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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Mick I: Der letzte Poet
Eingestellt am 19. 12. 2003 22:36


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Echoloch
???
Registriert: Nov 2003

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Er findet seinen Weg ├╝ber das br├╝chige Pflaster dieser verdammten Stra├če, so wie er immer seinen ureigenen Weg beschreitet. Und er unterdr├╝ckt die Wut, die gef├Ąhrlich durch seinen K├Ârper kriecht, ihn zu beherrschen droht, diesen Mann, der nur geben, aber niemals nehmen kann.
Die traurige Frau sieht ihm nach, und aus ewiger Entfernung h├Ârt sie das bittere Knirschen seiner Z├Ąhne, sp├╝rt den zitternden Kampf seiner Muskeln.
Er will nur alleine sein, umgeben von sicherer Einsamkeit in diesen Stunden des Verrats, denn keiner au├čer ihm darf seine Qualen erleiden. Doch pl├Âtzlich ist dort dieser Fremde, und er sucht die unmittelbare Konfrontation mit dem Mann, der nie jemandem weh tun wollte. Der andere beginnt, sich ├╝ber die Sinnlosigkeit des Lebens zu erbrechen, ihm, dem K├╝nstler, dem Musiker, dem Poeten etwas ├╝ber Werte und Wirklichkeiten vermitteln zu wollen. Er erinnert sich schwankend und sabbernd, sie am Boden einer Flasche schwimmen gesehen zu haben und kann doch nicht Erf├╝llung und Abschaum der Droge unterscheiden. Der emotions├╝berladene Poet kennt sie beide, und niemand darf sich an ihnen vergreifen – es ist die banalste aller Geschmacklosigkeiten, das Leben eines anderen verdammen oder rechtfertigen zu wollen.
Der Fremde will k├Ąmpfen, und f├╝r einen Moment tr├Ągt der Poet den Gedanken, ihm das verkr├╝ppelte Herz aus dem primitiven K├Ârper zu rei├čen, ihn zu zerfleischen, verbluten zu lassen in seiner Substanzlosigkeit. Doch dann schmettert er ihn nur mit der Macht seiner Worte nieder und setzt seinen Weg ├╝ber das geborstene Pflaster fort.
Das Bild eines Menschen kreischt in seinem Kopf, des einen Menschen, f├╝r dessen Leben er sein eigenes geben w├╝rde. Doch die kleine K├Ânigin ist fort, gestorben, tot f├╝r alle Zeiten, die vollkommene Frucht seiner Liebe, seine Tochter, wurde ihm entrissen – er darf nie wieder vertrauen. Also folgt er nur noch seiner eigenen Idee, die mit jedem Tag aussichtsloser und entschlossener wird, und bem├╝ht sich, anderen Menschen die Schmerzen zu ersparen, mit denen er selbst kaum leben kann. Er ertr├Ągt sie, denn er hat den Willen, Menschlichkeit zu vervollkommnen, und er besitzt den Mut, nicht von der Flut des Wahnsinns ertr├Ąnkt zu werden. Und tats├Ąchlich, er ist sogar gl├╝cklich, wahrhaft zufrieden manchmal, denn er unterwirft sich keinen Zw├Ąngen mehr, versklavt sich keiner scheinbaren Zweckm├Ą├čigkeit.

Als ihn der dreckige Stra├čenbelag dieser Nacht die rettenden Stufen zu seiner Wohnung hinauff├╝hrt, l├Âst sich langsam die Spannung in dem w├╝tenden Poeten. Er ist froh, der eigenen Gewalt entkommen zu sein. Noch einmal ist es ihm gelungen, offensiv zu fliehen, anstatt ├╝berw├Ąltigt zu zerst├Âren. Er verschlie├čt T├╝r und Fenster, l├Ąsst die Rolll├Ąden herunter, die ihn f├╝r eine Weile von der Au├čenwelt befreien. Dann legt er sich auf sein Bett, bem├╝ht sich, ruhig zu atmen, bis er f├╝hlt, wie beruhigender Sauerstoff ihn durchdringt, seine Glieder entspannt, vorsichtig seine F├Ąuste l├Âst. Der Mann mit der liebenden Seele und der t├Âdlichen Erinnerung passt gut auf sich auf, davon ist er fest ├╝berzeugt. Doch sich zu lieben kann nur bedeuten, die Drogen sorgsam auszugleichen. V├Âllig ohne ihren Schutz k├Ânnte er nicht sein.
Er glaubt, die traurige Frau k├Ânne ihn nicht lieben, weil sie sich selbst nicht immer liebt. Und erkennt nicht, dass ihr Respekt vor ihrer eigenen kleinen Natur sie zu mehr Liebe bef├Ąhigt, als er zu ertragen imstande w├Ąre. Kurz zittert er, als sich das Bild ihrer tiefen Augen in seine Erinnerung dr├Ąngt, dieser Augen, von denen er meint, sie h├Ątten ihn betrogen. Noch einmal sp├╝rt er die W├Ąrme, die ihr K├Ârper ausstr├Âmte, als sie gemeinsam auf der h├Âlzernen Bank sa├čen und ├╝ber die schlichte Einz├Ąunung der Veranda in die k├╝hle Nacht blickten.
Und er traut sich nicht, sie zu lieben. Er liebt sie mehr, als sie jemals ahnen k├Ânnte, wissen d├╝rfte.

