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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Morrison
Eingestellt am 28. 03. 2004 11:47


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Nicholas Cyphre
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2001

Werke: 11
Kommentare: 4
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Dieser Text ist lÀngst noch nicht fertig; in einer sehr spontanen, einfachen Fassung.


Morrison

I
Venice, der Tod.
Eine Insel inmitten der stĂŒrmenden Gezeiten, ein Falke, der, unberĂŒhrt von den Gewalten des Nordwindes, gelassen durch die Höhen gleitet, eine kleine Dunkelheit im finstern Lichtermeer, das ist Venice.
Ich stelle mir den weißen Sand vor, den mooszerfressenen Marmor und die einsamen, hohen Palmen. Am Strand rosten Autos. Gras quillt aus den Armaturen.
Das alte Meer - ein trockener Wind treibt ein paar herausgerissene Buchseiten durch die salzige Luft.
Venice ist der liegengebliebene, zerschossene Leichnam einer Siedlung. In den verfallenen SĂŒdstaatenvillen steht die Zeit still. Vor fast hundert Jahren zogen neureiche Stadtbewohner hierher; sie bauten WochenendhĂ€user, SommerhĂ€user, FerienhĂ€user, Altersresidenzen – doch das Schicksal zerschlug die TrĂ€ume vom Meer : Die Weltkriege, der Börsencrash vernichteten das Kapital, und die prĂ€chtige Siedlung am Strand verfiel allmĂ€hlich, geriet in einen merkwĂŒrdigen Zustand morbider Schönheit, als der Wind das Glas aus den Fenstern blies und das Wurzelwerk die Kachelböden der HĂ€user aufplatzen machte. Efeu umschlingt die Standuhr, sie hat vor vierundneunzig Jahren zuletzt geschlagen.

Ein Haus zerbröckelt unter dem Zahn der Zeit. Schaumiges Salzwasser durchschwemmt den Keller, blassgelbe Pflanzen wuchern im lichtlosen Erdgeschoss. Der erste Stock ist leer. Niemand betritt ihn je. Der zweite Stock hat vier Zimmer : die Fenster sind mit BretterverschlĂ€gen gesichert, mit Decken und offenem Feuer wĂ€rmt sich der Dichter in der Nacht. Er schlĂ€ft auf einer fleckigen Matratze, er isst wenig und kocht sich einen dĂŒnnen Kaffee. Auf einem Tisch aus den Kindheitstagen des Hauses steht die Schreibmaschine. Daneben liegen Notizblöcke, Bleistiftstummel, Zigarettenreste, die Gitarre. Das Arbeitszimmer des Dichters hat besonderen Reiz : die Ostwand, gen das Meer, ist eingestĂŒrzt. Einige Bretter stĂŒtzen, ein paar Decken dienen als Schutz vor Wind und Regen, doch der Efeu kriecht bereits ĂŒber Boden und Decke.
Morrison sieht aus wie ein Geist. Seine Augen liegen tief, die Wangenknochen ragen vor, lang fallen die Locken auf seine Schultern. Seine Finger sind lang und dĂŒnn, wölfisch ist das Grinsen, wenn er die ZĂ€hne fletscht. Er ist unrasiert, ungewaschen, schmutzig, trĂ€gt dasselbe Hemd und dieselbe Hose, meist lĂ€uft er barfuss : ohnehin nicht weit, er verlĂ€sst Venice nicht.
Aus den Bibliotheken hat er sich seine BĂŒcher zusammengeklaut; Ausgaben des spĂ€ten 19ten Jahrhunderts, die zwischen seinen Fingern zu Staub zerfallen. Er liest viel, tage- und nĂ€chtelang, seine Lieblinge : William Blake. Nietzsche. Lao Tse. Schopenhauer. Namen, die nichts bedeuten, die jeder andere sein könnten. Dann schreibt er. Gedichte, AufsĂ€tze, manchmal Geschichten.
Ich stelle mir vor : Morrison sitzt hier, in dieser Ecke, am Boden. Seine Locken fallen fließend um das lange, schöne Gesicht. Er notiert eine Zeile, dann streicht er sie durch und schreibt sie noch mal, anders. Deutlicher. Dann liest er sie sich vor. Ein Geruch von BĂŒchsenfleisch, Orangen, Urin. Es gibt keine Toilette im Haus, dazu geht er in die DĂŒnen.
Ich stelle mir vor, die Wellen rollen weich ĂŒber den weißen Strand. Sand wird empor gespĂŒlt und fortgeschwemmt. Nachts beobachtet er das Firmament, die glitzernden Sterne ĂŒber dem Ozean - ein jeder wirft sein Feuer bis ans Ende der Nacht. Es ist ruhig in Venice, der Totenstadt.
Ein paar andere wohnen hier. Außenseiter, Hippies, KĂŒnstler - LebensmĂŒde. Vielleicht auch ein Toter, der nicht sterben kann.

