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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Nie mehr ohne Franziska
Eingestellt am 29. 08. 2002 09:27


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itsme
???
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An jedem Donnerstag Nachmittag, ich wei├č nicht mehr wie viele Jahre schon, ist Andi hier drau├čen auf seinem Kahn und werkelt. Nur nicht, wenn der Donnerstag ein Feiertag ist. Dann ist es ihm zu unruhig im alten Werfthafen. Dann laufen dort zu viele Besucher herum. Fr├╝her habe ich Andi h├Ąufiger besucht. Es war eine Menge Arbeit, aus dem alten vergammelten Wrack eines ehemaligen Kanalschleppers, das er in Holland billig erstanden hatte, wieder ein ansehnliches und funktionstaugliches Schiff zu machen. Die Helligen, Werkst├Ątten und Magazine an den hohen Uferb├Âschungen dieses geschl├Ąngelten Wurmfortsatzes des Kohlenhafens, in dem sein Schiff schwimmt, sind l├Ąngst verschwunden. Nichts erinnert mehr daran, dass hier vor Generationen Schiffe gebaut und ausgebessert wurden. Heute baut hier nur noch Andi.

Die verschn├Ârkelten, dicht aneinander gedr├Ąngten Fassaden der alten H├Ąuser oben, auf der anderen Seite der Uferstra├če, lassen noch erahnen, dass es hier einmal sehr gesch├Ąftig zugegangen sein muss. Jetzt wirkt es, mit den alten Ahornb├Ąumen, die beidseitig die Stra├če s├Ąumen, verschlafen. Wenn man wie Andi ist und graue K├Ąlte durch den Hafen zieht, wird die Melancholie sp├╝rbar, die in der Luft liegt. Auch Schiffstypen wie Andis Kahn wurden hier gebaut. Wenn alte Schiffe eine Seele haben, dann werden sie sich hier wohl f├╝hlen.

Anfangs hatte ich Andi bei der Arbeit geholfen. F├╝rs Grobe fehlten ihm manchmal ein paar H├Ąnde. Unter jeder Planke, die er entfernte, hinter jedem Blech, im Motorraum, in der Bilge, der Kaj├╝te, den Verkleidungen des Steuerhauses, einfach ├╝berall fanden sich die Metastasen des Krebsgeschw├╝res, dessen erste Zellen bereits beim Stapellauf vor 120 Jahren, versteckt irgendwo an Bord, ihr zerst├Ârerisches Werk begonnen hatten; Rost. Als ich zum ersten Mal an Bord war und mich umgeschaut hatte vom Bugsprit bis zur Heckschanz hielt ich es f├╝r ein schier aussichtsloses Unterfangen, dieses Wrack wiederzubeleben ... eigentlich. Ich sprach das nicht aus. Nicht weil ich h├Âflich oder r├╝cksichtsvoll sein wollte. Ich schaute Andi an. Wir kannten uns schon lange. Er war nie ein Mann gro├čer Worte oder Gesten. Was ich sah, war so etwas wie Zufriedenheit in seinem Gesichtsausdruck. Obwohl er nicht blind war und den Umfang der notwendigen Arbeiten ganz n├╝chtern erkannte. Ich wusste nicht, was mich hinderte, meine Zweifel auszusprechen. Ich sah ihn an und zweifelte an meinen Zweifeln.

Damals sa├čen wir noch zwischen M├╝ll und Tr├╝mmern am Tisch in der Kaj├╝te. Andi drehte f├╝r uns Zigaretten w├Ąhrend das Teewasser auf dem Campingkocher hei├č wurde. Eine Petroleumlampe an der Decke, ein paar Kerzen auf dem Tisch, herunterrinnendes Kondenswasser an den Scheiben; eigent├╝mliche Heimeligkeit in dem Chaos. Es roch nach Teer, verbranntem ├ľl, und wenn man die Tasse nahe genug unter die Nase hielt, auch nach Tee. Bed├Ąchtig, umst├Ąndlich, erz├Ąhlte Andi dann von seinen Fortschritten. Nie haben wir uns an Bord ├╝ber etwas anderes unterhalten. Er zeigte mir den Fortgang der Arbeiten, und er dachte laut ├╝ber das weitere Tun nach. Sp├Ąter half ich ihm nicht mehr. Ich wollte ihm die Arbeit nicht wegnehmen. Ich sah ihm Tee trinkend zu. Es roch jetzt mehr nach Holz und Farbe. Seine stille Zufriedenheit blieb. Meine anf├Ąnglichen Zweifel aber waren verflogen.

