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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Malo Tango
Eingestellt am 30. 04. 2005 11:09


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freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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Die Ritzen zwischen den Gehwegplatten des Hofes sind Krötenwas-ser. Eins – zwei, eins – zwei. Er springt von Insel zu Insel. Die RĂŒck-seiten der HĂ€user glotzen mit hohlen Augen von beiden Seiten ins Nichts und bezeugen dĂŒrftig ehemaliger BĂ€der, Abstellkammern und KĂŒchen. In der Ferne hocken die grauen TĂŒrme des KlĂ€rwerkes auf vertrocknetem Laub. Daneben stecken dĂŒnne BĂ€ume mit einer Hand voll BlĂ€ttern in den Zweigen.
Er schlurft zur Straße und fĂŒhlt seine FĂŒĂŸe nicht mehr, spielt Knieball mit dem Kanister in der rechten Hand. Pock pock hallt es in die Stille. Das rote BĂŒndel in seiner Linken dreht sich.
Beim Nachbarhaus bleibt er stehen und sieht sich um. GebĂŒckt kratzt er leise an der feuchten Pappe vor dem Kellerfenster. Drei Mal schabt er mit den NĂ€geln und es kommt ihm vor wie Haut, die er kratzt. Er schĂŒttelt sich. Zitternd biegt von drinnen ein schwarzer Stock die Fensterverkleidung nach außen. Er stopft den roten Klum-pen durch den Spalt und rennt; rennt so schnell es ihm seine Bade-latschen erlauben. Der Kanister schlĂ€gt ihm hohl ans Bein. Wie ein Taucher schnappt er nach Luft und die KĂ€lte schneidet ihm in den Rachen.

Von Ferne dröhnt ein asthmakranker Pkw. Der Junge steht und horcht. Seine Haut prickelt. Eisiger Wind reißt den Atem in Fetzen. Ein VW-Bus hustet um die Ecke. „Stanite! Molim vas, stanite!“ (An-halten! Bitte halten Sie an!), er wedelt mit den Armen. Der Bus spuckt und bleibt neben ihm stehen. Warme Luft und Fusel hĂŒllen ihn ein, als er die WagentĂŒr öffnet. Der Mann am Steuer knurrt etwas. Er röchelt genauso wie sein Wagen. Mit gelben HĂ€nden umklammert er das Lenkrad. Über eingefallenen Wangen spannt sich lederne Haut. Der Alte winkt ungeduldig.
Ein durchgewetzter Sitz empfÀngt den Jungen warm und entspannt ihn. Er schmiegt sich hinein und haucht Gucklöcher in die Scheibe, um nicht an Essen zu denken. Der Bus schlingert um die Schlaglö-cher im Asphalt. Ab und zu donnert er trotzdem hinein. Dann flucht der Mann.
„Malo puno pio – eh?“ (Bisschen viel getrunken, he?), grinst der Jun-ge.
„Da, malo“ (Ja, ein wenig.), der Mann, lacht und wĂŒrgt Schleim.
Kurz darauf passieren sie das rote Totenkopfschild: „DANGER! MINES! DRIVE SLOWLY! STAY ON THE ROAD!“. Dann sind sie in Ilidja.

Vor der Einschuss-Schneise hĂ€lt er an. Frost krallt an welken Gras-bĂŒscheln. Schneereste kleben in den ausgelatschten Senken des Trampelpfades und mischen sich mit zerfurchtem Schlamm zu gefro-renen Wunden. Nebel hockt auf der anderen Straßenseite. Ein Hau-fen SandsĂ€cke schĂŒtzt die Wasserholer vor ScharfschĂŒtzen. Am Hahn gibt es ein Handgemenge. Die Leitung ist eingefroren.
Der Junge streift die Latschen von den FĂŒĂŸen und lĂ€uft geduckt an dem umgestĂŒrzten Bus vorbei. Die Serben schießen auch bei Nebel. Hinter der Schneise zieht er sie wieder an. Drei Blocks weiter beginnt die BrĂŒcke, doch sie ist unpassierbar. Alles, was sich rĂŒhrt, wird er-schossen.
Langsam schiebt er den Kanister vor sich her, robbt bis zur nÀchsten Anhöhe und horcht an der rostigen Haut des Rohres. Immer noch kein Druck. Vorsichtig tastet er nach dem Loch, dass er letzte Woche mit einem Schraubenzieher ins Metall gebohrt hat und puhlt den Pfropfen ab. Ein Rinnsal Sickerwasser plÀtschert leise in den BehÀl-ter. Eine Stunde liegt er so. Dann ist der Kanister voll.

