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Leselupe.de > Erotische Geschichten
Nightswimming
Eingestellt am 16. 07. 2010 04:10


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Neues Thema in der Betroffenheitspoesie: "Die Leselupenfinanzen"

Dominik Klama
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Nightswimming [Die 13 Edgar-Jung-Geschichten, Nr. 6]

Flusen waren auch im hintersten Winkel keine mehr aufzuspüren. Wenigstens diesen Vorteil hatten solche kurzfristig angekündigten Besuche von Leuten, die man kaum kannte: Edgar konnte sich nicht mehr drücken um den stets überaus überfälligen Hausputz. Bevor er Martin vom Bahnhof abholte, unterzog er die Wohnung einer allerletzten kritischen Begutachtung. „The Male Nude“, den dicken Fotoband hatte er nach hinten in die zweite Bücherreihe verlagert. Er sah keinen Grund, krampfhaft einen auf Hetero zu machen, aber Martin, das war nur einer von den ehemaligen Klassenkameraden aus der Heimatstadt. Jemand, den er kaum kannte, seit Jahren nicht mehr gesehen hatte, wahrscheinlich seit den paar Partys nicht mehr, mit denen sie ihr Abi gefeiert hatten.

Am Fenster im Sonnenlicht sahen die gelben Rosen in der blauen Vase sehr fein aus. Edgar holte sich jede Woche frische Blumen vom Samstagmarkt. Die Blumen würden bleiben, was immer Martin denken würde. Schwieriger lagen die Dinge bei dem ABBA-Poster über seinem Bett. Ein Original-Fanposter aus den Siebzigern, sein ganzer Stolz war es gewesen, als er es auf einem Flohmarkt aufgetrieben hatte. War ganz billig gewesen, weil die Farben verblasst waren, die Papierkanten eingerissen und aufgrollt und das ganze Ding von Falzen durchzogen. Angesichts der leicht dümmlich schauenden Schweden, all der Herzapplikationen, Leopardenhosen und Plateausohlen, würde Martin wohl etwas zu knabbern haben. Wegtun ging aber nicht. Hätte ihn zum verklemmten, schwuchteligen Hosenscheißer gestempelt. Okay, „I am what I am and what I am needs no excuses“, sagte Gloria Gaynor immer.

Martin war natürlich aus einem anderen Holz. War das Produkt der Kreuzung eines stockkatholischen Tierarztes mit einer drallen, herzensguten Bayerin, einem Paar, das es mit den Kreuzungen etwas übertrieben hatten. Am Ende hatte es, wenn Edgar das noch richtig wusste, sage und schreibe sechs mehr oder weniger wohl geratene Buben gegeben, aufgereiht nach dem Orgelpfeifenprinzip, Martin war eine von den Pfeifen irgendwo in der Mitte. Alle waren sie am Sonntag gemeinsam in der Kirche gesessen, in den Ferien auf die Berge der Schweiz geklettert oder sogar ins israelische Kibbuz abgedüst, um sich nützlich zu machen. Die gesamte Familie außer der Mutter hatte dieses dürre Knäckebrotaroma. Schon als Teenager war Martin geistesabwesend, somnambul, mondwandlerisch wie sein Vater gewesen, der zum Glück nicht Menschenarzt war, obwohl man sich den als Tierarzt auch schlecht denken konnte.

Mit den Jungs in der Schule war das so gewesen: Es gab zwei Sorten, die Normalen und die Freaks. Die Normalen waren mehr oder weniger hässlich und allesamt todlangweilig, hatten aber gern so getan, als seien sie gefährlich oder genial oder was. Vor allem hatten sie sich unheimlich ausgekannt, hatten an ihrem Wissen die Welt teilhaben lassen. Welches sich auf eins, zwei oder auch alle drei der folgenden Gebiete erstreckte: Autos. Fußball. Frauen. Etwa in der Reihe. Also, jeder von Edgars Mitschülern hatte gewusst, was er sich für ein Auto kaufen würde, wenn er die Knete mal hätte. Fast alle hatten gewusst, wer absteigen würde aus der Bundesliga (gähn!), aber glaubhaft vermitteln können, wie man eine Frau aufreißt, das hatten eher wenige gekonnt. Edgar natürlich auch nicht. Den fragte auch keiner. Den Edgar mochten die Mädchen, obwohl – oder vielleicht gerade weil – er ein Softie war. So einen zu fragen, wie man die Frauen beeindruckt, hätte in etwa besagt: „Ich glaub, ich kann noch was lernen von dir.“ Was diese normalen Jungs niemals über ihre Lippen brachten. Edgar lächelte bei der Erinnerung, hörte gleich wieder auf. Na ja, er war ein Arsch gewesen. Hatte eng getanzt mit den Mädchen und Bier im Mondschein getrunken. Bis die ihm alles gegeben hätten und er heiße Angst gekriegt hatte. Gelegentlich tat eine so, als sei sie sturzbetrunken und fing wirklich allen Ernstes damit an, ihm alles zu geben, was sie geben konnte. Und er dann: erst mitgemacht, sie dann aber hängen lassen, weißt du, wir sollten nichts überstürzen, weißt du, ich kann noch warten, bis du bereit bist. Was für ein Arsch Edgar mal gewesen war!

Freaks waren weniger wie normale. So Typen, die H vom Blech rauchten, Koks snieften, damit angaben, sie hätten Schwänze gelutscht. Echt, in Edgars Schule hatten Jungs damit angegeben, sie hätten den Samen von anderen Jungs geschluckt! Typen, die irgendwann von der S-Bahnbrücke fielen und putt waren. Man erfuhr nie, ob es ein Unfall gewesen war beim Surfen, Suizid oder ob sie so zugedröhnt waren, dass sie meinten, sie könnten fliegen. Dann die Möchtegern-Nazis oder diejenigen, die nach dem Abi beim Bund unterschrieben für zwölf Jahre, Offizier werden. „Eine starke Truppe.“ Seltsamerweise ging nicht einer von den Nazis zum Bund, die drückten sich wegen Scheuermann oder so. Scheiß Faker. Einer machte deutschen HipHop. Ganz anständig ja, aber auf Schwäbisch. Glaubte, er würde das nächste große Ding.

Edgar hatte nur zwei Personen gekannt, die weder normal noch Freak waren, Freaks und Normale gab’s bei den Mädchen auch, da aber fast nur Normale, nämlich ihn selbst und Martin, den Orgelpfeifenbuben. Martin sprach nie über: Autos. Fußball. Frauen. Martin sprach sowieso nie viel. Er schien es immer irgendwie drauf angelegt zu haben, übersehen zu werden, mit dem Gesamtambiente zu verschwimmen. Bis dann eines Tages diese Freundin kam, von irgendwoher, nicht von der Schule. Eine drei Jahre ältere Apothekenhelferin. Drei Jahre älter! Und sah nicht mal schlecht aus. Vor allem, sie war locker, sie wusste, wo’s lang ging. Das war, als hätte sie öfters Unterwäsche bei H&M geklaut, bis man ihr hundert Stunden Sozialeinsatz bei Martin aufgebrummt hatte.

Martin hatte brieflich angefragt, ob er zwei oder drei Nächte bei ihm schlafen könnte. Er sei, hatte in dem Brief gestanden, in den Semesterferien und habe vor, eine große Deutschlandreise nach überall zu machen, bei welcher er alle alten Freunde und Bekannten mal wieder treffen wolle zwecks Auffrischung alter Zeiten. Alte Freunde und Bekannte... Er, Edgar, gehörte eindeutig zu den Bekannten. Aber: Wer denn nicht? Der Brief hatte ausgesehen wie von einem Mädchen. Graues Recyclingpapier mit aufgedrucktem Regenbogen. Wer außer Mädchen und Aids-Hilfen benutzte so etwas? Mit Füller geschrieben. Mit auf groteske Weise exakten und exakt einförmigen großen Buchstaben bedeckt, die irgendwie sowohl ganz rund wie in den Kurven dann aber doch auch wieder leicht eckig waren. In türkisfarbener Tinte. Edgar hatte in seinem Leben viel Post von Mädchen bekommen. Deren Briefe glichen sich irgendwo alle. Mit Martins Brief hielt er endlich den in der Hand, der in sich alle vereinte.

Auf dem Bahnsteig stand neben Edgar ein schlanker, großer Hellblonder, der nach Entschlossenheit und Humor aussah, zwei Eigenschaften, die, wie Edgar allmählich wusste, selten zusammen auftreten und beide sehr wichtig sind. Er hatte ein langstielige Rose in der Hand. Ein Mädchen mit Rucksack auf dem Buckel stieß ein lautes Quieken aus und sprang ihm, beide Beine voran gegen das Gemächt und in die Arme, ungeachtet der Rose und ihres um den Rucksackinhalt vermehrten Gewichts. Als Hetero hatte man es auch nicht leicht im Leben. Von hinten, von ganz weit hinten am Bahnsteig, von außerhalb der Überdachung, schlurfte Martin heran. Martin sah immer noch gleich aus. Also wie neunzehn, wie Tarntapete und Nerd, obwohl er jetzt erwachsen und Student in München war.

