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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Nach der Premiere
Eingestellt am 07. 05. 2006 00:04


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Josef Knecht
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2006

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Nach der Premiere

Als sich Guiseppe Verdi am Abend des 6. MĂ€rz 1853 mit hastigen Schritten auf dem Weg vom Teatro La Fenice zu seiner Wohnung befand war er in einem Zustand tiefster Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Der Regen klatschte ihm ins Gesicht, lief ĂŒber seine Wangen und verfing sich in seinem Bart, als er durch die engen Gassen von Venedig lief. Mit wie viel Zuversicht, mit wie vielen TrĂ€umen war er in die Lagunenstadt gereist. Zwei grandiose Opern wurden im letzten Jahr von ihm aufgefĂŒhrt. Das Lied des Herzogs von Mantua „La Donna Ă© Mobile“ aus Rigoletto war populĂ€rer als der Gefangenenchor in Nabucco. Und Il Trovatore! Welche Kraft steckte in dieser Musik. Vor 3 Monaten erlebte er bei der Premiere in Rom seinen grĂ¶ĂŸten Triumph. Wie die Menschen ihn liebten. Und jetzt die Traviata. Er komponierte wie im Rausch ein MusikstĂŒck um das andere und er wusste, noch nie hatte er schönere, noch nie hatte er vollendetere Töne zu Papier gebracht. Doch in ein paar Stunden wĂŒrden es die Tauben von Venedig aus allen Löchern pfeifen. Verdis neue Oper war durchgefallen. Sie wurde nicht nur ausgebuht, nein, sie wurde verlacht. Der Tod seiner Violetta als ein KomödienstĂŒck.
Der Weg zur Wohnung war kurz, so lief er nicht Gefahr, dass jemand ihn erkannte und ansprach. Als er angekommen war setzte er setzte er sich ans Klavier, klappte den Deckel hoch und fing an zu spielen. Ohne dass er ĂŒberlegen musste fanden seine Finger die Tasten und sie spielten einen Teil der OuvertĂŒre. FĂŒr einige Augenblicke vergas er seine Sorgen und er versank ganz im Zauber seiner Musik. Plötzlich verĂ€nderte sich unter seinen HĂ€nden die Musik. Aus einem Inneren kamen andere, dramatischere, wenn auch nicht mehr so melodische Töne hervor. Es war, als wĂŒrden sich seine GefĂŒhle durch das Klavier ein Ventil suchen.
Nach einiger Zeit wurde ihm bewusst, dass er nicht mehr allein im Zimmer war. Guiseppina war zu ihm getreten. Sie hatte zuerst einige Minuten schweigend bei ihm gestanden und ihm dann die Hand auf die Schulter gelegt. Als Verdi die BerĂŒhrung merkte stieß er die Hand seiner Geliebten weg. Verdi fuhr herum und blickte sie an. Sein Blick war entschlossen und abweisend zugleich.
„Ich will nicht mehr komponieren! Ich habe genug. Ein Publikum das meine Musik nicht zu schĂ€tzen weiß hat mich nicht verdient!“ Die SĂ€tze kamen ruhig und gefasst aus seinem Mund, doch in Wirklichkeit war er aufs Ă€ußerste angespannt und erregt.
„Wegen einer Oper, die bei einer Premiere durchgefallen ist? Guiseppe, mach dich doch nicht lĂ€cherlich. Das geht vorbei und in einem Jahr denkt keiner mehr daran!“
Verdi drehte sich zum Klavier um und fing wieder an zu spielen. Diesmal das Trinklied aus dem ersten Akt.
„Du weißt wie viele Stunden ich an jedem dieser MusikstĂŒcke geschrieben habe. Ich liebe das Leben und ich liebe die Musik, doch die Ignoranz meines Publikums halte ich nicht aus.“
„Du denkst jetzt nur an das Ende der Oper und wie die Leute gelacht haben. Sie haben nicht ĂŒber deine Musik gelacht. Oder wurdest du nicht nach dem ersten Akt vor den Vorhang gerufen? Falls du noch einen Funken Verstand in dir hast, dann ĂŒberlege kurz einmal vernĂŒnftig, ob es vielleicht andere GrĂŒnde fĂŒr das Scheitern der Traviata gibt!“ Guiseppinas Stimme hatte im letzten Satz an IntensitĂ€t und Eindringlichkeit zugenommen. Verdi hörte auf zu spielen und drehte sich zu ihr um. Als er sie ansah musste er an ihre Interpretation der Abigail denken und wie hinreißend sie in der Rolle ausgesehen hatte.
