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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Menschen
Eingestellt am 28. 07. 2004 18:18


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Fellmuthow
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Menschen
Fellmuthow im Herbst 2000

Auf dem Weg aus der ÔÇ×Dresdner AltstadtÔÇť hin├╝ber zur anderen, ruhigeren Elbseite, verweile ich am Standbild des tanzenden Hofnarren Fr├Âhlich, der 1725, aus der Steiermark stammend, an den Dresdner Hof gekommen war. Seinem Gesicht hat der K├╝nstler etwas Spitzb├╝biges gegeben; doch die Augen, so scheint es mir, blicken starr und kalt in die Ferne...
Spielkarten und M├╝nzen in seinen H├Ąnden symbolisieren den Taschenspieler, der das Gl├╝ck herausfordert, mal gewinnt, mal verliert. Fr├Âhlich hat gewonnen, aber er musste auch vieles erdulden. Ich betrachte die Figur n├Ąher...
Der Kammerherrenschl├╝ssel soll wohl von der Vertrautheit zum K├Ânig k├╝nden. Und das pressende Wildschwein? Es steht wahrscheinlich f├╝r die Wildsau, die Fr├Âhlich w├Ąhrend einer Hubertusjagd mutig gestochen hatte und die ihm den Spitznamen ÔÇ×Graf SaumagenÔÇť eintrug. Aber warum entleert es sich hinter seinem R├╝cken? Da ist der Affe mit dem W├╝rfelspiel - ein altes Symbol. F├╝r die Zahlen finde ich keine Erkl├Ąrung. F├╝nf, zwei und eins addieren sich zu acht Augen. Kein Pasch, ├╝berhaupt kein toller Wurf. Das Narrenzepter liegt am Boden. Es k├Ânnte ihm entglitten sein, als er seine Frau, nach einer unbedachten Maulschelle, h├Ąnderingend um Vergebung bat. So stellt es eine alte Radierung dar. Oder hat er es gar weggeworfen, verachtet sein Narrentum? Die Eule darauf? Sie steht f├╝r Wahrheit - war sein Wappenzeichen. Narrentum und Klugheit geh├Âren zusammen. Und klug war er, der Narr des K├Ânigs. Da ist noch der Schleier, der ihn umweht, auch die Sau bedeckt. Ein Hinweis auf die Verg├Ąnglichkeit allen Lebens. F├╝nfzehn Meter lang soll er gewesen sein, als Fr├Âhlich mit ihm, im Gedenken an den verstorbenen preu├čischen Hofnarren Grundig, durch die Dresdner Altstadt zog. Bleibt noch die winzige Maus auf dem runden K├Ąse. Sie erinnert an seinen Kompagnon und M├Ąusefreund Schmiedel. K├Ąndler hat die Beiden in Porzellan verewigt. Zwei Mohrr├╝ben liegen da. Warum? Kein Hase ist zu sehen...Leider hat der K├╝nstler auf wichtige Symbole verzichtet. Schade! Sie geh├Âren doch auch zu der Figur des Narren, die Zeichen willk├╝rlicher Strafen seines Herrn. Der nagelbespickte Balken auf dem er reiten musste. Oder ein B├╝schel Barthaare, die ihm einzeln ausgerissen wurden, auch die Eier, mit denen ihn die H├Âflinge zum Spa├č bewarfen. Man m├╝sste den K├╝nstler fragen. Nein, er wird uns die Interpretation ├╝berlassen. Was war eigentlich dieser Narr, damals? Nur ein Unterhalter der gelangweilten Potentaten? Ihr Spielzeug? Er war mehr! Auch Berater. Manchmal sogar vorsichtiger, aber immerhin - Kritiker des allm├Ąchtigen K├Ânigs. Ein mutiger und kluger Mann jedenfalls, und willensstark.
Da erwacht ganz nahebei ein Akkordeon - st├Ârt mich in meinen Sinnen, lenkt mich ab. Eine Melodie erklingt. Erst leise, schwillt an, macht mich neugierig. Woher? Zwei drei Schritte zur Seite und ich sehe ihn, den B├Ąrtigen. Am zugig-kalten, graffitibeschmierten Tunneleingang sitz er auf seinem Koffer, eingeh├╝llt in seinen verschlissenen Mantel. Mit behandschuhten, aber, da fingerfrei, bestimmt klammen H├Ąnden entlockt er dem Instrument eine unbekannte Melodie; die aufsteigt, in der Luft wirbelt, sich an den W├Ąnden st├Â├čt, sich