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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Marlboro-Man
Eingestellt am 06. 05. 2001 10:51


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sammettiger
Hobbydichter
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Marlboro-Man

├ťber der grauen Stadt br├╝tet jetzt, am Sp├Ątnachmittag, bleierne Hochsommerhitze.
Die Schritte einer von ihrer Arbeit heimkehrenden jungen Frau knirschen ├╝ber den Kiesweg, als sie auf den sechsgeschossigen Wohnblock zugeht, in dem sie und ihr Mann seit einigen Jahren wohnen.
Im Hausflur sieht sie in den Postkasten. Sie tut dies immer, obwohl sie wei├č, dass ihr Mann jeden Tag vor ihr von seinem Fr├╝hdienst bei einer Wach- und Schlie├čgesellschaft kommt.
Nachdem sie den Postkasten wieder geschlossen hat, wendet sie sich um, und erblickt durch die verglaste Hintert├╝r das grasende Pony ihres Mannes.
"Mistvieh!", murmelt sie und beginnt die Treppen zur vierten Etage hinaufzusteigen.

"Die Lehmann k├Ânnte auch mal putzen.", brummt sie, als sie an der T├╝r im dritten Stock vor├╝bergeht. Die Abs├Ątze ihrer Stilettos klappern ├╝ber das letzte Podest.
Pl├Âtzlich bleibt sie wie angewurzelt stehen; ihre rechte Hand umspannt das Treppengel├Ąnder so fest, dass ihre Kn├Âchel hell hervortreten.
Wie oft hab' ich hier schon gestanden, ├╝berlegt sie, w├Ąhrend sie wartet. Hundert Mal? Tausend Mal? Zehntausend Mal, sicher.
"Und jedes Mal derselbe Mist. Wozu ├╝berhaupt noch nach Hause kommen." seufzt sie; und lauscht in die bodenlose Stille, aus der, wie aus weiter Ferne, das Wiehern des Ponys heraufweht. Im Treppenaufgang stinkt es nach Staub und Fliegendreck.
Aus den Achseln der Frau l├Âst sich ein Schwei├čtropfen. Sie sp├╝rt, dass er langsam wie ein Insekt an ihren Seiten herabkriecht. Sie sch├╝ttelte sich, r├╝hrt sich aber nicht von der Stelle. Zum Duschen w├╝rde sie sowieso erst sehr viel sp├Ąter kommen. Davor stand ihr Mann und dessen Westernmanie, zu der unter anderem sein sonderbares Abendessen geh├Ârte. Dieser Westernlunch, wie er es nannte, bestand aus einer Steakscheibe, die sie so lange briet bis sie hart wie Leder war, aus einem Haufen grauged├╝nstetem Mais und klebrigem Kartoffelp├╝ree. Und das Abend f├╝r Abend, jahraus, jahrein. ├ťbelkeit w├╝rgte die Frau, wenn sie nur an den Geruch des Bratfettes dachte. Und ihr Mann, der stets bewegungslos vor dem Fernseher hockte und Westernserien guckte, sah nicht einmal vom Bildschirm auf, wenn sie ihm den Teller hinstellte. Lass es dir schmecken Liebling!
Und erst dann, wenn das erledigt war, fand sie Zeit und Ruhe, um ausgiebig und hingebungsvoll zu duschen.
"Toller Mist!" zischt sie zur vierten Etage hinauf, und duckt sich noch etwas tiefer. Im selben Moment kracht ein Schuss durchs Treppenhaus. Und die Frau schnellt triumphierend empor.
"Idiot!", flucht sie lauthals in das davonrollende Echo und h├Ąmmert wutentbrannt die letzten Stufen zu ihrer Wohnung empor.

