mehr viel gesagt. Sie sa├č nur da und h├Ârte mir zu. Sie h├Ârte mir zu und schien sich auch f├╝r mich zu interessieren. Sie liebte mich also doch. Es war nur wieder ein neues Spiel von ihr. Sie hatte einen fabelhaften Humor. Sie h├Ątte mir auch am Telefon sagen k├Ânnen, dass es aus sei. Sie h├Ątte die Briefe wegschmei├čen k├Ânnen, sie h├Ątte wegziehen k├Ânnen aus Berlin, aber das tat sie nicht. Sie kam zu mir in ihre Abstellkammer und zeigte mir, dass sie mich liebte. Sie blieb sitzen und h├Ârte mir zu. Sie interessierte sich f├╝r mich, f├╝r mein Leben, f├╝r meine Liebe. Es war einfach einer der sch├Ânsten Abende.
Die n├Ąchsten Wochen und Monate ├╝bertrafen alles. Jetzt, wo ich wusste, dass sie mich auch liebte, schrieb ich ihr noch mehr Briefe, ich rief sie t├Ąglich an, ich ├╝berraschte sie, wo ich nur konnte.

Sie ├╝berrascht mich auch. Sie ├╝berraschte mich, sie schockte mich mit einer Tat, die ich von ihr nie erwartet h├Ątte. Das soll nicht hei├čen, dass ich mich dar├╝ber freue. Im Gegenteil, daf├╝r hasse ich sie. Wenn ich auch sonst nichts hasse, aber Lena hasse ich f├╝r diese Tat. Nein, sie rief mich nie wieder an. Es war endg├╝ltiger als alles andere, schlimmer als alles andere und auch liebevoller als alles andere.
Es war dieser besagte Dienstag im April. Der Dienstag, als mein Schl├╝ssel verschwand, der Dienstag, an dem sie vor mir hing und ich in der K├╝che sa├č und meinen Apfel a├č. Der Dienstag, den ich nie vergessen werde, der Dienstag, der kein wirklicher Dienstag mehr ist, der Dienstag, der alles ver├Ąndert hat, und der Dienstag auf den ein ungew├Âhnlicher Mittwoch folgte.
An diesem Mittwoch erwachte ich zum ersten Mal neben ihr. Meine Tr├Ąume hatten sich endlich erf├╝llt, endlich schlief ich zusammen mit ihr ein, endlich wachte ich zusammen mit ihr auf. Ich erwachte als erster. Sie war immer noch eiskalt und hatte immer noch einen roten Hals wie am Abend davor. Sie schien sich nicht ver├Ąndert zu haben. Sie lag friedlich in meinem Bett und schien gl├╝cklich zu sein. Und ich war es auch. Es sollte der sch├Ânste Mittwoch in meinem, in unserem Leben werden. Ich stand auf und wollte f├╝r uns Fr├╝hst├╝ck machen.
Ich hasse Fr├╝hst├╝cke, weil sie keinen Sinn machen. Aber sie liebe sie. Am Liebsten sa├č sie in einer ihrer Abstellkammern und a├č stundenlang Fr├╝hst├╝ck. Ich verstand es nicht zu fr├╝hst├╝cken. Ich war kein Fr├╝hst├╝cker. Ich war wie jeder normal Mensch, am Morgen m├╝de und hatte keine Lust zu irgendwas. Ich wollte nur wieder schlafen und tat nur das N├Âtigste um am Leben zu bleiben und mich auf den Tag, auf den n├Ąchsten Kampf, vorzubereiten. Fr├╝hst├╝cker sind wunderbare Menschen. Sie sind immer voller Energie. Sie brauchen keinen Schlaf, deshalb k├Ânnen sie auch stundenlang fr├╝hst├╝cken. Sie nehmen die Energie aus den Br├Âtchen, der Marmelade und dem Kaffee. Ich hatte nicht diese Energie. Ich war kein K├Ąmpfer. Ich bin kein K├Ąmpfer.
