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Leselupe.de > Erzählungen
Mango
Eingestellt am 23. 07. 2004 21:38


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mikhan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

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Mango

Eines Tages kam mein Bruder in Begleitung eines unheimlich aussehenden Mannes zu uns nach Hause. Seit dem Tod meines Vaters war mein Bruder der Mann im Haus, meine Mutter k√ľmmerte sich um den Haushalt und verkaufte Tortillas, aber es war mein Bruder, der unser √úberleben sicherte. Das hei√üt aber nicht, dass es uns gut ging, im Gegenteil, oft hatten wir nur eine Mahlzeit am Tag zu essen, und es gab auch Tage, da hatten wir gar nichts zu essen. Ich konnte auch nicht wie die anderen Kinder in meinem Alter zu Schule gehen, sondern musste stattdessen meiner Mutter im Haushalt helfen. Es war ein hartes Leben.
Der gro√üe, dunkelbraun gebrannte Mann, dessen raues Gesicht halb von einem gro√üen Cowboyhut verdeckt war, unterhielt sich mit meinem Bruder auf unserer Veranda. Irgendwann rief mein Bruder nach meiner Mutter und dann unterhielten sie sich zu dritt. Ich hockte in einer Ecke im Garten und versuchte vergeblich eine fette, aber flinke Echse mit Hilfe einer Steinschleuder zu erlegen, doch von Zeit zu Zeit warf ich einen neugierigen Blick zu ihnen hin√ľber. Erschrocken stellte ich fest, dass der fremde Mann mich ebenfalls beobachtete, ich konnte seine funkelnden Augen erkennen, die unter seinem Hut hervorlugten. Dann schrie meine Mutter pl√∂tzlich meinen Bruder an, was mich sehr verwunderte, denn eigentlich hatte meine Mutter gro√üen Respekt vor meinem Bruder. Ich konnte zwar nicht verstehen, was sie sagten, doch mein Bruder musste irgendetwas Furchtbares getan haben, das wusste ich. Meine Mutter ging weinend in unser Haus hinein und kam nicht wieder heraus. Ich h√∂rte mit dem Spielen auf und wollte gerade zu meiner Mutter ins Haus laufen, als mein Bruder mich zu sich rief.
‚ÄěMiguel‚Äú, sagte er zu mir, ‚Äědieser Herr hier hei√üt Felipe Martinez, er verwaltet eine kleine Farm auf dem Land, die sich im Besitz eines sehr reichen Mannes aus der Hauptstadt befindet.‚Äú. Mein Bruder schwieg, ich wusste, dass er von mir erwartete, dass ich mich nun h√∂flich vorstellte, aber ich wollte viel lieber wissen was mit meiner Mutter los war. Felipe Martinez war kein Mann, der viele Worte machte, auch legte er keinen Wert auf h√∂fliche Umgangsformen. Die Hand, die ich ihm nur z√∂gerlich hinstreckte, nahm er gar nicht erst an. Stattdessen fragte er mich, ob ich denn auch hart arbeiten k√∂nne. Ich sagte ihm, dass ich jeden Tag sehr hart arbeitete, und das war nicht gelogen. Trotzdem schien er nicht sehr beeindruckt zu sein. Mein Bruder winkte mich fort, hie√ü mich aber, im Garten zu bleiben. Aus dem Haus drang immer noch das schmerzhafte Schluchzen meiner Mutter.
