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Leselupe.de > Erzählungen
Mina - Barfuß mit Nacht im Haar
Eingestellt am 14. 08. 2007 13:38


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Christopher Müller
Autorenanwärter
Registriert: Mar 2004

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Mina - Barfuß mit Nacht im Haar

»Als Künstler hat man es besonders schwer!«
- Baby Hübner

von
Christopher Müller

Wir wollen Euch von Mina berichten, die in den Wälder lebt mit Mama, Papa und Herrn Mäuserich, dem Kater. Mina spricht nie, deshalb reden wir für sie. Sie hat das Sprechen an den Nagel gehängt vor Jahren. Da hängt das Sprechen gut.
Hing. Jemand hat es entwendet, wie ihren geliebten Bruder. Sie lebt schon lange nicht mehr in der Stadt. Nun ist ihr Zuhause tief im Wald, ein verfallenes Haus, tief im Mischwald verborgen.
Wer wir sind ist unser Geheimnis. Auch wenn es immer weniger verborgene Dinge und Geheimnisse gibt, sind sie doch etwas schönes und heiliges, was es zu bewahren gilt. Wir haben unsere Augen und Ohren überall, auch wenn man uns nie sieht.
Nur die wenigsten Menschen sind dazu in der Lage, da die meisten viel zu abgestumpft und verdummt sind, durch lärmige Medien und angebliches Wissen, das sie für gegeben nehmen, ohne es je zu hinterfragen. Mina war da schon immer anders gewesen. Sie hat ihre Augen nicht verkümmern lassen und ihre Ohren könnten einen Hund neidisch machen.
Als Kind sehen die meisten Menschen nachts vorm Einschlafen in der Schränken und unter dem Bett, verborgen in den Schatten, unheimliche Wesen. Aber fast jeder lässt sich einreden, es sein nur Hirngespenste. So ist es kein Wunder, dass man die Schemen irgendwann übersieht. Mina hat nie Angst gehabt vor dem Dunkel. Sie schlief nie mit halbgeöffneter Tür, furchtsam und bange.
In den Wäldern schleicht sie mutig umher. Man könnte sie für einen weiteren Kobold halten. Barfuß stapfen ihre nackten Füße über das feuchte Moos. Nacht in ihren Haaren und des Mondes Silberglanz in ihren großen Augen, die fast nie Zwinkern.
Ihr Blick weicht keinen Augen aus und selbst Erwachsene wagen es nur selten ihm zu trotzen. Im grünen Mondlicht leuchtet ihr Nachthemd unwirklich. Die Tiere haben keine Furcht vor dem kleinen Mädchen und kreuzen ihren Weg. Ihr gegenüber sind Wölfe und Luchse zahm wie Kuscheltiere und selbst ein Fuchs saß auf ihrem Schoß und ließ sich streicheln und kraulen.
Ihr Griff ist fest und kräftig vom stundenlangen Klavierspielen. Was Musik angeht ist sie manisch und besessen. Wenn ihre kleinen Finger auf die Tasten hämmern, bebt der Boden und die Klänge des Klaviers schallen bis tief in den Wald.
Mina ist noch sehr jung, Anfang der Pubertät. Zierlich. Klein. Ein erster Ansatz von Brust ist zu sehen. Sie trägt Stiefel mit Stahlkappen (abgewetzt). Zwiebelartige Kleider aus tausend Schichten (Mischmasch aus Samt, Seide, Spitze, Baumwolle ... manchmal kuckt Spitze aus dem Ärmel …) verhüllen ihren Mädchenleib. Mina trägt Kontaktlinsen, ansonsten dicke Brillengläser. Ihre Finger können ein Klavier bändigen wie ein geübter Reiter ein Wildpferd. Ihr Mund ist klein mit schmalen Lippen. Rote Haare stehen von ihrem Kopf ab mit einem geraden Pony.
Manchmal trägt sie einen Zopf. Ihr linker Mittelfinger ist als einziger lakiert. Am rechten Unterarm sind Narben zu sehen und eine Brandwunde in Form eines Halbmonds ziert die linke Handfläche. Die Arme sind dünn und definiert, ein bisserl knochig. Sie trägt schwarz-weiß gestreifte Strümpfe bis weit über die Knie, meist sind sie unsichtbar und schleppt eine kleine Taschenuhr in einer der tausend und dreizehn Taschen mit sich herum. Um ihren Hals baumelt eine Schnur, an der ein Notizbuch mit Bleistift befestigt ist.
So teilt sie sich mit, ohne ihre Stimme zu vermissen. Flink kritzelt sie dann Buchstaben auf das Karopapier und drückt dem Gegenüber einen Zettel in die Hand.
Was wir berichten wollen, geschah vor einiger Zeit. Wie Einsiedler lebte Minas Familie in dem kleinen zweistöckigen Haus aus Holz, gedeckt mit Schindeln. Zwei Ärker stachen aus dem Dach hervor wie die Augen eines Tieres, daneben befand sich ein Schornstein, der rauchte wie Minas kettenrauchender Vater. Vor dem Efeu bewachsenen Haus parkte sein grüner Volvo.
Mina saß am Klavier und haute manisch auf die Tasten. Die schwarzen und weißen Tasten bildeten einen starken Kontrast, auf die Minas kräftige kleine Finger hämmerten, als wollte sie das Klavier und kurz und klein schlagen.
Mina war zutiefst friedliebend und herzlich, nur beim Klavierspielen neigte sie zu Aggressionsanfällen. Sie konnte dadurch all ihre Wut und den angestauten Ärger herauslassen, der sich tief in ihr angesammelt hatte.
Meist bezog sich dieser Ärger auf ihre Eltern, die sie ignorierten und wie Luft behandelten. Der Mäuserich lag auf dem Klavier und döste, ließ sich von dem lauten Klavierspielen nicht stören … er war es gewöhnt.
Der Kater träumte von einem großen Freizeitpark nur für Katzen mit einem weltberühmten Mäusekabarett. Er sah sich grazil bewegende und tanzende Mäuse in eleganten Dessous, die nur für die Katzen tanzten und sangen.
Nach der Vorführung durften die Besucher die Mäuse verspeisen. Mina hörte den Mäuserich leise schnurren und freute sich darüber, dass er augenscheinlich gut schlief. Sie wusste ganz genau, dass auch Katzen träumten.
Die disharmonischen Mollklänge ihres Spiels veränderten sich und eine leise Melodie wurde von ihren Fingern aus dem Nichts gezaubert. Zwar waren noch immer melancholische Tendenzen zu hören, aber ohne sie kam Mina halt nicht aus.
Sie hatte ein trauriges Wesen und hatte aufgehört, ihre Tränen zu zählen, die dem Regen Konkurenz machen wollten. Trotzdem war sie in der Lage, schöne Dinge im Leben zu erkennen und vor allem wertzuschätzen.
Oft waren es die traurigen Menschen, für die das Glück am deutlichsten spürbar war. Nur wer großes Leid kannte, konnte auch das Glück erleben.
Manchmal tat uns die kleine Mina richtig leid, die so bitterlich ihrem verlorenem Bruder nachtrauerte, der auf so mysteriöse Art verschwunden war. Ihre Eltern hatten dieses Verlust längst überwunden, wenn sie es überhaupt als Verlust betrachteten.