Trotzdem stand ich auf und machte f├╝r sie Fr├╝hst├╝ck. Ich stand nur in meiner Unterhose in der K├╝che und kochte Eier, Kaffee und schmierte Br├Âtchen. Ich setzte mich an den K├╝chentisch um Schnittlauch zu schneiden, denn R├╝hreier sind nichts ohne Schnittlauch. Das wusste auch ich. Es war das Gesetz der Fr├╝hst├╝cker, dass man R├╝hreier nur mit frischem Schnittlauch essen sollte. Das wollte ich nicht brechen. Am Tisch sitzend, sah einen braun gewordenen Apfel, der nur einmal angebissen wurde. Ich hatte wohl am Vortag vergessen, den Apfel aufzuessen. Als ich den Apfel auf dem Tisch liegen sah, kamen mir wieder die Erinnerungen, die ich heute alle vergessen will. Die ganzen Bilder vom Vortag kamen wieder zum Vorschein.
Ich sah, wie ich vor meiner T├╝r stand, wie die Stufen mir zu riefen, dass ich sie zulassen solle. Wie ich den Schl├╝ssel in meiner braunen Tasche, die ich einst von meinem Vater zur Jugendweihe geschenkt bekam, suchte, wie ich den Schl├╝ssel ins Schloss steckte, wie ich ihn umdrehte wie sich die T├╝r ├Âffnete, wie sie vor mir hing, wie sie vor mir hing und sich nicht regte, wie sie vor mir hing. Es war schrecklich. Ich konnte nicht verstehen, was ich da sah. Es war grausam. Ich wusste, nicht, was sie an dem Strick suchte, warum sie dort hing, was sie mir sagen wollte.

Dann ging es ganz schnell. Meine Eltern fanden meine Lena in meinem Bett und riefen die Polizei. Als ich am n├Ąchsten Tag von der Arbeit nach Hause kam und mich freute meine Lena zu sehen, sah ich nur drei Polizisten in unserer Wohnstube sitzen. Meine Mutter sa├č rauchend auf der Couch und weinte. Mein Vater schaute aus dem Fenster und sagte nichts. Ich wusste nicht, was vorgefallen war. Ahnungslos gr├╝├čte ich die Polizisten und wollte meine braune Taschen, die ich einst von meinem Vater zur Jugendweihe bekam, in mein Zimmer stellen. Doch als ich die T├╝r ├Âffnen wollte, hielt mich ein Polizist davon ab. Durch den T├╝rspalt konnte ich erkennen, dass zwei M├Ąnner in wei├čen Anz├╝gen mein Zimmer durchsuchten. Wonach sie suchten, wusste ich nicht. Ich hoffte nur, dass sie meine Lena nicht wecken w├╝rden, denn um diese Zeit schlief sie f├╝r gew├Âhnlich sehr lange. Sie schlief eigentlich immer, wenn ich nach Hause kam, aber auch, wenn ich das Haus verlie├č. Wir redeten, seit ich sie vom Strick nahm, nur sehr wenig miteinander. Sie schwieg. Ich erz├Ąhlte ihr von meinem Tag auf der Arbeit, den Theaterauftritten und von meiner U-Bahnfahrt. Sie schwieg. Sie interessierte es scheinbar nicht, aber ich war gl├╝cklich, dass wir endlich zusammen waren.
Der Polizist, der mich von meiner T├╝r weggezogen hatte, f├╝hrte mich in die K├╝che und deutete auf den K├╝chenstuhl, auf dem ich Platz nahm. Er stellte mir Fragen, ├╝ber mich, ├╝ber Lena und ├╝ber die Tage, bevor ich Lena kennen lernte. Ich antwortete ihm und erz├Ąhlte ihm die Wahrheit, so wie ich Ihnen die Wahrheit erz├Ąhle. Denn es liegt mir viel daran, dass Sie die Wahrheit erfahren. Ich habe sie nie erfahren d├╝rfen, weil ich hier bin. Ich bin kein L├╝gner. Sie haben mich hierher geschickt, um mir zu helfen. Aber ich brauche keine Hilfe. Ich bin ein K├Ąmpfer.

