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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Marias Kind
Eingestellt am 11. 08. 2003 23:21


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Charlene
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Registriert: Jul 2002

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Die Idee fĂŒr die Geschichte hatte ich schon seit einiger Zeit, aber als ich mich dann endlich hingesetzt und sie geschrieben habe, war ich irgendwie nicht zufrieden damit. Ich habe sie jetzt nach einigen Wochen noch einmal durchgelesen und irgendwas stört mich - ich weiß aber nicht was, ist eher so ein GefĂŒhl. Vielleicht könnt ihr mir ja weiterhelfen?
Ach ja, die Wahl der Namen Maria und Magdalena war zufÀllig und ich hatte dabei nix religiöses im Sinn...

Charlene
*************


Außerordentlich frĂŒh hatten Barbaras Haare begonnen grau zu werden. Kurz nach ihrem 25. Geburtstag entdeckte sie das erste graue Haar und es dauerte nicht einmal ein ganzes Jahr bis von ihrer braunen Haarpracht nichts mehr ĂŒbrig war. Sie hatte KopftĂŒcher und HĂŒte getragen, um dem Spott der Leute zu entgehen und spĂ€ter, nachdem sie mit Anfang vierzig Willibald Marischke geheiratet hatte, fĂ€rbte sie es. Heute jedoch verzichtete sie auf jegliche Kopfbedeckung und auch das FĂ€rben hatte sie schon lange aufgegeben und so kĂ€mmte Barbara ihre feines, mittlerweile schneeweißes, Haar vor dem Spiegel. Allerdings konnte sie gerade einmal ihre verschwommenen Umrisse erkennen, denn ihre braunen Augen nahmen schon seit Jahren die Umgebung nur noch unscharf wahr. Die leidige Brille hatte sie wieder einmal verlegt und so wĂŒrde sie ihr Äußeres eben nicht mehr ĂŒberprĂŒfen. Die Zeit, in der ihr Aussehen wichtig war, war schon lange vorbei und mit ihren 78 Jahren war es mit der Schönheit sowieso nicht mehr weit her. Meinte sie jedenfalls. Mit leicht zitternder Hand nahm sie ihre Handtasche und verließ die Wohnung.
Den Weg zum Seniorenstift alleine mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu bestreiten wĂ€re zu mĂŒhsam gewesen und da das Auto seit Willis Tod in der Garage vor sich hin rostete hatte Barbara ein Taxi bestellt, das sie zu ihrem Ziel bringen sollte.
Der Stift lag außerhalb des Stadtzentrums, in der „grĂŒnen Lunge“, wie die Gegend den Touristen angepriesen wurde. Dennoch begab sich Barbara nur widerwillig dorthin. Sie hatte es immer zu vermeiden gewusst, sich derartigen Einrichtungen zu nĂ€hern und auch als es ihr im Laufe des Alters immer beschwerlicher geworden war, den alltĂ€glichen BeschĂ€ftigungen nachzugehen, hatte sie sich so arrangiert, dass sie in ihrer kleinen Wohnung ohne grĂ¶ĂŸere Probleme wohnen bleiben konnte. Ihr Anliegen zwang sie jedoch, dieses Heim zu besuchen und alleine die Gewissheit, dass der Aufenthalt dort auf wenige Stunden begrenzt war, beruhigte sie ein wenig.

