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Leselupe.de > Erzählungen
Non-Stop (unfertiger Text)
Eingestellt am 24. 03. 2001 08:17


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Non-Stop
(noch nicht fertig)
Angefangen hatte es mit Appetit. Auf ein Apfelk√ľchlein. Einem H√§ppchen zwischendurch. Mehr nicht. Ganz sicher, mehr nicht. Nur dieses eine St√ľckchen. Sie hatte doch einen so s√ľ√üen Zahn.
Aber dann war sie auf den Geschmack gekommen. Das Schmecken wurde Genie√üen. Genie√üen war bereits Appetit, Appetit wurden schlie√ülich Hunger. Und der Hunger wurde hei√ü. Das Apfelk√ľchlein schwand dahin. Kam durch ihren Mund und abhanden. Obwohl er kalt war, schmolz er in sie hinein wie Erdbeereis. Und bei dem Gedanken an Erdbeereis erinnerte sie sich an die Packung im Tiefk√ľhlfach. Auch diese verleibte sie sich ein. G√§nzlich. Was urspr√ľnglich als Nachtisch f√ľr irgendwann einmal gedacht war, entpuppte sich als Zahnf√ľllung.
Nach dem Eis behielt der K√ľhlschrank sie direkt bei sich. Immerhin beschr√§nkte sie sich zun√§chst nur auf S√ľ√ües. Heute war sie aber eine richtiges Naschk√§tzchen, sagte sie sich noch, w√§hrend sie ein Marmeladenglas leerschleckte. Pfirsich-Marakuja. Hatte sie von ihrer Nachbarin geschenkt gekriegt. Selbst gemacht. M√§√üig s√ľ√ü und beinahe fl√ľssig. Eignete sich sowieso nicht f√ľr's Brot. Flo√ü immer runter und machte klebrige Finger.
Danach eine Tafel Alpenmilch-Keks und gleich hinterher Dutzende After-Eight on the rocks aus dem Eierfach neben den Medikamenten, die man unter Zimmertemperatur halten mu√üte. Die T√ľtchen verteilte sie hinterw√ľrfig √ľber ihre Schulter. Dann die zwei letzten √Ąpfel, die schon mehlig waren und eh weg mu√üten. Dann der Rest Ragout Fin vom Tage zuvor. Dann den Joghurt mit dem ablaufendem Datum. Dann mu√üte sie sich √ľbergeben. Doch das einzige was sie dachte, als sie in die Toilette st√∂hnte, war: 'Schade. Dann alles nochmal.'
Aufschnitt und K√§se, M√∂hren und Tomaten, dann Schlangengurke. Dazu trank sie French-Dressing. Derweil kochte sie die letzten Eier, weil sie die roh nicht mochte. Beim restlichen Gem√ľse aber verzichtete sie darauf. Rote Beete, Kolrabi, Blumenkohl. Da der bittere Rohgeschmack des Letzteren ihr ziemlich am Gaumen klebte, nahm sie etwas Salz und als Ausgleich zu so etwas Ungesundem einige kr√§ftige Spitzer Sojasauce dazu. Soja war ja gesund. Das durfte sie wohl ungeb√§ndigt zu sich nehmen. Sie ermahnte sich noch dabei, doch ab und an mehr Soja zu essen.
Inzwischen war es Abend geworden. Da zu dieser Zeit das meiste ihren Körper zwar in zerkauter, jedoch nur anverdauter Form wieder verlassen hatte, war schließlich irgendwann nichts mehr da. Plötzlich stand sie vor einigen Problemen: Nicht nur, daß ihr Magen gerade wieder leer war und leidvoll stöhnte, die Geschäfte hatten auch schon zu und sie wohnte autolos in einem Vorort, der mit Pizza- oder Döner-Buden nicht gerade gesegnet war.
Also besann sie sich ihrer Vorräte.
