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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Lucifer
Eingestellt am 11. 11. 2002 22:23


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Nyxon
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2001

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LUCIFER

Seine Pr├Ąsenz war unwiderruflich in ihren Sinnen festgeschrieben. Er war da und auch wieder nicht. Sein geistiger Schatten hing ├╝ber ihr wie ein seidenes Bettlaken, das die Konturen unter sich in ihrer vollsten Form erahnen l├Ąsst. Ein Hauch von Nichts, was in seiner Intensit├Ąt so durchdringend wirkt, wie ein schwerer Amboss in einer Schmiede.
Sie konnte ihn f├╝hlen. Sein Atem kroch ihr in den Nacken, sie h├Ârte, wie er leise zu ihr sprach, wie die Worte sie in eine Art Trance fallen lie├čen, die sie schwer und unbeweglich machte. Sie wollte verstehen, was er sagte, doch die Wellen der Trance waren zu fein, die T├Âne des Fl├╝sterns zu leise, als dass sie eine klare Botschaft vernahm. Frust machte sich in ihr breit. Der Frust, ihn nicht verstehen zu k├Ânnen, lie├č etwas in ihr wachsen. Der Wille zur Gegenwehr. Sie wollte ihm entkommen, seinen Pranken entwischen, ihm ins Gesicht lachen und sagen k├Ânnen, er solle sich zum Teufel scheren. Er sollte sie ansehen und erkennen, dass sie wohlm├Âglich die Einzige war, die er nicht einlullen konnte, die nicht nach- und sich ihm hingab. Sie wollte triumphieren und ihn vor den Kopf sto├čen, ihm zeigen, dass seine Macht nicht unendlich war, dass selbst er in Grenzen lebte, die man nicht durch Manipulation durchbrechen konnte. Doch so sehr sie es sich w├╝nschte, sich von ihm losrei├čen zu k├Ânnen, desto mehr nahm er von ihr Besitz, manipulierte sie so geschickt, dass sie es kaum zu merken vermochte.
Sie sp├╝rte einen kalten Schauer ├╝ber ihren R├╝cken gleiten. Ein Impuls str├Âmte durch ihre Nerven und bildete an den Endporen eine G├Ąnsehaut aus. Und kaum hatte sich das Kribbeln durch den K├Ârper gesch├╝ttelt, wechselte der kalte Schauer auf dem R├╝cken seine Polarit├Ąt, verschwand kurz, und kehrte dann als brennende Absorption der Gef├╝hle wieder. Ein kleines Flammenmeer t├Ąnzelte auf ihrer Haut, mal brennend hei├č, mal angenehm warm, mal so kalt, dass sie zitterte. Wieder konnte sie seine Stimme als leises Fl├╝stern des Windes vernehmen. Ihre Gegenwehr schwand den Bruchteil einer Sekunde und ohne diesen Panzer aus Unnahbarkeit konnte sie seine Worte h├Âren: ÔÇ×Das Leben ÔÇô ein Spiel ohne Verlierer. Lass dich drauf ein.ÔÇť
Ihr fr├Âstelte. Nicht aus Angst, nicht aus Panik, sondern aus Unbehagen. Normal war er nicht, doch sie fand keine passenden Worte, um ihn zu beschreiben. Er war einfach anders ÔÇô unheimlich.
Eine pl├Âtzliche Ber├╝hrung lie├č sie aufschrecken. Sie blickte sich um, ihr Blick wanderte umher, versuchte eine feste Kontur auszumachen. Und noch w├Ąhrend ihre Augen das Gesehene ÔÇô die Leere ÔÇô in Nervenimpulsen an das Gehirn leitete, wusste sie, dass er bei ihr war. Seine Pr├Ąsenz schwebte im Raum wie ein leichter Nebel, der sich ├╝ber ein Feld legte. Er umschmeichelte ihren K├Ârper, lie├č wieder den Schauer ├╝ber ihren R├╝cken fahren.
