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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Montreux
Eingestellt am 13. 05. 2003 11:28


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David Winterhurst
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 12
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Es macht noch immer keinen wirklichen Spaß, mit dir zu frĂŒhstĂŒcken.

Ein paar StĂŒckchen Obst. Und dein MĂŒsli nimmst du aus einem GefĂ€ĂŸ, welches meine Mutter mir einst mit dem Gedanken schenkte, ich könne dort hinein benutzte Teebeutel legen. - „Benutzte Teebeutel werfe ich weg. Die lege ich nicht erst irgendwohin, höchstens ins SpĂŒlbecken. Aber das SchĂ€lchen ist sĂŒĂŸ. Vielleicht kommt ja mal eine anorexische Freundin zu Besuch, die dort heraus ihr MĂŒsli essen will.“
Also bin ich im Grunde noch froh darĂŒber, zu sehen wie du es benutzt. Denn ich selbst esse ĂŒberhaupt nie MĂŒsli, nicht mal solche Zwergenportionen wie du sie dir gerade reindrĂŒckst.

Die Frage, ob wir draußen auf dem Balkon frĂŒhstĂŒcken wollen. Ich habe sie wohl eher provisorisch gestellt, wollte etwas ganz anderes durch sie erfahren, und ich schĂ€tze ich hab es auch.
Mahlzeiten gemeinsam mit anderen Menschen, einander an Tischen gegenĂŒber sitzend, sind dir also noch immer zuwider. Das hat gar nichts mit der KĂ€lte dieses FrĂŒhlingsmorgens zu tun, an dem schon um kurz nach Sieben die Sonne wie Butze hier ins Fenster prasselt. Denn jetzt sitzt du ja doch fröstelnd dort draußen, trinkst deinen heiß dampfenden Kaffee und rauchst. Durchs Wohnzimmerfenster kann ich dich sehen. Und in der KĂ€lte, dein starrer Körper, mit dem Fensterglas davor, siehst du aus wie eingefroren in einem Block aus Eis, als ginge dich die Welt nun gar nichts mehr an.
Ein stummer Widerwille gegen diese Welt spricht aus den verbissenen Bewegungen, mit denen du Zigarette und Tasse abwechselnd zu deinen Lippen fĂŒhrst. Und eine verzweifelte Suche strahlt matt aus deinem Blick. Ich fĂŒrchte nur, dass was du suchst schon vor sehr langer Zeit aus deinem Leben verloren gegangen ist.

Ich glaube, du hast in diesem Land hier mehr Kliniken als Schulen gesehen. Dabei mochtest du schon die nicht, kamst nie ran an diese Seite der Welt und ihre Menschen. Ganz Ă€hnlich mir, der ich gerade das so sympathisch fand und dir meine Freundschaft anbot, formuliert als Mixtape mit Songs von Lisa Germano und The Smiths. Ich erinnere mich noch genau wie du mich angesehen hast, als ich es dir in die Hand drĂŒckte. Als hĂ€tte sich Gott aus dem Himmel gebeugt, dir eine Schrotflinte in die Hand gelegt und lĂ€chelnd gesagt „Tu’s. Tu einfach wonach dir ist.“ So jedenfalls beschreibst du es mir bis heute. Und ich hör es gern.
Dabei waren wir einander viel unĂ€hnlicher als ich damals hĂ€tte glauben können. Nicht nur, weil du mit anderen Jungs mitgingst und mir so unbemerkt (oder vorsĂ€tzlich?) das Herz brachest. Sondern weil ich irgendwann einen verschlungenen Pfad durch die Welt fand und erkannte, dass du all die Zeit durch eine ganz andere Dunkelheit getappt bist als ich. „Was ist hier nur los?“ fragtest du mich in solch alltagstragischen Momenten immer wieder. „Ich weiß nicht. So ist es eben“, gab ich zur Antwort. Doch du sagtest kopfschĂŒttelnd „Nein, nein“, konntest das nicht einfach so schlucken, schlucktest irgendwann gar nichts mehr, weil du magersĂŒchtig wurdest.

Mir ist das zu frĂŒh fĂŒr Kippen und Koffein. Aber wie ich dich da draußen sitzen sehe, will ich dir Gesellschaft leisten, oder dir wenigstens eine Strickjacke bringen.
Du siehst mich nicht mal an, als ich hinaus auf den Balkon trete. Erst als ich dir die Wolldecke um den RĂŒcken lege, zwinkerst du mir mit verkniffenen Lippen und im Wind wehenden HaarstrĂ€nen entgegen. „Setz dich zu mir“, sagt dieser Blick, und ich tue es.
„In Kanada“, sagst du, „also da wo ich dann bin. Da kann man wohl manchmal am Morgen sehen, wie Nebel von den umliegenden WĂ€lder aufsteigt. Das soll wunderschön sein.“
„Ich kann es mir vorstellen.“ Und in dieser meiner Vorstellung ist es ein Nebel, der mit leisem Zischen von einem Block Eis empor schwebt. Dann knackt dieses Eis, reißt, bricht und schmilzt. Schmilzt dich frei, so hoffe ich.

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Klabautermann
???
Registriert: Feb 2003

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Hallo David,

kann gar nicht viel meckern oder anregen. Deine Geschichte hat mich schlichtweg sehr bewegt. Sie ist glÀnzend geschrieben, sprachlich und auch inhaltlich rund.


meinen herzlichen GlĂŒckwunsch dazu!

viele GrĂŒĂŸe und schönen Abend
Klabautermann

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Gabriel
Guest
Registriert: Not Yet

Montreux

Hallo David!

