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Leselupe.de > Erzählungen
Marie, Gargol und die goldene Kugel
Eingestellt am 20. 12. 2002 18:14


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bassimax
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Marie, Gargol und die goldene Kugel


Bereits durch das Fenster des kleinen Ladens konnte Marie sehen, das wieder mal ein paar Männer am Tresen rumstanden.
√Ąltere und j√ľngere, in Arbeitskleidung. Sie wollten wohl nicht gleich nach der Arbeit nachhause gehen.
Marie war erst zehn Jahre alt. Sie sollte mal wieder Bier f√ľr den Vater kaufen, und die leeren Flaschen zur√ľckgeben. Sie mochte es nicht, wenn noch andere Leute im Laden standen. Sie f√ľrchtete den derben Humor der M√§nner, spitze Bemerkungen wegen ihres Vaters. Ihre Familie war im Dorf nicht sehr angesehen. Der Vater arbeitete nur gelegentlich, und ihre Mutter wurde allgemein bemitleidet.
Es half alles nichts. Marie holte tief Luft und stemmte die schwere T√ľr auf. Abrupt stand sie im Nebel zahlreicher Zigaretten, im Geruch nach Schwei√ü. Die M√§nner unterbrachen ihr Gespr√§ch und sahen sie an. Das kleine M√§dchen mit den vielen Flaschen. Sie suchte den Blick der kr√§ftigen Frau hinter dem Tresen. Tante Anna, wie sie von allen genannt wurde, war die Ladeninhaberin. Sie war ein g√ľtiger, warmherziger Mensch. Mit freundlichen Blicken ermunterte sie die Kleine vorzukommen, und die Flaschen auf den Tresen zu stellen. Immer noch schwiegen die M√§nner und beobachteten Marie. Das aber machte sie noch nerv√∂ser, lie√ü ihren Atem noch flacher gehen.
"Na Marie? Was willst du denn?"
Das Mädchen konnte nicht sprechen. Zu viele Augen waren auf sie gerichtet, und sie wusste, das ihr Ansinnen, die Bitte nach Bier, einen Makel darstellte.
"Nu sag' doch Marie. Sollst du wieder Bier holen? Wieder sechs St√ľck? Wart' mal, hier schenke ich dir erst mal einen Lutscher!"
Tante Anne wusste sehr gut, wie dem Kind zumute war. Sie kannte die Familie und das Ungl√ľck dieser Familie. Sie mochte Marie und war stets darauf bedacht besonders freundlich zu ihr zu sein. Marie ging eigentlich sehr gern zu Tante Anna. Aber nicht, wenn es so voll war.
Marie empfing den Lutscher. Doch die Wärme dieser Geste drang nicht in ihr Herz, das weiterhin viel zu schnell schlug.
Schließlich geschah es.
"Wenn ich mehr saufe und nicht arbeiten gehe, schenkst du meinem Kleinen dann auch einen Lutscher?" hörte sie sarkastisch einen der Männer sagen. Die anderen lachten.
Tante Anna warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu und seufzte. Dann griff sie die leeren Flaschen, verstaute sie, nahm neue und tat diese in eine Tasche. Marie grabbelte in ihrer Jacke nach dem Geld, und bef√∂rderte schlie√ülich ihre mit kleinen M√ľnzen prall
gef√ľllte Hand zutage.
"Oh Gott! Viel Spaß beim Zählen!" sagte ein anderer.
Marie öffnete die Faust, das Geld, vermischt mit Bröseln und
Staub, klingelte auf den Tresen.
"Dann schauen wir mal!" sagte Tante Anna geduldig und begann zu zählen. "Hier, das kannst du schon mal nehmen!"
Ungelenk griff Marie nach der Tasche, die viel zu schwer f√ľr sie war. Ihre Muskeln zitterten, schlie√ülich √∂ffnete sich ihr Griff und die Tasche fiel mit einem klirrenden Ger√§usch zu Boden. Sofort roch es nach Bier und ein schaumiger See bildete sich. Alle starrten sie noch deutlicher an, einige sch√ľttelten der Kopf.
"Jetzt trink erst mal einen!" lachte jemand.
In dieser Sekunde w√§re das M√§dchen am liebsten vom Erdboden verschwunden. Aber das geschah nicht. Sie rannte weinend aus dem Laden, lie√ü Bier und Geld, Gel√§chter und Scham hinter sich. Auf der Strasse rannte sie weiter und weiter. Es begann bereits dunkel zu werden. Das war ihr recht, denn sie wollte nicht gesehen werden. Sie bog um eine Ecke, und lief bis zur kleinen Kirche, wo sie sich hinter einem Baum verbarg. Ihr Atem ging schnell, Tr√§nen rannen √ľber ihr Gesicht.
"Jetzt ist alles aus!" dachte sie. Sie wusste, dass sie auf keinen Fall ohne das Bier nachhause gehen konnte. Ihr Vater h√§tte einen Wutanfall bekommen, mit Sachen nach ihr geworfen und geschrieen. Nichts f√ľrchtete Marie mehr, allein der Gedanke daran lie√ü sie einen panischen Ausdruck annehmen. Weinend w√§re ihre Mutter ihm in den Arm gefallen, bittend und bettelnd. Und sie, Marie, w√§re an all dem Schuld gewesen. Nein! Das war ausgeschlossen! Genauso ausgeschlossen, wie umzudrehen, um den Laden erneut zu betreten.

Mittlerweile war es dunkel geworden. Ohne zu wissen weshalb und wohin begann sie loszugehen. Aus den H√§usern fiel warmes Licht und beleuchtet ihr verweintes Gesicht f√ľr kurze Zeit. Der Ort war klein, der Ortsrand bald erreicht. Weiter trugen sie ihre F√ľ√üe √ľber Feldwege, √ľber Stock und Stein. Marie war vollkommen in sich versunken, nahm ihr Gehen kaum wahr. Es wurde still um sie herum, das Dorf lag schon weit hinter ihr. Ein lauer Wind strich √ľber die Felder und entlockte den √Ąhren ein sanft Wispern. Der Mond tauchte alles in eine helles blau. Stunde um Stunde legte sie legte sie Meter f√ľr Meter zur√ľck.