schlie├člich in der Tiefe des Tunnels verliert. Warum spielt er hier, an diesem nasskalten unfreundlichen Novembertag? Diese Frage schreckt mich auf aus meiner Beschaulichkeit, zwingt mich nachzudenken, genauer hinzusehen. Sie wird mich schon bald vor die Entscheidung stellen, entweder etwas von meinem Geld - eine M├╝nze vielleicht - in seine vor ihm im Stra├čenstaub wartende M├╝tze zu werfen, oder mich so wie andere zu verhalten, die den anonymen Musiker, von seiner Anwesenheit unangenehm ber├╝hrt - ihn blinden Auges ignorierend - das erbetene Almosen verweigern. Warum, noch ist diese Frage unbeantwortet, mag er hier spielen, in der Ungem├╝tlichkeit des Tunneleinganges? Was kann Menschen dazu bringen, sich st├Ąndig der kalten Gleichg├╝ltigkeit herzloser Ignoranten auszusetzen? Vielleicht ein Obdachloser, dem Alkohol noch nicht erlegen? Oder einer, dem von der Wohlstandsgesellschaft nur noch die Sozialhilfe blieb? Ein Zugereister, der sich in dem einst erstrebten, nun, da er hier ist, fremden mitleidslosen Land damit durchschlagen muss? Ich habe Achtung vor ihnen allen, denn es geh├Ârt Mut dazu, Willenst├Ąrke, nicht aufzugeben. So sind sie sich in gewisser Weise ├Ąhnlich, die Beiden: Der Narr des K├Ânigs und der Anonyme Musiker als Narr derer, denen es besser geht. Ein rasches Aufblicken, ein paar unverst├Ąndlich gemurmelte Worte sind Reaktionen auf das Klimpern des Geldst├╝ckes, als ich es zu den wenigen anderen in die M├╝tze fallen lasse. Mich dr├Ąngt es zu erfahren, weshalb er hier sitzt und spielt. Was ist das f├╝r ein Mensch? Und ich m├Âchte sehen, wie sich die anderen verhalten - was ├╝brig blieb von der Solidarit├Ąt vergangener Jahre. Wie gro├č die Hilfsbereitschaft noch ist, f├╝r die an den Rand der Gesellschaft gedr├Ąngten. Auch ohne ├ľffentlichkeit und Steuern sparende Spendenquittung. Ich werde ihn fragen m├╝ssen, wenn ich es wirklich wissen will - frage ihn ob er deutsch spricht. Er erschrickt, unterbricht sein Spiel, erhebt sich, blickt mich misstrauisch an. ÔÇ×UkraineÔÇť, ist alles was er sagt. Also ein Zugereister! Leider spreche ich kein Russisch und er spricht kein Deutsch, so bleibt alles andere unverstanden.
Seitw├Ąrts von ihm stehe ich, warte, beobachte... Als erster kommt ein junger Mann, mit flatternden schwarzen Langbeinhosen, bis zu den H├╝ften reichenden gr├╝nen Strickpullover, bunt behelmt, Knie und Ellenbogen gepanzert, auf schnellen Rollen die Schr├Ąge herunter getobt. Den Blick verengt - blind f├╝r rechts und links - ist er allein an der f├╝r ihn wichtigen freien Fahrspur interessiert. Von dem ist nichts zu erwarten, der nimmt den Musiker nicht einmal wahr. Vorbei!
Abs├Ątze klackern. Zwei Frauen n├Ąhern sich dem Musiker. Die Reifere k├Ânnte Gesch├Ąftsfrau sein, Frisur und Kleidung durch ihre soziale Stellung bestimmt. Mit dem bunten Schal, der sich keck aus dem modisch wollenen Mantel herausgewagt hat, spielt der Wind. Ihr Gesicht zieht meinen Blick an. Gepflegt! Die Augen stark betont, von goldgefassten Brillengl├Ąsern unterst├╝tzt. Nicht ├╝bel aufbereitet das Ganze, doch wirkt sie durch die sich markant nach unten ziehenden Mundwinkel arrogant, kalt und abweisend. Ob die etwas gibt? Kaum. Die ist bestimmt keines Gef├╝hls f├╝r den Musiker f├Ąhig. Die J├╝ngere, ihre Tochter vielleicht, tr├Ągt ganz andere Attribute. Haare rot gef├Ąrbt, mit bunten Str├Ąhnchen. D├╝nne Z├Âpfe zu beiden Seiten des schmalen Gesichts, die Stirn vom Pony verdeckt, Ohren und Nase golddurchbohrt. Den blauen Anorak l├Ąssig offen, seine ├ärmell├Ąnge so bemessen, dass Handschuhe ├╝berfl├╝ssig sind. Jeanshosen, Plateauschuhe, das Handy am Ohr, kommt sie t├Ąnzelnd daher. Nein! Auch die wird bestimmt nichts f├╝r den Musiker ├╝brig haben, denke ich mir und wende meine Aufmerksamkeit einer ├Ąlteren Dame zu, die schwer auf ihren Stock gest├╝tzt, langsamen Schrittes aus der Tiefe des Tunnels auftaucht.