Mein Bruder unterhielt sich noch eine Weile mit dem Mann, dann schienen sie pl√∂tzlich alles gekl√§rt zu haben, auch wenn ich immer noch nicht genau wusste worum es dabei eigentlich ging. Jedenfalls verabschiedeten sie sich am Ende so herzlich, als w√§ren sie alte Freunde. Mit lauter Stimme bot mein Bruder Felipe Martinez noch eine Tasse Kaffee an, was dieser dankend ablehnte. Erst als Felipe au√üer Sicht war, wandte sich mein Bruder mir zu und sein L√§cheln wich einer b√∂sen Grimasse. Er gab mir eine heftige Ohrfeige und meinte dann, dass ich mit meinem trotzigen Verhalten beinahe alles kaputt gemacht h√§tte. Eine Arbeit wie diese f√§nde man nicht alle Tage und ich solle daher gef√§lligst dankbar sein. Jetzt erst begriff ich, dass ich auf der Farm, von der mein Bruder gesprochen hatte, arbeiten sollte. Mein Bruder erkl√§rte mir, dass Felipe sehr gro√üz√ľgig gewesen sei und versprochen hatte, mir freie Kost und Logis zu gew√§hren. Bereits morgen werde er mich pers√∂nlich zu der Farm bringen, die dann mein neues Zuhause darstellen sollte. Sogar ein kleines Taschengeld w√ľrde ich kriegen, und da man auf der Farm nichts ausgeben kann, w√ľrde mir alles sparen k√∂nnen. Ich fragte meinen Bruder, warum ich auf der Farm arbeiten sollte und sagte ihm, dass ich viel lieber zu Hause bleiben m√∂chte. Mein Bruder lachte blo√ü und fragte mich, ob ich noch immer nicht begriffen h√§tte, in welcher Armut wir hier eigentlich lebten und welch gro√ües Gl√ľck diese Arbeit daher f√ľr mich bedeuten w√ľrde. Selbst unsere Mutter w√ľrde das sehr bald einsehen. Er sagte noch mehr, doch ich blieb nicht l√§nger stehen, sondern ging ins Haus zu meiner Mutter hinein. Meine Mutter war damit besch√§ftigt Essen zu kochen. Ihr Gesicht war v√∂llig verweint. Doch als ich auf sie zuging, um sie zu umarmen, wies sie mich mit strenger Stimme ab. Ich solle sie jetzt nicht beim Kochen st√∂ren, sondern lieber nachsehen, was es im Garten zu tun gebe.
An diesem Abend gab es ein gutes Essen, doch anders als sonst sprachen wir nicht miteinander, sondern sa√üen alle drei schweigend da und konzentrierten uns auf unser Essen. Irgendwann stand mein Bruder auf und verlie√ü das Haus. Wie jeden Abend ging er in den nahe gelegenen Park, um sich dort mit seinen Freunden zu betrinken. Daf√ľr hatte er immer genug Geld √ľbrig, aber ich wusste auch, dass er bereits hoch verschuldet war. Schweigend r√§umten meine Mutter und ich gemeinsam das Geschirr weg. Als wir mit allem fertig waren, nahm mich meine Mutter pl√∂tzlich ganz fest in den Arm. Sie weinte, sie weinte so sehr, das mein Hemd von ihren Tr√§nen ganz durchn√§sst wurde. Auch mir flossen die Tr√§nen in Str√∂men das Gesicht hinunter. Das war das letzte Mal, das ich die W√§rme meiner Mutter sp√ľren sollte, ich werde es nie vergessen.
Am n√§chsten Morgen ging mein Bruder schon sehr fr√ľh mit mir zur Bushaltestelle, so dass ich keine M√∂glichkeit mehr hatte, mich von meiner Mutter zu verabschieden. Kaum hatte der Bus den Ort verlassen, da brauste er auch schon mit einer gef√§hrlichen Geschwindigkeit √ľber die nur schlecht asphaltierte, und wenig befahrene Stra√üe dahin. Der Bus war voll besetzt mit einem bunt gemischten Volk von H√§ndlern, die lauthals ihre wohlriechenden Waren anboten, alten Leuten, die so aussahen, als tr√§ten sie die letzte Reise ihres Lebens an, jugendlichen Draufg√§ngern, die zum Teil auch auf dem Dach herumturnten und verliebten Paare, die angesichts der dreisten Spr√ľche der Jugendlichen ihre K√∂pfe versch√§mt zu Boden senkten. Die beiden mitfahrenden Kontrolleure machten sich einen Spa√ü daraus ein alleinreisendes M√§dchen zu bel√§stigen. Drau√üen auf der Stra√üe waren stets mehr Lasttiere als Fahrzeuge zu sehen und nicht selten schimpften die Bauern dem wild darauf losfahrenden Busfahrer hinterher, weil er ihre Tiere verschreckt hatte. Jenseits der Stra√üe erstreckte sich eine ausged√∂rrte Steppe aus der sich vereinzelt merkw√ľrdige pyramidenf√∂rmige H√ľgel erhoben, die der Landschaft ein surreales Aussehen verliehen.