Nachdem ich die ersten Fragen des Polizisten beantwortet hatte, brachten sie mich ins Gef├Ąngnis. Sie trennten mich von meiner Lena. Sie trennten mich von allem, was ich besa├č, und ich bin es noch immer. Ich bin immer noch getrennt. Isoliert von allem. Gefangen in diesem winzigen Raum, der meine Vergangenheit, der meine Zukunft ist, der mein Ich ist. Ich bin der Raum, der mir St├╝ck f├╝r St├╝ck die Wahrheit zeigt, der mir St├╝ck f├╝r St├╝ck zeigt, dass ich ein K├Ąmpfer bin. Der Raum, in dem ich leben muss, der Raum, in dem ich leben kann, der Raum, in dem ich leben will. Hier geht es mir gut. Hier ist es einfach. Es ist alles gleich und nichts kann mich ├╝berraschen. Es ist, wie es ist. Hier kann ich gl├╝cklich sein, auch ohne meine Lena, die ich immer liebte und immer lieben werde. Hier bin ich gesch├╝tzt vor den Fremden, die die Wahrheit nicht verstehen, die die Wahrheit beschmutzen und die mir Fragen stellen. Fragen, die ich nicht beantworten kann. Fragen, die ich nicht beantworten will. Fragen, die mich verunsichern, die mich zweifeln lassen. Fragen, die die Wahrheit zerst├Âren. Aber ich will Sie nicht bel├╝gen. Ich will ehrlich sein. Schhh. Denn ich will, dass Sie die Wahrheit nach au├čen tragen.
Die Fragen, die sie mir am h├Ąufigsten stellten, war das Warum und das Wie. Mir war es klar, aber sie wollten es nicht verstehen. Sie wollten mir die Wahrheit nicht glauben. Ich erz├Ąhlte immer wieder und wieder meine Geschichte. Die Geschichte von Lena und mir. Ich begann bei unserem ersten Treffen und endete bei unserer letzten Nacht. Sie verstanden nicht, wie sie zu mir gekommen war, oder sie glaubten mir nicht. Es war ganz einfach, das habe ich denen auch zig mal erkl├Ąrt.
Lena kam zu mir, weil sie zu mir wollte. Sie wollte mich endlich sehen, sie wollte endlich mit mir zusammen sein. Ich freute mich an diesem Abend. Es war der Abend, bevor sie sich in unserer Wohnung erh├Ąngt hatte. Sie war nur kurz zu Besuch. Sie war nur kurz da und sagte, dass ich sie endlich in Ruhe lassen solle. Ich solle doch endlich aufh├Âren, sie anzurufen, ihr zu schreiben, sie zu treffen, zu leben. Sie drohte mir, dass sie weggehen w├╝rde, wenn ich es nicht t├Ąte. Sie sagte, dass sie es nicht mehr aushalte. Ich verstand sie nicht. Ich wusste nicht, warum sie zu mir kam und mir das alles erz├Ąhlte. Ich konnte es nicht verstehen. Sie stand in meiner T├╝r und erz├Ąhlte und erz├Ąhlte. Ich konnte ihr gar nicht richtig zuh├Âren und ich wei├č auch nicht genau, was sie mir erz├Ąhlte, weil ich einfach so gl├╝cklich war, dass sie bei mir geklingelt hatte, dass sie vor meiner T├╝r stand und zu mir wollte. Sie kam auch kurz in unsere Wohnung. Meine Eltern waren nicht da und so konnten wir ungest├Ârt sein. Sie schien sehr nerv├Âs zu sein. Es schien, als suchte sie etwas. Ich wollte ihr Tee und Rosinengeb├Ąck anbieten, da sie das am liebsten a├č. Aber sie wollte nichts. Sie erz├Ąhlte und weinte. Sie weinte und erz├Ąhlte. Ich wollte sie tr├Âsten und holte Taschent├╝cher aus der K├╝che, um ihr die Tr├Ąnen, die ├╝ber ihr wundersch├Ânes Gesicht rollte, zu stoppen. Als ich die Schublade ├Âffnete, fiel die Haust├╝r ins Schloss und Lena war verschwunden. Ich ging in den Flur und war allein. Sie war wieder fort. Sie war nicht mehr da. Ich sagte ihr noch, dass sie warten solle, dass alles besser werde. Aber jetzt war sie weg. Ich stand noch lange im Flur und starrte auf die T├╝r. Es roch nach Lena in unserem Flur. Ich stand da und atme tief, um den Geruch von Lena in mir aufzunehmen. Das ist alles, was mir von ihr blieb an diesem Abend. Als meine Eltern nach Hause kamen, stand ich immer noch im Flur und hielt die Taschent├╝cher in der Hand. Lena war fort. Ich rief sie an, aber sie nahm nicht ab. Ich fuhr zu ihr, aber sie ├Âffnete nicht. Lena musste wohl ihre Gef├╝hle verarbeiten. Sie musste verstehen, dass sie mich liebt.
