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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Mutationen
Eingestellt am 18. 06. 2005 16:39


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moehrle
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Mutationen

I. Harald
Alles begann zu einer Zeit als Harald Kresch noch nicht in der ganzen Stadt als Dirty Harry bekannt war.
Einer Zeit in der er, nach gerade ĂŒberstandener PupertĂ€t anfing, das echte Leben kennenzulernen, dass, wie er glaubte, seine Mutter so lange versucht hatte vor ihm zu verbergen.
Dieses „echte Leben“ offenbarte sich in tĂ€glicher Arbeit.
Harald war nie ein guter SchĂŒler gewesen.
Im Schriftlichen schon, doch seine mĂŒndliche Mitarbeit und sein Interesse am Lernstoff waren eine einzige Katastrophe gewesen.
Schließlich, als er den Hauptschulabschluss mit siebzehneinhalb endlich gepackt hatte, brachte ihn seine Mutter in dem ElektrogeschĂ€ft eines Bekannten unter.
Bei seinem mangelndem handwerklichen Geschick sollte er doch eine ordentliche, kaufmÀnnische Lehre antreten, hatte seine Mutter zu ihm gesagt.
Haralds bescheidener Meinung nach ĂŒbersah die gute Frau dabei jedoch, dass er ĂŒber ebenso wenig Talent im kaufmĂ€nnischen Bereich verfĂŒgte.
Leider war Harald weder mit fĂŒnf, noch mit fast achtzehn Jahren auch nur annĂ€hrend in der Lage gewesen, seiner Mutter die Meinung zu sagen, und so trat er nach der Schule seine Lehre im Elekrobedarf­Porsch an.

In seiner Arbeit fand Harald nichts von dem echten Leben, das er sich erhofft hatte, dennoch schleppte er sich jeden Tag hin und wenn er dort war, dehnten sich die Stunden wie Gummi.
Er erwartete nicht viel vom Leben.
Er arbeitete, ging nach Hause, aß, holte sich einen runter, schlief und ging wieder zur Arbeit. Dieser feste Rhythmus, den er schon wĂ€hrend seiner qualvollen Schulzeit eingefĂŒhrt hatte, wurde kaum durch etwas Anderes unterbrochen.
Harald hatte keine Freunde, keinerlei Hobbys und schon gar keine Freundin. Alles was er in dieser Beziehung zu bieten hatte waren ein paar alte Herrenmagazine, die er schamvoll hinter einer Wandverkleidung in seinem Zimmer versteckt hielt, wo sie vor den neugierigen Augen seiner fĂŒrsorglichen Mutter sicher waren.
Irgendwann jedoch erwachte in ihm die SexualitĂ€t und plötzlich hatte er die Nase voll von den ewig gleichen Gesichtern, die ihn dröge-lĂŒstern aus den zerknitterten Seiten heraus anstarrten und warf seine gesamte Magazinsammlung in einer Nacht-und-Nebelaktion in einen MĂŒllcontainer am Stadtrand.
Ein paar Wochen zuvor hatten seine TrÀume begonnen.
Sie waren so anders als alle anderen TrĂ€ume zuvor. Die Dinge die er vorher nur sah, berĂŒhrte er nun in seinen TrĂ€umen und diese BerĂŒhrungen verfolgten ihn bis in den Wachzustand.
Wenn er auch niemals zuvor eine Frau berĂŒhrt hatte, zumindest nicht so, wurde er auf der Stelle sĂŒchtig nach diesem warmen GefĂŒhl und er beschloss, das es ihm nicht mehr genĂŒgen wĂŒrde, beim Anblick unbeweglicher Frauen einen kalten Orgasmus zu bekommen.
Er sehnte sich nach WĂ€rme.
Harald war nicht ganz so weltfremd wie seine Mutter dachte und hoffte. Er glaubte zu wissen, wo er sich WĂ€rme beschaffen konnte.
Er hatte gehört, dass in der Innenstadt eine sogenannte „sĂŒndige Meile“ existierte und als er seine heißen TrĂ€ume bald nicht mehr ertrug fasste er allen Mut zusammen und beschloss mit dem Bus dorthin zu gelangen.

Als Harald an einem Samstag, wĂ€hrend seine Mutter unterwegs war, schließlich im Bus Richtung Innenstadt saß, plagten ihn Zweifel. Drohend hing die schĂŒtzende Hand seiner Mutter ĂŒber ihm. Schon mit dem Bus in die Stadt zu fahren, ganz allein, stellte fĂŒr ihn ein großes Wagnis dar. Zu ĂŒbermĂ€chtig war seine Angst vor dem Unbekannten.
Er schwitzte und sah sich nervös um, kam sich vor als wĂŒrde er von allen anderen Passagieren beobachtet werden, als wĂŒssten sie, was er vorhatte.
Dann stieg er aus. Irgendwo. Er kannte sich wenig bis ĂŒberhaupt nicht aus in der Stadt, deshalb hatte er nicht die geringste Ahnung wo er anfangen sollte zu suchen.
Alles was er hatte war die ungefÀhre Wegbeschreibung, die er wÀhrend seiner Schulzeit aufgeschnappt hatte.
Nachdem er ĂŒber eine Stunde herumgeirrt war, erreichte er endlich den Platz, von dem er so viel gehört hatte.
Bezeichnenderweise trug dieser Platz den Namen Platz der Freiheit.
Alles sah so anders aus, als er es sich vorgestellt hatte.
In seiner Vorstellung war es ein dĂŒsterer Fleck gewesen, umgeben von schĂ€bigen Motels und den Neonschildern der Sexshops, wo die MĂ€nner die Kragen ihrer Jacken hochstellten um nicht erkannt zu werden.
Die Tatsache, dass dieser Platz aussah, wie fast alle anderen öffentlichen PlĂ€tze die er kannte, beruhigte ihn nicht wirklich. Staunend sah er sich um, ein großer, fetter Junge mit unreiner Haut und einem braven Haarschnitt.
Der Platz war klein und grĂŒn, umgeben von ein paar GeschĂ€ften, WohnhĂ€usern und zwei oder drei Hotels. Zaghaft betrat er ihn und blickte sich verstohlen nach den Prostituierten um, erblickte jedoch nur die ĂŒblichen Passanten.
Der Schweiß hatte große, nasse FlĂ€chen unter seinen Achseln gebildet, in denen er zu ertrinken drohte.

