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Leselupe.de > Erzählungen
Lusche, Flasche, 1,2,3
Eingestellt am 14. 10. 2010 00:39


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neonovalis
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2010

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Lusche, Flasche,1,2,3


Ich hocke nächtens vor meinem Computer. Der Roman muss bald fertig sein. Die Maloche der letzten zehn Monate soll nicht umsonst gewesen sein. Es kribbelt. Es muss heraus. Schöner als Sex.
Sabinchen habe ich lange nicht mehr gesehen. Was soll`s! Wen ich später mal heirate, weiß ich jetzt noch nicht. Die ganze Energie geht für die Handlung drauf. Davon lasse ich mich so anstecken, dass ich in einem Rutsch durchschreibe! Mein Zimmer ist exact eingerichtet, mit Schreibtisch aus Teakholz, dunkelblauem Drehstuhl, dunkelbraunem japanischen Bett, hellem Kiefernholzschrank und einem niedrigen Tisch inmitten einer beigen Sitzgruppe. Ich arbeite noch drei Stunden konzentriert durch. Bringe das nächste Kapitel zum Abschluss. Dann gehe ich schlafen.-

Um sechs schrillt der Wecker. Vier Stunden Schlaf müssen reichen! Ich flitze ins Badezimmer. Mit der Morgentoilette bin ich in fünfzehn Minuten fertig. Dann `runter in die Küche – meine Eltern sind nicht da.
Im Urlaub.
Den Kaffee habe ich mir schnell aufgesetzt. Die grell-heiße braune Brühe kratzt mich auf. Drei Minuten später hänge ich am Handy:
„Sandra! Was machst du heute abend?“
„Weiß nicht. Was machst du?“
„Ich geh` in den Intershop. Kommst du mit?“
„Wann?“
„Um zwölf?“
„Alles klar! Ich bin dabei!“
„Bis dann!“
„Ja, bis dann!“
Während ich noch ihre erfreute Stimme vernehme, mache ich schon den Jogging-Termin mit Thomas klar. Der ist mein Kumpel seit dem fünften Schuljahr. Ich vereinbare noch schnell einen Termin mit Bettina, meiner Literaturagentin. Dann schlüpft meine große, drahtige Gestalt in meine Joggingklamotten. Um Punkt acht bin ich mit meinem Freund auf der Piste. Ich hänge ihn ab. Thomas kennt das schon. Ich war immer der erste.
Im Deutschunterricht.
In Literatur.
Im Sport.
Bei den Mädels.
Ich warte am Parkplatz auf ihn.
„Na, Sportsfreund? Wieder Weltmeister?“
Ich lache.
„Du kennst mich ja.“
„Ja. Vor allem deine Unarten.“
Wir lachen beide. Nach dem Duschen gehen wir noch auf einen Kaffee ins „Treibsand“, einem kleinen Café am Bochumer Stadtpark.
„Und sonst so?“
„Läuft ganz gut. Ich bin jetzt im zweiten Lehrjahr in der Tischlerei. Viel Auslieferungen und so. Und selbst?“
„Bin zufrieden. Bettina hat einen Verlag an der Hand. In zwei Wochen wollen sie das Manuskript.“
„Und Sabine?“
Ich schaue kurz zu Boden.
„Mit der hab´ ich vor drei Wochen das letzte Mal telefoniert.“
„Habt ihr Probleme?“
„Weiß ich nicht.“
Ich will nicht drüber reden. Wir spielen dann noch etwas Schach – ich gewinne natürlich! – verabreden uns zum nächsten Jogging-Termin und trennen uns.-

Grünlichblau schimmert die Nacht. Schreiendgelb erstrahlt die Neonreklame. Ich nehme es in mich auf. Eine schwarze Katze rennt fauchend über die Straße. Ab und an schleichen ein paar Autos vorbei. Ich bin jetzt am Intershop. Ich öffne die Tür und gehe `rein. Drinnen ist das Licht gedämpft. An der Wand hängt immer noch das Bild von Doktor Mabuse. Heute schaut er noch etwas strenger drein als sonst. Sandra ist schon da. Sie sitzt auf einem schwarzen Hocker an der Theke. Strahlt mich an.
„Hallo!“
„Hallo!“
Ich freue mich auch. Wir küssen uns auf die Wange.
„Schön, dich zu sehen!“
„Ganz meinerseits. Wie geht´s dir denn?“
„Gut. Ich bin jetzt fast mit der Schneiderlehre fertig.“
„Ist doch wunderbar. Und dann?“
„Geht`s auf die Modedesign-Schule in Düsseldorf.“
„Mann oh Mann! Du bist ja richtig zielstrebig.“
Wir beschließen, an einen der Tische am Fenster umzuziehen. Da ist die Atmosphäre auch vertrauter...