Er gab die Hand und wirkte, wie er immer gewirkt hatte, wie Knäckebrot. „Hallo Edgar“ und lächelte scheu. Ein hoch aufgeschossener Junge, etwas größer als Edgar, mittelblondes Haar, blaue Augen. Alte Jeans an und ein dunkelgrünes Sweatshirt und Bergschuhe, die teuer aussahen, aber schon alt waren. Trug einen orangeroten Rucksack wie für den Nanga Parbat, oben sah man eine rote Regenjacke, eine zusammengerollte Isomatte hing auch daran. Edgar war mit dem Rad gekommen, hatte aber keinen Gepäckspanner dabei, das Ding war viel zu groß für sein Rad.

„Komm, lass! Ich trag den schon. Der ist nicht so schwer, wie er aussieht.“

Sie durchquerten die Fußgängerzone. Samstag, die Sonne schien, Frühsommer, die Leute kauften ein.

„Scheint eine angenehme Stadt zu sein. Viel Grün.“

Edgar fragte, wie lange er schon on the road sei.

„Du bist meine zweite Station. Ich war noch beim Matze in Ulm. Ulm ist auch nett.“

Matze, auf der Schule war das ein dreckiger Angeber gewesen, der bei Edgar anscheinend immer was vermutet hatte, aber nie mit der Sprache heraus gekommen war. Als sie sechzehn waren, hatte er nach dem Sport in der Umkleide unter großem Trara eine leere Kondompackung in den Abfall entsorgt und, wie wenn ihm das gerade eben so eingefallen wäre und wirklich Leid täte, sehr schade gefunden, dass kein Pariser mehr drin war, sonst hätte er Edgar Unterricht geben können, wie man so etwas sachgemäß benutzt, wann man es braucht und wann man ihn weglassen kann. Edgar war sechzehn damals und hatte das alles tatsächlich nicht so genau gewusst. Matze schien zu wissen, dass er es nicht wusste. Na ja, inzwischen, so Martin jetzt an seiner Seite, war aus Matze ein strebsamer Student geworden, der unheimlich um die Ohren hatte mit dem Medizinstudium. Gynäkologie wahrscheinlich, dachte Edgar.

„Herr Jung! Ach, Sie haben Besuch! Guten Tag, junger Mann! Ich bin die Frau Schell und wohne gleich nebendran, neben Ihrem Freund! Ist das nicht ein Prachtwetter! Die Sonne scheint so schön!“

Frau Schell war noch mal eine von denen, die immer alles ganz schnell merkten. Diese Ausrufezeichen und durchbohrenden Blicke, mit denen sie ihm zu verstehen gab, ihr könne er nichts vormachen, sie wisse um seine kleine Schwäche, vergebe ihm alles, sie sei tolerant, selber mal jung gewesen.

Martin bestand den Test. Er streckte die Hand aus. „Martin Schwarz, Student der Chemie in München. Wir haben zusammen Abitur gemacht, der Edgar und ich. Ja, es ist so ein schöner Tag heute. Und auch wieder nicht zu heiß.“

Die Schell’sche kriegte sich kaum noch ein. „Hach, noch so ein netter junger Mann! Man muss ja leider sagen, die Jugend heute ist meist nicht so nett zu alten Leuten! Aber die Freunde von dem Herrn Jung, das sind alles so reizende Herren!“ Und bist du auch nicht ganz durchgedrungen ins Hirn vom Knäckebrot hinein, in meines bist du, dachte Edgar und sah ihr nach, wie sie die Treppe hinab tänzelte.

Kaum durch die Tür, setzte Martin den Rucksack ab, kramte eine Weile darin und förderte braungraue Sandalen an den Tag, die er anzulegen begann. Das sind jetzt wahrscheinlich die legendären Birkenstock, dachte Edgar. Keiner von seinen Herren hatte jemals solche besessen.

„Ich zeig dir mal die Wohnung“, sagte Edgar und machte kurz die Türe zum Schlafzimmer auf. „Dann wird gekocht. Was hältst du von Putensahnegeschnetzeltem mit Zucchini und Reis?“ Martin schien ABBA befremdlich zu finden, schwieg aber stille.

„Für mich bitte ohne die Pute.“

„Magst du Pute nicht?“

„Doch, schon. Aber zur Zeit trete ich fleischmäßig etwas kürzer.“

„Ah so.“ (Trete ich fleischmäßig etwas kürzer...)

„Schöne Blumen sind das.“

„Ja, Rosen heißt man die.“ Und sie lachten tatsächlich beide, komplett behindert war Martin nicht.

Auch in der Küche erwies er sich als gar nicht mal so ungeschickt. Die Putenschnitzel ließ Edgar im Kühlschrank und schnetzelte statt dessen eine Aubergine zu den Zucchini, die war auch noch da gewesen. Er hatte sich nicht lumpen lassen und einen der besseren Rieslinge aus der Ortenau gekauft. Martin trat zur Zeit alkmäßig aber auch kürzer. Er wollte nur Wasser. War jetzt vielleicht unhöflich, aber Edgar machte den Riesling dennoch auf und goss sich eine ziemlich steife Schorle zusammen.

Sie aßen gleich in der Küche auf der Eckbank. Martin war voll des Lobes über alles, was er sich von Edgars Lebensumständen als angehender Werbedesigner bislang zusammengereimt hatte. Er selbst sei eher in einer kritischen Phase, ließ er verlauten. Deshalb auch dieses Deutschlandreiseding mit all den alten Freunden. In München gäbe es zur Zeit etlichen Ärger mit seinem Vermieter. Nämlich befinde sich ein Sexclub direkt unter seiner Wohnung, der vornehmlich von Männern vom Balkan frequentiert werde. Und jetzt habe man Eigenbedarf angemeldet und wolle ihn raus ekeln. In München sei das schwer, was Geeignetes zu finden, wegen dem Preisniveau. Überhaupt, sei er sich seit längerem auch schon im Zweifel gewesen, ob München das Richtige für ihn wäre - und auch das Chemiestudium. So Künstlertypen wie Edgar, irgendwie hätte er das immer beneidet. Künstlertyp, dachte Edgar, Kind, du verstehst ja was von Werbung!

„Mal ganz davon abgesehen, dass der Arbeitsmarkt für Chemiker ohne Promotion momentan ganz beschissen ist. Nein, ich weiß einfach gar nicht mehr, warum ich es jemals studieren wollte. Ich steh da plötzlich mehr so daneben. Wahrscheinlich ja nur, weil ich so gut war in Chemie und weil wir mit dem Trautwein so einen klasse Lehrer hatten. Da machst du Abi und meinst, du bist erwachsen. Aber wahrscheinlich sind die meisten davon ziemliche Kinder gewesen.“ Du mal auf jeden Fall, dachte Edgar. Den Trautwein kannte Edgar so gut wie nicht. Er hatte Chemie abgewählt gehabt.

„Ich denke, FH, wie du, das ist reeller, das führt auch schneller zu was. Und du, na, du warst immer ein Künstlertyp.“ Überhaupt nie jemand hatte zu Edgar gesagt, er sei ein Künstlertyp. Es sei denn, das wäre ein neues Wort für schwul.

„Bist du eigentlich mit der Geli noch zusammen?“

„Ah nein, das ist lange her. Moment, das war, das war schon so gut wie aus, als ich in München angefangen hab. Da haben wir uns auseinandergelebt. Sie hat das nie verstanden, dass ich so weit weg von ihr studieren geh.“

„Ach so. Hast du dann jetzt eine Freundin in München?“

„Nein.“

Edgar ließ ihm die Chance, seinerseits zu fragen. Innerlich schien Martin aber noch an seinem Nein zu kauen. Edgar wurde übermütig.

„Und warum nicht?“ Was erstens frech war und zweitens die Gegenfrage geradezu heraufbeschwor.

„Hat sich bisher halt nicht ergeben. Ich weiß nicht, bin halt nicht so der umgängliche Typ. Ich bin mehr verschlossen oder so. Außerdem komm ich aus dem Institut auch gar nicht mehr raus. Echt, ich müsste da ständig hin, wenn ich in München wär, die ganzen Ferien auch immer. Das ist fast wie Ausbrechen, wenn ich die Deutschlandfahrt mache.“

Immer noch wartete er auf Martins Frage, ob denn er eine Freundin habe. Und wusste immer noch nicht, was er sagen würde. Aber Martin sann schwer übers eigene Leben nach.

„Sollen wir was unternehmen gehen? Worauf hast du jetzt Lust?“, fragte Edgar.

