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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Narziss
Eingestellt am 07. 09. 2005 15:08


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neuni
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Mar 2004

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Narziss




Wo ist Narziss? Wir haben ihn verloren. Er fehlt. Wir fuhren zusammen in der U6 Richtung Tegel. Ich sah ihn zuletzt am U-Bahnhof Mehringdamm. Die Kontrolleure stiegen vorne in die U-Bahn ein. Ich erkannte sie sofort. Wir waren mit Narziss im Mittleren Wagen. Ich habe Narziss vor der Kontrolle gewarnt. Dann sind wir im letzten Moment am Halleschen Tor raus. Ich habe Narziss noch zugewinkt. Er hat uns nicht beachtet, als wir raus sind. Er hat auf meine Geste nicht reagiert. Er ist einfach sitzen geblieben. Er blickte auf das rĂŒckwĂ€rtige Fenster der U-Bahn. Wir mussten schnell sein. Wir konnten Ihm nicht helfen. Wir sind der Jagt entgangen. Als die Kontrolleure den Wagen betraten in dem Narziss saß, ist er aufgestanden. Das habe ich nicht gesehen. Doch, im Moment als die Bahn losfuhr. Er war zu langsam. Er war gelassen. Er hat mir gefallen. Er war schön. Er schlenderte in Richtung Zug Ende davon. Die Kontrolleure waren hinter ihm. Ich glaube nicht, dass er ihnen entgangen ist. Sie werden ihn erwischt haben. Er war in sich gekehrt als er in Fahrrichtung ging. Er wendete den Kontrolleure den RĂŒcken zu. Er war ruhig. Wie finden wir ihn jetzt wieder? Jetzt ist er irgendwo im Labyrinth der U-Bahn. Ihn zu suchen macht keinen Sinn. Vielleicht treffen wir ihn zufĂ€llig wieder. Es ist unwahrscheinlich. Wir setzen das Spiel fort. Gejagt werden. Gut, wir machen weiter. NatĂŒrlich. Und Narziss? Wir sehen ihn morgen. Wird er noch einmal mit uns kommen. Ich hoffe es. Wir hoffen es alle. Jetzt aber los. Die U-Bahn nehmen wir. Dann ab dafĂŒr.