Sanft verschwimmen die Bilder in seinem Kopf. Z├Ąrtliche M├╝digkeit breitet sich ├╝ber ihm aus, nimmt ihn fest in ihre Arme, bis er ihr nicht mehr widerstehen kann. Sie entf├╝hrt ihn f├╝r einige Stunden in eine friedliche schmerzfreie Welt und erlaubt keinen Blick darauf, in welche Stimmung sie ihn danach entlassen wird.
Und noch am n├Ąchsten Tag sind seine Augen undurchdringbar, seine sch├Ânen Z├╝ge verschlossen. Verschlossen, bis die vorhersehbare Unvorhersehbarkeit des Lebens den Poeten eines Nachts wieder einholen wird, um ihn erneut auf ihre grausame Probe zu stellen.
__________________
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black sparrow
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Hallo echoloch,

es ist vielen Autoren gegen├╝ber ungerecht, wenn ich behaupte, das ist das Beste, was ich je in der Lupe gelesen habe, und so sage ich, dass es einer der besten Beitr├Ąge ist.
Nichts hier hat mich je mehr ber├╝hrt, nicht nur vom Inhalt her, sondern auch im Stil und Ausdruck.
Man sagt, es g├Ąbe nichts Gef├Ąhrlicheres als Adjektive, aber
du wei├čt damit umzugehen, und ich hoffe, dass du das
Interesse an der Lupe nicht so bald verlierst!
Ich hol schon mal den Lorbeer aus dem Gew├╝rzschrank!

black sparrow

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Echoloch
???
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Hallo black sparrow - und - ├Ąh - DANKE!!! Wenn die Poeten-Texte positiv ber├╝hren (und die Adjektive, derer ich mir bewu├čt bin, nicht alles erschlagen), macht mich das besonders gl├╝cklich, eben weil sie sehr pers├Ânlich und somit immer eine Gratwanderung sind. Du hast recht, dass der "Tod des Poeten" noch pers├Ânlicher ist als der "letzte Poet", zumindest in dem Sinne, dass ich bei dem Tod wenig abstrahieren wollte/ konnte. Dass es jemanden gibt, dem die Texte SO gut gefallen, haut mich echt um.
Also vielen Dank - und nein, ich denke nicht, dass ich das Interesse an der Lupe allzu schnell verlieren werde ;O)

Liebe Festtagsw├╝nsche (darf ich das hier sagen?) von Echoloch
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black sparrow
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Hi echoloch,

klar darfst du das sagen (ein Autor darf alles sagen).
Ich w├╝nsch dir auch ein friedliches Weihnachtsfest!

black sparrow

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Minouche
Guest
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huch !

Hallo !

Wow, und ich wollte gerade ins Bett s├Ąuseln....

Und das eben passiert mir hier st├Ąndig. Immer wieder kommt jemand daher, von dem ich lese.

Im Moment verschwimmen mir die Bilder im Kopf und die deinen waren ziemlich stark. Und ich sehne nach Z├Ąrtlichkeit - dein Text, ist stark.

Mehr !

Danke.

Liebe Gr├╝├če
Minouche

P.S. : Ich danke f├╝r die Entf├╝hrung ! In eine bessere Welt ? Teil 2 hebe ich mir auf. F├╝r morgen. Ich w├╝nsche dir den Frieden der Nacht.

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Echoloch
???
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Liebe Minouche, vielen Dank f├╝r Deine lieben Worte! Ich bin, wie ich schon weiter oben andeutete, total ├╝berrumpelt davon, dass dieser Text so positiv auff├Ąllt, das h├Ątte ich nie erwartet. Dass er Dir offensichtlich etwas schenken konnte, ist wirklich nicht mein Verdienst, sondern der des Poeten. Es freut mich aber besonders.
Ganz liebe Gr├╝├če von Maja
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