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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Menetekel (1. Fassung)
Eingestellt am 05. 11. 2001 21:34


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Markus Veith
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Menetekel

Die Haltestellenansagen kommen mir vor wie Glockenschl├Ąge. F├╝r die Stunden, die mir noch bleiben. Vor dem Gang zum Schaffott.
Diese Stunde l├Ąutet Ritterstra├če.
Mein Rucksack wiegt wie ein Beutel Wackersteine. Zu viele W├Ârter drin. Das letzte Durchlesen des Textes hat bis auf Verzweiflung wenig gebracht: Vers├Ąumte Korrekturen und Streichungen, i-M├Ąnnchen-Rechtschreibfehler. Vor fast vier Jahren geschrieben. Seitdem schubladenverstaubt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich noch genommen werden konnte. "Warum hast du noch nichts eingereicht? Du bist doch noch keine drei├čig. Diese Woche - allerletzter Aufschub. Sieh zu!!"
Diese Stunde klingt nach Westentor.
Was kann man mit einer 1 und drei Nullen alles anfangen? Sparen, klar. Ich kann davon auch ├╝ber einen Monat lang mein Leben leben. Mit allem drum und dran. Ohne Schei├č, das geht. Wenn der regelm├Ą├čige Gang zum Thrombozythenverkauf weiter eingehalten wird. - Drei Nullen. Ein warmer Regen f├╝r das leere Kontenbecken. Und doch nur ein Tropfen auf dem brenzligen Schuldenstein.
Meine letzte Stunde singt mir ein Klagenlied. "Kampstra├če."
Im letzten Jahr war die Stra├če an diesem Tag na├č vom Regen, und die Menschen wurden beschrieben mit reich bezahlten Worten, die sie nicht verstanden, weil ihren Ohren das Hirn im Weg war, angesichts hochgradig prominenter Literatur.
Drei-Zeilen-Satz. Zehn Substantive, zu viele Adjektive. Ich wei├č um meine Schw├Ąchen. Diesen Durchschnitt h├Ąlt die Gro├čzahl meiner alten Texte. Ein Text von vier nominierten, von denen aber nur einer gewinnt. Geschickt eingef├Ądelt: Drei von vier Autoren schenken Lesungen. Das ist billiges Programm. Das ist LesArt 2001. Nachwuchspreis ÔÇÜJunger Autoren', Altersgrenze 30. Hauptsponsor S-Punkt, rot. Lesung der Nachwuchs-Texte in der Volkshochschule. Sch├Ân abseits vom Geschehen des gro├čen Promi-Ringelreigen: Preisverleihung erst sp├Ąter am Abend in der Hauptfiliale, wo auch die wirklich wichtigen und gekonnten Lesungen stattfinden. Wo Heidenreich liest. ÔÇÜBrigitte'-Kolumnistin. Autorin wirklich wichtiger, bekannt-illustrer Literatur. ÔÇÜDarf's ein bi├čchen mehr sein? Else Stratmann wiegt ab.' - Aber auch ÔÇÜDer Welt im R├╝cken'; so viel Zeit mu├č f├╝r das Geld schon drin sein.
Ich versuche, mir nichts vorzumachen. Mir keine Worte zurecht zu legen f├╝r den Fall, dass ich diese sch├Âne Drei-Nullen-1 bekommen w├╝rde. Mit W├╝rde hat das hier nichts zu tun: Nachwuchs hat jung zu sein und ich bin bald drei├čig. Nachwuchs bedeutet ├Âffentlich, dass der Preistr├Ąger zur Schule gehen und zur Scheck├╝bergabe ein sch├╝chternes ÔÇÜDanke' hinbekommen soll, aber bitte nicht mehr. Das will die ├ľffentlichkeit sehen. Man darf ihr nur nicht das Gef├╝hl geben, f├╝r ein abgekartetes Spiel bezahlt zu haben. Welch Gl├╝ck, dass sich dieses Jahr ein Traumkandidat bietet, der inzwischen auch woanders Ehrung heimsen durfte. Und auch noch zu Recht. Das ist das Sch├Âne.
