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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Lina in der Fremde
Eingestellt am 17. 09. 2010 16:04


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Karinina
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Lina in der Fremde
An der ber├╝hmt-ber├╝chtigten Staatsstra├če im damaligen B├╝hlau, einem nord├Âstlichen Vorort von Dresden, auf der der gesamte Verkehr zwischen der Residenstadt Dresden, der Lausitz, dem damaligen Schlesien und Polen abrollte, befand sich vor 1900 eine weithin bekannte Schmiede Die vielen Reiter, Kaleschen und schweren Fuhrwerke, die die Stra├če passierten, kamen oft hierher, um sich f├╝r ihre weitere Reise auszustatten und die Beschl├Ąge der Pferde und Kutschen nachsehen und erneuern zu lassen. Nebenbei betrieb die Frau des Schmiedes eine kleine Ausspanne und bediente die hohen Herren, ihre Damen oder auch die h├╝bschen Fr├Ąuleins mit Imbiss und Getr├Ąnken.
Die Schmiede kam um das Jahr 1898 wegen eines Ereignisses ins Gerede, das mit der Schmiedetochter Lina zusammen hing, die trotz ihres jugendlichen Alters schon ├╝ber eine bemerkenswerte exotische Sch├Ânheit verf├╝gte.
Lina war zw├Âlf Jahre alt, als sie einem jungen adligen Herrn, der sein Pferd gerade bei ihrem Vater beschlagen lie├č, eine Erfrischung darbot. Wahrscheinlich hatte das Exotische des M├Ądchens damals noch zus├Ątzlich die Weichheit der Kindlichkeit. Sie muss f├╝r den jungen Mann wie eine magische Erscheinung gewesen sein.
ÔÇ×Sie trat aus dem Schatten der verru├čten Schmiede. Sie l├Ąchelte nicht, aber sie sah mich an. Es war ein scheuer Blick, als wollte sie um Hilfe bitten. Ich mietete mir ein Zimmer nicht weit von der Schmiede und ich ging von da an jeden Tag dorthin und wartete, bis sie aus der Schmiede trat...ÔÇť Das schrieb der junge Mann an seinen Freund. Es ist anzunehmen, dass es zumindest der Mutter aufgefallen sein muss. Vielleicht hat es ihr zu Anfang sogar Spa├č gemacht, zu beobachten, wie sich der junge Mann ihrer kindlichen Tochter n├Ąherte. M├Âglicherweise kam ihr aber nicht in den Sinn, welche Folgen dass alles haben k├Ânnte.
Lina schien genau zu wissen, wann sie aus der Schmiede treten musste. Es war auch, so schildert es der junge Mann an seinen Freund, ein bestimmtes Licht, dass auf ihr Gesicht zu fallen schien, wenn sie aus dem Dunkel heraustrat. Manchmal, wenn es regnete, stellte er sich gegen├╝ber unter ein Vordach und wartete.
Es wurde Herbst und es wurde Winter und das Leben des jungen Mannes hatte sich von Grund auf ge├Ąndert. Seinen Dienst hatte er quittiert, sein Verm├Âgen schmolz. Inzwischen hatte sich sein Freund das M├Ądchen angesehen. Er fand sie zwar tats├Ąchlich sch├Ân, aber das war es auch. Etwas Magisches ging f├╝r ihn von ihrem scheuen Blick nicht aus. Eben ein M├Ądchenblick, na und? Schlie├člich besuchte er die Schmiedemeistersfrau und bot ihr an, Lina als Hausm├Ądchen in seinen Dienst zu nehmen, damit sein Freund wieder in die Stadt zur├╝ckkehren konnte. Die Schmiedin lehnte ab. Und Lina wurde 13.
Wenige Tage sp├Ąter waren Lina und der junge Mann verschwunden.
Damals, in den letzten Sommern vor der Jahrhundertwende, war die niedere Bergwelt vor der Tatra, die Mala Fatra, noch kaum f├╝r Touristen erschlossen und die meisten T├Ąler an den schnellfliesenden Fl├╝ssen unbewohnt. Tannenw├Ąlder rauschten, dazwischen lagen weite Kr├Ąuterwiesen und hoch oben kreisten kleinere und manchmal auch gr├Â├čere Raubv├Âgel.
