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Leselupe.de > ErzÀhlungen
November
Eingestellt am 11. 06. 2006 10:41


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HFleiss
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November


Es war Herbst geworden, November. November des Jahres 2005. Noch lag nasses, verfĂ€rbtes Laub in den Straßen, kĂŒhl wehte mir der Wind in den Anorak. Auf die Straße ging ich jetzt nur noch zum Einkaufen. Auch abends blieb ich gegen meine Gewohnheit zu Hause, versuchte dem Fernseher irgendeine halbwegs zumutbare Sendung zu entreißen, gab es dann jedesmal auf. Ich ging frĂŒh zu Bett in diesen Novembertagen, der Schlaf vor Mitternacht ist immer noch der gesĂŒndeste.

An einem dieser verregneten Morgen, in meinem Briefkasten steckte die Bezirkszeitung, ein VierseitenblÀttchen, ein paar Artikel aus der Region, zwei Seiten Annoncen, eine Seite Veranstaltungen im Kiez, stutzte ich: eine Lesung aus den Memoiren eines StasihÀftlings. Ganz in meiner NÀhe, im Nachbarschaftshaus um die Ecke, heute abend. Und der Autor: Jörg P.

Jörg. Ich hatte ihn seit Jahren aus den Augen verloren. Ein Kollege aus meiner Redaktion, damals, als es sie noch gab, Anfang der achtziger Jahre. Jung war er damals, erst ein Jahr weg von der Journalistenschule in Leipzig, gerade Vater geworden. Die Gewerkschaft hatte ihm eine Wohnung verschafft in einem der neuen Wohngebiete. Heute werden sie abschĂ€tzig Plattenbauten genannt, damals war es wie ein FĂŒnfer im Lotto. Mit Balkon und fließend Warmwasser! Einen ganzen Tag lang schwĂ€rmte er mir vor, wie er sie einrichten wĂŒrde: mit SperrmĂŒllmöbeln und Postern an den WĂ€nden, bloß keine Schrankwand! „Na, wenn das deiner Frau gefĂ€llt“, sagte ich und griente. Das Grienen hatte er mir ein bisschen ĂŒbelgenommen.

Eines Tages erschien er nicht zum Dienst. DafĂŒr tauchten zwei MĂ€nner auf, die wir nicht kannten, die beiden kamen vom Ministerium fĂŒr Staatssicherheit. Ich war RedaktionssekretĂ€rin und fĂŒhrte sie ins Chefzimmer, wo sie ein paar Minuten allein herumsaßen, bis mein Chef Horst erschien. Hastig riss er die TĂŒr auf und schloss sie hinter sich, ich hatte den Eindruck, er wĂŒrde sie verrammeln. Ich setzte mich an meine Schreibmaschine und begann zu tippen, sie sollten nicht denken, ich wĂŒrde sie belauschen.

In der Redaktionssitzung erfuhren wir, warum Jörg heute nicht gekommen war. Er war festgenommen worden, irgendeine Sache, ĂŒber die es nicht angebracht war zu sprechen, politisch, sagte Horst. Jörg habe ihn zutiefst enttĂ€uscht. In der Parteigruppe könne man, soweit es die UmstĂ€nde zuließen, NĂ€heres besprechen. Das war alles, was er von sich gab.
Ich war als einzige in der Redaktion nicht in der Partei. Trotzdem erfuhr ich damals, weshalb Jörg festgenommen worden war: Er hatte sich auffĂ€llig an der Grenze herumgedrĂŒckt. Die Grenze war fĂŒr uns Normalsterbliche nicht existent, als DDR-BĂŒrger konnte man sie, wenn man einen gĂŒnstigen Aussichtspunkt erwischte, von weitem sehen. NĂ€her heranzugehen schien nicht ratsam. Im Grunde hatte ich sie vor der Maueröffnung nie gesehen. Heute frage ich mich, wie ich das so lange ausgehalten hatte: die Mauer, das Damoklesschwert zwischen Ost und West, und ich hatte sie vor dem 9. November 89 nur im Westfernsehen gesehen, niemals live.