Ich sah Narziss bei seiner Mutter in Berlin Dahlem. Die herrliche Liriope hatte mich zu einer Feier in ihren Garten eingeladen, und ich wollte sehen zu welchem Zweck. So fuhr ich in einer schwĂŒlen Sommernacht mit der S-Bahn hinaus nach Dahlem und bemĂŒhte mich durch die weite Kastanienallee zu ihrem Haus. Auf der Terrasse hinter der gepflegten GrĂŒnderzeit Villa fand ich Liriope, umgeben von anderen gealterten Nymphen, bei Rezina und Kerzenlicht. Liriope war, obwohl im Begriff die Menopause hinter sich zu bringen, eine elegante Erscheinung. Unvermeidlich vielen graue StrĂ€hnen in ihr zartes Gesicht. Ihre blauen Augen waren, obwohl von rissiger Haut umgeben, immer noch strahlend. Ich wurde von Liriope und den anderen Damen ĂŒberschwĂ€nglich begrĂŒĂŸt. Nachdem ich Platz genommen hatte, war ich bald in ein GesprĂ€ch ĂŒber die Gebrechen der Damen verwickelt. So gab ich bereitwillig ĂŒber den Verlauf von Artrose, Arthritis, Gastritis, und dem grauen Star, der selbst an mir nicht vorbeigeht, Auskunft. Mein Ruf als Seher war mir wohl, durch die ununterbrochen TĂ€tigkeit der Lippen Liriopes vorrausgeeilt. Als unser GesprĂ€ch abbrach, ging Liriope in das Haus und kehrte mit einer großen silbernen Platte voller griechischer Vorspeisen zurĂŒck. Es gab kleine gebratene Fische, in BlĂ€tterteig gebackenes GemĂŒse, Reis in WeinblĂ€tter gehĂŒllt, KĂ€sepastetchen, Zaziki, Oliven und Brot. Die leckern Happen wurden von den ZĂ€hnen und dem Zahnersatz der alten Nymphen zerkleinert, verköstigt und ausgiebig gelobt. Liriope berichtete uns, dass sie immer bei Pausanias in der Dieffenbachstraße in Kreuzberg, dem besten Griechen Berlins, bestelle. Wir saßen nach der Mahlzeit noch eine Zeit schweigend im Garten, lauschten dem PlĂ€tschern des Springbrunnens, rochen den Rosengeruch und spĂŒrten die WĂ€rme der Luft, bis Narziss auf die Terrasse trat. Die Augen aller Damen richteten sich auf den schlanken Jungen, in weißer Jeans und blauem Hemd. Liriope sprang auf, lief zu ihrem Sohn und umarmte ihn. Er lies dies unbeteiligt ĂŒber sich ergehen. Ihre HĂ€nde fuhren durch seine dunklen Locken, „Dies ist mein schöner Sohn. Er wird bald volljĂ€hrig. Dies ist sein Fest“. Narziss blieb an der TerrassentĂŒr stehen. Es war als ob seine blauen Augen, die zweifelsohne eine Erbschaft seiner Mutter waren, in eine schwarze Höhle blickten. Seine schöne Gestalt weckte wohl das Begehren der Nymphen um mich. Auch ich als Mann konnte mich seiner Anziehungskraft nicht entziehen, obwohl ich Liebesangelegenheiten schon lange hinter mir gelassen habe. Liriope bat Narziss sich zu uns zu setzen. Narziss nahm das PrĂ€sidium des Tisches ein, ohne uns zu GrĂŒĂŸen und zur Kenntnis zu nehmen. Liriope setzte sich seitlich neben ihren Sohn und erzĂ€hlte uns begeistert, dass er in der Stadt ausnehmend beliebt sei und insbesondere die MĂ€dchen ihn anhimmelten. Liriope sprach von Mutterstolz erfĂŒllt. Die Abwesenheit jeglicher Reaktion des Narziss und sein Schweigen weckte mein Interesse. So wand ich mich direkt zu ihm, erwiderte seinen leeren Blick fĂŒr einen Moment und fragte ihn womit er beschĂ€ftigt sei. Er sagte, das er mit der U-Bahn durch Berlin fahre. Ich wollte nachfragen, was er genau meine, aber seine Mutter sprach unverzĂŒcklicht fĂŒr ihn. Es handele sich um ein Spiel der Kinder ohne Fahrkarte das ganze Netz der U-Bahnen Berlins abzufahren, die Kontrolleure zu erspĂ€hen und ohne sich erwischen zu lassen vor ihnen zu fliehen. Ich fragte Narziss ob diese BeschĂ€ftigung aufregend sei, ob es sich um ein Abenteuer handele. Er bejahte ohne jegliche Begeisterung. Die Nymphen tuschelten leise. Sein seltsames Verhalten weckte, wie ich sah, in gleichem Maße ihr Missfallen wie ihre Bewunderung fĂŒr soviel jugendlich Leichtsinn. Liriope entschuldigte Narziss Verhalten als pubertĂ€re Kinderei, die man ihm nachsehen solle. Dies wĂ€re besser, als wenn er trinke oder Drogen nehme, wie andere Jugendliche in seinem alter. Ich hĂ€tte Liriope zustimmen können, wenn Narziss nur Interesse am Schwarzfahren an den Tag gelegt hĂ€tte. Er blieb jedoch auch bei diesem Thema vollkommen apathisch. Er saß weiterhin abwesend bei uns. Ein wunderbar irisierendes dunkles Leuchten schien von seiner Haut auszugehen und einen Schatten zu bilden der ihn ganz umgab. Er nahm die Liebe seiner Mutter, die Bewunderungen der Damen und mein Interesse entgegen ohne zu reagieren und ohne sich seiner Wirkung auf andere Menschen bewusst zu sein. Ich gebe zu ihn an diesem Abend, wie alle anderen GĂ€ste, bald verstört und bald hingerissen angeblickt zu haben. Einen Austausch mit seiner schwarz strahlenden Abwesenheit herzustellen war nicht möglich. Ich sah nur das sich etwas in ihm vorbereitet, dass keinen Bezug zu uns Menschen haben kann; ein Wunder oder eine Katastrophe. Wir dĂŒrften die Schönheit von Narziss nur fĂŒr kurze Zeit genießen. Bald warteten wir auf seinen Abgang, uns auf den bevorstehenden Verlust seiner Schönheit vorbereitend. Nach einer Stunde verabschiedete sich Narziss jetzt höflich von uns. Er mĂŒsse in seine Zimmer studieren, meinte Liriope. Die Damen waren bereit dies zu glauben, obwohl es mit Sicherheit nicht der Wahrheit entsprach. Nachdem er die Veranda verlassen hatte und ins Haus getreten war, verbreitete sich Traurigkeit in unserer Runde. Gesprochen wurde nun nicht mehr viel und ich meine TrĂ€nen im Halbdunkel es Kerzenlichts auf den faltigen Wangen der Nymphen erblickt zu haben. Die Damen sahen bald keinen Anlass mehr lĂ€nger zu bleibe und verabschiedeten sich von Liriope, mit Dank fĂŒr den schönen Abend. Ich blieb allein mit ihr auf der Terrasse sitzen. Wir blickten beide schweigend zu Narziss erleuchtetem Zimmer unter dem Dach der Villa. Liriope brach das Schweigen, „Mein Sohn ist sehr schön aber seltsam. Ich verstehen ihn nicht. Wie wird er sich entwickeln? Wird er erwachsen? Wird er unser Alter erleben“ Dringlichkeit lag im Ton ihrer Stimme. Ihre Sorge, die sie vorher ĂŒberspiel hatte, war nun in ihren Augen zu lesen. Ich zögerte mit meiner Antwort, mir selber ĂŒber das Schicksal des Narziss nicht gewiss. Dann sagte ich, „Wenn er sich nicht selbst erkennt, hat er die besten Chancen“. Liriope schien nicht recht zu verstehen was ich meinte. Auch ich verstand es nicht, aber ich wĂŒrde wie so oft recht behalten. Sie ließ meine Aussage als den dunklen Spruch eines Seher stehen. Ich habe es mir, in den Kreisen in denen ich verkehre, angewöhnt durch dunkele Orakel zu brillieren. Niemand meiner Bekannten will je etwas eindeutiges hören und ich bin daher allseits gefragt. In Wahrheit weiß ich selber oft nicht was ich sage. Es wĂŒrde meine Freunde nicht glĂŒcklich machen davon zu hören, also sage ich es ihnen nicht. Ich liege so oft mit dem was ich sage richtig, dass mein Ruf als Seher gerechtfertigt ist. Liriope war mit meinem Spruch zufrieden, ja sie wirkte beinahe glĂŒcklich. Sie hatte wohl ehr damit gerechnet, dass ich ihr eine Katastrophe prophezeien wĂŒrde. Sie dankte mir mit großer Geste und langer Rede fĂŒr meinen Besuch. Dann brachte sie mich mit kokettem LĂ€cheln zu TĂŒr ihrer Villa und umarmte mich zum Abschied sogar. Meinen Gedanken an den schönen Narziss nachhĂ€ngen schlenderte ich durch die immer noch warme Nacht zur S-Bahn.

Dort ist Narziss, in der U9 Richtung Osloer Straße. Welch ein GlĂŒck. Wir habe ihn widergefunden. Welch ein Zufall. Schnell wir können noch in den Zug springen. Wir schaffen es. Wir mĂŒssen uns beeilen. Die TĂŒren schleißen sich. Die Warnsignale blinken schon. Wir haben es nicht geschafft. Er ist wieder fort. In den Wedding hinauf. Er macht weiter. Heute treffen wir ihn bestimmt nicht wieder. Habt ihr die Frau neben ihm gesehen? Sie blickte ihn an. Sie saß neben ihm. Kennt ihr sie? Nein, ich habe sie noch nie gesehen. Ich auch nicht. Sie wollte etwas von ihm. Sie war geil auf ihn. Sie saß doch einfach nur neben ihm. Die Schlampe mit ihren blonden Haaren bis zum Hintern. Narziss hat sie gar nicht angeschaut. Er hat sie nicht bemerkt. Er war wie immer in seiner Welt. Er hat bestimmt kein Interesse an so einer. Aber attraktiv war sie schon. Pah,... attraktiv. Mit langen Haaren und zarter durchscheinender Haut. Das wird Narziss nicht gekĂŒmmert haben. Narziss interessiert sich in Wahrheit fĂŒr niemanden. Bestimmt nicht fĂŒr diese Frau. Aber sie wird ihn ansprechen. Ich konnte es sehen als die U-Bahn losfuhr. Das wird sie nicht. Wer weiß. Wir werde ihn fragen wer sie war. Er wird es nicht wissen. Und wenn er es weiß. Ich glaube wir treffen sie wieder. Sie ist verliebt in ihn. Nein, nur ein zufĂ€lliges Zusammentreffen. Es war Schicksal. Ach, was. Wir werden sehen. Nun aber weiter. Ab durch das Labyrinth.

