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Leselupe.de > Erzählungen
Mondsüchtig
Eingestellt am 17. 06. 2003 10:51


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Silke_Honert
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2003

Werke: 8
Kommentare: 1
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Das Gras unter Henriettes nackten Füßen ist kalt und feucht. Die Nacht tiefschwarz und voller unheimlicher Geräusche. Jedenfalls ist es nicht dasselbe, so ohne Mond, denkt sie. Ungeduldig starrt sie in den Himmel, oder da hin, wo sie den Himmel vermutet, denn sehen kann sie ihn nicht, und wartet darauf, dass sich endlich seine Strahlen einen Weg durch die Wolken bahnen. Henriette ist nervös, auch wenn sie es nicht zugeben mag. Jedes Mal, wenn er auf sich warten lässt, packt sie die Angst, er könnte verschwunden sein. Natürlich weiß sie, dass das albern ist, aber wenn man mitten in der Nacht im Garten sitzt und es so dunkel ist, dass man den Weg zum eigenen Haus zurück nicht mehr findet, können einem schon die merkwürdigsten Gedanken durch den Kopf gehen.
   Doch natürlich ist er nicht verschwunden. Erste, schüchterne Strahlen fallen auf Henriettes geliebten Flieder und sie atmet unwillkürlich auf. Dann leuchten Rosen und Gerbera auf. Dass ihre Blumen im Licht des Mondes in allen Blauschattierungen schimmern, stört Henriette nicht, sie kann sich gut an das milchige Weiß der Rosen und das leuchtende Rot der Gerbera bei Tag erinnern. Sie steht auf und das kalte, nasse Gras lässt sie Schaudern, doch das ist schnell vergessen.
   Der Seerosenteich, den Sie im Frühjahr mit so viel Liebe hergerichtet hat, leuchtet zwischen den Zweigen der Wachholderhecke auf und Henriette tappt zwischen Petunien und Lavendel auf das Leuchten zu. Sie trägt eines dieser altmodischen, langen, weißen Flanellnachthemden. Sollte sie jemand beobachten, würde er sich sicher glauben, einen Geist zu sehen. Henriettes Finger tauchen in das kühle, klare Wasser des Teiches und sie hätte schwören können, das etwas ihre Hand gestreift hat. Unwillkürlich lächelt sie, weil sie daran denken muss, wie prächtig ihre Goldfische in den letzten Monaten gediehen sind. Wahrscheinlich hat ein besonders vorwitziges Exemplar versucht, sie in die Hand zu zwicken. Ein empörtes Quaken lässt sie aufschauen. Eine fette Kröte sitzt am Teichrand und schaut sie missbilligend an. Du hast Recht, murmelt Henriette leise, ich wäre auch empört, wenn ein großes, weißes Gespenst meine Nachtruhe stört. Sie erhebt sich und ihr Hemd bauscht sich im Nachtwind.
   Langsam umkreist sie den Teich und lässt ihre Hand über den rauen Granit des schlafenden Engels gleiten, der hinter dem Wasser auf seinem steinernen Sockel ruht. Hallo Persephone, Du hast wohl nicht gedacht, dass ich so schnell wieder kommen würde, flüstert Henriette. Der Engel antwortet nicht, aber das ist sie schon gewohnt. Sie streicht ein letztes Mal über den schimmernden Stein und bewegt sich weiter durch ihren Garten. Sie hat die ganze Nacht Zeit.

   Als Henriette am nächsten Morgen aufwacht, ist Leo längst aufgestanden. Nicht, dass er ein Frühaufsteher ist, aber in letzter Zeit fällt es ihr morgens immer so schwer aus den Federn zu kommen und so hat Leo das Frühstück für gewöhnlich schon hergerichtet, wenn sie sich in die Küche tastet. Hallo, mein Schatz, sagt er und sie kann sich vorstellen, wie er liebevoll ihr vom Schlaf zerknautschtes Gesicht betrachtet. Etwas Warmes berührt ihre Hand und ihre Finger schließen sich automatisch um den Kaffeebecher. Liebling, Du hast ja ganz schmutzige Füße sagt er und sie sieht unwillkürlich an sich herunter, um zu überprüfen, ob er Recht hat, denn alte Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab. Du hast wohl heute Nacht geschlafwandelt, witzelt Leo, der für gewöhnlich so tief schläft, dass nicht einmal ein Erdbeben ihn wecken könnte. Henriette lächelt bloß, denn sie kann sich nicht erinnern. Wozu auch Schlafwandeln, wenn man nichts sehen kann, denkt sie. Dabei würde sie so gern ihren geliebten Garten wieder in Augenschein nehmen. Rosen, Gerbera, Persephone und so vieles mehr, an dem sie sich noch vor einigen Monaten nicht hatte satt sehen können. Nur einmal, denkt Henriette, nur einmal meinen Garten bei Nacht erblicken. Wenn der Mond scheint.

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Rainer
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 0
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...habe nichts zu meckern...

hallo silke honert,

danke dafür, daß ich in deinem garten schlafwandeln durfte.
sehr schön, und ich denke nachvollziehbar, geschrieben; die wendung kurzgeschichtenmäßig überraschend hingekriegt.
ob nun als symbol (da fallen mir viele deutungen ein) oder als realistischer "bericht", der text macht nachdenklich und lädt zum sinnieren ein.

ich bin zwar kein rechtschreibkundler, aber ich denke in folgendem satz müßte das sie kleingeschrieben werden:
"Der Seerosenteich, den Sie im Frühjahr mit so viel Liebe hergerichtet hat, leuchtet zwischen den Zweigen der Wachholderhecke auf und Henriette tappt zwischen Petunien und Lavendel auf das Leuchten zu."

und der name henriette passt wunderbar zum nachthemd.


grüße

rainer
__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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