Ich bin echt in Zeitdruck. Ich muss das Manuskript in zwei Tagen abgegeben haben. Meine Literaturagentin ruft schon ständig an und fragt nach. Ich schwitze vor der Tastatur.
Haue mir die Tage und die Nächte um die Ohren.
Gehe kaum noch ans Telefon.
Esse im Stehen.
Da klingelt es an der Tür. Ich mache auf. Es ist Sabine. Ich bin baff:
„Mit dir hätt´ ich jetzt gar nicht gerechnet. Was machst du denn hier?“
„Dich besuchen vielleicht?“
Ich küsse sie flüchtig auf den Mund. Drehe mich um. Gehe die Treppe `rauf in mein Zimmer. Sabine geht hinterher.
„Hallo? Redest du vielleicht mal mit mir?“
Ich zögere.
„Warum meldest du dich nicht?“
„Keine Zeit.“
„Wie, keine Zeit?“
„Na, ich muss doch fertig werden. Das Manuskript muss in zwei Tagen abgegeben sein.“
Ich wende mich zum Schreibtisch.
Sabine fängt an zu heulen und geht.-

Bettina macht Druck. Ich werde fertig. Auf den letzten Drücker. Ich gebe das Manuskript bei ihr ab und warte.-

Die Herbstbäume stehen in flammendem Rot. Sie schmiegen sich an den sanft ansteigenden Hang. Von unten schimmert silbrigblau der See hinauf. Der Bochumer Stadtpark ist im Herbst das Paradies auf Erden. Sandra und ich gehen spazieren. Wir unterhalten uns angeregt. Wir lachen viel. Schmieden Pläne. Nie war`n wir uns so vertraut.
„Du bist wirklich meine beste Freundin. Du bist immer da, wenn ich dich brauche.“
„Ja, danke. Dito.“
Ich schaue sie an.
Küsse sie.-

Das Telefon reißt mich aus dem Schlaf. Schlaftrunken nehme ich den Hörer ab.
„Dein Roman kommt `raus.“
„Was?“
Ich begreife es erst gar nicht.
„Veröffentlichungstermin ist der fünfzehnte November. Wir haben heute nachmittag einen Termin mit dem Lektor.“
Sie nennt mir noch die Uhrzeit, legt dann auf. Ich muss mich erst mal setzen. Sacken lassen.
Dann stehe ich auf. Gehe ans Fenster. Gucke ´raus. Draußen wird es gerade hell.
Ich brülle nicht vor Freude. Ich muss jetzt `raus. Ziehe meinen Jogging-Anzug an. Gehe aus dem Haus und laufe los.
Ich sprinte. Bin richtig schnell.
Da ich nicht weit vom Ruhrstadion wohne, bin ich bald da. Auf dem Trainingsplatz ist noch keiner. Ich renne quer über den Platz. Zurück. Wieder hin. Spüre die Kraft in mir. Gebe nochmal Gas. Dann bleibe ich endlich stehen. Ich höre meinen Atem.-

Zwei Wochen später. Ich sitze in der Buchhandlung „Strecker“. Am Pult. Habe meinen Roman vor mir. Und zwanzig Leute. Ich lese.
„Carl zog sich langsam die Treppen hoch.“
Und so weiter. Ich bin gar nicht aufgeregt dabei, eher routiniert. Ich schaue selten hoch. Nach einer Stunde ist alles vorbei. Das Publikum applaudiert. Ich lehne mich etwas entspannt zurück. Genieße den Applaus, stehe auf und bedanke mich artig beim Publikum. Da kommt sogar eine junge Frau daher und will ein Autogramm. Ich signiere gerne auf der Innenseite des Buchdeckels. Dann ist der literarische Abend beendet.-

Bettina kommt vorbei. In der Hand hat sie ein Stück Papier, auf dem die bisherigen Verkaufszahlen des Romans verzeichnet sind. Sie sind enorm gut. Ich werfe einen Blick auf die Zahlen. Ich werde euphorisch. Falle Bettina um den Hals.
„Du hast etwas sehr Gutes geschrieben. Mach` weiter so!“
Und ich mache weiter so. Halte eine Lesung nach der anderen, in einer Stadt nach der anderen. Ich komme in den Bestsellerlisten nach oben. Irgendwann bin ich auf Platz eins.-