Erst das k√ľhle Wasser eines Flusses, den sie durchschritt, lie√ü ihre Sinne wieder erwachen. Verwundert blickte sie sich um, als habe sie lange geschlafen. Marie befand sich mitten in einem dunklen Wald. Sie h√∂rte das pl√§tschernde Rauschen des kleinen Flusses, der ihre F√ľ√üe umspielte, den Wind der die Baumkronen wiegte, aber auch viele kleine Ger√§usche die ihr unheimlich waren. Rascheln, Knacksen. Ihr kleines Herz wurde ganz kalt vor Einsamkeit und Angst. Sie konnte kaum etwas erkennen, nur schemenhaft waren einzelne B√§ume zu unterscheiden.
„Was soll ich nur tun? Ob ich weitergehe? Oder umdrehe?“
In diesem Moment erschien auf dem Wasser, wie in einem Spiegel, das Bild der h√§misch lachenden M√§nner im Laden. Es versch- wamm. Darauf folgte das Bild des w√ľtenden Vater, und schlie√ülich die weinende Mutter.
„Es hat ja doch keinen Sinn!“ sagte Marie laut. „Soll mit mir werden was will!“ sprach’s und schritt voran in den flachen Fluss. Aber es war, als w√ľrde sich das andere Ufer mit jedem Schritt den sie tat, weiter entfernen. Sie strengte sich mehr an, ging schneller und schneller. Aber es nutzte nichts. Sie blickte sich um und sah nun auch hinter sich kein Ufer mehr. Es war zum verzweifeln!
Welch merkw√ľrdiger Fluss! Da tauchte ein kleiner roter Fisch vor ihr auf. Er glitzerte im Mondlicht und sagte freundlich:
„Du musst Lebewohl sagen, mein Kind!“ um sofort wieder wegzutauchen. Da dreht sie sich um und sagte „Lebewohl!“ Jetzt gelang es ihr endlich, das andere Ufer zu erreichen. Ersch√∂pft setzte sie sich auf einen Felsen. Ihr war kalt und sie war hungrig. Aber vor lauter M√ľdigkeit glitt sie hinab auf den harten Kiesel und schlief gleich ein.