Minas Mutter war eine verblassende Schönheit. In ihren verquollenden Augen schwand das Glitzern und Leuchten, das sie einst so attraktiv und begehrenswert gemacht hatte. Sie wurde schweigsam wie ihre Tochter und verlor sich in grottenschlechten, kitschigen Liebesromanen.
Wie so viele Menschen verträumte sie ihr Leben, statt den Traum zu leben.
Das letztere war zwar ein schwerer und mühsamer Pfad, dafür war er jedoch um einiges lohnenswerter. Das Leben ist eine kurze und einmalige Angelegenheit. Es bleibt wenig Zeit, um die Träume in Realität zu verwandeln. Verpasste Momente sind selten nachzuholen.
Die meisten Menschen trösteten sich mit dem Gedanken an ein Leben nach dem Tode, aber das war ein Irrglaube, der nicht aus den Köpfen der Menschen zu tilgen war. Die Seele würde verlöschen wie eine Kerze und der Körper verrotten und zu Staub zerfallen. Dies können wir mit Gewissheit sagen. Denn Unsereins ist nicht seit jahrtausenden von religiösen Spinnern und Blendern an der Nase herum geführt worden.
Es war ein schlichtes Klavier, auf dem Mina spielte, kein Flügel. Sie hatte etwas gegen Flügel, die waren in ihren Augen zu affektiert. Ebensowenig mochte sie Keyboards, die für sie nichts weiter waren als kastrierte Klaviere. Auf dem Klavier stand eine brenende Kerze und eine Obstschale.
Mina verlor sich in ihrer Musik und vergas die Zeit. Als sie aufhörte zu spielten und es sich nicht nehmen ließ den Deckel des Klaviers laut zuknallen zu lassen, fragte sie sich, wieviel Zeit wohl vergangen war. Eine ganze Weile musste sie gespielt haben, denn die Kerze war fast herunter gebrannt. Mäuserich lag noch immer an seinem Platz und die Brust hob und senkte sich, wie Mina auffiel.
Draußen lugte der Halbmond zum Fenster herein, der wie ein käsiges Gesicht aussah und Mina scheinbar frech angrinste. Sie verzog ihr Gesicht und streckte dem ollen Mond die Zunge heraus, der nun betreten wegschaute, die Augen hinter Wolken verbarg.
Mina spürt, wie sich Müdigkeit ihrer bemächtigt. Ungemerkt hatte der Sandmann sich anscheinend angeschlichen und ihr eine große Portion Sand in die Augen gestreut. Mehrmals gähnte sie und versuchte dem Schlaf zu trotzen … vergeblich.
Ihre Hände schlossen sich um ihr verwaschenes T-Shirt und zogen es langsam hoch. Ihr Bauchnabel wurde sichtbar und ihr kleiner Bauch, der ein wenig rundlich war, aber nicht mollig. Trotzdem konnte man jede einzelne Rippe sehen.
Mina schaute aus dem Fenster, um sicher zu gehen, dass der alte Mond nicht glotzte. Aber auch der Mond war müde geworden und hatte die großen Augen geschlossen. Nur Mäuserich war erwacht, bereit die Nacht zu ergreifen und auf die Jagd zu gehen. Grinsend bewarf sie den frechen Kater mit einer Socke.
Der Kater stellte die Haare auf, was ihn doppelt so groß erscheinen ließ und schoss davon wie eine Kanonenkugel, wobei er einen derart lustigen Ton von sich gab, dass sich Mina den Bauch vor Lachen halten musste.
Mina war glücklich in diesem Moment. Ein seltenes Gefühl. Manchmal spürte sie es, wenn sie durch eine hohe Wiese voller Pusteblumen stiefelte oder Schneeflocken auf ihrer Zunge zerschmolzen.
Mina legte sich nackt auf das Klavier. Sie wirkte unschuldig und ausgeglichen dabei. Es war ihr Lieblingsplatz im Haus. Die Sterne sahen aus, als hätte sie ein Kindergartenkind an den Himmel gepinselt. Sie funkelten und strahlten auf Mina hernieder, die soeben von Morpheus in seine tröstenden Arme genommen worden war.
In ihrem Traum schlenderte Mina einen mondbeschienen Pfad entlang. Es war ein Katzenpfad, den Menschen fast nie betreten konnten. Überall waren die Abdrücke von Katzenpfoten zu sehen. Tausend und dreizehn Augen leuchteten im Dickicht außerhalb des Pfades … alles war voller getarnter Katzen, die Mina neugierig und wachsam beobachteten.
So einen Besucher hatten sie noch nicht erlebt. Aber ihre Friedfertigkeit und Natürlichkeit beruhigten die Katzen und keiner kam auf den Gedanken, Mina den Weg zu versperren.
Mina folgte dem Katzenpfad auf des Nachtmondes Fährte. Sie wusste, dass ihr Brüderchen noch lebte und in ihren Träumen traf sie ihn manchmal. Meist sah sie ihn aber nur aus der Ferne und rufen konnte sie ihn nicht. Trotzdem war sie sicher, dass er es war. Dann fiel der Kleinen etwas auf. Verborgen im hohen Gras, bewacht von rasiermesserscharfen Grashalmen lag eine alte Truhe. Aber Minas Finger waren sehr geschickt und sie konnte den Kasten leicht aus dem Gras heben, ohne sich auch nur ein einziges Mal zu schneiden.
Nun verblasste der Traum und wurde unscheinbar. Wie Nebel über einem alten Weiher löste sich der Traum auf und war bald vergessen. Nur Fragmente konnte Mina in ihrem Kopf zusammenpuzzlen, die keinen richtigen Sinn ergaben.
Mina wunderte sich nicht schlecht, als ihr der Kasten vor ihren Füßen auffiel. Jeder Mensch glaubte zu wissen, dass man Dinge aus Träumen nicht in die wirkliche Welt herüberretten konnte. Aber warum solte man diesen Menschen glauben schenken? War es nicht bekannt, dass die menschliche Dummheit so unendlich war wie das All?
Mina zog die richtigen Schlüsse und versteckte die Kiste in ihrem Zimmer. Die kleine Truhe war mit einem rostigen Schloss versehen, das sich nicht öffnen ließ … der Schlüssel fehlte.
Sicher, sie brannte darauf herauszufinden, was sich in der Truhe befand, aber dennoch freute sie sich über diesen kostbaren Schatz. Was war kostbarer als ein ungelüftetes Geheimnis?
Es zu lüften, käme einer Entzauberung gleich. So konnte sie ihrer Fantasie grenzenlosen Raum lassen und immer neue, faszinierende Dinge erfinden, die im Inneren auf sie warteten. Und wer wusste schon, ob sie nicht vielleicht auch noch den Schlüssel in ihren Träumen aufstöbern könnte. Sie hatte etwas sehr seltenes an sich gebracht. Wer konnte schon von sich behaupten, einen Traumgegenstand zu besitzen?
Selbst wir hatten nur wenige solcher Artefakte und unsereins streifte im Traum durch Gebiete, die nie ein Mensch betreten hatte und womöglich niemals zu Gesicht bekommen würde.
Mina dankte Morpheus für diesen Traum. Meist träumte sie nämlich den selben Traum, immer und immer wieder. Sie wusste, dass er bald eintreten würde.