Resigniert saß Harald auf einer der BĂ€nke am Rande des Platzes, starrte auf seine Schuhe und verfluchte sein Leben.
Um ihn herum wurde es langsam dunkel und fĂŒr ihn wurde es Zeit wieder nach Hause zu fahren.
Da sprach ihn eine Stimme wie Honig von der Seite an. Erschrocken fuhr sein gerröteter Kopf nach oben und erblickte das Gesicht eines jungen MĂ€dchens. Etwa sein Alter, eher jĂŒnger und sehr hĂŒbsch.
„Wartest du auf jemanden ?“, fragte die Honigstimme.
Harald wollte nicht antworten. Aus seinen matschig-braunen Augen starrte er sie an, und ihm war klar, dass alles was er sagen könnte im Vergleich zu ihr wie altes, zĂ€hflĂŒssiges Öl klingen wĂŒrde.
So schwieg er und sie redete weiter.
„Wartest du auf einen Freund ? Oder ein Freundin ?“
Sie zwinkerte ihm zu und strich sich eine Locke ihres langen, braunen Haares zurĂŒck, die sich aus ihrem Pferdeschwanz befreit hatte.
In seiner Ekstase bemerkte Harald nicht ihre abgekauten FingernÀgel, ihr verfilztes Haar und die Narben an ihren Unterarmen.
Er verlor sich in ihren grĂŒn-braunen Augen und in der Gewissheit, dass ihr Zwinkern allein ihm gegolten hatte.
„Nein, ich hĂ€nge nur ein bißchen rum.“, versuchte Harald cool zu antworten, doch jegliche Coolness blieb auf der Strecke, als mitten im Satz sein Stimmbruch zurĂŒckzukehren drohte.
Das MĂ€dchen strahlte ihn an und im Nachhinein betrachtet war dies der Punkt an dem Haralds Herz auszog zu einer Odysee mit nicht garantierter Wiederkehr.
Als er gerade dabei war, jede Note ihres Körpers zu einer Komposition in seinem Kopf zusammen zu fĂŒgen, fragte sie ihn:
„Möchtest du mit mir mitkommen ?“
Er dachte nicht ĂŒber diese Frage nach. In diesem Moment wĂ€re er ihr ĂŒberall hin gefolgt. Es hatte so unschuldig geklungen.
Sie nahm seine Hand und zog ihn nach oben.
Sein bewusstes Denken setzte aus, als er ihr quer ĂŒber den Platz folgte. Ihrer WĂ€rme folgte.
Unterwegs erklÀrte sie ihm ihre GeschÀftsbedingungen und Harald nickte sie nur eifrig ab, ohne sie richtig zu verstehen.
Als sie vor dem Motel standen, konnte Harald sich nicht mehr daran erinnern gelaufen zu sein. Er war sich nur der WĂ€rme neben sich bewusst und der Tatsache, dass er mit diesem wundervollen Wesen schlafen wĂŒrde...

II. Homo Amantus
Zwei Wochen spÀter waren an Harald deutliche VerÀnderungen zu bemerken. Er war verschlossen und wortkarg geworden.
Seiner Mutter war dies ein RĂ€tsel. Sie versuchte ihn noch fĂŒrsorglicher zu umsorgen, als sie es sonst tat, doch schĂŒttete damit nur noch Öl in einen Vulkan der auszubrechen drohte.
Wenn Harald von der Arbeit nach Hause kam, verschwand er in seinem Zimmer, verschloß die TĂŒr und ließ sich den ganzen Tag nicht mehr blicken. Das Harald fast nichts mehr aß, war schlimm fĂŒr seine fettleibige Mutter, doch das Schlimmste war, das ihr einziges Kind nicht mehr mit ihr redete. Sie musste ihm jedes Wort aus der Nase ziehen.
Als Harald an diesem Tag nach Hause kam, hatte die Familienkrise ihren vorlÀufigen Höhepunkt erreicht.
Er schloß die HaustĂŒr auf und knallte sie hinter sich wieder zu.
Seine Mutter erhob sich stöhnend aus ihrem Fernsehsessel, der unter ihrem imensen Gewicht quitschte und schleppte sich in den Flur um ihren Sohn zu begrĂŒĂŸen. Der stapfte tonlos an ihr vorbei, direkt in sein Zimmer.
Frau Kresch stand alleingelassen da, zwischen den RĂ€umen, den starren Blick Haralds, der ihr Angst eingejagd hatte, immer noch vor Augen. Sie fing an zu weinen.
Sie weinte nicht laut, sondern schluchzte in ihren mÀchtigen Körper hinein, damit Harald sie nicht hören konnte.