Hin und wieder standen mit Schindeln gedeckte Blockh├╝tten sehr versteckt zwischen niederen Wacholderb├╝schen, meistens waren es Sch├Ąferh├╝tten, in denen Schafsk├Ąse angesetzt , ger├Ąuchert und zum Reifen aufgeh├Ąngt wurde.
Auf dem Markt in Zilina bot ein junges M├Ądchen mehrere Sommer lang diese gereiften Schafsk├Ąse zu billigen Preisen an. Ihr Stand war immer umlagert, denn dieses M├Ądchen hatte eine Art, ihr von einem dunklen Strohhut beschattetes Gesicht ins Licht zu halten, dass man von ihren Blicken angezogen wurde und nicht mehr los kam. Sie sprach kein Wort. Sie breitete ihre ger├Ąucherten K├Ąselaibe aus, legte die Preisliste dazu und nahm mit einem ernsten Nicken das Geld entgegen. Ein junger Mann, der sie morgens an ihrem Stand absetzte, holte sie am fr├╝hen Nachmittag wieder ab. Niemand wusste, wohin sie danach verschwanden, und niemand folgte ihnen.
Welches Leben sie f├╝hrten ist nicht bekannt. Bei den Schafherden sah man das M├Ądchen nicht. Der junge Mann kaufte die Milch auf und lie├č sie bis zu den Wegen bringen, die in die Kl├╝fte hinunter f├╝hrten, zwischen denen die einzelnen H├╝tten standen. Rauch stieg zwischen den H├╝tten auf und kr├Ąuselte in den blauen Himmel oder breitete sich flach ├╝ber die T├Ąler aus. In gro├čen Kesseln wurde die Milch erhitzt bis sie ausflockte, dann wurden die sauren gro├čen St├╝cke in T├╝chern gesammelt und die gr├╝nliche Molke ausgegossen, bis auf weniges, was man zum eigenen Gebrauch ├╝brig behielt. Die gef├╝llten T├╝cher wurden zwischen Holzrahmen gepresst und die halbwegs trockene Masse zu Laibe geformt, mit Lederriemen umwunden und in einer Darre aufgeh├Ąngt. Ein Teil wurde ger├Ąuchert, ein anderer eingesalzen und ein dritter luftgetrocknet. Es war ein guter K├Ąse, der aus den T├Ąlern der kleinen Fatra kam, es war der Kr├Ąutergeschmack von den vielen Wiesen, auf denen die Schafherden weideten und auch der leichte Geruch nach Wacholderholz, mit dem die K├Ąselaibe ger├Ąuchert wurden.
In den Wintermonaten muss das Leben in den Schindelh├╝tten karg gewesen sein. Schnee fiel hier im ├ťberma├č und meist waren sie von der Au├čenwelt abgeschlossen.
Ich wei├č nicht, ob Lina das alles aus Liebe auf sich genommen hat, davon stand nichts in den Briefen. Nachts lag sie auf einer Sch├╝tte Stroh, h├Ârte die Tannen rauschen und die Nachtv├Âgel ├╝ber die Schindeln tapfen und ihre unheimlichen Rufe aussto├čen. Vielleicht waren M├Ąuse und Ratten in ihrer H├╝tte und sie h├Ârte sie nagen und rascheln.
Und dann die anderen Tiere. Luchse gab es und F├╝chse, weiter in den Kl├╝ften auch B├Ąren. Im Abendd├Ąmmer kamen die Rehe zum ├äsen auf die Lichtungen und, an anderen Stellen, auch das Rotwild.
Der Fluss, der neben ihren H├╝tten hinunter ins Tal sich st├╝rzte, floss in den Gebirgsstrom Vach, die Vach wiederum in die Donau. Die Fl├╝sse waren fischreich.
13 Jahre war sie alt. Es schien nichts gegeben zu haben, was sie ersch├╝ttert hat.
Du fragst dich sicher, warum ich Lina , ein Kind noch, damals mitgenommen habe, schrieb der junge Mann an seinen Freund, das wollte ich eigentlich nicht... Er sei am Abend zuvor an der Schmiede gewesen, um sich zu verabschieden. Lina habe seine Hand weggeschlagen und sei fortgerannt. Das habe ihm leid getan, er h├Ątte gerne von ihr geh├Ârt, dass sie auf ihn warten w├╝rde, denn er wollte nach dem Sommer wiederkommen. Ich wusste, schrieb er, ich konnte ohne dieses Gesicht und das Licht in ihren Augen nicht leben... Am n├Ąchsten Morgen, es sei noch dunkel gewesen, habe er sein Pferd holen wollen und da habe sie gestanden, ein B├╝ndel mit Sachen am Arm. Sie habe gesagt, entweder er lasse sie auf sein Pferd, oder sie ginge in den Fluss. Erst habe er gez├Âgert, aber dann ihren Blick gesehen und er sei sicher gewesen, sie h├Ątte das wirklich getan. Er habe gedacht, nun gut, wollen wir ein St├╝ck zusammen gehen, dann wird sie vern├╝nftig werden.
