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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Morgen wie dieser
Eingestellt am 16. 05. 2001 21:54


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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2001

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Es war ein st├╝rmischer Maitag. Die Sonne w├Ąrmte ordentlich durch das geschlossene Fenster, aber im schattigen Haus war es empfindlich k├╝hl. Sie r├╝hrte in ihrem Tee und sah zu den B├Ąumen hinauf. Die Kronen schwankten bed├Ąchtig, waren ausladend, noch astig, mit einem sp├Ąrlichen Gr├╝n besetzt. Eine Kr├Ąhe flog heran, setzte sich auf einen Zweig und sch├╝ttelte ihr Gefieder. Sie h├╝pfte ein paar Mal hin und her, beruhigte sich schlie├člich und sah mit geheimnisvoll gl├Ąnzenden Augen zur K├╝che hinein. Sie legte den Kopf zur Seite, als wollte sie die Frau hinter der Scheibe etwas fragen, ├╝berlegte aber noch, wie sie es wohl am besten aussprach.
Die Frau in der K├╝che f├╝hrte ihre Tasse zum Mund. Sie nahm mehrere kleine Schlucke und fuhr sich zwischendurch mit der Zunge ├╝ber die Lippen. Der Tee dampfte hei├č und schmeckte bitter. Die Frau verzog ein klein wenig das Gesicht. Sie stellte die Tasse ab und st├╝tzte ihren Kopf in die H├Ąnde. Das Haus lag still. Die Kinder waren in der Schule, der Mann auf dem Weg zur Arbeit. Sie sa├č an ihrem Tisch und wartete darauf, dass der Tag begann.
Die K├╝chenuhr nahm rasselnd Anlauf und gab einen einzigen heiseren Ton von sich: Acht Uhr. Noch eine Stunde.
Sie begann den Tag nie vor neun. Das war eins ihrer Prinzipien, an gewohnten Dingen festzuhalten. Fr├╝her hatte sie um Punkt neun Uhr an ihrem Schreibtisch gesessen. Alles war noch am Vorabend vorbereitet worden, so dass sie ohne Verz├Âgerung ihr Tagwerk beginnen konnte. Sie war flei├čig, eifrig, eine nette Kollegin, still, aber zuverl├Ąssig. Man mochte sie. Die erste K├╝ndigungswelle erfasste sie trotzdem. Sie packte ihre Sachen, schaute nicht zur├╝ck, auch nicht auf die H├Ąnde, die man ihr reichte, und erst recht nicht in die Augen, die vor Mitleid und Scham zur Seite glitten. Man war ja nicht betroffen, gottseidank, aber konnte man daf├╝r?

Morgen wie dieser konnten so unertr├Ąglich sein. Besonders, wenn die M├╝digkeit noch in den Gliedern steckte. Die Dunkelheit einer Maiennacht war alles andere als beruhigend, weil die Gedanken hin- und herstoben, weil die Katzen schrieen, das Geb├Ąlk knarrte und der Wind pfiff. Weil der Kopf schmerzte und der K├Ârper bleischwer in die Matratze dr├╝ckte. Weil das Bettzeug kratzte und die Heizung gluckerte. Weil sich in der Schublade die Rechnungen dr├Ąngelten, weil die Kinder pubertierten, weil die B├╝gelw├Ąsche nie ein Ende nahm, weil die Mutter am Telefon gemault hatte, sie f├╝hlte sich vernachl├Ąssigt, weil der Mann breit neben ihr lag und sicher gut tr├Ąumte.
Er tr├Ąumte immer sch├Âne Sachen. Morgens, beim Fr├╝hst├╝ck, erz├Ąhlte er ihr dann von seinen Reisen, von seinen Abenteuern, manchmal auch von bizarren Begegnungen. Von Frauen tr├Ąumte er nie. Jedenfalls hatte er noch keine erw├Ąhnt und sie fragte ihn nicht danach. Sie f├╝rchtete, er w├╝rde ihr nicht die Wahrheit sagen und sie w├╝rde sie doch in seinen Augen lesen k├Ânnen.
Sie, dagegen, tr├Ąumte von M├Ąnnern. Ziemlich h├Ąufig sogar. Es waren Figuren ohne Gesichter, und doch wusste sie, dass sie m├Ąnnlichen Geschlechts waren. Sie f├╝hlte es irgendwie. An ihren Bewegungen, an dem gurrenden Timbre ihrer Stimmen, an den gro├čen H├Ąnden, die sie zuweilen hielten. Nicht, dass sie ihrem Mann ein einziges Mal untreu gewesen w├Ąre, weder in ihrer Traumwelt, noch sonst in ihrem Leben. Bisweilen sehnte sie sich danach, doch es mangelte ihr an Courage und ÔÇô was viel schlimmer war ÔÇô an Gelegenheiten. Zudem dachte sie gelegentlich dar├╝ber nach, dass sie mit einem fl├╝chtigen Augenblick so vieles aufs Spiel setzen w├╝rde. Sofort fragte sie sich: Was?

