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Leselupe.de > Erzählungen
Mitternachtsnebel
Eingestellt am 01. 10. 2005 15:43


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Pinguino
Hobbydichter
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Ich klemmte mir das Buch unter den Arm und verließ den kleinen Laden am Rande der Stadt. Mutter folgte mir und erfüllte die enge Seitenstraße mit dem Geklapper ihrer schwarzen Pumps. „Sowas muss man als Frau heute tragen“, hatte sie gemeint, als ich die Schuhe musterte, kurz bevor wir aufgebrochen waren. „Es gibt eben Dinge, die das Leben von einem verlangt und diese kleinen Schwarzen hier gehören zweifellos dazu. Andere Sachen sind dafür absolut tabu, wenn du der Männerwelt gefallen willst. Beziehungsweise der Frauenwelt. Aus deiner Sicht.“ –„Zum Beispiel Kinder?“, fragte ich frech und zog die Brauen an. Mutter schüttelte nur seufzend mit dem Kopf und das Gespräch war beendet.
Sie stierte auf die andere Straßenseite und kramte währenddessen verstolen in ihrer Handtasche herum. „Was suchst du?“, wollte ich wissen, sah sie schief an und folgte ihrem ziellosen Blick gegenüber. Das eine Geschäft grenzte am nächsten und das die gesamte Passage entlang. Für eine Frau war das der Himmel auf Erden, doch mir, als tapferer Sohn, taten einfach nur die Füße weh. „Ich suche meine Uhr“, murmelte sie, öffnete Reißver-schluss um Reißverschluss und tastete den Inhalt der Tasche ab, die dabei hin und her schwang. Sie war ebenfalls schwarz, wie die Pumps, machte aber nicht annähernd so viel Krach wie die Schuhe. „Warum hast du sie dir nicht umgemacht?“ –„Wohin denn?“, fragte sie zynisch und musterte mich skeptisch. „Na, um dein Handgelenk. Warum hast du sie denn nicht…“
–„Junge, sei still. Ich hoffe, ich habe sie nicht verloren. Es ist doch nicht hübsch, eine simple Uhr am Gelenk zu tragen. Eine Frau sollte schöne, glatte Arme haben. Das gefällt den Männern, wirst schon sehen.“ Ich knurrte leise vor mich hin. „Mama, ich glaube, manchmal vergisst du, dass ich ein Junge bin!“ Sie ignorierte mich.
Das Buch, was ich mir gekauft hatte, war etwas Besonderes. Es hatte einen simplen blauen Einband, einen wenig überzeugenden Klappentext und außerdem noch eine scheußlich kleine Schrift, aber irgendetwas in mir, liebte es schon jetzt, oder zumindest das, was in ihm stehen würde. Auch wenn es vorerst seltsam klang, so spürte ich eine ungemeine Wärme von ihm ausgehen, als ich es in meinen Händen hielt. ‚Lies mich, lies mich’, hatte es gerufen und ich konnte nicht anders, als es aus dem riesigen Regal zu ziehen und anzulesen. Die vorderen Seiten gaben mir nicht viel, allein das Gefühl, etwas von unschätzbarem Wert in meinen Fingern zu halten, zwang mich dazu, es nicht einfach beiseite zu legen. Schließlich nahm ich es mit. „Ein Buch“, hatte Mutter festgestellt, als sie urplötzlich in der Handlung hinter mir aufgetaucht war. Ich erschrak mich schrecklich und erst dann wurde ich mir bewusst, wie vertieft ich in diese Geschichte gewesen war. Wenn ich selbst das auffällige Klacken ihrer Schuhe überhört hatte, war das ein neuer Weltrekord. „Ja, ein Buch“, bestätigte ich und schlug es zu, damit sie den Titel lesen konnte. ‚Im Schatten der alten Eiche’. Mutter runzelte die Stirn. „Ein kitschiger Titel. Warum kannst du kein normaler Sohn sein? Einer, mit dem man in einen Laden geht und der sofort anfängt zu quengeln. Warum bist du nur so langweilig?