Sie sah sich in diesem Traum sterben, einsam und als junges Mädchen. Ohne jemals die Freuden der Liebe erlebt zu haben und ohne ein Kind in die Welt gesetzt zu haben, was die einzige Form der Unsterblichkeit war.
Vielleicht war der einzige Zweck allen Lebens die Fotpflanzung. So dachte Mina manchmal.
Wenn sie sich sterben sah, musste sie weinen. Und nur die Tatsache, dass sie über ihrem verrottenden Körper die schönsten Blumen blühen sah, tröstete sie ein wenig.
Mina glaubte an wenig. Mur das Schicksal war für sie unumstößlich. Es würde immer wieder einen Tag und eine Nacht geben und jeder Mensch starb, was darüber hinaus ging, war Mutmaßung.
Sie wusste nichts von Miranda oder AleX, die womöglich weiterleben würden, wenn der letzte Mensch dem Strahlentod zum Opfer gefallen war.
Mina hatte sich eine kuschlige Decke umgehängt und tapste barfuß durch das stille Haus. Der Boden fühlte sich kalt an. Ihre Lippen bildeten einen Schmollmund. Mit wachen Augen und scharfen Blick bewegte sie sich durch die Räume. Ihre Hand schließt sich um den Türgriff und langsam öffnet sie die Tür des Arbeitszimmers, in dem sie ihren Vater vermutet. Mina kann sich nicht erinnern, jemals an eine Tür geklopft zu haben. Mina lukt neugierig in das Zimmer hinein. Ihr Vater saß mit dem Rücken zu ihr vor seinem XT-Rechner und starrte gebannt auf den Grünmonitor, der das Zimmer in gespentisches Licht tauchte. Neben der Tastatur befand sich ein Aschenbecher, indem eine glühende Zigarette lag.
Mina konnte nicht erkennen, was auf dem Monitor abgebildet war, wir können jedoch verraten, dass es sich um pornografische Darstellungen handelte, deren Inhalt uns nicht über die Lippen gelangen will.
Seine Hand befand sich zwischen den Beinen. Schweißperlen standen ihm auf der roten Stirn. Klick … klick … klick … hämmerte er auf die Tastatur. Klack … klick … klack …
Mina verzog ihr Gesicht zu einem fragenden Ausdruck. Im Gegensatz zu den meisten Menschen, die zu Mimik nicht in der Lage waren, konnte Mina jedes Gefühl auf diese Weise zum Ausdruck bringen, ganz ohne etwas zu sagen.
In ihren Augen, plapperten die Menschen eh zu viel herum. Katzen kamen auch ohne Smalltalk aus. Stille hatte für viele Leute etwas bedrohliches, das man unbedingt unterbinden musste.
Es gab Menschen, die keinen Gedanken fassen konnten, ohne ihn sogleich in Worte zu fassen. Besser gesagt, in Worthülsen. Sie kamen mit zwei Dutzend Begriffen aus und hatten keine Ahnung, welche Poesie und Magie durch Worte entstehen konnte … wenn man diese Kunst beherrschte.
Minas Äuglein waren so weit aufgerissen, dass es wehtat. Umrandet wurden die Augen von Klimperwimpern.
Ihr Bleistift kratzte über das Papier. Blitzartig hatte sie einen Satz formuliert.
»Was machst du, Papi?«
Seine grimmige Antwort kam im Handumdrehen … nicht dass er seine Hand umgedreht hätte, sie ruhte weiterhin im Bereich der aufgeknöpften Hose.
»Ich arbeite! Haub auf der Stelle ab oder ich mach dir Beine, du kleiner Störenfried. Wie oft habe ich schon gesagt, dass du anklopfen sollst. Bist du jetzt auch noch taub geworden?«
Mina tapste davon und ließ ihren Vater allein.
Später. Wrrrrrummmm … wrrrrummmmm … wrrrrrrrummmm … machte der riesige Heizlüfter, in dessen Wärmekegel Mina auf einer alten Matratze lag, aus der rostige Spiralen hervorstachen, wie Triebe aus einer alten Kartoffel. Mina trug einen verwaschenen Frotee-Schlafanzug mit niedlichen Motiven darauf. Ihr Kopf ruhte auf einem aufgschlagenen Buch. Es war ein Band mit uralten russischen Märchen. Die Versionen der Märchen war ursprünglich und daher oft sehr grausam und unheimlich, nicht zurecht gestrickt für Kinder.
In einiger Entfernung, aber nah genug um über Minas Schlaf zu wachen, saß der Mäuserich und schnurrte behaglich. Er war damit beschäftigt, seine heutige Beute zu verdauen, die sehr umfangreich gewesen war. Man konnte ohne zu übertreiben von einem fünf Sterne Menue sprechen, das dem Katzengaumen schmeichelte wie Minnesänger der holden Maid.
Wobei der Vergleich hinkte wie ein Beinloser. Der Maid wäre das Gewinsel und Geplärre des triebgeblendeten Lüstlings wohl eher auf die Nerven gegangen und hätte sie zu einer spontanen Fäkaleimerentleerung am offenen Fenster bewogen. Damals konnte man wenigstens mit solch einer Tat den aufdringlichen Lustmolch vertreiben. In heutigen Zeiten bestand ja immer häufiger die Möglichkeit, dass der Kerl auf solch widerwärtige Demütigungen stand und einen weiteren Eimer erbettelte, wie der stadtbekannte Martello, der Mina damals in einer dunklen Ecke aufgelauert hatte, gehüllt in einen speckigen Lackmantel und einem Anstecker auf dem »Damentoilette« stand, wollte der Hornbrillenträger mit Süßigkeiten Gefälligkeiten erbitten, die Mina die Fußnägel hochklappen ließen. Er wollte die Unterseite ihrer Stiefel mit seiner Zunge ablecken und andere eklige Dinge. Mina konnte ihm verball nicht die Meinung sagen und als sie ihm einen zornigen Brief, den sie flink hingekritzelt hatte, in die Hand drückte, stellte sich heraus, dass der Mann mit Bierwampe nicht in der Lage war zu lesen. Ihr heftiges Kopfschütteln, gepaart mit Zungerausstrecken und Faustballen erzielte nicht den gewünschten Zweck. Der Mann zog eine sonderbare Süßigkeit nach der anderen aus den Taschen des Lackmantels. Ein Senflutscher, Mettbonbons und Fischpastillen kamen ans Tageslicht. Mina platzte nun die nicht vorhandene Hutschnur. Sie hob ihren Stiefel an, sodass der fremde kriechen musste, um mit der Zug an die Sohle zu kommen. Blitzschnell hatte Mina zugetreten. Sie erschreckte vor sich selbst, als sie merkte, dass auch sie zu Gewalthandlungen fähig war.
Ehe der Mann wieder klar denken konnte, war Mina hinter einer Straßenlaterne in Deckung gegangen. Aus den Augen lassen wollte sie den Mann nicht. Ihre Neugier war zu groß. Sie wollte herausfinden, womit der merkwürdige Kauz sein Geld verdiente und was er sonst so trieb.
Irgendwie hatte sie ja auch Mitleid mit dem Typ. Sie konnte sich ausmalen, wie kompliziert das Leben sein musste, wenn man so einen merkwürdigen Fetisch hatte. Spott und Hohn waren da an der Tagesordnung.