Narziss fiel mir sofort auf, als ich am Halleschen Tor in die U6 Richtung Tegel stieg. Ich suchte einen Sitzplatz und er ging an mir vorbei. Ich sah seine lange schlanke Beine, seinen krĂ€ftigen Po, seine starken HĂŒften und seine schmalen, muskulösen Schultern. Dann blickte ich schon sitzend von unten in sein Gesicht. Hitze stieg von meinem Beckenboden durch meine WirbelsĂ€ule auf. Ich wurde Rot. Solch ein schöner Junge, mit solch schönen GesichtszĂŒgen, ich hatte vorher nie dergleichen gesehen. Es war so als zerrisse etwas in mir und entzĂŒndete sich. Ich war entbrannt und verloren. Hinter Narziss betraten zwei Kontrolleuren den Wagen und forderten unsere Fahrkarten. Ich wandte den Blick fĂŒr einen Augenblick von Narziss ab und zeigte ihnen meine Karte. Als die Kontrolleure Narziss ansprachen wirkten sie klein und unterwĂŒrfig. Er griff zu seinem Portomine, und gab ihnen das Busgeld. Den Ersatzfahrschein stopfte er achtlos in seine Hosentasche. Der Vorfall schien ihn nicht zu bekĂŒmmern. Dann wandte er sich zu Seite, stand einen wunderbaren Moment unmittelbar vor mir und setzte sich neben mich. Die U-Bahn fuhr los und er blickte starr auf das gegenĂŒberliegende Fenster. Ich schaute ihn gebannt an und dachte darĂŒber nach wie alt er sei, woher er kĂ€mme, wohin er fĂŒhre und wie ich ihn ansprechen solle. Ich konnte nicht einschĂ€tzen mit wem ich es zu tun hatte. Sein Körper war, wie ich sah, einige Jahre jĂŒnger als meiner, im gleichen Zuge schien mir Narziss sehr alt zu sein. Als er dort neben mir saß, ging seine Kraft auf mich ĂŒber. Wenn ich ihn anblickte umgab ihn eine unbegreiflich starke eisige Aura. Das Wort „Unnahbar“ wiederholte sich wieder und wieder in meinem, verwirrten Geist. Wir fuhren durch die Stadtmitte, dann an Friedrichstraße und Oranienburgerstraße vorbei in den Wedding hinauf. WĂ€hrend der Fahrt vergaß ich alles um mich und sah nur noch Narziss der nur sich selber sah. Er war ein Reflex im Glas der Scheibe der U-Bahn mal deutlich und mal verschwommen. Ich merkte wie ich Millimeter fĂŒr Millimeter nĂ€her an in heranrutschte. Es war nicht meine Entscheidung, es geschah. Unserer Becken berĂŒhrten sich, und Blitze durchzucken meinen Körper. Obwohl ich mit MĂ€nnern nicht unerfahren bin, hatte ich dergleichen nie zuvor erlebt. An der Zinnowitzerstraße hielt ich die Spannung nicht lĂ€nger aus wandte ihm mein Gesicht direkt zu und wollte irgendetwas sagen. Ich konnte nicht. Es geht mir so, nie kann ich jemanden ansprechen. Ich kann immer nur Antworten, wenn ein anderer die Initiative ĂŒbernimmt. FrĂŒher war das einmal anders. Ich redete mit jedermann und tratschte ĂŒber die Götter und die Welt. Vielleicht war es einmal, wenn auch nur ein einziges mal zu viel, was ich sagte. So saß ich also weiter mit Narziss zusammen schweigend im Untergrund Berlins. Narziss blickte weiterhin starr auf die Scheibe. Er betrachtete wohl seine schönen Augen im Spiegelbild. Am Leopoldplatz stand er dann ruckartig auf, ging schnell zu TĂŒr, und verschwand auf dem Bahnsteig. Ich war mit einer Freundin an der MĂŒllerstraße verabredet, konnte aber nicht anders und musste Narziss folgen. Ich beeilte mich und war bald hinter ihm. Er ging von mir gefolgt zum Übergang der U9. Auf der Rolltreppe holte ich ihn ein und stellte mich neben ihn. Nebeneinanderstehend versperrten wir den Leuten den Durchgang auf der Rolltreppe. Niemand wagte uns anzusprechen oder sich vorbeizudrĂ€ngen. Narziss Unnahbarkeit war auf mich Übergegangen. Oben angekommen drehte sich Narziss nach rechts und ging zum Bahnsteig Richtung Osloer Straße. Dieses mal ließ ich ihm einen kleinen Vorsprung bevor ich ihm folgte. Wir warteten kurz im dichten Berufverkehr und fuhren dann zusammen zum Nauener Platz. Diesmal setzte ich mich neben Narziss und schaute ihn weiter an. Am Nauener Platz wechselten wir die Richtung und fuhren zurĂŒck. Beim Umsteigen bekam ich das GefĂŒhl, dass Narziss mich nun endlich bemerkt hatte. Ich war sehr glĂŒcklich, dass ich ihm aufgefallen war. ZurĂŒck am Leopoldplatz wirkte Narziss wieder gelassen. Wir stiegen in die U6 und begaben uns auf die lange Fahrt hinaus an den schönen Tegeler See. Als wir an der MĂŒllerstraße vorbeifuhren dachte ich kurz an meine Freundin, die dort auf mich warteten wĂŒrde. Ich musste bei Narziss bleiben, und blickte nicht einmal auf den Bahnsteig hinaus. Als die U-Bahn am Kurt-Schumacher Platz den Tunnel verließ um als Hochbahn einige Meter ĂŒber den Straße weiterzufahren erwartet uns das warme Lichte eines Herbstabends in Berlin. FĂŒr einen kurze Moment sah ich draußen die Farben der Baumkronen auf deren Höhe wir fuhren und höhrte leise den Refrain „Such perfect day“ aus einem Radio. Es war ein Augenblick vollkommen GlĂŒcks, der sofort verging als ich Narziss im Sonnenlicht ansah. Er war ein Schatten, der das Sonnenlicht in sich aufsog, um es dann in der Art einer glimmenden SchwĂ€rzlichröhre zurĂŒckzuwerfen. Er war tief violett, genauso schön wie schrecklich. Ich wollte fliehen und hĂ€tte mit Sicherheit besser daran getan. Aber seit wann entscheiden wir darĂŒber, was wir in der Liebe tun? Wir fuhren weiter in den Norden hinauf, beide in unsere Haltung eingefroren, ich ihn anblickend, er in eine andere Richtung sich selber sehend. Ich wartete nur noch darauf das wir in Alt Tegel ankommen. Etwas musste geschehen und ich hoffte instĂ€ndigst, dass in Tegel meine Gelegenheit kĂ€me. Wenn er anfinge zu sprechen wĂŒrde ich ihm seine Wort zurĂŒckgeben, ihm antworten, mit ihm reden, ihn erkennen und ihm nahe sein.