Ich habe mich geirrt - gr├╝ndlich! Die junge Frau geht zu dem B├Ąrtigen, beugt sich ein wenig zu ihm hinunter und legt mit freundlichen ÔÇ×bitteÔÇť einen Schein in die M├╝tze, in der sich erst wenige M├╝nzen langweilen. Die ├ältere verh├Ąlt unwillig ihren Schritt, zerrt die Mundwinkel noch weiter nach unten, ist ganz Verachtung - ihr Gesicht nur noch h├Âhnische Fratze. Diesmal deutet der Musiker eine Verbeugung an, nicht unterw├╝rfig, eher respektvoll, unterbricht sein Spiel, nimmt den Schein aus der M├╝tze, stellt die unerwartete Gabe sicher. Falsch eingesch├Ątzt! Ich bitte die junge Frau in Gedanken um Verzeihung. Was mag sie zu der Gabe veranlasst haben? Mitleid, schlechtes Gewissen, oder das Gef├╝hl, selbst Verantwortung daf├╝r zu tragen, dass heute in dem Land, in dem Reichtum allgegenw├Ąrtig ist, Menschen in bitterer Armut leben m├╝ssen. Ich k├Ânnte sie fragen, doch das lasse ich bleiben, will mir das positive Bild von ihr bewahren. Wenn es sie noch gibt, diese Menschen mit Herz, auch unter den J├╝ngeren, dann gibt es auch Hoffnung, sage ich mir und bin der jungen Frau f├╝r diese Erfahrung dankbar.
Ich wende mich wieder der ├Ąlteren Dame zu. Sie verweilt vor dem B├Ąrtigen, st├╝tzt sich auf ihren Stock, lauscht seiner Musik, nickt, wippe im Rhythmus der Melodie ein wenig mit dem rechten Fu├č - geht weiter, ohne die Zahl der M├╝nzen in der M├╝tze zu mehren. Von ihr h├Ątte ich schon erwartet, dass sie ein kleines Opfer bringt. Die weniger Beg├╝terten sind es doch, die noch Mitleid kennen, weil sie selbst darauf angewiesen sind. Ich betrachte sie genauer. Der lange, abgetragene Mantel die Strickkappe, die hohen Schn├╝rschuhe mit den schiefen Abs├Ątzen, all das l├Ąsst vermuten, dass sie selbst nicht viel besitzt - dann sei ihr verziehen.
L├Ąrm hallt aus der Tunneltiefe. Eine Gruppe junger Leute n├Ąhert sich wie selbstverst├Ąndlich die ganze Breite des Weges f├╝r sich beanspruchend. Jungs, durchweg aus rundsohligen, schwei├čtreibenden hellen Sportschuhen aufragend, die Haare kurz geschoren, schubsend, laut diskutierend. M├Ądchen, stelzend, hin und wieder aufkreischend. Ein unbeschwerter Haufen. Viel Geld haben die bestimmt nicht, brauchen es selbst f├╝r Zigaretten und die Disko. Auch von denen ist nichts zu erwarten. Werden sie ihn wenigstens akzeptieren, ungeschoren lassen, wenn er denen links au├čen im Wege ist? Die breite Front n├Ąher sich dem Hindernis, wird auf der linken Seite komprimiert, h├Ąngt dort zur├╝ck, dr├Ąngelt fluchend und schubsend vorbei, entspannt sich danach wieder, zieht unbek├╝mmert schwadronierend weiter. Ich glaube die haben den Musiker nur als unbequemes Hindernis wahrgenommen, keinen Gedanken an ihn verschwendet. Immerhin, sie haben ihn ungeschoren gelassen. Kann man von ihnen mehr erwarten?
So stehe ich lange Zeit, beobachte die Gehetzten, die von der Zeit getrieben an dem Musiker vor├╝ber hasten. Nur selten wirft einer von ihnen eine M├╝nze in die wartende M├╝tze. Viel kommt dabei nicht zusammen. Vielleicht reicht das Wenige um zu ├╝berleben. Dass es ihm hier besser geht als in seiner Heimat bezweifle ich. Es ist doch tragisch in die Fremde zu entfliehen und dann da irgendwo stehen und betteln zu m├╝ssen.