Sie sp├╝rte seine H├Ąnde um ihren Hals. Sie schlossen sich um ihre Kehle, doch statt ├Ąngstlich zu werden, wusste sie genau, dass er ihr nichts antun w├╝rde. Er wollte sie nicht erdrosseln, nicht ihren K├Ârper maltr├Ątieren und ihn besitzen. Er war an etwas Besserem interessiert. Er wollte ihre Seele erkunden, sie kennen lernen und sich der Ekstase des Wissens hingeben. Als h├Ątte er ihre Gedanken ÔÇô ihre Sicherheit ÔÇô gesp├╝rt, lie├č er von ihrer Kehle ab, strich mit den Fingerkuppen ├╝ber ihren Hals, wanderte an den Schultern, dem kalt-warm-hei├čen Schauer folgend, den R├╝cken hinab. Sie zitterte leicht und wand sich unter seinen Ber├╝hrungen, sp├╝rte seine Macht in einer Aura um sich herumflattern. Ein Duft, s├╝├člich angenehm, schwappte in den Raum, bet├Ąubte ihre Sinne und lie├č ihren Panzer schmelzen. Mit jedem Atemzug, mit dem sie mehr vom Duft aufnahm, lie├č sie von ihrer Gegenwehr ab.
Sein Geist durchwanderte ihren K├Ârper. Eindringend in jede Pore ihres Leibes, brachte er ihr Blut in Wallung, f├╝llte es mit Atomen hei├čer, fl├╝ssiger Lava an, bis es in ihr brodelte und sie anfing zu schwitzen. Ihre Kleider wurden schwer von Feuchtigkeit, der Stoff transparent, bis man ihre gl├╝hende und bebende Haut sehen konnte. Gesch├╝ttelt von ihren Gef├╝hlen, presste sie sich an eine Wand, um dem Feuer zu entgehen, das in ihr loderte und sie von innen heraus zu verbrennen drohte, passte sie ÔÇô oder vielmehr er ÔÇô nicht auf. Sein Geist wanderte umher. Er f├╝llte sie aus, lie├č in regelm├Ą├čigen Sch├╝ben seine Macht sp├╝ren, tauchte ihre Seele in ein Meer aus Rausch und trug sie auf Fl├╝geln dem Himmel entgegen. Der k├╝hle Wind streifte um ihre Rundungen, die Rundungen ihrer Seele, rein und vollkommen und noch so jung und unschuldig. Sie hatten die Welt noch nicht gesehen, noch nichts Wahres erlebt, womit sie sich br├╝sten konnten. Sie waren unerfahren, kannten nichts au├čer der Reinheit ihrer Behausung, den Schutz der Unschuld.
Er stieg mit dieser Behausung, mit dieser Unschuld von Seele immer h├Âher; sie lie├čen die Wolken hinter sich, ├╝berquerten den Horizont und drangen in Tiefen des Kosmos ein, von denen sie zuvor nicht zu tr├Ąumen gewagt hatte. Bunte Schlieren der Existenz h├╝llten sie in einen Schleicher, wabernd im Wind des Lebens, der k├╝hl und unnachgiebig ihre Glieder umschmeichelte. Er war nicht unangenehm kalt, doch er erinnerte sie an etwas. Der angenehm k├╝hle Wind des Lebens erinnerte sie an Ihn. Eine unheimliche K├╝hle, die sich um einen schloss, einen im Strudel tanzen lie├č und sich in allen Ecken der Existenz einnistete. Wie ein Blitz schoss sein Geist aus ihrem K├Ârper, aus ihrer Seele. F├╝r einen kurzen Moment schien sie zu fallen, schwer geworden, jetzt wo sein befl├╝geltes Sein sie nicht mehr anhob. Doch noch bevor sie zu fallen drohte, war er um sie herum. Seine Macht umfasste ihre H├╝ften mit einer Kraft, die sie erschreckte. Mit ihr in den Armen flog er wieder h├Âher, immer weiter hinaus in den Kosmos. Der Wind des Lebens nahm an Intensit├Ąt ab, verlie├č sie so schleichend wie er gekommen war. Einzig die Schlieren der Existenz h├╝llten sie weiter ein, wie eine warme Decke.