Die Mais- und Artischockenherzen-Konserven waren √§u√üerst schmackhaft. Auch das Sauerkraut und der Rotkohl mit Apfelst√ľckchen waren einigerma√üen lecker, wenngleich sie sich das Warmmachen nun bereits sparte. Mu√üte ja auch nicht sein. Die zarten Champignons und Cornichons verschwanden schneller als sie dachte. Der wabbelige Spargel aus dem Einwegglas allerdings war ein kleiner Kampf. Nicht weil er ihrem Hunger irgendeinen Abbruch tat, sondern weil die Fasern sich lang in ihren Hals zogen und sie erneut zur √úbergabe zwangen. Aber davon lie√ü sie sich nicht abhalten. Sie bereute nur, da√ü sie Pilze und Gurken nicht zerkaut hatte. Einen Augenblick lang erwischte sie sich bei dem Gedanken, sie noch einmal zu verwenden, rettete sich dann aber mit einem schnellen Griff zur Klosp√ľlung.
Bei dem H√ľhnersuppentopf nahm sie sich eine Minute Zeit, um die wabbeligen Fettaugen aus der Dose zu sch√∂pfen. Dieses tierische Fett konnte sie ihrem K√∂rper einfach nicht zumuten. Das war sie ihm schuldig. Dann nahm sie sich die T√ľtensuppen und den Kartoffelp√ľree vor. Es staubte etwas, aber es ging. Die Vollweizennudeln schmeckten nach nichts, knackten nur.
Daraufhin ergab sich wieder ein Problem: Nix mehr da.
Was soll's, sagte sie sich, in der Not esse der Teufel seine Suppe sicher auch unaufgetaut.
Sie besa√ü keine Mikrowelle und ihr Ofen war kaputt, daher bereitete ihr der Tiefk√ľhlspinat einige M√ľhe. Er taute viel zu langsam auf. Und unter Hitze auftauen soll man den ja nicht. Hatte sie mal gelesen. Das sei nicht gut, das setze n√§mlich irgendwelche sch√§dlichen Stoffe frei. Aber Zimmertemperatur dauerte ja ewig. - Es waren recht hart. Aber mit Geduld und viel warmer Spucke schaffte sie es. Komisch, dachte sie, kalt schmeckt man nichts von einem Blubb.
Die drei Tuppert√∂pfe unterk√ľhlt hartn√§ckigen Eintopf, den ihre Mutter ihr vor einigen Tagen mitgegeben hatte, hielten sie bis zum Morgengrauen auf. Doch dann wurde sie allm√§hlich panisch. Ihre s√§mtlichen Vorr√§te waren aufgebraucht. Sie hatte sich sogar √ľberwunden und den Becher Schmand, den sie eigentlich zum So√üeverfeinern gedacht hatte, ausgel√∂ffelt. Als sie gerade der Versuchung zu erliegen drohte, die M√∂hren- und Gurkenschalen wieder aus dem Abfall zu holen, fiel ihr gl√ľcklicherweise ein, da√ü der B√§cker ja schon sehr fr√ľh seine Backstube √∂ffnete. Eilig lief sie los und kaufte zwanzig Br√∂tchen, denn die waren im Angebot, weil vom Vortag √ľbriggeblieben. Kosteten im Zehnerbeutel nur drei Mark zwanzig. Sowas konnte man sich ja nicht entgehen lassen. Ein Br√∂tchen stopfte sie sich schon mal in den Mund, um den s√§uerlichen Geschmack ihres letzten Toilettenbesuch loszuwerden. Dazu kaufte sie sich noch vier Puddingpl√§tzchen und ein paar Mohnstriezel. Und auch die Berliner und Amerikaner sahen einfach zu lecker aus. Sie k√∂nne zu so etwas schlecht Nein sagen.
Die B√§ckerin hinter der Theke l√§chelte freundlich, wenn auch etwas unsicher und fragte sie, ob sie krank gewesen sei und nun wieder etwas essen d√ľrfe. Warum, fragte sie verwundert. Nun, sie sehe bla√ü aus und, nichts f√ľr ungut, noch etwas kr√§nklich um die Nase. Ob sie denn sicher w√§re, da√ü es jetzt schon gut sei, etwas so S√ľ√ües ... Ja, nat√ľrlich sei das gut f√ľr sie, unterbrach sie etwas hektisch. Sie habe halt Appetit auf etwas S√ľ√ües und erw√§hnte bei dieser Gelegenheit wiedereinmal ihren s√ľ√üen Zahn. Na dann, schien die Verk√§uferin beruhigt, aber wenn sie wolle, sie h√§tte auch noch Zwieback und Di√§tcola da. Also nahm sie, um die nette Frau hinter der Theke zufriedenzustellen, auch noch einen Liter Cola und zwei Packungen Brandt-Kindergrinser-Zwieback mit.