Harald stand vor seinem Zimmerfenster, in der Ferne konnte er die Siluette der Stadt im Glanz der untergehenden Sonne sehen und dabei war er selbst mitten im Untergang. Keine seiner alten Wertvorstellungen –oder besser, die seiner Mutter-, hatte die letzten zwei Wochen ĂŒberdauert, doch dessen war er sich nicht wirklich bewusst.
Sein Körper war immer noch vollgepummt mit Adrenalin. Seit ein paar Stunden fĂŒhlte er sich wie in Watte gebettet.
Am Nachmittag hatte es auf der Arbeit einen Vorfall gegeben:
Bis dahin hatte Harald geistlos seine Arbeit verrichtet und war in Gedanken bei IHR und in IHR.
Seit diesem Tag vor zwei Wochen wollte er gar nicht mehr woanders sein.
Sein Chef hatte ihn aus seinen TagtrÀumen gerissen und Harald war ohne Vorwarnung explodiert.
Die Kontrolle ĂŒber Geist und Körper waren hinter einer Wolke purer Zerstörungswut verschwunden und als er sich Minuten spĂ€ter auf dem BĂŒrgersteig vor dem GeschĂ€ft wiedergefunden hatte, konnte er sich nur noch bruchstĂŒckhaft daran erinnern, dass er unter anderem die teure Glasvitrine in StĂŒcke gehauen und Herr Porsch mit Aktenordnern beworfen hatte.
Er hatte nicht vor seiner Mutter beizubringen was vorgefallen war.

Am nĂ€chsten Morgen fĂŒhrte ihn sein Weg nicht zum Elektrobedarf-Porsch, wo er ohnehin nicht mehr erwartet wurde, geschweige denn erwĂŒnscht war, sondern zur Bushaltestelle.
Harald fuhr wieder in die Innenstadt.
Als er im Bus saß kam es ihm vor, als wĂ€ren sĂ€mtliche Heizungen voll aufgedreht, und das im SpĂ€tsommer.
Schweiß lief ihm in feinen RinnsĂ€len die Stirn herunter.
Harald war froh, als er endlich aussteigen konnte und diesmal brauchte er noch keine Viertelstunde um zum Platz der Freiheit zu gelangen, auf dem wieder reger Menschenverkehr herrschte.
Er wusste SIE wĂŒrde da sein.
Er vermisste und fĂŒrchtete SIE gleichzeitig, denn er hatte keine Vorstellung davon, wie ihr Wiedersehen aussehen wĂŒrde.
In seiner Phantasie war er so viele Variationen durchgegangen, dass er nun völlig unsicher war.
Er fragte sich Ă€ngstlich, ob SIE ihn, nach zwei Wochen, ĂŒberhaupt wiedererkennen wĂŒrde und war sich nicht sicher, ob er die Antwort darauf wissen wollte.
Das MÀdchen hatte sich in seinen Verstand und sein Herz eingeschlichen und ohne zu wissen, wie er es bewerkstelligen sollte wusste Harald auf eine naive Art, dass sie zu ihm gehörte und das er sie rausholen musste aus diesem Milleu.
Schließlich setzte er sich auf die Bank, auf der er gesessen hatte, als er IHR das erste Mal begegnet war. Erinnerungen schossen in ihm hoch, in dem Moment, als sein breiter Hintern die SitzflĂ€che berĂŒhrte.
Er sah SIE vor seinem inneren Auge, ihre Augen, ihre vollen Lippen, er roch SIE, hörte ihre Honigstimme in seine Ohren flĂŒstern und blieb völlig verstört zurĂŒck als diese Vision wieder verschwand.
Aus leeren Augen schweifte sein Blick ĂŒber den Platz, doch SIE war nicht da. Harald kam zu dem Entschluss, dass es noch zu frĂŒh war und so wartete er fast regungslos, ohne einen einzigen klaren Gedanken zu formulieren, bis zum Nachmittag.
Dann erst brachten die Schmerzen in Hintern und RĂŒcken ihn dazu sich zu erheben und auf die Uhr zu sehen.
Sein Magen knurrte wie eine wilde Bestie, doch Harald hatte in den letzten beiden Wochen gelernt mit diesem GefĂŒhl im Bauch umzugehen.
Er beachtete das Grollen ĂŒberhaupt nicht.
Seine Mutter wartete daheim mit dem Essen auf ihn und machte sich wahrscheinlich bereits Sorgen, das wusste er und es war ihm egal.
Die Liebe und das VerantwortungsgefĂŒhl ihr gegenĂŒber hatte sich innerhalb kĂŒrzester in Wut und GleichgĂŒltigkeit gewandelt.
Harald wĂŒrde heute nicht nach Hause gehen, bevor er SIE gesehen hatte und er verspĂŒrte keine große Lust dazu ĂŒberhaupt nach Hause zu gehen.
Immer mehr sah er in seiner Mutter, und das war nicht schwer, ein gewaltiges Gewicht, dass ihn nach unten zu ziehen drohte.
Er setzte sich wieder.
Harald sah an sich herab und verfluchte seine Mutter erneut.
In den Klamotten, die sie fĂŒr ihn gekauft hatte, kam er sich vor, wie ein zu großes Kind.
In diesem Moment begriff Harald, dass das, was er selbst kaum verstand, seine Mutter niemals verstehen wĂŒrde und fĂŒhlte sich damit ein bißchen erwachsener.