Die Kr├Ąhe guckte aufgeregt nach rechts und links. Dann beugte sie pl├Âtzlich ihren K├Ârper vor und ├Âffnete den Schnabel. Die Frau hinter der Scheibe nahm einen Schluck Tee. Er war schon abgek├╝hlt. Sie trank weiter, ohne abzusetzen, in kr├Ąftigen Z├╝gen, hastig, wie ein durstiges Kind. Dann war die Tasse leer. Sie stellte sie auf den Tisch zur├╝ck und starrte auf die Kr├Ąhe.
ÔÇ×Nun sagÔÇÖs schonÔÇť, zischte die Frau und machte ganz kleine Augen. Ihre kurzen Haare standen ihr unordentlich vom Kopf ab.
Die Kr├Ąhe schoss mit einem kr├Ąftigen Schrei aus dem Baum heraus. Ihr Klagen drang durch die ungeputzten Fensterscheiben. Mit heftigem Fl├╝gelschlag fuchtelte sie sich durch die Sturmb├Âen. Die Frau sah ihr nach, bis der Vogel in einem weiten Bogen auf dem fernen Ackerland zu Boden ging.
Sie stand auf und br├╝hte sich eine zweite Tasse Tee.

Gestern war wieder so eine Nacht gewesen. Dabei war sie sorgsam vorbereitet ins Bett gestiegen, duftete nach einer teuren K├Ârpercreme, die seit ihrem letzten Geburtstag darauf wartete, einem Mann wenigsten den Geruchssinn zu rauben. Irgendeinem. Die Kinder hatten wohl gemeint, es sei an der Zeit, ihre Mutter mit ein paar Hilfsmitteln auszustatten? Nein, sie hatten diese Lotion vermutlich nur aus einer Laune heraus erstanden oder aus Mangel an Fantasie oder weil sie sich eine ebensolche Mutter w├╝nschten, wie sie aus den perfekt arrangierten Hochglanzfotos l├Ąchelten oder sie hatten einfach nur gedankenlos irgend etwas eingekauft.
Sie erinnerte sich nicht allzu gerne an jenen Tag: Es war ihr zweiundvierzigster Geburtstag gewesen. Auf der Tortestand eine 43. Sie sagte nichts und niemandem fiel es auf. Erst viel sp├Ąter, mitten in der Nacht, die Familie schlief schon, war sie aus dem Bett aufgestanden und in die K├╝che geschlichen. Kaum jemand hatte die Torte anger├╝hrt; sie bestand nur aus gelber Creme und steinharten Marzipanr├Âschen. Die 43 grinste h├Âhnisch in der Dunkelheit. Sie pulte die 3 vom Kuchen und weil sie nicht wusste, wohin damit, schob sie sie zwischen ihre Z├Ąhne und zerkaute sie krachend. Mit dem Finger zeichnete sie eine gro├če 2 in die weiche Oberfl├Ąche und weil es ihr nicht gen├╝gte, trat sie an den Schrank und holte die Kaffeedose hervor. Sie lie├č das braune Pulver die mit dem Finger gezogene Mulde ausf├╝llen und trat kritisch ein paar Schritte zur├╝ck. Dann ging sie ersch├Âpft zu Bett.
Am n├Ąchsten Morgen war die Torte fortger├Ąumt. Der Fr├╝hst├╝ckstisch blieb leer; man verabschiedete sich hastig in einen anstrengenden Tag. Sie sa├č beim Tee und gr├╝belte, wo man wohl die Torte vor ihr versteckt hielt.