Ich werde herumgereicht. Bin mal auf einer Literaturpreisverleihung, mal auf einer Buchmesse, mal bei der Eröffnung einer größeren Buchhandlung dabei. Hier ein paar Häppchen, da ein paar Häppchen. Meine schmale Gestalt wird immer schmaler. Sandra sehe ich kaum noch, Sabinchen noch seltener. Eines Abends wird auf einer Verlegerparty ein kleines weißes Pulver kredenzt.-

Die Lesungen werden weniger. Stattdessen feiert man auf Cocktailpartys sich selbst. Ich immer mittendrin. Ab und zu verschwinde ich mit ein paar Tänzerinnen. Wir haben unseren Spaß, ziehen eine Line. Und noch eine. Nach drei Monaten weniger Lesungen und ausgiebigen Feierns bin ich zu einem Zeitungsinterview eingeladen.
„Sascha! Wie geht es Ihnen heute?“
„Wunderbar! Ich fang´ schon den nächsten Roman an.“
„Toll! Ihr Erstling ist eingeschlagen wie eine Rakete. Wie lange haben Sie eigentlich gebraucht?“
„Für den Roman?“
„Ja.“
„Zehn Monate!“
„Zehn Monate für sechshundert Seiten! Enorm!“
„Ja.“
„Spielen Sie in dem Roman auch mit?“
„Dem ersten oder dem zweiten?“
Der Reporter lacht.
„Dem ersten.“
„Ja. Aber-“
Der Satz reißt ab.
„Sascha? Spielen Sie-? Sascha!“
Ich will noch antworten.
Kriege indes keinen Ton heraus.
Breche zusammen.-

Am nächsten Tag stehe ich in den Zeitungen.
„Jungschriftsteller bricht zusammen!“
„Gefeierter Jungstar drogensüchtig?“
„Nimmt Sascha Kokain?“
So oder ähnlich lauten die Schlagzeilen. Ich lese es von meinem Krankenbett aus. Spüre ein gewisses Kribbeln. Die Krankenschwester kommt ´rein und wechselt bei meinem Zimmernachbarn den Verband.
„Guten Morgen, Herr Müller“, sagt sie währenddessen freundlich zu mir.
„Wie geht es Ihnen heute?“
„Ganz gut. Wann komm´ ich ´raus?“
„Mal langsam, Herr Müller! Heut` noch nicht.“
Ich ärgere mich. Eigentlich wollte ich heute an meinem neuen Roman weiterschreiben. Ich liege verdrießlich in meinem Bett. Das Krankenzimmer ist in heller, weißer Farbe gestrichen. Die Betten lassen einen Durchgang
von circa einen Meter fünfzig. Ich warte, bis die Krankenschwester weg ist. Stehe dann auf. Ich taumele etwas, halte mich am Bett fest. Dann gehe ich im Krankenhausnachthemd langsam den Flur entlang. Zwischendurch setze ich mich immer mal hin. Im Bochumer Bergmannsheil war ich das letzte Mal als Kind. Da sehe ich Sabinchen den Flur `runterkommen.-

„Hallo.“
Es klingt etwas tonlos.
„Hallo. Wie geht´s dir?“
Ich frage tatsächlich mit einem gewissen Interesse.
"Nicht gut. Du hattest einen Zusammenbruch."
Ich sage nichts. Ich ziehe sie zu mir hin und küsse sie. Sie freut sich nicht unbedingt darüber.
„Warum hast du nicht angerufen?“
„Ich hatte viel zu tun.“
Es klingt fast entschuldigend.
„Man hört so einiges über dich. Du wärst der Partykönig.“
Ich schweige.
Die berühmten drei Worte kommen mir einfach nicht über die Lippen.
Sabine dreht sich um und geht.-

Ich bin beim Packen. Ich werde fertig, verabschiede mich von meinem Nachbarn. Dann verlasse ich das Zimmer. Auf dem Flur begegne ich noch einmal der Krankenschwester.
„Herr Müller! Wo wollen Sie denn hin?“
„Nach Hause.“
„Wie, nach Hause?“
„Ja, nach Hause eben!“
„Das geht aber nicht!“
„Sehen Sie doch!“
„Moment, Herr Müller! Da müssen Sie erst noch mit zum Arzt!“
„Wieso das denn?“
„Die Entlassungspapiere fertig machen!“
Ich gehe widerwillig mit. Der Arzt sieht nur kurz auf.
„Kreislaufzusammenbruch. Entlassen auf eigene Gefahr.“-