Die Indianer saßen auf der LadeflĂ€che eines Kleinlasters, der in einen Mercedes gerast ist.
Einer liegt im Mondlicht auf der Schnellstraße. Ringsum die Ödnis.
Schwarz ist der Asphalt, schwarz ist das Blut des Indianers, purpurn quillt die Traube der Eingeweide zwischen seinen Fingern hervor. In lichtlosen Augen spiegelt sich der Mond.
„Halt an“, sagt der Vater. Der Großvater bringt den Wagen zum Stehen.
„Du bleibst hier“, sagt der Vater, dann steigen sie aus.
Das Mondlicht in den Augen des Indianers ist fahl.
Jim will die TĂŒr öffnen und zu ihm laufen, doch der Vater wĂŒrde ihn sehen. Es ist wunderbar still nachts in der WĂŒste. Ein kĂŒhler Windzug spielt mit den Haaren des Toten.
Groß ist der Indianer, seine Haut ist grau und trocken wie Pergament. Wie Schwingen eines schwarzen Vogels fallen die Haare um sein breites Gesicht.
Er liegt in einer Wolke aus Blut. Der Vater und der Großvater kommen zurĂŒck. Sie schweigen, sie fahren die Schnellstraße hinunter in die Dunkelheit.
Jim kann seine Augen nicht von dem toten Vogel losreißen, der ein Indianer mit heraushĂ€ngenden Eingeweiden ist. Dann spĂŒrt er, er selbst ist der Vogel.

„Ein Traum“, hat der Vater spĂ€ter gesagt, „du trĂ€umst“, wenn Jim den toten, schwarzen Vogel sah mit Purpurschwingen aus Blut, der sich auf seiner Brust niederließ und ihn zerhackte. Der Junge war aufgelöst und fiebrig, wenn der Vogel kam, und seine Angst vor ihm war grenzenlos.

Venice ist die Heimat des Vogels, aber er kann dem Dichter nichts mehr antun. Seine Schwingen sind brennendes, rauschendes Blut, aus den Augen leuchtet der Mond; aber der Dichter ist stÀrker.
Kommt der Vogel ihm allzu nahe, dann schluckt er ein paar Pillen und vergisst.

Er hat sich losgelöst : Er hat den Kopfsprung in die schwindelnde Dunkelheit gewagt, und feuersprĂŒhend ist er hervorgegangen, und die Wogen von Finsternis und Wahnsinn verneigten sich vor ihm.
















2
Der Strand
Der glĂŒhende Feuerball der Sonne versinkt im Ozean. Brennend, gleißend und farbenfroh strahlt das Abendlicht, ehe es in den Fluten versinkt. Die WĂ€rme des Tages liegt noch auf dem Sand, der sanft zwischen den Fingern zerrinnt. Morrison schaut auf den Ozean.

Der Philosoph trÀgt den Tod im Herzen und die Wahrheit auf den HÀnden.

