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Lucy steht hoch auf dem Brückenpfeiler der Rheinbrücke und sieht über die Lichter der Stadt. Es ist Freitag und die Sterblichen bevölkern die Straßen. Die Lichter ihrer Autos sind wie Blut in den Straßenschluchten. Die Stadt pulsiert in gierigem Leben. Die jungen Leute gieren nach Vergnügungen und fließen in die Clubs, bilden Wirbel um die Eingänge.
Auf einer Seite des Flusses werden Engel und Teufel vom blauen Licht angezogen. Junge Menschen in schwarzer und roter Kleidung, in Rüschenröcken und Korsetts. Sie sind bleich im Gesicht und wirken unnahbar. Alle zeigen sie gefaltete Kärtchen vor und der bullige Türsteher verbeugt sich, um sie hereinzubitten.
Lucy springt von der Kante des Brückenpfeilers und schwebt über den Fluss hinunter ans Ufer. In ihrer jetzigen Gestalt kann sie kein Sterblicher sehen, sie ist unsichtbar für das lebendige Augen. Die Ratten spüren ihre Gegenwart, als sie auf der Promenade landet. Sie quietschen und hasten zurück in die Schatten. Lucy verändert ihre Gestalt und wird sichtbar. Ihr plötzliches Erscheinen verwirrt niemanden, sie scheint aus dem Dunkel zu treten.
Der Türsteher will ihre Einladung sehen, doch sie benötigt keine. Mit den Fingerspitzen berührt sie ihn an der Wange und sogleich tritt er einen Schritt beiseite. Er verbeugt sich, als sie an ihm vorbei schreitet. Am Ende des Korridors nimmt ihr ein schwarz gekleideter Diener den Umhang ab, drinnen ist es warm. Er sieht ihr nach, wie sie durch den türlosen Eingang verschwindet.
Mit ihrer Lorenzinischen Ampulle über ihrer Nasenwurzel nimmt sie die Menschen als silberne Silhouetten wahr. Sie tanzen nahe beieinander, ihre elektromagnetischen Felder überschneiden sich. Die Luft ist feucht von heißem Atem und vibriert von den wogenden Leibern. Lucys rote Augen nehmen die Wärme der Leiber wahr. Unterschiedlich rote Körper umgeben von silbernen Auren.
Lucy spürt ihre Herzen schlagen. Sie interessieren nur die schweren Schläge, die der Männer. Jung muss er sein und gesund. Frisch. Sie ist wählerisch, nicht jeder darf ihr nahe kommen. Zwischen all den Leibern bewegt sich zur düsteren Musik ein Sterblicher mit breiten Schultern und kräftigem Herzen. Lucy erkennt die Wärme seines Körpers.
Wie ein Geist schwebt sie zwischen den Tänzern auf die Beute zu. Ihre Schuhe berühren den Boden nicht. Die Sterblichen sind so sehr mit sich selbst beschäftigt, dass sie es nicht wahrnehmen. Als sie näher kommt, riecht sie seinen Duft unter all den anderen Gerüchen heraus. Er riecht nach Moschus und Schweiß. Er riecht nach Mann und Adrenalin.
Ein ganz anderer Kerl taucht vor Lucy auf und verstellt ihr den Weg. Sein Atem stinkt, er hat zuviel getrunken. Das Blut pulsiert durch seinen Körper, der Alkohol belebt ihn, bevor er die Wärme aus ihm zieht. Nun, in diesem Augenblick fühlt er sich über alle Maßen lebendig und wahrscheinlich traut er sich alles zu. Sein Blick ist verhangen.
Markus ist sein Name, sagt er und lädt Lucy zu einem Drink ein. Lucy schüttelt das Haupt. Er lässt sich nicht entmutigen und behauptet, dass sie tatsächlich doch wolle, sich aber ziert. Sie versichert ihm, dass sie nicht auf der Suche nach ihm ist und will an ihm vorbeigehen. Er tritt ihr wieder in den Weg.
