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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Malaga
Eingestellt am 23. 02. 2006 09:13


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HFleiss
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Ob der Junge schon gegangen war? Sie beschloss, noch ein Weilchen zu warten. Bis die Sonne aufgegangen war, so lange warten, bis der Junge weg sein w├╝rde. Ihr fr├Âstelte, der Morgen war k├╝hler, als sie angenommen hatte. Sie kuschelte sich in den Blazer, als sei er die Brust des Jungen. Es war August, doch man roch schon den September.

Osten lag hinter den H├Ąusern, dort w├╝rde die Sonne aufsteigen. Noch war alles ringsum Schatten, es war zu k├╝hl f├╝r August. Diese Stille. Unversehens fiel ihr die Stille auf. Solche Stille vermutete sie hier nicht. Nicht in der Innenstadt. Die Hauptstra├če, ├╝ber die tags├╝ber die Autos zischten, konnte sie von hieraus nicht sehen, aber man h├Ârte sie. Jetzt schon? Lieferfahrzeuge, dachte sie.

Sie wartete. Darauf, dass der Junge endlich ginge, auf die Sonne mit ihrer W├Ąrme. Und dass der Kopfschmerz endlich nachlie├če. Seltsam, wenn sie so aufs Wasser sah, konnte sie vergessen, dass das da unten nur die Spree war, eingezw├Ąngt in schmutzigschwarze Mauern, eine Gefangene. Ein rei├čender Fluss, dem man Fesseln angelegt hatte. Sie lachte, ein rei├čender Fluss ÔÇô die Spree? Sie beugte sich ├╝ber das Kanalgel├Ąnder. M├Âwen und Tauben hatten hier ihre Spuren hinterlassen, erschrocken reinigte sie sich die Finger mit dem Taschentuch.

Wenn Martin das w├╝sste, das mit dem Jungen. Martin: Usedom, Achterwasser, die Buchenw├Ąlder, FKK, die sch├Ânste Zeit mit ihm. Diese Zeit geh├Ârte ihr, die w├╝rde sie sich von niemandem nehmen lassen. Martin, der ├╝ber alle Berge war und an dessen Gesicht sie sich kaum noch erinnern konnte. Die vier Jahre mit ihm waren schnell vergangen.

Plateausohlen klatschten aufs Stra├čenpflaster, sie schrak zusammen. Zwei M├Ądchen, sie schwatzten und lachten, und ihre Stimmen hallten von den H├Ąusern wider. Schwarzumrandete zyklamrote M├╝nder. Sie sah ihnen nach, bis sie in eine Seitenstra├če einbogen. Sie h├Ątte eine Selbstm├Ârderin sein k├Ânnen, so fr├╝h am Morgen und so weit ├╝ber das Kanalgel├Ąnder gebeugt. Die M├Ądchen hatten nicht hochgeblickt.

Zehn Minuten hatte sie dem Jungen gegeben. Zehn Minuten, um zu verschwinden aus ihrer Wohnung. In zehn Minuten w├╝rde sie gehen, nach Hause, zur├╝ck in die Wohnung. In ihre Wohnung. Die Fenster w├╝rde sie bis zum Anschlag ├Âffnen, das Bett neu beziehen und zum Staubsauger greifen. Jede Spur des Jungen vertilgen.

Die Malagaflasche fiel ihr ein, die sie sich gegriffen hatte, ehe sie losging und die sich in der Umh├Ąngetasche beulte. Blo├č keinen Fuselgestank in der Wohnung.

ÔÇ×Am liebsten Malaga.ÔÇť Sie hatte ihn gefragt, welchen Wein er wolle.
Sie machte sich nichts aus Wein, schon gar nichts aus schwerem, der brachte nur Kopfschmerzen. ÔÇ×Wirklich?ÔÇť, hatte sie gefragt, ÔÇ×Malaga, solch Zeugs trinkst du? Ohne das kannst du wohl nicht?ÔÇť
Der Junge war err├Âtet, und sie sch├Ąmte sich ihrer Frage. Den Malaga hatte sie dann aus der Kneipe geholt, der Junge sollte sich wohl f├╝hlen bei ihr.

Die ganze Nacht hatten sie kein Auge zugemacht. Der Junge war erstaunt: ÔÇ×Und ich hatte immer gedacht, so eine Alte, du bist doch schon fast f├╝nfzig? So eine Alte, dachte ich immer, die bringt es nicht mehr.ÔÇť Sie musste ihm den Mund zuhalten. Nein, diese Nacht sollte ihr niemand verderben, nicht mal der Junge. Obwohl er ein Recht darauf gehabt h├Ątte. Dem stand was J├╝ngeres zu, aber gestern abend war sie eben diejenige, welche.