Nein, schrieb er, sie wurde es nicht. Ich musste ein zweites Pferd kaufen. Ich sagte ihr, wenn man uns f├Ąnde, dann w├╝rden sie mich verurteilen und einsperren. Da sagte sie: Dann t├Ât ich uns beide.
Glaub mir, sie w├╝rde es tun, jetzt immer noch...
Sie hat alle Strapazen der langen Reise hingenommen ohne zu klagen, schrieb der junge Mann. Es war oft nicht einfach, die Stra├čen und Unterk├╝nfte miserabel und sie war das Reiten nicht gewohnt...
Und, schrieb der junge Mann seinem Freund: Das Gl├╝ck ist ihr Blick. Ich kann nicht wegsehn. Sie sitzt abends neben unseren K├Ąsekesseln und sieht mich an. Mehr brauch ich nicht, aber was sie braucht, dass wei├č ich leider immer noch nicht...
Einmal schrieb er: Heut war ein Eichkater im Aschekasten, da hab ich zum ersten Mal geh├Ârt, wie sie gejucht hat und in die H├Ąnde klatschte. Sie spricht wenig. Aber manchmal sagt sie, sie mag die Kr├Ąuterluft unter den Tannen...
Die Vach durchfloss zwischen Martin und Zilina ein enges Tal, dass die kleine Fatra von der gro├čen Fatra trennte. An der engsten Stelle lagen beidseitig zwei Burgen, die eine, ÔÇ×Stary HradÔÇť, fast unzug├Ąnglich hoch oben als l├Ąngst zerfallene Ruine, die andere auf weithin wei├č leuchtendem Kalkgestein noch immer m├Ąchtig und sehenswert, die Burg ÔÇ×StrecnoÔÇť. Oberhalb des Flusses und unterhalb der wei├čen Burg schl├Ąngelte sich eine holprige Bergstrasse , von Zilina kommend, nach Martin und von da aus weiter in die Ebene unterhalb der Tatra, ├╝ber Poprad hinaus bis ├╝ber die Grenze in die Ukraine, oder s├╝dlicher ├╝ber Banska Bistritze und Kosice nach Ungarn. Unterhalb der wei├čen Burg f├╝hrte ein Tunnel unter der Stra├če bis zum Flu├č und hier an einer Furt konnte man die Vach mit einer breiten Compa ├╝berqueren.
Auf der gegen├╝berliegenden Vachseite, dort, wo in der Jarowina die Sch├Ąferh├╝tten standen, erstreckten sich bis Varin kleine Bauernblockh├Ąuser wie ├╝berall in den D├Ârfern. Anders als in Deutschland bildeten sie keine Dreiseith├Âfe, sondern hatten ihre St├Ąlle, Scheunen und Schuppen hinter dem Wohnteil bis in die G├Ąrten und Felder hinaus als l├Ąngliche Hauszeile gebaut.
Wenn der junge Mann mit seinem Pferd von oben aus der Jarowina kam, dann h├Ârte er die Frauen aus dem Orte an der Compa singen. Er konnte an der Furt die Frauen beim W├Ąschewaschen beobachten. Er schrieb seinem Freund, was f├╝r ein hinrei├čender Anblick das f├╝r ihn war: Vom jungen M├Ądchen bis zur uralten Frau standen sie mit ihren zu einem Bausch hochgebundenen R├Âcken bis zu den blo├čen Oberschenkeln im Wasser, die Brustt├╝cher abgelegt, schlugen mit breiten Holzklopfern die auf den wei├čen Kalksteinen ausgebreiteten W├Ąschest├╝cke, schwenkten sie mit kr├Ąftigen Z├╝gen im Wasser und legten sie dann auf das Gras am Ufer zum Bleichen aus. Wenn er am Wasser stand und auf die F├Ąhre wartete, dann lachten sie, winkten ihm und zeigten ihm mit sichtlichem Vergn├╝gen ihre gro├čz├╝gig blo├čgelegten Hinter- und Vorderansichten. Was f├╝r ein Anblick, schrieb er seinem Freund, aber wie wenig hatte ich davon, denn, weiter im Berg, waren es Linas Blicke, die mir allezeit gegenw├Ąrtig waren...