W√§hrend sie fest schlief, meinte sie etwas warmes, und weiches zu f√ľhlen, ja sich geradezu daran zu schmiegen. Das bereitete ihr Wohlbehagen, und machte sie l√§cheln.
Vogelgezwitscher drang nach Stunden der Ruhe an ihr Ohr. Es dämmerte bereits. Marie gähnte, streckte sich und griff nach dem weichen. Plötzlich riss sie erschrocken die Augen auf!
„Was ist das?“ fragte sie bang.
Jetzt erkannte sie, da lag ein Tier bei ihr! Wie vom Blitz getroffen schoss sie in die Höhe und sah einen großen Fuchs! Dieser aber schien genauso entsetzt, und schoss mit ebenso geweiteten Augen in die Höhe. Beide schrieen auf, der Fuchs raste schnell wie eine Kanonekugel in den Wald.
„Hahahaha!“ h√∂rte das M√§dchen aus dem Baumwipfel dringen.
Zwei Raben saßen dort auf einem Ast.
„Mach’ dir keine Sorgen. Das war nur Schreck, der √§ngstliche Fuchs. Mit dem Mut hat er es nicht so!“ sagte einer der Raben.
„Man sagt es l√§ge daran, dass er irrt√ľmlich von W√∂lfen gro√ügezogen wurde. Er h√§lt sich deshalb f√ľr recht klein!“ fuhr der
andere fort und lachte.
„Einmal mussten wir ihm sogar vor einem w√ľtenden Kaninchen retten! Der arme ern√§hrt sich nur von toten M√§usen, denn er scheut den Kampf. Und diese verspeist er auch nur dann, wenn ihn niemand dabei sieht. Sch√ľchtern ist er n√§mlich auch noch!“ f√ľgte der erste Rabe am√ľsiert an.
„Wieso k√∂nnt ihr denn sprechen?“ fragte Marie sch√ľchtern.
„Du bist in Anderland. Hier k√∂nnen alle Tiere sprechen“
„In Anderland? Davon habe ich noch nie geh√∂rt!“
„Als du den Fluss √ľberquert hast, hast du die Grenze √ľberschritten. Aber nicht jeder der den Weg geht, den du gegangen bist, kommt nach Anderland! Gevatter Fisch entscheidet, wer passieren darf!“ sagten die Raben.
„Und was soll ich hier?“
„Das wird dir der weise Meister-unter-der-Erde sagen!“
„Und wo finde ich den?“ frage Marie weiter.
„Tja, da w√§ren wir schon bei der ersten Aufgabe. Schreck
wird dich zu ihm f√ľhren!“
„Aber wo ist Schreck?“
„Genug gefragt. Den Rest musst du selber machen!“ sprachen die Raben, und flogen davon.
Marie ging in den Wald und rief nach Schreck. Und versicherte, das sie ihm nichts tun w√ľrde. Aber der Fuchs wollte nicht auftauchen. Sie suchte nach ihm, blickte hinter B√§ume, in leere H√∂hlen und durchst√∂berte Str√§ucher. Ohne Erfolg.
Mittlerweile hatte sie gro√üen Hunger, weshalb sie Beeren und N√ľsse a√ü, von denen es viele gab.
Marie √ľberlegte, wie sie wohl den √§ngstlichen Fuchs fangen k√∂nnte, wenn er schon nicht freiwillig kam. Sie beschloss, sich wieder an derselben Stelle schlafen zu legen, wie schon zuvor.
Und hoffte, Schreck w√ľrde wiederum ihre W√§rme suchen. Sie
brach einen biegsamen Ast von einer Weide, an dem sie Schreck anleinen wollte.
Der Abend dämmerte. Und wie beschlossen, legte sie sich nieder. Sie schlief ein. Dieses mal jedoch erwachte sie, bevor es dämmerte.Und tatsächlich, im Schutze der Nacht hatte Schreck sich wiederum zu dem Mädchen gelegt. Marie umgriff ihn fest. Sofort erwachte der Fuchs. Panisch versuchte er sich zu entwinden und gab winselnde Laute von sich. Aber es gelang ihm nicht.
„Ich will dir doch gar nichts tun! Du sollst mich nur zum Meister-Unter-der-Erde f√ľhren!“ versuchte Marie den √Ąngstlichen zu beruhigen. Der jedoch strampelte wie wild, geriet aber zusehends au√üer Atem. Rasch band das M√§dchen die biegsame Weide um den Hals des Tieres.
„So! Nun gib’ auf, und f√ľhre mich zum Meister!“
„Mach’ mich los! Mach mich los!“ bettelte Schreck.
„Nein! Wir gehen jetzt!“ erwiderte Marie.
Und so geschah es. Der Fuchs zog wie wild an Weide und er hörte nicht auf zu winseln. Schnell kamen sie voran. Nach zwei Stunden fragte Marie:
„Wann sind wir denn endlich da?“
„Woher soll ich das wissen? Ich versuche nur zu fliehen!“
„Was?! Du sollst mich doch zum Meister-unter-der-Erde bringen!“
„Ich will aber frei sein!“ gab Schreck trotzig zur√ľck.
„Aber wenn du sowieso fliehst, dann k√∂nntest du doch zum Meister fliehen! Dort lasse ich dich auch frei!“
Der Fuchs blieb stehen und √ľberlegte kurz.
„Na gut. Wenn es nicht anders geht. Ich bringe dich zu ihm!“
Schweigend gingen sie nun noch eine weitere Stunde. Der Wald wurde immer dichter. √Ąste schlugen dem M√§dchen ins Gesicht, Insekten umschwirrten sie. An einer Lichtung angekommen sagte Schreck:
„So, bei der gro√üen Eiche in der Mitte, dort wohnt der Meister. Zwischen den Wurzeln findest du eine T√ľr, das ist der Eingang zu seiner H√∂hle. Und nun mache mich los!“
Marie gehorchte. Der Fuchs w√ľnschte ihr viel Gl√ľck und trollte sich.
Unsicher n√§herte sie sich dem Baum, der recht einsam auf der Lichtung stand. Sie fand die T√ľr. Diese war sehr klein, h√∂chstens geb√ľckt, h√§tte sie hindurchgehen k√∂nnen. Marie nahm allen Mut zusammen und klopfte zaghaft.
„Was ist denn nun schon wieder?“ h√∂rte sie eine gereizte Stimme.„Kann man denn nicht einmal in Ruhe seinen Bart waschen?“
„Ich bin es nur!“ sagte Marie sch√ľchtern.
„Das sagen alle! Nun komm’ schon rein!“
Marie √∂ffnete die T√ľr und zw√§ngte sich hindurch. Sie konnte kaum glauben was sie sah! Ein kleiner alter Mann stand mitten in der H√∂hle. Er wusch seinen riesigen, grauen Bart in einer mit Seifenwasser gef√ľllten Wanne. Dazu hielt er eine B√ľrste in einer Hand, und hatte Seifenschaum in den langen Haaren und auf seiner Nase. Der Meister trug ein merkw√ľrdiges, buntes Gewand, das bis auf den Boden reichte. Grimmig blickte er Marie an. Der Alte nahm ein Handtuch, und trocknete sich die H√§nde. Dann blickte er seinen Gast an.
"Ach ja, du bist es, Marie!"
"Woher weißt du wer ich bin?"
"Das ist nicht weiter wichtig. Setz dich erst mal hier in den Sessel!"
Marie nahm Platz. Sie sah sich in der Höhle um. Diese war
recht heimelig. Eine Kerze brannte auf dem Tisch, und viele B√ľcher standen in einem gro√üen Regal.
Der Meister faltete seine H√§nde auf dem R√ľcken und ging langsam auf und ab. Er dachte scheinbar nach, wozu er seinen Mund gespitzt hatte und die Augen halb schloss.
"Sicher meinst du, selber die Entscheidung getroffen zu haben, dein Dorf zu verlassen." sagte er und machte eine kurze Pause. Dann drehte er sich abrupt um, deutete theatralisch mit dem Finger auf Marie und fuhr laut fort:
"Aber das ist falsch!"
Leider stolperte der kleine Mann im selben Moment √ľber die Wanne, die sich im Raum ergoss. Wild fluchend erhob er sich wieder, und trat w√ľtend gegen die Wanne. Dabei tat es sich weh, mit verzogenem Gesicht hielt er sich sein Bein.
"Schon gut, schon gut, äh, nun ja. Also, was ich sagen will ist Folgendes: Es gibt Menschen, die haben eine Aufgabe, aber das wissen sie nicht. Und zu diesen Menschen gehörst du!"
Er sah sich plötzlich im Spiegel, woraufhin er seine Brust anhob und befriedigt nickte.
"Ich verstehe gar nicht..." wollte Marie bemerken.
"Deswegen erkl√§re ich es dir ja! H√∂re mir nur zu. Vielleicht hast du dich schon √∂fter gefragt, weshalb du in einer so ungl√ľcklichen Familie lebst!“
„Ja das stimmt.“ f√ľgte Marie ein.
„Ich will dir sagen, mein Kind, es ist nicht eure Schuld! Vor langer, langer Zeit, als dein Vater ein junger Mann war, gab es zwei Frauen, die ihn als Ehemann begehrten. Die eine war deine Mutter, sie hat er erw√§hlt.
„Ja ich wei√ü!“
„Ich wei√ü, das du das wei√üt, verflixt noch mal. Unterbrich mich nicht dauernd!“ Der Meister rollte ungeduldig mit den Augen, sammelte sich und sprach weiter.
„Nun, das Problem, um das es hier geht ist dieses: Die andere Frau, deren Herz dein Vater brach, verf√ľgte √ľber Zauberkr√§fte!“ Der Meister wurde ruhig und ernst. „Sie hat deinen Vater verflucht!“
„Nein!“ entfuhr es Marie. „Was sollen wir jetzt machen? Kannst du den Fluch von ihm nehmen? Und wer ist diese Frau?“
„Langsam, immer mit der Ruhe!“
Der Meister trat zu Marie und legte seine H√§nde auf ihre Schultern. Er war sehr ernst geworden. G√ľtig sah er ihr tief in die Augen.
„Mein Kind, ich kann ihn nicht erl√∂sen. Ich habe zwar Zauberkr√§fte, aber sie werden hier nichts nutzen. Aber du kannst deinen Vater vielleicht erretten. Denn dein Herz ist rein. Und mutig bist du auch!“
„Aber wie kann ich den Fluch von ihm nehmen?“ fragte Marie.
„Wann immer ein Mensch einen anderen verflucht, geschieht etwas hier in Anderland. Es ist, als sei Anderland auf eine besondere Art und Weise mit eurer Welt verbunden. Seit der Fluch deinen Vater getroffen hat, hat sich also hier etwas ver√§ndert!“
„Was hat sich denn ver√§ndert?“ fragte Marie ungeduldig.
„Gargol hat eine goldene Kugel gefunden. Er tr√§gt sie
an einer Kette um den Hals!“
„Wer ist denn Gargol?“
„Gargol ist ein Wolf. Ein Wolf, so gro√ü wie ein Pferd! Fr√ľher war er ein recht unangenehmer Bursche. Oft w√ľtend, manchmal nutzte er seine Kraft aus, um Schw√§chere zu √§ngstigen, denn er war auch schadenfroh. Seit er die Kugel gefunden hat, ist er anders. Er ist freundlicher geworden, ja sogar hilfsbereit. Die Tiere laufen nicht mehr weg, wenn sie ihn sehen. Au√üer er ist auf der Jagd, aber das ist ja ganz nat√ľrlich!“
„Aber was hat all das mit meinem Vater zu tun?“
„Ganz einfach. Die goldene Kugel ist das Gl√ľck deines Vaters! Hier in Andersland ist sie gelandet, nachdem der Fluch ausgesprochen wurde!“
„Dann muss er die Kugel wiedergeben! Sie geh√∂rt ihm ja gar nicht!“ sagte Marie trotzig.
„Das stimmt schon. Sie geh√∂rt ihm nicht. Aber er wird die Kugel nicht rausr√ľcken. Denn Gargol ist das erste mal in seinem Leben gl√ľcklich. Und dieses Gl√ľck, wird er behalten wollen!“
Marie begann zu weinen.
„Dann ist alles verloren!“
„Aber nein, du liebes Kind, nun h√∂re doch auf zu weinen!“ Der Meister konnte Tr√§nen nicht recht ertragen, es machte ihn nerv√∂s das Marie weinte.
„Willst du vielleicht einen Lutscher? √Ąhh... Au√üerdem ist nicht alles verloren...“ Der Meister griff nach seinem Handtuch, das er Marie zum trocknen ihrer Tr√§nen reichen wollte. Vor lauter Aufregung griff er jedoch daneben, und reichte ihr stattdessen seinen Bart.
Marie schluchzte.
„Es ist nicht alles verloren?“
„Nein, ich habe dir doch gesagt, das du eine Aufgabe hast! Es ist deine Aufgabe Gargol die Kugel wieder abzunehmen. Deswegen bist hier. Verstehst du? Und nun h√∂re um Gottes willen endlich auf
zu weinen!“
Marie gehorchte. Der Meister seufzte erleichtert.
„Gehe zu Gargol!“ sagte er bestimmt. „Und hole die Kugel!“
„Ich? Aber wie denn?“ fragte Marie √ľberrascht.
„Das musst du selber herausfinden! Aber eines steht fest: du kannst es schaffen, sonst w√§rest du nicht hier! Willst du es wagen?“
Marie dachte kurz nach.
„Ja ich will es versuchen!“ sagte sie.
„Gut. Morgen in aller Fr√ľhe brichst du auf. Die Nacht √ľber bleibst du hier. Du musst dich ausruhen!“
„Sage mir doch noch, wer hat meinen Vater verflucht?“
„Mein Kind, das sollst du nach Ende deiner Mission erfahren.W√ľrde ich dir jetzt sagen, wer es war, so k√∂nnte das zuviel f√ľr dein kleines Herz sein. Es ist wirklich f√ľrchterlich. Du musst dich vorerst
damit begn√ľgen!“