Irgendwo, mitten auf der Strecke, wies mein Bruder den Fahrer an zu halten. Noch bevor ich ganz ausgestiegen war, war der Bus schon wieder losgefahren und ich w√§re wohl beinahe auf die Stra√üe gefallen, h√§tte mein Bruder nicht gehalten. Dankbar war ich ihm daf√ľr nicht. Viel lieber w√§re ich im Bus geblieben und ohne ihn weitergefahren. Schon bald wurde der Bus von einer immer kleiner werdenden Staubwolke eingeh√ľllt und verschwand alsbald aus unserem Blickfeld. Weit und breit war kein Mensch zu sehen, doch konnte ich einen kleinen Pfad erkennen, der sich von der Stra√üe aus durch die Steppe schl√§ngelte. Schweigend folgte ich meinem Bruder auf dem Pfad und stellte fest, dass sich die Steppe mit der Zeit in einen richtigen Wald verwandelt hatte, es musste also irgendwo einen Fluss oder so etwas geben.
An einer Wegbiegung hielt mein Bruder inne, Pferdeger√§usch war zu h√∂ren, und da erschien auch schon ein pr√§chtig gekleideter Reiter auf einem majest√§tisch wirkenden schwarzen Pferd. Es war wirklich eine imposante Erscheinung. Der Mann hielt das Pferd an und gr√ľ√üte uns f√∂rmlich. √úber seine Schulter hing ein langes Jagdgewehr, was ihn noch herrschaftlicher aussehen lie√ü. Pl√∂tzlich wirkte mein Bruder ganz klein und zerbrechlich, er schien f√∂rmlich im Boden zu versinken. Eigentlich hatte ich immer gro√üe Angst vor meinem Bruder, aber in diesem Augenblick sah er einfach l√§cherlich aus. Nur m√ľhsam gr√ľ√üte er zur√ľck und murmelte noch einige H√∂flichkeitsfloskeln dahin. Dann begann der Reiter ein Gespr√§ch mit meinem Bruder, doch ich achtete nicht weiter auf ihre Worte, zu gefangen war ich noch vom Anblick dieses Mannes. Dann pl√∂tzlich ritt er davon und verschwand so rasch wie ein verblassender Traum. Mein Bruder erkl√§rte mir, dass dies der reiche Mann aus der Hauptstadt gewesen sei, der Besitzer der Farm. F√ľr Gew√∂hnlich k√§me er nicht hierher, nur ab und zu g√∂nne er sich ein Jagdvergn√ľgen auf dem umliegenden Land.
Es war jetzt gar nicht mehr weit bis zur Farm, nach etwa einer halben Stunde erreichten wir das Gelände, eine etwa fußballfeldgroßen Lichtung, auf der sich mehrere Holzgebäude und ein Pferdegehege befanden. Auf der anderen Seite erstreckten sich die Felder, zwischen denen sich ein schmaler Fluss hindurch schlängelte, der von einer Allee gewaltiger Mangobäume umgeben war. Es war ein imposanter Anblick, der durch das rege Treiben im Hof noch verstärkt wurde. Überall liefen große, braungebrannte Männer mit Macheten umher, an den Kochstellen waren zahlreiche Frauen und Kinder zugange und zwischen den Häusern jagte ein Rudel wilder Hunde ein aufgescheuchtes Kaninchen zu Tode. Ein paar Kinder heizten die Jagd noch zusätzlich an, indem sie mit Steinen nach dem Kaninchen warfen.
