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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Mein Baum
Eingestellt am 31. 08. 2006 01:48


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Zwillingsjungfrau
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Registriert: Feb 2003

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Seit meiner Kindheit kannte ich den Baum. Von meinem Großvater gepflanzt und liebevoll gepflegt, stand er hinter dem Haus, in einem alten SiedlungsgelĂ€nde, mitten in der Großstadt. Groß und prĂ€chtig war er in den 80 Jahren seines Baumlebens geworden. In jedem FrĂŒhjahr war seine Krone so dicht mit weißen BlĂŒten ĂŒbersĂ€t, dass kein Stamm, Ast oder Zweig zu sehen war.

Wenn die BlĂŒte vorbei war und der Wind durch den Wipfel blies, glaubte ich immer wieder, er wĂŒrde es fĂŒr mich allein noch einmal schneien lassen. Ich versuchte, die fallenden BlĂŒtenblĂ€tter zu fangen und war vor Freude ganz ausgelassen. Im Herbst trug er kleine harte Kochbirnen. Da er gut 30 Meter hoch war, konnten sie nicht gepflĂŒckt werden. Mit einem lauten Klack fielen sie herab und schlugen auf die Steine. Meine Mutter kochte sie in Zuckeressig ein. Davon konnte ich immer wieder naschen. ZurĂŒckdenkend spĂŒre ich diesen köstlichen Geschmack noch auf meiner Zunge.

So vergingen viele Jahre, bis der große schöne Baum anfing, sich zu verĂ€ndern. Er blĂŒhte kaum noch und warf bereits im Sommer sein Laub ab. Er war krank. Ein Baumdoktor wurde geholt. Er untersuchte den Stamm und die herabfallenden BlĂ€tter und stellte fest, dass der Baum Birnengitterrost hatte. Das ist ein Pilz, der auf einem Wacholder wĂ€chst. Im FrĂŒhjahr verteilten sich die Sporen in einem Umkreis von ca. einem Kilometer. BekĂ€mpfen konnte und kann man diesen SchĂ€dling nur sehr schwer. Der Wacholder, dem der Pilz ĂŒbrigens nicht schadet, mĂŒsste gefĂ€llt werden.

Um den Birnbaum zu retten, hĂ€tten alle GrundstĂŒcksbesitzer in einem Umkreis von einem Kilometer gebeten werden mĂŒssen, ihren Wachholder zu entfernen. Dazu hĂ€tte sich kein Nachbar bereit erklĂ€rt. Bei kleineren BĂ€umen ist es möglich, die Krone des Birnbaums mit einem Gegenmittel zu spritzen. Doch wie sollte dies bei einem 30 Meter hohen Baum geschehen? HĂ€tte ich vielleicht Jahr fĂŒr Jahr einen Hubschrauber bestellen sollen? So konnte nur zusehen, wie er langsam starb. Kahl und trocken streckte er in diesem Jahr seine Äste in den Himmel, es war kein Leben mehr in ihm.

Bei einem heftigen Gewittersturm mit Orkanböen brach ein dicker Ast ab und wirbelte auf das nahe Dach. Er schlug ein gewaltiges Loch in die Pfannen. Da es wie aus Eimern schĂŒttete, waren die Überschwemmung und der Schaden auf dem Dachboden betrĂ€chtlich. Es standen dort Kartons, Kisten und ein alter Koffer, vollgepackt mit Erinnerungen. Alte Fotoalben, geliebte Kleider vergangener Jahre und KinderbĂŒcher wurden durchnĂ€sst und waren zum Teil nicht mehr zu retten.

Damit war meine Entscheidung gefallen und das Schicksal des Birnbaums besiegelt. Trotzdem, der Entschluss fiel mir schwer. Doch im Herbst könnte der nĂ€chste Sturm ihn unkontrolliert fallen lassen. Dann wĂ€re der Schaden am Haus oder auf den NachbargrundstĂŒcken immens. Das ginge eventuell in die zigtausende. Da stand ich nun an seinem Stamm und sprach mit meinem Baum. Noch einmal strich ich ĂŒber seine vermooste Rinde und bedankte mich bei ihm fĂŒr die Freude, die er mir so viele Jahre geschenkt hatte.

Bei meiner Suche nach einem nahe wohnenden BaumfĂ€ller fand ich Thomas. Wir verabredeten uns. Der BaumfĂ€ller Thomas kam und betrachtete mit sorgenvollem Gesicht den Baumriesen. „Das wird nicht einfach“, erklĂ€rte er mir. Er ging um den Baum herum und schaute sich die weit ausladenden Äste an. „Der zuerst, der dahin, der muss abgeseilt werden“ murmelte er, wĂ€hrend er mit den Armen fuchtelte und kreuz und quer in den Himmel zeigte.

Einige Tage spĂ€ter ging es dann tatsĂ€chlich los. Die Leiter wurde ausgefahren und die dicken Äste im Bereich der ersten 10 Meter Höhe fielen leicht. Nun kamen die nĂ€chsten 10 Meter. Obwohl der Himmel wolkenverhangen und die Temparaturen eher kĂŒhl waren, geriet Thomas ins Schwitzen. Er zog seine graue Jacke aus. Darunter trug er einen dicken gelben Pullover. Er wickelte sich einen Gurt und die Taille und band sich am Stamm fest. Es sah aus, als sĂ€ĂŸe ein großer Kanarienvogel im Baum. Es wurde zunehmend schwieriger, Probleme traten auf, weil die MotorsĂ€ge streikte. Thomas musste sich vom Stamm losbinden, von der Leiter steigen, Benzin in die SĂ€ge fĂŒllen, einen Probelauf starten, wieder rauf auf die Leiter und wieder festbinden. Das war schweißtreibend. Deshalb löste Thomas den Gurt wieder, stieg von der Leiter und zog den dicken gelben Pullover aus. Darunter trug er ein olivfar-benes Hemd.