Am n√§chsten morgen hatte Meister-unter-der-Erde bereits ein Fr√ľhst√ľck bereitet, als er Marie aufweckte. Marie war recht
aufgeregt, wusste sie doch um die Wichtigkeit und Gefährlichkeit des Kommenden.
„Also, Kleine...“ sagte der Meister laut schmatzend. „...du brauchst nur dem Bach hinter der Lichtung folgen. Er f√ľhrt dich direkt zur H√∂hle Gargols. Der Bach m√ľndet in einen kleinen See, dort wirst du den Eingang gleich erkennen. Sei vorsichtig bei allem
was du tust! Denke nach, √ľbereile nichts! Geduld ist oft wichtiger als Mut! Hast du das verstanden?“
„Ja, ich werde Acht geben !“ erwiderte das M√§dchen.
„Ich habe dir... schmatz... einen kleinen Rucksack gepackt. Drinnen sind eine Decke, eine Speckseite und ein F√§sschen Eselsmilch und dies und das!“
„Wie? Das ist ja schlimm! Gib’ mir doch lieber etwas von dem Brot hier mit!“
„Und diesen Helm hier...“ der Meister grabbelte ein merkw√ľrdiges Gebilde von seinem Schrank, „...gebe ich dir auch noch mit. Er ist aus einer halben Kokosnuss gefertigt!“
Flugs setzte er den Helm auf Maries Kopf.
„Ich will diesen Helm aber nicht. Brot und Decke sind genug!“
„Aber wieso denn?“ beharrte der Meister. „Einen Helm kann man doch immer gebrauchen! Aber gut, wie du meinst!“
Der Meister straffte sich.
„Nun wird es Zeit!“
Marie stand auf und packte Brot in den Rucksack. An der T√ľr verabschiedeten sich beide.
„Danke Meister!“
„Gern’ geschehen, und nun los!“
Marie ging gerade erst einige Schritte.
„Halt!“ rief der Meister. „Komm’ noch mal her!“
Marie gehorchte. Der Meister dr√ľckte sie fest an sich.
„Gib’ auf dich acht!“
„Das verspreche ich!“ erwiderte Marie sch√ľchtern.