Wie sie in unsere Wohnung kam, wei├č ich nicht. Wie sich sie dort erh├Ąngt hat, wei├č ich nicht. Ich wei├č nur das Warum. Und ich denke, dass es Ihnen auch klar ist. Ich habe der Polizei erz├Ąhlt, dass wir einander lieben. Dass ich sie liebe und dass sie mich liebt. Das ist die Wahrheit. Sie tat es wohl aus Liebe. Aus Liebe gab sie mir ihr Leben. Sie konnte sich nicht anders ausdr├╝cken. Sie war nicht so wie ich. Sie war anders. Sie war Lena. Lena, die ich liebe und f├╝r dich ich alles getan h├Ątte. Sie f├╝hlte wohl auch so. Sie hat alles f├╝r mich getan und schenkte sich mir. Sie gab sich auf, damit ich sie lieben konnte. Sie wollte nicht mehr die K├Ąmpferin sein. Sie wollte meine Lena sein und das hat sie geschafft. Wir waren uns so nah. Ich h├Ątte es auch getan, f├╝r Lena, aber sie liebte mich mehr. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, dass ich so lang gez├Âgert habe. Warum habe ich ihr nicht eher bewiesen, dass ich sie liebe? Sie war schneller und daf├╝r liebe ich sie. Ja, ich bin schuld, aber sie hat sich dazu entschieden.
Ich bin schuld. Aber das wei├č ich erst heute. Sie haben mir geholfen. Ich wei├č, dass ich schuld bin, weil ich zu lang gewartet habe. Wir waren beide blind und haben zu lang gez├Âgert. Ich habe verloren. Ich bin kein K├Ąmpfer. Sie ist die K├Ąmpferin und sie hat gewonnen, darum habe ich Schuld. Ich bin schuld an meiner Niederlage und an ihrem Sieg. Das vereint uns und das machte mich gl├╝cklich. Schhh.
Das machte mich gl├╝cklich, bis sie mir erz├Ąhlten, dass ich sie nie wieder sehen w├╝rde. Nie wieder. Ich w├╝rde Lena nie wieder sehen. Ich wartete Monate, Jahre auf sie. Ich wartete und wartete, aber sie kam nicht. Ich blieb ruhig und dachte an sie, aber dass machte mich krank, dass machte mich wild. Ich wollte zu ihr. Ich wollte zu ihr mit der U-Bahn fahren. Ich wollte nicht an sie denken, obwohl ich sie liebe. Ich wollte sie vergessen, aber es ging nicht, darum wollte ich zu ihr. Ich wollte zu ihr und versuchte zu fliehen. Ich versuchte zu ihr zu kommen, aber es gelang mir nicht. Ich war wieder zu langsam. Ich verlor wieder. Ich bin kein K├Ąmpfer. Es war vor exakt 352 Tagen, aber das wissen Sie schon. Jetzt bin ich hier und sie reden viel mit mir. Sie reden viel mit mir. Sie reden ├╝ber Lena und mich, meine Eltern und mich und ├╝ber alles, was ich Ihnen erz├Ąhlt habe.
