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Leselupe.de > Erzählungen
Nehmen Sie doch bitte im Wartereich Platz…
Eingestellt am 22. 06. 2010 19:57


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Sir Charles Blackwood
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2010

Werke: 17
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Eine Erzählung aus meinem Leben, wie sie sich vor einiger Zeit tatsächlich zugetragen hat. Eine Episode des Lebens des 21. Jahrhunderts.

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Die hektischen Tage, angefüllt von Streßfaktor 9765, sind vorüber, der Umzug in die neue, alte Heimat, da wo die Straßenbahn auf dem Kopf fährt, geschafft. Noch einen kleinen Rückbau der alten Wohnung, einige Gänge zu Behörden und Ämtern, wie das Einwohnermeldeamt, die Krankenkasse, um den Chip der Krankenkarte zu aktualisieren, etc., und wir können zur Ruhe kommen, das Feeling der Großstadt atmen, genießen, leben und erleben.
So ist mir die Tage, als ich mit meiner Frau zur Krankenkasse fuhr, um die besagten Krankenkassenkarten aktualisieren zu lassen, eine kleine Episode hängengeblieben, über die ich auch im nachhinein immer wieder schmunzeln muß.

… Die Räder der Schwebebahn kreischen ein letztes Mal in der engen Kurve vor der Haltestelle, wir machten uns bereit auszusteigen. Wenige Schritte von der Haltestelle hinunter auf Straßenhöhe, ein schnelles Überqueren der Straße, die Ampel ist gerade grün, und wir stehen vor dem prächtigen Bau der Krankenkasse. Ehrfürchtig, ja fast schüchtern, gehen wir auf das Eingangsportal zu, das uns mit einem leisen Summen automatisch die Türe öffnet, und betreten die mächtige Halle, oder soll ich lieber sagen: den Eingangsdom der Gesundheitskasse. Meine Frau und ich erstarren. Kühl und schattig empfängt uns die Halle. Es hätte mich nicht gewundert, wenn aus irgendeiner Ecke ein Echo zu hören gewesen wäre. Da findet mein Blick, rund 10 Meter weiter, ein Schild, freischwebend scheint es in der Luft zu verharren, mit der Aufschrift „Information“. Darunter, fast mickrig zu nennen, einen Empfangsbereich mit einer „kühlen Blonden“. Den Gang dorthin, wieder leicht beschleunigend, schaffen wir in kurzer Zeit. Stühle zum Ausruhen, wären nicht schlecht, geht es mir durch den Kopf. Wenigstens ist nix los, so früh am Morgen.

„Guten Tag! Sie wünschen bitte?“ Monoton, ohne aufzublicken, verlassen die Worte den Mund der „Kühlen“. Die Lippen, mein Blick verharrt auf die glutrote Sünde - haben die sich bei der Begrüßung überhaupt bewegt? Wohl Bauchrednerin.
„Tja, wir sind hier zugezogen und möchten die Adresse auf den…“
„Ihre Versichertenkarte bitte!“
Während ich meine Brieftasche zücke, um die Karte zu entnehmen, öffnet meine Frau ihre Handtasche.
„Eine reicht!“
Ein kurzes unsicheres „wer soll sie ihr jetzt denn jetzt zeigen?“, meine Frau und ich schauen uns an. Dann hat sie ihre Karte aber schon parat und legt sie der „Kühlen Blonden“ in die fordernd hingehaltene Hand. Nachdem diese einige Tasten an ihrem PC gequält, den Kopf mal nach rechts, mal nach links gedreht hat, schiebt sie meiner Frau die Plastikkarte wieder zu.

„Nehmen Sie bitte im Wartebereich Platz! Sie werden dann aufgerufen!“
„Ich hätte da noch eine Fr…“
„Nehmen Sie bitte im Wartebereich Platz! Sie werden dann aufgerufen!“