Der Bach war rasch gefunden. Er f√ľhrte wieder in den Wald hinein. Marie folgte seinem Lauf, und pfiff dabei ein Lied. Damit wollte sie sich selber aufmuntern. Denn eigentlich hatte sie Angst. Einem Wolf, so gro√ü wie ein Pferd, etwas stehlen? Ganz allein? H√§tte sie jetzt dar√ľber nachgedacht, so w√§re ihr Mut dahingeschmolzen.
Erinnerungen an Daheim kamen ihr stattdessen in den Sinn. Die arme Mutter, der merkw√ľrdige Vater. Meistens sa√ü er im Sessel, stumm in sich blickend. Erst am Abend, wenn er getrunken hatte, wurde er etwas lebendiger. Aber auch das war nicht sch√∂n. Wie schnell konnte er w√ľtend werden! Und wie gro√ü war dann die Furcht der Mutter! Marie kannte all das nicht anders. Sollte es m√∂glich sein, das sich so etwas ver√§ndern kann? Und wie w√ľrde es dann sein? Sie konnte es sich einfach nicht vorstellen. Und daran war nur dieser Fluch schuld! Wie kann man nur so gemein sein! „Na warte!“ sagte sie laut und trat nach einem Stein. Ihre kleinen H√§nde ballten sich zu F√§usten, w√ľtend schob sie ihr Kinn vor. Auf diese Art versunken, ging sie ihren Weg.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als sie beschloss, eine Rast einzulegen. Sie a√ü von dem Brot, und fand dabei allerlei Krimskrams in dem Rucksack. Eine Schnur, ein Messerchen, ein Taschentuch, und andere Dinge, die ihr nicht besonders n√ľtzlich erschienen. Sie wollte nicht allzu lange rasten. Denn im Wald gab es so viele Ger√§usche, das machte ihr Angst. Wer wei√ü? Vielleicht ist der Wolf ja auf der Jagd? Oder ein anderes Tier? Sie stand auf. Lieber in Bewegung bleiben!
Langsam begann sie das Gewicht des unf√∂rmigen Rucksacks zu sp√ľren. Auch ihre F√ľ√üe schmerzten. Soviel wie in den letzten Tagen war sie noch nie gegangen. „W√§re doch jemand bei mir!“ dachte sie. „Selbst Schreck w√§re schon genug!“ Die Sonne begann herabzusinken, es war bereits sp√§ter Nachmittag. Marie sp√ľrte, wie ihre Kr√§fte nachlie√üen, als sie einer Biegung folgend pl√∂tzlich den See sah! Schlagartig war sie hellwach! Sie verbarg sich schnell in einem Geb√ľsch. Dort kauerte sie, und sah sich um. Der See lag still da. Die r√∂tliche Sonne spiegelte sich in ihm. Aber wo war der Eingang zu Gargols H√∂hle? Da! Genau auf der anderen Seite. Eine gro√üe √Ėffnung in einem Felsen! Oh Gott! Jetzt nur die Ruhe bewahren!, befahl sich das M√§dchen. Erst mal tief Luft holen. An etwas sch√∂nes denken. Den Meister, Tante Anna, den lustigen Fuchs.
Marie beschloss sich langsam durch Str√§ucher und Geb√ľsche zur anderen Seite zu schleichen. Wie ein Indianer. Und so begann sie auf allen Vieren, sich vorzuarbeiten. Dabei vermied sie jedes Ger√§usch und machte Pausen um zu lauschen. Es schien ihr Ewigkeiten zu dauern, auch nur eine kleine Strecke zur√ľckzulegen. Aber sie kam immerhin voran, wenn sie auch nicht wusste, was sie, erstal angekommen, dort √ľberhaupt tun wollte.
„Hast du etwas verloren?“ h√∂rte sie auf einmal hinter sich eine tiefe Stimme fragen. Marie fuhr herum und sah √ľber sich den Wolf Gargol! Mein Gott, ein Riese! Das M√§dchen erstarrte.
„Was ist denn kleine Maus? Soll ich dir suchen helfen?“ fuhr der Wolf fort. „Nun habe doch keine Angst! Ich kann nichts daf√ľr das ich so gro√ü bin. Au√üerdem fresse ich keine Menschen!“ Der Wolf l√§chelte, fuhr seine gewaltig Pranke aus und ber√ľhrte sanft Maries Gesicht. Dazu sagte er:
„Kille, kille, kille!“ und blickte vergn√ľgt.
Marie sah die goldene Kugel auf seiner Brust. Sie schimmerte im Glanz der untergehenden Sonne. Die Kugel war nicht größer als
eine Murmel.
„Ich bin Marie!“ stammelte das M√§dchen.
„Ich bin Gargol!“ Gargol schn√ľffelte. „Ah! Du warst beim Meister! Und Schreck rieche ich auch! Fr√ľher habe ich mir oft einen Spa√ü daraus gemacht Schreck in Furcht zu versetzen. Aber das ist vorbei. Er ist mit seiner, √§h, sagen wir mal ‚St√∂rung’, schon genug gestraft!“
Marie sp√ľrte, dass sie nicht in Gefahr war, und setzte sich auf. Sie f√ľhlte sich wohl bei Gargol. Er war wirklich gutm√ľtig.
„Ja Schreck ist komisch! Er hat sich in der nacht an mich gekuschelt, und am morgen ist er weggelaufen!“
Beide lachten.
„Es wird bald dunkel kleine Maus! Wo willst du denn schlafen?
Zum Meister ist es weit! Aber du kannst gerne bei mir bleiben!“
„Ja, das will ich gerne!“ antwortete Marie.
Es schien als habe Marie ihre Aufgabe ganz vergessen. Sie freute sich einfach √ľber den netten Wolf.
„Achtung! Jetzt kommt’s!“ sagte Gargol, griff mit der Schnauze Maries J√§ckchen, und trug sie zur H√∂hle. Als der Wolf ging, bebte die Erde, so schwer war er. Das machte Marie aber keine Angst, sie genoss das Schaukeln, und quiekte vor Vergn√ľgen.
Die Höhle war angenehm warm, groß und mit Bärenfellen ausgelegt. Gargol legte das Mädchen ab.
„Hm!“ machte dieser.
„Was ist denn?“ fragte Marie.
„Irgendetwas stimmt nicht mit dir!“
„Wie meinst du das?“ Sie war besorgt.
„Ich merke, du tr√§gst sehr viel Kummer in dir! Das ist nicht gut!“
Wieder griff er das Mädchen und legte es an seine Seite.
„Das haben wir gleich!“ sagte er.
Gargol holte tief Luft, und ließ seinen warmen Atem dann gegen Maries Kopf strömen. Wieder und wieder. Als gelte es, etwas Eisiges in ihr aufzutauen.
Das M√§dchen f√ľhlte sich unbeschreiblich wohl. Das Fell des gro√üen Tieres, sein beruhigender Herzschlag, der str√∂mende Atem. Es war, als sei sie heimgekommen. Nach einer ganzen Weile sagte sie:
„Ich habe eine Idee! Wer den √§ngstlichen Gesichtsausdruck von Schreck am besten nachmachen kann, der hat gewonnen!“
„Na gut, aber ich fange an!“ erwidert Gargol.
Er riss seine Augen auf und öffnete zu Tode erschrocken sein Maul. Sein ganzer Kopf zitterte vor Anstrengung.
„Du siehst bl√∂d aus!“ sagte Marie √ľberm√ľtig.
„Ich wei√ü!“ gab Gargol zur√ľck.
Beide kugelten sich vor lachen.
Der Abend wurde lang. Man alberte herum, erz√§hlte sich Geschichten. Noch nie in ihrem Leben war Marie so gl√ľcklich.
Sehr sp√§t erst beschlossen sie, dass es jetzt Zeit sei zu schlafen. ‚Jetzt bin ich wie Schreck.’ dachte sie, als sie sich m√ľde an Gargol kuschelte. ‚Ich werde hier bleiben’ dachte sie selig. ‚Und ich werde ihm sein Gl√ľck nicht rauben...’ Marie schlief ein.