“ –„Erstens, Mama“, begann ich, „bin ich fünfzehn, da macht sich Quengeln nicht mehr so gut; und zweitens ist das hier nun mal eine Buchhandlung. Es liegt also nahe, dass ich mir hier etwas zu lesen kaufe, oder nicht?“ Sie hörte mir gar nicht zu und wir schwiegen beide. „Tu, was du nicht lassen kannst“, sagte sie letztlich grantig, ließ mich bezahlen und ging draußen eine rauchen, bevor ich nachkam. „Und rauchen? Ist das etwa auch cool?“ Sie zog an dem Glimmstängel und pustete elegant eine runde Qualmwolke in die Luft. „Nein, mein Schatz, das ist eine Sucht. Die werde ich eben nicht los.“
Da standen wir also. Ich mit meinem mysteriösen Buch und sie, bepackt mit dutzenden von Tüten aus Kleidergeschäften, rauchend im leichten Nie-selregen. Der Himmel hatte eine dunkle, mausgraue Farbe angenommen. Kaum zu glauben, denn als wir losgegangen waren, schien es ein mehr als sommerlicher Tag zu werden. Ich genoss die kleinen Tropfen, die auf die Straße fielen. Dieser besondere Geruch von Regen lag in der Luft. Wie tausend schmale Striche schoss er auf die Erde, wie tausend kleine Pfeile, die auf dem Asphalt zerplatzten und feucht von meinen Haaren perlten. „Lass uns unterstellen“, meinte Mutter, tippte auf ihre Zigarette, damit die Asche auf den Boden rieselte und zerrte mich unter den Dachvorsprung der Bücherei. Ich lehnte mich gegen die dicke Schaufensterscheibe der Handlung und sah hinein. „Willst du etwa noch ein Buch haben?“, fragte Mutter gereizt und runzelte argwöhnisch die Stirn. „Hör auf, da so hinzu-gucken.“ –„Mama, du spinnst!“, zischte ich und sie lachte. Das erwärmte mich. Manchmal sprang sie seltsam mit mir um, meine Mutter, wirklich seltsam, aber wenigstens hatte sie es eingesehen. „Ich habe doch jetzt ein Buch“, griff ich ihre Frage wieder auf und holte den Roman aus meiner
Tüte. „Das ist genauso wie mit den Kindern. Hat man erstmal eins, ist man beschäftigt, bevor man ein zweites will.“ -„Stimmt“, sagte sie und pustete wieder eine grauweiße Wolke in die Luft, die immer höher stieg, schwebte und schließlich verblasste. „Da hast du natürlich Recht, mein Junge.“
Wir standen noch längere Zeit auf dem Bürgersteig und starrten ins Leere. Mutter war ein Mensch, der stundenlang mit sich allein sein konnte, über Gott und die Welt nachdachte, ohne, dass ihr in irgendeiner Hinsicht lang-weilig wurde und sie sich eine andere Beschäftigung suchen musste. Ich hatte das von ihr geerbt. Ich war sogar gerne allein, grübelte über Leben und Tod, schaute aus dem Fenster, starrte an die Decke und verbrachte einige schlaflose Nächte damit, meine wirren Gedanken zu ordnen. „Das ist so in der Pubertät“, meinte Mutter, als ich an einem kühlen September-tag zu ihr ins Schlafzimmer kam und sie danach fragte. „Mama“, wollte ich wissen, „Mama, wieso bin ich nicht wie die anderen? Warum denke ich so viel?“ Wie gesagt, sie schob es auf die Pubertät. „Das hat ein Ende, wenn du älter bist. Mach dir keine Sorgen und hör auf, dir darüber Gedanke zu machen.“ –„Und das ist es, was ich eben nicht kann“, habe ich erklärt und mir die müden Augen gerieben. „Ich kann nicht einfach aufhören. Es ist wie eine Sucht. Wie du und das Rauchen.“ Mutter lachte. „Das Rauchen? Das Rauchen habe ich aufgehört. Weißt du nicht mehr? Die Zigarette ges-tern Abend, die war meine letzte. Ganz sicher“ Grinsend schlüpfte ich in ihr Bett, zog mir die warme Decke über die Schultern und schlief bis zum Nachmittag.