Das Wasser war hei├č. Sie sah den Teebeutel sich sprudelnd aufb├Ąumen.

War sie eigentlich jemals richtig verliebt gewesen? Sie hatte doch drei Kinder! Zeugnisse ihrer Fruchtbarkeit sehr wohl, aber ihrer Liebe?
Wenn sie ihren Kopf abends auf den ausgestreckten Arm ihres Mannes bettete, seinen Leib roch und die Brusthaare sie auf der Wange kitzelten, dann dachte sie zuweilen betr├╝bt: Wir sind ein gutes Gespann. Geduldig, wie zwei Pferde, die man einst vor einen Wagen schirrte und auf eine lange Reise schickte. Und der Kutscher, das Leben selbst, drosch auf sie ein und gew├Ąhrte ihnen kaum Rast, sich einander kennenzulernen. Sie h├Ątte so gerne mit ihrem Mann auf einer ruhigen Weide ausgeruht, nur sie beide, ganz alleine, mit dem R├╝cken zur Sonne und vor sich nichts als Wiese und Weite.
Sie mochte die M├Ąnner in ihren Tr├Ąumen nicht, aber sie dachte oft an sie. An ihre fordernden H├Ąnde, an ihre Besorgtheit um sie und an die knisternde Stille des Schweigens. Ihr Mann und sie schwiegen auch sehr oft. Es brauchte nicht vieler Worte, den Anderen zu verstehen. Aber dieses Schweigen war freudlos, tr├Ąge und beh├Ąbig. Und es war immer fort mit Arbeit verbunden: Die Butter fehlt! Das Kind muss ins Bett! Wo ist meine Zeitung? Wann gibtÔÇÖs Essen? -- Mit Gef├╝hlen hatten diese wortlosen Blicke nicht das Geringste gemein; sie wurden ausgetauscht, um die Verst├Ąndigung auf ein Minimum zu reduzieren, um sie blitzblank zu legen, vom Unwesentlichen befreit. Es wurde eh zu viel dummes Zeug gesprochen auf der Welt....

Der Teebeutel gluckste im Wasserbad. Sein Bauch bl├Ąhte sich ihr braun entgegen.

Manchmal tr├Ąumte sie auch davon, noch mehr Kinder zu bekommen. Was hinderte sie daran? Biologisch betrachtet, war die Abstellkammer des Lebens f├╝r sie noch nicht aufgegangen. Au├čerdem, ein Kind, so ein kleines, knuspriges Ding, w├╝rde sie ihrem Mann vielleicht wieder etwas n├Ąher bringen? Er liebte Kinder, seine ganz besonders. Aber die ├ältesten waren gro├č; bald w├╝rden sie eigene Wege gehen und nichts mehr bliebe ihr und ihrem Mann, was sie beide wenigstens hilfsweise miteinander verband. Sie w├╝rden ihrer einzigen Grundlage beraubt werden, sich, wenn auch sparsam, mitzuteilen, und, um des anderen stimmlosen Augenseufzen zu entgehen, ├╝ber die Zeit auch noch erblinden und ertauben.
Also, warum nicht ein letztes Kind?

Sie zog den Teebeutel an seinem Band aus der Tasse und warf ihn in einem k├╝hnen Schwung in den Ausguss.

Weil es ein ÔÇ×letzter VersuchÔÇť w├Ąre, darum eben nicht! Es ist, wie das Ballonfahren, dachte sie bitter. Den letzten Landeplatz sollte man nicht gezielt anfahren, denn wenn man ihn verfehlte, war der Absturz gewiss. Und sie war ja bereits gelandet. Das Feld ihres Lebens war holprig und kahl, aber sicher. Allein die Tatsache, eben nicht darum zu wissen, wann alle Gelegenheiten unwiederbringlich verloren, alle Aussichten endg├╝ltig verstellt sein w├╝rden, rief in ihr eine tr├Âstende Taubheit hervor. Sie badete ihre strapazierte Seele in der Sicherheit, nicht um das Ende zu wissen. Damit, so glaubte sie, bliebe ihr wenigstens eine der sich immer heftiger schlie├čenden T├╝ren offen. Und irgendwann, vielleicht, w├╝rde sie einen Fu├č hinein bekommen, und einen zweiten, und den Kopf, und den ganzen Rest, der noch aushielt, was von ihm verlangt wurde. Dann w├╝rde sie sich frei machen, ganz bestimmt, schwerelos fliegen, fliegen, fort, fort, getragen vom nimmerm├╝den Wind.