Heute abend wĂŒrde Jörg im Nachbarschaftshaus lesen. Memoiren hatte er also geschrieben. Ich freute mich, einen alten Kumpel wiederzutreffen. Aber ich hatte Manschetten: Wie wĂŒrde er jetzt, nach so vielen Jahren sein? WĂŒrde ich ihn ĂŒberhaupt wiedererkennen? Und er mich? Wollte er mich, eine von seiner Redaktion, ĂŒberhaupt wiedertreffen? Und ich hatte Angst, dass er zu sehr verĂ€ndert war, einer von den Leuten geworden war, mit denen ich nichts zu tun haben wollte. Diese Leute spuckten Gift und Galle, stöhnten in der Presse und im Fernsehen ĂŒberall herum, wie sehr sie doch in der DDR gelitten hatten, und den Politikern, egal, ob von einer Westpartei oder sogar neuerdings der PDS, gefiel das. Nein, mit solchen Leuten wollte ich nichts zu tun haben, sie kassierten fĂŒr das, was ihnen tatsĂ€chlich oder angeblich im DDR-Unrechtsregime widerfahren war. Im stillen feixten sie ĂŒber die Blödheit der antikommunistisch fixierten Westpolitiker, denen an allem gelegen war, was gegen die DDR ging. Im Grunde also auch gegen mich, denn ich hatte in der DDR gelebt, gar nicht so schlecht, und ich hatte - je mehr Zeit verstrich, wurde ich mir darĂŒber klar - gern in der DDR gelebt. Das sollte mir peinlich sein, Ostalgie nennen sie das heute in den Medien. Jedenfalls hatte ich lieber in der DDR gelebt als jetzt, in der wiedervereinigten Bundesrepublik. Kein Wunder: Mit meiner Minirente! FĂŒnfunddreißig Jahre ununterbrochen gearbeitet, und jetzt dieses Almosen. So viel, dass ich nicht verhungerte und meine Abgaben bezahlen konnte, aber schon ein Zeitungsabonnement war nicht mehr drin. Erst recht nicht eine Reise. FĂŒr die wir ja angeblich, auch, unsere Bananenrevolution 89 gemacht hatten. Mein Internetzugang gar war unzulĂ€ssiger Luxus, dafĂŒr sparte ich am Essen und mied alles, was Geld kostete. Hegel und Marx hatten recht: Das Sein bestimmt das Bewusstsein. Aber nicht nur.

Ich hatte mich wegen des Wetters angepummelt. Jörg kannte mich als sehr schlanke Frau in den besten Jahren, und nun wĂŒrde ich vor ihn treten, fĂŒnfundzwanzig Jahre Ă€lter, eine Seniorin, wie Rentner heute beschönigend genannt werden, Falten im Gesicht und raus aus der Arbeit. Auch raus aus seinen Erinnerungen?

Der Raum war nicht allzu groß, es roch nach dem Zeug, mit dem sie heute die Fußböden bearbeiten, parfĂŒmig, und nach feuchten Klamotten, die an der EingangstĂŒr am StĂ€nder hingen. Viele Leute waren es nicht, die schon auf den StĂŒhlen saßen, die, wie Soldaten ausgerichtet, wie es sich eben gehörte bei einer Veranstaltung, schon mit einem Zettel belegt waren: Werbung fĂŒr Jörgs Buch, eigenhĂ€ndig am Computer geschrieben.

Er kam. Ein Mann mit verschĂ€mten Bierbauch in den Vierzigern, schĂŒtterem blondem Haar, in Norwegerpullover und Jeans. Er setzte sich, ohne hochzublicken, hinter seinen Tisch vorm Fenster, auf dem ein Stapel seines Buches lag, und begann nach der BegrĂŒĂŸung mit fremder Altherrenstimme zu lesen. Er hatte ein paar Kapitel ausgewĂ€hlt: das, in dem er von seinem ersten Tag im Knast erzĂ€hlte, ein paar Unterhaltungen mit MithĂ€ftlingen. Und dann, wie er gefoltert wurde. Mit Wasser und Strom, und wie sie ihn psychisch fertig gemacht hatten und dass sich seine Frau hatte scheiden lassen. Er differenzierte nicht, fĂŒr ihn waren alle Vernehmer Stasi-Bestien, die mit den abgefeimtesten Methoden alles, was sie wissen wollten, aus ihm herausgequetscht hatten. Die Leute stöhnten auf, als er beschrieb, wie sie die Elektroden an seine Hoden ansetzten und wie er mit den FĂŒĂŸen im Wasser stand. Ein Mann, schon Ă€lter, war aufgesprungen und fuchtelte mit den Armen herum. „Schweine! Schweine! Wenn ich erst mal meine Memoiren schreibe!“, schrie er, hochrot im Gesicht. Die Wellen der Sympathie fluteten Jörg zu. Wie warmer Milchbrei von MĂŒller, dachte ich. Wenn Jörg bloß nicht daran erstickte.