Dort ist Narziss. Schön wie immer. Er steht abwesend unter den Steinarkaden. Ich habe ihn schon seit Tagen nicht mehr gesehen. Er hat geschwĂ€nzt. Sicher, das hat er. Das letzte mal haben wir ihn in der U-Bahn getroffen. Mit dieser Frau neben ihm. Ich habe ihn an diesem Tag spĂ€ter noch oben in Tegel gesehen. Das hast du uns noch nicht erzĂ€hlt. Er stieg aus der U-Bahn und ging Richtung See davon. Was wollte er dort? Er wohnt doch in Dahlem. Vielleicht hat er Freunde in Tegel. Narziss hat bestimmt keine Freunde. Er wird am See spazieren gegangen sein. War die Blonde vom Leopoldplatz bei ihm. Sie folgte ihm in einigem Abstand. Ohh, die Schlampe. Ich wusste es. Die wollte ihn. Du sagst, die beiden gingen getrennt? Ja, aber es war nicht zu ĂŒbersehen, sie verfolgte ihn. Was war nur mit dieser Frau los. Sie war verliebt, nicht mehr und nicht weniger. Und was war mit ihm. Wir wissen es nicht. Ich muss es erfahren. Niemand wird es erfahren. Er ist verschlossen. Er war schon mal mit uns unterwegs. Er gehört zu uns. Er gehört zu niemandem. Er ist schön. Gehen wir zu ihm und reden mit ihm. Ich muss wissen, was er mit dieser Frau hat. Die Frau interessiert mich nicht. Er interessiert mich. Was ist ihm in diesen Tagen geschehen? Warum ist er einfach nicht mehr gekommen. Da stimmt doch etwas nicht. Ich gehe zu ihm. Dann geh. Wir gehen mit. Wir wollen bei ihm sein. Ich bin sein Freund. Ich werde ihn ansprechen. Gut, geh du vor. Wir folgen dir.

Wir traten aus dem U-Bahnhof Alt-Tegel hinaus in die wĂ€rmende Sonne. Narziss, ging voran, die HĂŒften instinktiv wiegend, wie ich es vorher nur bei afrikanischen MĂ€nnern gesehen habe. Er ging wie ein heißes schwefeliges Tier in Richtung See. Ich verfolgte ihn erregt. Wir gingen hintereinander durch die FußgĂ€ngerzone an den hĂŒbschen Tegeler Restaurants vorbei. Ich trĂ€umte davon mit ihm spĂ€ter in der DĂ€mmerung bei dem eleganten Portugiesen zu sitzen, mit ihm zu essen und Rotwein zu trinken und ihn dann mit zu mir nach Haus zu nehmen. Er wĂŒrde mich ausziehen, mich auf mein Bett werfen und mich mit in seine Welt der glĂŒhenden KĂ€lte nehmen. Die FußgĂ€ngerzone in Tegel endet nach den letzten HĂ€usern direkt am See. Ich kehrte langsam, Narziss hinterherschleichend, in die Wirklichkeit zurĂŒck. Die Sonne war fast untergegangen, nur noch eine Rote Haube ĂŒber der Insel in der großen Malche beleuchtete den See. Das Wasser des Sees glĂŒhte in Blau, Orange und Rot. SpĂ€ter wĂŒrde es braun leuchten und dann tief schwarz werden. Narziss ging ĂŒber den Steg der Schiffsanlegestelle auf den See hinaus. In diesem Augenblick hatte ich die Erinnerung an ein Dejavu. In diesem Dejavu habe ich die Erinnerung daran, das Narziss ĂŒber den Steg hinaus in den Tegeler See geht. Durch die Erinnerung wird das Dejavi unendlich gespiegelt, es wiederholt sich immer und immer wieder. Nicht mehr und nicht weniger als eine Schleife in der Zeit, wie ich glaube. Dieses mal wollte ich, wie jedes mal, aus meiner Rolle ausbrechen. Ich wollte warten bis Narziss vom Steg zurĂŒckkommt damit er mich dann als seine uralte Freundin begrĂŒĂŸt. Die Zeit selber aber zog mich, wie ein Stahltau, voran, auf den Steg hinaus. Ich trat seitlich hinter Narziss, der an einen Polder gelehnt nach unten in den See blickte. Ich hörte ihn vor sich hinmurmeln, damit war meine Zeit gekommen. Er sagte ganz leise zu seinem Spiegelbild im Tegeler See, „Warum ist nur Niemand da? Niemand ist zur Stelle“. Aus einem Reflex antwortete ich ihm laut, „Zur Stelle!“. Er blickte verwirrt um sich. Dann verschwand fĂŒr eine Sekunde der Schleier von seiner Iris und er erkannte mich. In diesem Moment sah ich tiefe Furcht vor mir und der Welt in seinen Augen. Er konnte mich nur diesen einen Augenblick sehen. Dann war er bis zur ewigen Wiederkehr des immer gleichen Moments, verschwunden.