Als es schließlich Abend wurde und die DĂ€mmerung einsetzte, war es damit vorbei. DĂŒstere Gestalten schlichen ĂŒber den schlecht beleuchteten Platz und einige von ihnen sahen Harald an, als wĂ€re er eine leichte Beute. Obwohl starker Wind aufkam und er fror, da er nur ein T-Shirt trug, schwitzte er stark unter den Armen.
Ihm kam der Gedanke, dass diese Typen seinen Angstschweiß riechen könnten und dieser Gedanke brachte ihn nur noch mehr ins Schwitzen.
Er fĂŒhlte sich wieder wie ein Kind und ein Teil von ihm wollte wieder zu seiner Mutter.
Dann betrat SIE den Platz.
Zwischen zwei schwach leuchtenden Laternen kam das MĂ€dchen, dass sich ihm als Nina vorgestellt hatte, aus einer Seitengasse auf die Mitte des Platzes zugeschlendert. FĂŒr Harald wurde der Platz mit einem Mal heller und erstrahlte in einem goldenem Glanz, der alle Ängste wegspĂŒlte und seine Seele wĂ€rmte.
Einem inneren Impuls folgend wollte er aufspringen und auf SIE zulaufen, SIE umarmen und nie wieder loslassen.
Er hatte das GefĂŒhl, das sie die einzige Medizin fĂŒr seine schwere Krankheit war.
FĂŒr einen Moment dachte er, SIE kĂ€me direkt auf ihn zu, doch das tat sie nicht.
Er riss allen Mut zusammen, den die Erziehung seiner Mutter ihm noch gelassen hatte und stand langsam auf. Blut schoss in seinen Kopf und zauberte Sternchen in seine Augen.
Dann wankte er los, mit babyweichen Schritten.
Nina hatte sich mittlerweile auf eine Bank auf der anderen Seite des Platzes gesetzt. Sie wĂŒhlte in ihrem Armeerucksack und kramte eine Schachtel Luckys hervor.
Sie steckte sich eine an, stĂŒtzte den Kopf auf die HĂ€nde und starrte vertrĂ€umt vor sich hin ins Halbdunkel.
Harald fĂŒhlte sich wie in einer Achterbahn. Eine unbĂ€ndige Kraft schob ihn auf sein Ziel vor. Er wollte aussteigen, doch die Befehlskraft ĂŒber seinen Körper war ihm entzogen.
Plötzlich stand er vor IHR und ihm kam alles viel zu schnell vor.
Sie bemerkte ihn und hob den Kopf.
Sie sah mĂŒde aus und hatte dunkle Ringe unter ihren großen, geröteten Augen.
Harald stand da, schwankend vor NervositÀt, unfÀhig etwas zu sagen.
Ihr Blick war fragend.
Wie sie ihn so ansah und darauf wartete, dass er etwas sagte, wurde ihm klar, dass sie nach zwei Wochen keine Ahnung mehr hatte, wer er war.
„Suchst du jemanden ?“
Ihre Stimme stach tief in seine Brust und teilte sein Herz.
Er musste sich zwingen zu antworten.
„Ich habe dich gesucht, Nina.“, brachte er schließlich hervor und Ninas unglĂ€ubig erhobene Augenbraue ließ ihn fast erschaudern.
„Du kamst mir direkt so bekannt vor.“, strahlte Nina auf einmal und es war offensichtlich das sie log.
„Möchtest du mitkommen ?“
Harald wollte, aber er konnte nicht, er hatte nur noch genug Geld bei sich um den Bus zurĂŒck zu bezahlen und wusste sowieso nicht, ob er ihre bezahlten BerĂŒhrungen ertragen könnte.
„Ja, schon.“, druckste Harald herum.
„Aber ?“, fragte Nina ihn fordernd und sah Harald von unten aus ihren braun-grĂŒnen Augen an, dass es ihm am ganzen Körper zitterte.
Ihre aufgesprungenen Lippen lÀchelten und sie stand auf.
„Aber... Ich habe kein Geld dabei, ich wollte nur...“
Ninas Gesicht verfinsterte sich, der Glanz aus ihren Augen verschwand, jegliches Interesse an Harald schien verflogen.
„...nach deiner Telefonnummer fragen.“
Nina lachte laut auf. Sie lachte Harald aus und nichts mehr an ihrem Gesicht war niedlich oder sympathisch.
Abwehrend hob sie ihre Hand, schulterte ihren Rucksack, drehte sich um und ging.
„Du kannst wiederkommen, wenn deine Mama dir Taschengeld gegeben hat.“, rief sie ihm zu, ohne sich umzudrehen und ließ den völlig verstörten Harald zurĂŒck.
An diesem Abend verließ Harald den Platz nicht mehr.
Er schlief auf eben jener Bank, auf der er den halben Tag verbracht hatte und hatte keine Angst mehr davor ausgeraubt zu werden.

III. Evolution
Die Nacht, die er auf der Bank verbracht hatte, war der Moment, an dem sich die Welle brach, die Harald ins echte Leben spĂŒlte.
Er war am nĂ€chsten Morgen noch ein einziges Mal nach Hause gegangen, wo ihn seine Mutter völlig außer sich empfing.
Er emfand nur noch Verachtung fĂŒr sie.
WÀhrend er seine Sachen gepackt hatte, war sie heulend um ihn herum getÀnzelt, doch er hatte sie nicht beachtet.
Mit seiner alten Schultasche bepackt und mit seinem Sparkonto und ein wenig Bargeld in der Tasche hatte er das Haus und seine in TrĂ€nen aufgelöste, alleinerziehende Mutter verlassen. Er war mit dem Bus zurĂŒck in die Stadt gefahren, wo er sich ein Zimmer im billigsten Motel nahm.
Die ersten Tage dort verbrachte er vorwiegend im Bett, starrte die Zimmerdecke an und dachte ĂŒber sich selbst nach, in einer Form wie er es nie zuvor getan hatte.