Der Raum hatte sich ziemlich gefĂŒllt, nur ein paar StĂŒhle in der hinteren Reihe waren leer geblieben. Die Leute wogten vor Empörung auf ihren StĂŒhlen. Ich sah mich um, nach hinten. Ein paar Gesichter, vor allem von Ă€lteren Frauen, verzerrt, hochrot.

Ich blieb misstrauisch: Die Geschichte mit der Folterung hatte sich Jörg ausgedacht. Oder abgeschrieben. Mir war, als hÀtte ich sie schon mal gelesen. Damals, als die ersten Berichte aus Chile kamen, nach dem Putsch gegen Allende. Das waren, hatte man uns gesagt, CIA-Methoden, um GestÀndnisse herauszuholen. Und die Stasi, der ich so ziemlich alles zutraute, war also nicht besser als die CIA? Nun ja, auch die Stasi, Schild und Schwert der Partei, der Avantgarde der Arbeiterklasse, hatte mit verbrecherischen Geheimdienstmethoden gearbeitet. Doch, schon vorstellbar. Warum sollte Jörg MÀrchen erzÀhlen?

Die Lesung war zu Ende. Jörg fragte, ob wir Fragen hÀtten. Ein paar MÀnner, nahe der Siebzig, hatten keine Fragen, aber sie gaben Statements ab: Dass sie froh wÀren, dass das nun alles hinter uns lag, und wie sehr ihnen Jörg leid tat. Eine Frau, deren Mann bei der Stasi gearbeitet hatte, outete sie sich, pflichtete den anderen bei: Ihr habe es auch nicht gefallen, dass ihr geschiedener Mann beim Geheimdienst gearbeitet hÀtte, und immer wollte sie, dass er was anderes gemacht hÀtte. Aber es sei alles noch viel schlimmer gewesen, ihr Mann habe da einiges kucken lassen. Blass vor Aufregung setzte sie sich, und alle klatschten Beifall, irgendwie mitleidig.

Jörg wollte nach dem Buchverkauf gehen. Am KleiderstĂ€nder stand ich dann neben ihm. „Jörg? Kennst du mich noch?“

Er blinzelte. Er hatte jetzt keine Brille mehr auf. „Nee, sollte ich?“

„Na ich, Hanna, von der Redaktion, euer gutes StĂŒck, wie ihr immer gesagt habt. Ich bin doch damals SekretĂ€rin gewesen, damals, als du ...“

Es dĂ€mmerte bei ihm. „Ach du! Die Hanna! Na kiek mal, hĂ€tte dich ja kaum wiedererkannt! Mensch! Ist aber lange her.“ Er musterte mich von Kopf bis Fuß. „Bist Ă€lter geworden, Hanna.“

„Du nicht?“

„Doch, schon. Gehen wir einen Kaffee trinken?“

Es war eher ein StehcafĂ©, in das mich Jörg fĂŒhrte, als ein richtiges CafĂ©. Ein paar Tische und StĂŒhle, beinahe keine GĂ€ste, ein hochbeschĂ€ftigter Thekenmann.

Unser GesprĂ€ch kam nicht in Gang. Der Kaffee schmeckte wie damals unser Kantinenkaffee. Ich sagte es Jörg. Er lachte. „Kannst recht haben.“

„Sag mal, Jörg“, ich wollte auf sein Buch kommen, auf die Foltergeschichte, sie ließ mir keine Ruhe, „stimmt das eigentlich? Das, Jörg, was du schreibst, ich meine, das mit der Folter und dass die Stasi genauso schlimm war wie die CIA?“

Er grinste. „Du verrĂ€tst mich doch nicht? Also, das mit der Folter ist so eine Sache. Ich selbst bin nicht gefoltert worden. Aber ich kenne da ein paar Leute, die sind, echt, die sind wirklich gefoltert worden. Aber die schreiben eben keine Memoiren. Und sie haben mich gebeten, ein Kapitel dazu zu schreiben. Wir mĂŒssen zusammenhalten. So ist das.“

„Also hat die Stasi gefoltert?“

„Genau kann ich es nicht sagen, jedenfalls nicht als Augenzeuge. Aber die Leute waren glaubwĂŒrdig. Sie haben mir ihre Narben gezeigt.“

„Hm. HĂ€tte ich aber nicht gemacht. Ich meine, dass ich das als Erlebnisbericht geschrieben hĂ€tte, Jörg."