Bereits im Treppenhaus konnte sie sich kaum beherrschen. Noch bevor sie die Wohnungst√ľr aufschlo√ü, waren ein weiteres Br√∂tchen und ein Mohnstriezel weg und die Flasche Di√§tcola war zu einem Drittel leer. Der Rest hielt auch nicht lange vor. Als alles weg war, wurde es f√ľr sie Zeit, sich wieder einmal schnellstens oral einigem Ballast zu entledigen. Sie schrieb dies der Di√§tcola zu. - Vertrug sie wohl nicht.
Nach der Entleerung sackte sie f√ľr einen Moment ersch√∂pft zusammen und lie√ü die Toilettensch√ľsselkeramik ihre Stirn k√ľhlen. Sie dachte zur√ľck an diese kleine unschuldige Kuchengabel Apfelkuchen und mu√üte bitter √ľber seine S√ľ√üe l√§cheln. Daraufhin mu√üte sie wohl eingenickt sein.
Als sie erwachte, kratzte ihr Appetit sofort wieder ungeb√§ndigt und w√ľtend auf alles in ihr ein, fauchte und ri√ü wie ein gereiztes Tier. Sie sah auf die Uhr, bemerkte, da√ü es fast Mittag war und st√ľrmte aus der Wohnung. Unten an der Stra√üenecke versenkten ihre hektischen Finger Kleingeld in einem Kaugummiautomaten. Sie mu√üte schnellstens etwas E√übares in den Mund bekommen. Sie drehte und kurbelte hastig und stopfte sich den Ertrag in den Mund. Dann rannte sie, beide Backen kauend gef√ľllt, auf Direktkurs zum n√§chsten Supermarkt. Den M√ľnzpfandkaufwagen schenkte sie keine Beachtung. Zum einen war ihr Geld im Kaugummiautomat, zum anderen konnte man Kaufwagen nicht essen. Nur nebenbei bemerkte sie, dass ihr Mund leer war.
Laut aufst√∂hnend wie eine Verdurstende, die nach Tagen W√ľstenmarsch endlich eine Oase findet, st√ľrzte sie in die gef√ľllten G√§nge. Das unangenehme Knacken und Knistern hinter ihren Augen verdr√§ngte sie. Auch das andere Ger√§usch, eine Art Rauschen, so, als habe sich in ihrem Hirn irgend etwas abgeschaltet wie ein Fernseher nach Sendeschlu√ü. Das Folgende nahm sie nur noch als Testbild wahr, das sich nur wegen einer technischen St√∂rung bewegte.
Zun√§chst blieb sie noch unbeobachtet. Nur ein einzelner, einsamer Kunde war da und betatschte GrannySmith-√Ąpfel. Er wirkte etwas, nun ja, verdutzt, als die Frau mit beiden H√§nden wahllos in s√§uberlich gestabelten Salat packte und ihre Bisse gierig einmal in jeden Kopf grub. Das schien sie jedoch nicht wirklich zu befriedigen und sie langte daraufhin nach allem, was sich ihren st√§ndig greifenden Fingern bot. Paprika und Tomaten, Radieschen und Zucchini, sogar Kartoffeln und Brokkoli stopfte sie in sich hinein, wanderte dann, greifend bei√üend, kauend und greifend und bei√üend und kauend weiter zum Obst und schlang dort weiter.
Schon als Kind hatte sie Obstkerne immer mitgegessen. Obwohl ihre Mutter gesagt hatte, das g√§be B√§ume im Bauch. Nun schl√§ngelte sich das zischende Rauschen durch ihren Kopf und nahm ihr alle Scham, Warnungen zu mi√üachten. Auch Schalen wurden ihr egal. Sie bi√ü in Bananen genau wie in Avocados. An einer Ananas schabte sie sich das Zahnfleisch auf und nur eine Zitrone lie√ü sie eine kurze verkniffene Sch√ľttelpause einlegen.