IV. Dirty Harry
Derselbe Harald, der frĂŒher SchweißausbrĂŒche bekam, wenn er nur alleine mit dem Bus fahren musste, stand jetzt, ĂŒber anderthalb Jahre spĂ€ter, in der Schlange vor der Kasse eines FotogeschĂ€ftes.
Vor ihm hantierte ein alter Mann mit Kleingeld aus seiner Brieftasche. Harald sah genervt aus.
Der alte Mann zĂ€hlte die MĂŒnzen mit großer Sorgfalt und zĂ€hlte dabei laut.
„Ich hab es eilig.“, sagte Harald mit fester Stimme und schubste den Mann vor sich zur Seite.
Das Geld fiel auf den Boden.
„Junger Mann“, sagte der VerkĂ€ufer streng, sein Gesicht jedoch war voller Angst.
„Sie können doch nicht...“
Harald konnte und schnitt ihm das Wort ab.
„Halt dein Maul und gib mir drei Filme und zwar schnell. Von denen da !“
Der VerkĂ€ufer, selber ein alter, grauhaariger Mann, wollte ihn schon schon drĂ€ngen zu gehen und damit drohen, dass er die Polizei ruft, doch Haralds eiskalter Blick ließ ihn gehorchen.
Zitternd kramte er die Filme heraus und legte sie auf die Theke.
Vor lauter Aufregung vergaß er zu kassieren und Harald ging wortlos nach draußen.
Nicht nur Haralds Verhalten hatte sich in dieser Zeit komplett geĂ€ndert, auch sein Äußeres hatte sich so sehr verĂ€ndert, dass ihn wahrscheinlich nicht einmal seine Mutter wiedererkannt hĂ€tte.
Er hatte sich seine Haare abrasiert und mindestens fĂŒnfzehn Kilo abgenommen, obwohl er sich zusĂ€tzlich Muskelmasse antrainiert hatte.
Jedes KleidungsstĂŒck, dass er frĂŒher besessen hatte und das seine Mutter ihm gekauft hatte, hatte er entweder daheim gelassen, oder mittlerweile weggeworfen.
Er hatte sich entschieden nur noch schwarz zu tragen.
Das war ihm auch in seinem neuen Job behilflich, er war als Rausschmeißer in einem Strip-Club engagiert worden.
Harald, der sich wĂ€hrend seiner gesamten Kindheit niemals geprĂŒgelt hatte, war sehr zufrieden mit seiner Arbeit und hatte sich innerhalb kĂŒrzester Zeit zurecht einen Ruf angeeignet, der ihm den Namen Dirty Harry eingebracht hatte.
Auf diesen Namen war er in gewisser Weise stolz.
Doch im Moment hatte es Dirty Harry eilig.
Außer Atem erreichte er den Platz der Freiheit und hoffte, dass er nicht zu spĂ€t dran war.
Er setzte sich auf dieselbe Bank, auf der er vor scheinbar unendlichen Zeiten seine befreiende Nacht verbracht hatte und zog einen Fotoapperat aus seiner Lederjacke.
Er öffnete sie und legte sorgfÀltig einen neuen Film ein.
Sein schwarzes Herz machte einen Sprung, als er sah, dass SIE gerade den Platz betrat.
Harry stand langsam auf und drehte sich um.
Mit unruhigem Blick bewegte er sich auf eine große Hecke zu, hinter der sie ihn nicht sehen konnte.
Als er dort ankam, sah er sich um, fĂŒhlte sich unbeobachtet und verschwand im Inneren des GebĂŒsches.
SIE hatte jemanden bei sich, einen Mann, der locker ihr Vater, wenn nicht ihr Großvater hĂ€tte sein können.
Harry nahm seine Kamera und zoomte nÀher heran.
Er musste hart schlucken, denn Nina sah fröhlich aus.
Der Mann hatte seinen Arm um sie geschlungen und schien ihr etwas zu erzĂ€hlen. Aus ihren großen Augen blickte sie interessiert zu ihm auf, warf dann den Kopf in den Nacken und lachte.
In Harry brodelte dumpfe, hilflose Wut.
Die Beiden blieben stehen, umarmten sich kurz und der Ă€ltere Herr verließ den Platz.
Nina blieb zurĂŒck, sah ihm hinterher und zĂŒndete sich eine Zigarrette an.
Sie hatte sich kaum verĂ€ndert, wenn ĂŒberhaupt, war sie noch hĂŒbscher geworden.
Jetzt erst drĂŒckte Harry den Auslöseknopf seiner Kamera.
Ein schönes Foto, dachte Harry, denn es war eines der wenigen, auf denen SIE lÀchelte.
Es wĂŒrde einen besonderen Platz in einem seiner Fotoalben bekommen, in denen er die Bilder von Nina aufbewahrte.
Vielleicht wĂŒrde er sich das Bild auch an seine Wand hĂ€ngen, oder es als Poster entwickeln lassen.
Harry beobachtete Nina noch eine ganze Weile, schoss noch ein paar weniger gelungene Fotos von ihr und verließ den Platz erst, als auch sie ihn verließ.
FĂŒr ihn wurde es Zeit, sich fĂŒr die Arbeit umzuziehen.

Durch seinen Job im Night-Life, so hieß der Club in dem er nun arbeitete, und die Tatsache, daß er einen großen Teil seiner freien Zeit auf dem Platz der Freiheit verbrachte, verstand er mittlerweile mehr vom Milleu als ihm lieb war.
Er wusste genau welches MĂ€dchen zu welchem ZuhĂ€lter gehörte und er wusste ebenso fĂŒr wen diese ZuhĂ€lter arbeiteten.
So wusste er auch fĂŒr wen Nina arbeitete.
Bei den MĂ€dchen war Harry sehr beliebt, denn er kannte keinerlei RĂŒcksicht bei Kunden, die zu aufdringlich wurden und auch seine Kollegen, wenn man sie denn so nennen konnte, respektierten ihn.
Mit dem Besitzer des Clubs verband Harry gar fast so etwas wie Freundschaft, seit dem Tag als er ihn um einen Job angebettelt hatte.
Auf dessen Frage warum er diesen Job unbedingt wollte, hatte Harry ihm geantwortet, er hĂ€tte Spaß daran Arschlöchern die Fresse einzuschlagen, doch das war natĂŒrlich nicht einmal die halbe Wahrheit.
Sein Boss hieß Tom und war ein alter Nazi, doch das war Harry egal.
Er stand sozusagen unter seinem privaten Schutz und da Tom auf dem Platz und in den windigen Straßen um ihn herum das Sagen hatte, wagte es selten jemand ihm blöd zu kommen.