Ich sitze endlich wieder zuhause am Schreibtisch. Der neue Roman ist erst zwei Seiten alt. Als ich die dritte Seite anfangen will, klingelt das Telefon.
„Hallo, Sascha! Hier ist dein alter Freund Thomas!“
„Hallo.“
„Auf welchem Planeten hast du dich denn versteckt?“
„Sehr witzig. Ich war im Krankenhaus.“
„Hab` schon gehört. Hast zuviel gefeiert, was?“
„Ja.“
Ich bin etwas kleinlaut.
„Ich hatte einen Zusammenbruch.“
„Wie, Zusammenbruch?“
„Na, ja.“
Ich druckse `rum.
„Kokain halt.“
Am anderen Ende der Leitung entsteht eine Pause.
„Bist du bescheuert?“
„Ja, hast du das denn nicht in der Zeitung gelesen?“
„Nee, Sascha. Ich war im Urlaub.“
„Sabine hat auch Schluss gemacht.“
Wieder Pause.
„Das wundert mich nicht. Bist ja auch ´n ziemlicher Arsch geworden in letzter Zeit.“
„Warum das denn?“
„Ja, weil das halt so ist. Egoistisch ohne Ende. Meldest dich nicht. Kein Verlass mehr.“
„Was soll das denn jetzt?“
„Ja, Sascha. Ich hab` dir immer schon gesagt, wie`s ist. Und früher hat das auch funktioniert.“
„Und jetzt nicht mehr, oder was?“
„Jetzt nicht mehr.“
Ich knalle wutentbrannt den Hörer auf.-

„Hey, Sascha! Lange nicht gesehen! Wo warst du denn so lange, altes Haus?“
Karl-Heinz, der Verleger, begrüßt mich mit gewohnter Vertrautheit.
„Im Krankenhaus.“
Mir ist es fast peinlich.
„Ach, Junge, Kopf hoch! Hier hast du ´nen Cocktail.“
Er gibt mir einen Blue Curacao. Mir schmeckt`s.-

Ich bin dann doch wieder fleißig, und sitze an den Seiten dreißig bis vierzig. Es fließt mir aus den Fingern. Ich baue Spannung auf und finde mich grad´ sehr unterhaltsam, als es schellt. Ich öffne die Tür. Es ist Natascha, die schöne Tänzerin. Sie möchte etwas mit mir feiern. Das kleine weiße Pulver hat sie auch dabei. Nachdem wir die erste Line gezogen haben, passiert es. Ich breche zusammen.
„Oh Darling! What happened?“
Ich schreie.
„Ich kann nicht mehr!“
Dann falle ich in Ohnmacht.-

Als ich erwache, ist niemand da. Mein Körper schmerzt an jeder Stelle. Das Krankenzimmer sieht grau aus. Ich drehe den Kopf nach links. Es tut weh. Das Bett neben mir ist leer. Als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich in einen verregneten grauen Himmel. Ich will nicht drüber nachdenken. Nach einer langen Zeit quälenden Wartens öffnet sich endlich die Tür. Eine Krankenschwester erscheint.
„So, Herr Müller. Setzen Sie sich mal bitte auf!“
Ich quäle mich in sitzende Haltung. Die Krankenschwester misst den Puls. Dann sticht sie mir eine Nadel in den Arm.
Ich schreie fast.
Ich sehe, wie mein Blut durch den dünnen Plastikschlauch fließt. Endlich ist die Krankenschwester fertig und geht wieder. Erneut zieht sich die Zeit wie Kaugummi. Ich habe Durst. Ich klingel. Nach einer Weile erscheint erneut die Krankenschwester.
„Sie wünschen?“
Es klingt unfreundlich.
„Hätten Sie vielleicht ein Glas Wasser?“, frage ich matt.
„Moment.“
Sie verschwindet und erscheint kurze Zeit später wieder. Stellt das Glas Wasser auf das Beistelltischchen und geht. Ich sinniere. Zum ersten Mal im Leben zweifel' ich an mir. Mit zitternder Hand nehme ich das Glas Wasser. Ich bringe zwei hastige Schlückchen fertig. Dann stelle ich es schnell ab.
Ich will lesen.
Es ist nichts zum Lesen da.-

