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Leselupe.de > Erzählungen
Mein König
Eingestellt am 05. 05. 2002 00:38


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Freeda
Autorenanwärter
Registriert: May 2002

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Mein König

Ich wusste, wie man ein Motorrad fährt. Warum sollte ich mir also Gedanken machen? Man setzte sich drauf, startete den Motor, fuhr los. Vor einem die Straße, Wind im Gesicht, Gerüche hautnah.
Ich prüfte nochmals mein Gepäck, alles war sorgfältig verstaut und festgezurrt, zum zweiten Mal schaute ich nach dem Ölstand und holte die Landkarte hervor. Mit dem Finger fuhr ich darüber hinweg, befand mich in Gedanken auf der ersten Strecke des Weges, die mir noch vertraut war. Aber meine wirkliche Sorge galt nicht dem Motorrad und der langen Strecke, die vor mir lag, sondern dem Ziel.
Der Himmel war grau und versprach nichts Gutes, aber ich war warm gekleidet, und Regen hätte mir nichts ausgemacht. Aber es regnete nicht.
Es wäre nicht gut gewesen, noch einen Tag zu warten. Obwohl ich nicht genau wusste, was mich erwartete.
Ich wollte unbedingt allein fahren, alles andere hätte ich nicht ertragen. Das Gerede meiner Mutter, warum ich ihr das antue, die Fragen meines Freundes, worauf ich hinaus will, die Bitten meiner Schwester, keine schlafenden Hunde zu wecken.
So war auch keiner da, der mich verabschiedete. Gestern hatten wir noch zusammengesessen, hatten Wein getrunken und geredet. Warum musste ich in der Vergangenheit wühlen, wo sich doch alles so gut eingespielt hatte? Aber ich wollte es so, sonst hätte ich keine Ruhe gehabt. Ich hatte meine Mutter lange bearbeitet, hatte Fragen gestellt, geweint und gebettelt.
Ich wusste wenig von meinem Vater. Er war kein Thema bei uns, als hätte es ihn nie gegeben. Ich war vaterlos großgeworden, mal abgesehen von den kurzen Verbindungen meiner Mutter zu Männern, die mit uns nichts anfangen konnten. Wir waren Kinder, die so anders waren als ihre Mutter, die so fremd aussahen.
Als Kind habe ich oft darunter gelitten, nicht so zu sein wie die Anderen. Ich hatte nicht nur eine unvollständige Familie, was damals ungewöhnlich war, ich sah auch anders aus. Ich hatte mir Geschichten ausgedacht, damit ich eine Erklärung vor den Leuten hatte, warum mein Vater nicht bei uns lebte. Manchmal kam es vor, dass ich so tat, als sei ich Pippi Langstrumpf, mit einem Vater, der Negerkönig war. Und irgendwann würde er zurückkommen, würde mich mit seiner Liebe überschütten und mich mitnehmen in sein Reich.
Aber leider kam er nie, und meine Mutter schwärmte auch nie von ihm, so wie man das vielleicht von einem König getan hätte. Sie sprach so gut wie nie von ihm, und wenn, dann verächtlich. Er sei ein Tunichtgut, einer, der sein Leben nicht in den Griff bekommen hätte, ein Mann ohne Verantwortungsgefühl, der sich nach der Zeugung von zwei Kindern leise davongeschlichen hätte.
Mehr sagte sie nicht.
Vor einiger Zeit hatte ich im Schreibtisch meiner Mutter gestöbert, als ich ihre Blumen gießen sollte, während sie eine kurze Reise machte.
Und dort hatte ich einen Brief von ihm gefunden. Abgestempelt in Südfrankreich, vor sechs Jahren. Mit Tinte geschrieben, die Schrift schwungvoll und sympathisch. Wenige Zeilen nur, ein kurzer Gruß, eine Frage nach den Kindern und, was mich besonders traf, die Bitte, sie – uns – sehen zu dürfen. Ein Foto lag dabei von einem Mann mit schwarzem, krausem Haar, der mir nichts sagte, ich konnte mich nicht einmal selbst in diesem fremden Gesicht erkennen.
Warum hatte meine Mutter sich nicht darauf eingelassen? Warum hatten wir unseren Vater nie sehen dürfen?
In mir war der Entschluss gereift, ihn zu suchen. Ich hatte mir Urlaub genommen, fünf Wochen am Stück, weil ich nicht wusste, wie lange ich fort wäre. Ich hatte einen großzügigen Arbeitgeber.
Und alle waren entsetzt von meinem Vorhaben. Was wollte ich bezwecken? Dieser Mann würde nie ein Vater für mich sein, er würde ein Fremder bleiben.
Aber ich wollte meine Wurzeln finden, vielleicht hätte ich dann Ruhe. Wäre mein Vater wirklich ein Mann ohne Werte, mit dem ich nichts anzufangen wüsste, dann würde ich wieder nach Hause fahren und meinen Frieden mit mir machen.