Ihr Mann fl├Ązt w├Ąhrenddessen bequem in seinem Lieblingssessel und stiert in den Fernseher. Wildwestszenen flimmern ├╝ber den Bildschirm. Seine Vorabendserie Silver Gun Girls l├Ąuft wie jeden Tag um diese Zeit. Gen├╝sslich schl├╝rft er seinen Feier-
abendwhisky. Eisw├╝rfel klirren leise gegen das Kristall. Der Mann saugt den Rauch seiner Marlboro tief in seine Lunge.
Auf dem Bildschirm geht hinter der Saloontheke eine junge Frau in Deckung. Das Halfter ihres Revolvers eng um ihre schmale H├╝fte geschnallt, scheint ihr praller Hintern die hautengen Lederhosen zu sprengen. Es ist Silver Gun Girl-Susan, die mit entsicherter Waffe auf Big Ars lauert. Der Desperado wird jeden Moment in der Schwingt├╝r des Saloons erscheinen.
Der Mann vorm Bildschirm hat die Serie sooft gesehen, dass er, ohne es zu merken, seine Lippen synchron zu den Dialogen bewegt. Und genau jetzt, w├Ąhrend diese Szene l├Ąuft, betritt seine Frau das Haus. Der Magen des Mannes macht sich schmerzhaft
bemerkbar. Seit Jahren, Tag f├╝r Tag immer zur selben Stunde, schneidet dieser Schmerz in seine Ged├Ąrme. Mit schauderhaft absehbarer Unerbittlichkeit. Ein Magengeschw├╝r? Undenkbar! Er kommt nicht dahinter, woran es liegt. Ohne auf die Uhr sehen zu m├╝ssen, und ohne ein anderes Ger├Ąusch, als das des Fernsehers zu vernehmen, f├╝hlt der Mann, das seine Frau heimkommt. Es ist ihm, als sei sie es, die ihn in den Magen tritt. Der Mann h├Ąlt im Rauchen inne, starrt auf die Mattscheibe, lauscht zum Flur hin.
Silver Gun Girl-Susan hockt unver├Ąndert lauernd hinterm Tresen.
Jetzt h├Ârt er auch die Schritte seiner Frau im Treppenaufgang. Mist!, denkt er und wartet darauf, dass das Geklapper der Stilettos abbricht. Seine Frau muss auf dem vorletzten Treppenabsatz stehen geblieben sein - bei Lehmanns -, wie jeden Nachmittag.

"Bl├Âde Kuh!", murmelt er, stellt den Whiskybecher ab und schnippt die Kippe der Marlboro in den Ascher. Als Big Ars jetzt durch die Schwingt├╝r des Saloons tritt, erhebt sich der Mann.
Seltsam in den H├╝ften wiegend, geht er auf das Fernsehger├Ąt zu. Rei├čt blitzartig seine Hand hervor, feuert einen imagin├Ąren Revolver ab, - und dreht den Fernseher lauter. Seine H├Ąnde in die Seiten gestemmt, bleibt er breitbeinig vor dem Kasten stehen.
Wippt auf seinen Zehenspitzen vor und zur├╝ck. Vor und zur├╝ck.
Als Silver Gun Girl-Susan hinter der Theke hervorsp├Ąht und sich dem schwarzen Big Ars gegen├╝ber sieht, ballt der Mann vor dem Ger├Ąt die rechte Hand zur Faust.
Gebannt wartet er darauf, dass Big Ars br├╝llt: "He, Lady! Was Sie da in der Hand halten, ist kein Schwanz!" Und Susan: "Okay, Mann!" antwortet, um ihn dann mit einem
wummernden Schuss niederzustrecken.
"Yeah, Superweib!" Der Mann klatscht seine Faust in die linke Handfl├Ąche und f├Ąllt zur├╝ck in den Sessel. Und sofort ist dieses bei├čende Gef├╝hl im Magen wieder da.
Jetzt, denkt er, muss die Alte gleich die letzten Stufen raufkommen - hoffentlich bricht sie sich heut' das Genick - und wird sofort ihr Schei├č Gezeter anfangen; wegen meiner
Serie, mei'n Whisky, mein' Stiefeln, mein' Socken und wei├č der Geier was noch.