Zwischen einer Schachtel Erdbeeren mit einigen pelzigen Exemplaren Inhalt und einer Packung Zuckermais, deren Plastikfolienfetzen ihr zwischen den Z√§hnen h√§ngengeblieben war, zuckte sie mit einem Male zusammen und hielt im Kauen inne. Es √ľberraschte sie wie ein Kurzschlu√ü in einem Sicherungskasten. Pl√∂tzlich √ľberraschte sie etwas.. ver√§nderte sich pl√∂tzlich ihr Appetit. Gleich einer Kompa√ünadel in ihrem Kopf, deren Magnetspitze an der Sch√§delinnenwand entlangsschabte, zeigte er ihrem Hunger die Regale, zwei Ecken weiter. ‚ÄöGenug der Vitamine, Kleine', zischte das schlangenartige Rauschen in ihrem Kopf.
Der andere Kunde hatte sich inzwischen von der Frau abgewandt und tat so, als ob er sie noch gar nicht gesehen habe. Er geh√∂rte zu jener Sorte antiautorit√§r erzogener, "Na ja, wer's braucht"-murmelnder Menschen, in deren Gegenwart man sich absolut alles erlauben darf. Vom Masturbieren in der U-Bahn, √ľber nachbarschaftliches Verpr√ľgeln der Lebensabschnittgef√§hrten, bis hin zum spontanen Erschie√üen von Vorstadtt√∂len. Dementsprechend k√ľmmerte er sich m√∂glichst unauff√§llig gar nicht um jene Frau, die nun, bereits √ľber und √ľber beschmiert, vom Garten Eden ablie√ü und sich mit wilden Blicken dem heidnischen Schlaraffenland zuwandte. Nur in seinem schel verdrehten Seitenblick sah er √ľberhaupt nicht, wie sie wie besessen M√ľsli-Packungen aufri√ü und sich Kr√ľmelmonster-√§hnlich 750-Gramm-Nettos (mit allem, was man f√ľr ein gutes Fr√ľhst√ľck braucht) √ľber den ge√∂ffneten Mund rieseln lie√ü. Sie √∂ffnete Nutellagl√§ser, tunkte 3 Finger gleichzeitig hinein, um sie sich braunbeladen in die Innenbacken zu pasten. Das Preisausschreiben auf dem Etikett mi√üachtete sie fahrl√§ssig. ‚ÄöJetzt was Deftiges', rauschte ein fl√ľchtiger Gedanke durch ihren Kopf. Sie quetschte zwei Tuben √ľber ihrem Mund aus, Delikatess-Remoulade und sternf√∂rmig garnierende Senfstr√§nge; die guten mit dem L√∂wen. Sie a√ü gerne extrascharf. Sie zerfetzte Chipst√ľten (ungarisch), holte eine Faust Kr√ľmel heraus und hoffte, da√ü m√∂glichst viele Br√∂sel ihren Magen erreichen m√∂gen. Doch eben dieser hatte in diesem Moment mal wieder genug von all diesem Genu√ü und ein Schwall Halbzerkautes ergo√ü sich spritzend auf den Kacheln vorm Brotregal. Diese Prozedur hatte sie nun schon √∂fter durchzelebriert, und hielt sie nicht davon ab, noch w√§hrend des Schwalles weiterhin in die Regale zu greifen, zu √∂ffnen und sich Inhalte einzuverleiben. R√ľckst√§nde in ihrem Mund vermochten nicht, sie auch nur im geringsten zu st√∂ren.