__________________
HW

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Rainer
???
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Hallo Fellmuthow,

deine Skizze gef├Ąllt mir sehr gut; du verstehst es, deine Beobachtungen (von mir aus auch fiktionale) in Lesefreude erzeugender und vor allem nachvollziehbarer Schriftsprache an den Konsumenten zu bringen.

Auf Grund deines Lebensalters habe ich zwar etwas Bauchschmerzen Dir Empfehlungen bzw. Hinweise geben zu wollen, aber ich traue mich trotzdem mal:
mehr fabulieren, mehr fabulieren, mehr mehr mehr .
Klar hat es vielleicht nur Joyce geschaffft einen Tag auf tausend Seiten zu beschreiben - aber bei Deiner Schreibe k├Ânnte ich mir gut zehn oder mehr Seiten f├╝r diese Begegnung vorstellen .

Viele Gr├╝├če

Rainer
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ist meine, und damit nur EINE Meinung

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Montgelas
???
Registriert: May 2004

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lieber fellmuthow,

die geschichte hat mich sehr ber├╝hrt,
aber warum schlie├čt du den kreis
nicht wieder mit dem hofnarren ?

fragt

montgelas

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Fellmuthow
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Jul 2004

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ziemlich sp├Ąt geantwortet

Hallo Rainer, danke f├╝r die Wertsch├Ątzung. Auf jeden Fall macht mir deine Einsch├Ątzung meines Textes Mut weiteres zu ver├Âffentlichen.
Rainer, mehr habe ich nicht geschrieben um die Schilderung nicht langweilig werden zu lassen. Ach so, anfangs w├Ąr sie schon um 1/3 l├Ąnger, doch bei den ├ťberarbeitungen streiche ich meist gut 1/3 wieder weg.

Wenn dich die Geschichte ber├╝hrt hat Monteglas, dann ist genau das erreicht, was ich damit wollte. So oft sieht man - heute - in Dresden diese Stra├čenmusiker. Auch das sind Menschen und f├╝r die wollte ich Sympathie erwecken. Der Hofnarr war gewisserma├čen der Aufh├Ąnger. Na klar, ich h├Ątte zu ihm zur├╝ckkehren k├Ânnen, doch damit w├Ąre der Schlusssatz untergegangen, meist du nicht auch?



__________________
HW

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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Korrekturvorschl├Ąge:

zu erst einmal m├Âchte ich betonen, dass mir diese geschichte sehr gut gef├Ąllt. ich finde es recht beeindruckend, wie du diese szenerie beschrieben hast.