Hallo Narziss. Wo warst du denn die ganze Zeit. Wir haben dich vermisst. Warum warst du nicht da. Hast du blau gemacht? Dich Krankschreiben lassen? Das braucht man ja auch mal. Erinnerst du dich noch als wir unterwegs waren. In der U-Bahn. Am Halleschen Tor sind wir raus. Die Kontrolleur kamen. Haben sie dich erwischt? Wir haben versucht dich zu warnen. Erinnerst du dich. Sie haben dich gekriegt. Es scheint dich nicht zu interessieren. Wir haben dich noch mal am Leopoldplatz in der U-Bahn gesehen. Wohin bist du gefahren. Durch die ganze Stadt, wie wir. Eine schöne Frau saß neben dir. Hast du sie bemerkt. Sie ist dir bis Tegel gefolgt. ZufĂ€llig habe ich euch Beide oben in Tegel gesehen. Ihr habt miteinander gesprochen. Triffst du sie etwa. Nein. Sie war dich dein Fall. Es ist ja gut. Ich habe es den anderen gesagt. Und wie war sie so. Bestimmt Ă€lter als du. Wen interessiert das? Niemanden. Wir sind deine Freunde. Du kannst uns erzĂ€hlen was los ist. Nichts. Gut. Was soll ich sagen. Kommst du ab heute wieder? Es ist ja nicht mehr lange dann geht es los. Es scheint dich nicht zu kĂŒmmern. FĂŒr dich ist es bestimmt kein Problem. Wann bist du wieder mit uns in der Stadt unterwegs. In den U-Bahnen. Im Labyrinth. Wir werden dich wieder Fragen. Wo lebst du eigentlich. Du interessierst dich fĂŒr nichts. Höre nicht, was die da sagen. Es hat keine Bedeutung. Du bist bei uns. Jetzt gehst du. Warum? Mach es gut. Ja wir wĂŒnschen dir alles gute. Bis dann.

Narziss hat meine Liebe verschmĂ€ht. Ich warte auf seinen Anruf, obwohl ich weiß, dass er nicht anrufen wird. Ich werde Narziss nie wieder sehen. Heute lebe ich ganz zurĂŒckgezogen in meiner Wohnung im Wedding. Ich bin im obersten Stock im zweiten Hinterhof vor den Menschen verborgen. Es ist November und wird von Tag zu Tag kĂ€lter und dunkeler. Durch das undichte Fenster rieche ich Abgase der Kohleöfen, die sich im Hinterhof sammeln. Ich habe mir aus meinem Bett eine Höhle aus Kissen und Decken gebaut. Ich mag die Wohnung nicht mehr verlassen um Kohle fĂŒr den Offen oder Essen zu hohlen. Der Strom ist abgestellt ich habe den Zahlschein nicht zur Bank gebracht. Ich mag die Dunkelheit um mich in der ich mich gut erinnern kann. Wenn ich nicht friere, schlafe ich in meiner Höhle. Wenn ich nicht schlafe ist die KĂ€lte ein Gruß von Narziss. Wenn ich aufstehe und mein Spiegelbild betrachte sehe, ich ein zitterndes Etwas. Ich esse nicht mehr. Ich bin nur noch Haut und Knochen. Im Spiegel kann ich jede einzelne blaue Vene unter meiner Haut erkennen. Meine langen blonden Haare sind verfilzt, ich habe keinen Grund mehr sie zu waschen und zu kĂ€mmen. Ich werde sie bald abschneiden. Manchmal klingelt das Telefon. Ich springe dann vor Hoffnung zitternd auf und melde mich mit: „Hier Echo aus ihrer Höhle“. Eine meiner Freundinnen aus einem anderen Leben ruft mich an und fragte wie es mir geht, ich wĂŒrde mich seit langem nicht mehr sehen lassen. Nein ich lasse mich nicht mehr sehen, ich löse mich auf, nur Schall wird bleiben. Ich erzĂ€hle nichts von mir, nichts von meiner Begegnung mit Narziss, nichts von der KĂ€lte, nichts von meiner Nacht. Ich höre den Frauen aus weiter ferne zu, erfahre von einem Leben da draußen in der Stadt, gebe zurĂŒck was mir gesagt wird, behalte nichts von dem bei mir. Ich werde verabschiedet, ich solle mich doch mal wieder blicken lassen. Ich werde mich nicht blicken lassen. Was mir bleibt ist hier. Die Anrufe der fremden Frauen, die meine Freunde waren, werden mit der Zeit seltener. Bald werden die Anrufe in meiner Höhle aufhören. Es macht mir nichts. An einem Abend hörte ich sogar, dass vor der TĂŒr der Wohnung mein Name gerufen wird. Ich horchte auf, hörte sehr genau hin. FĂŒr eine lange schöne Sekunde glaubte ich es wĂ€re Narziss. Es war die Stimme einer Frau, nicht die Stimme des Narziss. Es gab keinen Anlass fĂŒr mich das Bett zu verlassen, ich verkroch mich wieder unter den Decken. Ich wiederholte in dieser Nacht immer wieder meinen Namen, wie Narziss ihn aussprechen wĂŒrde. „Echo“ „Echo“ ich sagte es in dieser Nacht wohl einige tausendmal zu mir selber bis ich endlich einschlief. Wenn ich es nicht mehr wage mich an die Stunden mit Narziss zu erinnern, möchte ich schlafen. Ich warte auf die TrĂ€ume, die mich erretten, aber sie kommen oftmals nicht. Wenn ich dann trĂ€ume, so trĂ€ume ich von meinem Leben mit Narziss. Er liebt mich in unserer Wohnung hinter den Spiegeln. Wir schlafen jede Nacht zusammen ein, ich kuschele mich an seinen starken Körper. Bevor wir das Licht löschen, sehen wir uns an und erkennen uns. Dann spĂŒren wir uns in der Dunkelheit. Jeden morgen wachen wir gemeinsam auf. Wir reden beim FrĂŒhstĂŒck ĂŒber unsere PlĂ€ne fĂŒr den Tag, die Woche das Jahr, und das Leben. Meine TrĂ€ume sind die TrĂ€ume einer lĂ€cherlichen Frau. Aber diese TrĂ€ume sind besser, als das kleinste StĂŒck einer Wirklichkeit. NatĂŒrlich lieben wir uns hinter den Spiegeln, er braucht mich dringend und begehrt mich wie ein wildes Tier. Ich werde schwanger und trage sein Kind fĂŒr ihn. Wir liegen im Bett und er legt sein Ohr an meinem Bauch und hört den Herzschlag seines Babys. Er freut sich so darauf Vater zu werden. Dann trĂ€ume ich immer wieder von der Geburt des Kindes. FĂŒr mich ist alles bereitet. Ich fahre zusammen mit Narziss in ein Krankenhaus am Rande der Stadt. Im Taxi hĂ€lt Narziss meine Hand, dann ganz plötzlich verschwindet er. Er löst sich auf. Ich liege alleine in einem rosa Kreißsaal. Ich trĂ€ume die Nummer es Kreißsaals, es die Sieben. Dann wache ich mit KrĂ€mpfen im Unterleib auf. Ich fĂŒhle warmes Blut zwischen meinen Beinen. Ich wische das Blut nicht ab, es verkrustet auf meinen Schenkeln. Wenn ich blutend erwache warte ich. Es geschieht nichts und ich erinnere mich wieder. Ich bin verloren, gefangen in einer Schleife. Die Zeit schleppt sich dahin, sie ist ganz mit Narziss ausgefĂŒllt. In letzter Konsequenz ist alles gut so. Es war nicht anderes möglich. Jetzt bin ich hier in der Leere, in der Dunkelheit, in der KĂ€lte und in der Stille und so mit Narziss vereint.