Auf der Vachseite der Jarowina , schon in der Ebene, lag Varin, ein etwas gr├Â├čerer Ort mit einem Schl├Â├čchen, einer Kirche und einst├Âckigen Steinh├Ąusern. Auch hier f├╝hrte eine steinige Stra├če durch mehrere kleine Ortschaften bis nach Zilina mit der Burg Budusin, ein dicker wei├čer runder Turm mit einer langen Geschichte. In einem der kleinen Orte gab es in der Kirche eine Mumie zu sehen: In einem Glaskasten lag eine winzige Frau in wundersch├Ânen Kleidern und eine Beschriftung erkl├Ąrte, sie sei eine Herrscherin auf der Burg Strecno gewesen und man habe sie so mumifiziert aus der dortigen Gruft geborgen. Einmal im Jahr w├╝rden ihre Kleider gewechselt und verschiedene Kr├Ąuter in den Glaskasten gelegt. Der junge Mann kannte sich mit Mumien nicht aus, aber er f├╝rchtete, das das Kleiderwechseln und die Kr├Ąuter nicht gerade zum Erhalt dieser Attraktion beitragen w├╝rden. Im Ort Gbebelina nisteten soviele St├Ârche, dass im Sommer die Wiesen bis zur Vach voll von ihnen waren und wenn er mit Lina vom Markt aus Zilina kam, machten sie Halt und bewunderten ihr wei├čes Gefieder mit dem schwarzen Rand und ihren merkw├╝rdig stakenden Gang.
So ging ihr Leben in gem├Ąchlicher Ruhe dahin. Selbst die m├Ąchtigen Gewitter, die sommers manchmal ├╝ber die Jarowina und ihre T├Ąler zogen, brachten au├čer aufgerissenen Wegen von den Sturzb├Ąchen aus den Bergen keine gro├če Abwechslung.
Einmal, schrieb der junge Mann an seinen Freund, fragte ich Lina, warum sie unbedingt hatte mit mir mitkommen wollen, erst sagte sie nichts, dann aber schluchzte sie pl├Âtzlich auf, presste ihr Gesicht an meine Brust und sagte, sie h├Ątte sich ohne mich so allein gef├╝hlt. Was sagst du dazu?
Ich bin mit Lina alle unsere alten Wege gewandert, wenn die Sonntage sch├Ân waren, schrieb der junge Mann, die Wege, die du ja noch kennst aus unserer Kinderzeit. Ich hab sie in eine meiner Reithosen gesteckt, und sie sah sehr erwachsen darin aus...
Oben im Gebirge, dort wo die Schafe nicht weiden, waren die Wege fast zugewachsen und sie mussten sich mit ihren Wander├Ąxten bis zum Grat hinauf durch wildgewachsenes Geb├╝sch schlagen. Am Grat entlang wanderten sie zum kleinen Kriwan und ├╝ber die ausgedehnten Matten. Sie waren mit Flechten bewachsen, die unter ihren Tritten splitterten wie Glas. Auf dem schmalen Weg am Grat bis zum gro├čen Kriwan sa├čen sie in der Sonne und sahen in die nach S├╝dosten liegenden T├Ąler hinein. Auf dieser Seite reichten die Matten steil hinab und ├╝ber die darunterliegenden W├Ąlder wurden manchmal Glockent├Âne aus den Niederungen herauf getragen.
Einmal auch ritten sie unten am Gebirge entlang bis Stefanova , stiegen in das wei├če und kahle Kalkgestein des Rozsutez hinauf und dr├╝ben in der wilden Klamm wieder hinunter, immer am st├╝rzenden Wasser entlang, ├╝ber feuchte, mossbewachsene Felsst├╝cke hinweg, um schlie├člich weiter unten direkt im eisigkalten Wasserlauf bis zum Ort zu waten.
Wei├čt du, Leonard, Lina hat weder gez├Âgert noch Angst gezeigt, schrieb der junge Mann, ich konnte sie nicht genug bewundern, nur manchmal kommt mir das doch sonderbar vor, ich kann nicht ergr├╝nden, was sie empfindet...
Zu Anfang des dritten Sommers erhielt der junge Mann Nachricht von seinem Bruder, der ihm mitteilte, dass sich ein K├Ąufer f├╝r das Anwesen ihrer Mutter an der Orava gefunden habe und er solle das Gesch├Ąft an Ort und Stelle abwickeln. Die Mutter stammte aus einem b├Âhmischen Adelsgeschlecht und hatte das kleine Schl├Âsschen geerbt. Sie hatte es einige Jahre als Sommerhaus genutzt und f├╝r den jungen Mann, seinen Bruder und ihre Freunde war es immer eine sch├Âne Zeit in ihrer Kindheit an der Orava gewesen. Vor einigen Jahren, als ihre Mutter verstorben war, hatte das Schl├Âsschen eine weitl├Ąufige Cousine ├╝bernommen, die vor einiger Zeit ebenfalls verstorben war.