Menschen

Auf dem Weg aus der ÔÇ×Dresdner AltstadtÔÇť hin├╝ber zur anderen, ruhigeren Elbseite, verweile ich am Standbild des tanzenden Hofnarren Fr├Âhlich, der 1725, aus der Steiermark stammend, an den Dresdner Hof gekommen war. Seinem Gesicht hat der K├╝nstler etwas Spitzb├╝biges (Spitzb├╝bisches) gegeben; doch die Augen, so scheint es mir, blicken starr und kalt in die Ferne...
Spielkarten und M├╝nzen in seinen H├Ąnden symbolisieren den Taschenspieler, der das Gl├╝ck herausfordert, mal gewinnt, mal verliert. Fr├Âhlich hat gewonnen, aber er musste auch vieles erdulden. Ich betrachte die Figur n├Ąher...
Der Kammerherrenschl├╝ssel soll wohl von der Vertrautheit zum K├Ânig k├╝nden. Und das pressende Wildschwein? Es steht wahrscheinlich f├╝r die Wildsau, die Fr├Âhlich w├Ąhrend einer Hubertusjagd mutig gestochen hatte und die ihm den Spitznamen ÔÇ×Graf SaumagenÔÇť eintrug. Aber warum entleert es sich hinter seinem R├╝cken? (Absatz) Da ist der Affe mit dem W├╝rfelspiel - ein altes Symbol. F├╝r die Zahlen finde ich keine Erkl├Ąrung. F├╝nf, zwei und eins addieren sich zu acht Augen. Kein Pasch, ├╝berhaupt kein toller Wurf. Das Narrenzepter liegt am Boden. Es k├Ânnte ihm entglitten sein, als er seine Frau, nach einer unbedachten Maulschelle, h├Ąnderingend um Vergebung bat. So stellt es eine alte Radierung dar. (Absatz) Oder hat er es gar weggeworfen, verachtet sein Narrentum? Die Eule darauf? Sie steht f├╝r Wahrheit - war sein Wappenzeichen. Narrentum und Klugheit geh├Âren zusammen. Und klug war er, der Narr des K├Ânigs. (Absatz) Da ist noch der Schleier, der ihn umweht, auch die Sau bedeckt. Ein Hinweis auf die Verg├Ąnglichkeit allen Lebens. F├╝nfzehn Meter lang soll er gewesen sein, als Fr├Âhlich mit ihm, im Gedenken an den verstorbenen preu├čischen Hofnarren Grundig, durch die Dresdner Altstadt zog. (Absatz) Bleibt noch die winzige Maus auf dem runden K├Ąse. Sie erinnert an seinen Kompagnon und M├Ąusefreund Schmiedel. K├Ąndler hat die Beiden (beiden) in Porzellan verewigt. Zwei Mohrr├╝ben liegen da. Warum? Kein Hase ist zu sehen...Leider hat der K├╝nstler auf wichtige Symbole verzichtet. Schade! Sie geh├Âren doch auch zu der Figur des Narren, die Zeichen willk├╝rlicher Strafen seines Herrn. Der nagelbespickte Balken(Komma) auf dem er reiten musste. (Absatz) Oder ein B├╝schel Barthaare, die ihm einzeln ausgerissen wurden, auch die Eier, mit denen ihn die H├Âflinge zum Spa├č bewarfen. Man m├╝sste den K├╝nstler fragen. Nein, er wird uns die Interpretation ├╝berlassen. Was war eigentlich dieser Narr, damals? Nur ein Unterhalter der gelangweilten Potentaten? Ihr Spielzeug? Er war mehr! Auch Berater. Manchmal sogar vorsichtiger, aber immerhin - Kritiker des allm├Ąchtigen K├Ânigs. Ein mutiger und kluger Mann jedenfalls, und willensstark.
Da erwacht ganz nahebei ein Akkordeon - st├Ârt mich in meinen Sinnen, lenkt mich ab. Eine Melodie erklingt. Erst leise, schwillt an, macht mich neugierig. Woher? Zwei drei Schritte zur Seite und ich sehe ihn, den B├Ąrtigen. Am zugig-kalten, graffitibeschmierten Tunneleingang sitz er auf seinem Koffer, eingeh├╝llt in seinen verschlissenen Mantel. Mit behandschuhten, aber, da fingerfrei, bestimmt klammen H├Ąnden entlockt er dem Instrument eine unbekannte Melodie; die aufsteigt, in der Luft wirbelt, sich an den W├Ąnden st├Â├čt, sich schlie├člich in der Tiefe des Tunnels verliert. (Absatz) Warum spielt er hier, an diesem nasskalten unfreundlichen Novembertag? Diese Frage schreckt mich auf aus meiner Beschaulichkeit, zwingt mich nachzudenken, genauer hinzusehen. Sie wird mich schon bald vor die Entscheidung stellen, entweder etwas von meinem Geld - eine M├╝nze vielleicht - in seine vor ihm im Stra├čenstaub