Er hat uns im Grunde nichts erzĂ€hlt. Wir haben es immerhin versucht etwas aus ihm rauszukriegen. Es war noch schwieriger mit ihm als sonst. Er wollte eben nicht mit uns sprechen. Vielleicht konnte er es nicht. Er blickte auf den Boden, als er uns sah. Hat er uns ĂŒberhaupt gesehen? Er schaute die ganze Zeit in die Lache vor seinen FĂŒssen. Zu der Begegnung mit der Frau in der U9 hatte er nichts zu sagen. Er wollte nichts sagen. Es ging ihm nicht gut. Er zitterte. Er war so bleich. Ich habe es gesehen. Hoffentlich geht es ihm bald besser. Ich habe keine Hoffnung fĂŒr ihn. Wie kann ich Ihm helfen? Ihm ist nicht zu helfen. Keiner von uns kann es. Ich habe Angst um ihn. Seine Mutter wird sich um ihn kĂŒmmern. Viehleicht weiß sie was mit ihn nicht stimmt. Niemand kann an ihn heran. Warum nicht? Weil er nur sich selber sieht. Wenn es keine Spiegel gĂ€be hĂ€tte er eine Chance. Er sollte einen Spiegel zerschlagen. Das wird er tun. Wird er tun. Wird er ĂŒberleben? Er hat keine Chance.

Es ist ein einziger Rausch aus Spiegel, nichts weiter. Die Stadt, das Land, der Planet, das Sonnensystem, die Galaxie und das Universum sind Spiegel eines selbst. Niemand ist da, man sieht nur sich, kein Ich und kein Du, keine Menschen nur die Schatten unendlicher Spiegelungen. In den Fotofix Maschinen auf den U-Bahnhöfen, in den Linsen der Kameras, in den Fenstern der U-Bahnen, der ZĂŒge, der Autos, der Flugzeuge, in den Schaufenstern der GeschĂ€fte, in den Fensterscheiben der HĂ€user, in den Wohnungen, in den BĂŒros, in der Aluminium Folie mit dem Essen, im Wasser der Badewanne, im neuen Teich im Tiergarten, im Tegeler See, in der Havel in der Nordsee und im Atlantik, sind ĂŒberall Spiegel. Diese Spiegel sind offen. Sie spiegeln was sich in einem Spiegel spiegelt der sich in einem Spiegel spiegelt. Dann sind da versteckt und nicht leicht zu erkennen die blinden Spiegel. Alle soliden GegenstĂ€nde die gesehen werden sind dieser Art. Sie spiegeln selber nicht, bestehen aber nur aus ihrem Abbild im Auge. Auch die Augen selber, als Instrumente des Sehens, sind blinde Spiegel. Sie sehen nichts außer den Spiegelung des Sehens. Da ist kein Seher und kein Gesehenes in der Welt nur die Reflexionen des Sehens blinder Spiegel. Auch die AusdrĂŒcke, die Haltungen und die Bewegungen sind Spiegelungen. Sobald diese Abbilder sich einander nĂ€hern beginnen sie zu tanzen, zu springen, vor und zurĂŒck zu gleiten und sich im Spiegel Spiel zu verformen. Wenn die Begegnungen der Spiegelung einen gewissen Grad an NĂ€he ĂŒberschreiten so biegen sie die Spiegel und brechen am Ende. In der Liebe kommt das Spiegelspiel zu seiner Vollendung. Der Begriff hierfĂŒr ist Pathie oder Kasimier Effekt. Die Spiegel ziehen sich an berĂŒhren sich und sind in diesem Moment in der Sprache selbst. Ein Echo der Wörter wirft das Echo anderer Wörter zurĂŒck. Nun sieht man sich nicht nur, man hört sich. Und manchmal wird sogar gefĂŒhlt. In dieser Spiegelung lebt Mann/Frau, Es eingeschlossen. Was ist hinter den Spiegeln? Ist da ĂŒberhaupt etwas unter der Spiegelglocke das es wissen wollen kann? In Texten, der fest gewordenen Form der Spiegelung, könnte möglicherweise etwas entspiegelt werden. Was geschieht, in der Erörterung der Dinge, sollte einer der vielen Spiegel zerschlagen werden. Es erscheint nicht möglich zu sein diese Frage im theoretischen Diskurs zu beantworten. Es bleibt nur es geschehen zu lassen. Eine Hand streichelt mit empfindlichen Fingerspitzen sanft ihr Abbild. Ein Handballen wird zart gegen das Spiegelbild eines Handballens gedrĂŒckt. Der Druck wird bald suchend, bald verzweifelt erhöht. Ein Körper wölbt sich seiner Projektion entgegen, schmiegt sich an diese, drĂŒckt sie, suchend, nicht findend. Geschlecht wird am Spiegel gerieben, ohne Befriedigung zu erfahren. Desto nĂ€her ein Körper dem Spiegel kommt, desto weniger wird er gesehen. Dann tritt etwas, das nun nur noch Abgrund spiegelt, zurĂŒck. Eine Hand wird gehoben, Muskeln werden mit aller Kraft angespannt, eine Faust wird aus Fingern gebildet. Die Hand nĂ€hert sich mit wachsender Beschleunigung einem Spiegel. Die OberflĂ€che des Spiegels wird von den Knochen der Hand zersplittert. Die Splitter des Spiegels bohren sich in das Gewebe der Hand und zerschneiden es. Die Hand durchdringt kaum gebremst den Spiegel. Die Kanten und Ecken des zerschlagenen Spiegels reißen einen Unterarm auf. Sie dringen tiefer und tiefer unter die Haut und ins Fleisch hinein. Blut fließt in Strömen aus durchtrennten Arterien und fĂ€rbt die Spiegelsplitter hell rot. Durch die Kraft des Schlages drĂŒckt sich eine Spiegelspitze nachhaltig in die Haupt- Arterie des Arms und schneidet sie, mit der Bewegung des Arms durch den Spiegel, lĂ€ngsseits auf. Blut sprudelt mit jedem Schlag eines Herzens aus einem Arm. Ein Körper und seine Spiegelung werden mit verspritztem Blut getrĂ€nkt. Die Bewegung des Armes kommt zu erliegen, ein Körper wankt vor und zurĂŒck, Augen starren weiter in ihr blutiges Spiegelbild. Dann brechen auch sie, der Körper schwankt, fĂ€llt rĂŒcklings weg von einem zerschlagenen Spiegel auf den Boden. Etwas blutet auf dem Boden des Spiegelkabinetts, von Splittern ĂŒbersĂ€ht, aus. Was bleibt ist ein Loch im Spiegel. Hinter dem Loch in der Leere, in der Dunkelheit, in der KĂ€lte und in der Stille blĂŒht sehr einsam ein einzelner weißer Krokus.