Heute warte ich noch immer auf Lena. Sie haben mir immer wieder und wieder erz├Ąhlt, dass sie nicht kommen w├╝rde, weil sie tot sei. Ich glaube ihnen nicht. Wie kann meine lebendige Lena tot sein? Wie kann Lena, die ich liebe tot sein? Ich verstehe es nicht und glaube ihnen nicht. Lena h├Ątte mich nie verlassen. Sie ist nicht tot. Sie ist nicht mehr da. Ich hatte sie gewonnen, aber sie ist nicht mehr da. Sie war mir so nah wie nie zuvor, aber doch so unerreichbar weit weg. Meine Lena haben sie mir weggenommen. Meine Lena, die mich liebt. Sie hatte mich schon immer geliebt und wird mich immer lieben. Und wird mich immer lieben m├╝ssen. Sie, die mir hier helfen wollen, versuchen meine Gedanken, meine Erinnerungen zu ├Ąndern und zu zerst├Âren, aber das lasse ich nicht zu. Ich bleibe hier in meiner Welt und will Lena nicht vergessen. Ich kann und will mich nicht von ihr trennen. Wir geh├Âren zusammen. Lena und ich. Das ist die Wahrheit. Es ist die Wahrheit, die ich Ihnen heute erz├Ąhlt habe. Ich bin kein L├╝gner. Das sollen Sie wissen. Ich bin unschuldig. Ich bin hier, obwohl ich unschuldig bin. Aber keiner glaubt mir. Sie beachten mich nicht. Sie sehen mich nicht an. Sie h├Âren mir nicht zu. Sie sind wie die Sch├╝ler in meiner Klasse. Es ist wie fr├╝her. Es hat sich nichts ge├Ąndert, nur dass ich meine Lena verloren habe. Sie ist fort. Sie ist tot, wie sie sagen. Sie kommt nicht wieder. Sie kommt nicht wieder und ich bin hier. Ich habe mich von allem trennen m├╝ssen. Ich wollte mich von allem trennen. Erinnerungen sind schrecklich. Man sollte keine Erinnerungen haben, sie machen einem das Leben kaputt. Das einzige, was ich noch von meiner Lena besitze, ist der Geruch, den ich nie vergessen werde und ein Brief.

Den Brief fand ich, als ich ihr am Morgen, nachdem sie sich geopfert hatte, das Fr├╝hst├╝ck zubereitete. Der Brief lag auf dem Schuhschrank im Flur. Diesen Brief, den ich bis heute nicht ge├Âffnet habe und vor allen versteckt gehalten habe, behielt ich als Erinnerung, obwohl ich mich dazu ├╝berwinden musste. Man sollte an nichts erinnert werden. Es ist schrecklich. Ich habe den Brief nicht der Polizei und auch nicht meinen Eltern gezeigt. Auch die Leute hier, wissen nichts von dem Brief. Der Brief, in dem sie mir ihre Liebe schildern wollte, in dem sie mir ihr Herz schenken wollte, war nur f├╝r mich bestimmt und f├╝r niemanden anderes. Der Brief war f├╝r mich, es war mein Brief. Heute werde ich ihn ├Âffnen, denn Sie sollen die Wahrheit erfahren. Ich muss k├Ąmpfen. Schhh. Es ist schwer ihn zu ├Âffnen, weil soviel Erinnerungen und soviel Wahrheit in ihm steckt. Ich wei├č, was sie mir sagen wollte, aber auch Sie sollen die Wahrheit erfahren. Jetzt werde ich ihn ├Âffnen. Sie schreibt:

Du hast gewonnen. Du kannst mich haben. Ich hasse dich!