Im lichtdurchfluteten Speisezahl hatten die Schwestern die Tische an den Rand gestellt und mit den StĂŒhlen einen Kreis gebildet. Zwei Tische befanden sich in der Mitte des Kreises und hinter diesen hatten bereits einige Heimbewohner, die an dieser Veranstaltung teilnehmen sollten, Platz genommen. Barbara nickte den ihr unbekannten Leuten zu und reihte sich in die Reihe der anderen Alten ein und wartete. Sie hatte in der Zeitung von dem ZeitzeugengesprĂ€ch gelesen und die Chance ergriffen. Ein kurzer Anruf bei den Veranstaltern hatte genĂŒgt und schon war Barbara herzlich dazu eingeladen worden, daran teilzunehmen und ihre Erlebnisse aus dem zweiten Weltkrieg zu erzĂ€hlen. Barbara jedoch hatte anderes im Sinn. Mochten die anderen den jungen Leuten erzĂ€hlen, wie es ihnen im Krieg ergangen war, sie aber wollte ĂŒber Maria berichten. Über Maria und ihr Kind.
Als der Saal sich gefĂŒllt und das GesprĂ€ch begonnen hatte, wurde Barbara zusehends nervöser. Diese Sache war ihr Ă€ußerst wichtig. Ihr ganzes Leben lang schleppte sie Marias Geschichte mit sich herum und nie hatte sie sich ĂŒberwinden könne, mit jemandem darĂŒber zu reden. Doch nun wurde es langsam Zeit, ihr Gewissen zu erleichtern.
Als sie endlich an der Reihe war, achtete sie nicht mehr auf ihre Umgebung. Sie sah aus dem Fenster, hörte nicht auf die protestierenden EinwĂ€nde der GesprĂ€chsleiterin, als sie von etwas anderem zu reden begann, als sie eigentlich sollte. Sie war hier um Marias Geschichte zu erzĂ€hlen und sie wĂŒrde sich nicht davon abhalten lassen.
„Ich bin heute nicht hier, um euch davon zu erzĂ€hlen, wie es mir im Krieg erging. Nicht, wie die Bomber meine Stadt angriffen, wie ich Angehörige verlor. Nein, ich bin hier um euch ĂŒber meine Freundin Maria Schmied zu berichten. Ich möchte ihre Geschichte ein einziges Mal richtig darstellen und – so selbstsĂŒchtig das sein mag – mein Gewissen erleichtern. Mein ganzes Leben lang, begleitete mich immer Marias Schatten und jetzt endlich, möchte ich mich von ihm befreien, indem ich ihre Geschichte an euch weitergebe.“ Barbara machte eine Pause, trank einen Schluck aus dem Wasserglas, ordnete noch einmal ihre Gedanken, bevor sie damit anfing zu erzĂ€hlen, woran sie so oft in ihrem Leben gedacht hatte.
„Maria war so alt wie ich. Wir gingen in die gleiche Schule, lernten gemeinsam, halfen zusammen auf dem Feld bei der Ernte und wohnten sogar in einem Haus. Doch dann kam der Krieg. Wie jeder Mensch in dieser Zeit kĂ€mpfte Maria ums Überleben und mehr schlecht als recht brachte sie diese schwere Zeit hinter sich. Ihre gesamte Familie war in den Kriegswirren ums Leben gekommen oder verschollen und so fand sie sich mit dreiundzwanzig Jahren alleine in einer fremden Stadt und wusste nicht mehr, wie sie die nĂ€chsten Tage ĂŒberleben sollte. Aber Maria war nie der Mensch, der schnell den Mut verlor. Irgendwie hatte sie es geschafft, als einzige ihrer Familie den Krieg zu ĂŒberleben, also wĂŒrde sie auch diese Zeit meistern. Irgendwie. Und so vergingen die Tage, sie wurden zu Wochen und zu Monaten. Langsam ging es wieder bergauf, sehr langsam zwar, aber Maria schöpfte wieder Hoffnung. Sie hatte Arbeit gefunden, konnte sich ein kleines Zimmer leisten und fĂŒr Brot reichte ihr Gehalt auch noch, nicht einmal hungern musste sie mehr. Doch eines Tages bekam sie Panik. Sie wusste anfangs nicht, was sie so sehr beunruhigte, doch einige Zeit spĂ€ter traf sie die Erkenntnis auf dem Weg zur Arbeit, als sie einen stattlichen Herren vor ihr auf der Straße laufen sah. Sie hatte Angst, fĂŒr immer in solch Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen leben zu mĂŒssen und dass sich fĂŒr sie mit ihren mittlerweile 24 Jahren kein Mann mehr interessieren wĂŒrde. Zwar gab es nach dem Krieg mehr Frauen als MĂ€nner – aber ihre Ängste waren dennoch unbegrĂŒndet. Sie fĂŒhlte sich Ă€lter als sie war, bemerkte nicht die Blicke der MĂ€nner auf der Straße. Wenn sie sich im Spiegel betrachtete, sah sie ein ausgemergelte Frau, die aussah wie vierzig. Wenn jemand anderes ihre Erscheinung beschrieben hĂ€tte, wĂ€re das Urteil vollkommen anders ausgefallen: Eine hĂŒbsche, zierliche junge Frau. Vielleicht ein paar Falten im Gesicht, doch diese wunderschönen braunen Augen, die so freudig strahlen konnten, ließen einen die kleinen Furchen vergessen. Aber Maria fragte niemanden nach ihrem Aussehen und verstrickte sich immer mehr in ihre Ängste.