„Na, du schreibst ja auch nicht!“ Er war wĂŒtend geworden. Ich musste ihn wieder runterholen, wenn ich Gewissheit ĂŒber die Folter haben wollte.

„Doch, ich schreibe. Neuerdings. Seit ich so viel Zeit habe. Geschichten und so.“

„Na, dann weißt du ja, wie schwer es ist mit der Wahrheit. Wenn man Memoiren schreibt. Du hast doch bestimmt auch Memoiren geschrieben?“

„Ja, ein paar Kapitel. Bin aber erst bei der Kindheit.“

„Und die DDR sparst du aus!“

„Nein. Ich werde das schreiben, an das ich mich erinnere. Hatte ja kein Tagebuch gefĂŒhrt. Kann also schon passieren, dass ich was auslasse.“

„Tagebuch! Du spinnst ja! Wenn ich Tagebuch gefĂŒhrt hĂ€tte, hĂ€tten sie mir mehr als die vier Jahre Bautzen II aufgedrĂŒckt!“

Wir tranken unseren Kaffee aus. Jörg wollte gehen. Er stand schon. „Schön, dich mal wiedergesehen zu haben.“

„Jörg, bevor du gehst – ich kann ja verstehen, dass du noch immer in Brass bist, war bestimmt kein Zuckerschlecken -, Jörg, sag mir, ich muss es wissen: Was ist dran an der Folterei bei der Stasi!“

Jörg setzte sich wieder. „Also gut, weil du es bist. Also, wie schon gesagt, die Stasi hat gefoltert. Die haben da bestimmte Ecken gehabt, die Leute wurden da hingekarrt, irgendwelche Kaffs auf dem Land. Schreib ich doch in meinem Buch, nicht aus dem kleinen Finger gezuzzelt. Und wenn sie wiederkamen, haben sie nichts verlauten lassen. Die Leute, mein ich. Und als sich rumgesprochen hatte, dass ich ĂŒber Bautzen schreibe, sind sie gekommen. Die, die ich noch kannte. Die hatten sich damals nicht getraut, ist doch verstĂ€ndlich. Erst jetzt rĂŒcken sie raus mit der Sprache.“

„FrĂŒher hast du nichts vom Hörensagen geglaubt. Du wĂ€rst ein guter Journalist geworden, Jörg.“

„Hat sich was mit Journalist. Alles Mögliche habe ich gemacht nach der Entlassung, sogar Pförtner. Berlin-Verbot. Ich sage nur: Prenzlau. Dieses miese kleine Prenzlau mit den netten VorgĂ€rten.“

„Du schreibst, sie haben dich wegen Spionage eingebuchtet. HĂ€tte ich nicht vermutet, ich kannte dich doch. Glaubte ich jedenfalls.“

„Hach, diese alten Geschichten, Hanna. Ich sag dir, wie es war: Mich haben auf einer Dienstreise ein paar Leute angesprochen, zwei MĂ€nner, damals. Westtypen. Haben sich nicht vorgestellt. Ob ich ein bisschen Westgeld verdienen wollte. Klar, wollte ich. Ein paar Artikel, nicht ganz auf Linie, Horst, der Döskopp, hĂ€tte das ĂŒberhaupt bemerkt. Dachte ich. Und dann sollte ich so dicht wie möglich an die Mauer rankommen, mich ein bisschen umsehen. Das war alles.“

„Und? Hast du’s gemacht?“

„Einen Artikel, und den hat Horst dann in den Papierkorb geschmissen und mich aufgeklĂ€rt ĂŒber die DDR-Politik. Die internationale Bedrohung und der amerikanische militĂ€risch-industrielle Komplex und so. Du weißt doch, wie vĂ€terlich der einem ins Gewissen reden konnte. An der Mauer haben sie mich gekriegt. Und dann Bautzen II. Mehr sag ich nicht.“