Erneut kletterte er hinauf in die obere Spitze des Baumes. Die Äste konnten nun aber nicht mehr einfach nur auf den Hof fallen, sie mussten mit einem Tampen umwickelt werden. Unten stand ein Helfer mit dem dicken Tampen in den HĂ€nden. Auf Zuruf zog er. Der dicke Ast fiel. Da die Äste nicht alle in eine Richtung wuchsen, wurde die Ziehrichtung immer wieder geĂ€ndert. So fielen die Äste immer in die gewĂŒnschte Richtung. Der Hofplatz war ĂŒbersĂ€t mit Ästen, SĂ€gespĂ€nen und trockenem Reisig.

Dann sollte der Stamm StĂŒck fĂŒr StĂŒck abgetragen werden. Thomas setzte die SĂ€ge an. Das GerĂ€usch war fĂŒrchterlich. Der Baum fing an zu kreischen als hĂ€tte er Schmerzen. Auch BĂ€ume und Pflanzen kennen dies. Das ist durch wissenschaftliche Untersuchungen erwiesen.

Der olivgrĂŒne Thomas im Baum, erkennbar nur als Beule am Stamm, denn er hatte ja fast die Farbe der Rinde, band sich wieder los und kletterte die Leiter hinab. Ich fragte ihn, ob im Stamm noch Leben sei, es hĂ€tte sich angehört, als wĂŒrde der Baum wimmern oder schreien.

„Nein“, sagte Thomas, „mein SĂ€geblatt ist stumpf. Ich muss ein neues aufziehen. Der Baum ist tot. Er spĂŒrt nichts mehr“. Trotz der kĂŒhlen Witterung stand ihm der Schweiß auf der Stirn und ich ĂŒberlegte schon, was er wohl nun noch ausziehen wĂŒrde und welche Farbe wohl das nĂ€chste Hemd hĂ€tte. Er zog sich nicht aus, behielt das Olivfarbene an und wischte sich nur mit dem Ärmel den Schweiß aus den Augen. Wieder stieg er auf die Leiter. Er kletterte am Stamm hoch, die ReststĂŒcke der gefallenen Äste nutzte er als Trittstufen und band sich fest. Mit beiden HĂ€nden schnitt er ĂŒber seinem Kopf einen Keil aus dem Stamm.

Der Helfer mit dem Tampen in der Hand zog mit aller Kraft, der Stamm wollte nicht fallen. Thomas wollte helfen. Losbinden, am Stamm hinabklettern, die Leiter hinab, umfasste auch er den Tampen und gemeinsam zogen die zwei am Stamm. Das angesĂ€gte StĂŒck wollte nicht fallen. Schnell lief ich zum netten Nachbarn von gegenĂŒber. Der kam. Nun zogen sie zu dritt am Tampen. Hau ruck und noch mal auf Kommando. Dann kippte der Stamm fast im Zeitlupentempo. Er fiel und schlug ein großes Loch in die Erde.

Genau an diesem Platz stand an fast allen Tagen immer mein Auto. Nur dieses Mal nicht. Welch ein Gewicht und Kraft steckte noch immer in dem abgestorbenen Birnbaum. Mein Auto hÀtte der fallende Baumstamm total zermalmt. Es wÀre schrottreif gewesen.

Doch der Reststamm, noch etwa drei Meter hoch, widersetzte sich dann allen SÀgeversuchen. Ein Keil musste her, um den Stamm am gesÀgten Schnitt im Holz zu spalten. Zwei gezielte Hiebe mit einem Vorschlaghammer und der Hammerstiel zerbrach. Das Werkzeug taugt heutzutage aber auch rein gar nichts mehr.

Inzwischen kam die Elster, die den Wipfel des Baumes wohl jahrelang als Rastplatz genutzt hatte. Sie setzte sich auf einen der GartenstĂŒhle und beschimpfte uns aus voller Kehle. TschĂ€ck-tschĂ€ck-tschĂ€k – TschĂ€ck-tschĂ€ck-tschĂ€k. Doch davon wuchs der Baum nicht wieder. So flog sie laut meckernd davon. Ich verstand sie gut, denn auch ich hĂ€tte das ehemalige Prachtexemplar von Baum gerne erhalten.

Der Baum aber wehrte sich nicht lÀnger und nun ging alles ganz schnell.

Der restliche Stamm fiel und wurde zerlegt. Die zersĂ€gten Baumscheiben in KaminholzgrĂ¶ĂŸe geschnitten, wurden gestapelt und werden im Winter ein schönes wĂ€rmendes Feuer geben. Es ist gutes hartes Holz. So wird der Baum mir ein letztes Mal Freude bereiten, wenn er mich wĂ€rmt. Im flackernden Schein der Flammen werde ich trĂ€umen und meinem Birnbaum nochmals danken.



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Verantwortlich ist man nicht nur fĂŒr das, was man tut, sondern auch fĂŒr das, was man nicht tut.
Laotse

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