„Hier Echo aus ihrer Höhle.“ „Hier ist Liriope, die Mutter von Narziss.“ „Narziss!!!“ „Er ist Tod.“ „Tod.“ „Sie haben ihn gekannt?“ „Gekannt, nein ich habe ihn nicht gekannt.“ „Aber ich habe ihre Nummer gefunden, in der Tasche seiner Hose.“ „Seine Hose, ich habe ihn getroffen, er war verschwunden, damals schon“ „Sie haben ihn geliebt?“ „Geliebt, ja das habe ich.“ „Was war mit ihm.“ „Er konnte mich nicht sehen, er wollte es, aber er konnte es nicht. Er konnte immer nur sich sehen.“ „In den Spiegeln?“ „In den Spiegel und ĂŒberall sonst“ „HĂ€tte er sich nie erkannt“ „Erkannt....“ „Ihnen geht es schlecht. Sie hören sich sehr schwach und ganz leise an“ „Sie sind seine Mutter, aber ich kann nicht ohne ihn leben.“ „Leben, glauben sie ich kann es?“ „Nein.“ „Darf ich zu ihnen kommen“ „Zu mir kommen.“ „Geben sie mir ihre Adresse, ich komme vorbei.“ „Soldienerstraße 71, zweiter Hinterhof, ganz oben“ „Sie warten auf mich, versprochen“ „Versprochen.“

Ich habe Narziss nach dem Fest bei Liriope nicht lebend wieder gesehen. Ein halbes Jahr nach unserem Zusammentreffen rief Liriope mich an. Sie war am Telefon vollkommen aufgelöst, und wiederholte immer wieder unter TrĂ€nen: „Er hat sich selbst erkannt.“ Ich versuchte sie, so gut es ging, zu beruhigen und zu erfahren was geschehen war. Ich musste lange warten, bis sie ĂŒber die VorfĂ€lle berichten konnte. Narziss hatte sich von Liriope und allen anderen Menschen zurĂŒckgezogen. Er verließ nicht einmal mehr sein Zimmer in der Villa seiner Mutter. Zumeist schloss er sich ein und wenn Liriope vor seiner TĂŒr laut rufend fragte was mit ihm sei, erhielt sie keine Antwort. Nur in der Nacht verließ er manchmal sein Zimmer und ging in die KĂŒche um sich etwas zu trinken und zu essen zu nehmen. Er verschwand dann sofort wieder. Liriope sagte mir, Narziss sei nicht mehr als ein Geist in ihrem Haus gewesen. Wenn sie Narziss in der Nacht im Flur oder in der KĂŒche abpasste, war er in keiner Art zugĂ€nglich. Er glitt an ihr vorbei, antwortete auf ihre Fragen nicht und war so schnell verschwunden, wie ein Schatten auf den Licht fĂ€llt. Vor zwei Tagen fand Liriope Narziss Zimmer offen, er hatte wohl vergessen sich einzuschließen. Liriope nutzte die Gelegenheit und trat fĂŒr kurze Zeit in seine Welt. Narziss hatte das Zimmer vollkommen umgerĂ€umt. Das Bett, der Schrank, der Schreibtisch und alle anderen EinrichtungsgegenstĂ€nde standen ĂŒbereinander gestapelt, mit Bettzeug verhĂ€ngt, in einer Ecke des Zimmers. Nur der mannshohe, breite Spiegel stand an eine Wand gelehnt. Vor dem Spiegel fand Liriope, Narziss ohne eine Unterlage auf dem Boden sitzend. Er wandte seinen Blick nicht zu ihr, als sie den Raum betrat. Er betrachtete weiterhin starr sein Spiegelbild. Liriope trat hinter Narziss und streichelte ĂŒber seine ungewaschenen Haare. Er zuckte zusammen, sah seine Mutter aber immer noch nicht. Was nun geschah, sei nur ihr Fehler gewesen meinte Liriope von SchulgefĂŒhlen heimgesucht zu mir. Sie ergriff den Kopf ihres Sohnes und versuchte ihn mit Gewalt in ihre Richtung zu drehen. Sie schrie ihn an, „Schau mich an. Schau mich an. Schau mich an.“ Narziss begann sich schweigend zu wehren. Er hatte seine Mutter bald im Griff und drĂ€ngte sie zeihend und schiebend zu TĂŒr hinaus. Nachdem er sie auf den Boden des Flurs gestoßen hatte, schlug er die TĂŒr des Raumes behĂ€nde zu und schloss hinter sich ab. Das war das letzte mal das Liriope den Narziss lebend sah. Er kam nicht mehr aus dem Zimmer heraus und Liriope wusste nicht was mit ihrem Sohn zu tun sei. Sie wartet darauf das er irgendwann von Hunger und Durst getrieben das Zimmer verlassen wĂŒrde. Am Abend des Tages nach ihrer Handgreiflichkeit hörte Liriope ein lautes Klirren aus Narziss Zimmer. Als sie das GerĂ€usch des zerbrechenden Spiegels vernahm, sprang sie auf und lief hinauf. Sie versuchte die TĂŒr des Zimmers einzutreten, aber es gelang ihr nicht. Ihr fehlte hierzu die Kraft, wie sie mir sagte. Dann lief sie in Panik hinunter in den Garten, durchwĂŒhlte den GerĂ€teschuppen, fand eine Axt und rannte wieder hinauf. Mit vielen SchlĂ€gen der Axt konnte sie die TĂŒr des Zimmers öffnen. Sie brauchte nur viel zu lange, wie sie bemerken sollte. Als sie in den Raum trat war es bereits zu spĂ€t. Narziss lag in seinem Blut auf dem Boden, sein Herz hatte schon geraume Zeit den Dienst versagt. Liriope sah, das Narziss mit seinem linken Arm den Spiegel zerschlagen hatte. Ein großer Splitter des Spiegels hatte die Hauptschlagader des Armes durchtrennt. Narziss war verblutet, ihm war nicht mehr zu helfen. An dieser Stelle brach Liriopes Rede ab, sie legte den Hörer des Telefons auf. Ich ließ der Mutter in ihrem Schmerz um den Sohn eine halbe Stunde Zeit. Dann rief ich sie an. Als sie sich meldete hörte ich deutlich, dass sie ausgiebig geweint hatte. StĂŒck fĂŒr StĂŒck kehrte ihre Beherrschung in unserem GesprĂ€ch zurĂŒck. Wir sprachen lange darĂŒber ob Narziss Tod ein UnglĂŒcksfall oder Selbstmord sei. Wir fragten uns nach den Motiven fĂŒr sein Verhalten. Warum hatte er den Spiegel zerschlagen mĂŒssen, was ging in seiner armen gequĂ€lte Seele vor sich? Ich kann heute nicht anders als alle meine verstĂ€ndnisvollen und klugen Worte im GesprĂ€ch mit Liriope zurĂŒckzunehmen. Ich verstehe nicht, warum geschah, was geschah. Auch nach seinem Tod bleibt mir Narziss, trotz meiner Liebe zu seiner Schönheit, fremd. Vielleicht war es einer Frau vergönnt Narziss, einige Monate vor seinem Tod, wirklich nah zu kommen und ihn zu verstehen. Liriope scheint dies zu glauben, ich glaube es nicht. Liriope berichtet mir, dass sie seit Narziss Tod mit einer jungen Frau namens Echo zusammenlebe. Echo hatte sich, wie Liriope mir sagte, unsterblich in Narziss verliebt. Selbstredend musste ihre Liebe zu Narziis unerfĂŒllt bleiben. Wie ich von Liriope erfuhr hat er sie nur ein einziges mal erkannt, bevor er aus der Welt schied. Dies gibt mir keinen Trost, auch wenn es die Mutter trösten mag. Mir bleibt nur Liriope mein aufrichtiges Beileid aussprechen und sie zur Beerdigung ihre Sohnes zu begleiten.