„Du kannst mich rumführen in der Stadt. Die will ich mir anschauen. So bald werde ich hier nicht mehr hin kommen. Also, ich überfall dich auch nicht mehr so schnell. Wenn ich überhaupt wechsle, dann wahrscheinlich Hamburg.“

„Was willst du denn da?“

„Ich weiß nicht. Also noch nicht genau. Da gibt’s das Buddhistische Zentrum, da kann man auch studieren. Mein Vater würd um alle vier Ecken springen. Ich steh kurz vor dem Diplom. Aber ich weiß nicht. Wenn Chemie nicht das Richtige für mich ist, nützt mir der Abschluss dann auch nichts. Dann ist jeder einzelne Tag besser, wo ich das mache, was ich wirklich will. Na ja, jetzt schau ich’s mir nur an. Kann auch alles anders sein, als wie sie schreiben.“

„Der Andi ist doch in Indien, gell?“

„Ja, aber mit dem Andi hat das nichts zu tun. Der ist Bauingenieur und Indien ist groß. Nein, verstehst du... Fragst du dich nicht auch manchmal, warum du aufstehst am Morgen? Warum du ständig immer weiter lebst? Ich meine, ob ich jetzt arbeitsloser Chemiker bin oder mich als Pharmareferent anheuern lasse, das kann’s doch wohl nicht sein.“

Andreas war der Älteste von den Orgelpfeifenbuben.

„Ich zieh mir was Andres an, ganz schön heiß heute.“

Martins Sachen standen immer noch hinter dem Bogendurchgang im kleinen Flurstück. Was irgendwie auch einen Grund hatte, nämlich den, dass Edgar die Frage noch ein wenig aufsparen wollte, wo Martin schlafen würde, ob im Zimmer auf der Couch oder einfach bei ihm knacken im Bett, breit genug war es. Die Isomatte würde er auf alle Fälle nicht brauchen. Martin zog das Sweatshirt und sein Unterhemd aus, zog ein weißes T-Shirt mit Bart Simpson an, aber erst, nachdem er das Sweatshirt und das Unterhemd äußerst gewissenhaft zusammengefaltet hatte. So sehr der männliche Sog ging von Martins nacktem, schmächtigen Oberkörper ja nicht aus. Er hatte zum Beispiel kaum Muskeln und Brustwarzen wie ein Teenager. Aber da, mitten auf der Brust hatte er einen dichten, wenn auch nicht sehr ausgedehnten Tupfen dunkler Haare, viel dunkler als seine Kopfhaare. Und ebenso dunkle Haare zogen sich in einem dünnen Streifen von seinem Nabel hinab in die Jeans. Unter den Armen gar wucherte dieses Gewölle wie bei einem Barbarenkrieger. Edgar meinte, es riechen zu können, dunkel, männlich, tierisch. Er merkte, dass Martin ihn eine Sekunde lang verwirrt ansah. Oh Mann, er wurde doch jetzt nicht etwa rot?

„Abwasch machen wir nachher.“

„Nein, das geht doch schnell. Ich helf dir.“

Edgar spülte, Martin trocknete ab, Edgar sagte ihm, wo alles hin gehörte. Immer, wenn er wieder an seiner Seite war, kam dieses Bisschen Schweißgeruch. Martins Schweiß roch appetitlich. Martin war kein Knäckebrot mehr, so ein Schwarzbrot vielleicht. Das konnte alles noch sehr heiter werden, wenn das so weiter ging.

Das Telefon klingelte. Samstagnachmittag, Frau Jung. Seine Mutter war mal wieder super aufgedreht, schrie in den Telefonhörer und erzählte von irgendwelchen Machenschaften im „Förderkreis Freunde der Stadtbibliothek“, dem sie vorstand. Seit dem Ableben von Edgars Erzeuger verstand sie sich als Elder Stateswoman. Edgar gab sich alle Mühe, ihren Redefluss zu kanalisieren, erwähnte nebenbei, dass der Martin Schwarz jetzt da sei und dass sie gleich ausgehen wollten. Martin hatte alle Zeit der Welt, die Titel sämtlicher herumliegender CDs zu studieren und dann die Rücken aller Bücher im Regal. Schließlich vertrieb er sich die Zeit mit Blättern in einer Ausgabe von „Geo Saison“.

„Sorry, wenn die mal angefangen hat... Meine Mutter sagt dir einen schönen Gruß. Sie hat erst gestern mit deiner Mutter gesprochen beim Einkaufen.“

„Du beschäftigst dich mit Philosophie?“

„Philosophie? Oh, nein, eigentlich nicht so. Warum?“

„Du hast „Sofies Welt“ von Jostein Gaarder.“

„Hat mit meine Mutter geschenkt. Hab’s nicht gelesen.“

„Kannst du ruhig mal machen. Ist nicht schlecht für den Einstieg. Bis wann haben denn eure Museen auf?“

Museen! Hier! Bei dem Wetter! Edgar war noch nie in einem gewesen, bisher war er davon ausgegangen, dass eins so provinziell wie das Nächste wäre.

„Ich... äh, weiß nicht. Samstag bis 17 Uhr, glaub ich. Dann hat es kaum noch Wert jetzt. Aber ich hab einen Stadtführer, da steht so was drin. Moment!“

Mit einem Knie auf dem Boden wühlte Edgar in einer der Schubladen vom Schreibtisch. Er sah kurz hoch. Martin hatte sich zu ihm herüber gelegt auf der Couch und sah zu. „Hab’s gleich.“ Entnervt schlug Edgar die Schublade zu. Hier schon mal nicht. Aber, ja, genau, das Ding hatte ein größeres Format, das musste unten bei der Briefmappe stecken. „Hier ist er.“ Edgar reichte Martin den Führer hinauf.

Sie sahen sich im selben Moment in die Augen und das war komisch. Irgendwie peinlich. Martins Augen blitzten im Licht der Sonne, obwohl sie sonst eher kühl waren. Edgar kniete vor ihm und reichte ihm die Gabe und schien ihn fast anzubeten. Jedenfalls schoss ihm dieser Gedanke durch den Kopf. Und Martin hatte irgendwas gemerkt, denn er setzte sich um und blickte minutenlang nur in das Buch.

„Ja, du hast Recht. Samstag und Sonntag bis 17 Uhr, das ist dann wohl zu spät. Vielleicht morgen. Ihr habt doch diese prämierte Ausstellung über den Bauernkrieg.“ Von der Edgar noch nie gehört hatte.

In der Stadt stellte sich heraus, dass Martin ziemlich Ahnung von Geschichte und Kunstgeschichte hatte für jemand, der Chemie studierte. Vor jedem der historischen Bauten, von denen es zum Glück nur eine Handvoll gab, weil der Zweite Weltkrieg alles platt gemacht hatte, blieb er eine Ewigkeit stehen und las die angeschraubten Infotafeln von Anfang bis Ende und stellte Fragen nach Hintergrundwissen, über das Edgar kaum verfügte.

„Du als Kreativer, interessiert dich so was nicht?“

Dann sah Edgar Rico die Kaiserstraße herab flattern.

„Und das war’s dann auch schon. Rest können wir uns schenken. Nur noch Ausschuss aus den Sechzigern. Nordsee, Douglas, dm, das kennst du, wenn du nie hier warst.“

Nur dass der rote Strich auf dem Pflaster, der City-Rundweg, hier immer noch bergan stieg und dass auf diesem roten Strich oben ein gewisser Rico auf sie zurollte wie eine Lawine aus rosafarbenen Wattebällchen.

„Oh, Eddi! Hallöööchen!“ Rico hatte beide Arme erhoben, ließ sie aber sinken, als er Edgars kaltem Blick begegnete. „Tolles Wetter heut, waaas?“, sich die duftige Blondtolle aus den Augen wedelnd.

„Ich bin Martin, ein Schulkamerad von Edgar, bin heut bei ihm zu Besuch, sonst in München.“ Martin reichte Rico die Hand und eisig rieselte es Edgars Rückgrat abwärts, als er an Ricos Händedruck dachte, den laschesten östlich von der Christopher Street.

„Mün-chen!“, schmachtete Rico.

„Rico, Brüderlein, nice to meet you“, sagte Edgar und versuchte nicht ganz so bitter zu klingen, wie er sich fühlte. „Martin und ich haben zusammen Abi gemacht. Er studiert Chemie. Er macht Station bei mir übers Wochenende. Ist auf der Reise nach Hamburg, wo er dann zum Buddhismus konvertieren wird.“

„Ach so“, sagte Rico, „mächtig heiß heute. Ist man gar nicht mehr gewöhnt. Kocht euer Blut auch so? Macht ihr denn noch heute? Sieht man sich im Rio?“

„Wohl kaum. Wir gehen wahrscheinlich in „Schindlers Liste“. Jetzt müssen wir aber unseren Stadtrundgang weiter machen. Martin will die alte Schleuse sehen.“

„Hach und ich muss zu Andrea. Die ist in Tränen aufgelöst. Kennst sie ja, wenn sie Liebeskummer hat. Man darf sie nicht allein lassen, sonst tut sie sich was an. Also dann, wenn man sich nicht mehr sieht, viel Spaß noch, ihr zwei Hübschen.“

Es gelang ihm, Martin das eklige letzte Stück Fußgängerzone den Berg hinauf auszureden, sie gingen dem alten Kai zu.

„Komischer Typ. Ist das ein Kollege von dir?“

„Kollege. Ja. Er arbeitet da, wo ich das Praktikum gemacht hab. Ist immer ziemlich unter Strom. Aber nett, wenn man ihn besser kennt. Schwer in Ordnung.“

Irgendwo da hinten gab es noch einen spitzen gotischen Kirchturm, den Martin entdeckt hatte, das zog ihn noch an, witzigerweise die Martinskirche, aber Edgar konnte kontern, wenn sie jetzt nicht schleunigst nach Hause gingen, um schnell noch was zu futtern, würde es fürs Kino nicht reichen.