„Und dann lernte sie Hermann kennen. Maria arbeitete als VerkĂ€uferin in einem Lebensmittelladen und Hermann Martes betrat diesen Laden und Maria wusste, dass sie ihn nicht einfach so wieder gehen lassen durfte. Sie behandelte ihn zuvorkommender als je einen Kunden zuvor, schenkte ihm ihr strahlendstes LĂ€cheln, kokettierte wie ein junges MĂ€dchen und erreichte schließlich ihr Ziel: Hermann verließ den Laden nicht, ohne ihr treuherzig zu versichern, wiederzukommen. Und das tat er. Sogar fast tĂ€glich und nach einiger Zeit begannen die beiden, sich auch außerhalb des Ladens zu treffen. SpaziergĂ€nge durch den Stadtpark, gemĂŒtliche Essen in Wirtschaften und – laut Maria – die Höhepunkte, in Form von so manch einem Kinobesuch und das war damals wirklich etwas besonderes. Wieder vergingen Tage, zogen Wochen und Monate ins Land und Maria blĂŒhte auf. Sie lĂ€chelte hĂ€ufiger, wurde manchmal sogar wieder richtig albern, begann wieder sich herzurichten und freute sich wieder ihres Lebens. Bis sie herausfand dass Hermann verheiratet war. Aber das war dann schließlich auch kein Problem mehr, da Hermann ihr versicherte, er wĂŒrde seine Frau verlassen, liebte nur Maria und sie glaubte ihm. Im Nachhinein sage ich mir natĂŒrlich, ich hĂ€tte ihr damals die Freundschaft zu Hermann ausreden mĂŒssen, denn dann wĂ€re das ganze Desaster vielleicht zu verhindern gewesen. Aber ich tat es nicht, weil ich mich so fĂŒr meine Freundin freute.
Maria blĂŒhte auf. Hermann gab ihr monatlich Geld, so dass sie sich eine grĂ¶ĂŸere Wohnung leisten konnte, kaufte ihr schöne Kleider und ging öfter mit ihr aus. Sogar ein gemeinsames Haus war im GesprĂ€ch, denn die Scheidung von seiner Frau war schon so gut wie durch. Jedenfalls sagte das Hermann. Ich selbst kannte ihn auch und seine ganze Erscheinung flĂ¶ĂŸte einem so viel Vertrauen ein, dass mir nie Zweifel an seinen Worte kamen. Mit seinen Lachfalten um die steingrauen Augen, dem starken Kinn, den leicht grĂ€uliche Haaren und dem lahmen Arm, den er sich im Krieg eingehandelt hatte. Auch ich habe ihm geglaubt.
„Eines Tages erzĂ€hlte mir Maria etwas ungeheures. Ich war die erste, die es erfuhr und sollte bis auf eine Ausnahme auch die letzte bleiben. Maria saß da, ihre Haare zurĂŒck gebunden, das rote Halstuch um den Hals und ihr neues schwarz weiß gepunktetes KostĂŒm tragend, das Hermann ihr geschenkt hatte. Sie strahlte ĂŒber das ganze Gesicht, ihre braunen Augen blitzten und sie konnte kaum ruhig dasitzen vor lauter Freude. Und dann sagte sie mir die Worte, die ihr ganzes Leben durcheinanderbrachten: „Ich bin schwanger.“
„Sie wiederholte diesen Satz nur noch ein einziges Mal, diesmal an Hermann gewandt. Das war gleichzeitig auch das letzte Mal dass sie ihn sah.
„Von Scheidung war keine Rede mehr. Maria wurde zum Ausrutscher degradiert, eine nĂ€here Bekanntschaft zu ihr geleugnet. Damit begann Marias Verzweiflung. Sie bekam kein Geld mehr von Hermann, obwohl sie ihren Lebensstandard mittlerweile danach ausgerichtet hatte, zurĂŒck in eine kleinere Wohnung, den ganzen Tag im Lebensmittelladen stehen mit dem immer grĂ¶ĂŸer werdenden Bauch, den sie mit allem Mitteln verbergen musste. Niemand, niemand außer mir durfte davon wissen. Was sie machen wollte, wenn das Kind da war, wusste sie nicht. Die Schande mit einem unehelichen Kind von einem verheirateten Mann dazustehen, der jegliche Verbindung mit ihr abstreiten wĂŒrde, war zu groß fĂŒr Marias zarte Schultern.