Es dauert lange, bis die Sonne völlig verloschen ist und der Ozean das Licht des gespenstischen Mondes spiegelt.
AllmĂ€hlich bevölkern Menschen den Strand : Vereinzelte Gestalten suchen sich ihre PlĂ€tze auf dem unendlichen, langen weißen Streifen vor dem Meer. In AbstĂ€nden von Hundert Metern gruppieren sie sich zu zweit, zu dritt, und kein GerĂ€usch ist zu hören außer dem Wasser. Sie betrachten den Horizont und die Nacht. Dann essen sie BlĂŒten eines geheimen Baumes ; der Horizont steht in Flammen, explodiert und implodiert zugleich, und gebiert aus seiner eigenen Vernichtung eine Neue Welt.

Morrison gehört zu denen, die jeden Abend die Vernichtung und Neu-Erschaffung der Welt betrachten. Er sitzt am Strand in schmutzigen Sachen , er trinkt billigen Wein , er scheißt und pisst , sein Haar ist verfilzt und fĂ€llt in knotigen StrĂ€hnen , von den Drogen ist sein schwitzender Körper abgemagert und schwĂ€chlich wie der eines Verhungernden , willenlos und leer blicken die Augen , wenn er nĂŒchtern ist.

Aber hinter diesem verfallenden Körper , den nur die Jugend verzweifelt am Leben hĂ€lt , wohnt eine schwarzgeflĂŒgelte Seele , die kreischend ĂŒber die gĂ€hnenden Tiefen der Ekstasen gleitet , wieder und wieder stirbt und neu ersteht.

Der Dichter ist weniger Mensch als Engel, weniger lebendig als tot, weniger Wirklichkeit, als Erinnerung – und außerdem, vergessen wir es nicht : Er ist irreal, er ersteht im flatternden Glanze der hellen und dunklen Worte. Er ist nicht Mensch, sondern Kreation ; allein die Macht der Vergangenheit verschmilzt ihn.

Jim Morrison ? Nein.

Eine niedergeschriebene Menschkreation ; wenn ĂŒberhaupt. Aber weiter nun.

Der Tod ist ein Freund.
Manchmal fĂ€llt in Venice Einer. In seinem Erbrochenem, zitternd und schwitzend, ein zuckendes Zerrbild seiner Selbst, dauert es einige Stunden, ehe ihm der Blick starr wird. Keiner kĂŒmmert sich um die Leiche. Irgendwann im Verlauf des ersten oder zweiten Tages kommen die Vögel.

Das Dionysische verlangt einen hohen Preis, meinen die Einen.
Die Anderen wissen : das Leben , es ist ein flĂŒchtiger Schatten , ein hingekritzelter Versuch – balancierend ĂŒber einem unendlichen Abgrund brodelnder SchwĂ€rze.

Viele wollen nicht begraben werden. Sie finden den Gedanken schön , von Vögeln zerrissen und in die LĂŒfte getragen zu werden ; dass die Existenz völlig ausgelöscht wird : Jeder Fetzen des Körpers landet im Magen eines anderen Vogels. Was bleibt , ist die Erinnerung : So wird Erinnerung zur Wirklichkeit.

Morrison kennt den Anderen nicht, aber unaufgefordert zeigt er ihm ein paar Verse. Sie handeln vom Mondlicht. Dem Anderen gefÀllt es. Er sieht Musik darin, dunkle Töne, und er verspricht, sich auf die Suche danach zu begeben.

Musik ist die unmittelbarste aller KĂŒnste. Zugleich ist es die schmerzhafteste.
Der Dichter weiß das. Er weiß, dass die Musik aus dem Abgrund kommt , ĂŒber dem der kĂŒmmerliche Tanz des Lebens auf einem zitternden Seil aufgefĂŒhrt wird.



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von Christophe B

Mir gefĂ€llt die Leselupe, deshalb unterstĂŒtze ich sie... ... indem ich bereits regelmĂ€ĂŸig die Leselupen-Shop-Links nutze.
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