Sie hat einen fabelhaften Humor. Drei S├Ątze, nicht mehr und nicht weniger. Sie ist so perfekt. Du hast gewonnen. Ich bin ein K├Ąmpfer. Du kannst mich haben. Ich bin gl├╝cklich. Ich hasse dich! Sie liebt ... sie hasst mich. Sie hasst mich. Sie hat mich immer gehasst. Es ist kein Scherz. Sie meint es ernst. Sie hasst mich. Sie hasst mich. Wenn sie jemanden hasste, dann war ich es. Ich verstehe. Ich verstehe sie nicht. Wie kann sie mich hassen, wenn ich sie liebe? Ich begreife nicht, warum sie mir nie was gesagt hat. Warum hat sie mir immer was vorgemacht? Warum hasst sie mich? Warum hat sie mir nie gesagt, dass sie mich nicht liebt?
Ich wollte immer in ihrer N├Ąhe sein, sie sehen, sie ber├╝hren, sie sp├╝ren, doch sie wollte das nicht. Sie wollte das einfach nicht. Sie wollte das einfach nicht. Doch so einfach war es nicht, weil ich es nicht verstand. Wir trafen uns, wir k├╝ssten uns, wir ... ja wir, waren nicht mehr sie und ich, sondern wir. Aber nur in meinen Augen, die sie dann nicht sehen wollten, wenn sie sich verschloss.
Und es ist besser so. Warum hasste sie mich? Warum konnte sie nicht lieben wie ich? Dazu waren wir doch zu verschieden. Es brachte nichts, sich f├╝r sie zu interessieren, sie zu bewundern, sie zu ├╝berraschen, sie zu lieben, denn sie hasste mich. Sie hasste mich aus tiefstem Herzen, weil ich sie liebte. Je n├Ąher ich ihr kam, je mehr ich von ihr wollte, desto mehr hasste sie mich. Die Gegens├Ątze wurden immer gr├Â├čer. Die Gegens├Ątze, die ich so liebte, brachten mich um den Verstand. Dann begann ich zu schreiben. Ich schrieb alles auf, was mir in den Sinn kam und schickte es ihr. Ich wei├č nur, dass ich es f├╝r sie geschrieben habe. Und da fange ich schon wieder an, mich zu vergessen und mich zu verstellen. Es war wohl die Verstellung, die sie hasste. Kennen sie das, wenn eine Uhr verstellt ist? Das hasst man.

Uhren liebte ich, vielleicht mehr als Lena. Damals, als mein Zimmer perfekt aufger├Ąumt war, hingen viele Uhren an meinen W├Ąnden. Ich begann eine Art Sammlung aufzubauen. Immer mehr und mehr Uhren, die sich der ganzen Wohnung bem├Ąchtigten, sammelte ich an meinen W├Ąnden. Ich liebte das Gef├╝hl von Ordnung und Disziplin in unserem Haus. Das fand alles Ausdruck in den Uhren, sie gingen alle gleich, auf die Sekunde genau. Es war ein Genuss den Uhren beim Ticken zu zuh├Âren. Es war jedes Mal ein Hochgef├╝hl, wenn die Zeiger der Uhren im gleichen Augenblick eine Minute weitersprangen und dies so genau und so rhythmisch taten, wie die U-Bahnen in die Bahnh├Âfe einfuhren.
Es soll Menschen geben, die genervt sind von dem Ger├Ąusch der Uhren und deren Exaktheit. Ich liebte die Uhren, bis auf eine. Diese eine gro├če blaue Uhr hatte sich im Laufe der Zeit immer mehr und mehr verstellt, ohne dass ich es bemerkt hatte, da sie an einer Stelle hing, zu der man nur selten sah. Wenn man jedoch auf diese Uhr sah, und obwohl man wusste, dass sie falsch gehen w├╝rde, erschrak man jedes Mal dar├╝ber, dass es schon so sp├Ąt sei. Wenn ich auch sonst nicht hasse, aber das hasse ich, wie Lena meine Verstellung hasste. Ich habe mich aber nie bem├╝ht die Uhr richtig zu stellen, denn an dem Abend, als ich Lena das erste Mal sah, fiel mir auf, dass sie falsch ging, und ich hielt es f├╝r ein Zeichen. Ein Zeichen, das uns beiden zum Verh├Ąngnis wurde.