Ich kenne auch Andis Frau und seine Kinder. Sie ist ein ziemlich vorlautes Wesen, eine ├ľkoziege, die gerne auf ihrer Gartenbank zwischen Heckenrosen und Kr├Ąuterbeet sitzt ... und Andi auf den richtigen Weg gebracht hat. Sie wei├č immer, welcher der richtige Weg ist. Damals, als Andi nach Berlin ging, lernte er sie kennen. Andi arbeitete halbtags als Apotheker und malte ansonsten. Es gefiel ihm in Kreuzberg. Damals fuhr er noch Motorrad. Nach ein paar Wochen war sie schwanger, und deshalb heiratete sie ihn. Andi mag Kinder. Er muss besoffen gewesen sein, als sie ihn bumste. Zumindest durfte er zur├╝ck nach Duisburg. Was sollte er auch noch in Berlin. Sie nahm daf├╝r ein paar ihrer Freunde mit zum Ausgleich. Die wohnen seither auch in dem Haus, das Andi kaufen konnte, weil er seit der R├╝ckkehr aus Berlin eine eigene Apotheke besitzt in Duisburg. Frau und Kinder verpflichten. Andi schweigt dazu. Harmoniebed├╝rftigkeit ist eine schlimme Krankheit.

Mein letzter Besuch auf seinem Schiff liegt nur wenige Wochen zur├╝ck. Ich hatte eine Flasche Rotwein mitgebracht. Wir sa├čen in der Kaj├╝te am Tisch, und Andi drehte uns Zigaretten. Drau├čen tr├╝bten dicke Stratuswolken das Tageslicht, wie meist, wenn ich ihn besuchte. So erinnere ich es zumindest. Oder geh├Ârt das zu dem Bild in meinem Kopf, das ich von diesem Arrangement "Schiff im alten Hafen nebst Kulisse" habe? Nach ein paar Z├╝gen an seiner Zigarette und einem Schluck Wein aus der Flasche fragte mich Andi, ob ich mich an Franziska erinnere. Franziska sei jetzt geschieden. Andi w├╝rde so etwas nicht beil├Ąufig fragen. Ich schaute ihn forschend an, fand aber keine Regung in seiner Miene. Ja, ich erinnerte mich an Franziska. Es hatte eine Beziehung zwischen ihm und Franziska gegeben, fr├╝her, lange bevor Andi nach Berlin ging. Es war eine eigenartige Beziehung aus der Sicht der Bekannten und Freunde. Sie hingen zusammen und sie bek├Ąmpften sich. Sie trafen sich mit Freunden und nahmen kaum Notiz voneinander. Sie sa├čen sich stundenlang schweigend gegen├╝ber. Sie hielten sich weltvergessen in den Armen. Sie beschimpfte ihn, und sie weinte, wenn er sich abwandte. Er suchte sie tagelang, wenn sie mal wieder unauffindbar war. Sie machten sich atemlos. Andi war nie ein Schw├Ątzer. Als sie ihn verlie├č, wurde er noch stiller.

Andi drehte die n├Ąchsten Zigaretten. Er hatte kein Wort mehr gesprochen. Ich schaute ihn immer noch an, und ich verstand. Nach vielen Besuchen auf seinem Kahn verstand ich endlich ... seine Flucht nach Berlin, den Kahn, das Fleckchen Hafen am Arsch der Welt, die freien Donnerstage, einfach alles, jetzt nur zu gut.

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Life is too short to paint a single kiss

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Arno1808
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Dein Andi

Hallo itsme,

was soll man dem noch hinzuf├╝gen?