Markus sei doch ein toller Mann, sagt Markus und lächelte dämlich. An ihm würde sie sich eine Blutvergiftung holen, denkt Lucy. Er bedrängt sie, aber sie verneint. Sie rät ihm, sie nun freizugeben, doch er überhört ihre Worte. Sie sollen seine Freunde kennen lernen, er würde sie ihnen gerne vorstellen. Natürlich will er das. Lucy fordert ihn auf, aus dem Weg zu treten, doch er weigert sich. Anstatt ihrem Willen zu entsprechen, berührt er sie am Unterarm, dort wo das kalte Fleisch bloß liegt. Er hat sie berührt.
Lucy beugt sich vor und nähert sich seinem Gesicht. Mit ihrer Stimme spricht sie in sein Ohr: “Du wirst nun diesen Club verlassen und auf die Promenade treten. Von dort steigst du über die Absperrung und gehst bis zum Anleger hinunter. Dann springst du in der Fluss. Wenn du im Wasser bist, erwachst du und kämpfst um dein Leben.”
Markus verbeugt sich und geht seiner Wege. Kein Sterblicher kann der Stimme widerstehen, aber ihre Beute würde sie nie auf diese Weise erlegen. Er sollte es wollen, alles andere trübte das Blut.
Lucy geht die letzten Schritte über den Boden. Ihre Beute tanzt mit einer Sterblichen, die nicht sehr kräftig erscheint. Lucy stellt sich mit dem Rücken zu ihm und blickt ihr geradewegs ins Gesicht. Für einen Sekundenbruchteil hält sie ihrem roten Blick stand, doch dann überkommt sie die Furcht. Eine instinktive Furcht, wie sie ein Fluchttier vor einem Zähne fletschenden Räuber hatte, impulsiv und unwiderstehlich.
Die junge Frau entschuldigt sich auf die Toilette und lässt die beiden allein. Lucy nimmt ihren Platz ein und bewegt sich zur Musik. Der Mann versteht nicht, was nun vor sich geht, aber er weiß, er steht der schönsten Frau gegenüber, die ihm je begegnet ist. Er bestaunt sie von oben nach unten. Lucy nähert sich für einen Schritt und zieht seinen Duft auf. Er ist jung, kräftig und gesund. Seine Eltern haben ganze Arbeit geleistet.
Wahrscheinlich steckt er voller Träume und Hoffnungen. Er kennt den wahren Grund seiner Existenz nicht. Diese Welt hat ihn für genau diesen Abend hervorgebracht, für das, was nun geschieht. Er rechnet mit gar nichts, außerdem kann er in diesem Augenblick nicht denken.
Lucy führt einen Tanz auf, der seinen Verstand verschlingt. Das rot seines Körpers verändert sich, wird tiefer und dunkler. In Gedanken ist er ganz bei ihr, alles andere spielt keine Rolle mehr. Vielleicht ist es das erste Mal in seinem Leben, dass er ganz und gar bei einer Sache ist, immerhin ist er noch jung. Seine ganze Welt besteht aus drei Quadratmetern Tanzfläche, alles außerhalb dieser Zone hat keine Bedeutung mehr.
Lucy lächelt und streckt die Hände nach ihm aus. Ihre Finger berühren seinen Hals und ihr Gift dringt in seinen Blutkreislauf. Er hält seine Reaktion für eine Form der Erregung, aber das Gift benebelt ihn. Unbemerkt schaltet es seinen Verstand ab. Tatsächlich befreite es seine Begierden und versteckten Wünsche. Nach wenigen Augenblicken wurde er aufgeregt und unruhig.