Sie hatte nichts wissen wollen von dem Jungen ÔÇô schwere Kindheit, Masern, Mumps und Windpocken und die ganze Kinderschei├če. Als er davon anfangen wollte, dass er arbeitslos sei und dass ihn seine Eltern anstinken w├╝rden, bremste sie ihn: ÔÇ×Red nicht, ich bin nicht deine Mutter, und ich will von dir heute nur eines.ÔÇť Der Junge hatte beleidigt geschwiegen.

Sie verabscheute sich. Nur nicht an Martin denken. Martin? Der w├╝rde sie auslachen: So weit war sie schon heruntergekommen, auf das halbe Kind, den Jungen. Das musste ja so kommen, w├╝rde er sagen. Schon seltsam, dass man nur Frauen den Vorwurf mit den halben Kindern machte. Ach, Martin. Er konnte ihr gestohlen bleiben. Wenn er ├╝berhaupt noch an sie dachte.

H├Ątte der Junge sie nicht angesprochen ÔÇô nichts w├Ąre passiert. Sie h├Ątte ihre Zigarette zu Ende geraucht und w├Ąre nach Hause gegangen, allein wie immer. Aber er hatte sie angesprochen. Sie sa├č auf der Bank am Wasser und rauchte, und pl├Âtzlich stand der Junge vor ihr. Sch├Âner Abend und so, und dann wussten sie, dass sie zu ihr nach Hause gehen w├╝rden. Der Junge war blond, ja blond war er. Wei├č Gott, schon jetzt verschwamm sein Gesicht. Auf dem Weg zur Wohnung fragte sie, wie er hie├če, und er sagte: ÔÇ×Mister X.ÔÇť
ÔÇ×Dann bin ich Madam Tausendsch├ÂnÔÇť, sagte sie. Der Junge hatte gegrinst, sie ungeschickt gek├╝sst und ihr ins Ohr gefl├╝stert: ÔÇ×Tausendsch├Ânchen.ÔÇť

Der Junge war einer, der sich sonst nicht traute. Nat├╝rlich wusste sie, der, den sie suchte, war er nicht. Wenn sie ehrlich w├Ąre, w├╝rde sie wissen, warum sie ihn mitgenommen hatte: aus Verzweiflung.
Ja, sie war verzweifelt. Immer, schon als kleines M├Ądchen, hatte sie sich vorgestellt, wie es sein w├╝rde, sobald sie erwachsen sei: Sie w├╝rde einen liebevollen, gutaussehenden, hochintelligenten und verm├Âgenden Mann haben, den sie innigst liebte, auch ihre Kinder von ganzem Herzen lieben und mit allen Leuten in Frieden leben, und das bis ans Ende aller Tage. M├Ądchentr├Ąume. Sie hatte lange gebraucht, bis sie sich von dem ganzen Quatsch gel├Âst hatte. Martin geh├Ârte noch dazu. Zu dem Quatsch. Immer hatte sie sich beschieden. Nichts war davon wahr geworden, nicht der Mann, nicht die Kinder, sie war allein geblieben. Das Geschw├Ątz im B├╝ro war ihre Welt. Trostlos. Was n├╝tzte ihr die Ehrlichkeit, jetzt noch?

Martin konnte ihr gestohlen bleiben: Niemals etwas bereuen. Das redete sich so dahin. Nat├╝rlich w├╝rde sie bereuen, noch nicht jetzt, aber sp├Ąter, morgen vielleicht. Und der Junge? Er w├╝rde sie vergessen, schneller als schnell. Je schneller, desto besser.

Die Malagaflasche war schwer, in der linken Schulter, ├╝ber der sie die Tasche trug, zwickte es. So schwer, als sei die H├Ąlfte noch drin. Und wenn sie das Ding einfach in die Spree w├╝rfe?
Sie sprang zur├╝ck, das aufspritzende Wasser sollte ihre Kleidung nicht beschmutzen, obwohl es hier oben, wo sie stand, ausgeschlossen war, dass ein Spritzer hinaufgelangte. Die Flasche schwamm, sie schluckte das schwarze Wasser, als ob sie selbst am Verdursten sei. Nur noch der Hals war zu sehen, gr├╝nes Glas mit der roten Halskrause, in schwarzem Wasser.