Trotzdem war sie wütend auf den Mann. Schließlich verging man sich nicht an Kindern und es war ja völlig aufdringlich gewesen, wie er sich benommen hatte. Ihr Hass auf Erwachsene steigerte sich.
Abends schrieb sie ein Klavierstück, das von dem Kauz handelte. Es war ungefähr genauso unerträglich wie der Fetischist.
Mina war zwar noch jung, aber auch ihr versetzten manche Dinge ein Kribbeln, wie das Gefühl Klaviertasten zu berühren oder den warmen Strahl eines Wärmers auf der nackten Haut zu spüren, wie in diesem Moment, als sie auf der alten Matratze lag und sich so fühlte, als hätte sie nie den schützenden Mutterleib veerlassen, wohl ihre größte Fehlentscheidung überhaupt.
Wie ein Schatten klebte die kleine Mina an dem ahnungslosen Mann, der kreuz und quer durch die Stadt lief. Er schien einen ausgeprägten Orientierungssinn zu haben, der er kam mindestens dreimal an der selbel Straßenkreuzzung wobei, jedes Mal fluchend wie ein Wahnsinniger.
Irgendwann kam er am Stadttheater an. Mina war sehr erstaunt, dass der Kerl Laienschauspieler und gern genommener Statist in Opern und Theaterstücken war.
Sie hatte wieder ein neues Geheimnis ergattert. All diese Geheimnisse trug sie in ein spezielles Notizbuch ein, das stets gut versteckt war. Es war voll von solch obskuren Wahrheiten.
Unter anderem enthielt es Angaben, die bewiesen, dass der Bürgermeister der Stadt, eine Augsburger Marionette des Puppenspielers Karl Oz, regelmäßig die Dienste einer Domina in Anspruch nahm und weiterhin stellte Mina bloß, dass das vollbusige Wäschmodel, auf das ihre männlichen Klassenkameraden so heiß waren, in Wirklichkeit ein Mann war.
Außerdem enthüllte sie, dass ihr Schulleiter ein häufiger Gast der hiesigen Psychatrie war. Er hielt sich in seinen Psychosen für einen römischen Feldherr und lief nur noch in ein Bettlaken gehüllt durch die Straßen und kommandierte die Passanten herum, als seien sie sein Fußvolk.
All dieses Geheimwissen war bei ihr in guten Händen. Schließlich war sie nicht in der Lage, die Geheimnisse auszuplaudern, versehentlich oder absichtlich.
Ihr Wissensdurst kannte keine Grenzen. Und Grenzen hätten ihn auch nicht aufhalten können.
Als nächstes stattete Mina ihrer Mutter einen Besuch ab. Sie lag mit traurigem Gesichtsausdruck auf dem Sofa. Eine rote Wärmflasche kuckte unter der gestrickten Decke hervor, die ihre Oma in manischer Besessenheit in nur einer einzigen Nacht gestrickt hatte. Mina hatte nur schemenhafte Erinnerungen an ihre Oma, die seit vielen Jahren weiße Kuschelwölkchen im Himmel strickte.
Aber sie war für ihre Kochkünste und handwerklichen Fertigkeiten berühmt gewesen. Für Mäuserichs Vorfahren Zappageck hatte sie einen riesigen Kratzbaum angefertigt, in manischer Besessenheit in nur einer Nacht, der noch immer existierte, aber mittlerweile vom Mäuserich derart ramponiert worden war, dass er nicht mehr als Baum zu erkennen war.
Der liebe Gott hatte angeblich sieben Tage für seine Schöpfung gebraucht, aber die schlesische Oma hatte ihre Werke immer in einer Nacht fertiggestellt.
Aber im vergleich mit solchen Omas hatten Götter auch keine Chance. Schließlich sind Tomaten, Möhren und Erdbeeren nichts schlecht, aber Omas Mohnkuchen stellte alles in den Schatten, jedenfalls war das Minas Ansicht.
Auf dem Schoß der Mutter lag ein aufgeschlagenes Taschenbuch, das auch schon einmal bessere Zeiten gesehen hatte. Die Art und Weise wie ihre Mutter mit Büchern umging, bereitete der kleinen Mina Unbehagen.
Sie behandelte Bücher wie Schätze, die man nur ganz behutsam berühren durfte, als wären sie aus Glas. Ihre Mutter hingegen klappte das Buch zuerst ganz weit auf, um es geradezu gewaltsam zu entjungfern und bog es beim lesen 180 Grad um. Bei diesem Anblick wurde Mina jedes Mal übel und sie nahm davon Abstand, ihre Bücher an die Mutter zu verleihen.
Einmal hatte sie ihr Lieblingsbuch »Wer die Nachtigall stört« an ihre Mutter verliehen. Diese nahm das entjungferte Buch mit in die Badewanne, so dass die Seite sich wellten und manche Seiten sogar aneinander klebten. Mina heulte ohnmächtig eine ganze Nacht, bis ihr Kopfkissen salziger war als das Tote Meer.
Sie ließ niemanden außer dem Kater ihre Tränen sehen, zu sehr schämte sie sich. Das Buch war heilig für sie gewesen, wertvoller als ein Gral.
Ihr kleines, verschollenes Brüderlein hatte es auf dem Sperrmüll gefunden und Mina vermacht, im Austausch gegen drei Tüten Lakritzschnecken, die er innerhalb einer Stunde verputzte, bis er so starke Bauchschmerzen hatte und seine Mutter ihn zum Arzt bringen musste, Aber all der Schmerz hatte dem Brüderchen nichts ausgemacht. Er hatte ihn in Kauf genommen und schwor sich hoch und heilig, beim nächsten Mal mehr zu verputzen.
Er fand dann auch einen alten rostigen Heizlüfter, der für Industriezwecke gefertigt war. Mit einer Schubkarre rollte er ihn nach Hause.
Mina tauschte ihn gegen fünf Tüten Lakritze ein und als sie den Lüfter das erste Mal anstellte, knallten alle Sicherungen im Haus heraus. Am nächsten Tag stand in der Zeitung, es habe eine Kernschmelze im städtischen Atomkraftwerk gegeben und drei Stadtviertel seien ohne Strom gewesen für eine ganze Nacht.
Neun Monate später hatten die Menschen den Salat, Es gab in der Gegend einen wahren Babyboom, der dazu führte, dass kaum ein Kind einen Kindergartenplatz bekam.
Es wurden keine neuen Kapazitäten geschaffen und kurze Zeit später hatten die Menschen den Salat No.2. Die unbeaufsichtigten Kinder legten Stolperfallen im Wald aus, zündelten in Heuschobern und brachen jedem, ich wiederhole, jedem Mercedes in der Stadt den Stern ab. So manche Tat blieb unbemerkt.
Noch immer besaß Mina diesen monströsen Lüfter, den ihr Vater schon dreimal weggeschmissen hat. Aber jedes Mal hatte Mina den heißgeliebten Wärmer wieder zurück geholt.
Der Vater hatte immer über zu hohe Stromkosten geklagt. Aber das war Mina egal. Strom kostete Geld und Geld war nicht wichtig. Aber das Gerät bereitete ihr wohliges Behagen und das war kostbar und unersetzlich. Und was wussten Eltern schon.