Der Preis steht von vornherein fest. Keine Experimente. M├Âglich, dass du mal m├Âglich warst, alter Schreiberling, aber mach dir doch nichts vor: Hier geht es nicht um Nachwuchsf├Ârderung, hier geht es um Promotion.
Ich wei├č, dass ich ein Sockenloch in meinen Schuhen breiter laufe. Ich wei├č um den Wert von Leben. Glaube h├Ąlt aufrecht. Manchmal ist er das Einzige, was noch aufrecht h├Ąlt. Der Glaube nach den kleinen, s├╝├čen Erfolgen zwischendurch. Glaube an eine Besserung der Gezeiten. Auf ein Ende der Ebbe. Auf da├č Eltern nicht ewig das Futter des K├╝nstlerkuckuckkindes bezahlen m├╝ssen. Dieser Glaube hat seltsame Folgeerscheinungen. Auf der Stra├če halte ich nach Pfennigen Ausschau. Alle paar Stunden ein positives Omen. Ich beginne wieder zu beten: ÔÇÜGott, selbst wenn Gerechtigkeit hier der Deal einer Hure sein sollte: La├č mich gewinnen und ich werde teilen. Nicht br├╝derlich - das kann keiner von mir verlangen - aber immerhin. Wenn du Gerechtigkeit geschehen lassen willst, gelobe ich zu teilen!!'
Das Schlimmste ist, wenn die Konkurrenz einem sympathisch ist. Wenn man bereit ist den Sieg ohne Grimm zu g├Ânnen. Nach den Pressephotos gehe ich mit ihnen vor die T├╝r. Zum Rauchen. Literatur-Small-talk. "Dein letzter Text in der DoPen. Hat mir gefallen." "Danke." Ich ├Ąu├čere verhalten meine Meinung zu der ganzen Farce. Bin ja ein alter Hase. Alte Hasen werden geschlachtet. Die Konkurrenz strotzt vor Unbeteiligung. Der Gewinn geht am Arsch vorbei. Ich bekunde Bewunderung. Horche dabei in mich. Merke voller Schreck, dass ich es ernst meine.
Die Lesung beginnt. Naturmineralwasser wird gereicht. Exquisit. ÔÇÜEnteisent'. F├╝hle mich trotzdem wie ein Stahltr├Ąger. Vor jedem Beitrag werden die K├╝ken-Autoren vorgestellt. In alphabetischer Reihenfolge. Um vor dem Publikum (, das nichts zu beurteilen hat,) keine voreilige Wertung ├╝ber den (l├Ąngst feststehenden) Preistr├Ąger zu riskieren. Das ich nicht lache.
Die Konkurrenz hebt sich nun deutlicher hervor: Jugendf├Ârderpreise. Anthologien. Wettbewerbsiege. Preise sind automatisch G├╝te. Ich leide stumm unter Nikotinschmacht und bekomme ein schlechtes Gewissen, da├č ich mir Notizen mache. ÔÇÜMein letzter Rest Ruhe beginnt zu flimmern.' ÔÇÜUnendliche Zeilenpausen. - Alte Frauen h├Ątten Zeit, eine Insel zu bev├Âlkern.' ÔÇÜBetonung, bis die Ohren kotzen. Es lebe die Akzentuierung!' bete ich mir Schlechtigkeiten vor. Miese Stimmung erleichtert vieles.
Dann bin ich endlich dran. Als letzter, was ja blo├č keine Wertung ist. Mit V-Namen ist man eben am Aufmerksamkeitsarsch.
Gut gemeinte Vorstellung. Ohne Preise, ohne Siege. Ein paar Leistungen, die nicht z├Ąhlen, keine nachweisbare G├╝te bescheinigen. Noch ein Schluck Anti-Stahl und anfangen. Bestes geben. Spontan Adjektive aussparen und Fehler ├╝berlesen. Ab und zu ins Publikum blicken. Ich kann mir nicht mehr helfen. Ich wittere Geringsch├Ątzung. Als sei hinter meinem R├╝cken eine Hand aus dem Nichts aufgetaucht und habe mit dem Finger an die Wand geschrieben. ÔÇÜGewogen und f├╝r zu leicht befunden.'