Wieder verstrichen Wochen, Wochen voller Verzweiflung, Ungeduld, Angst und Hilflosigkeit. Schließlich stand ihr Entschluss fest, das Kind nach der Geburt zur Adoption freizugeben. „Das ist das beste. FĂŒr uns beide.“, sagte sie einmal zu mir, wĂ€hrend sie sich vorsichtig ĂŒber den Bauch strich. Aber zu Adoption sollte es nicht mehr kommen. In einer Septembernacht setzten die Wehen ein, eigentlich zu frĂŒh, Maria war erst im siebten Monat. Es war Samstagnacht, sie war in das alte Ferienhaus gefahren, das sie von ihren Eltern geerbt hatte, und war ganz alleine. Eine Kerze brannte flackernd auf dem Tisch, erleuchtete die grobschlĂ€chtige Einrichtung der kleinen HĂŒtte nur spĂ€rlich. Auf einer kleinen Kochplatte brodelte die Linsensuppe vor sich hin, vor der TĂŒr stießen Vögel ihre Schreie aus und Maria lag mit geschlossenen Augen auf der unbequemen Eckbank und hielt sich verzweifelt den schmerzenden Bauch. Zu frĂŒh, viel zu frĂŒh und sie war alleine. Ein Bekannter hatte sie am Freitagnachmittag zur HĂŒtte gefahren und wollte sie erst am Sonntag wieder abholen, sie hatte keine Möglichkeit Hilfe oder einen Arzt zu holen. Es war zu frĂŒh...
„Der Morgen graute gerade als Maria ihre kleine Tochter in den Armen hielt. Aber sie wusste nicht, was sie mit ihr anfangen sollte. Sie war zu fertig, fĂŒhlte sie zu schwach und hatte keine Ahnung, was zu tun war. Wie in Trance hatte sie die Nabelschnur durchgeschnitten und das Kind gewaschen. Doch dann hatte sie die Kleine in eine Decke gewickelt, sie schreien lassen und einfach auf den Tisch gelegt und war nach draußen gelaufen, einfach so. Ihr Kopf war leer, denken schien zu anstrengend, zu schwer...
„Als sie zurĂŒckkam brĂŒllte das MĂ€dchen nicht mehr, es atmete flach und bewegte sich kaum. Maria war erschöpft und alles andere als glĂŒcklich. Sie versuchte ihre Tochter zu stillen, vergeblich. Und ihre Tochter gab immer noch keinen Laut mehr von sich. Außerdem war sie wirklich zu klein, noch nie hatte Maria so ein winziges Kind gesehen und ihr wurde Angst. Schrien Babys nicht nach der Geburt? So lange war sie doch nicht weg gewesen. Strampelten sie nicht und verlangten nach der Mutter? Ihr kleines MĂ€dchen tat nichts davon, hatte die Augen nur halb geöffnet und atmete so schnell und flach, dass es Maria kalt den RĂŒcken hinunterlief. Sie dachte nicht mehr an Adoption, nicht mehr an die Schande eines unehelichen Kindes, nur noch an dieses WĂŒrmchen auf ihrem Arm, das nicht sterben durfte. Aber es starb. Von einer Sekunde auf die andere. Atmete einfach nicht mehr und Maria saß da, mit dem SĂ€ugling auf dem Arm, der immer kĂ€lter wurde und rĂŒhrte sich ebenfalls nicht mehr. Ein einziger schrecklicher Gedanke kreiste in ihrem Kopf, den sie in ihrem Leben nie mehr los wurde: Sie war eine Mörderin. Sie hatte ihr Kind umgebracht.
„Nichts konnte sie davon abbringen. Warum hatte sie die Idee gehabt, in diese abgelegene Gegend zu fahren? Warum war sie nicht zu Hause geblieben? Warum hatte sie ihr Kind nicht mehr geliebt? Warum hatte sie ihr Kind im Stich gelassen? Eine eiskalte Faust schloss sich damals um ihr Herz und ließ es nie mehr los. Maria war sich kaum bewusst, was sie tat. Aber irgendwie hatte sie ein Loch im Boden neben der HĂŒtte mit ihren bloßen Fingern gegraben, ihre Tochter, der sie den Namen Magdalena gegeben hatte, hineingelegt, das Loch wieder zugemacht und gewartet, bis sie am nĂ€chsten Tag wieder abgeholt wurde.“ Barbara machte eine Pause und starrte aus dem Fenster. Sie musste weiterreden, die Geschichte war noch nicht zu Ende. Alle im Raum waren sehr still geworden, die SchĂŒler, die anderen Heimbewohner und auch das Personal, das nun nicht mehr versuchte sie am ErzĂ€hlen zu hindern. Barbara trank einen Schluck Wasser und brachte das Ganze zu Ende:
„Einige Wochen spĂ€ter suchte Maria mich auf und erzĂ€hlte mir alles, sehr stockend, zitternd und immer wieder unterbrochen von TrĂ€nenausbrĂŒchen. Andauernd wiederholte sie, dass sie eine Mörderin sei und das war ihr auch nicht auszureden. Kurze Zeit spĂ€ter, mit knapp fĂŒnfundzwanzig Jahren starb sie. Und es war, als ob auch ein Teil von mir dabei starb.
„Ich danke Ihnen allen, dass sie meiner Geschichte zu gehört haben. Seit Jahren schleppe ich sie mit mir herum und habe darauf gewartet, sie jemandem erzĂ€hlen zu können. Seit langer, langer Zeit kann ich endlich wieder frei durchatmen.“ Barbara lĂ€chelte leicht bei diesen Worten, stand dann auf, verließ stumm den Raum, in dem es immer noch totenstill war und fuhr mit dem Taxi nach Hause.
*
Manfred schĂŒttelte den Kopf. Wieso stand er eigentlich am Grab seiner Tante, die er jahrelang nicht gesehen hatte und noch nie leiden konnte, wenn sie ihm nicht einmal etwas wertvolles vererbt hatte? Wahrscheinlich aus PflichtgefĂŒhl, weil er ihr Alleinerbe war. Leider hatte sie kein Geld gehabt und auch sonst nichts von Wert. Außer einem Haufen von HĂŒten und TĂŒchern! Das bisschen vorhandene Geld war sowieso alles fĂŒr die Beerdigung drauf gegangen, denn seine Tante Barbara hatte in ihrem Testament alles genau geregelt – welche Grabstelle, welche Blumen, welchen Stein, sogar die Inschrift. Na ja, sie war schon immer etwas verschroben gewesen. Die paar GĂ€ste, die zu ihrer Beerdigung gekommen waren, hatten alle den Friedhof schon verlassen und Manfred stand alleine vor dem frischen Grab. Der Stein sollte in der nĂ€chsten Woche geliefert werden, im Moment musste sich die alte Schachtel wohl mit dem Kreuz begnĂŒgen! Aber Manfred war von seinen Eltern gut erzogen worden und so hatte er selbst auf dem Kreuz die Inschrift anbringen lassen, die auch auf dem Grabstein stehen wĂŒrde. Langsam wandte er sich ab und machte sich auf den RĂŒckweg. Er musste schließlich noch packen, wenn er morgen mit Claudia in die Karibik fliegen wollte. Ein letztes Mal drehte er sich dennoch um und betrachtete das Grab. Er hatte nicht viel von seiner Tante gewusst, nicht einmal den Geburtstag, geschweige denn ihren vollen Namen. Nun ja, mehr als auf dem Kreuz blieb sowieso nicht ĂŒbrig von einem Menschen, wenn er starb. Nur Name, Geburtstag und Todestag. Allerdings musste sie schon ziemlich senil gewesen sein, als sie die Inschrift bestimmte. Die letzte Zeile nĂ€mlich, ergab alles, nur keinen Sinn! Ein letztes Mal streifte sein Blick die Inschrift des Kreuzes.

Maria Barbara Marischke, geb. Schmied
* 1. Januar 1925
+ 17. Mai 2003
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Ruhe in Liebe und Frieden auch du, meine sĂŒĂŸe Magdalena. Verzeihe mir!


Eilig verließ Manfred den Friedhof.


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"You live to make trouble, don't you?"
"Life is nothing without a little chaos to make it interesting."

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Haselblatt
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Registriert: Dec 2002

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Liebe Charlene,
mich stört da gar nichts, in dieser ErzĂ€hlung, im Gegenteil: Es kommt nur sehr selten vor, dass mich ein geschriebener Text dermaßen berĂŒhrt. Das einzige, was ich anmerken möchte: Deine ErzĂ€hlung liegt "nicht im Trend" und wird deshalb wahrscheinlich nicht mit jenem Echo gewĂŒrdigt werden, das sie verdient hĂ€tte. Aber es ist ein GlĂŒck fĂŒr die deutsche Literartur, wenn es Figuren gibt, die etwas zu sagen haben und dabei nicht im Mainstream schwimmen.
__________________
Auf bald - Heimo B.
As long as you continue to do what you always did, you will continue to get what you always got. (Abraham Lincoln)

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