Daheim verbrennt die Mutter Vaters BĂŒcher. Zwanzig geben spĂ€rli-che WĂ€rme fĂŒr eine halbe Stunde und eine SchĂŒssel Bohnen. Sie ist bei Dostojewski. Mit sparsamer, stiller BehĂ€ndigkeit reißt sie die Seiten von den BuchrĂŒcken und wirft die EinbĂ€nde hinterher ins Feuerloch. Ein stiller, heimlicherer Tod leckt an rotem Leinen, frisst Wörter, Papier und noch mehr, verschlingt Vergangenes und Zu-kĂŒnftiges. Es verschwindet mit leisem Knistern auf eine unauffĂ€llige, schweigsame und gezĂ€hmte Weise.
„Hast du Tante Mila das Brot gebracht?“, fragt die Mutter leise. Der Junge nickt.

Am Abend kommt Onkel Leon mit seinen Freunden. Keiner von ih-nen ist unter sechzig. Sie bringen Feuerholz, Musik und einem RĂ€ucherfisch. Nach dem Essen holt der Onkel das Saxophon.
Der Dicke mit langen Haaren und dem Streichholz zwischen den ZĂ€hnen streichelt sein Cello. Sein Doppelkinn wackelt, als er ihm zuzwinkert: „Malo Tango, Compadre?“ Der Glatzköpfige gegenĂŒber zieht Luft in sein Akkordeon und nickt. Mit geschlossenen Augen setzt er an, lĂ€sst seine Finger ĂŒber Knöpfe und Tasten fliegen. Er hat nur noch ein Bein. Das andere wippt im 2/4 Takt zu „La Cumparsita“.
Der Junge lĂ€chelt und starrt auf die blauen Blumen der Tischdecke. Die Musik verschwimmt. Menschen, Töne und Farben vermischen sich, werden eins und je fröhlicher sie spielen, desto schneller rinnt ihm die KĂ€lte durch den schmalen Körper und gießt ihrer Fröhlichkeit die Schwere ins Lachen.
Onkel Leons Saxophon pfeift. Er hat einen roten Kopf, beugt sich vor und zurĂŒck. Ausgebeulte Hosenbeine schlackern um seine Knie. Die dreijĂ€hrige Milena sitzt auf dem Topf, klatscht in die HĂ€ndchen und schaukelt hin und her. Mit fliegendem Zopf tanzt die Mutter mit dem kleinen Bruder. Ihre SchĂŒrze rutscht ĂŒbers Knie. Der Junge wirft den Kopf in den Nacken und lacht laut. Die MĂ€nner spielen immer schneller und schneller. Schwitzend geigt der Dicke das Finale und lĂ€sst seinen Bogen sausen.
In dem Jungen wird es still. Und plötzlich kann er es spĂŒren.
Auf einmal weiß er, dass es Schuld ist, die der fĂŒhlt. Das heimliche Sterben seiner kindlichen Welt schmeckt seit Tagen bitter in seinem Gewissen, so als hĂ€tte er dieses Fortgehen selbst verschuldet und die Mutter und Geschwister zurĂŒck gelassen. Als die Welt wieder-kommt, ist Gavrilo Runijc kein Kind mehr.

In der Nacht holen sie Tante Mila aus dem Keller. Mit verkrĂŒppelten Beinen und offenen Augen liegt sie auf dem gefrorenen Rasen wie ein vertrockneter Vogel. Aus dem Kellerfenster stinkt es nach MĂŒll und Exkrementen. Gavrilo erbricht sein Abendessen ins GebĂŒsch. Hinter ihm erzĂ€hlt die Mutter dem kleinen Bruder, dass Tante Mila jetzt die Sterne am Himmel zĂ€hlt und nach einem Schnaps aus On-kel Leons Flasche singen sie: „Meine TrĂ€nen sind noch heiß“.

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Freifrau von Löwe

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Wolkenreiter
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Da sind Dir diverse Trennstriche mitten in den Text "gerutscht", Freifrau von Löwe.
Gruss, Markus

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freifrau von löwe
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stimmt....

... ich hab wohl die silbentrennung nicht ausgeschaltet :-)
__________________
Freifrau von Löwe

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Wolkenreiter
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die trennstriche im text sind aber immer noch vorhanden. die verwendeten adjektive halte ich zum teil fĂŒr nicht sehr aussagekrĂ€ftig. du hast nicht weniger als fĂŒnfmal ROT verwendet:
graue tĂŒrme; dĂŒnne bĂ€ume; rotes bĂŒndel; rote klumpen; rotes totenkopfschild; rotes leinen; (...) auf eine unauffĂ€llige, schweigsame und gezĂ€hmte weise; lange haare; blaue blumen; roter kopf ...

wolkenreiter

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norge
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hallo freifrau

du malst immer wunderbare Bilder - ob im Guten oder schlechten.
Manchmal zu viele - fĂŒr meinen Geschmack. DafĂŒr bin ich wahrscheinlich nicht tiefsinnig genug ;-)

Die Geschichte hat mich sehr berĂŒhrt.

vG

norge

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Inu
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Hallo Freifrau

Du schreibst:
stimmt....
... ich hab wohl die silbentrennung nicht ausgeschaltet :-)


Und warum gehst Du nicht hin und bringst das in Ordnung? Ist nur ein kleiner Aufwand, oder? Es nervt kolossal. Mich zumindest.

LG
Inu

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