ÔÇ×Schreib mir deine Adresse aufÔÇť, hatte sie gesagt, ehe sie ging, und gewusst, dass sie das Papier wegwerfen w├╝rde. Der Junge hatte sich aus der Bettdecke gewickelt und folgsam etwas auf die Zigarettenschachtel gekritzelt, sie lag auf dem Nachttisch.

Am besten, sie w├╝rde jetzt losgehen. Die zehn Minuten waren vergangen. Sie hatte noch f├╝nf Minuten dazugegeben. Eine Gnadenfrist. Sie lachte. Das Lachen schepperte von den Hausw├Ąnden.

Sch├Ân der Morgen. Und jetzt die Sonne! Endlich war sie aufgegangen, sie glitzerte auf der Spree. Wie Erz. Wie Gold und Silber. Das Wasser floss und floss, eine M├Âwe flog dr├╝ber hin, ein Angler stellte auf der anderen Uferseite seine Tasche ab.

Wohl doch Silber, entschied sie.


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annaps
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Hallo Hanna,

Das ist mir aufgefallen:

Osten lag hinter den H├Ąusern, dort w├╝rde die Sonne aufsteigen

Osten ist IMMER in einer bestimmten Richtung. ver├Ąndert sich NIE! Nebel oder Morgentau, ja, die sind ver├Ąnderlich! Und das die Sonne im Osten aufsteigt, ist eine Binsenweisheit!


Autos zischten - wie Schlangen ?


Die Malagaflasche war schwer, in der linken Schulter, ├╝ber der sie die Tasche trug, zwickte es.
Klingt so, als w├Ąre die Malagaflasche in der linken Schulter!

LG, Anna
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Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem beinahe richtigen ist derselbe Unterschied wie zwischen dem Blitz und einem Glu╠łhwu╠łrmchen.┬ź
Mark Twain

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HFleiss
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Malaga

Liebe Anna,

hast du mehr von diesem Text nicht mitgenommen?
Schade.

Hanna

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annaps
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Hi Hanna,

Doch, habe ich. Vielmehr sogar. M├Âchtest du die positiven Seiten etwa auch h├Âren? Mir hat die Geschichte sehr gut gefallen. Ich mag, wie Du schreibst. Hintergr├╝ndig und sensibel. Vor allen Dingen, dass am Ende die Sonne doch aufgeht.
LG, Anna
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Romana
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Liebe Hanna,

eine klasse Geschichte - Kompliment! Ich habe sie mit gro├čem Genuss gelesen. Es gibt nur eine klitzekleine Kleinigkeit, die f├╝r mich nicht ganz schl├╝ssig ist: Wer ist Martin? Wahrscheinlich ein Verflossener. Meine Frage: Ist das Erlebnis mit dem Jungen eine REAKTION auf Martin? Wenn ja, k├Ânnte / sollte das vielleicht etwas besser r├╝berkommen.

Ich pes├Ânlich w├╝rde den Hinweis auf Martin komplett rauslassen. Die Affaire einer alternden Dame mit einem J├╝ngling ist f├╝r sich schon interessant genug - und du beschreibst sie ja auch sehr, sehr gut!

Liebe Gr├╝├če
Romana

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HFleiss
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Malaga

Liebe Romana,

Aua, die "alternde Dame" ist in der Geschichte keine f├╝nfzig! Selbstverst├Ąndlich, gegen den Jungen ist sie schon eine Oma, aber werd erst mal f├╝nfzig! Ja, der Martin ist ein Verflossener, offensichtlich einer, der lange nachwirkt und noch immer eine Rolle in ihrem Leben spielt. Meiner Ansicht nach ist er zur Charakterisierung der Erz├Ąhlerin als eine indirekt anwesende Person n├Âtig, sie rechtfertigt sich vor ihm, sie braucht ihn auch als Gespr├Ąchspartner. Wenn ich ihn weggelassen h├Ątte, w├Ąre meiner Ansicht nach ihr "Selbstgespr├Ąch" ein bisschen unfruchtbar geworden und dann w├Ąre es aus dramaturgischen Gr├╝nden wichtig geworden, ihre Gedanken in Handlung einm├╝nden zu lassen. Aber so hatte ich das nicht konzipiert, ich wollte, dass es bei diesem inneren Monolog bleibt.
Es freut mich, dass dir der Text etwas gegeben hat, und bedanke mich f├╝r deine Meinungs├Ąu├čerung.

Lieben Gru├č
Hanna

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