Die Frau st├Â├čt die Wohnungst├╝r auf. Das Wummern eines erneuten Schusses rollt ihr entgegen.
Fr├╝her, erinnert sie sich, fr├╝her stand er halbnackt vor mir, wenn ich kam. Mit offenen Armen hat er mich empfangen. Ja, frisch geduscht, mit feuchten Haaren, und so geil gerochen. Es gab Tage, da haben wir's gleich im Flur... Und jetzt... ? Schei├č Glotze! Schei├č Western! Schei├č drauf! Sie schmettert die Wohnungst├╝r so heftig ins Schloss, dass das Echo zur├╝ckrollt ins Wohnzimmer.
Sie blickt den Korridor entlang auf den Hinterkopf ihres Mannes.
Glatze kriegt er auch schon! Setzt den Cowboyhut nie ab! Murmelt sie und stolpert ├╝ber ein Paar Stiefel. Mist! Ersticken soll er an den Dingern!
"Schatzi, kannst du mal die Glotze leiser stellen!?" Ihre Stimme schrillt.
Der Mann r├╝hrt sich nicht. No Lady, du kannst mich mal!
"Schatzi, deine Stiefel h├Ąttest du auch richtig hinstellen k├Ânnen, und deine Socken tu' n├Ąchstes Mal in die Maschine. Bitte!"
"Okay, Lady." Er nimmt einen kr├Ąftigen Schluck Whisky.
Nicht mal die Z├Ąhne kriegt er auseinander. Quatscht wie diese Westerntypen. Macho-Arsch! In ihrem Gesicht zuckt es.
Gleich steht sie vor mir, denkt er, und lauscht auf ihre Schritte, die sich vom Flur her n├Ąhern. Ihr Unterleib schiebt sich in sein Gesichtsfeld. Er starrt auf den Rei├čverschluss ihrer Jeans. Ihr Gesicht taucht herab, ihre Augen blicken einen Moment unverwandt in die seinen, dann k├╝sst sie ihn auf den Mund.
"Hallo Schatz", sagt sie.
"Du versperrst mir die Sicht.", knurrt er und versucht mit geneigtem Kopf an ihrer H├╝fte vorbei zu schielen. Einen Lidschlag lang h├Ąlt sie die Luft an, erwidert jedoch nichts
und geht hinaus.

Gleich wird sie mir erkl├Ąr'n, dass es in 'ner halben Stunde Essen gibt; und fragt mich, wie es in der Firma war. Anstatt sie ihre Arbeit so schnell und lautlos macht, wie man's erwarten kann.
"Schatzi?", ihre Stimme scheint meilenweit weg, irgendwo in der K├╝che, "Schatzi, in
einer halben Stunde gibt's Abendessen."
"Okay, Lady." brummt er und stiert weiter auf den Bildschirm.
"Wie war's heut in der Firma, Schatz?"
"Ja, ja, okay, Lady."
"Sagen die nichts, wenn du ruml├Ąufst wie der ...├Ąhem... Marlboro-Mann. Bei der letzten Firma bist du doch deshalb rausgeflogen, oder...?"
Ihre Zunge, denkt er, wird sie eines Tages noch umbringen. Soll sie dran ersticken!
"Ja, ist okay Lady."
"Ich mein' immerhin arbeitest du am Empfang." - Pah von wegen Empfang, ist ja wohl doch eher ein Pf├Ârtnerjob.