So ritten sie beide, Lina und der junge Mann, an einem Sonntage ├╝ber Terchova die steile Bergstra├če hinauf zur Orava , immer durch die pr├Ąchtigen Laubw├Ąlder hinan, die er seit seiner Kindheit kannte und liebte.
Das aus Stein gebaute Herrenhaus am Ende einer mit Nussb├Ąumen ges├Ąumten Allee hatte buntbemalte Holzgiebel und zum Wasser zu eine Terrasse, die mit starkbl├╝henden Pelargonien eingefasst war. Es war kein gro├čes Anwesen, aber man h├Ątte sicher gut darin leben k├Ânnen. Lina lehnte es ab, und so wurde es verkauft.
Sie sagte zu mir, es w├╝rden zu viele Menschen drum herum laufen, und vor allem wolle sie kein offenes Feuer mehr in einem Haus und nichts, was eng macht, denn dann h├Ątte sie doch bei ihrem Vater bleiben k├Ânnen. Erinnerst Du Dich an den gro├čen offenen Kamin in der Diele, an dem wir uns abends die schaurigsten Geschichten erz├Ąhlt haben, Leonard? Der Kamin hat sie erschreckt, verstehst Du das?
Von einem Teil des Geldes wollte er Lina auf der Bank von Zilina ein Konto einrichten. Vorher lies er Lina im besten Modehaus einkleiden. Sie bekam ein enges schwarzes Kleid mit einem ausgestellten Rock und cremefarbenen Spitzen am Halsausschnitt und an den Manschetten und einen breitkrempigen schwarzen Hut mit einer cremefarbenen Schleife.
Als wir ├╝ber den Markt schritten, dort, wo sie sonst die K├Ąselaibe verkauft, da gab es einen Auflauf wie bei einem Staatsbesuch, schrieb der junge Mann. ├ťberall, wohin wir kamen, erregten wir das allergr├Â├čte Aufsehen...
An dem Sonntag darauf zog Lina ihr sch├Ânes Kleid nochmals an, nahm den jungen Mann an der Hand und sagte ihm, sie wolle seine Frau werden. Er war best├╝rzt aber auch hocherfreut ├╝ber ihren Wunsch. Als sie durch das Portal der Kirche in Varin schritten, trieb es die Kirchg├Ąnger von ihren B├Ąnken, ein gro├čes Ah und Oh lief durch die Reihen. Lina zog den jungen Mann bis zum Priester, der sie anstaunte und nicht gleich verstand, was dieses au├čergew├Âhnlich sch├Âne M├Ądchen von ihm wollte. Schlie├člich umwand er ihrer beider H├Ąnde mit seiner Scherbe und segnete sie.
Lina tat etwas sehr eigenartiges: Sie k├╝sste mich, schrieb der junge Mann, und das im Angesicht der vielen Leute. Lina sagte, sie wolle nun ein Bettgestell f├╝r sich und mich. Ich sagte ihr, sie sei doch noch ein Kind und wir k├Ânnten warten, bis sie erwachsen sei. Nein, sagte sie zu mir, jetzt wolle sie leben wie eine Frau, ihre Zeit sei gekommen, und jetzt sei es richtig so. Ich hatte gro├če Angst, Leonard, solange haben wir wie Geschwister gelebt, wie konnte das jetzt gut gehen?... Und au├čerdem, wei├čt du, es ist dieses Endg├╝ltige, nun k├Ânnen wir nicht mehr zur├╝ck...
Gestern hat Lina mich ├╝berrascht, schrieb er etwas sp├Ąter, einer der Sch├Ąfer sei angerannt gekommen und habe geschrien, dass seine Frau Hilfe brauche. Da sei Lina hinauf gelaufen zu der Schafherde, habe sich zu der stark blutenden Frau gebeugt und verlangt, dass ich nach Varin reite und die wei├če Frau holen solle, die Frau sei unter der Geburt. Als ich mit der wei├čen Frau zur├╝ck kam, da lag die Frau in Decken gewickelt und in ihren Armen das Neugeborene. Oh Martin sagte Lina zu mir, oh Martin, und weiter nichts. Es ist so sonderbar, sie ist so wortkarg...