„Brauchst du auch nicht. Kann mir einiges vorstellen. Was wolltest du ĂŒbrigens mit dem Westgeld? Weißt du noch, wie Christa rumgeeiert hatte: Warum sie ihr Gehalt nicht zur HĂ€lfte in West kriegt? Die war bis zum Schluss dabei, bis sie uns auflösten. Hat ziemlichen Blödsinn gequatscht.“

„Haben ja wohl so einige. Ich lese Zeitung. Manchmal, du glaubst es kaum, findest du einen Namen. Einen von frĂŒher. Wendemanöver. Drum links, zwei, drei, wo dein Platz, Genosse ist ... Westgeld? Hab nie welches gesehen, wenn du es genau wissen willst. Was schon? Einkaufen. Im Intershop. Wo sonst. Ein paar BĂŒcher durchschleusen. Wollte ja die DDR nicht umstĂŒlpen.“ Er grinste. Wie damals. Jetzt erst erkannte ich ihn wieder.

„Nein, wolltest du nicht. Aber es ist spĂ€t.“

Er gab mir die Hand. „Sorge dich nicht und trink Coca-Cola. Wird schon schiefgehen. Ich meine, alles, das hier.“

„Du meinst: Jetzt, wo wir Westen sind?“

„Na ja.“

Auf der Straße war es noch windiger als am Tage geworden, ich glitschte ĂŒber nasses Laub. Der Winter wĂŒrde kalt werden. Verdammt kalt.

(2006)




































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Melusine
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Hallo Hanna,
danke fĂŒr diese Geschichte. Ich finde sie sehr gelungen. Schlicht und unverschnörkelt erzĂ€hlt, ohne LĂ€ngen, gekonnte RĂŒckblende, Spannungsbogen ... alles da, was eine gute ErzĂ€hlung braucht - und dabei wirkt der Text auf mich authentisch und glaubwĂŒrdig; ich nehme es dir ab, dass du Dinge erzĂ€hlst, die wirklich so passiert sind bzw. die du wirklich so in Erinnerung hast.
Was mir ebenfalls gut gefÀllt, ist, dass du nicht verallgemeinerst, sondern durchgÀngig aus deiner eigenen, persönlichen und privaten Perspektive erzÀhlst. Einen Ausschnitt von Wirklichkeit, so wie du sie siehst. Du lÀsst mich als Leserin durch deine Augen blicken.

Ich las deine Kommentare zu Mumpf Lunses Text "GefĂ€ngnis" und finde, dir ist hier ein sehr guter Gegenpol dazu gelungen. In allfĂ€llige politische Auseinandersetzungen darĂŒber möchte ich mich - als völlig Außenstehende - nicht einmischen. Doch ich bin froh darĂŒber, hier einen weiteren Puzzlestein zu finden, um mein nach wie vor bruchstĂŒckhaftes Bild einer vielschichtigen RealitĂ€t wieder ein wenig zu ergĂ€nzen.


Ein klein wenig "Textarbeit": Das einzige, was mir auffiel (aber ich muss zugeben, ich war von deinem Text zu sehr gefesselt, um bewusst auf "Lektorats"-Details zu achten), war der Satz:

quote:
Er setzte sich, ohne hochzublicken, hinter seinen Tisch vorm Fenster, auf dem ein Stapel seines Buches lag (..)
Hier wĂŒrde ich vielleicht eher schreiben: "ein Stapel von Exemplaren seines Buches".
Hm, vielleicht auch nicht ganz das Gelbe vom Ei (etwas schwerfĂ€llig), aber ĂŒber den Stapel aus einem Buch stolperte ich sozusagen ein wenig.
Ist aber nur ein winziges Detail und tut deiner Geschichte keinen Abbruch.

Liebe GrĂŒĂŸe aus Wien
Mel


P.S.: Oh, fast hĂ€tte ich es vergessen: Auch den (symboltrĂ€chtigen) Titel und dessen Einbettung in die Geschichte finde ich Ă€ußerst gelungen!