"H├Ârst du mir zu Schatz?"
"Ye', Lady." Schei├če -, in der K├╝che klappert Geschirr, eine Eisenpfanne scheppert zu Boden. Auf dem Fernsehschirm reitet Silver Gun Girl-Susan durch die weite Pr├Ąrie. Ihr blondes Haar wippt im Takt des Pferder├╝ckens.
"Du, Schatzi!?" In die Stimme der Frau mischen sich ├╝berraschend hohe Zwitscherlaute.
"Ye', Lady." Und ihr Mann bemerkt es nicht einmal.
Ich hasse es, wenn er mich Lady nennt. "Du, Schatzi, heut war Susanne in der Firma. Du kennst doch Susanne?"
"Ye', Lady." - Wer zum Teufel, ist dies verdammte Susanne?
"Du, sie ist im M├╝tterurlaub. Sie hat 'nen ganz s├╝├čen Fratz. Sie war heute mit ihm in
der Firma." Dieser Idiot glotzt nur auf seine Revolverweiber und setzt zwitschernd fort: "H├Ârst du mir ├╝berhaupt zu?"
"Ye', Lady." knurrt er und schl├╝rft von seinem Whisky.
"Ein ganz S├╝├čer ist das, und so niedlich. Ich h├Ątt' auch so gern ein Baby ..."
"Ye' Baby, ...├Ąh, Lady." - Oh Schei├če, Mann, die bringt mich glatt um mit ihrem Balg!
"Wir sind beide f├╝nfunddrei├čig, und j├╝nger werden wir nicht, und immer noch keine
Kinder. Ich find' es wird langsam Zeit." ruft die junge Frau aus der K├╝che.
"Ja, ja Lady." Seit Jahren quatscht die immer denselben Schei├č.
"Du k├Ânntest mit den Kindern Spazieren gehen oder Cowboy spielen oder sie auf deinem Pony reiten lassen." schl├Ągt sie halbherzig vor.
Ein Eisw├╝rfel zerbirst zwischen den Z├Ąhnen des Mannes, w├Ąhrend Silver-Gun-Girl-Susan auf ein Fort zu reitet.
"Dann ist das Vieh wenigstens zu was n├╝tze.", fl├╝stert sie entschieden leiser und h├Ąlt in ihrer Arbeit inne. Sie lauscht, den Blick starr in die Bratpfanne gerichtet auf den Westernl├Ąrm der aus dem Wohnzimmer.
Susan hat zwischenzeitlich das Fort erreicht. Sie springt vom Pferd, die Bluse bis zum Nabel ge├Âffnet. Der Mann schluckt und glotzt auf die sonnengebr├Ąunten Rundungen ihrer Br├╝ste.
"Ye', Lady." - Kacke, Mann, ich hasse Kinder. Nur L├Ąrm, nur Dreck, nur Gestank.
"Ein Kind w├Ąr' so sch├Ân. H├Ârst du, Schatz?" Die Stimme der Frau klingt seltsam spitz.
"Ye', Lady." brummt der Mann.
"Heute w├Ąr'n guter Tag."
"Ye', Lady."
"Ein sehr guter Tag ..."
"Ye', Lady."
"Meinst du nicht auch, wir sollten mal wieder miteinander ... Nur f├╝r ein Kind."
"Ye', Lady." - Oh, Mann, Schei├če, ich bring die wirklich um. Ich schw├Âr's.
"Liebst du mich nicht mehr?"
"Ye', Lady."
"Warum nicht? Bin ich zu alt?"
"Ye', Lady."
"Zu fett? Zu h├Ąsslich?"
"Ye', Lady."
"Aber mit deinen Westernweibern w├╝rdest du gern mal. Stimmt's?" schnappt sie.
"Ye', Lady."
"Kotz ich dich an?" kreischt sie, kurz davor zu explodieren.
"Gott verflucht noch mal, du d├Ąmliches Weib, was heulst du dauernd rum! Lass mich endlich mit deinem beschissenen Balg in Ruhe!" - So'n Mist, hab glatt verpasst, wie Susan im Sheriff-Office verschwunden ist. Geiles Weib; die Susan! Schweigend stiert er auf die Mattscheibe. Raucht. Trinkt. Susan spricht mit dem Sheriff. Vor dem Office verbreitet sich hektischer L├Ąrm. Die Postkutsche kommt an.