Wie unschwer zu ahnen ist, hatte sie nicht mit dem Rauchen aufgehört. Und ich nicht mit dem Denken. Schon wieder, nachdem wir bestimmt erst eine Viertelstunde unter dem Dachvorsprung gestanden haben, holte sie ei-ne neue Zigarette aus der Schachtel, zündete sie an und klemmte sie sich zwischen die Finger. Sie seufzte, als sie daran zog. Der Regen hatte nachge-lassen, die Straßen waren nass, die Häuser und Autos und das dreckige Wasser lief die Rinnsale der beiden Bürgersteige herab. Der Duft war fast verschwunden. Ein Mann eilte an uns vorbei mit einem schwarzen Leder-mantel, der tropfte. Er rannte vorbei, blieb etwas entfernt stehen, ging wie-der ein Stück zurück und stellte sich direkt vor meine Mutter. Ich nutzte die Gelegenheit, ihn zu mustern. Seine Haare waren kurz und dunkelbraun und eine Nase hatte der! Ich schmunzelte, ohne es zu merken. Der Regen perlte ihm vom Kinn und er nahm den Hut ab um sie zu grüßen. „Guten Tag, schöne Frau“, sagte er und ich wandte mich ab. Ich mochte es nicht, wenn wildfremde Leute auf meine Mutter zukamen, um sich bei ihr einschleimen zu wollen. Da schaute ich lieber wieder ins Schaufenster. In Gegenwart eines Mannes würde sie sich nie trauen zu erwähnen, dass sie Bücher verabscheute und ihren Sohn normalerweise davon abhielt in Geschäfte dergleichen zu gehen. „Guten Tag“, sagte auch Mutter. Die beiden schie-nen sich zu kennen. Der Mann warf einen Blick auf mich. Ich spürte diesen Blick, obwohl ich mich abgewandt hatte. Jeder Mann, der meine Mutter ansprach, wenn ich dabei war, warf mir genau diesen Blick zu. „Ist das ihr Sohn?“, würde er im nächsten Moment fragen und inbrünstig hoffen, dass sie verneinte. Gelegentlich tat sie das auch. Immer wenn diese Männer dann zu Besuch kamen, sperrte sie mich mit ein paar Süßigkeiten in den Besenschrank und empfing ihre Gäste. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum ich etwas zu viel auf den Rippen hatte, was aber nur mir bewusst wurde, wenn ich mich im Spiegel sah. Gleich würde er fragen, ob ich ihr Sohn wäre. Wenn ja, käme etwas wie „Ach, wie wundervoll“ oder „ein be-zauberndes Kind“ dabei heraus, sagte sie nein, fand kurz darauf meistens der Tausch der Telefonnummern statt. Mutter hatte bestimmt bei jedem Stadtbummel ein paar Zettelchen mit ihrer Nummer in der Tasche, die sie bei jeder Gelegenheit zückte und so im ganzen Dorf, oder zu-mindest in der männlichen Hälfte, verteilte. So schrecklich ich ihr Bemer-kungen über das Gefallen in der Männerwelt auch fand, sie hatte Recht.
„Ist das Henry?“, fragte der Mann plötzlich und ich spürte, wie ich rot anlief. Mir wurde ganz heiß, als ich meinen Namen hörte. Woher kannte er mich? „Ja, das ist er“, antwortete Mutter und strich mir durchs Haar, um anzudeuten, dass ich mich jetzt gefälligst umzudrehen und zu präsentieren hatte. Ich wollte aber nicht. „Wie alt ist er jetzt?“, wollte der Fremde wieder wissen und noch immer fühlte ich seine Blicke auf mir kleben. Mutter gab mir derweil unauffällig keine Klapse auf den Hinterkopf. Ich drehte mich um. „Fünfzehn.“ Nickend sah ich erst den Mann und dann Hilfe suchend meine Mutter an, die nicht von meinen Haaren ablassen wollte. „Fast so schön wie seine Mutter.“ Ich verschluckte mich und musste husten. Fast so schön? Wenn ich nicht längst rot gewesen wäre, wäre ich es spätestens jetzt geworden. „Das ist nett von dir, Lucas.“ Dass Mutter auch immer auf diese Lügner reinfiel… „Was meinst du, Lust auf einen Kaffee? Und einen Kakao für dich, Henry?“ Ich senkte meinen Kopf, damit er nicht sah, wie rot ich war. „Muss nicht sein“, murmelte ich. –„Du kannst ja schon nach Hause gehen, Schatz“, knirschte Mutter mit zusammengebissenen Zähnen. Ich verstand diese Geste. „Bis nachher“, sagte ich deprimiert, zog mir die Kapuze meines Pullovers über den Kopf und marschierte davon. „Mach
dir die Nudelsuppe von gestern warm, ja?“, rief Mutter mir hinterher, doch ich wollte nichts mehr erwidern. Nudelsuppe bedeutete, dass sie nicht nur für einen Kaffee, sondern auch fürs Mittagessen in der Stadt blieb. Ich wür-de sie frühestens am nächsten Morgen wieder sehen.


Ich weiĂź, die Geschichte ist nicht so toll, aber ich bin ja auch erst vierzehn und kenn mich hier noch nicht so aus.
GrĂĽĂźe.
__________________
Schreiben, schreiben, schreiben!

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