Hmmm… Naja, wir drehen uns in die von ihr immer noch zeigende Hand und gehen die nächsten 10 Meter, um dann in einem großen Wartebereich Platz zu nehmen. „Frankfurt – International Airport“ geht es mir durch den Kopf. Irgendwie habe ich den Wartebereich dort kleiner im Kopf, als hier in der Krankenkasse. Wir nehmen Platz, der Stuhl ist angenehm weich, und ich versuchte, den Dom des Monumental-Bauwerks in seiner Endlichkeit zu erfassen.
Worte, leise zwar, aber doch deutlich hörbar, drängen zaghaft zu mir vor.
„Guten Tag, Sie wünschen bitte?“
Blablabla…
„Nehmen Sie bitte im Wartebereich Platz! Sie werden dann aufgerufen!“
Das nächste Paar, junge Leute, ebenso unsicher wie wir in diesem Tempel der Gesundheit, steueren dem Wartebereich zu.
„Nehmen Sie doch Platz! ...“
Wieder, diesmal ein alter Mann, mit grauem Haar, schütter, mit einem knittrigen Schlapphut auf dem Kopf, betrat, langsam, gebeugt und gebrechlich, den Wartebereich.
„…werden dann aufgerufen!“
Diesmal kam eine ganze Familie, nahm im hinteren Teil des Wartebereichs Platz. Ein Opernglas wäre jetzt hilfreich.
„Nehmen Sie doch…“
Langsam füllt es sich. Ich denke, in den letzten 10 Minuten kamen so um die 20 Kunden, oder soll ich sagen, Patienten herbei.
Immer wieder höre ich „Sie wünschen bitte?“ „Nehmen Sie doch im Wartebereich Platz! Sie werden dann aufgerufen!“ Kann die auch noch einen anderen Satz?
Meine Gedanken kreisen umher. Ob diese Halle ein eigenes Microklima hat? Im Boeing-Montagewerk soll es ja so sein. Mir kommt es vor, als werden die Worte, das Zirpen immer wieder gleicher Silben und Buchstaben, durch einen lauen Sommerwind zu mir herübergetragen.
Wie oft mag sie diese drei Sätze am Tag wohl sagen?
Bloß nicht nachrechnen! Das muß in die tausende gehen.

Ich muß auf einmal lachen, während mir wie ein Blitz aus heiterem Himmel, Gedanken durch den Kopf schießen.
„Was ist los? Weshalb lachst du?“ Meine Frau sieht mich fragend an.
Während, die Fassung wieder zu erlangen suchend, versuche ich ihr meine Gedankengänge zu erklären.

„Überleg doch mal!“ Wieder schüttelt mich ein Lachanfall. „Überleg doch mal, haha… immer nur die drei Sätze. Da muß sie doch nachts von träumen.“ Ich kann nicht mehr. Immer noch trifft mich ihr fragender Blick.
„Denk mal, da kommt abends der Mann nach Hause. Sie haben gegessen, getrunken, geschmust… Dann liegt sie im Bett, der Mann nähert sich und schon geht die Automatenstimme los:

„Guten Tag, Sie wünschen bitte?“
Während er dann liebevoll stammelnd ihr einen schmachtenden Blick zuwirft, kommt schon der nächste Satz: „Nehmen Sie doch bitte im Wartebereich Platz. Sie werden dann aufgerufen!“
Schmunzel….

So geschehen dieser Tage. Ich wußte doch, daß mir die neue Heimat viele neue Inspirationen und Anregungen bietet. Und während ich diese Zeilen tippe, spielt mein altes Dampfradio Oldies und der gute Bohnenkaffee dampft in der Tasse.


Epilog – oder soll ich sagen: Teil 2 der Saga?
Etwa eine Woche später mußten wir noch einmal in den Tempel der Gesundheit. Als bekennender Frühaufsteher war für mich gegen sechs Uhr die Nacht rum. Also, aufgestanden, Katze gekrault, in die Küche gestolpert, den guten Wachmacher aus Äthiopien in die Kanne geschmissen, über Katze (wo kam die denn auf einmal her?) geflogen, fast auf die Schnauze gefallen, sowie laut geflucht. Während ich mit mir, der Katze und dem langsam warmwerdenden Dampfradio beschäftigt war, ging die Schlafzimmertüre auf:

„Was machst du denn wieder für einen Krach? Muß das sein?“ Meine Frau stand im Nachtzeug, sich den Schlaf aus den Augen reibend, mit wirrem Haar und müde blinzelnd in der Tür.
„Ach, die blöde Katze…“
„Laß die Katze aus dem Spiel! Bist wohl wieder nur so rumgetrampelt. Augen zu und Blödsinn im Kopf.“ Mit diesen Worten nahm sie Antonia auf den Arm, die sich schnurrend an ihrem Arm rieb. Ihr Blick schien zu mir sagen: Bäh, siehste mein Alter. Es sah fast so aus, als hätte der mottenzerfressene Flohbeutel dabei auch noch feist gegrinst. So macht man das!
Nun, der Morgen ging dann doch noch friedlich und ohne weitere Mißgeschicke herum und wir machten uns alsbald auf den Weg, um letzte Dinge bei der Krankenkasse abzuklären.