Nun wendet sie sich von ihm ab, sie dreht sich um und geht langsam davon. Sie spürt seine Wärme, wie er ihr folgt. Sein elektromagnetische Strahlung dringt durch ihre Kleidung und kitzelt ihre hochempfindlichen Tasthärchen. Er berührt sie und sie liest seine Berührung aus. Auch hört sie sein Herz, wie es schneller schlägt und vernimmt das Rauschen in seinen großen Blutgefäßen.
Er folgt ihr durch die pulsierende Masse. Sie schwebte an den Tänzern vorüber, während er hier und da gegen jemandes Schultern stößt. Die Leute werfen ihm unwillige Blicke zu, doch er hat nur Augen für Lucy.
Lucy führt ihn aus dem Club, den Korridor hinab und aus der Pforte. Auf der dem Fluss zugewandten Seite der Promenade stehen mehrere Sterbliche und starren mit erschrockenen Mienen auf das Wasser. Eine Polizeistreife ist eingetroffen.
Lucy kümmert sich nicht weiter. Mit ihrer Beute im Fahrwasser steigt sie die Treppe an einer Mauer hinauf. Fünf Meter über der Promenade erstreckt sich eine weitläufige Grünfläche, auf der im halbdunkel die Pärchen im Gras liegen. In einer Gruppe Bäume sitzen ein paar Teenager, einer spielte Gitarre.
Lucy und die Beute finden einen stillen Platz unter einer Pappel. Die Stimmen der Sterblichen dringen zu ihnen, doch sie vermögen kein Wort zu verstehen. Man mag sie beobachten, aber das kümmert sie nun nicht mehr. Sie winkt ihn mit dem Zeigefinger zu sich und bewegt sich gleichzeitig rückwärts. Bald stößt sie gegen die Pappel und kann nicht mehr weiter. Er lächelt und nähert sich.
Er jagt sie, bis sie ihn erlegt. Bei seiner ersten Berührung, greift sie nach ihm und wechselt die Positionen. Mit sanfter Gewalt drückt sie ihn gegen den Baum. Ihre Lippen kommen den seinen nahe, doch dann zieht sie sich zurück. Immer wieder zeugt sie Erwartung und enttäuscht ihn. Dann reißt sie sein Hemd auf und fährt mit ihrer kalten Zunge vom Nabel bis zu Adamsapfel. Wieder dringt Gift in seinen Körper.
Er überstreckt den Kopf und stöhnt leise. Seine Wärme dringt in ihren Körper und lässt sie erschaudern. Sein silberner Schein verursacht ihr Gänsehaut. Mit der Linken drückt sie seinen Kopf nach hinten und etwas zur Seite. Sein Hals liegt offen, sie kann das große Gefäß durch die Haut hindurch sehen. Ihr Kiefer packt schnell und hart zu. Er zuckt zusammen, aber das Gift lähmt ihn. Nur für einen Augenblick empfindet er Schmerzen, dann spritzt sie eine starke Ladung Gift in seinen Kreislauf. Zwei Herzschläge darauf verdreht die Beute die Augen. Er ist außer sich, nur noch Körper, kein Geist mehr.
Das Blut schmeckt süß, also bereitet sie ihm Freude. Er bemerkt nicht, was vor sich geht, wie ihm schwindelig wird, er auf die Knie sinkt und bald auf dem Rücken liegt. Sie hockt vorn übergebeugt auf ihm und trinkt sich satt. Die warme Flüssigkeit läuft ihr Kinn hinunter und tropft ins Gras.
Als sie fertig ist, richtet sie ihren Oberkörper auf und erscheint im Angesicht des Mondes. Seine ganze Wärme ist nun in ihr und wird sie lange vor der Kälte schützen. Der Beute würdigte sie keines Blickes mehr. Sterbliche Leichen machten nicht viel her, im Gegensatz zu lebendigen.
Lucy geht zur Mauer zurück und steigt die Treppe hinunter. Sie überquert die Promenade und schwebt über das Wasser davon. Nach wenigen Metern wird sie eins mit der Dunkelheit.
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