„Guiseppina, ich weigere mich, die Schuld bei anderen zu suchen. Ich habe die Musik komponiert, ich habe das Orchester geleitet!“
„Und Mazari hat die Salvini verpflichtet.“
Ein Àrgerliches Zucken zeigte sich in Verdis Gesicht.
„Ach Fanny Salvini-Donatelli, diese Tonne. Warum habe ich mich nur darauf eingelassen sie die Rolle der Violetta singen zu lassen? HĂ€tte Brenna nicht so auf mich eingeredet, nie, nie hĂ€tte ich dem zugestimmt.“.
Verdi fuhr sich mit der rechten Hand ĂŒber sein Gesicht, so als verscheuche er unwirsch einen Gedanken, der sich ihm aufdrĂ€ngte
Guiseppina Strepponi ballte die HĂ€nde zur Faust und schloss sie wieder. Sie ging an den Schrank, holte zwei GlĂ€ser und eine Flasche Sekt. Sie stellte beides auf das Klavier und fĂŒllte die GlĂ€ser.
„Guiseppe, jetzt hör mir mal gut zu. Gut, diese AuffĂŒhrung ist verpatzt, das macht kein Mensch der Welt mehr rĂŒckgĂ€ngig. Denk doch nur mal an Lodovico Graziani! Selbst der taube Beethoven hĂ€tte dir gesagt, dass seine Stimme an diesem Abend klang wie eine rostige Harfe.“
Verdi schwieg. Seine GesichtszĂŒge entspannten sich, wurden nach und nach weicher. Nach etwa zwei bis drei Minuten hob er den Kopf. Eine TrĂ€ne lief ĂŒber sein bĂ€rtiges Gesicht. Plötzlich ging ein Ruck durch seine Gestalt. Er stand auf und ging zu seinem Schreibpult. Gleichzeitig zeigte seine Miene aber immer noch die alte Entschlossenheit.
Guiseppina hob ein Glas, wollte es an den Mund fĂŒhren. Plötzlich stellte sie es zurĂŒck.
„Guiseppe, du hast in deinem Leben andere RĂŒckschlĂ€ge einstecken mĂŒssen. Was dir heute geschehen ist, ist im vergleich dazu harmlos.“
FĂŒr einen kurzen Augenblick, wie in einem Traum, der nur Sekunden dauerte und doch ein ganzes Lebens zu umfassen schien, sah er Virginia in ihrem weißen Kleidchen. Er sah die kleine, liebe Gestalt in ihrem Sarg liegen. Sein, Verdis Gesicht, vor Schmerz versteinert. Was hatte er nur getan, das ihm dieser liebe Mensch wieder genommen wurde. Kaum hatte er geglaubt, diesen Verlust zumindest ansatzweise verarbeitet zu haben, da starb sein Sohn Ilicio. Seine Frau, Margherita, immer schon anfĂ€llig gegen Krankheiten bekam eine HirnhautentzĂŒndung und starb einige Wochen spĂ€ter. 3 SĂ€rge, die innerhalb von zwei Jahren aus seinem Haus getragen wurden.
Wie Schleusen, die sich plötzlich öffnen brachen TrĂ€nen aus Verdis Augen hervor. Er verhĂŒllte sein Gesicht mit den HĂ€nden und weinte, wie er es seit 13 Jahren nicht mehr getan hatte.
Der ganze Abend, seine Aufregung und EnttÀuschung erschien ihm plötzlich unwirklich, ja lÀcherlich.
Guiseppina stand dabei und begriff nicht, was los war, sie sah einfach nur zu. Es dauerte etwa eine viertel Stunde, da hatte Verdi sich beruhigt und nahm seine Guiseppina in den Arm.
Guiseppina ging zu ihm hin, nahm ihn in den Arm und hauchte ihm einen zÀrtlichen Kuss auf die Wange.
„Guiseppina“, sagte Verdi mit leiser, aber doch energischer Stimme, „diese Oper braucht einen wĂŒrdevollen Rahmen und ausgezeichnete SĂ€nger. Ich denke zum Beispiel an das Teatro San Bernedetto hier in Venedig, das wĂ€re genau der richtige Ort dafĂŒr. Ich arbeite das StĂŒck um, suche andere SĂ€nger und vielleicht findet sich dann ein wohlwollendes Publikum.“
Verdis Blick war jetzt glasklar.
„Aber ich habe noch einen anderen Plan“, fuhr Verdi fort, „ich habe dir bisher nichts davon erzĂ€hlt: Der Impresario der Pariser Oper hat bei mir angefragt, ob ich ein StĂŒck fĂŒr sein Opernhaus komponieren möchte. Ich werde dieses Angebot annehmen. Ich hoffe, dass du mich begleitest.“
Guiseppina hob ihr Glas und prostete Verdi zu. Beide leerten ihre GlÀser in einem Zug.