„Wo willst du schlafen heut Nacht? Kannst die Couch nehmen, lang genug ist sie, aber ziemlich schmal und schräg nach hinten und ganz hart. Da tut einem dann das Kreuz weh am Morgen. Ich hab auch noch ne Luftmatratze, aber am bequemsten wär’s doch, wenn du bei mir im Bett pennst. Ist ja breit genug für zwei.“

„Nee, danke, ich hab einen Schlafsack mit. Ich schlaf im Wohnzimmer auf dem Boden. Ist mir lieber wie die Couch.“

„Boah, Quack! Lass den Scheiß! Ich lass dich doch nicht auf dem Fußboden schlafen bei mir!“

„Doch, ist mir einfach am Liebsten so.“

„Du hast beim Matze auf dem Boden gepennt?“

„Klar.“

„Ja, weil der furzt und schnarcht und kein so ein bequemes Bett hat wie ich.“

„Edgar, ich nehm einfach den Schlafsack, den ich dafür hab. Gib dir keine weitere Mühe!“

„Wie meinst’enn das?“

„Also, Edgar, mir ist voll und ganz klar, dass ich von dir nicht gebissen werde, aber, na, in einem Bett schlafen, das muss ja nun auch nicht sein.“

„Wie bitte? Kannst du nicht...“

„Ich hab überhaupt kein Problem damit, dass du schwul bist, es ist...“

„Ich? Schwul? Ich schwul? Wo hast denn das her?“

„Ist allgemein bekannt von dir. Wie gesagt, ich hab...“

„Von wo bekannt? Wo hast du das her? Von wem hast du das?“

„Von der Geli.“

„Die Geli! Kann die doofe Schnalle ihr Maul nicht halten! Ich kenn die Geli überhaupt nicht, ja! Also kann sie mich nicht kennen. Und dann einfach so Sachen verbreiten über einen. Das ist... Warum sagt die das zu dir? Wieso hast du mit der Geli geredet über mich?“

„Edgar, das ist doch jetzt völlig egal. Das ist ewig her. Weiß ich auch nicht mehr. Also, die Geli hat wirklich nie was gesagt gegen dich.“

Edgar kriegte sich langsam wieder ein. „Auf jeden Fall war sie noch nie dabei, wie ich einem einen geblasen hab. Woher hat sie ihr Wissen also? Warum erzählt die Sachen von mir, wo sie sich nicht mal sicher sein kann? Ich hab’s ja selber nicht gewusst zu der Zeit.“

„Die hat nichts rumerzählt. Das hat sie nur mir gesagt. Die Geli weiß so Sachen, die spürt das. Außerdem ist sie Skorpion. Also getratscht worden ist nie über dich. Ich hab sonst nie was gehört von irgendwem. Nur die Geli, die war sich sicher. Und sie hat ja auch Recht gehabt – oder?“

Edgar strengte sich an, cool zu grinsen. „Und wie sie Recht gehabt hat. Ich bin schwul wie der Mops vom Dirk Bach.“

„Ja. Ist voll okay. Kein Thema.“

Edgar beäugte ihn kritisch. „Du alte Fotz hast das gewusst und hast dich dafür entschieden, bei mir Station zu machen auf deiner Junggesellenkreuzfahrt. Aber nicht in einem Schlafzimmer, right?“

„Edgar, das hat mit dir nichts zu tun. Du hast schon immer alles so persönlich genommen. Ich habe einfach gewisse Rituale, an denen ich festhalte. Ich brauche meine Intimsphäre, wo ich mich zurückziehen kann irgendwann am Tag.“

„Und die liegt auf dem Teppich, nicht auf dem Sofa.“

„Ich hab’s halt gern bretteben, du sagst ja, die Couch ist nicht das Gelbe. Hab ich auch schon gemerkt. Jetzt mach dir weiter keine Gedanken, beim Matze war’s auch so.“

„Außer, dass der gefurzt und geschnarcht hat. Ich dagegen werde mich anschleichen, wenn du weggeknackt bist und mich auf dich fallen lassen auf deinem Boden und dich vernaschen, bevor du gemerkt hast, was Sache ist.“

Martin schaute etwas verquer. Brauchte eine Weile für die Antwort: „Pfff, ich nehm’s mal als Kompliment, ja?“

Als Nächstes musste sich Edgar alle Mühe geben, Martin „Schindlers Liste“ auszureden, das er doch vorhin nur genannt hatte, um Rico zu vertreiben. Einen Überlängenfilm über Judenvernichtung in Schwarzweiß am Samstagabend zur Feier des Wiedersehens mit einem Schulfreund. Martin hatte einen an der Waffel. Ihm hatte „Schindlers Liste“ sehr gut gefallen. Er hatte ihn zwei Mal gesehen.

„Nee, für so schwere Materie bin ich als Schwuler einfach zu empfindlich“, sagte Edgar. „Hier, das ist doch was, eine Komödie mit Matt Dillon und William Hurt. Einen davon lieb ich, sag aber nicht welchen.“

Der Film war dann ein Flop. Matt Dillon als Elektriker im Blaumann, zum Todlachen! Und William Hurt war in dem Film leider der Arsch. Die Frau war gut, eine Dunkle namens Annabella Sciorra. Edgar schaute sich in Filmen sowieso lieber die Frauen an als die Männer. Sozusagen, um vielleicht noch was zu lernen.

In dem Film hatte Dillon die Frau schwer beeindruckt mit einer Unmenge bunter Lichter, die er in so Bäume gehängt hatte. Die Gartenwirtschaft unten am Fluss kam ihm in den Sinn. Obwohl die wahrscheinlich noch nicht auf war; es hatte auch lange geregnet in der letzten Zeit und war ziemlich kühl gewesen. Martin war einverstanden, sie würden ein wenig spazieren gehen. Nur, das hatte er nicht bedacht, dass ihm in der Allee am Fluss Danni einfallen musste. Der blöde kleine Danni, der eines Tages davon gerannt war, weil er ihn „einfach nicht so lieben“ konnte, wie Edgar das getan hatte, und weil er das nicht aushalten konnte, dass Edgar ihn liebte.

Es roch nach Wasser, nach frisch gemähtem Gras. Und nach noch was, möglicherweise nach den Kastanien von der Allee, die blühten noch immer und Martin behauptete, er könne es riechen.

„Hast du einen Freund?“

„Nein, schon ziemlich lang nicht mehr. Ich komm gut alleine klar. Geht mir gut.“

„Weil ich heute Nachmittag nämlich gedacht hab, ob dieser Rico dein Freund ist. Ihr scheint ziemlich vertraut zu sein. Du hast ihn irgendwie verstecken wollen vor mir und dabei hat er sich gefreut, als er dich sah.“

„Rico! Der! Da liegst du extrem daneben. Gut, ich find ihn nett. Wir machen öfter was zusammen. Ist halt einer, den man hier so sieht in der Szene. Aber als Freund wär der mir viel zu stressig.“

„Ich glaub, er wollte sich verabreden mit uns für den Abend. Irgendwie hatte ich das Gefühl, er ist eifersüchtig, weil du mit mir zusammen bist.“

„Eben. Ich ernenne dich zur Ehrenschwuchtel. Er war spitz auf dich. Er ist spitz auf jedem in unserem Alter, den er nicht gehabt hat. Musst dir nichts einbilden deswegen. Gut, der Rico ist so was wie ein Freund von mir. Aber er ist auch eine Schlampe. Den hättst du dann bald nicht mehr so amüsant gefunden, wenn er dich den ganzen Abend lang im Fadenkreuz gehabt hätte. Rico sammelt Bettbekanntschaften, er führt Buch da drüber. Ich bin mittlerweile raus über so was. Ich such was Festes. Ich will Verlässlichkeit.“

„Weißt du, Edgar... Ich beneide dich irgendwie. Du hast jetzt alles so gut im Griff in deinem Leben. Weißt, wer du bist und was du willst. Ich... Bei mir... Es... Im Moment geht alles drunter und drüber. Ich weiß gar nichts mehr. Mir fehlt die Mitte. Und ich weiß noch nicht mal, was das sein könnte. Ne Frau nicht, das hab ich schon probiert. Schwul bin ich auch nicht. Es... Es müsste einfach mehr sein als Arbeit und Geld und Karriere und Sex und Party und so. Weißt du, in München, ich bin da im toten Bereich angekommen. Wie ein Vakuum. Und was ich jetzt mach, diese Fahrt, das ist die Flucht davor. Das weiß ich schon selber.“

„Darum also der Buddhismus jetzt.“

„Ist überhaupt noch nicht raus, ob ich das mache. Wie gesagt, ich schau es mir mal an. Der Buddhismus ist die toleranteste und humanste Religion der Welt. Aber ich bin auch kein Kind mehr. Ich weiß doch, dass ich mir irgendwann die Brötchen verdienen muss. Ich muss einfach nur was haben, zu dem ich stehen kann. Ich darf aber keinen Fehler mehr machen. Noch so einen Fehler kann ich mir nicht erlauben.“