Harry stand wie jeden Abend vor dem Eingang des Night Lifes und starrte mit bösem Blick auf die Straße vor sich. Die kalte Waffe an seiner Seite fĂŒhlte sich gut an.
Es gab nur selten etwas zu tun und wenn er mal jemanden aufmischen musste, dann war derjenige ohnehin schon zu besoffen um sich entsprechend zu wehren.
Im nĂŒchternen Zustand hĂ€tte es kaum jemand gewagt sich in Toms Club wie eine Sau aufzufĂŒhren, denn jeder wusste, dass Tom mit eiserner und Schlagringen bewehrter Hand regierte.
So hatte Harry viel Zeit zu beobachten und er achtete auf jede Einzelheit. Seit er von daheim weg war fĂŒhlte er sich irgendwie intelligenter. Er hatte die Leute verstanden die sich in dieser Sub-Kultur bewegten und war sich sicher sie nach seinem Willen manipulieren zu können.
Eine kleine Gruppe bewegte sich auf ihn zu. Zwei Àltere Herren mit zwei jungen MÀdchen an ihrer Seite. GeschÀftsleute, wie Harry auf den ersten Blick feststellte. Von ihnen ging keinerlei Gefahr aus. Harry konnte die Menschen mittlerweile sehr gut einschÀtzen.
Die beiden MĂ€dchen kannte er flĂŒchtig.
Als er sie einließ zwinkerte ihm eines der MĂ€dchen zu und Harald lĂ€chelte geschmeichelt zurĂŒck. Seit er hier arbeitete hatte er mehr Chancen bei Frauen, als er sich je zu erhoffen gewagt hatte, aber all diese MĂ€dchen hatten keine Chancen bei ihm. Sie konnten dem Vergleich mit IHR einfach nicht standhalten.
Vielleicht, so glaubte Harry manchmal, war es seine Unnahbarkeit die sie so anziehend fanden.
Er blickte ihnen hinterher, wĂ€hrend sie im Inneren des Clubs verschwanden und als er sich wieder umdrehte sah er die Ratte die Straße hochkommen.
Die Ratte oder auch Rattenmann genannt war einer der Luden, die unter Tom arbeiteten und er kam fast jeden Abend vorbei, um etwas zu trinken, bevor oder nachdem er seine Runde machte und das Geld von seinen MĂ€dchen einsammelte. Er war ein schmieriger, kleiner Typ und in seinem Gesicht regierte stets ein unechtes, dreckiges Grinsen.
Als er Harry sah wurde sein Grinsen noch breiter und dreckiger.
Harry zwang sich zurĂŒckzugrinsen, doch im Inneren kochte er.
Der Rattenmann war Ninas ZuhĂ€lter und jedesmal wenn Harry ihn sah hegte er den Wunsch ihm sein dĂŒmmliches Grinsen fĂŒr immer auszutreiben. Aber trotz seines jĂ€mmerlichen Aussehens war der Rattenmann hochgefĂ€hrlich und cleverer als man auf den ersten Blick vermutete.
Zudem war er ebenfalls ein Liebling von Tom, was die Sache unnötig verkomplizierte.
„Ah, Dirty Harry, mein Mann.“, sagte er und klopfte ihm auf die Schulter.
Harry nickte freundlich zurĂŒck, sagte aber nichts.
„Wie lĂ€uft das GeschĂ€ft, mein Junge ?“
„Ziemlich ruhig und was machen deine MĂ€dchen ?“, fragte Harald und in seinen Gedanken sah er Nina. Fast hĂ€tte er nach seiner Waffe gegriffen.
„Ach, du kennst je diese Schlampen, versuchen stĂ€ndig den Rattenmann abzuziehen. Er lĂ€sst sich so eine Scheiße aber nicht gefallen.“
Harry nickte, als verstĂŒnde er und als die Ratte im Club verschwand, sah er ihm hinterher und wĂŒnschte sich ihm einfach von hinten eine Kugel in den Kopf jagen zu können, das war jedoch unmöglich.
Er hasste Leute, die von sich in der dritten Person sprachen, erst recht wenn sie sich selbst Rattenmann nannten, aber er hatte PlÀne diesem Hass Ausdruck zu verleihen.
In den nĂ€chsten Stunden gab es fĂŒr Harald fast nichts zu tun, er stand steif an seinem Platz, ohne sich zu bewegen und hatte Zeit den Hass in seinem Kopf neu zu ordnen.

