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Ich ziehe in der Küche den zweiten Kaffee des Tages. Ein Motzmail hat mir gründlich den Morgen verdorben. Kein Bock mehr auf Arbeit und PC. Ein Kollege kommt herein. Missmutig wirft auch er seine Tasse unter die Kaffeemaschine: Ihn hat ein Kunde auf digitalem Wege rundfrustiert. Wir pusten gemeinsam in unsere Tassen, mit dem Wasserdampf gleichsam den Muff von uns fort. Da schaut ein dritter Kollege durch die Tür, sieht uns, dreht sich um und brüllt ins Großraumbüro: „Kann mal einer den Müll wegbringen. Da stinkts.“ Grinst über seinen blöden Witz und geht.
Für gewöhnlich gehöre ich zur Sorte Mensch, die sich morgens auf die Firma freut. Nette Kollegen, guter Kaffee, angenehme Arbeit. Jetzt gerade aber verspüre ich Mordgelüste. Erst Meckermails, dann ignorante Kollegen! Dabei rühmen wir uns doch gern, wie zivilisiert wir doch sind.
Pöbeleien auf der Straße entringen uns ein entrüstetes: „Nein, so was aber auch!“ Wir beschäftigen uns mit der Frage, was in der Erziehung dieser Subjekte wohl schief gegangen sein mag und ganze Fernsehprogramme damit, wie man solch einen Menschen wieder in den sozialen Gleichklang bringen kann. Früher, da ist man körperlich geworden, früher, da warf man mit dem faulen Ei oder Tomaten. Dem Ding, was ich jetzt liebend gern zur Hand genommen hätte. Aber erstens war das früher, zweitens bin ich angemessen sozialisiert und drittens gibt es seit der Erfindung des Kühlschranks sowieso zu wenig faule Eier.
Was bleibt mir also übrig? Ich leere den Kaffee und trolle mich an meinen Arbeitsplatz. Bewege mit spitzen Fingern den Cursor auf das Motzmail zu. Da kommt es auf einmal über mich:
Klack: Weiterleiten.
Klapper: Böse Kommentieren.
Klick: Back to Sender. Kopie an Chef und gesamte Abteilung…
Primitiv, aber ich lehne mich entspannt zurück. Es war vielleicht nicht nett, aber unglaublich erleichternd: Modern und massenmedial. Kopier- und speicherbar. Digital und dennoch stinkend. Und nunmehr auch recyclebar: Das Ei-Mail !
Der dritte Kaffee heute hat richtig gut geschmeckt.
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