Sie hat mir gut gefallen, deine Geschichte. Sprachlich sehr schön umgesetzt.

Eine Kleinigkeit, nicht wirklich wichtig:

"Vielleicht kommt ja mal eine anorexische Freundin zu Besuch, die dort heraus ihr MĂŒsli essen will"

Anstatt 'dort heraus' könnte man schlicht 'daraus' schreiben.

Gruß, Gabriel


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tsunami
???
Registriert: May 2003

Werke: 0
Kommentare: 12
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mit deiner geschichte....

...kommen bilder. denn sie ist so erzĂ€hlt, wie ich es sehr gerne mag - ein bißchen weise, ein bißchen vage. kurz gesagt: ich schließe mich meinen vorrednern an.

vielleicht ein paar kleine dinge, die mir (und möglicherweise nur mir) aufgefallen sind.

- mit dem "dort heraus", sehe ich das auch so.
evtl.:..., die dann ihr mĂŒsli daraus essen wird. (zukĂŒnftig, um eine ahnung des kommenden zu erzeugen?? - nur ein vorschlag)

- ..."die Sonne wie Butze hier ins Fenster prasselt"
wie butze erscheint mir sehr komisch der begriff, stört ein bißchen den geschmeidigen textfluss.
sowieso, geht es ja eher um die kĂ€lte des frĂŒhlingsmorgens. prasselt oder butzelt oder wie auch immer die sonne dann wirklich so? sie ist vielleicht da, aber dringt nicht richtig durch, oder? ich weiß auch nicht, wahrscheinlich habe ich das nicht richtig verstanden. liegt wohl an der butze, die hat mich jetzt verwirrt.

- und jetzt wirklich nur noch eine sache:
..."zwinkerst du mir mit verkniffenen Lippen und im Wind wehenden HaarstrÀnen entgegen"
meiner meinung nach, erzeugen die "verkniffenen Lippen" ein falsches Bild.(das passt eher zu beschreibungen von vergrĂ€mten, zickigen menschen) ganz abgesehen davon steht es so sehr im widerspruch zum "zwinkern".(auch das passt wieder nicht so recht zu ihrem beschriebenen charakter) sie ist ja wohl eher ein sehr unglĂŒcklicher und manischer oder auch nachdenklicher mensch. vielleicht schenkt sie "dir" eher ein schiefes lĂ€cheln, oder ein unglĂŒckliches.
nein, das sind auch keine guten vorschlĂ€ge. aber ich bin mir sicher - dass du es kannst sieht man ja - dass du (und sowieso ja auch nur, wenn du es ĂŒberhaupt so nachvollziehen kannst), etwas sehr passendes finden wirst.

so, jetzt habe ich eigentlich schon viel zu viel geschrieben, zu den winzigkeiten, die ich nur kurz anmerken wollte, weil sie mir eben aufgefallen sind.

beste grĂŒĂŸe
von der tsunami

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

Werke: 14
Kommentare: 1113
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Auch von mir noch ein paar Anmerkungen, lieber David...

ZunĂ€chst geht mir der ganze Komplex mit der Frage nach dem gemeinsamen FrĂŒhstĂŒck nicht recht ein. Erst mal die Temperatur: der FrĂŒhlingsmorgen ist kalt, und dann prasselt die Sonne plötzlich "wie Butze"? Butzenscheiben? Kein unauflösbarer Widerspruch, aber er lĂ€ĂŸt den Leser stutzen, wo es doch auf etwas ganz anderes hinaus soll als auf die Frage, ob Sonne oder nicht. Und dann ĂŒberhaupt die Frage des Draußen-Essens: Der ErzĂ€hler wollte also durch sie erfahren, ob seine Freundin immer noch Widerwillen hat, mit anderen zu essen. Aber wenn er das nicht gefragt hĂ€tte, dann hĂ€tte sie ja - mit genau dem gleichen Widerwillen - drinnen mit ihm gefrĂŒhstĂŒckt. Irgendwie geht mir nicht ein, was er mit diesem Vorschlag ĂŒberhaupt erreichen wollte.

Bitte ĂŒberprĂŒfe noch mal das Wort "provisorisch". Soviel ich weiß, heißt das "vorerst". Du meinst vielleicht eher eine "rhetorische" Frage?

Ach, ich nöle hier herum, im Prinzip ist das ein ausgezeichneter Beitrag. Der Schluß sehr schön, klar formuliert, punktgenau gesetzt, gefĂ€llt mir.

Lieben Gruß,
Zefira

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David Winterhurst
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Apr 2003

Werke: 12
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Vielen Dank fĂŒr das Lob und mehr noch die Kritik.
"dort heraus" oder "daraus". Ich glaube das sind so beinahe altertĂŒmliche Formulierungen die mir noch anhĂ€ngen. Ich mag diese, vielleicht etwas anachronistischen Stolpersteine ja, aber offenbar kommen sie bei Leserin und Leser weniger gut an. DarĂŒber ließe sich wohl nachdenken.
Das mit der "Butze" stimmt - der Text wurde ursprĂŒnglich fĂŒr ein anderes "Forum" geschrieben, und da passte das ganz gut, aber hier --- ?

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tsunami
???
Registriert: May 2003

Werke: 0
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lieber david, es geht ja weniger darum, wofĂŒr etwas erst passend gemacht werden muß, sondern vielmehr ob es sich so einfĂŒgt, dass es stimmig ist und dem text entspricht.
wenn es fĂŒr dich richtig ist, sollte es unabhĂ€ngig vom forum, auch so bleiben dĂŒrfen.

beste grĂŒĂŸe
tsunami

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