Ihr Vater zahlte mehr Geld für seine Vernetzung des Computers, wie wir heraus bekamen, im Monat, als der Heizer im Jahr Kosten verursachte. Angeblich brauchte der Vater das hochmoderne BTX für die Arbeit.
Tatsächlich jedoch nutzte er es primär, um seine sexuelle Begierde zu stillen, die so durstig war, wie ein lettischer Möbelpacker nach drei Tagen Arbeit ohne einen Schluck.
Einmal musste die Mutter ins Krankenhaus, wegen einer gefährlichen Infektion, wie ihr Vater mit ernster Miene sagte. Wir können jedoch enthüllen, dass sie wegen einem Suizidversuch und heftigen Depressionen in eine Spezialklinik musste.
In dieser Zeit hatte der Vater oft Geschäftsbesuch. Es waren nur weibliche Geschäftspartner. Mina wunderte das anfangs nicht.
In einer Nacht spielte sie bis spät in die Nacht Klavier. Verschlafen taumelte sie in die Küche, um einen Schluck Milch aus der Tüte zu trinken, als sie genug geklimpert hatte. Sie fand Tassen und Gläser überflüssig, war ein waschechtes Flaschenkind.
Da ertönte lautes Geschrei aus dem Arbeitszimmer und hin und wieder hörte sie ein Klatschen oder Knallen, als würde jemand mit einem Gegenstand auf einen weichen Untergrund schlagen. Ein Ton, der Mina Angst machte. Was mochte das für ein seltsames Geschäft sein.
Neugierig und blauäugig, wie sie nunmal war, schlich sie sich in ihrem wehenden Nachthemd mit Nacht im Haar an das Fenster ihres Vaters und sah ein Inferno a la Dante. Ihr Vater hatte eine Frau an die Wand gekettet und peitschte mit verbissenem Gesicht auf die wehrlose Frau ein.
Hass und Ekel bemächtigten sich Minas. Was war ihr Vater für ein perverses Wesen. Niemals hätte sie das von ihrem Vater gedacht, den sie als Kind noch innig geliebt hatte.
Als die Frau am nächsten Tag das Haus verließ, war sie nicht böse auf ihren Vater, der ihr Scheine in die Hand drückte, mit denen man den Lüfter über Jahre auf höchster Stufe hätte betreiben können.
Mina wusste nicht, dass zwischen ihrem Vater und der Frau etwas Sexuelles vorgegangen war. Sie war sich nicht im geringsten bewusst, was Sex und Erotik war. Nie hatte jemand es für nötig befunden, sie aufzuklären. Fernsehen hatte sie nie geschaut und auch keine aufklärerischen Jugendmagazine mit hochrotem Kopf und kichernd durchgeblättert.
Ihr war zwar bewusst, dass Jungs auf Brüste standen, wie ihre doofen Mitschüler, aber was da genau mit einem passierte, war ihr ein Rätsel. Sie war unschuldig und sollte es bis zu ihrem Tode bleiben.
Ihr Vater war sehr dominant, cholerisch und herrschsüchtig. Ihm rutschte schon mal die Hand aus und er neigte zum Brüllen. Es soll ja Männer mit einer 24Stundenerrektion geben. Ganz so extrem war er nicht. Trotzdem sah seine Hose im Schritt immer geschwollen aus. Minas Mutter hatte in seiner Gegenwart niemals einen Orgasmus gehabt, was zum einen an der fehlenden Zärtlichkeit lag und der Ansicht des Vaters, eine Zigarette zu rauchen sei ein reichendes Vorspiel, zum anderen war sein Glied so lang, dass es beim Geschlechtsverkehr schmerzte. Ihre Mutter war ebenfalls nicht aufgeklärt worden. Ihre Generation von Frauen war noch so erzogen worden, dem Ehemann hörig und gefällig zu sein. Sie hatte nie einen Orgasmus gehabt und konnte sich nicht selbst befriedigen, weil ihre innere Stimme dies als schmutzig und verboten ansah. Nur wenn sie ihre seltsamen Liebesromane las beschlich sie ein fremdartiges Kribbeln.
Sie kam sich dann immer so schmutzig und beobachtet vor und war fies zu Mina, wenn diese mit einem Zettel in der Hand nach etwas fragte. Dann wenn der muskulöse Pirat die holde Maid in die starken Hände nahm und Küsse ausgetauscht wurden, mehr wurde nicht beschrieben in den Büchern, war die angenehme Wärme in ihrem Körper, die Mina im Strahl des Heizlüfters erlebte. Vielleicht ersetzte die Maschine die fehlende körperliche Nähe und Wärme, die doch für junge Menschen so essentiell war, damit man nicht vereiste.
Wie viele Kinder hatten sich wohl umgebracht, weil man ihnen diese Zuneigung nicht gewährt hatte.
Wir spüren eine tiefe Trauer, während wir diese herzzerbrechende Geschichte erzählen. Wie gerne würden wir die Ereignisse beschönigen und so manche furchtbare Begebenheit auslassen, aber im Gegensatz zu den meisten Menschen sind wir der Wahrheit verpflichtet.
Doch zurück zu Mina und ihrer Truhe. Sie versuchte alles, um erneut den Katzenpfad zu betreten, der sich ihr im Schlaf geöffnet hatte, aber vergebens. Selbst Bestechungsversuche dem Mäuserich gegenüber, damit er seine Artgenossen milde stimmte, blieben ohne sichtbaren Erfolg, wenn man die bedenkliche Gewichtszunahme des Katers einmal außen vor ließ.
Die Zeit der Diät, die der Kater danach durchlaufen musste, ließ ihn mürrisch und garstig werden. Er begann von Nacht zu Nacht lauter zu mauzen, steckte Mina im Schlaf die Zunge ins Ohr und pinkelte mehrmals mit einem schelmischen Grinsen und rausgestreckter Zunge auf Minas selbst geschriebene Noten.
Also bekam er wieder mehr Fressen. Wie Katzenbesitzer wissen, bekommen die Felltiger immer ihren Willen. Viele kontrollieren sogar den ganzen Haushalt.
Aber auch wenn der Kater manchmal garstig war, so konnte man sicher sein, dass er Mina stets heiß und innig liebte.
Mina verdrängte den Vorfall mit ihrem Vater. Sie redete sich sogar ein, sie sei selbst schuld gewesen. Schließlich gehörte sich spionieren nicht. Und trotzdem musste sie immer wieder daran denken, wie ihr Vater mit diesem irren Blick auf die Frau eingeschlagen hatte.
Zeit verging. Die Tage zogen wie Wildgänse an Mina vorbei. Sie bekam ihre erste Periode und hatte Angst zu sterben. Und der Mäuserich hatte nur Schabernack im Sinn.
Er warf das Metronom vom Klavier, fiel mauzend in die Toilette und dann wurde es richtig schlimm. Er trank abgestandenes Blumenwasser und war wie verwandelt.
Mit aufgerissenen Augen rannte er wie der Leibhaftige durch die Wohnung, wie ein Junky auf Speed und ward alles um und raubte der kleinen Mina den letzten Nerv, die mit ihrer Blutung und den unmenschlichen Schmerzen schon genug zu tun hatte.
