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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Neue Bescheidenheit
Eingestellt am 07. 03. 2010 16:06


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Als defensiver Autofahrer bin ich lĂ€ngst in eine Minderheit geraten. Die meisten Kraftfahrer betonen vor allem Kraft. Kraft, die im Kraftfahrzeug steckt und sich anfĂŒhlt, als entwickele der Fahrer (immer hĂ€ufiger auch die Fahrerin) sie höchst persönlich. Mit gelĂ€ndegĂ€ngigen, bullig-aggressiv designten, motorisierten Festungen machen sie sich breit, rasen, beschleunigen, lassen literweise Sprit fressen, verdrĂ€ngen andere Fahrzeuge, wechseln willkĂŒrlich, ohne Blinker auf die Überholspur, weichen nur, wenn sie auf einer anderen Spur besser ĂŒberholen können, nehmen die Vorfahrt und drĂ€ngen sich auf ParkplĂ€tzen vor. Die einfachen, doch viel zu eng ausgelegten Regeln der deutschen Straßenverkehrsordnung entsprechen einfach nicht ihrer GroßzĂŒgig- und –spurigkeit. Siegertypen und Alphatiere fahren eben anders.
Nun steigt nicht immer ein an seinem Äußeren unmittelbar erkennbarer Siegertyp aus den einst der Pferdekutsche nachempfundenen Vehikeln. Doch gerade die unerkennbaren fahren einen besonders alphatierischen Siegerfahrstil.
Vor cirka einem halben Jahr standen meine Frau und ich in unserem eher bescheidenen Citroen vor einer Kreuzung, an der die Vorfahrtsregel rechts vor links galt. Ein Höchstkraftfahrzeugfahrer gewÀhrte herablassend winkend die mir ohnehin zustehende Vorfahrt. Als er an der nÀchsten Ampel links von mir zum Stehen kam, signalisierte er wild gestikuliernd GesprÀchsbedarf. In (defensiven) Gelassenheit betÀtigte ich meinen elektrischen Fensteröffner.
„Wenn man schon vorgelassen wird, sagt man wenigsten „Danke!““ brĂŒllte jener Kraftfahrer.
Schweigend schloss ich mein Fenster, wĂ€hrend er lachend bei Noch-Rot anfuhr, vor mir auf meine Spur wechselte, dreimal die Warnblinkanlage betĂ€tigte, Gas gab und stĂ€ndig spurwechselnd irgendwo im VerkehrsgewĂŒhl verschwand. Ich hingegen mĂŒhte mich ab, die innerstĂ€dtisch erlaubten 50 Stundenkilometer nicht zu ĂŒberschreiten.
„Das sind Folgen jahrelanger individualistischer Selbstverwirklichung und einer von Grund auf falschen Wachstumsideologie!“ versuchte ich in sachlichstem Tonfall meine Frau in eine Diskussion ĂŒber mein Lieblingsthema zu verwickeln. Sie hatte vor gut drei Monaten einen Selbstbehauptungskurs fĂŒr Frauen besucht, klammerte sich dennoch hilflos an den Beifahrersitz und versuchte trotz Fehlens eigener Pedale, mich mit-bremsend beim Einhalten der Geschwindigkeitsbegrenzung zu unterstĂŒtzen.
Wie immer gerieten wir in eine Ă€ußerst lautstarke Diskussion ĂŒber die neue Bescheidenheit, die ich als allgemeines gesellschaftliches Ziel auszurufen gedachte. Allerdings wusste ich noch nicht wo und wie, und hielt unsere Ehe fĂŒr ein Ă€ußerst geeignetes Übungsfeld.
Gönnerhaft stimmte ich meiner Frau zu, ihr Selbstbehauptungsseminar habe ihr Selbstvertrauen gebracht. Und nur deswegen stimmte meine Frau mir wortlos nickend zu, dass Rekordgewinnen bei der Konkurrenz um Geld, Besitz und Macht und natĂŒrlich jenem signifikant kraftmeiernden Fahrverhalten bewusstseinsverĂ€ndernd Einhalt geboten werden mĂŒsse. BestĂ€tigend traten wir schließlich gemeinsam unsere vorhandene beziehungsweise nicht vorhandene Bremse vor dem Mehrfamilienhaus, in dessen fĂŒnfter Etage wir schon seit ĂŒber 20 Jahren in einer eher bescheidenen Eigentumswohnung leben. Andere Bewohner zogen dort nach wenigen Jahren aus, um Eigenheime mit wesentlich mehr Wohnraum zu beziehen. Die finanzierten sie ganz unbescheiden mit hohen Krediten. „Und jetzt“, triumphierte ich, als wir in den Fahrstuhl stiegen, „finanzieren Banken Kredite auch noch mit Krediten, die mit Krediten finanziert wurden. Das ist pervertierte kapitalistische Wachstumideologie vom Feinsten.“
Meine Frau runzelte die Stirn, nickte und meinte, das letzte Hemd habe ohnehin keine Taschen. Den Spruch brachte sie immer wieder gern, wie ĂŒbrigens ihre Mutter und Großmutter und die meinigen beiden auch schon.