Wo bleibt die blo├č mit meinem Essen? -, der Mann vorm Fernseher sieht in sein Glas -, Eis ist auch alle. Verdammt!
"He, Lady!" Keine Antwort. "Heee! Hallo!"
Die flennt wieder, ├╝berlegt er. Warum, verflucht nochmal, heult dieses Weib st├Ąndig?
Der Fernseher l├Ąrmt. Aus der K├╝che kommt kein Ger├Ąusch. Aber den eigenartigen Geruch nimmt er jetzt wahr.
"Hat die Steaks anbrenn' lass'n, die bl├Âde Kuh?" flucht er leise. "Oder? Nein, dann riecht's anders." Vergeblich versucht er dahinter zu kommen, ohne nachschauen zu m├╝ssen. Mist! St├Âhnend stemmt der Mann sich aus dem Sessel.
Mit seinem seltsam wiegenden Gang geht er hin├╝ber in die K├╝che. Er sieht sich um; aber in der K├╝che ist sie nicht. Als er die qualmende Pfanne vom Herd nimmt, "Schei├če!", verbrennt er sich die Finger.
"He, Lady!" - Wo steckt dieses Weib nur?
Er geht ├╝ber den Korridor zum Bad. Er klopft an die T├╝r. Einmal. Zweimal. Lauscht mit geneigtem Kopf nach drinnen, doch erh├Ąlt keine Antwort. Er l├Ąsst seine Pranke auf die Klinke fallen. Die T├╝r fliegt auf. Er wirft einen kurzen Blick in den wei├čen Raum.
"Hier ist sie auch nicht." - Verdammt, ist die abgehau'n? Das w├Ąr' das erste Mal... Er macht einen Schritt zur├╝ck in den Korridor und lauscht erneut. Totenstille. Auch der ged├Ąmpfte Westernl├Ąrm ist verebbt.
Der Mann geht hin├╝ber zum Kinderzimmer; mustert das akkurat hergerichtete Kinderbettchen, in dem nie ein Kind liegen wird, wenn es nach ihm ginge. Schei├če, wie in 'ner M├Âbelabteilung. Auch so'n Spleen von ihr. Wo ist die ? Hier stinkt's! Der Mann zieht ger├Ąuschvoll die Luft in die Nase; seine N├╝stern bl├Ąhen sich. ├ťberall stinkt's hier so. Es stinkt wie..., wie nach 'nem beschiss'nen Gewitter. Ach, leck mich; das bl├Âde Weib wird schon wieder auftauch'n. Er knallt die Kinderzimmert├╝r zu.
Er holt sich neues Eis und kehrt in seinen Sessel vorm Fernseher zur├╝ck.

Auf dem Bildschirm hockt Silver Gun Girl-Susan hinter einem Baum. Der Mann vorm Fernseher glotzt auf ihren straffen Hintern und gie├čt sich Whisky nach. Entspannt l├Ąsst er sich in die Polster sinken.
Susan hockt noch immer unbeweglich vor ihm. Sie scheint auf jemanden zu warten.
Der Mann stutzt einen Moment; er konnte sich nicht an diese Szene erinnern. "Hat mich die Alte wieder gest├Ârt. Wo bleibt die nur?"
Pl├Âtzlich erhebt sich Susan. Und die Kamera beginnt auf ihren R├╝cken zu zufahren.
N├Ąher und n├Ąher. Rumpf und Sch├Ądel des Cowgirls f├╝llen den Bildschirm. Und erst als der Hinterkopf Susans das Bild f├╝llt, stoppt die Kamera. Der Mann starrt auf die blonden Haare, die unterm Cowboyhut der jungen Frau hervorquellen. Susan hatte doch keine blonden Haare, ├╝berlegt er, als sie sich pl├Âtzlich nach ihm umdreht, als h├Ątte sie seinen Blick bemerkt. Der Mann zuckt unwillk├╝rlich zur├╝ck. Das Cowgirl starrt ihm ins Gesicht. Der Mann glotzt mit offenem Mund zur├╝ck.
Mit ihrem Gesicht stimmt was nicht, schie├čt es dem Mann durch den Kopf. Es ist so..., so breit, und die Augen, die sind so...
Seine Mundwinkel zucken und das linke Augenlid beginnt zu flattern.
"Oh, nein.", fl├╝stert er, "oh, nein."
"Doch!", erwidert die Frau auf dem Bildschirm, "Doch!" und verzieht ihre Lippen zu einem schmalen h├Âhnischen Grinsen.
"Hee Lady, hee, das ist doch nicht m├Âglich." Seine Stimme droht zu kippen. Panik steigt in ihm auf.
Das Gesicht seiner Frau auf dem Bildschirm w├Ąchst unaufhaltsam. Der Mann vor ihr ├╝berlegt fieberhaft, was er tun k├Ânnte. Er wei├č, er brauchte nur den Apparat auszuschalten, kann sich aber keinen Millimeter weit aus dem Sessel bewegen.