Etwas riss ihn aus seiner Lethargie.
SIE ĂŒberquerte die Straße und kam auf das Night Life zugelaufen und sah aus als hĂ€tte sie es sehr eilig.
FĂŒr einen Moment setzte Harrys Denken aus, er wusste nicht was er sagen wĂŒrde, wenn sie vor ihm stand.
Sein ganzer Körper fing an zu zittern.
In der gesamten Zeit, in der er hier arbeitete hatte er sie zweimal flĂŒchtig hier gesehen und beide Male hatte sie ihn nicht einmal beachtet.
Jetzt stand Nina direkt vor ihm und fĂŒr einen Moment schoss ihm der absurde Gedanke durch den Kopf, dass SIE in ihm den dicken, schwerfĂ€lligen Jungen erkannte, der er einmal war.
„Ist Mark da drin ?“, fragte sie ihn mit wĂŒtender und unendlich mĂŒder Stimme.
Er starrte in ihre Augen und fĂŒhlte sich in der Zeit zurĂŒckversetzt.
Er erkannte jede Nuance der Farben in ihren Augen und war ĂŒberzeugt sie enthielten mehr Farben als ein Regenbogen.
Endlich zwang sich Harry dazu ihr zu antworten.
„Welcher Mark ?“
Seine Stimme klang wieder wie jene, die er sich mĂŒhsam abtrainiert hatte.
„Du weißt schon, der Rattenmann.“
Nina lachte verÀchtlich.
„Ja, er ist...“
Noch bevor er den Satz beenden konnte, betrat Nina das Innere des Night Life und Harry konnte ihrer zierlichen Figur nur noch sehnsĂŒchtig hinterhersehen.
Seine Knie wurden weich und fast wĂ€re er auf dem BĂŒrgersteig zusammengebrochen.
Kurz nachdem Nina hineingegangen war hörte Harry von Innen GerÀusche, mit denen er mittlerweile vertraut war.
Es waren GerĂ€usche, die Ärger ankĂŒndigten.
Er stĂŒrmte hinein.
Das Night Life war nicht besonders groß, der untere Teil bestand nur aus einer langen Theke, einigen Tischen und der TanzflĂ€che fĂŒr die Stripperinnen. In der hinteren Ecke war die Treppe, die nach oben zu den Zimmern der MĂ€dchen fĂŒhrte.
Nina stritt sich mit Mark, dem Rattenmann.
Einige der anderen GĂ€ste hatten sich um die Beiden versammelt.
Es ging um Geld.
„Du kannst nicht einfach in mein Zimmer marschieren, wenn ich nicht da bin und meinen ganzen Tageslohn mitnehmen, du blödes Arschloch.“, schrie Nina ihn an.
Der Rattenmann saß immer noch an seinem Tisch und lachte betrunken.
Er trank sein Glas leer, erhob sich und boxte Nina ansatzlos mit der Faust ins Gesicht.
Auf einen Moment wie diesen hatte Harry gewartet.
WĂŒtend schnaubend stapfte er zur Theke, schnappte sich ein Glas und rannte auf die Ratte zu.
BrĂŒllend holte er aus und schlug ihm das halbvolle Bierglas gegen die SchlĂ€fe. Die Ratte ging mit einem verdutzten Gesichtsausdruck zu Boden. WĂ€hrend er nach unten glitt schlug Harry noch einmal zu und als sein Gegner blutend auf dem Bauch lag bearbeitete er ihn mit wilden Tritten. Erst als er in seine Jacke griff, um seine Waffe zu ziehen, konnte er von Maikel dem anderen TĂŒrsteher und einem der GĂ€ste festgehalten und entwaffnet werden.
Nina saß mit blutender Nase auf dem Boden und sah Harry fassungslos an. IHR Anblick erweckte in Harry neue Wutreserven.
Er riss sich los und stĂŒrzte sich erneut auf die Ratte, rollte ihn auf den RĂŒcken und schlug wie besessen auf seinen Kopf ein. Der Rattenmann hatte mittlerweile das Bewusstsein verloren.
Sein Gesicht hatte nun nichts mehr rattenhaftes an sich.
Tom, der Besitzer des Clubs, kam aufgeregt die Treppe heruntergestĂŒrmt.
„Was lĂ€uft hier fĂŒr eine Scheiße ?!“, schrie er und alle im Saal verstummten.
Er trug nur eine Boxershort und ein T-Shirt mit der Aufschrift White Trash.
Entsetzt starrte er auf die Szene vor sich. Sein Blick wanderte vom bewusstlosen Rattenmann zu Harry und wieder zurĂŒck.
Er konnte nicht glauben was er sah.
Dann bemerkte er Nina, die sich gerade aufrichtete und er glaubte zu verstehen.
„Was ist hier passiert ?“, fragte er.
Mikel, der Rausschmeißer, erklĂ€rte es ihm in knappen SĂ€tzen.
Vergeblich versuchte Tom den Rattenmann wieder wach zu bekommen.
„Ruft verdammt noch mal einen Krankenwagen !“, schrie er sichtlich angespannt.
Harry stand mit gesenkem Kopf daneben und bemerkte nicht den bewundernden Blick, mit dem Nina ihn ansah.
Tom stand auf und packte Harry am Kragen.
„Wenn er wieder wach ist, wird er dich umbringen wollen und ich habe keine Lust ihn davon abzuhalten. Es ist mir scheißegal warum das hier passiert ist, aber lass dich hier besser nie wieder sehen.“
Mit diesen Worten schubste er Harry von sich.
Harry machte das er rauskam. Er hatte eines von Toms Gesetzen gebrochen und wusste was das hieß. Er war hier nun nicht mehr lĂ€nger erwĂŒnscht.
Die anderen GĂ€ste sahen ihm auf seinem Weg nach draußen hinterher.
Nun wandte Tom sich Nina zu.
„Und du kannst dich ebenfalls verpissen. Mit dir hat man nichts als Ärger, du dumme Schlampe.“
Er gab ihr eine saftige Ohrfeige.
Tom drehte sich um.
„Was glotzt ihr so ? Bringt einen Lappen und etwas Wasser und ruft gottverdammtnochmal einen Krankenwagen.“