wartende M├╝tze zu werfen, oder mich so wie andere zu verhalten, die den anonymen Musiker, von seiner Anwesenheit unangenehm ber├╝hrt - ihn blinden Auges ignorierend - das erbetene Almosen verweigern. (Absatz) Warum, noch ist diese Frage unbeantwortet, mag er hier spielen, in der Ungem├╝tlichkeit des Tunneleinganges? Was kann Menschen dazu bringen, sich st├Ąndig der kalten Gleichg├╝ltigkeit herzloser Ignoranten auszusetzen? Vielleicht ein Obdachloser, dem Alkohol noch nicht erlegen? Oder einer, dem von der Wohlstandsgesellschaft nur noch die Sozialhilfe blieb? Ein Zugereister, der sich in dem einst erstrebten, nun, da er hier ist, fremden mitleidslosen Land damit durchschlagen muss? (Absatz) Ich habe Achtung vor ihnen allen, denn es geh├Ârt Mut dazu, Willenst├Ąrke, nicht aufzugeben. So sind sie sich in gewisser Weise ├Ąhnlich, die Beiden : Der Narr des K├Ânigs und der Anonyme (anonyme) Musiker als Narr derer, denen es besser geht. Ein rasches Aufblicken, ein paar unverst├Ąndlich gemurmelte Worte sind Reaktionen auf das Klimpern des Geldst├╝ckes, als ich es zu den wenigen anderen in die M├╝tze fallen lasse. (Absatz) Mich dr├Ąngt es zu erfahren, weshalb er hier sitzt und spielt. Was ist das f├╝r ein Mensch? Und ich m├Âchte sehen, wie sich die anderen verhalten - was ├╝brig blieb von der Solidarit├Ąt vergangener Jahre. Wie gro├č die Hilfsbereitschaft noch ist, f├╝r die an den Rand der Gesellschaft gedr├Ąngten. Auch ohne ├ľffentlichkeit und Steuern sparende Spendenquittung. Ich werde ihn fragen m├╝ssen, wenn ich es wirklich wissen will - frage ihn(Komma) ob er deutsch spricht. Er erschrickt, unterbricht sein Spiel, erhebt sich, blickt mich misstrauisch an. ÔÇ×UkraineÔÇť, ist alles(Komma) was er sagt. Also ein Zugereister! Leider spreche ich kein Russisch und er spricht kein Deutsch, so bleibt alles andere unverstanden.
Seitw├Ąrts von ihm stehe ich, warte, beobachte... Als erster kommt ein junger Mann, mit flatternden schwarzen Langbeinhosen, bis zu den H├╝ften reichenden (reichendem) gr├╝nen Strickpullover, bunt behelmt, Knie und Ellenbogen gepanzert, auf schnellen Rollen die Schr├Ąge herunter getobt. Den Blick verengt - blind f├╝r rechts und links - ist er allein an der f├╝r ihn wichtigen freien Fahrspur interessiert. Von dem ist nichts zu erwarten, der nimmt den Musiker nicht einmal wahr. Vorbei!
Abs├Ątze klackern. Zwei Frauen n├Ąhern sich dem Musiker. Die Reifere k├Ânnte Gesch├Ąftsfrau sein, Frisur und Kleidung durch ihre soziale Stellung bestimmt. Mit dem bunten Schal, der sich keck aus dem modisch wollenen Mantel herausgewagt hat, spielt der Wind. Ihr Gesicht zieht meinen Blick an. Gepflegt! Die Augen stark betont, von goldgefassten Brillengl├Ąsern unterst├╝tzt. Nicht ├╝bel aufbereitet das Ganze, doch wirkt sie durch die sich markant nach unten ziehenden Mundwinkel arrogant, kalt und abweisend. Ob die etwas gibt? Kaum. Die ist bestimmt keines Gef├╝hls f├╝r den Musiker f├Ąhig. Die J├╝ngere, ihre Tochter vielleicht, tr├Ągt ganz andere Attribute. Haare rot gef├Ąrbt, mit bunten Str├Ąhnchen. D├╝nne Z├Âpfe zu beiden Seiten des schmalen Gesichts, die Stirn vom Pony verdeckt, Ohren und Nase golddurchbohrt. Den blauen Anorak l├Ąssig offen, seine ├ärmell├Ąnge so bemessen, dass Handschuhe ├╝berfl├╝ssig sind. Jeanshosen, Plateauschuhe, das Handy am Ohr, kommt sie t├Ąnzelnd daher. Nein! Auch die wird bestimmt nichts f├╝r den Musiker ├╝brig haben, denke ich mir und wende meine Aufmerksamkeit einer ├Ąlteren Dame zu, die schwer auf ihren Stock gest├╝tzt, langsamen Schrittes aus der Tiefe des Tunnels auftaucht.