Sie trank ihren Tee in kleinen Schlucken. Er war noch hei├č und schmeckte bitter. Die Sonne w├Ąrmte ihr Gesicht, doch an den Beinen prickelte die G├Ąnsehaut.

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Birgit Kachel
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Hallo Katrin,

eigentlich eine gute Geschichte, w├╝rde mich hier nicht das Zuviel an "Kr├Ąhe" und Assoziationen wie Wald,H├Ąuschen...st├Âren; ach, ich wei├č nicht, wie ich's ausdr├╝cken soll, die Geschichte k├Ânnte ich mir gut als Fortsetzungsroman in Frauenzeitschriften oder "Neue Post" und dgl. vorstellen; eigentlich dann aber schade wiederum um die Gedanken der Protagonistin, die doch wohl in andere Richtung gehen?? Denn, fort, wohin - zum Traumprinzen oder zur eigenen Entfaltung?

Gru├č aus M├╝nchen

Birgit

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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
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keine Ahnung!

sie sagt's ja nicht. Aber ich denke: ein Traumprinz ist es nicht, den sie sich w├╝nscht. Vielleicht nur sein Ohr und sein Auge und vielleicht noch ein bisschen Herz. Aber gut, ich denke nach, ├╝ber deine Kritik. Nun, nach dem zweiten Lesen, bemerke ich es selbst - ein bisschen zu Frauenromanisch das Ganze. Aber was hast du gegen die Neue Post? (Was wurde aus der Alten? Und womit - sapperlott - machst du dich selbst├Ąndig?) Gr├╝├če aus Mecklenburg, Katrin

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Birgit Kachel
Hobbydichter
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Hallo Katrin,

ich habe gegen die "Neue Post" u.a. Zeitschriften dieses Couleurs mein Argument der Volksverdummung, gegen├╝ber meiner Abneigung f├╝r Frauenzeitschriften u.├Ą., (Brigitte, Freundin u.dgl.) mein Argument der Ausrichtung auf ├Ąu├čere, anstatt innere Werte, und so k├Ânnte es fortgehen...Ich bin hier keinesfalls radikal, mir gef├Ąllt auch gutgemachte Werbung, aber ich pers├Ânlich w├╝rde mich eben geehrter f├╝hlen, in einer guten Anthologie anstelle in der Rubrik "Wahre Gef├╝hle" einer Frauenzeitschrift gelesen zu werden, die wahrscheinlich eh auch tiefergehende Texte nicht annehmen w├╝rde.

Dies sind meine Argumente - und was deine Frage der Selbstst├Ąndigkeit angeht, nun, damit kann ich ├╝berhaupt nichts anfangen, au├čer da├č hier vielleicht ein Vorurteil deinerseits nach Erkl├Ąrung verlangt. Aber ob ich nun im Mediabereich, in der Werbung oder in der Immobilienbranche t├Ątig bin, wo ist da der Unterschied? Abzocken kann ich ├╝berall, auch in der Kulturszene - ich kann mich aber auch als guten Dienstleister in's Spiel bringen, der nicht Wert auf schnelles Geld legt sondern auf gute Arbeit - zum Beispiel!

Zuerst mal damit sch├Ânen Gru├č nach Mecklenburg, das ich leider ├╝berhaupt nicht kenne

Birgit

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Katrin Volkmann
Routinierter Autor
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Kritik

ist zum gro├čen Teil Interpretation (Virginia Woolf, 7. Juni 1917, Times Literary Supplement)

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Birgit Kachel
Hobbydichter
Registriert: Feb 2001

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Hallo Kathrin,

Virginia Woolf hat mich auch einmal sehr fasziniert - inzwischen sehe ich sie etwas mehr "zeitspezifischer" - ich antworte dir noch, bin momentan zu sehr l├Ądiert, mu├č gleich wieder in's Bett....

Birgit

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