Frustriert packte sie ihre sieben Sachen und machte sich auf in die Wälder. Sie war schon öfter tagelang verschwunden gewesen und nie war es einem aufgefallen, wenn man von dem Kater einmal absah, der gerade auf die Pornohefte ihres Vaters kotzte.
Mina hatte kein Feuer dabei. Sie war in der Lage, es mit Steinen oder einem Stock mit Schnur daran anzumachen. Sie kannte eine Stelle, die von einem uralten Baum beschattet wurde, dessen dichtes Blattwerk keine Regentropfen durchließ. Zudem war der Boden dort so moosig, dass man bequemer schlafen konnte, als in jedem Bett. Es gab einen Weiher mit Trinkwasser und wilde Beeren und Pilze.
Während sie durch den Wald stiefelte und lustvoll Puffpilze zertrampelte, nahmen die Regelschmerzen ab und das Bluten wurde schwächer.
Sie legte sich auf einem umgestürzten Baum und merkte, wie ihre schweren Äuglein zufielen. Sie hatte einen seltsamen Traum.
In diesem Traum traf sie eine große Frau ganz in blau, die so hieß wie eine altmodische Brause Mirinda, oder doch Miranda?
Die Frau war warmherzig und offen, etwas das sie von erwachsenen nicht kannte. Miranda konnte sogar kindisch sein und schelmische Dinge vollbringen, auf die Erwachsene nie gekommen wären. Miranda nahm Mina bei der Hand und schwebte mit ihr durch die Lüfte. Nur im Traum konnte man fliegen.
Die blaue Frau setzte Mina auf einer Wolke ab, auf der ihre Oma saß und dutzende Socken stopfte und tausend und dreizehn Engelskleider flickte. Mit einem warmen Lächeln reichte die Oma Mina ein Stück frischen Mohnkuchen und verwickelte die kleine in ein Gespräch.
Sie erzählte, wie Kinder entstanden, wozu die Regel gut war und was der olle Mond damit zu tun hatte. Erst als die Oma alle Fragen beantwortet hatte, tauchte Miranda wieder auf und brachte Mina zurück in den Wald.
Eine Weile später erwachte Mina und rieb sich die Augen, in denen sehr viel Schlaf war. Mina kuckte den Menschen immer in die Augen und fand es sehr sympathisch, wenn Menschen noch spät am Tag Schlaf in den Augen hatten. Was ein wilder Traum, dachte sie und spielte mit einem Haar, das sie sich im Schlaf wohl ausgerissen hatte.
Verdutzt stellte Mina fest, dass es ganz Blau war wie die endlose See, die Mina nie gesehen hatte.
Ihr Opa war zur See gefahren. Ein einfacher Matrose, der in seinem Leben tausend und dreizehn Streichhölzer geschnitzt hatte. Sie sah ihre Oma in der Erinnerung oft mit Tränen in den Augen, wenn der Opa mal wieder zur See musste. Natürlich mit superwarmen und flauschigen Klamotten, die die Oma in nur einer Nacht fabriziert hatte. Auch wenn der Opa immer über die kratzigen Wollunterhosen geschimpft hatte, trug er sie doch stets und war in manchen Nächten nahe des Südpols innerlich sehr dankbar, auch wenn er das nie zugegeben hatte.
Der Opa hatte viel Pfeife geraucht und mehr Flüche gekannt, als jeder andere Mensch. Traurigerweise starb er nahe Kaphorn bei einem Unwetter, als das Segelschiff mit Maus und Mann im gierigen Ozean versank, wie man später erfahren sollte.
Welch melancholische Zeilen unseren Kehlen entweichen. Aber wer stets hören will, wie toll das Leben und die Welt ist, soll andere Autoren heranziehen, die geübt daran sind, das blaue vom Himmel herab zu lügen. Schriftsteller sind Lügner … ist unsere Meinung.
Als sich die kleine Mina, die sich nun ganz erwachsen vorkam und die Schmerzen, wie eine Frau ertrug, ein Mann wäre dazu nie in der Lage, sich der geheimen Lichtung näherte, wo sie die Nacht verbringen wollte, stellte sie bestürzt fest, dass dort bereits ein Feuer brannte.
Schneller tapste sie durch die Dornen, um den Platzklauer zur Rede zu stellen. Dabei scheuchte sie einen Dachs auf, der ihr auf dachsisch wilde Flüche nachrief, die ihrem Opa sicher gefallen hätten.
Und in der Hektik trat sie in einen Fuchsbau, wobei die Sohle ihres Schuhs abriss zur Hälfte, sodass ihre Zähren in den Dornen aufgeschlitzt wurden.
Unter der alten Buche saß eine düstere Gestalt, die ganz gelbe Zähne hatte und fast schwarze Haut von all dem Dreck.
Neben dem Mann stand ein Einkaufswagen mit tausend und dreizehn Dingen darin. Erstaunlich wie der Fremde durch die Dornen gekommen war und das mit einem Einkaufswagen.
Er rauchte billige Zigarillos, die im Gegensatz zu Zigaretten noch bezahlbar waren, obwohl sie viel krebserregender waren und aus erstem Grund von Pennern favorisiert wurden. Jedes Mädchen hätte Angst gehabt, wenn sie in der Dämmerung einem solchen Kerl allein im Wald begegnet wäre. Aber nicht Mina.
Sie setzte sich neben den alten Mann, der hustete wie eine lettische Feldarbeiterin beim Ketterauchen.
Mina stellte erstaunt fest, dass sie in ihrer Tasche noch einen Rest Mohnkuchen hatte, den sie dem Fremden anbot, der sich höflich bedankte mit verzerrter Stimme, was an dem fehlenden Kehlkopf lag und dem Kehlkopfmikro, das er wie einen Ehering stolz an der Hand trug.
Als Dankeschön schenkte er Mina eine Kreatur aus Streichhölzern und Kastanien, die dem Mäuserich sehr stark ähnelte, jedenfalls wenn er Blumenwasser konsumiert hatte. Wahrscheinlich verkaufte er die Dinger im Sommer in der Fußgängerzone, um nicht bloß zu betteln wie die meisten.
Der alte Penner trug einen Button auf dem stand, Gott ist Atheist. Er sah so aus, als hätte er die besten Tage hinter sich, was er auch im Gespräch bestätigte. Der Lungenkrebs hatte ihn fast getötet, aber trotzdem weigerte er sich beharrlich den Löffel abzugeben. Einen richtigen Beruf hatte er nie ausgeübt.
Sein Geld hatte er sich lange Jahre im Zirkus verdient, wo er dafür zuständig war, das Zelt und die Bauten zu errichten und wieder abzubauen. Er hatte irgendwann sogar einen eigenen Wohnwagen gehabt und reiste mit dem Zirkus um die halbe Welt.
Kein Wunder, dass er so viel zu erzählen hatte. Während der Mann eine Schote nach der anderen ausplauderte, flickte die kleine Mina ihre Stahlkappenstiefel, die sie bis zu dem Tode trug, mit schwarzem Panzerband, das sie stets bei sich führte.
Der Penner berichtete, dass er den Frauen abgeschworen hatte. Wie ein Schwan sei er, die würden sich auch nur einmal verlieben und dann ein leben lang zusammen bleiben, bis ein Partner starb.