"Nenn meinen Namen, Mann!" ├ťberraschend gro├č taucht eine Revolverm├╝ndung vor ihrem Gesicht auf. Sie zielt genau zwischen seine Augen.
"Oh Baby, Lady, Mann, mach keinen Schei├č! Wie bist du da rein gekommen?" stottert der Mann.
Sie kichert, f├Ąngt sich aber sofort wieder.
"Du hast mir mein Leben versaut; jetzt nenn wenigstens noch meinen Namen!"
"Ye', Lady. Nein! Stopp!"; es ist zum Kotzen; "Was hast du vor?" fragt er mit belegter Stimme.
Er muss an diesen Schei├č Fernseher ran. Seine Gedanken ├╝berschlagen sich.
"Du sollst meinen Namen nennen! Nur einmal!" schreit sie.
"Susan... Silver... Girl...Verflucht!" kr├Ąchzt er.
Vor seinen Augen verschwimmt das Gesicht seiner Frau wie hinter Milchglas. Er sp├╝rt den unb├Ąndigen Wunsch, sich ├╝ber die Augen zu wischen. Doch er vermag es nicht. Seine Arme baumeln leblos herab; das Whiskyglas ist auf den Teppich gerollt.
"Nenn endlich meinen Namen; wenn du ihn ├╝berhaupt noch wei├čt!"
"Ich... kann... mich... nicht...", und bringt nur noch ein trockenes W├╝rgen hervor.
Er starrt weiter in die pechschwarze Revolverm├╝ndung. Er sieht noch, wie seine Frau ihr linkes Auge zukneift, als schon das Feuer aus der M├╝ndung spritzt. Das Projektil rast wie ein donnernder Zug auf ihn zu. Glas splittert. Sein Kopf federt zur├╝ck.
Blut sickert aus der Schusswunde in der Stirn, und mischt sich mit den Whiskyflecken auf dem Teppich. Dann ist es totenstill; nur das Wiehern eines Ponys verweht wie ein Rauchfetzen in der Ferne.


---(c)sammettiger 2001---

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 17
Kommentare: 1142
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Hallo,

ich fand die Geschichte sehr gut erz├Ąhlt, wollt ich mal sagen. Mir haben die "Dialoge im geiste" sehr gut gefallen. Was ein Mann und eine Frau doch so denken?! Das Ende fand ich sehr ├╝berraschend und gerne w├╝rde ich wissen wie heisst sie denn nun?

Gru├č
Rene├Ę

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sammettiger
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

Werke: 5
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Wie hei├čt sie denn nun???

Hi Renee,

freut mich, dass dir der Marlboro-Man gefallen hat
Zu deiner Frage ...

quote:
...und gerne w├╝rde ich wissen wie heisst sie denn nun?
... kann ich dir leider auch nicht sehr viel mehr sagen als in der Geschichte steht. Silver-Gun-Girl Susan ist es jedenfalls nicht und seine Ehefrau, die ja im Fernseher auftaucht, um ihn zu erschie├čen, hat in der Geschichte keinen Namen.

Ist letztlich auch egal; wichtiger finde ich den Umstand, dass der Ehemann den Namen seiner Frau nicht sofort parat hat.

Pech f├╝r ihn

Gr├╝├če vom sammettiger

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Renee Hawk
???
Registriert: Jan 2001

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Kommentare: 1142
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jo recht hast'de, er h├Ątte sich ein Spikzettel machen k├Ânnen oder sich den Namen hinter die Ohren schreiben k├Ânnen *lach*.

Es ist und bleibt eine sch├Âne Geschichte die tief blicken l├Ą├čt, Baby *grins*

Liebe Gr├╝├če
Rene├Ę

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Omar Chajjam
???
Registriert: Feb 2001

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F├╝r die sehr gut erz├Ąhlte Geschichte ist mir der Schlu├č zu einfach, weil plausibel und leicht zu durchschauen. Da gibt es doch unendlich viele andere Schl├╝sse, die ├╝berraschender sind.

Gru├č
Omar

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sammettiger
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

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Durchschaubarer Schlu├č???

Hi Omar,

danke f├╝r dein Lob

Deine Anmerkung ...

quote:
...ist mir der Schlu├č zu einfach, weil plausibel und leicht zu durchschauen
... vermag ich nicht so recht nachzuvollziehen. Plausibel sollte eine Geschichte - implizit ihrem Schluss - schon sein, sonst f├╝hlt sich der Leser - platt gesagt - verarscht.

F├╝r sooo leicht durchschaubar halte ich ihn auch nicht, da das Auftauchen der Ehefrau im Fernseher doch sehr irreal ist.

Dank deiner Kritik habe ich mich noch einmal mit dem Schluss auseinandergesetzt, werde ihn aber so lassen, wie er ist.

Beste Gr├╝├če vom sammettiger

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