Unsere Verkehrserlebnisse mit rĂŒcksichtslosen Kraftfahrern begannen sich immer schneller zu wiederholen. Bedenklicher hĂ€tte mir erscheinen mĂŒssen, dass mein Fahrstil unmerklich aggressiver wurde, meine beifahrende Frau sich nur noch an ihren Sitz klammerte und ihren rechten Fuß kaum einmal vom unsichtbaren Bremspedal nahm.
Da ich mir kritische Äußerungen ĂŒber meinen Fahrstil verbat, presste sie die Lippen aufeinander. So kamen unsere Diskussionen ĂŒber die neue Bescheidenheit kaum noch zu stande, auch da mein stĂ€ndiges lautstarkes Fluchen ĂŒber das unverschĂ€mte Verhalten anderer Verkehrsteilnehmer meine Frau nicht zu Wort kommen ließ.
Mit dem mir selbst auferlegten Missionsauftrag, kraftprotzige Idioten vom Unwert ihrer Wachstums- und Ausbreitungsideologie zu ĂŒberzeugen, begann ich mich exemplarisch am Kampf um ParkplĂ€tze zu beteiligen, war ausnahmslos Verlierer, riskierte mehr und fuhr dennoch keinen Sieg ein. DafĂŒr einen heftigen Unfall mit Blechschaden und blauem Auge. Denn aus dem Siegerauto, das mit nur leichten Kratzern an der mĂ€chtigen Stoßstange die ParklĂŒcke eroberte, stieg ein breitschultriger, mich um KopflĂ€nge ĂŒberragender Kraftfahrer, der wortlos seine rechte Gerade ausfuhr.
Als er noch einmal ausholte, schob meine Frau mich blitzartig zur Seite und der zweite Hieb ging ins Leere.
„Gut, dass deine Mami dir geholfen hat!“ höhnte der Munskelmann.
Und meine Frau parierte schlagfertig, wie ich sie nicht kannte: “Pass bloß auf, dass ich das nicht deiner Mama erzĂ€hle.“
Lachend tĂ€tschgelte der Kraftfahrer meiner Frau den Oberarm, stieg in seinen PS-starken GelĂ€ndewagen amerikanischer Herkunft und öffnete von innen noch einmal die Seitenscheibe. „Ganz schön tapfer, deine Frau.“
Die stieg lĂ€chelnd in unser Auto, wĂ€hrend ich mir den heftig lĂ€dierten KotflĂŒgel ansah.
Als ich einstieg, lÀchelte meine Frau immer noch und betastet liebevoll mein veilchenblaues Auge. In der Zeit muss der GelÀndewagen den Parkplatz unbemerkt gerÀumt haben, sodass ich mir noch nicht einmal sein amtliches Kennzeichen notieren konnte.
„Dieses Arschloch!“ Ich startete den Motor und versuchte, in die vom GelĂ€ndewagen hinterlassene große LĂŒcke einzuparken, was mir in meiner Aufregung natĂŒrlich nicht gelang.
„Liebling, lass mal!“ Meine Frau stieg aus, öffnete mir die FahrertĂŒr. UnwillkĂŒrlich rĂ€umte ich den Sitz und stellte mich schrĂ€g hinter unser Auto. Ohne meine gestenreichen EinweisungsbemĂŒhungen zu beachten, setzte sie schwungvoll in die ParklĂŒcke zurĂŒck und stand perfekt zwischen zwei fahrbaren Festungen.
„Ich dachte, du könntest nicht gut einparken?“ staunte ich.
„Im Selbstbehauptungseminar lernte ich neue Bescheidenheit. Ich habe es nicht nötig, mit Können zu prahlen. Ich kann!“

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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