„Nein! Nein, nein und nochmals nein!“ tobte Meister-unter-der-Erde als er in seinem magischen Spiegel alles mit ansah.
„Ich Idiot!“ fuhr er fort. „Ich h√§tte es wissen m√ľssen! Sie war zu ausgehungert!“ W√ľtend trat er um sich. „Der Fluch muss aufgehoben werden!“ schimpfte er weiter. Grimmig ging er auf und ab. „Was k√∂nnte ich jetzt tun?“ Der Meister dachte angestrengt nach, murmelte dabei in seinen Bart.
„Ob das klappen k√∂nnte?“ fragte er sich nach einer Weile. „Hm..., ich muss es versuchen!“
Er griff einen kleinen Beutel und sprach etwas in ihn hinein, fast so, als gelte es den Beutel zu √ľberzeugen. Als er damit fertig war, trat er vor die T√ľr.
„Eule!“ rief er in die Nacht hinein. „Eule, komm’ her!“
Fast sofort kam durch die Dunkelheit eine Eule angerauscht.
„In Gargols H√∂hle liegt ein M√§dchen. Nimm diesen Beutel, und streue den Traum √ľber ihr aus! Beeil dich!“
Die Eule nahm den Beutel, und flog davon. In der H√∂hle angekommen sch√ľttelte sie den Beutel √ľber Marie aus. Winzige, silberne Sterne sanken auf sie herab. Lautlos entschwebte die Eule wieder.
Die Sterne sanken in Marie ein. Und sie begann zu träumen. Sie sah den Meister, der zu ihr sprach:
„Mein Kind! Lasse dich nicht verf√ľhren! Bedenke, das Gl√ľck das du erfahren hast, geh√∂rt zu deiner Familie! Die G√ľte und das Lachen Gargols geh√∂ren deinem Vater, der schon so lange leidet! Vergiss ihn nicht! Was du am Abend erfahren hast ist nicht Gargol. Es ist nicht seine Natur. Denke an die sch√∂nen Zeiten, die kommen werden, wenn du deinen Vater vom Fluch befreist. An all die Liebe und all das Lachen. Ihr werdet eine richtige Familie sein!
Und nun werde ich dir sagen, wer den Fluch ausgesprochen hat. Denn es scheint, das du etwas Wut brauchst, um das zu tun, was richtig ist. Tante Anna war es, die das Leben deines Vaters zerstört
hat!“
Marie fuhr hoch.
„Nein!“ fl√ľsterte sie entsetzt. „Tante Anna?“ Sie musste weinen. Niemals h√§tte sie das gedacht! Die nette Tante Anna? Sie hatte sich doch immer nach ihrem Vater erkundigt! Und ihr S√ľ√üigkeiten geschenkt! Und freundliche Worte f√ľr sie gehabt! Leise war ihr weinen. Denn sie wollte Gargol nicht wecken. Gargol. Sie besah sich das m√§chtige Tier. Wie sich seine gewaltige Brust hob und senkte.
Und sah die goldene Kugel. Sie wusste nicht, ob sie diese Kugel wirklich nehmen wollte. Denn sie f√ľhlte sich einfach nur leer traurig. Dennoch griff sie danach, zerriss die Schnur an der sie um Gargols Hals hing. Sie hielt die Kugel in ihrer Hand.
Zwar erwachte Gargol nicht. Aber sein Atem wurde sofort viel k√§lter und unruhiger. Ganz leise vernahm sie klagende Laute aus seinem Maul, er begann sich hin- und her- zuw√§lzen, als habe er einen Alptraum. Schlie√ülich knurrte er, noch immer schlafend, und fletschte die Z√§hne. Marie bekam Angst, erhob sich und rannte aus der H√∂hle, in die dunkle Nacht hinein. Kaum hatte sie einige Schritte zur√ľckgelegt, h√∂rte sie ein markerersch√ľtterndes Winseln aus der H√∂hle dringen. Gargol schien erwacht und hatte wohl gemerkt, dass ihn das Gl√ľck verlassen hatte. Er trat vor die H√∂hle.
Wie hatte er sich ver√§ndert! Wutschnaubend stand er √ľber ihr, und blickte auf sie herab.
„Die Kugel! Gib sie mir wieder!“ Elend und Schmerz schwangen in seiner dr√∂hnenden Stimme.
„Sie geh√∂rt doch meinem Vater!“ erwiderte Marie √§ngstlich.
„Gib sie mir wieder, oder ich fresse dich auf!“
In diesem Moment machte es „puff“, und eine rosafarbene Wolke erschien, aus welcher der Meister-unter-der-Erde stieg.
„Jetzt darf ich dir helfen!“ sagte dieser bestimmt.
„Was geht dich das an, du kleiner alberner Mann?“ grollte Gargol.
„Die Kugel geh√∂rt dir nicht!“ erwiderte der Meister entschlossen.
„...kleiner alberner Mann in einem l√§cherlichen Kost√ľm! Wei√üt du, wie schnell ich t√∂ten kann? Mit einem einzigen Hieb schlage ich dich entzwei!“
„Untersch√§tze meine Zauberkraft nicht, Gargol! Du wei√üt wer ich bin!“ gab der Meister zur√ľck, und erhob drohend seinen Arm.
„So? Willst du mich mit deinem Kochl√∂ffel verzaubern?“
„Wieso Kochl√∂ffel?“ fragte der Meister erstaunt und blickte auf seine Hand. „Verflixt!“ zischte er. Und augenblicklich machte es wieder „puff“ und der Meister war verschwunden.
„Ach Gargol! Ich habe dich doch lieb !“ sagte Marie mit Tr√§nen in den Augen.
„Warum hast du mich dann verraten? Ich hasse dich daf√ľr und ich glaube ich will dich t√∂ten!“
Puff!
„Aber jetzt!“ diesmal schwang der Meister seinen Zauberstab.
„Gargol.“ z√§rtlich sprach Marie seinen Namen aus. Sie hatte Mitleid mit ihm. Dieser jedoch schrie so laut, das man Angst hatte der Himmel w√ľrde hinabfallen:
„Ich will gut und gl√ľcklich sein! Gib’ die Kugel oder ich fresse dich!“
Der Meister hörte den Worten Gargols interessiert zu. Ein Verdacht keimte in ihm.
„Halt Gargol!“ sagte er „Ich glaube ich kann dir helfen!“
„Wie denn?“ fragte der Wolf misstrauisch.
„Ein Wolf ist dann ungl√ľcklich, wenn er kein Wolf sein will. Du aber bist ein Wolf! Wenn du das hinnimmst, so wirst du in Frieden mit dir Leben. Und wer in Frieden mit sich lebt, der ist nicht b√∂sartig!“
„Und was soll ich tun?“ fragte Gargol interessiert.
„Ich werde jetzt ein Wesen zaubern, das dem entspricht was du sein willst. Dieses Wesen, diesen dummen, dummen Traum musst du zerst√∂ren, dann wirst du in Frieden leben!“
Der Meister murmelte einige fremdartig klingende Worte, schwang seinen Zauberstab. Dann sagte er:
„Sei!“
Wie aus dem nichts erschien eine grotesk aussehende Kreatur. Der K√∂rper war der eines Schafs, der Kopf der eines Wolfes, der einen bunten Hut trug. Mit jedem Pulsschlag zeichnete sich ein riesiges, rotes Herz auf der Brust des Wesens ab, das zudem noch d√ľmmlich lachte.
„Das willst du sein! Sieh’ es dir nur an!“ sagte der Meister anklagend.
Gargol schien gebannt von dem Anblick seines Wunsches.
„Hast du genug gesehen?! Glaubst du, das dieses Vieh deine Natur ist? Nein! Niemals! Du bist ein Wolf! Und nun reisse das Vieh! Wie ein Wolf!“
Gargol tat wie ihm gehei√üen, st√ľrzte sich auf die Kreatur, die abscheulich quiekte, packte sie am Hals, rang sie zu Boden und biss fest zu, bis sie tot war.
„Gut gemacht Gargol! Jetzt wirst du in Frieden mit dir leben!“
„Ja, es f√ľhlt sich gut an!“ gab Gargol ersch√∂pft zur√ľck.
„So, mein Kind, wir puffen uns jetzt nachhause. Ich glaube, ich bin doch langsam etwas zu alt f√ľr solche Dramen!“ sagte der Meister zu Marie.