"Danke." Applaus. Nur kurz, da die Hintern wehtun.
Noch zwei Stunden bis zur Preisverleihung. Zeit genug, sich mit Bier die Wunden zu k├╝hlen.
Die ungeliebte Szene l├Ąstert. Literarische Enfants terribles, deren Talent man aber nunmal nicht absprechen kann. Querdenker. Besoffenheitsleser. Psychotherapie gibt Pluspunkte. Realit├Ąt mu├č aus Zeilen direkt ins Hirn pr├╝geln. - Ich werde respektiert.
Nat├╝rlich h├Ątte ich recht. Gl├╝ckw├╝nsche, dem S-Punkt eine Lesung geschenkt zu haben. (STICH!) Sei doch alles schon vorher klar. Wisse doch jeder. Der Bube gewinnt. Jede Wette. Aber wenn es jemand verdient habe, dann er. (STICH!) "Ja", murmle ich in mein Glas. "Er ist verdammt gut." Ich nicke, weil es stimmt. ├ärgere mich, dass ich ihn leiden kann, dass ich seine Geschichten nicht nur mag, sondern als begnadet einstufe.
Warum ich den Schei├č ├╝berhaupt mitmachen w├╝rde. (STICH!) Tausend Laschen! Ein Riesen-Weihrauchkraweel f├╝r ein Portokassenminus. Die Stadt h├Âre desinteressiert zu, sabbere aber nur auf die gro├čen Namen. Und die Welt nimmt gar nichts davon wahr.
(STICH! Ja doch, kommt, gebt mir mehr davon!)
Weil ich das Geld, mit dem ich nicht rechne, gebrauchen kann. Weil ich der unabh├Ąngigen K├╝nstlerstra├če nun unabh├Ąngig auf der Strecke liege. Weil zu Hause ein ÔÇÜWettbewerbe'-Ordner im Regal steht, der aus Absagen besteht und dicker ist als der Hefter ÔÇÜNeue Texte' daneben. Weil ich mich, verdammt nochmal, an meiner eigenen Naivit├Ąt verheize, ich aber keinen Daniel habe, der gute Beziehungen zu einem Oben hat. Diese Art von Prostitution ist mein Risiko. Risiko hat auch bei Toelkes ÔÇÜGro├čer Preis' viel eingebracht. Was ich hier mache, ist meine ÔÇÜAktion Sorgenkind'. Meine Batterien laufen leer. Die Z├╝ge fahren mir vor der Nase weg. Und jede Abfuhr ist Seelenverschlei├č. Entt├Ąuscht zu werden ist nicht weiter tragisch. Narben sp├╝ren keinen Schmerz. Schlimm ist, wenn sich Bef├╝rchtung best├Ątigt.
Ich verlasse die Runde. Ich kann nicht mehr. Ich begebe mich aufs Literaturschaffott.
Bube gewinnt. "Gratulation", w├╝nsche ich und versuche erfolgreich, es ernst zu meinen. Der DinA2-Scheck wird vor seinen Bauch gedr├╝ckt. Objektivl├Ącheln. Pl├Ątscherapplaus. Keine Teilung. Gott hat seine Chance verbraten. Es stinkt nach Weihrauch. Jetzt aber runter, Kleiner. Else Stratmann wiegt auf. Mit Der Welt im R├╝cken.
Zeit f├╝r mich, meinen Kopf unter den Arm zu klemmen und zu verschwinden.
Ich suche nicht nach Pfennigen auf dem B├╝rgersteig. Auch wenn mein Blick sich nicht von ihm erhebt. "Vier Dosen Kronen-Pils und eine gro├če Packung FairPlay-light, bitte." Kronen ist billiger als Veltins, Lights g├╝nstiger als Medium. 10 Mark 85 f├╝r eine kopflose Weltengl├╝ckprise. An der Tastatur bringe ich meine Welt wieder ein kleines St├╝ck in Ordnung. Wozu, wenn nicht daf├╝r, sollte das alles sonst gut gewesen sein?