Seine Geliebte war eine lettische Stahlbiegerin, die in dem Zirkus auftrat und nebenbei die Gitter der Löwenkäfige wieder grade bog, wenn diese mal wieder randaliert hatten. Es war nicht leicht gewesen, dieser rauen Frau den Hof zu machen. Aber der geschwätzige Mann hatte alle Geschütze aufgefahren damals. Von eher holprigen Liebesgedichten aus seiner Feder, bis hin zu stundenlangen Musizieren vor ihrem Wagen, hatte er alles versucht, bis sie dann kurzerhand seine rostige Trompete verbogen hatte, als das unmusikalische Katzenjammerartige Musizieren zu nervtötend wurde.
Schließlich konnte er sie dann ganz auf die klassische Art und Weise im Sturm erobern, indem er ihr verregnet einen selbstgeflückten Blumenstrauß in die Hand drückte, der jeder Floristin die Latte vergellt hätte, wie er sich ausgedrückt hatte.
Sie fand dar rührend und drückte den Mann so fest, dass er Tage später ins Krankenhaus musste wegen einer gebrochenen Rippe.
Liebe ist wie eine gebrochene Rippe, sagte der Alte grinsend in Anlehnung an ein altes Chanson, wie immer stoisch jeden Kalauer mitnehmend.
Wahre Liebe ist kein Ammenmädchen, sprach ohne Mikro und nun musste Mina feststellen, dass der alte ein Blender war, dem der Kehlkopf gar nicht fehlte.
Die beiden heirateten in einer verschneiten Nacht in der ukrainischen Einöde und die Frau ließ es sich nicht nehmen, ihren frisch gebackenen Ehemann über die Schwelle des Wagens zu tragen (und einmal rund um das Zirkuszelt, dass auch jeder sah, dass er nun in »festen« Händen war. Jahrzehnte des Glücks folgten, bis die Frau im Alter übermutig wurde und versuchte, den Wohnwagen anzuheben und dabei von dem schweren Wagen erschlagen wurde, der umgekippt war. Tragisch. Der alte Mann wollte sich das Leben nehmen, aber es gelang ihm nicht.
Beim Zug ausweichen, sprang der Zug immer im letzten Moment zur Seite und als er resigniert aus dem Fenster eines Hochhauses in Minsk sprang, landete er sanft in einem vorbeifliegenden Heißluftballon.
Und als er sich die Kugel gab, prallte die Pistolenkugel vom Schädelknochen ab, seitdem lispelte er beizeiten.
Nun saß er hier und grillte mit Mina Würstchen am Feuer und spachtelte Bohnen aus der Dose mit Speck in sich hinein, in einer Geschwindigkeit, die man nur als invisiesque bezeichnen konnte.
Als Mina ihm schließlich einen langen Zettel über ihren Traum und die Truhe berichtete, schien der Mann sich an eine alte Geschichte zu erinnern, die er immer nur unter vorgehaltener Hand gehört hatte.
»Man sagt, dass es eine geheime Loge gibt, die nur aus Müllmännern besteht. Ich muss es wissen, ich bin ja selbst fast einer und habe auf vielen Müllkippen nach Eßbarem gesucht. Seit Hundert Jahren gibt es diese Verbindung, die weltweit organisiert ist. Sie sorgen dafür, dass nichts wegkommt, aber wirklich nichts bekommt. All die weggeworfenen Schätze, einst so heißgeliebten Kuscheltiere und Artefakte. Alles wird von ihnen katalogisiert und verwahrt. Man munkelt, es gäbe einen gigantischen Stollen, in dem diese Sachen verwahrt werden.
Ich habe so eine Ahnung, wo dieser Oft ist. Und wenn es auf dieser Welt einen Ort gibt, wo ein solcher Traumschlüssel zu finden ist, dann dort. Aber das sind nur die Worte eines alten Spinners, der zu viel gesoffen hat.«
Es gibt wenige Dinge, die so viel Freude bereiten wie ein Feuer in der Nacht und dazu Bohnen mit Speck.
Irgendwann zauberte der Alte eine Mundharmonika hervor und spielte lustige Lieder, die Mina sanft in den Schlaf wiegten. Erst als ein heftiges Gewitter heranzog, wurde sie wieder wach.
Zum Glück waren sie unter der dichten Buche geschützt vor dem Regen, der in Sturzbächen vom Himmel pladderte.
Dann passierte etwas seltenes und unglaubliches. Man erzählt sich, dass der heilige Franziskus im Einklang mit der Natur lebte und ihm wilde Tiere ganz zahm begegneten. Mina sah mit Entzücken, dass sich ein besonders großes Eichhörnchen näherte und so nah kam, dass Mina es streicheln konnte.
Erstaunlicherweise legte es sogar eine Nuss in ihrer Hand ab und verschwand schnippisch schmuzelnd im Unterholz. Selbst wir haben soetwas noch nie zuvor gesehen.
Als die Nacht vorüber war, machten sich die beiden auf die Reise.
Durch die Bäume stiefelten sie ihrem Ziel näher.
Mina vermisste den Mäuserich. War sie zu gemein zu ihm gewesen? Blumenwasser war aber auch einfach zu verlockend, da wurde jede Katze früher oder später schwach.
Nach einem halben Tagesmarsch erreichten die beiden eine Schlucht, die von einer Eisenbahnbrücke überspannt wurde. Ermattet legten die beiden sich an den Rand der Geleise und warteten auf einen Zug, der erst abends schnaufend näher kam, Gezogen wurde der Zug von einer alten Dampflog, die man heutzutage kaum noch zu sehen bekam.
Der Zug fuhr so langsam, dass es den beiden ein leichtes war, einen offenen Güterwagon zu besteigen. Mina schlief auf der Stelle ein und träumte von ihrem Brüderchen. Sie lernte in diesem Traum, dass sein Tod nur noch eine Frage der Zeit war, wenn nicht ein Wunder geschah.
Mit Tränen in den Augen erwachte sie. Der alte Mann hatte bereits alles gepackt und bedeutete Mina, den Zug zu verlassen, denn das Ziel war in greifbarer Nähe.
Mit einem ungeschickten Sprung purzelte die kleine Mina aus dem Zug und rollte einen Abhang hinunter. An Steinen riss sie sich die Haut blutig. Aber Mina schrie nicht. Sie ertrug den Schmerz tapfer, ohne eine Miene zu verziehen. Mina wurde schwindlig und sie musste erleben, wie sich alles vor den Augen drehte.
Jemand griff ihre Hand und drehte sich mit ihr blitzschnell im Kreise. Alles war blau und wunderbar. Mina erblickte Miranda, die ihr freundlich in die Augen schaute. Mit warmer Stimme sprach sie: »…die Stadt verdrängen!«
Dann war sie verschwunden und der alte Mann an der Stelle, wo Miranda zuvor gestanden hatte. Er nahm sie bei der Hand und führte sie tiefer in das Dunkel des Waldes.
In der Ferne heulten Wölfe den Mond an, der so nah wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit an der Erde dran war. Ein Meteorit hatte den Mond getroffen und aus der Bahn geworfen, hieß es in den Medien. Aber es gab keine Beweisfotos oder Fakten über den Vorfall. Sicher war nur, dass der Mond nun stetig näher auf die Erde zukam, bis er irgendwann einschlagen würde.