Am morgen. M√ľde aber zufrieden, sitzen beide im Heim des Meister bei einer Tasse Tee.
„Wie alt bist du denn eigentlich?“ fragte Marie.
„Lassen wir das! Viel wichtiger ist:Ich werde die Kugel einschmelzen, und zwar so hei√ü, das sie ganz und gar verdampft. Dieser Dampf wird von allein seinen Weg zu deinem Vater finden!“
„Und was wird aus Tante Anna?“ wollte Marie wissen.
„Tja, die wird es nicht sonderlich leicht haben. Denn der Hass ihres Fluches wird zu ihr zur√ľckkehren. In Form von Trauer. Die Trauer, die sie sich nicht eingestehen wollte. Sie wollte lieber hassen und vernichten, anstatt sich ihre Schw√§che einzugestehen. Schaden wird sie euch nicht mehr k√∂nnen!“
„Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es zuhause sein wird. Ich meine, ich kann all das nicht fassen!“
„Es wird sich so √§hnlich anf√ľhlen, wie bei Gargol in der H√∂hle. Obwohl nat√ľrlich klar ist, das man nicht st√§ndig herumalbert. Freue dich jetzt einfach auf etwas gro√üartiges, auf etwas neues!“
„Und werde ich dich wiedersehen?“
„Nein, mein Kind! Das ist auch nicht n√∂tig. Und nun wird es Zeit Abschied zu nehmen!“ sagte der Meister und g√§hnte.
„Ich danke dir f√ľr alles Meister! Ich habe das Gef√ľhl, als habest du mein Leben gerettet!“
„Sicher nicht! Schlie√ülich hast du allein deine Aufgabe erf√ľllt!“
"Dann gehe ich jetzt!"
"Gehen? Wieso denn? Du f√§hrst nat√ľrlich mit dem 'Puff'-Express!"
PUFF!













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hopeless-1
Wird mal Schriftsteller
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Hallo Großer,

Diese Geschichte, oder vielmehr dieses Märchen ist einfach wunderbar!
Du schaffst es die Gef√ľhle von Marie gut r√ľberzubringen.
Ich bin begeistert! Und w√ľrde mich freuen, wenn du wieder mal √∂ffter hier etwas reinstellen w√ľrdest.

Trotzallem habe ich noch ein paar kleine Rechtschreibfehler bzw Ausdrucks"fehler" gefunden.
Ist aber wirklich wenig und es sind nur Kleinigkeiten! :-)


Ein lauer Wind strich √ľber die Felder und entlockte den √Ąhren ein sanftes Wispern.

‚ÄěMan sagt es l√§ge daran, dass er irrt√ľmlich von W√∂lfen gro√ügezogen wurde. Er h√§lt sich deshalb f√ľr recht klein!‚Äú fuhr der
andere fort und lachte.
‚ÄěEinmal mussten wir ihm ihn sogar vor einem w√ľtenden Kaninchen retten! Der arme ern√§hrt sich nur von toten M√§usen, denn er scheut den Kampf. Und diese verspeist er auch nur dann, wenn ihn niemand dabei sieht. Sch√ľchtern ist er n√§mlich auch noch!‚Äú f√ľgte der erste Rabe am√ľsiert an.

Marie ging in den Wald und rief nach Schreck. Und versicherte, dass sie ihm nichts tun w√ľrde.

W√§hrend sie fest schlief, meinte sie etwas warmes, und weiches zu f√ľhlen, ja sich geradezu daran zu schmiegen. Das bereitete ihr Wohlbehagen, und machte sie l√§cheln.
Bin der Meinung, dass das -machte- hier nicht passt

‚ÄěIch wei√ü, dass du das wei√üt, verflixt noch mal. Unterbrich mich nicht dauernd!‚Äú Der Meister rollte ungeduldig mit den Augen, sammelte sich und sprach weiter.

‚ÄěAber nein, du liebes Kind, nun h√∂re doch auf zu weinen!‚Äú Der Meister konnte Tr√§nen nicht recht ertragen, es machte ihn nerv√∂s dass Marie weinte

Marie beschloss sich langsam durch Str√§ucher und Geb√ľsche zur anderen Seite zu schleichen. Wie ein Indianer. Und so begann sie auf allen Vieren, sich vorzuarbeiten. Dabei vermied sie jedes Ger√§usch und machte Pausen um zu lauschen. Es schien ihr Ewigkeiten zu dauern, auch nur eine kleine Strecke zur√ľckzulegen. Aber sie kam immerhin voran, wenn sie auch nicht wusste, was sie, erstmal angekommen, dort √ľberhaupt tun wollte.

‚ÄěWas ist denn kleine Maus? Soll ich dir suchen helfen?‚Äú fuhr der Wolf fort. ‚ÄěNun habe doch keine Angst! Ich kann nichts daf√ľr dass ich so gro√ü bin.

Der Wolf l√§chelte, fuhr seine gewaltige Pranke aus und ber√ľhrte sanft Maries Gesicht.

‚ÄěJa Schreck ist komisch! Er hat sich in der nachtNacht an mich gekuschelt, und am morgen ist er weggelaufen!‚Äú
Beide lachten.

‚ÄěHast du genug gesehen?! Glaubst du, das dieses Vieh deine Natur ist? Nein! Niemals! Du bist ein Wolf! Und nun reisse rei√üe(?) das Vieh! Wie ein Wolf!‚Äú

‚ÄěEs wird sich so √§hnlich anf√ľhlen, wie bei Gargol in der H√∂hle. Obwohl nat√ľrlich klar ist, das man nicht st√§ndig herumalbert. Freue dich jetzt einfach auf etwas gro√üartiges, auf etwas neues!‚Äú
‚ÄěUnd werde ich dich wiedersehen wieder sehen ?‚Äú


So, das wars. Es sind zwar noch ein paar kleine fehler mit dass drin, bin mir aber sicher, dass du die selber findest, falls du sie nicht schon verbesset hast. :-)

ganz Liebe Gr√ľ√üe,
Deine Hopi






__________________
Ein Raum ohne B√ľcher ist ein K√∂rper ohne Seele (Cicero)

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majissa
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Der "Puff" Express

...erinnert mich irgendwie an den Hogwart Express.