05.11.01


Mir gef├Ąllt die Leselupe, deshalb unterst├╝tze ich sie... ... indem ich bereits regelm├Ą├čig die Leselupen-Shop-Links nutze.
... indem ich die Leselupen-Shop-Links in Zukunft nutzen werde.

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visco
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Lieber Markus,

      hat Spa├č gemacht zu lesen! Dein Protagonist wirkt glaubhaft, auf mich ├╝brigens sympathisch, da kritisch und eher Realist denn Idealist, ern├╝chtert zwar - durch den trockenen Stil sch├Ân unterstrichen - aber keineswegs entmutigt.

      Interessant ist der Text sicher auch vom Thema her, werden doch Erfahrungen/Erlebnisse beschrieben, die so manchen (Hobby-)Autoren hier ber├╝hren d├╝rften ;-)

      Nicht ganz sicher bin ich mir, auf was genau sich die im Titel angek├╝ndigten (geheimnisvollen) ernsten Warnungszeichen beziehen bzw. ob nur eine der im Text angebotenen Auswahlm├Âglichkeiten in Frage kommt oder ggf. mehrere.

      Mir pers├Ânlich gef├Ąllt der Text im Grunde so wie er ist (von ein paar Rechtschreibfehlerchen und einigen wenigen Formulierungen einmal abgesehen, aber beides f├Ąllt dir sicher bei der ├ťberarbeitung auf), und auch die - anfangs noch erwartete - ├╝berraschende Wendung habe ich dann doch nicht vermi├čt. Gespannt bin ich trotzdem, ob die durch den Hinweis '1. Fassung' bereits angek├╝ndigte 2. Fassung nur 'ausb├╝gelt' oder dar├╝ber hinaus geht.

Viele Gr├╝├če,
      Viktoria


__________________
Ich hatte eine L├Âsung gefunden, nur passte sie nicht zum Problem.

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Markus Veith
Routinierter Autor
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Vielen Dank f├╝r deine Kritik.

Hallo, Viktoria!
Ich dachte schon, der Text w├╝rde ohne Veurtreilung in der Versenkung verschwinden.
ÔÇÜMenetekel' war bitter n├Âtig. Zumindest f├╝r mich, denn so und kaum anders hat sich die geschichte abgespielt. Ich mu├čte mir einfach mal Luft machen. Inzwischen wei├č ich, dass der Text m├Âglicherweise etwas ungerecht ist, doch finde ich, dass das durchaus in Ordnung ist, weil es mir auf den Tag und auf das Gef├╝hl dieser Farce ankommt. Das hat Bestand und werde ich auch so lassen. Es kann keine ├╝brraschende Wenung geben, weil kaum eine m├Âglich war. Ich hatte noch die Idee, ihn trotz aller Zweifel doch gewinnen, ihn dann aber trotz aller guten Vors├Ątze den Gewinn zu teilen, unverrichteter Dinge abziehen zu lassen. Doch das w├Ąre nicht souver├Ąn und nicht die Wahrheit gewesen.
Mit dem Titel war ich mir erst sehr sicher, bin aber nun im Zweifel, ob er wirklich gut gew├Ąhlt ist. Im Grunde mag ich es sehr, Bez├╝ge herzustellen, ob zun zu religi├Âsen, literarischen oder mythologischen Themen. Das Bild der geisterhaften Hand, die Belsazar das Ende seines K├Ânigreiches verk├╝ndet, fand ich eigentlich recht passend. Jemand, der mehr Einflu├č hat (und den man nicht pers├Ânlich kennt), urteilt und richtet ├╝ber diejenigen, die sich ÔÇÜverhalten'. Wenn man so m├Âchte, die Situation s├Ąmtlicher Literaturwettbewerbe, die eine Jury haben. Und in meinem Falle doch schon ein existenzielles Thema, denn ich versuche von meiner Schreiberei auch zu leben. Das funktioniert aber nicht, wenn Wettbewerbe eine ÔÇÜabgekartete Farce' werden und man sich nur zum Narren macht, wenn man st├Ąndig antritt aber meist verliert. Einerseits ist das Bild so stimmig, andererseits ist der Bezug zu der Geschichte aus dem Buch Daniel nicht ganz richtig. Ich hoffe, das ist zu entschuldigen.
Ich f├╝rchte, eine zweite Fassung wird tats├Ąchlich nur ÔÇÜausgeb├╝gelt' sein. Ich habe ÔÇÜMenetekel' gleich, nachdem es fertig war, in die Lupe gesetzt, hatte also bef├╝rchtet, dass es da noch so einige Fehlerchen gibt. Daher der Zusatz ÔÇÜ1. Fassung' als eine Art Entschuldigung. Aber wenn du magst und Interesse hast, im Archiv liegen unter meinem Namen noch einige alte Texte, die auch gerne gelesen werden wollen.
Mit literarischen Gr├╝├čen
Markus Veith

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