An einem Holztisch saß eine Gruppe von Männern, unter denen ich auch Felipe Martinez entdecken konnte. Kaum hatte er uns gesehen, da kam er auch schon mit ausladenden Schritten auf uns zu geeilt, dicht gefolgt von einem sehr schmächtigen, alten Mann. Der alte Mann sah so aus, als könnte er jeden Moment tot umfallen. Seine Haut war vollkommen eingefallen und sein ganzer Körper schien mit Narben bedeckt zu sein. Seine mit gelblichen Flecken bedeckten Augen verliehen seinem Gesicht einen unheimlichen Ausdruck.
‚ÄěDieser Mann hier ist der alte Pepe, er arbeitet schon seit ganzes Leben hier‚Äú, erkl√§rte uns Felipe Martinez nach einer kurzen Begr√ľ√üung. ‚ÄěEr wird sich in den ersten Tagen um dich k√ľmmern, und dich in deine Aufgaben einweisen. Ich erwarte von dir, dass du seinen Anweisungen ohne Widerrede folgst. Hast du das verstanden?‚Äú. Ich nickte, woraufhin sich Pepe zum Gehen anschickte. Mein Bruder sagte mir, dass ich ihm hier keinen √Ąrger machen sollte, und dass er mich von Zeit zu Zeit besuchen w√ľrde, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Ich wusste sehr wohl, dass er nur kommen w√ľrde, um mir mein Gehalt abzunehmen, aber das sagte ich ihm nicht. Sehr viel mehr hatte er mir nicht zu sagen, und schon bald verabschiedete er sich von mir und von Felipe Martinez. Dieser drehte sich um und lachte mich an. Wenn ein solcher Mann lachte, dann konnte das einfach nichts Gutes bedeuten. Der alte Pepe kehrte mit zwei Macheten in seinen H√§nden zu uns zur√ľck. ‚ÄěSo, dann wollen wir mal anfangen zu arbeiten. Denn wer nicht arbeitet, der kriegt auch nichts zu essen. Richtig, Felipe?‚Äú meinte er zu mir und sprach dabei Felipe Martinez an. Der lachte wieder und zeigte uns dabei seine h√§sslichen, gelben Z√§hne.
Pepe dr√ľckte mir eine kleine, rostige Machete in die Hand, und behielt f√ľr sich selbst die gro√üe, blank polierte Machete und wies mich an, ihm zu folgen. Unsere Aufgabe war es ein kleines Zuckerrohrfeld zu roden. Einige M√§nner und auch ein paar Jugendlich befanden sich schon dort und arbeiten. Wie ich schnell feststellen konnte war der scheinbar so zerbrechliche alte Mann in Wahrheit ausgesprochen kr√§ftig und geschickt. Er schnitt das Zuckerrohr mit verbl√ľffender Geschwindigkeit und verlor dabei nicht einmal den geringsten Schwei√ütropfen.
Meine eigenen Versuche mit der Machete hingegen waren eher unbeholfen und ich hatte zudem große Angst mir die Hand abzuhacken, sobald ich heftiger zuhieb. Die Sonne brannte derweil erbarmungslos auf uns nieder und die scharfkantigen Zuckerrohrgräser schnitten sich mir ins Fleisch. Heerscharen von Blutsaugenden Insekten ließen sich auf meinem Körper nieder. Allmählich gewöhnte ich mich aber daran und meine Bewegungen wurden immer mechanischer. Als wir das Feld endlich fertig gerodet hatten war ich richtig stolz auf meine Leistung. Auch der alte Pepe schien mit mir zufrieden zu sein. Er wies mich an mir bei der Kochstelle von den Frauen etwas zu essen geben zu lassen.
Ich bekam einen gro√üen Teller mit Reis und Bohnen, sogar ein kleines St√ľck Fleisch war dabei. Noch nie in meinem Leben hatte ich soviel auf einmal zu essen bekommen. Beinahe w√§re ich gl√ľcklich gewesen, doch ich musste an meine Mutter denken, und daran, dass sie von einem solchen Essen nur tr√§umen konnte.