„Mach doch erst dein Studium mal fertig! Da fehlt doch nicht mehr viel, sagst du ja selber. Dann kannst du es dir überlegen. Ich kenn nur die FH, das kannst du nicht vergleichen, aber, wie ich so höre, das ist der Koller, den sie alle mal kriegen, die auf die Uni gehen. Erst recht in so einem Massenbetrieb wie München. Meinst du, Werbung ist das, an was ich glaube? Na, jetzt aber! Werbung ist Prostitution. Ich hab doch meine Agentur vom Praktikum. Du darfst nie das, an das du glaubst, als Erstes zeigen. Die ersten zwei, drei Entwürfe werden nie genommen. Und das Beste lehnen sie in neun von zehn Fällen auch ab. Du wirst ja nicht dafür bezahlt, dass du gut bist, sondern dafür, dass du funktionierst wie ein Zeichenautomat. Mann, das ist Job. Da gehst du hin von neun bis sechs und kannst am Ende vom Monat die Miete und die Rate für die Bausparkasse zahlen. Das ist das Leben, das ist Arbeit. Wenn du da erst mal drin bist, gewöhnst du dich dran. Dann hast du auch gar nicht mehr die Zeit, dir den Kopf zu zerbrechen und groß unglücklich zu sein.“

„Ja, ja, ihr habt ja Recht. Der Matze sagt es auch so.“

„Und außerdem brauchst du ne Frau. Du wirst zum Sonderling, wenn du da hockst und die haben alle Sex da unter dir und du hast nichts außer fünf Fingern. Du bist richtig aufgeblüht damals mit der Geli. Du siehst ja auch nicht schlecht aus, wenn ich das mal so sagen darf.“

„Stell dich doch nicht blöder als du bist! Wenn ich eine Freundin haben wollte, dann hätte ich eine. Aber das geht doch nicht! Ich hab doch meine Richtung nicht mehr! Ich kann doch nicht die Verantwortung für eine Frau übernehmen, wenn ich die Kontrolle über mich selbst gerade verloren hab!“

„Hm. So gesehen... Dann such dir eben eine, die die Kontrolle über dich hat. Geli war doch so in der Art. Hat dir doch nur gut getan.“

„Ha ha! Ihr habt mich damals alle für einen Behinderten gehalten, nicht?“

Es rumorte in den Bäumen, kleine Teilchen rieselten. Ein ziemlich großer Vogel segelte geräuschlos auf den Fluss hinaus, über die flackernden kleinen Wellenkämme hinweg und auf den fast vollen Mond zu. Ein winziges Licht war schon für eine geraume Weile vor ihnen gewesen. Das war ein einzelner Radfahrer von den Vororten her, neben dem ein großer, zottiger Hund watschelte.

„Tja, das war’s dann erst mal. Es kommt jetzt noch der Gräfenitzgarten. Da kommt man nachts aber nicht rein. Ist Kulturdenkmal. Da müssten wir dann rüber über den Steg rüber und drüben geht’s dann weiter mit dem Radweg, bloß, dass es eine Pappelallee wird. Geht noch ganz lange weiter, aber du hast da immer die Straße zur Autobahn nebendran, macht keinen Spaß mehr.“

Martin war stehen geblieben, drehte sich schnüffelnd in alle Richtungen, streckte sich, beugte sich vor, schien mehr oder weniger ekstatisch.

„Weißt du, an was mich das erinnert? An die Abifete bei Winkler. Du weißt das vielleicht gar nicht mehr. Ihr wart alle so hacke an dem Abend. Ich bin mit Geli am Rhein lang. Da hat es auch so gerochen, war auch so still. Mann, das war vielleicht die schönste Nacht von meinem ganzen Leben!“

„Au ja, so besoffen wie bei der Fete war ich selten. Ich hab dem Winkler in den Schirmständer gekotzt. Ich glaub du und Geli, ihr wart nicht die einzigen, die da längere Zeit vermisst wurden, bis sie zurückkamen und sehr nach gutem Fick aussahen.“

„Arschloch! Ich hab sie geliebt. Ich hab sie nie mehr geliebt wie an diesem Abend. Sie war die erste und die Einzige. So eine find ich nie wieder im Leben. Man sagt ja, sein Herz kann man nur einmal richtig verlieren. Aber du, macht ihr Schwulen das auch? Geht ihr auch Hand in Hand in solchen Nächten und schaut euch an und wisst, dass ihr euch ohne ein einziges Wort versteht? Wollt ihr auch die Zeit anhalten, wenn das mal so ist? Oder geht’s bei euch immer vor allem ums Ficken?“

„Na ja. Ein einziges Mal bin ich hier so gegangen mit einem. Das reicht mir für den Rest meines Lebens. Ab jetzt will ich nur noch ficken. Das ist jetzt das Chlor vom Schwimmbad. Hier hinter der Mauer. Danach kommt der Gräfenitzgarten, ich glaub, wir drehen mal um.“

„Haben die auf im Bad?“

„Um diese Uhrzeit wahrscheinlich nicht.“

„Da kommt man doch bestimmt irgendwo rein. Ich glaub, wir packen sogar die Mauer. Ich mach dir das Leiterle. Kriegst du mich raufgezogen oder bin ich zu schwer?“

„Martin, ich glaub, aus dem Alter bin ich raus.“

„Sei kein Frosch! Wir gehen schwimmen. Ist doch geil! Ist doch bestimmt ganz warm, das Wasser. Hast du Lust auf ein Rennen. Ich muss dich aber warnen. Ich bin gut.“

Na schön, dachte Edgar, was immer er vorhat. Es gab einen bequemeren Weg ins Bad, den Edgar kannte. Man musste das Drehkreuz vom Gräfenitzgarten übersteigen wie eine Sprossenleiter, innen dann entlang der Mauer zum Bad ein paar Schritte. Da gab es eine Stelle, wo oben zwar etwas Stacheldraht war, wo die Mauer aber niedriger war und der Putz abgeschlagen und mehrere Ziegelsteine ausgebrochen, sodass man gut klettern konnte. Raus ging dann einfach vorne durchs Drehkreuz im Bad.

„Ein ganzes Schwimmbecken nur für uns allein“, sagte Martin.

Es roch unheimlich nach Chlor, gluckste immer ein wenig, dazu kam das Grundsummen aus dem Maschinenraum. Alles war tiefblau, selbst im Licht des Mondes konnte man sehen, dass es blau war.

Edgar setzte sich auf eine der geteerten Ebenen neben dem Becken und fummelte nachdenklich an seinen Schnürsenkeln. Martin jauchzte mehrmals hell auf, während er sich die Kleider vom Leib riss wie der geölte Blitz. Edgar war mal gespannt, ob er sich auch die Unterhose ausziehen würde. Das tat er nicht. Er war ein straffer, heller Strich in der Nacht, hüpfte, tanzte, johlte und plumpste mit einem vollendeten Kopfsprung ins Wasser.

Edgar zog sich ebenfalls bis auf die Unterhose aus, trat gemächlich ans Becken und ließ sich seitlich hineinfallen. Er tauchte ein paar Schwimmzüge, schwamm ein wenig im Kreis herum und hängte sich an den Beckenrand und hielt Ausschau nach Martin.

Der kraulte wie von der Hummel gestochen hin und her, mehrmals das Becken längs und gab unartikulierte Schreie von sich, die von irgendwo als Echo zurückkamen. Er kam geschwommen. „Ist das nicht geil?“

Er klammerte sich an Edgars Schulter und baggerte mit der hohlen Hand nach Wasser, das er gegen Edgars Gesicht schaufelte. Er lachte auf und schoss davon.

„Idiot“, rief Martin. „Das wirst du mir büßen.“ Er schwamm ihm nach. Martin ließ ihn kommen. Dort, wo er war, konnte man schon stehen. Er spritzte ihn weiter nass. Edgar stand auf, kämpfte sich vorwärts gegen den Druck des Wassers und sprang ihn an. Sie rauften wie die kleinen Jungs. Martin stand hinter ihm, hielt ihn gefangen und versuchte ihn unterzutauchen. Wahrscheinlich hätte er ihn abschütteln können; so der Durchtrainierte war Martin auch wieder nicht. Aber er mochte das, er hatte es irgendwo ganz gern, wenn die Männer stärker waren und ihn unter sich zwangen. Es erregte ihn. Und das war auch jetzt so. Er wünschte sich, Martin würde es merken. Aber nicht aufhören, sondern weitermachen, gerade darum.

„Ich hab dich. Du bist geliefert. Mann, was ist das? Du bist ja geil!“

Und um das festzustellen musste er wohl seine Faust um den Schwanz schließen, zudrücken und eine Ewigkeit von mindestens einer Sekunde halten.

Dann ließ er ihn fahren, sagte nichts, blieb in der Nähe, ohne Hautkontakt. Edgar sah sich nicht um, schwamm zur Leiter, stieg an Land, ging hoch zu seinen Kleidern, zog die Unterhose aus, wrang sie mit mehreren Ansätzen möglichst trocken, breitete sie flach neben dem Kleiderhaufen aus. Er legte sich auf den Rücken, nackt wie er war.