Dies lag in weiter Ferne, und nur AleX oder Miranda würden es wohl erleben. Die Erde würde nicht ewig existieren, das wusste man schon lange. Die Sonne würde irgendwann anschwellen wie die Brust eines jungen Mädchens und die Erde verschlingen.
Glühwürmchen flankierten den Weg und flackerten unruhig durch die Nacht. Sie kamen ihrem Ziel immer näher. Ein riesiger Felsen türmte sich vor den beiden auf. Je näher sie kamen, desto größer wurde er. Schon von weiten sah man eine Öffnung, die von vielen Fackeln erleuchtet wurde. Dort standen Müllmänner in ihrer typischen orangenen Kluft.
Als die beiden angekommen waren, erhob ein Müllmann die Stimme.
»Die Wälder werden …«
Er beendete den Satz den nicht. Augenscheinlich war diese eine geheime Parole, ohne die man nicht durchgelassen wurde. Frustriert schaute der alte Mina an, die hektisch auf einem Zettel kritzelte. Den Zettel drückte sie dem Mann in die Hand. Er las die Worte laut vor.
»… die Stadt verdrängen!«
Erstaunt blickten die Müllmänner Mina und ihren schmutzigen Begleiter an. Nun wurden sie durchgelassen und in das Innere des Felsens geführt. Tausend und dreizehn bis an die Decke gefüllte Kavernen passierten die beiden, in denen alles, ich wiederhole alles zu finden war.
Mina stellte mit erstaunen fest, dass es einen Raum gab, mit allen Sternwichten, in jeder Farbe und Größe. Sie fragte einen Mann, ob er wisse, was aus ihren alten weggeworfenen Noten geworden war, indem sie ihm einen Zettel in die Hand drückte.
Die drei fuhren mit einer Lore tief in den Stollen und kamen in ein großes Archiv. Lange schaute der Mann in einem Computer nach und kam schließlich mit einem Stapel selbstgeschriebener Noten zurück, die vergilbt waren und Flecken hatten, wie ein Pferd.
Mina konnte nicht glauben, was sie sah. Alle Noten waren nun wieder in ihrem Besitz. Nicht einmal Geld wollte der Müllmann. So reizvoll dieser Ort auch war, Mina musste an ihren nahenden Tod denken und an den Mäuserich, der ganz allein war. Sie erbat eine Maus zum spielen, die der Mäuserich im Treppenhaus verloren hatte, als sie noch in der Stadt gelebt hatten. Und auch diese Maus war aufbewahrt worden.
Der alte Mann hatte kaum Wünsche. Er erinnerte sich an seine Trompete, die seine Geliebte damals verbogen hatte. Er hatte sehr an ihr gehangen. Man hätte sie sicher reparieren können und dann könnte er in der Fußgängerzone musizieren, statt zu betteln.
Kaum fassen konnte er es, als sie wieder auftauchte. Mit einem Kuss nahm er sie in die Arme und verlor sich in Gedanken. Er freute sich auf den Tag, an dem der Tod sie wieder vereinte.
Zum Schluss brachte Mina den Schlüssel zur Sprache. Aber da konnte der Mann auch nicht weiterhelfen. Enttäuscht verließen sie den Stollen.
Der Mann verschwand und telefonierte. Mina hatte Tränen in den Augen, als ihr ein uralter Mann mit einem langen Rauschebart auf die Schulter tippte. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in einen abgelegenen Raum.
Dort waren Myriaden von Schlüsseln. Er suchte eine Weile und gab ihr einen rostigen Schlüssel. Er wollte keine Gegenleitung annehmen.
Mina wischte sich die Tränen aus den Augen und fuhr mit dem alten davon. Immer wieder musste sie an das kleine Brüderchen denken, der irgendwo ohne sie litt und dem Tode nahe war.
Mit der Eisenbahn fuhren sie zurück und der alte Mann verabschiedete sich dann mit trauriger Miene. Auch ohne ihn fand sie zurück.
Nicht einer hatte ihr langes Fehlen im Haus bemerkt. Mina setzte sich ans Klavier und spielte ihre lange Mäuseoper, die sie für den Mäuserich komponiert hatte.
Erst war er noch bockig und beleidigt, aber irgendwann sprang er auf die Tasten und steuerte seinen Teil zu dem Katzenjammer zu. Dann leckte er Minas Wange, an der noch getrocknete Tränen waren. Mina legte sich aufs Klavier und schlief lange.
Als sie erwachte, war es Nacht und der olle Mond schaute neugierig zum Fenster herein.
Mit zittrigen Fingern steckte sie den Schlüssel ins Schloss der Kiste und konnte ihn mit Mühe und Not herumdrehen. Im Inneren war ein kleiner Stein, der angestrahlt funkelte wie ein Regentropfen, durch den ein Sonnenstrahl schoss. Mina nahm den Stein an sich und verschloss die Kiste. Nun war Mäuserich an der Reihe. Sie verwöhnte ihn stundenlang mit gutem Essen und Streicheleinheiten.
Lange Zeit später. Mina hatte Nacht für Nacht versucht, die Falltür freizulegen.
Den Stein hatte sie in einem Traum verloren.
Sie hatte sich gewünscht, dass ihr Bruder weiter leben würde. Als der Wunsch geäussert worden war, hatte sich der Stein in Wohlgefallen aufgelöst.
Mina konnte die Falltür öffnen und kletterte in den Bauch der Erde.
Draußen heulte der Wind um das Haus. Es war ein eiskalter Winter, der kein Ende nehmen wollte. Man konnte meinen, er habe den Frühling gemeuchelt.
Mina wusste, was sie hier unten finden würde. Sie sah die Ketten an den Wänden, an denen sie das Skelett ihres Bruders finden würde.
Aber ihre dunkle Vorahnung traf nicht ein. Statt dessen wartete Miranda hier unten auf sie.
»Du hast den letzten Wunschstein gefunden, der den Gesetzen von Raum und Zeit trotzt. Dein Wunsch ist erfüllt worden. Dafür haben »sie« gesorgt. Nun verlasse diesen Ort der Folter und blockiere den Eingang. Wir werden uns nicht wieder sehen. Also lebe wohl.«
Mina klammerte sich wie ein Koalabärchen an Miranda und drückte so fest, dass es Miranda wehgetan hätte, wenn sie einen Körper gehabt hätte.
Es ist nicht leicht, ein durchschimmerndes Wesen zu umarmen, aber Mina gelang es.
Sie verbarrikadierte den Zugang und schlich ins Haus. Ihr Vater fluchte, dass das BTX und Telefon ausgefallen war. Und ihre Mutter schimpfte, dass der Fernseher und das Radio nichts mehr empfingen.
Mina ging in ihr Zimmer und sah ihr kleines Brüderchen auf dem Bettchen schlafend liegen. Sein Herz schlug und der Mäuserich wachte über seinen Schlaf.
Mina schaute aus dem Fenster und wunderte sich, was mit der Welt geschehen war. Auch Wochen später funktionierte die Technik nicht mehr. Weder Strom noch sonst etwas. Und ihr Vater hatte nicht genug Benzin, um den Wald zu verlassen. Und es war, als wäre es endlich Tag geworden.

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My madness keeps me sane.

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