Jetzt saß ich auf meinem Motorrad, ein letzter Blick zurück, Kupplung ziehen, Gang einlegen, und los, mit wenig Gepäck, einer Adresse und einem Foto in der Tasche.
Es war gut, dass ich unterwegs war. Eine lange, einsame Strecke, auf der ich mit kaum einem Menschen ein Wort wechselte. Ich übernachtete mehrmals in kleinen Hotels, die auf dem Weg lagen, an Tankstellen gönnte ich mir dann und wann einen Kaffee, wenn ich müde wurde. Und ich schrieb. Ich schrieb in ein kleines Büchlein mit hartem Einband, was ich meinem Vater alles sagen wollte, wenn ich ihn träfe. Bei jeder Rast, die ich machte, füllten sich wieder ein paar Seiten, mit jedem Kilometer, den ich fuhr, kamen mir neue Gedanken, die ich niederschrieb. Ich schrieb, damit ich meine Fragen nicht vergaß. Dieses Büchlein würde ich meinem Vater geben, wenn er es haben wollte und wenn ich ihm vielleicht nicht alles sagen könnte.
Es war später Abend, als ich nach Bordeaux kam. Ich mochte mir kein Hotel mehr suchen, aber es war warm; also stellte ich mein Motorrad auf einem Parkplatz ab, nahm meinen Schlafsack und legte mich in den Eingang einer Parfümerie. Es machte mir nichts aus, wie ein Aussteiger auf der Strasse zu schlafen, und offensichtlich schien es die wenigen Menschen, die vorüberkamen, auch nicht zu stören.
Ich holte das Foto hervor, hielt es lange in der Hand, um es zu betrachten. Nun war ich hier, und es überkam mich eine plötzliche Mutlosigkeit. Vielleicht hatte meine Mutter Recht, mein Vorhaben war sinnlos, und ich sollte wieder nach Hause fahren.
Morgens war ich gerädert, ich war es nicht gewohnt, auf Beton zu schlafen. Bei den ersten Sonnenstrahlen stand ich auf, rollte meinen Schlafsack zusammen und verstaute ihn auf meinem Motorrad. Ich suchte mir ein Café, das so früh schon geöffnet hatte; dort kaufte ich mir einen Milchkaffee und ein Croissant und fragte die Frau hinter dem Tresen nach der Adresse auf meinem Zettel.
Gar nicht weit von hier sei das, sagte sie, leicht zu finden, kein Problem. Ich bedankte mich, trank meinen Kaffee, aß mein Croissant, obwohl ich nicht wirklich hungrig war und machte mich dann auf den Weg.
Es war ein seltsames Gefühl, so kurz vorm Ziel zu sein. Aber ich wusste auch, dass ich mir nicht viele Hoffnungen machen sollte, sechs Jahre sind eine lange Zeit, in der viel passieren kann, vielleicht war mein Vater schon längst fort und über alle Berge. Was mich, nach den Schilderungen meiner Mutter, nicht verwundert hätte.
Das kleine Messingschild mit den Klingelknöpfen war abgewetzt von eifriger Benutzung, die Tür verschlossen, und auf den Namensschildern kein Name zu finden, der dem Namen auf meinem Zettel entsprach. Ich war deprimiert. Bis hierher erschien mir der Weg so einfach.
Mein eigenes Gesicht spiegelte sich in der blanken Scheibe der Tür und Enttäuschung machte sich in mir breit wie ein hässlicher Schmerz.
Ich wollte mich umwenden und zu meinem Motorrad zurückgehen, da öffnete sich die Tür, und ein alter Mann kam heraus, sehr fein, im Anzug, mit Hut, das Gesicht zerfurcht und wettergegerbt. Ich sprach ihn an, vielleicht konnte er mir helfen, immerhin ein kleiner Hoffnungsschimmer. Er sah mich misstrauisch an, vielleicht kam es nicht oft vor, dass er angesprochen wurde.
Das Foto von meinem Vater hielt er sich so dicht vor die Augen, als wäre er beinahe blind, obwohl er keine Brille trug. Gespannt wartete ich und versuchte, das Minenspiel in seinem Landkartengesicht zu interpretieren. Er griff sich mit einem gelben Zeigefinger an die Nase. Mademoiselle, sagte er, der Mann hat hier gewohnt, ja. Erstaunt blickte er auf, seine buschigen Augenbrauen verzogen sich nach oben. Monsieur Mervat, so hieß er doch, wenn ich mich nicht täusche. Oh ja, ein wirklich bedauernswerter Mann. Er blickte wieder auf das Foto, ungläubig fast.
Bedauernswert? Wo ist er, können Sie mir das sagen? Warum steht sein Name nicht an der Tür?
Der alte Mann schüttelte selbstvergessen den Kopf. So wunderbare Musik hat er gemacht. Auf seiner Violine. So wunderbar. Ich habe es immer gehört, wissen Sie, er wohnte zwei Etagen über mir, zum Innenhof, und er ließ manchmal die Fenster auf, während er spielte. Ja, ja, der Herrgott nimmt die Guten immer viel zu früh. Und sehen Sie mich an, ich werde älter und älter und habe nie zu etwas getaugt. Ich werde irgendwann einfach verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen.