Du hast uns da eine Geschichte erz├Ąhlt, die ich mit absoluter Sicherheit noch mehrmals lesen werde. (Ich habe sie mir ausgedruckt) ;-))

Nicht etwa, weil ich denke, etwas nicht verstanden zu haben.
Nein, klarer kann man ein Bild gar nicht vor sich haben, wie ich Andi vor mir sehe, den alten Hafen, selbst die Frau, von der er sich erst bumsen und dann heiraten lie├č -
uff!

Kompliment!

Gru├č

Arno

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Zefira
???
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Auch ich fand die Geschichte stimmungsvoll und bildhaft, obwohl sie mir nicht ganz vollst├Ąndig erscheint - so als m├╝sse da noch was kommen. D├╝rfen wir uns darauf freuen?

Jetzt mal eine ganz kuriose Sache, itsme:
"Die Helligen, Werkst├Ątten und Magazine an den hohen Uferb├Âschungen dieses geschl├Ąngelten Wurmfortsatzes des Kohlenhafens, in dem sein Schiff schwimmt, sind l├Ąngst verschwunden."
Das ist ein ganz verwickelter Satz, eine geradezu spiralige Ortsbestimmung - "an den Uferb├Âschungen des Wurmfortsatzes des Kohlenhafens" - ich folge konzentriert, versuche mir alles vorzustellen, es gelingt auch - und was dann? "... sind l├Ąngst verschwunden." Rums.
Ich f├╝hlte mich wie vor den Kopf geschlagen. Soll das so sein...?
Zefira

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itsme
???
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@Arno
Ich danke dir f├╝r dein Lob. Du machst mich regelrecht verlegen.


@Zefira
Nein, die Geschichte ist vollst├Ąndig. Es ist nur eine kleine Reflexion ├╝ber Andis Welt. F├╝r den Ich-Erz├Ąhler wird Andis Bastelei ├╝ber Jahre mit seinen letzten Worten verst├Ąndlich. Andi hat einen Fluchtpunkt an dem er mit sich, seiner fr├╝heren Welt ... und Franziska allein sein kann. Der Text steht bewusst unter "Erz├Ąhlungen".

Dein "Rums" verstehe ich nicht, denn die n├Ąchsten beiden S├Ątze erkl├Ąren, denke ich, genug. Dieser Absatz soll einen knappen Eindruck von der Atmosph├Ąre der ├ľrtlichkeit liefern, nicht wirklich beschreiben.

Gr├╝├člinge
itsme
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Zefira
???
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Hab mich anscheinend unklar ausgedr├╝ckt.
Es geht mir darum: die Beschreibung ist, wie gesagt, gewunden, grammatikalisch kompliziert, und am Schlu├č steht dann da, da├č das, was beschrieben wurde, nicht mehr da ist. Auf mich wirkt es ein wenig befremdlich, wenn ein so stimmungsvolles Bild aufgebaut wird - eine Landratte wie ich mu├č da das Gehirn schon etwas h├Âher fahren -, und dann wird es gleichsam mit einem Hieb au├čer Kraft gesetzt.
Vermutlich h├Ątte ich den Satz begonnen mit "Verschwunden sind...." oder "Fr├╝her war...."
Ich will nicht sagen, da├č es mir nicht gef├Ąllt, aber es ist ein eigenartiger Effekt. Oder bin ich zu empfindlich?


Noch ein Nachtrag:
"Frau und Kinder verpflichten. Andi schweigt dazu. Harmoniebed├╝rftigkeit ist eine schlimme Krankheit."

Eine Lebenstrag├Âdie in drei kurzen S├Ątzen. Mancher Schreiber k├Ânnte sich da eine Scheibe abschneiden. Nochmals Kompliment von mir.

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itsme
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Hmmm ... bedenkenswert Zefira. Es lag wohl daran, dass ich ein Modell aus einem Museum im Kopf hatte, dass st├Ąrker als die Realit├Ąt war. Man kann wirklich nicht oft genug versuchen, sich in den Leser zu versetzen. Klar, ich h├Ątte die Aussagen umdrehen k├Ânnen. Der Satz ist so gedreht, weil ich m├Âglichst viel Bild mit wenigen Worten vermitteln-, aber den ruhigen Erz├Ąhl-Stil nicht durch Stakkato-S├Ątze beschleunigen wollte.

Auch dir Dank f├╝r dein Lob.

Gr├╝├člinge
itsme
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