Immer noch war kein Supermarktmitarbeiter auf sie aufmerksam geworden oder gemacht worden. Der Zufall stand ihrer Orgie mit einer Grippewelle in der Belegschaft bei, die nur eine Notbesetzung zulie√ü, und deren gr√∂√üter Teil befand sich zur Zeit in der Mittagspause. Aber davon wu√üte sie nichts und es interessierte sie auch nicht. Sie stand vor einem Problem. Oder vielmehr vor vielen kleinen und gro√üen und vor allem geschlossenen Problemen mit Namen Konserven. Das Rauschen und die sph√§rischen Stimmen in ihrem Kopf hatten inzwischen die Ausma√üe einer anfeuernden Stadiontrib√ľne angenommen. Die jubelnden Massen, deren lineares Denken offenbar noch intakt war und nicht solche M√ľhe bereitete wie ihr, machten sie auf die Haushaltswarenabteilung ein paar G√§nge weiter aufmerksam. Gut, da√ü in Superm√§rkten alles so sch√∂n √ľbersichtlich und geordnet ist. Der kratzende Kompa√ü in ihrem Kopf fand auch sofort den notwendige Dosen√∂ffner. Sie ri√ü ihn vom Haken, verstreute dabei Handtuchhalter, Zahnstocher, Eierbecher und rostfreie Apfelentkerner auf dem Fliesenboden und eilte zur√ľck zu den Konserven, dem neuen Ziel ihrer Begierde, ihrem Walhalla der Geschmackvielfalt. Sie kurbelte und futterte, da√ü es nur so schepperte und schmatzte. Junger, zarter Hochlandmais, Erbsen, fein, mit M√∂hrchen, dicke Bohnen, Brechbohnen (das erinnerte sie an etwas), Wachsbohnen, Kidneybohnen, Ravioli, Linseneintopf, Ratsherrentopf, Graupensuppe. Eben war ihr, als stehe der kleine Bassermann-Koch neben ihr und winke ihr freundlich und auffordernd mit seinem Holzl√∂ffel zu, da klickte wieder irgendwo in ihrem watteverpackten Hirnwust ein Schalter um. Im selben Augenblick erschien vor ihr eine gigantische imagin√§re, in allen Farben blinkende Reklametafel auf, in deren Mitte nur ein einziges Wort in medium-steak-rosanen Leuchtbuchstaben funkelte:
!!FLEISCH!!

In diesem Moment störte eine selbst völlig verstörte Kundin einige pausierende Supermarktmitarbeiter bei ihrem - dem werten Leser nun sicherlich höchst langweilig wirkenden - Butterbrotmahl. Sie wollten der empörten Beschwerde, im Laden solle eine Frau die Regale leerräumen und die Waren sofort antesten ("Ohne zu bezahlen!") zuerst wenig Glauben schenken. "Gnädige Frau", sagten sie freundlich lächelnd, "in den Sonderangebotswochen passiert sowas ständig."
Aber im n√§chsten Moment kam die junge Bedienung der Wurst&Gefl√ľgel-Theke in den Pausenraum gest√ľrmt. Ihre Herren Kollegen hatten einige M√ľhe in ihrem Gestammel die Bitte um Hilfe herauszuh√∂ren. In ihrer Abteilung, so konnten sie schlie√ülich entziffern, solle offenbar eine Kundin mit einem besudelten Dosen√∂ffner (an dem noch ein Preisschild hing) das Thekenglas zerschlagen haben und nun bereits haufenweise Gehacktes halb&halb, etliche grobe Leberw√ľrste im Naturdarm, scheibenweise Mortadella mit Pistazien, rohe (und wirklich ganz magere) Putenbrustfilets und lagenweise geschnittene Pfeffersalami verschlungen haben, ohne sich alles nach Vorschrift einpacken zu lassen. Als sie atemlos hinzuf√ľgte, sie sei gefl√ľchtet, da sie meine, die irren Blicke der Dame h√§tten nicht nur die h√§ngende R√§ucherwaren an der r√ľckw√§rtigen Wand, sondern auch ihre eigenen, wei√ü umkittelten (nicht ganz so mageren) Schinken taxiert, wurden die Herren Kollegen doch etwas - na, sagen wir mal - stutzig.