Er hatte sich in Schwung geredet, als müsse er Verpasstes nachholen.
Doch ich konnte nicht glauben, was er mir da soeben gesagt hatte.
Sie meinen, er lebt nicht mehr? Ich unterbrach seinen Redefluss und berührte ihn an der Schulter.
Er schien ärgerlich über die Unterbrechung, ich hatte den Eindruck, sie hatte ihn aus dem Konzept gebracht. Lebt nicht mehr, wiederholte er, und seine trüben Augen schauten mich an.
Dann erinnerte er sich, nein, er ist tot, das sagte ich doch schon, oder? Er ist einfach umgefallen, beim Violinespielen, so hieß es, was für ein gnädiger Tod, wenn man bedenkt, wie die Leute heutzutage sterben, waren Sie schon mal in einem Altenheim, oder sehen sie sich die alte Madame Louise an, die Ärmste, sie wohnt unter mir und weiß gar nicht mehr, wer sie ist, sitzt nur in ihrer Wohnung und wackelt beständig mit dem Kopf; ich kann ja wenigstens noch unter die Leute gehen und meinen crème de cassis trinken oder ein gutes Gläschen Wein – kommen Sie mit mir auf ein Likörchen oder einen Kaffee, Mademoiselle? Sie schauen ja so unglücklich; es wird ihnen bestimmt sogleich besser gehen, ich kenne ein wunderbares kleines Café mit dem besten, allerfeinsten Kaffee.
Eigentlich wollte ich nicht, denn der faltige Mann im Anzug redete mir zuviel, und ich konnte keinen klaren Gedanken fassen. Aber ich ging doch mit und ließ mein Motorrad einfach stehen.
Es war warm, ich schwitzte bald, und erstaunlicherweise bewegte sich dieser alte Mann flink wie ein Wiesel. Ich war froh, in den Schatten zu kommen, als wir das Café betraten.
Ich fragte ihn nach Monsieur Mervat, ob er noch mehr über ihn erzählen könne und erfuhr, dass er nicht nur Violine spielen konnte, sondern dass er ein ausgesprochen guter Mensch war, hilfsbereit und niemals schlechtgelaunt (obwohl ich mich im Verlauf des Gesprächs mehrmals fragte, ob ich alles glauben konnte, was der Alte erzählte; er wiederholte sich oft, sprach immer wieder von sich selbst oder verfiel manchmal einfach in Schweigen – und nicht ein einziges Mal fragte er nach dem Grund, warum ich mich für seinen ehemaligen Nachbarn interessierte).
Als ich ging, wusste ich immerhin, dass dafür gesorgt worden war, dass mein Vater ein ordentliches Begräbnis bekommen hatte, und nun läge er auf dem Cimetière Protestant in der Rue Judaique, eine Schande, dass so selten Jemand käme, um das Grab zu pflegen, so dass jetzt das Unkraut wuchere, er sähe das immer, wenn er seine liebe Frau besuchen ginge, die ein paar Gräber weiter selig schliefe.
Tatsächlich war das Grab meines Vaters verwildert, Schöllkraut blühte und hier und da Löwenzahn, aber keine Blumen, wie auf den anderen Gräbern.
Ein halbes Jahr, nachdem sein Brief meine Mutter erreicht hatte, war mein Vater gestorben. Vielleicht hatte er seinen Tod geahnt, vielleicht wusste er, dass er sterben würde.
Dieser Gedanke tat weh. Nie würde ich ihn kennen lernen, diesen violinespielenden Mann mit dunklem Haar und fast schwarzer Hautfarbe – und ich wusste, er war kein schlechter Mensch. Er würde bis an mein Ende der König bleiben, der mich irgendwann holen käme.
Ich war müde. Ich hatte meinen Vater verloren, und obwohl ich ihn nie gekannt hatte, ging mir das nah. Was war aus seiner Violine geworden? Ich fragte nicht mehr.
Das Büchlein mit meinen Fragen legte ich ihm aufs Grab und beschwerte es mit einem Stein.
Dann drehte ich mich um und ging zu meinem Motorrad zurück.
Ein langer Weg lag vor mir.

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encie
Blümchendichter
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
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"Mein König" starb

mich umwarb die gefühlvoll erzählte Geschichte und machte mich traurig. Nicht, weil sie es war, sondern, weil mir klar wurde, wie gut sie eigentlich endete. Der König blieb auf seinem Thron, ohn' Macht zwar, aber sacht bedacht darauf, die Träume seines Kindes zu beflügeln.

Mein König dagegen starb, von ihm ist heute nichts mehr übrig. Er liegt in einem gläsernen Sarg und grinst mich an, weil ich noch immer seinen Namen trag und nicht gänzlich von ihm komme. Es tut mehr weh, finde ich, von einer Abart abzustammen, als von gefallenen Monarchen.
__________________
Wer sich selbst nicht genug ist,
wird sein Leben lang suchen,
was er nicht finden kann!

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