Zwei Wochen später bin ich zuhause. Ich sitze vor dem Computer.
Schreibe.
Habe keinen zum Reden.
Schreibe.
Dann rufe ich Bettina an:
„Hallo Bettina,“ sage ich freundlich.
„Wie geht es dir?“
Schiebe ich noch nach. Zögern am anderen Ende der Leitung.
„Wie immer. Lange nichts gehört.“
„Ja, Entschuldigung. Ich hab`s etwas übertrieben.“
„Nicht zum ersten Mal.“
„Ja. Tut mir leid.“
„Und? Wie geht`s jetzt weiter?“
„Ich hab` wieder angefangen zu schreiben.“
„Aha.“
Bettina klingt wenig begeistert.
„An meinem neuen Roman.“
Ich warte auf eine Antwort.
Vergeblich.-

Ich hocke mal wieder zuhause. Vergeblich habe ich auf einen Anruf meines Verlegers gewartet. Wie ich in letzter Zeit auf so viele Anrufe gewartet habe. Der Anruf, der jetzt kommt, entpuppt sich als echte Scheiße:
„Hi Sascha. This is Natascha speaking. Ich will mal wieder was probieren! Hast du was da?“
Ich muss bald kotzen!
„Ach, Natascha! Leck` mich doch am Arsch!“
Damit ist das Telefonat beendet. Ich sitz' wieder da. Bin melancholisch. Keiner ruft an. Und ich selbst? Ich habe eine unbestimmte Ahnung, dass es nicht mehr weitergeht.-

Nach drei Wochen weiterer Lethargie klingelt dann doch einmal das Telefon.
„Hallo Sascha! Eigentlich wollte ich dich nie wieder anrufen!“
„Wer ist denn da?“
„Erkennst du mich nicht?“
„Nein.“
„Hier ist Bettina.“
„Ach, Bettina. Wie geht´s?“
„Gut! Und selbst?“
„Geht so.“
„Schreibst du noch?“
„Joah. So zwei, drei Zeilen am Tag.“
„Bisschen wenig, oder?“
„Findest du?“
„Ja. Tust dir auch selber leid, oder?!“
Ich schweige.
„Sascha!“
„Ja.“
Ich bin müde.
Habe keine Lust zu reden.
„Warum soll ich schreiben? Interessiert doch sowieso keinen!“
„Mich interessiert es.“
Ich schweige.
„Wirklich?“
„Ja.“
„Na, dann.“
„Pass mal auf. Ich bin sowieso grad` in Essen. In `ner halben Stunde kann ich in Bochum sein. Lass uns doch irgendwo in der Stadt treffen.“
„Keine Lust.“
„Warum nicht?“
„Zuhause ist es schöner.“
Bettina legt auf.-

Ich schreie `rum. Nix klappt. Warum auch? Ist doch sowieso alles Mist. Die Freundin – weg. Die andere Freundin – weg. Mein bester Kumpel – weg. Was ist mir geblieben?-