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HFleiss
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November

Ja, das ist eine authentische Geschichte. Was den Stapel BĂŒcher angeht: Er hatte ja nur ein Buch geschrieben, deshalb also der Stapel seines Buches, nicht seiner BĂŒcher. Melusine, du hast mich mal als Kommunistin und Marxistin bezeichnet, ich fand das wenig freundlich in unseren heutigen Zeiten, wo das ein Stigma ist. Bist du immer noch dieser Meinung? Ich sehe mich nur um, registriere, was zu registrieren wert ist. Und diese Geschichte ist eine von denen, die ich auf dieser Grundlage geschrieben habe. Nichts schönen, nichts verheimlichen, aussprechen, was ist - das ist mein Motto. Mehr nicht. Das Credo jedes Schreibenden. Sofern er sein Schreiben selbst ernst nimmt. Aber man braucht ein gewisses PĂ€ckchen Mut dafĂŒr, das ist wohl wahr.

Gruß
Hanna

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Melusine
Guest
Registriert: Not Yet

Hanna, das war ein MissverstĂ€ndnis. Ich versuchte es dir ja schon klarzumachen, aber du fĂŒhltest dich angegriffen - was ich auch verstehe. Es war nicht als Angriff gemeint, zudem ironisch gedacht. In Österreich gibt es diese extreme Polarisierung seit langem nicht mehr und es war mir wohl nicht bewusst, dass es sie in Deutschland noch oder wieder gibt. Mein Erfahrungshintergrund ist eben ein ganz anderer als deiner.

Mein damaliger Kommentar basierte auf Erfahrungen mit "linksintellektuellen" Studienkolleg/inn/en, die marxistische Lesekreise frequentierten, "Das Kapital" gleichsam mit dem Löffel gegessen zu haben schienen und nicht anstanden, jeden der darin weniger bewandert war als potenziell faschistoid zu betrachten. Meine eigene politische Einstellung (nicht dass ich das hier nun nÀher ausbreiten möchte) ist durchaus links und antikapitalistisch, das nur am Rande. Mir geht nur jeglicher Dogmatismus auf die Nerven.

Vielleicht war es unbedacht, ohne Kenntnis deiner HintergrĂŒnde auf einen Kommentar von dir zu reagieren. Tut mir leid.
Vielleicht können wir ja in Zukunft doch einigermaßen unbefangen miteinander kommunizieren. WĂŒrde mich freuen.

Deine Texte jedenfalls gefallen mir großteils gut. Teils sogar sehr gut - wie dieser.

LG Mel

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HFleiss
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Nein, Melusine, entschuldigen musst du dich nicht. Werde mit der Zeit ja immer harthöriger, es lohnt sich einfach nicht, man kann den Leuten die Haut abziehen, und sie bedanken sich noch dafĂŒr. Aber dass es in Österreich so viel anders ist als in Deutschland - machst du dir da nicht ein bisschen was vor? Es soll eine Menge österreichischer Auswanderer geben. Bei uns gehen die Wogen noch immer hoch, sobald einer eine andere Meinung hat als die veröffentlichte. Und was so veröffentlicht wird, ist kein Geheimnis. Dann kuschen alle und halten entweder lieber das Maul oder hauen noch drein auf den Delinquenten. Hast du ja mitgekriegt bei der Handke-Geschichte. Geh mal rein in die Plauderrunde: Unser Bonanza als Verteidiger des DĂŒsseldorfer Stadtrates. Liegt alles auf derselben Linie. Ich habe die BefĂŒrchtung: Falls es noch mal einen Hitler gĂ€be in Deutschland, die Leute wĂŒrden wieder "Deutschland, erwache" schrein - auch aus staatsbĂŒrgerlicher Disziplin, und wenn sie sich jetzt noch so demokratisch gebĂ€rden. Wir Deutschen sind eben von unserer Obrigkeit wie gebĂŒgelt, und eine eigene Meinung haben wir schon lange nicht mehr, hatten wir vielleicht nie. Und wenn wir schon mal eine Revolution machen - Himmel, darĂŒber schweig ich lieber. Aber nun lass es gut sein, genug geplaudert. Es reicht, sagte der Staatsanwalt.

Gruß
Hanna

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Mumpf Lunse
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Elektroden an den Hoden

quote:
Hegel und Marx hatten recht: Das Sein bestimmt das Bewusstsein.

Marx' berĂŒhmter Satz: "Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein" (im Gegensatz zu Hegel'schem Denken, demzufolge das Bewusstsein das Sein bestimmen wĂŒrde)

Wer hatte denn nun Recht?