Von Martin war eine ganze Weile nichts mehr zu hören. Edgar sah nur den Himmel an.

Dann hörte er ihn heranpatschen.

„Jetzt bin ich wieder topfit“, sagte Martin. Er setzte sich neben ihn. Unterhose an, hinten abgestützt auf den Flächen seiner Hände.

„Aber morgen bleiben wir ganz lange liegen“, sagte Edgar und hoffte, dass diese Worte umfassend transportieren könnten, was er fühlte. Nämlich so was wie: Nimm mich in deine Arme und streichle mich jetzt bitte!

Martin streckte sich lang hin an seiner Seite. Edgar linste nach rechts. Martin sah in den Himmel.

„Morgen lassen wir es langsam angehen, wir schlafen erst mal aus“, wiederholte Edgar.

„Klar, wir haben alle Zeit der Welt“, sagte Martin. „Hat die Geli immer gesagt. Wir haben alle Zeit der Welt. Kennst du „Nightswimming“ von REM? Das ist hier jetzt genau so wie in dem Lied.“

Sie schwiegen.

„Martin?“

„Hm?“

„Ist dir kalt?“

„Nöö.“

„Es wird aber schon kalt, wenn man so da liegt.“

„Ja, aber es geht. Ist doch mild.“

„Martin?“

„Ja?“

„Ich hab Gänsehaut.“

„Ich nicht.“

„Darf ich mich kuscheln bei dir?“

Darüber musste Martin erst einmal gründlich nachdenken. Dann:

„Logisch.“

Er klappte sich seitlich über Martins Körper zusammen. Legte sein Gesicht neben den Tupfen dunkler Haare auf der Brust. Er wusste nicht genau, was er mit seinem Arm anfangen sollte. Legte die Hand auf Martins Nabel.

„Gefällt dir so was?“, fragte Martin.

„Dir nicht?“

Er antwortete nicht. Die Zeit stand tatsächlich still. Was aber nicht so sehr schön war, eher etwas quälend.

„Mir steht er“, flüsterte Edgar ganz leise.

„Ist mir auch schon aufgefallen“, sagte Martin. „Tut mir Leid, dass ich dir nicht helfen kann.“

„Martin, ich bin geil auf dich.“ Martin rührte sich nicht. „Und das ist längst Sex, was wir haben. Also, für mich ist es das. Ich bin gerade mitten im Sex. Ich weiß nicht, wo du bist.“

Was du jetzt machen musst, sagte in Edgar drin die Stimme der Weisheit, ist, dich aufsetzen, ihm die Unterhose runterziehen, seinen Schwanz in den Mund nehmen und ihm einen blasen, bis er kommt. Sei zufrieden, wenn er nicht „Geli!“ ruft. Edgar zweifelte, ob die Stimme der Weisheit noch bei klarem Verstand war.

Dann kam der Zeigefinger von Martins rechter Hand. Er senkte sich auf seinen Bauch und fuhr von da ab unbeirrbar, roboterhaft, langsam wie ein Rollstuhl mit Elektromotor auf Edgars Haut umher. Der Finger fuhr ihm die Seite hinauf, umrundete beide Brustwarzen, flog ein wenig und kam dann den Schenkel wieder hinauf, ging zurück zum Bauchnabel, wieder zur Brust hinauf.

So ist es, wenn Behinderte auch mal Sex probieren wollen, dachte Edgar. Immerhin zeigt es, dass sie starkes Vertrauen haben zu dir. Sonst würden sie das gar nicht machen. Man sollte sich freuen darüber, aber es ist halt etwas wenig, was so die eigenen Bedürfnisse betrifft.

Wenn er wenigstens den Schwanz berührt hätte! Wenn man nicht die ganze Zeit gewusst hätte, dass man alles in die Luft sprengen würde, sobald man versuchen würde, ihm einen Kuss zu geben.

Das Schlimme war, dass es total geil war. Edgar fühlte sich aufgewühlt. Wie wenn er so perfekten Sex seit Jahren nicht mehr gehabt hätte. Wie wenn er kommen würde wie der Weltmeister. Allerdings nicht, wenn das in einer Tour so weitergehen würde. Was zu befürchten war.

Martin rang sich durch zu etwas. Er hob seinen Körper etwas an, sah Edgar ins Gesicht und strich mit dem einen Finger, immer noch im Scheckentempo, über das Gesicht. Zog Kreise um seinem Mund herum. Schien irgendwann, später einmal, diesen Finger ihm in den Mund stecken zu wollen.

„Martin.“ Pause. „Martin.“ Pause. „Martin.“ Pause. „Martin.“

Martin sagte nie etwas. Sah ihn an mit weiten Pupillen. Edgar schloss die Augen.

Die Finger kamen immer wieder zum Mund zurück. Sie strichen zart über seine Lippen. Als Edgar den Mund aufmachte, stoben sie davon.

Küss mich, bitte, küss mich, dachte Edgar. Ich werde es vergessen. Ich werde mich nie mehr daran erinnern. Aber Martin war einer von denen, die nur manche Sachen verstehen wollten, die man ihnen sagte.

Aber andererseits war man kein Kind mehr. Man wusste, Sex stand und fiel mit dem Abspritzen. Edgar griff nach seinem Schwanz und machte sich selber fertig mit wenigen Hieben. Er seufzte, schnappte nach Luft, lag auf dem Rücken neben Martin.

„War das gut für dich?“, fragte der.

Edgar schwieg.

„Ey, Eddi! Stimmt was nicht mit dir?“

„Entschuldigung, ich glaub, ich hab dich voll gemacht.“

„War mir jetzt gar nicht aufgefallen“, sagte Martin. „Aber man kann sich gut waschen hier.“

Er trippelte zum Becken hinunter und verschwand mit einem eleganten Sprung unter der Oberfläche. Edgar griff nach der Unterhose.



Schon auf der zweiten Station seiner Reise schlief Martin im Bett seines Gastgebers. Das konnte noch heiter werden, wenn das so weiter ging. Edgar hätte es gehasst, wenn er sich jetzt immer noch geweigert hätte, bei ihm zu schlafen. Aber es stellte sich heraus, diese Art miteinander zu schlafen, war gar nicht so gut für Edgar. Immer, wenn er sich an Martin schmiegte, maulte der verschlafen: „Hör auf damit, ich kann nicht einschlafen so!“ Und lag er dann wieder alleine neben ihm, merkte Edgar, dass er so nicht einschlafen konnte.
__________________
"Die uns bekannte Welt versinkt, indem sie Geschichten für passé erklärt, im Wahnsinn."
(John Ashberry)

Version vom 16. 07. 2010 04:10

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Ofterdingen
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Steht dieser Text also nunmehr bald einen Monat hier drin und keine Sau will sich dazu äußern? Haben ihn womöglich alle außer mir irgendwann zwischen dem Anfang und weit vor dem Ende weggeklickt?

Dabei finde ich ihn nicht schlecht, glaube jedoch zu wissen, was was hier das Problem sein könnte. Zunächst einmal ist Dominik Klama für seine langen Texte bekannt und für seine Schwulenthematik. Nur haben wir damit zwar zwei mögliche Gründe für eher marginales Lektüreinteresse umrissen, doch dürfte der Text darüber hinaus auch sonst Leser abschrecken.

Zur Zeit lese ich einen Schreibratgeber des Amerikaners James Frey, um endlich zu erfahren, warum ich immer noch nicht weltberühmt bin und warum so viele Leute meine Art zu schreiben nicht mögen. Dort las ich zum Beispiel, dass man den Leser gleich mit dem ersten Satz ködern und in die Geschichte hereinziehen solle, indem man ex- oder implizit Fragen aufwirft, die er unbedingt beantwortet wissen will.

Bei Dominik Klama las ich: "Flusen waren auch im hintersten Winkel keine mehr aufzuspüren." Die einzigen Fragen, die das bei mir aufwarf, waren: "Wen außer einer verzweifelten Hausfrau könnte so ein erster Satz reizen?" und "Warum lässt sich ein talentierter Erzähler wie Dominik Klama nicht einen besseren Anfang einfallen?"

Danach störte ich mich an dem "stets überaus überfälligen Hausputz". Dies ist - mit Verlaub - kein Wunder an sprachlicher Schönheit, sondern empfindungslos hingeschlunzt, und falls das Humor sein soll, kommt er doch überaus unbeholfen daher.

Ähnlich daneben ist: "Martin war natürlich aus einem anderen Holz. War das Produkt der Kreuzung eines stockkatholischen Tierarztes mit einer drallen, herzensguten Bayerin, ..." Ein Maultier ist eine Kreuzung zwischen einem Pferd und einem Esel, aber nicht "das Produkt der Kreuzung", und es ist auch nicht, wie dieser Martin, aus Holz. Außerdem schließen sich die Ausbildung zum Tierarzt und die bayerische Abstammung nicht, wie in diesem Satz präsupponiert, gegenseitig aus. Alles, was sich hier so schräg anhört, halte ich keinesfalls für kunstvolle humoristische Formulierungen, sondern schlicht für Ausdrucksmängel.