Ich habe mich geirrt - gr├╝ndlich! Die junge Frau geht zu dem B├Ąrtigen, beugt sich ein wenig zu ihm hinunter und legt mit freundlichen (freundlichem) ÔÇ×bitteÔÇť einen Schein in die M├╝tze, in der sich erst wenige M├╝nzen langweilen. Die ├ältere verh├Ąlt unwillig ihren Schritt, zerrt die Mundwinkel noch weiter nach unten, ist ganz Verachtung - ihr Gesicht nur noch h├Âhnische Fratze. Diesmal deutet der Musiker eine Verbeugung an, nicht unterw├╝rfig, eher respektvoll, unterbricht sein Spiel, nimmt den Schein aus der M├╝tze, stellt die unerwartete Gabe sicher. Falsch eingesch├Ątzt! Ich bitte die junge Frau in Gedanken um Verzeihung. Was mag sie zu der Gabe veranlasst haben? Mitleid, schlechtes Gewissen, oder das Gef├╝hl, selbst Verantwortung daf├╝r zu tragen, dass heute in dem Land, in dem Reichtum allgegenw├Ąrtig ist, Menschen in bitterer Armut leben m├╝ssen. Ich k├Ânnte sie fragen, doch das lasse ich bleiben, will mir das positive Bild von ihr bewahren. Wenn es sie noch gibt, diese Menschen mit Herz, auch unter den J├╝ngeren, dann gibt es auch Hoffnung, sage ich mir und bin der jungen Frau f├╝r diese Erfahrung dankbar.
Ich wende mich wieder der ├Ąlteren Dame zu. Sie verweilt vor dem B├Ąrtigen, st├╝tzt sich auf ihren Stock, lauscht seiner Musik, nickt, wippe (wippt) im Rhythmus der Melodie ein wenig mit dem rechten Fu├č - geht weiter, ohne die Zahl der M├╝nzen in der M├╝tze zu mehren. Von ihr h├Ątte ich schon erwartet, dass sie ein kleines Opfer bringt. Die weniger Beg├╝terten sind es doch, die noch Mitleid kennen, weil sie selbst darauf angewiesen sind. Ich betrachte sie genauer. Der lange, abgetragene Mantel(Komma) die Strickkappe, die hohen Schn├╝rschuhe mit den schiefen Abs├Ątzen, all das l├Ąsst vermuten, dass sie selbst nicht viel besitzt - dann sei ihr verziehen.
L├Ąrm hallt aus der Tunneltiefe. Eine Gruppe junger Leute n├Ąhert sich(Komma) wie selbstverst├Ąndlich die ganze Breite des Weges f├╝r sich beanspruchend. Jungs, durchweg aus rundsohligen, schwei├čtreibenden hellen Sportschuhen aufragend, die Haare kurz geschoren, schubsend, laut diskutierend. M├Ądchen, stelzend, hin und wieder aufkreischend. Ein unbeschwerter Haufen. Viel Geld haben die bestimmt nicht, brauchen es selbst f├╝r Zigaretten und die Disko. Auch von denen ist nichts zu erwarten. Werden sie ihn wenigstens akzeptieren, ungeschoren lassen, wenn er denen links au├čen im Wege ist? Die breite Front n├Ąher sich dem Hindernis, wird auf der linken Seite komprimiert, h├Ąngt dort zur├╝ck, dr├Ąngelt fluchend und schubsend vorbei, entspannt sich danach wieder, zieht unbek├╝mmert schwadronierend weiter. Ich glaube(Komma) die haben den Musiker nur als unbequemes Hindernis wahrgenommen, keinen Gedanken an ihn verschwendet. Immerhin, sie haben ihn ungeschoren gelassen. Kann man von ihnen mehr erwarten?
So stehe ich lange Zeit, beobachte die Gehetzten, die von der Zeit getrieben an dem Musiker vor├╝ber hasten. Nur selten wirft einer von ihnen eine M├╝nze in die wartende M├╝tze. Viel kommt dabei nicht zusammen. Vielleicht reicht das Wenige(Komma) um zu ├╝berleben. Dass es ihm hier besser geht als in seiner Heimat(Komma) bezweifle ich. Es ist doch tragisch(Komma) in die Fremde zu entfliehen und dann da irgendwo stehen und betteln zu m├╝ssen, wie ein armer Narr.




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Old Icke

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Fellmuthow
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ein Bild fehlt leider

Hallo flammarion,

leider kann ich das Bild, welches eigentlich an den Anfang der Geschichte geh├Ârt, nicht einstellen. Es gibt n├Ąmlich in Dresden an der Elbe eine kleine Skulptur, die den Hoffnarren zeigt.

lg Fellmuthow
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HW

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