Zitat Wiki (Über die GedenkstĂ€tte Bautzen 2): "Zu den Gefangenen zĂ€hlten vor allem politische Gegner der SED-FĂŒhrungsspitze, auslĂ€ndische HĂ€ftlinge, die wegen Spionage und Fluchthilfe verurteilt waren, aber auch straffĂ€llig gewordene FunktionĂ€re aus dem DDR-Herrschaftsapparat. Durchschnittlich waren in dieser Zeit 150 bis 180 Gefangene in Bautzen II inhaftiert."

Bautzen 2 war also ein recht exklusiver Knast. Das zeigt schon die vergleichsweise geringe Zahl an HĂ€ftlingen.

Ein Typ wie der Portagonist in der Geschichte 'November' wĂ€re, weil er sich an der Mauer rumdrĂŒckte, mit Sicherheit nicht in Bautzen 2 gelandet.
Auch die Idee, dass ominöse MÀnner aus dem Westen versuchen einen DDR-Journalisten dazu zu bewegen in der DDR-Presse einen DDR-feindlichen Text zu veröffentlichen ist mehr als naiv.
Das entspricht der etwas drögen Fantasie der DDR-Presse zu DDR-Zeiten und zeugt von hanebĂŒchener Unwissenheit.

Am einfachsten wĂ€re es, wenn HFleiss uns den Titel des Buches verrĂ€t, ich wĂŒrde gern nachlesen, wie einer von den Elektroden an den Hoden im Stasiknast berichtet.
Ich hab das noch nie gehört oder gelesen.

Da HFleiss die Mauer erst nach der Wende gesehen hat, ist zu vermuten das es sie vielleicht gar nicht gab, oder?
Die wurde sicher extra aufgebaut, um die DDR zu verleumden.
Von den 'Siegern' errichtet um ein Argument zu haben, mit dem man den groß angelegten Versuch die unbescholtenen DDR-BĂŒrger um den Lohn ihrer 'Lebensleistung' zu betrĂŒgen, begrĂŒnden kann.
Das die ominösen MĂ€nner, 'Westtypen", jemandem Geld dafĂŒr bezahlen das er sich mal an der Mauer umguckt ist witzig.
Wahrscheinlich hatten die auch nur davon gehört und wollten jetzt mal von einem Eingeborenen wissen, was dran ist an den GerĂŒchten. Ihren akkreditierten Journalisten und den tausenden Besuchern, die nach Ostberlin kamen, trauten sie scheinbar nicht, Anfang der 80ziger. Möglich ist allerdings auch das sie eine Invasion vorbereiteten, die Kapitalisten und wissen wollten, wo sie am besten rĂŒberklettern können. (Falls sich das GerĂŒcht es gĂ€be eine Mauer als wahr erweisen wĂŒrde.)

Die Tatsache, dass die Autorin sich zu Elektroden und Hoden versteigt um unbegrĂŒndete FoltervorwĂŒrfe zu illustrieren spricht BĂ€nde.
Wenn HFleiss sich ein wenig mit den realen, tausendfach belegten, nachlesbaren und zu besichtigenden Bedingungen etwas beschÀftigt hÀtte, wÀre der Kunstgriff an die Hoden unnötig gewesen. (Mal davon abgesehn, dass so ein Griff an die Hoden etwas unschicklich ist.)

Welches Menschbild verbirgt sich dahinter wenn die Autorin, die von ihr Selbst als eher harmlos und lĂ€ppisch dargestellte fiktive, der Fantasie der Autorin entsprungene, 'Straftat' des Protagonisten als ausreichend fĂŒr 4 Jahre Haft in einem SondergefĂ€ngnis der Stasi hĂ€lt?
WĂ€re es nicht eher angebracht, dieses zu hinterfragen?

Der Text lĂ€sst mich ratlos aber wenigsten mit einem Schmunzeln zurĂŒck.
Ich schlage vor, ihn in Humor und Satire zu verschieben. Dort wĂŒrde er als gelungene Parodie auf die Relativierungsversuche der ehemaligen DDR-Nomenklatura eine 10 von mir bekommen.

mumpf



__________________
© by Mumpf Lunse
Schreiben ist etwas ĂŒberraschendes

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