Ich gebe zu, ich war bei den ersten zwei Dutzend Zeilen an mehreren Stellen kurz vor dem finalen Wegklicken, aber dann dachte ich: Eigentlich kann er es doch besser, irgendetwas muss doch noch kommen.

Irgendwann fand der Text dann tatsächlich zu sich selbst, traf einen Ton und erreichte eine narrative Dichte, bei der das Lesen endlich ein Vergnügen war. Ja, und es war ein Vergnügen.

Ich würde an der Stelle des Verfassers den ganzen einleitenden Teil überarbeiten, den letzten Absatz übrigens auch, der knirscht zu sehr.

Gutes Gelingen wünscht

Ofterdingen
__________________
Man soll keine Dummheit zweimal begehen, die Auswahl ist schließlich groß genug. J. P. Sartre

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Dominik Klama
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Ach Ofterdingen,

meinerseits momentan nicht der günstigste Zeitpunkt, so eine Antwort zu lesen. Ich befinde mich gerade in der "Sinnkrise".

Ich hab nämlich jetzt mal alle meine Werke durchgeklickt und geschaut, welche wie oft und von wem beantwortet wurden. Welche bewertet wurden, wie, von wem - und wie lange das her ist.

Ich sah, dass die allermeisten meiner Texte nie bewertet und nie beantwortet wurden. Und falls überhaupt, dann von einigen, ganz wenige Leuten, zu denen du, Ofterdingen, gehörst. Du sagst, Klama ist bekannt für A und B. Könnte aber auch sein, dass er "bekannt" ist dafür, dass man ihn am besten nicht mehr liest. Dass außer dir kaum jemand es (noch) tut. Und dann verhält es sich ja so: Ich zum Beispiel wollte schon immer wieder mal nachschauen, was der Autor Ofterdingen so abliefert... Aber seit Monaten bin ich nicht mehr dazu gekommen. Habe ich mal Lust, in der LL was von Anderen zu lesen, dann meist: von ganz Anderen, von immer Neuen. Außerdem habe ich gemerkt, dass man mit dem Fernglaswerkzeug, dieser Volltextsuche, per Eingabe von Schlüsselbegriffen (und man kann mehrere kombinieren) manchmal zu interessanten Sachen findet. Ofterdingens Werke enthalten die Schlüsselwörter nicht, nach denen ich gesucht habe.

Praktisch alles, was hier an "Werk" steht von mir, stellt nur die "End"-Redaktion von sehr alten Werken dar. Ich sagte das auch schon mal. Richtig "geschrieben" wurden diese Geschichten vor Jahren, nicht heute. Außerdem sind sie sich alle so ähnlich, weil sie aus zwei "Büchern" stammen. In der einen Geschichten-Sammlung kommt in jedem Text eine Person namens Ralf vor, in der anderen (hier) eine Figur namens Edgar. (Edgar entstand Jahre VOR Ralf.) Erst kürzlich habe ich die endgültige Reihenfolge der jeweiligen Geschichten festgelegt und sie bei dieser Gelegenheit durchgezählt. Das (halbwegs autobiografische, an Erinnerungen anknüpfende) "Buch" mit Ralf kommt auf 20 Geschichten sowie zwei weitere, die aus einem anderen Zusammenhang stammen, inzwischen Ralf aber zugeordnet wurden. Auf 13 Geschichten bringt es Edgar, welcher im Übrigen voll und ganz fiktiv ist. Sowohl Personen wie Handlungen sind "ausgedacht".

Als ich hier Ende 2008 eingetreten bin, ging es darum, mich selbst unter einen gewissen Arbeitsdruck zu zwingen. Nachdem es viele Jahre gelegen hatte, wollte ich das Ralf-Buch "irgendwie fertig" bringen. Ob ich dorthin je kommen würde, wusste ich damals noch nicht. Und schon gar nicht war abzusehen, ob ich je noch etwas anderes als Ralf in die Leselupe einstellen würde. Andererseits: Es sind unabhängig von einander funktionierende Kurzgeschichten. (Kurzgeschichten können schon auch mal "ziemlich" lang ausfallen, ist innerhalb der LL nicht nur bei mir so, wenn es auch nicht die Regel ist.) Nach anderthalb Jahren ist es so weit: Von 20 Ralf-"Sachen" stehen mittlerweile 18 hier und die 19. ist so weit fertig, dass ich sie eigentlich auch einstellen könnte. Das heißt: Das "Buch" ist mehr oder weniger fertig. (Das ist auch der Grund, warum ich irgendwann damit anfing, den älteren Edgar immer mal einzuschieben: Um die Fertigstellung von Ralf, um die es ursprünglich gegangen war, noch ein wenig herauszuschieben. Vom Edgar sind momentan 5 Storys in der LL.)

Schließlich bin ich auf die Idee gekommen, es wäre vielleicht schön, wenn in der Liste meiner Werke ersichtlich wäre, dass es sich bei den Titeln ausschließlich um Prosa, um Geschichten und auch ausschließlich um "schwule" handelt. Auch, dass es zwei (und nur zwei) Werkzusammenhänge gibt, gewisse Ähnlichkeiten und Wiederholungen folglich zu erwarten sind.

Darum wollte ich hinter jedem Werktitel in Klammern hinzufügen: ("Ralf-Buch", Geschichte 15 von 20) - oder so ähnlich. Ich musste feststellen, dass man in der LL einen Werktitel nicht so einfach ändern kann. Löschen kann man es, aber Umbenennen, das geht nicht so leicht. Die Nummern und ob Ralf oder Edgar, es steht nun überall dabei, aber in der Form einer zweiten Titelzeile (wie hier). Die zweite Titelzeile ist zu sehen, wenn man das Werk aufgeklickt hat, sie ist nicht im Werkverzeichnis erkennbar. Ich trage das aber von jetzt an immer ein, wenn ich etwas neu poste.

Als ich diese "Verwaltungsarbeiten" erledigte, verglich ich in den verschiedenen Inhaltsverzeichnisse der "Genres" die Aufrufezahlen für meine Texte. Auch das war angetan, mich in die Sinnkrise zu stürzen.

Alles, was ich bei "Erotische Geschichten" eingestellt hatte (ursprünglich mal, weil ich die Befürchtung hegte, es könnten ein paar "Stellen" darin sein, die einigen Lesern zu "gewagt" vorkommen könnten, bzw. "geschmacklos", "Erotik" sollte eine Warnung sein: "Vorsicht! Etwas stärkerer Tobak"), wird außerordentlich häufiger angeklickt als alles Übrige. Ginge es nach Aufrufezahlen, wäre (vor ein paar Wochen) "Handtuch-Mike" ("erotische Geschichte") mit 12.000 Aufrufen meine beliebteste (und offenbar auch "beste") Geschichte gewesen. (Und das ist auch einer der wenigen Texte, die beantwortet und bewertet worden sind.) Dagegen befanden sich (kürzlich noch) "Ein Schnäppchen", ebenfalls Ralf, ebenfalls lang, ebenfalls mit heiklen "Stellen", und "El Dorado", ohne "Stellen", Edgar (und zwar meines Erachtens die beste von den fünf, wenn es nicht diese hier, "Nightswimming", ist) unterhalb von 200 Klicks. Ich hatte sie beide unter "Erzählungen" gepostet (wegen ihrer Länge).

Das sieht für mich so aus: Ob ich meine Sachen bei "Kurzgeschichten" bzw. "Erzählungen" oder aber "Erotik" einstelle, macht immerhin einen Unterschied von fast 1.000 Klicks aus. Allerdings macht es anderweitig überhaupt keinen Unterschied: Wer immer hier klickt und dann was tut mit dem Text oder auch nicht, einfach wieder wegklickt, er lässt sich NICHT zur Wertungsabgabe und zur "Antwort" herab. So gesehen kann man das überhaupt nicht wissen, was du sagst: "Dominik ist bekannt für sein A und sein B." Eher kann man sagen: Dominik ist bekannt dafür, ignoriert zu werden.


"Nightswimming" hätte ich vor ein paar Monaten noch bei "Erzählungen" eingestellt - wegen der Länge und weil es nicht so sehr den "Stellen"-Charakter hat wie z.B. "Alibi-Alex" oder "Eine Leibesvisitation", die ich seinerzeit bei Erzählungen bzw. "autobiografische Prosa" eigestellt hatte. Jetzt kann man seine Werke von der LL bei der VG Wort registrieren lassen und bekommt möglicherweise irgendwann mal Geld ausgezahlt, wenn sie häufig geklickt werden. Seit ich weiß, dass (mehr oder weniger dieselben) Texte von mir fünf oder zehnfach so oft angeklickt werden, wenn ich sie als "erotisch" deklariere, schaue ich darauf, dass ich sie möglichst so deklarieren kann. VG Wort hin oder her - auf jeden Fall scheinen sie dann mehr beachtet zu werden, das ist mir das Wichtige.