An diesem Tag wurde nicht mehr gearbeitet und ich konnte die Zeit nutzen, um meine neue Umgebung ein wenig n√§her kennen zu lernen. Es war schwer zu sagen wie viele Menschen hier auf der Farm arbeiteten, aber es mochten schon drei√üig Mann gewesen sein, hinzu kamen die Kinder und Frauen. Einige schienen so wie ich hier zu wohnen, andere wohnten wohl in der n√§heren Umgebung. Ich ging zum Fluss, um mich dort waschen und mich im Schatten der Mangob√§ume ein wenig auszuruhen. Das Wasser war angenehm k√ľhl und ich genoss es sehr ein wenig darin umher zu schwimmen. Ich sah auf die Schatten der Mangob√§ume, die sich im Wasser spiegelten und konnte erkennen, dass es auf den oberen √Ąsten bereits reife Mangos gab. Einmal war ich mit meiner Mutter in der Hauptstadt auf dem Markt gewesen und habe dort Mangos essen k√∂nnen. Bei der Erinnerung an den saftigen Geschmack reifer Mangos lief mir das Wasser im Munde zusammen, und wurde meine Freude wurde nur durch die Erinnerung an meine Mutter getr√ľbt.
Da niemand sonst am Fluss war, beschloss ich auf den Baum zu klettern und mir eine Mango zu pfl√ľcken. Es war ganz bestimmt verboten, aber von den H√ľtten aus konnte man mich nicht sehen, also z√∂gerte ich nicht lange, und kletterte hoch. Mangob√§ume k√∂nnen sehr, sehr gro√ü werden, aber zum Gl√ľck musste ich nicht bis ganz nach oben klettern, um eine Mango zu bekommen. Sie war zwar noch nicht richtig reif, aber ich a√ü sie trotzdem mitsamt der Schale auf. Irgendwie f√ľhlte ich mich seltsam sicher auf dem Mangobaum, es schien als k√∂nne mir hier oben niemand etwas anhaben. Trotzdem erschrak ich nicht schlecht, als ich pl√∂tzlich h√∂rte, wie sich jemand n√§herte. Ich verharrte in h√∂chster Konzentration an meinem Platz und sah durch das Bl√§tterwerk hinab.
Es war ein M√§dchen, das offensichtlich auch gekommen war, um sich zu waschen. Angespannt beobachtete ich sie weiter, und fragte mich zur selben Zeit √§ngstlich, ob sie nicht vielleicht doch sehen k√∂nnte. Pl√∂tzlich wandte sie mir das Gesicht zu, konnte mich aber nicht erkennen. Doch mich traf es wie einen Schlag, als ich in das Gesicht dieses M√§dchens blickte. Sie war wundersch√∂n. Ich glaubte nie zuvor so ein sch√∂nes M√§dchen gesehen zu haben, allerdings muss ich sagen, dass ich mich bislang auch noch nie sonderlich f√ľr M√§dchen interessiert hatte. Ich ging auch nicht davon, dass diese sich f√ľr mich interessierten. Aber bei diesem M√§dchen h√§tte ich es mir ganz bestimmt gew√ľnscht.
Der Schlag, der mich getroffen hatte, war offenbar zu heftig f√ľr mich gewesen. Wie eine √ľberreife Mango fiel ich vom Baum hinab und landete genau vor ihren F√ľ√üen. Sie war so erschrocken, dass sie nicht einmal einen Schrei herausbrachte, stattdessen sprang sie aufgeregt zur Seite und ohne sich noch l√§nger um mich zu k√ľmmern, rannte sie auch schon davon. Mir war nicht gerade danach sie zur√ľckzuhalten, schmerzte mich doch schlie√ülich jeder Knochen in meinem Leib. Eine Weile blieb ich dort regungslos am Boden liegen und verfluchtete mich daf√ľr, dass ich den Halt verloren hatte. Dann, als bereits zu d√§mmern begann, rappelte ich mich langsam auf und machte mich auf den Weg zur√ľck. Der alte Pepe hatte offenbar schon nach mir gesucht, jedenfalls lief er mir sogleich entgegen, als ich bei der Kochstelle einkehrte.