Lina muss 16 gewesen sein, als sie schwanger wurde. Wenn er jetzt von seinen Streifz├╝gen, die er manchmal wieder bis zur Orava ausdehnte, nach Hause kam, dann sa├č Lina vor der H├╝tte und blickte ihn an. Sie war etwas schwach geworden vom morgendlichen ├ťbelsein, aber sie klagte nicht. Er fragte sie jetzt ├Âfter, ob sie nach Hause wolle, oder vielleicht lieber in Zilina bleiben m├Âchte. Oder unten, in einem der Bauernh├Ąuser an der Comba. Sie lehnte ab.
Noch lag ein sch├Âner ruhiger Herbst ├╝ber den Ebenen im Tal , aber in den N├Ąchten wurde es jetzt schon empfindlich kalt und wenn er morgens zum Waschen an den Brunnen ging, dann lag schon eine Eisschicht auf dem Waschtrog.
Was soll ich nur tun? schrieb er seinem Freund, ich bin unruhig...
Es ist ein Junge, schrieb er sp├Ąter. Lina habe ihn gestillt, aber er habe immerzu geschrien. Da habe Lina das Kind in Schafwolle gewickelt und in feste T├╝cher und ihm dann mit einer Decke vor die Brust gebunden, damit er es in Varin zur wei├čen Frau bringen konnte.
Von da an blieben die Briefe aus.
Im kommenden Sommer kam Leonard nach Zilina und Varin und suchte seinen Freund. Er fand ihn nicht und auch die Lina nicht. In den H├╝tten der Jarowina lebte jetzt die Sch├Ąferfamilie mit ihrem Kind.
Dann erz├Ąhlte man ihm in einer Gastst├Ątte in Varin, wenn er die junge Frau meine, die oben in der Jarowina gelebt habe, dann h├Ątte man sie vor nicht langer Zeit auf der Sandbank gefunden, dort, wo der Flu├č aus dem Gebirge in die Vach flie├če. Sie habe dieses schwarze Kleid getragen und sei unglaublich sch├Ân gewesen. Man habe sie zu den Nonnen gebracht und sie lebe jetzt in dem Schwesternstift in Varin. Von dem jungen Mann, den sie selbstverst├Ąndlich kannten, wussten sie nichts. Allerdings sei eines Tages im Fr├╝hjahr sein Pferd aufgetaucht, herrenlos. Es st├╝nde jetzt im Pferdestall des Schlossherrn. Vielleicht sei er auch in den Fluss gest├╝rzt? Wenn er in die Vach gest├╝rzt sei, dann w├╝rde man ihn niemals finden, sagten die Leute, man habe noch nie jemanden hier aus der Vach geborgen, vielleicht weiter unten, Richtung Donau, wo der Fluss zwar tiefer, aber nicht so rei├čend sei.
Auf der langen Fahrt nach Dresden sprach Lina so gut wie kein Wort. Leonard brachte sie zu zu ihren Eltern zur├╝ck und diese siedelten mit ihr nach Ottendorf ├╝ber. Die stark befahrene Stra├če in B├╝hlau war ihnen f├╝r Lina zu gef├Ąhrlich. Wenn sie sich irgendwo gezeigt hatte, waren die Leute stehen geblieben und hatten sie angestarrt oder versucht, sie in ein Gespr├Ąch zu verwickeln. Au├čerdem wussten die Leute rings um die Schmiede von ihrem damaligen Verschwinden und waren nat├╝rlich neugierig. Wegziehen schien den Eltern das einzig Vern├╝nftige zu sein. In Ottendorf kauften sie die Schmiede unterhalb der Wachbergh├Âhe, und wenn meine Gro├čmutter, ja , Lina war meine Gro├čmutter, aus ihrem Fenster sah, dann schweifte ihr Blick ├╝ber die weiten Wiesen bis hinauf in den Wald auf der H├Âhe, und vielleicht sp├╝rte sie dabei so etwas wie Sehnsucht...
Eines Abends, etwa sechzig jahre sp├Ąter,kam meine Gro├čmutter an mein Bett, sie setzte sich zu mir, nahm meine Hand zwischen ihre H├Ąnde und sagte zu mir:
ÔÇ×Es war ein Knabe. Ich warte immer noch, das beide nach Hause kommen...ÔÇť
Nun wusste ich, sie hatte mich an ihrem geheimen Fach am N├Ąhschrank gesehen, vielleicht hatte sie auch gewollt, dass ich die Briefe des jungen Mannes an Leonard fand...
Wenige Tage sp├Ąter starb meine Gro├čmutter. Vielleicht fragen Sie sich, ob eine ihrer T├Âchter oder Enkelt├Âchter ihre Sch├Ânheit geerbt hat. Nein, keine von uns. Ob wir es bedauern? Ich jedenfalls nicht...