Wie gesagt, im Hinblick auf die LL-Auswertung sind sie alle nicht entstanden, weil ja Jahre, bevor ich von der LL überhaupt etwas ahnte. Als ich sie seinerzeit schrieb, hatte ich nicht vor, "erotische Literatur" zu verbrechen. Allerdings hatte ich mir von Edgar meinen "Durchbruch" als schwuler Prosaautor erhofft. Ich dachte allen Ernstes, ich könnte ihn einem kleinen schwulen Verlag verkaufen, würde bald mein erstes gedrucktes Buch zum Vorzeigen haben, würde im Laden gekauft, würde sogar von irgendwelchen Medien (nämlich den schwulen) wahrgenommen werden deswegen. Von daher versteht sich, dass die Edgar-Storys sowohl mit einer Prise Erotik gewürzt sein sollten wie einen, ich nenn's mal, leichfüßigen Boulevard-Charakter besitzen sollten. Meines Erachtens gibt beides auf dem schwulen Textemarkt in Deutschland den Ausschlag, ob man hineingenommen wird ins Verlagsprogramm und ob der Verlag hinterher seine Investitionen zurückbekommt.

Die autobiografisch gefärbten Ralf-Geschichten waren dann meine Reaktion darauf, dass nichts aus diesen Träumen geworden ist. Ralf wurde von vornherein mit der Absicht, für die Schublade zu schreiben, begonnen. Wenn niemand lesen will, was ich zu sagen habe, dann bin ich auf eine Art sehr frei. Ich kann genau das tun, wozu ich Lust habe, muss mich um keinerlei Lesererwartungen kümmern. Lust hatte ich seinerzeit, es ist Jahre her, war zu Beginn des vergangenen Jahrzehnts, auf "meine erotischen Memoiren". Viel wirklich Erlebtes, ein Schnelldurchgang durch Jahrzehnte meiner Vergangenheit, aber dann auch wieder: nur die erotische Seite davon - und davon dann auch wieder nur die "flüchtigen Momente", die kleinen Episoden, nicht die großen Geschichten.

Gesagt hatte man mir von Verlagsseite, dass der Leser keine Storybände sehen will, sondern Romane. Dass diese Romane sich eindeutig Genres wie Liebesromanze, Krimi, Horror, Historienpanorama, Heiteres... zuordnen lassen sollten. Gesagt hatte man mir, nicht zu Ralf, aber zu Texten, die so ähnlich waren, dass "das Leben" in der Realiät zwar oft so sei, dass aber der (schwule) Buchkäufer in Deutschland es nicht schätze, von Texten, die Erotisches verhandeln, "desillusioniert" zu werden, wie meine das so an sich hätten. Die Ralf-Sammlung bildete insofern meine Antwort auf die Verleger-Tipps, als es darin mehrfach wieder auftauchendes Personal und Schauplätze gibt, dass auch Ralf eine gewisse Entwicklung nimmt in seinem Leben. Also: Die Geschichten-Folge nimmt ein klein wenig romanhafte Züge an. Dies zum einen. Andererseits blieb ich mit Ralf widerspenstig, schrieb für die Schublade: Auf den "desillusionierenden" Charakter im Zusammenhang mit Bettgeschichten wollte ich immer noch nicht verzichten.

Sämtliche "Werke" haben lange Liegezeit hinter sich. Schuld daran ist, dass ich jedes Mal zutiefst unglücklich werde, wenn ich ältere Texte von mir wiederlese. Sie sind dann immer so furchtbar, nicht wegen dem, WAS sie erzählen, sondern deshalb, WIE sie das tun, wegen dem Stil, wegen der Form, der Sprache, dass ich ausnahmslos jedes Mal zum Schluss komme, ein richtiger Schriftsteller werde ich nie mehr werden in diesem Leben. Ich bin ja schon alt jetzt. Andererseits finde ich, Texte die ausgesprochen suboptimal sind, die kann man machen, an denen kann man sich freuen, zu Hause im stillen Kämmerlein, aber dem Publikum zumuten sollte man sie nicht. Auch nicht in der LL, wo die Leute zwar nichts zahlen müssen, letztlich aber doch zahlen mit der Zeit, die sie zum Lesen benötigen.

Es gibt hier von mir "Antworten" wie diese, die wurden nur so dahin geschrieben. Aber die "Werke", die sind alle wieder und wieder überarbeitet worden. Leider, ich merke das nicht zum ersten Mal angesichts deines Kommentars, werden die Sachen nicht unbedingt besser, wenn man sie oft zu verbessern trachtet. Ich neige zu diesen aufgeblähten, verschlungenen Satzgebilden und Füllsel-Wörtern, die man ausstreichen kann. Auf diesem Sektor erwische ich immer wieder mal was - und die Arbeiten werden da auch wirklich besser mit der Zeit. Aber wenn ich das mache, dann packt mich die Raserei, das Werk möglichst "noch einmal" zu verfassen. Ich tausche Sätze aus, die gut hätten stehen bleiben können. Dann, kurz nach diesem Vorgang, bin ich stolz auf meine Leistung. DANN finde ich alle meine Texte ganz super, will sie sofort herumzeigen... Die Leute haben ja noch nie so was Gutes gelesen. Ich ahne, dass das ewig so weitergehen könnte. Ich muss mich einfach mal zwingen, ein Ende zu postulieren. Da ist die LL gut. Was ich zu Hause liegen hatte, fand ich nicht gut genug, es ins Internet zu stellen. Da habe ich eine "End"-Redaktion veranstaltet damit, dann war es gut genug, es ins Internet einzustellen. Somit wurde auch mal was fertig, wo vordem nichts richtig fertig geworden war.

Was du bemängelst, Flusenauftakt, überaus überfälliger Haushalt, Kreuzung der Eltern, letzter Absatz, das ist ALLES Produkt der "letzten" Änderung. Das sind alles die allerNEUesten Verbesserungen vom Sommer 2010.

Das stürzt mich in meine Schaffenskrise. Könnte sein, dass es bisher, vor Jahren schon, besser gewesen war, als es mir nach allerletzer Verbesserung neulich vorkam! Bitte verstehe, dass ich jetzt auch nicht daran glaube, dass es besser würde, wenn ich noch mal bessern würde, was du kritisiert hast. Es könnte auch schlechter werden.





Außerdem, bisschen was anderes: Ralf ist so gut wie fertig. Edgar, den ich auch nicht als PC-Datei vorliegen hatte, würde anstrengendes Umschreiben und Feilen erfordern... Da hab ich beschlossen, ich schiebe jetzt erst noch etwas Drittes dazwischen, das für mich ganz leicht ist. Drauf gebracht hat mich dieser Versuch, den bisher erschienenen Storys Nummern zu geben, der Versuch, Ordnung zu schaffen in "meinem" Inhaltsverzeichnis. Entwickelt hatte sich, dass ich fast zehn Mal so viele "Antworten" zu Werken von LL-Kollegen gelistet finde wie eigenes Schaffen.

Ich dachte: Ich bündele das. Ich tu immer die Werkbesprechungen von einem Quartal zusammen und stelle das noch mal gesondert ein bei "Rezensionen". Und dieses Mal schreibe ich auch schon im Titel, worum es geht: Folge 1, viertes Quartal 2008 ... Folge 4, drittes Quartal 2009 usw. Groß dann mein Erstaunen, als ich bemerkte, wie diesmal "mein Werk" tatsächlich Leserecho heraufbeschwor. Sage und schreibe drei verschiedene Forenredakteure von der Leselupe sind aktiv geworden, um mir mitzuteilen, dass das SOOOO aber nicht ginge. Schon mal könne man das überhaupt nicht bei Rezensionen einstellen, es müsse da und da hin verschoben werden. Schon mal tue das, als sei es "konstruktive" Kritik, sei aber persönlich angreifender Verriss, stelle sich an mehreren Stellen auch noch explizit gegen die "Bewertungskulur" in der LL. Schon mal sei das zwar nette Bastelei, nütze aber schlichtweg gar niemandem. Schon mal werde das nie jemand (oder jedenfalls so gut wie niemand) zur Kenntnis nehmen.

Tja, schon wahr. Die Inhalte, die ich da geschrieben hatte, die wird wohl nie jemand zur Kenntnis nehmen. Aber DASS ich es getan habe, DASS ich es jetzt irgendwo hingestellt habe in der LL, DAS hat MAN zur Kenntnis genommen. Von den "gewöhnlichen" Mitglieder hat sich zwar keines gerührt, aber DREI von den Forenredakteuren innerhalb von zwei Tagen!

Was man von dem, was ICH für meine Literatur halte, noch niemals behaupten konnte. Sie nimmt nur (noch) einer ernst, der heißt Ofterdingen.

Neulich hat (nach vielen, vielen Monaten) mal wieder jemand eine "Note" zu einem meiner Werke abgegeben. Ein Anonymer war das und das Werk war das "neuste" vom Ralf ("Unerreichte Kontrolle", ebenfalls Erotik, oben erklärt, wieso). Ich bekam eine 2. Das ist die schlechteste Note in über anderthalb Jahren. Hat bewirkt, dass ich, der ich, wie mir schien, unverrückbar fest geschmiedet war an den Rang eines "häufig gelesenen Autors", seit Kurzen nur "machmal gelesener Autor" bin.

Ich bin in meiner Krise, so weit es die Leselupe betrifft. Sonst aber geht es mir gut.

Also, Ofterdingen: Danke.

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