Doch will ich mich zuerst dem Anfang deines M√§rchens widmen. Es gelingt dir, den Leser sofort ins Geschehen hineinzuziehen. Die Kneipenszenerie ist zwar etwas ungew√∂hnlich f√ľr ein M√§rchen, macht aber umso neugieriger. Maries Dilemma hast du anschaulich dargestellt. Da stimme ich meiner Vorrednerin zu. Was ich jedoch vermisst habe, war eine etwas detailliertere Beschreibung deiner Protagonistin. Immerhin h√§tte sie dies als Hauptperson verdient. Es scheint, da√ü du bei der Entwicklung des Meister-Charakters wesentlich mehr Freude gehabt hast. Hier entsteht beim Lesen ein klares, lebendiges Bild, welches liebe- und humorvoll gezeichnet ist. Herrlich der verschrobene Humor des schusseligen Meisters. Beim Bartwaschen habe ich noch geschmunzelt und beim Kokosnusshelm mu√üte ich herzlich lachen. Diese Stelle ist wahrlich m√§rchenhaft. Lebendig wirkt auch Gargol, dessen Umwandlung in sein urspr√ľngliches Naturell du gekonnt beschrieben hast. Sch√∂n die Idee, Anderland als eine Art Seismograph auf Fl√ľche reagieren zu lassen. Das ist mal etwas erfrischend Neues. Die Handlungsstr√§nge sind logisch aufeinander abgestimmt. Auch fehlt es ihnen nicht an Phantasie. Der Text liest sich fl√ľssig. Dennoch h√§ttest du ihn in noch mehr Abs√§tze gliedern k√∂nnen. Am Ende h√§tte ich gerne noch erfahren, wie es Marie nun nach ihrer R√ľckkehr ins Elternhaus ergangen ist. Dies h√§tte das wirklich sch√∂ne M√§rchen erst richtig abgerundet. Zum Ende hin entsteht der Eindruck, da√ü du schnell fertig werden wolltest. Da l√§√üt du den Leser etwas unbefriedigt zur√ľck. Auf die Fl√ľchtigkeitsfehler (mir ist da noch mehr aufgefallen ) gehe ich nicht ein, da hopeless dies schon tat.

Das M√§rchen h√§tte √ľbrigens gut in die Rubrik "Kindergeschichten" gepasst. Hast du es bewu√üt unter "Erz√§hlungen" gepostet?

Auch ich wäre erfreut, hier wieder einmal mehr von dir zu lesen.

Liebe Gr√ľ√üe
Majissa

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bassimax
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hallo!

schön das euch mein epoche machendes werk gefällt.
hopeless: danke das du aber auch jeden einzelnen fehler
öffentlich verbessert hast!
majissa: ich wollte kein zu ausgedehntes happy end.
ich mochte es schon als kind nicht, wenn die waltons
am ende der jeweiligen folge vor das haus traten und
gemeinsam lachten. dasselbe galt √ľbrigens f√ľr daktari.
und bonanza. bei den schl√ľmpfen war ich nachsichtiger.
die konnten schliesslich nichts daf√ľr, denn die waren
nur gezeichnet. so hopeless, bitte korrigiere jetzt
jeden einzelnen fehler dieser antwort. ich behare
ernzthavt darauv!
gruss sebastian

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bassimax
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nachtrag zu majissa

hi majissa"

mir sind noch einige gedanken zu deinem niederträchtigen
kommentar eingefallen. so schreibst du, die hauptperson
"maria" sei nicht deutlich genug charakterisiert.
aha! so ist das also! dann möchte ich dich fragen, was
weisst du von schneewittchen? was von Grethel? (von hänsel
ganz zu schweigen) Und was von Aschenputtel? Wie sieht
es mit lolek und bolek aus? siehst du! kaum etwas weisst du von ihnen!
was heisst da, die kneipenszene ist etwas ungewöhnlich?
hätte ich ein moosbedecktes pilzhaus, mit bösartigen zwergen wählen sollen? das hätte ich ja bedeutet, das ich marie dort hätte bier kaufen lassen. das wäre einmalig in der literaturgeschichte, diese grösse habe ich einfach nicht.
diese geschichte erscheint dir am ende etwas eilig geschrieben. so ist das also. was kann ich daf√ľr das mein
hund mich st√§ndig dr√§ngelt ihn auszuf√ľhren? daf√ľr, das
er immer vehementer wurde, mich gar am arm packte um mich
von der tastatur zu reissen? gerade noch gelang es mir,
die geschichte mit einer hand, wild tippend, zu beenden.
und ich lasse den leser etwas unbefriedigt zur√ľck?
macht nix. so ging es schliesslich auch allen frauen, die
jemals kontakt zu mir hatten. ich habe nichts anderes erwartet.
Unter kindergeschichten hätte ich die geschichte ver-
öffentlichen sollen? ha! nachdem ich es hier doch sowieso
nur mit kindern zu tun habe, mit infantilen weltfl√ľchtlingen, die ihre sch√∂nsten jahre des lebens vor dem monitor abfackeln, ist folglich jede rubrik der
leselupe die rubrik "kindergeschichte".

ich gehe jetzt wieder ins bett. nein. hilfe! mein hund n√§hert sich! er sieht w√ľtend aus! wenn ich in einer stunde
nix mehr gepostet habe, muss unbedingt jemand die polizei
rufen...hilfe! lass mein bein los, du aas verdammtes....

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majissa
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War es nicht so...

da√ü es zum Ende jeder Folge der Waltons ein nervenaufreibendes "Gute Nacht Mama, gute Nacht John-Boy, gute Nacht Mary Ellen" gab, w√§hrend John-Boy oben in seinem Zimmerchen flei√üig an seinem Roman feilte? Harmonieoverkill der √ľbelsten Sorte.

Doch zur√ľck zu deinem M√§rchen und deinem unversch√§mten Nachtrag, mit dem du nun von der Tatsache abzulenken versuchst, da√ü Marie definitiv zu schwach charakterisiert wird. Im √ľbrigen war Schneewittchen wei√ü wie Schnee, rot wie Blut und schwarzhaarig wie Ebenholz. Na? Schon vergessen? Lolek und Bolek...sind das nicht diese Zeichentrickm√§nnchen, die regelm√§√üig auf dem Kinderkanal zu "sehen" sind? Und von H√§nsel und Grethel wissen wir zumindest, da√ü sie ziemlich d√ľnn gewesen sein m√ľssten. Bierzapfende fiese Zwerge in einem moosbedeckten Pilzhaus finde ich gar nicht mal so schlecht. Das hat was.

Ein ausgedehntes Happy End schwebte mir √ľbrigens nicht vor. Maries R√ľckkehr h√§tte man in zwei S√§tzen abhandeln k√∂nnen. Aber ein popeliges "Puff"? Ach ja...der Hund...


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