Version vom 17. 09. 2010 16:04

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Karinina
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Ich danke Dir, lieber Pelikan, nun denk ich, es lohnt vielleicht, nochmal dran zu arbeiten.
L.G. Karinina

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Gernot Jennerwein
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Liebe Karinina,

ich habe deine Geschichte gelesen, in der Erwatung, dass ich hier etwas Besonderes zu lesen bekomme. Und ich wurde nicht entt├Ąuscht. Du schreibst wunderbar, nur ganz wenige Fehler, oder Formulierungen, die ich nicht so passend fand. Einmal verlierst du dich zu sehr in den Beschreibungen der Landschaft.
Es ist eine sehr sch├Âne Erz├Ąhlung, aber auch mir fehlt hier eine Kleinigkeit. Du und ich, wir wissen beide von diesem Geheimnis. Nennen wir es die "Geste" oder das "Wort" der Erleuchtung.

Sehr gerne gelesen und verstanden.

liebe Gr├╝├če

Gernot






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sapna
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Hallo!
Mir ist der erste Satz gleich aufgefallen:
An der ber├╝hmt-ber├╝chtigten Staatsstra├če im damaligen B├╝hlau, einem nord├Âstlichen Vorort von Dresden, auf der der gesamte Verkehr zwischen der Residenstadt Dresden, der Lausitz, dem damaligen Schlesien und Polen abrollte, befand sich vor 1900 eine weithin bekannte Schmiede
Zum einen fehlt da der Punkt. Das aber nur als Hinweis. Zum anderen ist der ziemlich verschachtelt. Den w├╝rde ich aufsplitten. Aus jedem Schachtelsatz, kann man auch gut mehrere machen.

Wahrscheinlich hatte das Exotische des M├Ądchens damals noch zus├Ątzlich die Weichheit der Kindlichkeit.

Und den hier finde ich etwas schief. Da stolpert man beim Lesen auch dr├╝ber.
Vielleicht: Damals hatte das exotische Aussehen des M├Ądchens, noch die weiche Ausstrahlung eines Kindes. Ihr Gesicht war noch runder, die Augen neugierig ... sowas in der Art.

Ich mietete mir ein Zimmer nicht weit von der Schmiede und ich ging von da an jeden Tag dorthin und wartete, bis sie aus der Schmiede trat...ÔÇť

Hier kannst du das zweit ich streichen

lang diese gereiften Schafsk├Ąse

das diese ist ein unn├Âtiges F├╝llwort

es war der Kr├Ąutergeschmack von den vielen Wiesen,

von den klingt etwas ungeschickt. W├╝rde ich durch der Kr├Ąutergeschmack der Wiesen ersetzen


Ich habs jetzt nicht bis zu Ende gelesen, daf├╝r fehlt mir jetzt die Geduld und Konzentration. Meine Tochter qu├Ąlt neben mir gerade die Gitarre. Aber, du kannst herrlich beschreiben. So gef├╝hlvoll. Einfach sch├Ân.







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Karinina
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danke Euch, Gernot und Sapna, f├╝r Eure sehr freundlichen Worte. Ja, ich denke, f├╝r die LL ist die Geschichte viel zu lang, aber irgendwie ging sie auch nicht k├╝rzer. Es rei├čt mich beim Schreiben meistens fort...

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