So umh├╝llt und sicher von ihm gehalten, erreichte sie den h├Âchsten Punkt des Kosmos, die Spitze des Seins. Wie kleine Diener, die keinen weiteren Schritt mehr in die heiligen Hallen der Macht machen durften, um nicht zu missfallen, zogen sich die Schlieren zur├╝ck. Statt ihrer rollte eine Welle von Licht auf sie zu, blendete sie. Sie schloss ihre Augen, um dem grellen Schein zu entgehen, doch kaum lie├č sie ihre Lider hinabsinken, h├Ârte sie sein Fl├╝stern in ihren Ohren. Den ganzen Weg ├╝ber hatte er nicht zu ihr gesprochen, sie nur getragen, ihre Seele befl├╝gelt, dass sie sich vom K├Ârper losl├Âsen konnte, um diesen Ort hier zu erreichen. Er schien jetzt, nachdem sie die Grenzen der Menschlichkeit ├╝berschritten hatten und in die Gefilde des wahren Seins eingedrungen waren, lauter, seiner Macht noch sicherer als zuvor, sein Geist ├╝berragte ihren um L├Ąngen.
ÔÇ×Verschlie├če nicht deinen Blick vor dem Glanz! Wer das Leben sehen will, muss auch die m├Âgliche Blendung der Macht ertragen!ÔÇť
Und weil sie das Leben und alles damit Verbundene sehen wollte, machte sie ihre Augen wieder auf und blickte in das glei├čend helle Licht vor ihr. Es setzte in einer letzten Wellenbewegung auf und verharrte einen Augenblick in v├Âlliger Ruhe. Sie starrte, das Licht starrte und pl├Âtzlich schossen Strahlen aus dem Lichtgebilde heraus, einen goldenen Schweif sich nachziehend. Die Strahlen tanzten um sie herum, ber├╝hrten sie an Stellen ihres K├Ârpers, die sie schon lange nicht mehr sp├╝rte. Die Schweife bildeten einen Mantel um sie herum, der glitzerte und in allen erdenklichen und unerdenklichen Farben auf sie niederprasselte. Ein Lichtstrahl sonderte sich von den anderen ab, bezog direkt vor ihren Augen Stellung und verfestigte sich zu einer menschen├Ąhnlichen Gestalt. Gesicht, K├Ârper, Glieder ÔÇô dies alles war von zauberhaft sch├Âner Kontinuit├Ąt. Je mehr sich die Konturen abzeichneten, desto verz├╝ckter war sie von dessen Anblick. Goldenes Haar fiel ├╝ber die Schultern, die von einem Gewand aus Seide bedeckt waren. Das Gesicht, fein und l├Ąchelnd, blau-graue Augen bildeten das Zentrum dieses wundersamen Bildes. Zarte Glieder w├Âlbten sich unter dem Gewand, das golden strahlte. Die Gestalt l├Ąchelte sanft und pl├Âtzlich spieen Flammen aus ihrem Haupt.
In wenigen Augenblicken verwandelte sich das engelsgleiche Abbild in eine Chim├Ąre aus Flammen und Nebel. Die Haare loderten rot auf, das Seidengewand brannte sich in die Haut ein und war verschwunden, bevor sie sich in Entsetzen ├Ąu├čern konnte. ├ťbrig blieb eine nackte Flammengestalt, schwei├čnass und triefend. Sie bewegte sich auf ihre Beobachterin zu, lie├č ihre H├Ąnde ├╝ber ihre k├Ârperlose Seele gleiten und ohne, dass sie sich dagegen wehren konnte, tauchte die Gestalt in sie ein, brannte sie aus.