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Josef,
an sich nicht mein Geschmack, aber du hast das gut hingekriegt, Gratulation!
Ich glaube, Geschichten wie diese lassen sich gut verkaufen. Hast du es schon mal versucht? (Falls du hier bloß eine ohnehin bereits publizierte Geschichte gepostet hast, vergiss das bitte.)
Bewerten kann ich's irgendwie nicht. Können: 8 oder so. Gefallen steht auf einem anderen Blatt. Wie gesagt, es ist nicht mein Geschmack.

LG Mel

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Josef Knecht
One-Hit-Wonder-Autor
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Nach der Premiere

Hallo Melusine,
vielen Dank fĂŒr deinen freundlichen Kommentar. Diese ErzĂ€hlung ist ganz neu, publiziert wurde sie von mir nicht, an so etwas hĂ€tte ich gar nicht gedacht. Ich liebe die Opern von Verdi und habe einfach mal versucht eine tatsĂ€chliche Begebenheit (La Traviata ist bei der Premiere tatsĂ€chlich auf die beschriebene Weise durchgefallen, auch die Sache mit Verdis Familie stimmt, auch seine Freunding, Guiseppina Strepponi hat es gegeben und Verdi hat sie kennengelernt, weil sie in seiner Oper Nabucco die Abigail sang, auch die SĂ€nger in der Premiere von La Traviata stimmen)als Rahmen fĂŒr eine fiktive ErzĂ€hlung herzunehmen. Nebenbei habe ich die Internetrecherche geĂŒbt.
Liebe GrĂŒĂŸe
Josef

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HFleiss
gesperrt
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Nach der Premiere

Lieber Josef, mich interessiert Verdi schon, im Gegensatz zu Melusine, obwohl natĂŒrlich nicht so ĂŒbermĂ€ĂŸig, bin eben Mozart-Fan. Aber ich will nichts zur Musik, als vielmehr etwas zur Geschichte schreiben. Die Situation: Der authentische Verdi nach der Premiere einer durchgefallenen Oper. Kein Zweifel, die historischen Details, soweit erwĂ€hnt, stimmen. Verdi am Boden, Guiseppina richtet ihn auf, und am Ende findet er selbst zu sich. Kein dankbarer Plot fĂŒr eine spannende Geschichte, vordergrĂŒndig, weil eben nichts anderes passiert, als dass geredet wird. Dann wĂŒrde ich aber eher schon Diffiziles ĂŒber den Charakter Verdis wissen wollen als ĂŒber die bekannten Tatsachen, die ich in jedem OpernfĂŒhrer nachlesen kann. Sowieso, die RĂŒckblende zur Familie kommt mir ein wenig unmotiviert, unĂŒbergeleitet vor, so als ob: Man muss die Toten erwĂ€hnen, weil sie zum historischen Verdi gehören. Vielleicht hĂ€tte ihn Guiseppina in dieser Szene verfĂŒhren sollen? Dann hĂ€ttest du zumindest einen Plot gehabt, auch wenn er nicht ganz den historischen Tatsachen entsprochen hĂ€tte. Denn es passiert nichts weiter, als dass ĂŒber die verpatzte Premiere geredet wird. Meiner Ansicht nach nicht genug Stoff fĂŒr eine ErzĂ€hlung. Aber die Geschichte ist sauber erzĂ€hlt (wenn ich mir auch mitunter ein Komma mehr gewĂŒnscht hĂ€tte), man geht mit, ein paar kleine Stolperer.

Gruß
Hanna

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Ähm. Kleine Randbemerkung: Mich interessieren Anekdoten als Genre nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig. Mit meinem Musikgeschmack hat das nicht das Geringste zu tun. Ob Mozart oder Verdi (oder Beethoven oder HĂ€ndel oder ....) ist - bei mir jedenfalls - eine Frage der Stimmung.
Mel
(hört derzeit am liebsten die "Carmina Burana" von Orff )

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Josef Knecht
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Apr 2006

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Nach der Premiere

Hallo Hanna,
vielen Dank fĂŒr deinen Kommentar und fĂŒr deine Anregung. Die Idee gefĂ€llt mir die Geschichte noch ein wenig auszubauen und einen spannenden Plot daraus zu machen.
Wenn ich damit fertig bin, melde ich mich.
Liebe GrĂŒĂŸe
Josef
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