Harry trottete mit gesenktem Kopf die Straße entlang.
Er war auf dem Weg zu seiner Wohnung, wusste aber, dass er dort nicht mehr lange bleiben konnte. Wenn man sich hier etwas zu Schulden kommen ließ war man vogelfrei.
Er hatte keine Ahnung wo er nun hin sollte.
Sicher, er konnte zu seiner Mutter zurĂŒck, aber das brachte er nicht fertig. Außerdem war diese Stadt zu klein, wenn ein Typ wie der Rattenmann einen auf den Index gesetzt hatte. Er erkannte, dass er weg musste aus dieser Stadt, weg von IHR.
Das brach ihm das Herz.
„Hey !“, rief eine Stimme hinter ihm und er erkannte SIE sofort.
Es war die Honigstimme die ihn in seinen TrÀumen verfolgte.
„Bleib mal stehen.“
Er blieb stehen und in seiner Brust hÀmmerte es unbarmherzig.
SIE kam auf ihn zugelaufen.
FĂŒr einen Moment dachte er, dass der Wahnsinn, der die letzten Monate an ihm genagt hatte, nun entgĂŒltig die Kontrolle ĂŒber ihn gewonnen hatte, aber es war wirklich Nina.
Sie stand vor ihm und sah ihn lĂ€chelnd an. FĂŒr einen Moment wussten beide nicht was sie sagen sollten und Harry musste dem Drang widerstehen, sie zu umarmen.
„Danke.“, sagte sie schließlich und in ihrem Blick war etwas, dass Harry nicht genau identifizieren konnte, aber es zauberte eine angenehme GĂ€nsehaut auf seine Arme.
Lange sagte er nichts, sondern sah sie nur an und wurde sich langsam der Situation bewusst.
„Du brauchst dich nicht zu bedanken, ich habe nur meine Arbeit gemacht.“
Sie schĂŒttelte ihren Kopf.
„Nein und das weißt du auch. Ich weiß nicht wieso, aber du hast es fĂŒr mich getan.“
Er bemerkte, dass sie ein Weinen unterdrĂŒckte.
Sie umarmte ihn und es war wie in Haralds TrÀumen, es war so surreal, dass er damit rechnete, jeden Moment, mit einem schwarzen Nebel im Kopf wach zu werden, wie es ihm so oft passiert war.
Er hielt SIE in seinen Armen und die Umarmung schien eine Ewigkeit zu dauern.
Als sie ihn losließ fragte sie:
„Wegen mir hast du deinen Job verloren, warum hast du das getan, du kennst mich doch ĂŒberhaupt nicht !?“
Fast hÀtte Harry laut gelacht.
Er sagte nichts, aber in seinem Blick sah sie alles.
Fast alles.
„Wo gehst du jetzt hin ?“, fragte ihn Nina.
Harry ĂŒberlegt und schĂŒttelte dann den Kopf.
Er hatte nicht die geringste Ahnung.
„Wenn du nichts dagegen hast, wĂŒrde ich gerne mit dir kommen. Ich glaube ich kann mich hier auch nicht mehr sehen lassen. Ich wollte sowieso diesen ganzen Scheiß hinter mir lassen.“
In seinem Blick sah sie, daß er nichts dagegen hĂ€tte, wenn sie mit ihm ging.
Sie nahm seine Hand und gemeinsam gingen sie die Straße entlang.
Harry konnte nicht fassen was gerade passierte, es war als wÀren seine TrÀume RealitÀt geworden und trotzdem nagte etwas an ihm. Etwas in der hintersten Ecke seines Verstandes.

V. Mutationen
Harald saß am Esstisch und vor ihm ausgebreitet lagen einige Fotos von Nina. Gedankenverloren starrte er sie an, die Zigarette in seiner Hand war bis auf den Filter abgebrannt.
Fast zwei weitere Jahre waren vergangen.
Er und Nina hatten eine gute Zeit gehabt. Er hatte alles ĂŒber sie erfahren und sie fast alles ĂŒber ihn, doch er hatte ihr niemals erzĂ€hlt, dass ihre Beziehung eigentlich schon vor ĂŒber drei Jahren begonnen hatte. Mit bezahltem Sex.
Sie hatten sich zusammen eine Wohnung gemietet, weit weg von Leuten wie Tom und dem Rattenmann, und Nina hatte einen richtigen Job angenommen.
Sie arbeitete als Kassiererin in einer großen Supermarktkette.
Nicht gerade ihr Traumjob, aber sie war froh, nicht mehr anzuschaffen. Und Harald war es auch.
Als er sie an der WohnungstĂŒr hörte, sammelte er schnell die Fotos ein und verstaute sie in seiner Hosentasche.
Nina betrat die Wohnung.
Sie sah gepflegter und ein gutes StĂŒck erwachsener aus als frĂŒher.
Nina stellte ihre Handtasche auf den Esstisch und begrĂŒĂŸte Harald mit einem dicken Kuss auf die Lippen.
„Wie war dein Tag ?“, fragte sie ihn, doch Harald gab nur ein Grunzen von sich.
„Aha, sehr interessant. Was ist los ?“
„Nichts.“, log Harald und rang sich ein LĂ€cheln ab.
Sie sieht nicht mehr wie frĂŒher aus, dachte er mit einem Anflug von Melancholie.
„Was willst du heute essen, SĂŒĂŸer ?“
Harald wollte nichts essen, in den letzten beiden Jahren hatte er wieder ziemlich genau das zugenommen, was er im Jahr zuvor abgenommen hatte.
„Ich hab schon gegessen.“, sagte er knapp.
Er erwartete, dass Nina ihn misstrauisch ansah, doch stattdessen lÀchelte sie und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
Sie ging zum KĂŒhlschrank und nahm sich einen Schokoriegel heraus.
In diesem Moment erinnerte sie Harald an jemanden, aber er wusste nicht genau an wen.
Er sah ihr zu, wie sie ihre Jacke auszog, sich auf die Couch setzte und den Fernseher anstellte. Eine junge, attraktive Frau.
Doch in dem Moment, als er sie beobachtete, wie sie die langen Beine hochlegte, ihren Schokoriegel kaute und in den Fernseher starrte, erkannte er, an wen sie ihn erinnerte.
Es war ihm als sĂ€ĂŸe eine junge, schlankere Version seiner Mutter vor ihm.
Da riss etwas in Harald, dass unwiderbringlich verlorenging und er brach in bittere TrÀnen aus.

ENDE

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moehrle

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