Wir sind zur Beerding des Narziss eingeladen. Überraschen kann uns dies nicht. Von Narziss war nicht viel zu wollen. Mache ahnten was mit ihm Geschen musste. Wir trauern. Uns wird vom Narziss Nichts bleiben. Nur eine Erinnerung. Erringrungen vergehen. Wir gehen zur Beerdigung. Das ist es gut. Es ist gut so.

Weit unter mir hĂ€ngen dunkele dichte Wolken ĂŒber der Stadt und ĂŒber dem Land. Noch bin ich anwesend, bevor meine Abwesenheit legende und eines Tages vergessen wird. Ich nĂ€here mich den aufgetĂŒrmten Wolkenbergen, tauche in sie ein und durchquere sie, nun ganz bei mir. Der regen der fĂ€llt wird kalt sein. Ich sehe die Menschen in der Stadt frieren. Ich spĂŒre, Gott sei dank nichts mehr, mir ist weder warm noch kalt weder wohl noch ĂŒbel und ich habe keine Angst, nein keine Angst. Ich suche nur noch dass Eine, das Letzte, mein Grab. Ich fliege durch die HĂ€userfluchten ĂŒber Strassen und PlĂ€tze, immer ein StĂŒck ĂŒber den Menschen. Dann finde ich mich in den Baumkronen eines Friedhofs im Zentrum der Stadt wieder. Unter mir liegt mein Grab im Nieselregen. Das Loch im Boden ist bereitet der Stein bereits angefertigt. „Hier ruht unser geliebter Narziss“ wurde in den Stein gehauen. Nur der Sarg, der die Überreste meiner zerschlagenen Leibhaftigkeit enthĂ€lt, fehlt an diesem Ort noch. Ich komme wohl grade im rechten Moment zu meiner Beerdingung. Dort naht der Leichenzug. Meine Übereste sind, wie ich sehe, in einem massiven gut gerĂŒsteten Eichensarg aufbewahrt. Die TrĂ€ger wirken stark genug um dass Gebein nicht vor der Zeit dem Boden zu ĂŒberantworten. Hinter dem Sarg geht die Frau die mein Gebein in die Welt geworfen hat. Neben ihre geht eine jĂŒngere Frau. Mein Gebein mit seiner schönen HĂŒlle hat diesen Beiden GefĂŒhle gemacht. Die beiden Frauen berĂŒhren sich heute ganz leicht mit den Fingerkuppen ihre HĂ€nde. Hinter den beiden Frauen torkelt der alte halb-blinde Seher. Dahinter findet sich die Schar der Freundinnen der hinter dem Sarg Gehenden. Den Abschluss bildet eine Gruppe jĂŒngere Menschen die meinten mit mir bekannt, vielleicht gar noch befreundet, gewesen zu sein. Nun kann ich die Menschen sehen, die ich lange Zeit nicht sehen konnte und nie wieder sehen werde. In mir bleibt nichts, kein GefĂŒhl zu den Menschen will sich einstellen. Keiner dieser Mensch sah mich. Geben wir uns keinen Illusionen hin, sie sahen nur eine OberflĂ€che, alles weitere war ihr eigener Wahn. Meine Wahrheit ist hier in diesen Zeilen. Der Sarg mit meinem Gebein hat sein Ziel erreicht, er wird in die feuchte Grube gelassen. Ein Priester taucht aus dem Regenschleier auf, spricht offensichtlich Ă€ußerst unwillig einige Worte und verschwindet wieder. Er weiß dass ich der Menschheit, in dem ich den Spiegel zerschlug, die Illusion raube dass ein Leben wert hat. Er wird wohl froh sein wieder in das Haus seine Gottes zurĂŒckzukehren. Liriope, Echo, Kalchas und die Nymphe weinen an meinem Grab um mein Leben. Mich betrifft dies nicht. So wie der Chor betrachtet ich die Szene abschließend interessiert. Asche, Staub und ein einzelner weißer Krokus werden auf meinen feuchten Sarg ins Grab geworfen. Der Regen fĂ€llt weiter. Erde ĂŒber all dies. Damit darf ich gehen.

Das war es also. Narziss ist nicht mehr. Nein nicht mehr. Er wird uns nicht mehr begleiten. Er geht dahin. Er ist da. Wir nicht. Lasst uns sehen wohin wir kommen. Jeder Zug ist besser als dieser kalte Regen. Wir setzten das Spiel fort. ZurĂŒck in das trocken Labyrinth. Bis Sie uns haben. Bis zum Ende

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