Die n√§chste Zeit befand sie sich zun√§chst in v√∂lliger Dunkelheit und mit einem Mangel an Bewegungsfreiheit, den sie sehr bedauerte. Danach durfte man sie manchmal besuchen. Sie verbrachte einige Stunden, zusammengerechnet waren es wohl auch Tage, bei einem sehr netten, jungen Mann. Er war unendlich geduldig und verst√§ndnisvoll, wobei ihm, so vermutete sie insgeheim, die nicht geringen Betr√§ge ihrer Krankenkasse sicherlich sehr halfen. Mit zuckers√ľ√üer Honigstimme (ein Timbre, das ihr sofort wieder Appetit machte) erkl√§rte er ihr, da√ü sie ein Problem habe. Eine √Ąu√üerung, auf die sie, trotz aller S√ľ√üigkeit der Stimme und vielleicht vehementer, als sie eigentlich wollte, nur mit Sarkasmus reagieren konnte. ("Ein Problem? Ich? Na sowas. Wer h√§tte das gedacht.") Und zwar solle sie, wie er weiter ungemein liebensw√ľrdig und vorsichtig formulierte, ein Problem mit sich selbst haben. ("Ach? Was Sie nicht sagen. Erz√§hlen Sie mir was Neues.") Offenbar leide sie unter einem Komplex, ("H√∂rt, h√∂rt, ein Komplex. Na, jetzt geht's aber los.") der sie generell daran hindere, sich selbst zu stoppen, sich Einhalt zu gebieten. ("Einhalt? Ich brauche vielleicht 2 Halt - ha-ha-ha.") Sie k√∂nne ("Jetzt kommt's. Na, da bin ich nun aber mal gespannt.") sich unter Umst√§nden helfen, wenn sie die Energien dieser ... komischen ("Komischen? Im Sinne von komisch, oder im Sinne von seltsam?") Anwandlungen kompensiere, ("Hey, nicht solche Fremdwortsauereien in meiner Gegenwart, Prof, ja?!") indem sie sie rauslasse. ("Ah, rauslassen, statt reinlassen. Klingt wie Fremdenpolitik. UND WIE, BITTESCH√ĖN?!?!") Sie br√§uche, so erkl√§rte er ihr, nur eine Art √úberdruckventil, mit dessen Hilfe sie vielleicht nicht nur ihren inneren, unter Umst√§nden in Unordnung geratenen Sarkasmus ("Wer von uns ist denn hier sarkastisch?") unter Kontrolle bek√§me, sondern auch diese unb√§ndigen √úbertreibungs-Amokl√§ufe. ("Hmmmmm .....")

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flammarion
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sagte mal, da√ü man hunger bekommt, wenn vom essen die rede ist. aber hier wird so viel speise vorgef√ľhrt, da√ü einem √ľbel wird. die arme frau erlebt einen wahren albtraum! gut erz√§hlt, blumig geschrieben. der schlu√ü ist nicht ganz befriedigend, aber mir f√§llt im moment auch nicht ein, wie er besser w√§re. ganz lieb gr√ľ√üt
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Andrea
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unfertiges benote ich nicht.. ;o)

Es liest sich eigentlich sehr gut ‚Äď eigentlich, denn sobald sie sich √ľber ihre Vorr√§te hermacht, wird es langweilig. Das √§ndert sich erst wieder richtig im Supermarkt, vor allem aber im Zusammenspiel mit dem Psychiater. Das Problem liegt m.E. in den Aufz√§hlungen. Da√ü diese schnell eint√∂nig werden, liegt in der Natur der Dinge. Vielleicht k√∂nntest du den ersten Teil etwas straffen und zusammenfassen. Im zweiten Teil (Supermarkt) verbindest du die Aufz√§hlungen viel unterhaltsamer mit anderen Beobachtungen und Gedanken. Faszinierend finde ich allerdings, wie du das √úbergeben auf so mannigfaltige Weise einf√ľhrst ‚Äď beinahe wird es zu einem liebgewordenen running-gag.
Was mir jedoch fehlt, ist der Grund f√ľr die Fre√üsucht. Klar, sie f√§ngt mit ihrem s√ľ√üen Zahn an und kann sich dann nicht mehr stoppen ‚Äď aber das mu√ü doch einen Grund haben! Deshalb bin ich auch auf den Rest (der noch kommt?) gespannt, weil ich mal auf den Psychiater vertraue, da√ü er mir aus diesem Dilemma raushilft..
__________________
Andrea Rohmert

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