Ganz kurz überlege ich, bei meinen Eltern in Marbella anzurufen. Die sind da schon seit drei Monaten. Meine Hand geht zum Hörer. Ich tippe mit den Fingern drauf. Überlege. Lasse es dann.
Der Spiegel im Badezimmer zeigt eine hagere, bleiche Gestalt mit strähnigem Haar und roten Augen. Ich bin jetzt den dritten Tag nicht draußen.
Plötzlich schellt´s.
Ich bin nicht da.
Es schellt noch einmal.
Ich schlurfe zur Haustür `runter.
Mache auf.
Es ist Thomas.
„Ach. Das ist ja ´ne Überraschung.“
„Hallo Sascha. Wie geht´s dir?“
„Geht so.“
Ich bitte ihn nicht `rein.
„Hm hm.“
Ich mache die Tür zu.
Einige Momente passiert nichts.
Dann schellt es wieder. Ich zögere.
„Was willst du?“
Ich frage durch die geschlossene Tür.
„Mit dir reden.“
„Wozu?“
„Weil `s dir beschissen geht.“
„Das geht dich `n Scheißdreck an.“
„Wieso das denn?“
„Weil du mich hast hängen lassen. Jetzt brauchst du auch nicht mehr kommen.“
„Komm´ mal klar. Du hast den Partykönig gemimt.“
Ich schweige.
Zögere noch einen Augenblick.
Dann öffne ich die Tür.
„Dann komm` halt `rein.“
Wir geh´n ins Wohnzimmer und setzen uns jeder in einen Sessel. Eine Zeitlang sagt keiner was.
„Willst du was trinken?“
Meine Stimme klingt immer noch unfreundlich.
„Vielleicht ein Wasser?“
Ich hol' eine Flasche und zwei Gläser. Ich schenke erst mir ein, dann Thomas. Thomas nimmt einen Schluck.
„Sascha, das geht so nicht weiter mit dir. Du musst was tun. Geh´ doch mal wieder joggen.“
„Erzähl` du mir nicht, was ich tun soll!“
Ich sitze da wie ein Häufchen Elend, zusammengesunken in meinem Sessel. Stiere aus roten Augen vor mich hin.
„Es wäre schade um dein Talent.“
Thomas lässt nicht locker.
„Mein Talent ist mir scheißegal.“
„Was ist denn mit Sandra?“
„Weg.“
„Wie, weg?“
„In Düsseldorf. Zum Studieren.“
„Ach so.“
„Und Sabine?“
„Weg. Hat Schluss gemacht.“
Ich schaue betreten zu Boden.
„Erst zwei Frauen, dann gar keine mehr.“
Thomas` Stimme klingt bedauernd.
„Und der Roman?“
„Mir fällt nichts ein. Außerdem hab` ich auch kein Bock.“
„Hm hm.“
Ich sitze zusammengesunken in meinem Sessel. Eine Zeitlang geht nichts.
Dann schellt es erneut.
Ich schlurfe zur Tür.
Mach' auf.
Bettina ist da.
„Darf ich `reinkommen?“
„Meinetwegen.“
Wir geh`n ins Wohnzimmer. Nachdem Bettina und Thomas sich bekannt gemacht haben, setzt sich Bettina auch in einen Sessel. Eine Zeitlang herrscht betretene Stille.
„Sascha. So kann`s nicht weitergeh´n. Du gehst jetzt mit Thomas zum Joggen.“
„Nein.“
„Lusche, Flasche, eins, zwei, drei. Hoch!“
Ich will gar nicht. Bettina und Thomas gehen zu mir hin. Und ziehen mich hoch. Ich sträube mich.
Bettina haut mir eine `runter.
Ich schrei:
„Bist du bescheuert!“
„Nein, Sascha, du bist bescheuert. Du kommst jetzt mit.“
Sie geh`n mit mir ins Kinderzimmer. Da lassen sie mich mit meinem Jogginganzug allein.
Nach zehn Minuten komm' ich umgekleidet wieder `raus.
Ich wirke bei weitem nicht so fit wie früher.
Man erkennt aber in Ansätzen den früheren Sportler.-

- Ende -

__________________
thora

Version vom 14. 10. 2010 00:39
Version vom 14. 10. 2010 12:00

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Pikolaus
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Eher ein Drehbuch

Ein junger Debütant der Literatur stürzt ab, kapselt sich ab und verliert Freunde. Aus dem einstigen Sportler wird eine Lusche. Der zweite Roman will Sascha nicht gelingen. Am Ende versuchen ehemalige Freunde, ihn aus seiner Höhle zu holen. So habe ich den Text verstanden.
Für mich ist es eher ein Drehbuch mit Regieanweisungen, Beschreibung der Sets und der zu sprechenden Dialoge (denen fehlt dann aber jeweils der Name davor) als eine Erzählung.

Die Erzählperspektive ist nicht eindeutig: mal neutral beschreibend aus der Sicht des Beobachters, mittendrin dann plötzlich subjektive Begriffe und Empfindungen von Sascha. Aus der Ich-Sicht wäre der Text auf Anhieb viel packender. Ersetze einfach alle 'er' und 'Sascha' durch ich, Verben noch anpassen und dann mal lesen.
Viele Sprünge in Zeit und Ort, viele Namen irgendwo. In den Dialogen wird oft erst am Ende klar, wer die Beteiligten sind (Sabine, Bettina, Sandra, Natascha) und wo es sich abspielt. Das verwirrt. Mache am Beginn einer jeden Szene klar, wo sie spielt und wer dabei ist.

Das war es von mir - eine gute Story, viel Dialog, aber zu wenig athmosphärische Erzählung und zu viel Beschreibung. Jede einzelne Szene hat das Zeug zu einem Kapitel oder einer Kurzgeschichte, wenn mehr gehandelt als beschrieben wird.
Viel Spaß noch.

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