Meine Verstellung war mir nicht bewusst. Ich ├Ąnderte mich immer mehr und mehr, und merkte es kaum. Die Sympathie, die sie f├╝r mich empfand, war immer da, aber ich war nicht mehr ich. Das habe ich erst heute verstanden. Heute, da es viel zu sp├Ąt ist. Heute, da ich Uhren hasse, denn sie engen ein. Man muss frei sein. Uhren machen Druck und nerven. Uhren machen alles falsch. In diesem Punkt scheinen sie mir zu ├Ąhneln. Sie verk├╝rzen die sch├Ânen Augenblicke und ziehen das Schreckliche in die L├Ąnge. Mit Uhren ist man nie zufrieden und auch nicht frei. Uhren sind grausam, genau wie die Ordnung. Alles habe ich vergessen. Alles habe ich ge├Ąndert. Alles habe ich aufgegeben f├╝r sie. Doch sie hat mich nicht geliebt, das war das Schlimmste. Und sie hat die gerechte Strafe bekommen. Aber jetzt ist es zu sp├Ąt. F├╝r sie und f├╝r mich. Und es ist besser so.
Am Anfang nahmen wir uns in die Arme, wenn wir uns sahen, und das war, was ich wollte. Ich wollte ihre N├Ąhe sp├╝ren. Sie sp├╝rte, dass es zu nah war und winkte nur noch. Sp├Ąter nickte sie nur noch und dann sah sie mich noch nicht einmal, wenn ich vor ihr stand. Das war das Ende. Ich war wie Luft. Aber sie, obwohl ein Mensch, brauchte mich nicht. Das war gr├Ąsslich. Ich wollte mich befreien und dem auch ein Ende machen.
Sie hat mich immer gehasst. Schhh. Das verstehe ich jetzt. Sie haben mir geholfen. Sie haben mir geholfen, mir die Augen zu ├Âffnen. Nun bin ich frei. Hier gefangen, aber doch frei. Der Brief hat mich befreit. Die Erinnerung hat mich befreit und in ein tiefes Loch gest├╝rzt. Nichts ist mehr gleich. Alles ist anders. Ich verstehe nichts mehr. Schhh. Es ist alles anders, als es mal war. Alles steht Kopf und man wei├č nichts mehr. Ich bin verwirrt. Schhh. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen, aber ich wei├č, dass ich nicht schuld bin, sondern sie. Sie ist schuld. Ich h├Ątte es nicht verhindern k├Ânnen. Schhh. Ich bin hier, weil sie mir helfen wollten und nicht weil ich schuld bin. Lena, die mich nie geliebt hat und vielleicht habe auch ich sie nie geliebt, hat alles zerst├Ârt. Sie hat allem ein Ende gemacht. Sie hatte keine Kraft mehr. Sie hat das Spiel, den Kampf verloren. Sie ist keine K├Ąmpferin.
Ich bin hier. Schhh. Gefangen und umgeben von Geistesgest├Ârten, von Hassenden, von L├╝gnern, von Hilflosen, von Verlieren und von M├Ârdern. Schhh. Ich bin anders. Ich bin freier. Ich bin falsch hier. Ich geh├Âre hier nicht her. Schhh. Sie m├╝ssen mich befreien. Sie m├╝ssen mich retten. Ich habe nichts getan. Ich will ein U-Bahnfahrer sein. Schhh.
Lena. Sie hat nur mit mir gespielt. Sie hat mich nie ernst genommen. Sie hat mich betrogen und sie hat mir das Leben genommen. Ich bin hier. Schhh. Ich bin tot. Schhh. Dabei habe ich sie doch nur gern gehabt. Schhh.


Mir gef├Ąllt die Leselupe, deshalb unterst├╝tze ich sie... ... indem ich bereits regelm├Ą├čig die Leselupen-Shop-Links nutze.
... indem ich die Leselupen-Shop-Links in Zukunft nutzen werde.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


Zur├╝ck zu:  Erz├Ąhlungen Ein neues Thema ver├Âffentlichen.     Antwort ver├Âffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!