Es tat nicht weh, sie sp├╝rte nur ein leichtes Kribbeln in ihrem Inneren, das von den Flammen ausgef├╝llt wurde. So stand sie da, unbewegt und von den Flammen umh├╝llt, die immer wieder in sie drangen und dort kribbelten. Und als sie sich schon fast in der Tiefe der eigenen Seele verlor, sich der Ekstase der Erkenntnis hingab, ann├Ąhernd in der Kraft des ultimativen Seins unterzugehen drohte, erst da h├Ârte sie wieder seine Stimme. Er sagte etwas, was sie nicht verstand, zu laut war der Sog, in den sie sich begab. Doch er musste eine Wirkung freigesetzt haben, die sich nun auch in ihr und an ihrer Umgebung zeigte. Die Flammen lie├čen von ihr, traten aus ihr heraus, tanzten ein letztes Mal um sie herum, bevor sie sich im eigenen Nebel aufl├Âsten. Sie sah noch, wie das Licht in sich zusammenfiel und verschwand ÔÇô dann fiel sie.
Diesmal war er nicht da, um sie zu halten, ihr Mut und Kraft zu geben, sie aufzufangen. Diesmal war sie allein. Sie fiel und fiel, der Kosmos sauste an ihr vorbei wie ein Schwarm V├Âgel. Die Schlieren der Existenz waren hart und verletzend als sie durch ihren Mantel fiel, Wunden wurden in die feine Haut ihrer Seele geschlagen, Blut str├Âmte heraus. Der Wind des Lebens st├╝rzte auf sie zu, wie ein Schwarm hungriger Moskitos, labte sich an ihrem Blut und lie├č sie dann ungehindert weiterfallen. Als sie auf der Erde auftraf, maltr├Ątiert und von den M├Ąchten geschunden, blind vom hellen Glanz des Lebens und gebrochen von der Wucht der sinnigen Kraft, in ihren K├Ârper zur├╝ckkehrend, f├╝hlte sie sich wie gefangen. Sie begann zu weinen und warf sich auf den Boden hin und her, betete zu ihrem Gott und bat um Vergebung, doch die Fesseln wurden nicht gelockert.
Besudelt mit ihren eigenen Fl├╝ssigkeiten, schwach von ihrem Fall und besiegt von ihrer eigenen Gegenwehr, sp├╝rte sie wieder seine Gegenwart. Er war um sie herum, h├╝llte sie in einen Schleier warmer Zufriedenheit. Und w├Ąhrend sie weinend dalag, konnte sie seine Stimme h├Âren. Klar und rein schwebte sie im Raum:
ÔÇ×Siehst du jetzt, wie tr├╝gerisch das Leben ist? Wie gef├Ąhrlich die Erkenntnis und wie begrenzt das menschliche Sein? Verstehst du jetzt, wie befreiend ein Flug in h├Âhere Sph├Ąren ist? Die Grenzen hinter sich lassen, die einem den Blick auf die Wahrheit versperren, das Leben so zu sehen, wie es tats├Ąchlich ist. Das sollte unsere Bestimmung sein! Nicht zu leben, sondern sich vom Leben zu befreien, um das Sein in seiner wahren Pracht zu entdecken, sich darin zu suhlen und sich der reinigenden Ekstase hinzugeben, die unsere Seele von den L├╝gen befreit. Es geht um Erkennen und nicht um Leben! Denkst du, ein wahrer Gott w├Ąre gegen diese Symbiose zweier kraftvoller M├Ąchte? Gegen die Symbiose von Sein und Erkennen? F├╝hlst du nicht den gemeinsamen Willen, dessen Aura uns umgibt? Nein? Dann bist du mir unheimlicher, als ich dir...ÔÇť
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Nyxon, gefallener Engel aus Leidenschaft

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