Wie schon beim ersten Besuch legte sich die Schwebebahn quietschend in die letzte Kurve, um kurz danach sanft abzubremsen. Die Haltestelle verlassend, ging mir blitzartig durch den Kopf, ob die „kühle Blonde“ heute auch wieder Dienst haben würde. Bei den Gedanken daran, mußte ich unbewußt schmunzeln.
Augenblicke später standen wir vor der sich leise summend öffnenden Eingangstüre. Wissend um die Dimensionen, die uns erwarten, kam mir die Eingangshalle diesmal aber gar nicht mehr so gewaltig vor. Ohne uns weiter umzuschauen, schritten wir auf die Information zu.

„Einen wunderschönen guten Tag wünsche ich Ihnen. Wie kann ich Ihnen helfen?“
Verdutzt blickte ich auf und schaute in das freundliche Gesicht eines so um die 55 Jahre alten Mannes. Seine gütigen, blauen Augen blickten uns lustig an. Um seinen Mund, kleine Falten unterstrichen seinen Gesichtsausdruck, fand ich ein verschmitztes Lächeln. Seine Schläfen, betont von ordentlich nach hinten gekämmten, silbernen, aber doch etwas schütteren, Haaren, machten aus ihm einen wissenden, gleichzeitig jedoch gütig wirkenden Herrn. Der freundliche Gesichtsausdruck wirkte nicht nur sympathisch, sondern hochgradig ansteckend.

Nachdem wir ihm unser Anliegen vorgetragen, er eine der Chipkarten eingelesen hatte, gab er diese, sich freundlich vorbeugend, mit dem Hinweis zurück: „Nehmen Sie doch bitte dort hinten auf den Stühlen Platz. Eine Mitarbeiterin wird Sie gleich aufrufen und sich um Ihr Anliegen bemühen.“ Gleichzeitig zeigte er uns den Weg und nickte uns mit seinen strahlenden Augen, was mir besonders auffiel, zu. Irgendwie war ich irritiert. Gab es hier eventuell noch richtig arbeitende Menschen? Lebewesen, die einen Kunden persönlich begrüßen? Nun, ich wollte dies einmal beobachten.
Wir nahmen Platz. Einige wenige Personen warteten schon. Ich nickte Ihnen begrüßend zu und nahm meinen Hut ab. Geschickt hatte ich unsere Sitzplätze so gewählt, daß ich die Information direkt im Blickwinkel hatte. Und siehe da! Er begrüßte jeden freundlich, mit einem anderen, persönlich zugeschnittenen Satz und schien wohl auch mit sich und seinem Leben rundum zufrieden zu sein.

Meine bis dato gute Laune machte noch einige Sprünge nach oben, was auch nicht durch den Umstand geschmälert wurde, das ich diesmal keine „kühle Blonde“ angetroffen hatte, jedoch den Glauben an gutem Kundendienst in der Servicewüste Deutschland wiedergefunden hatte.

Epilog – aber jetzt wirklich. Aber so was von Epilog…
Sicher hatte die erste Erfahrung nichts mit der Tatsache zu tun, eine Frau vor mir zu haben und sicher auch nichts mit der sprichwörtlichen Haarfarbe „Blond“. Eher mit dem Geist des 21. Jahrhunderts, der (leider) heute vielfach die Gesellschaft befallen hat - Gutes und Traditionen nicht mehr bewahrt, sondern mit Füßen tritt. Aber, daran arbeite ich noch. Irgendwann werde ich dafür die passende Erklärung finden. Doch bis dahin gibt es erst einmal eine dampfende Tasse Kaffee und einen tollen Oldie. Gerade singt Scott McKenzie:

If you`re going to San Francisco
be sure to wear some flowers in your hair.
If you`re going to San Francisco
you're gonna meet some gentle people there.

Ach, war das eine schöne Zeit – 1967. Als die Flüsse noch klar, die Wiesen saftig und die Wälder noch grün waren…

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Solange man den Krieg als etwas Böses ansieht, wird er seine Anziehungskraft behalten. Erst wenn man ihn als Niedertracht erkennt, wird er seine Popularität verlieren. (Oscar Wilde)

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