‚ÄěWo hast du nur gesteckt, du Bengel? Du siehst aus, als h√§ttest du eine Schl√§gerei gehabt. Felipe Martinez ist in die Stadt gefahren und kommt erst in einigen Tagen wieder zur√ľck. Bis dahin gibt es hier jede Menge Arbeit zu erledigen. Also sieh zu, dass du ins Bett kommst, morgen geht es fr√ľh raus!‚Äú
Mein Bett, das war ein breites, auf ein paar Kisten aufgelegtes Holzbrett, das nur durch eine d√ľnne Decke bedeckt war. Es stand neben dem Eingang zum Werkschuppen. Nachdem ich den Hund, der es sich da gem√ľtlich gemacht hatte, vertrieben hatte, legte ich mich hin, und lie√ü mir die Ereignisse des vergangenen Tages durch den Kopf gehen. Ich musste an das M√§dchen denken, und sah mich heimlich auf dem umliegenden Platz um, wo sich noch viele Leute herumtrieben, konnte das M√§dchen aber nirgendwo entdecken. Pl√∂tzlich stieg der √Ąrger in mir hoch. Auch zu Hause hatte ich schwer arbeiten m√ľssen, doch nie war ich so ersch√∂pft gewesen, wie an diesem Tag. Und immer war da die Liebe meiner Mutter, die mein Leiden ertr√§glich machte. Von einem Tag auf den anderen hatte sich alles ge√§ndert. Obwohl hier √ľberall Menschen waren, war ich doch allein. Niemand w√ľnschte mir eine gute Nacht oder fragte mich nach meinem Namen, nach meiner Person.
Ich hatte tats√§chlich das Gef√ľhl, dass alle Menschen um mich herum L√ľgner waren. Was sie an den einem Tag behauptet hatten, hatten sie am n√§chsten Tag schon wieder vergessen, vielleicht behaupteten sie nun sogar etwas Gegenteiliges, ohne diesen Meinungsumschwung auch nur zu erw√§hnen, geschweige denn zu begr√ľnden. Vielmehr taten sie so, als w√§re es schon immer so gewesen. Jeder von ihnen verkaufte Wahrheiten, die sie mit inbr√ľnstiger √úberzeugung vertraten, ungeachtet der Tatsache, dass sich all diese Wahrheiten untereinander widersprachen. Hatte nicht auch mein eigener Bruder mich angelogen, indem er mich an diesen Ort gebracht hatte? Sicher, man hatte mir zu essen gegeben, doch beruft sich das Menschsein doch nicht allein darauf, sich satt zu essen. Was war denn nun eigentlich Wahrheit, worin unterscheidet sie sich eigentlich noch von einer L√ľge? Wahrheit erschien mir pl√∂tzlich als etwas bedrohliches, als eine Art von Macht welcher sich die Menschen bedienten und die sie beliebig zu ihren Zwecken verformen konnten. Und was vielleicht noch schlimmer war: Woher sollte ich denn wissen, welche Wahrheit gegenw√§rtig akzeptiert wurde und welche nicht?
Es muss schon nach Mitternacht gewesen sein, als meine M√ľdigkeit schlie√ülich meinen √úberlegungen ein Ende bereitete und ich in einen tiefen Schlaf sank... (Fortsetzung geplant)

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AndreasGaertner
Guest
Registriert: Not Yet

schön

Hallo,
ich finde "Mango" ist eine gute Erzählung.

Ein paar Kleinigkeiten:

Sogar ein kleines Taschengeld w√ľrde ich kriegen, und da man auf der Farm nichts ausgeben kann, w√ľrde ich mir alles sparen k√∂nnen. Allgemein ein wenig viel "w√ľrde"

..ein etwa fussballfeldgroßen Lichtung.

Liebe Gr√ľsse

Andreas

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mikhan
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2002

Werke: 21
Kommentare: 12
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Hallo Andreas!

Vielen Dank f√ľr das Lob und die Hinweise auf Rechtschreibefehler und misslungene Formulierungen!

Gruß Mikhan.

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