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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Nur aus Liebe - ein Gerichtsreport
Eingestellt am 05. 09. 2003 18:23


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ElFe
Festzeitungsschreiber
Registriert: Aug 2003

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Gestern begann vor dem Bundesgericht das neu aufgenommene Verfahren um die verurteilte Doppelm├Ârderin Eva-Maria Schrader. Ende M├Ąrz 1953 hatte die damals 39j├Ąhrige ihren gleichaltrigen Ehemann Herbert Schrader und ihren 72j├Ąhrigen Vater Ludwig Buschmann im Schlaf mit einer Axt erschlagen. Das Obergericht des Kantons Luzern verurteilte die siebenfache Mutter zu 20 Jahren Zuchthaus. Frau Schrader beantragte Revision. In der gestrigen Verhandlung pl├Ądierte sie auf Unzurechnungsf├Ąhigkeit und ├änderung der Anklage von Mord auf vors├Ątzliche T├Âtung. Ruhig und gefasst sa├č die blasse Frau im Zeugenstand. Ihre Anw├Ąltin befragte sie ausf├╝hrlich zu ihrer Lebensgeschichte, um die psychologischen Hintergr├╝nde der Tat n├Ąher zu beleuchten.

Sie kam 1914 als f├╝nftes von acht Kindern im 5oo-Seelen-Dorf Geisbach zur Welt, berichtete sie. Ihr Vater war Dorflehrer und die Mutter verdiente ein kleines Zubrot, indem sie die Kirche und das Pfarrhaus putzte. Zuhause mu├čten alle mithelfen. Auf Ordnung und Sauberkeit sowie auf Respekt und R├╝cksichtnahme gegen├╝ber anderen wurde gro├čen Wert gelegt Auch achtete die Mutter sehr darauf, das wenige Geld zusammen zu halten und nicht zu verschwenden.
Nein, als Kind wurde sie nicht besonders beachtet. Schon damals war ihre ├Ąltere Schwester Hannelore das Sorgenkind der Familie. Besonders als diese 17j├Ąhrig schwanger wurde und nicht sagen wollte, wer der Vater des Kindes sei. Mit Schimpf und Schande wurde sie aus dem Dorf gejagt und arbeitete dann in einer Schenke im Nachbartal. Immer wieder war die Hannelore Thema von Klatsch und Tratsch und ihre Eltern h├Ątten unter der Schande sehr gelitten. Schlie├člich fiele „so etwas“ ja auf sie und ihre Erziehung zur├╝ck und noch dazu als Lehrer... Mit damals 12 Jahren verstand Eva-Maria nicht genau, um was es ging, aber dass es schlimm war, ja, das verstand sie wohl. Diese Schande...

Hier kam sie ins Stocken und mu├čte eine kleine Pause einlegen in ihrem Bericht, um einen Schluck Wasser zu trinken. Es war sichtlich anstrengend f├╝r sie, sich in diese Zeit zur├╝ck zu versetzen, alles noch einmal zu erleben. Ihr Gesicht war ganz grau geworden und zwischendurch sah es manchmal so aus, als m├╝sse sie Tr├Ąnen zur├╝ckhalten. Dann berichtete sie weiter:
Mit 20 Jahren heiratete sie Herbert Schrader aus dem Nachbardorf. Herbert hatte eine gute Stelle in der Fabrik und der Gemischtwarenladen seines Vaters lief auch gut. Die Beiden zogen zu seinen Eltern ins Haus, in die Wohnung ├╝ber den Laden und schon bald erwarteten sie das erste Kind. Als sich ihr Bruder Ernst im Krieg den Nazis anschlo├č und erneut Schande ├╝ber die Familie hereinbrach, litt besonders die Mutter sehr darunter. Sehns├╝chtig erwartete sie jeden Brief aus Auschwitz, wo Ernst eine verantwortliche Stelle innehatte. Wenigstens war er nicht an der Front! Aber diese Ger├╝chte...
Eva-Maria wu├čte nicht, wie sie ihrer Mutter helfen sollte, war inzwischen mit dem dritten Kind schwanger und half auch den Schwiegereltern im Gesch├Ąft mit. 1944 kam der Ernst kurz nach Hause und versuchte zu erkl├Ąren... Kurz darauf kam dann die Nachricht, er sei gefallen. Eva-Maria Schrader unterbrach ihren Bericht und sagte wie zu sich selbst: „Vielleicht war es besser so.“
Die Mutter konnte das nicht ertragen. Sie verfiel mehr und mehr und als sie schlie├člich eine Lungenentz├╝ndung bekam, hatte sie keine Kraft mehr. Bald nach der Beerdigung brachte Eva-Maria ihr mittlerweile f├╝nftes Kind zur Welt. Das M├Ądchen nannten sie Irma, nach der verstorbenen Oma. Der Vater zog dann zu ihnen ins Haus. Er verstand sich gut mit den Schwiegereltern seiner Tochter, die ihren Laden inzwischen aufgegeben hatten. Zu gro├č war die Konkurrenz von dem neugebauten Supermarkt am Ortsrand. Nur den Zigarrenverkauf, den wollte Eva-Maria als Zubrot weiterf├╝hren. Gesch├Ąftserfahrung hatte sie im Laden der Schwiegereltern genug sammeln k├Ânnen. Mittlerweile verwaltete sie das Geld der gesamten Familie und die Zigarren, nun, die roch sie einfach so gern. Doch wie man es auch drehte oder wendete: es reichte vorne und hinten nicht. Herbert verdiente gut – sicherlich – und aus dem Zigarrenverkauf kam auch noch etwas dazu, ja. Aber als dann die Zwillinge geboren wurden... sieben Kinder und der Vater, die Schwiegereltern...Das kostete schon was. Und die viele Arbeit. Da habe sie manchmal einfach nicht mehr gekonnt. Da habe sie raus gemu├čt, erkl├Ąrte Eva-Maria Schrader. Tag f├╝r Tag das gleiche. Immer dasselbe Einerlei mit den Kindern, dem Haushalt, dem Laden, den Eltern. Tagt├Ąglich die nie endende Arbeit. Arbeit, Arbeit und nochmal Arbeit. Nichts als Arbeit. Das war doch kein Leben. Ihre Stimme wurde merklich lauter, als wolle sie geh├Ârt und verstanden werden.
Mal ganz etwas anderes sehen und h├Âren. Und etwas anderes sein als Schraders-Mari aus dem Laden. Deshalb habe sie diese Reisen gemacht. Mal eine Woche hier, mal ein paar Tage dort. Zuhause habe sie erz├Ąhlt, sie besuche die Inge, die mit ihr in der Schule und jetzt in Italien verheiratet war. Und sie war ja nie lange weg. Und sie habe immer gut f├╝r die Familie gesorgt. Vergekocht und so weiter. Die Kinder hatten es doch gut mit Oma und zwei Opas und Papa. Ja, nat├╝rlich habe sie viel Geld ausgegeben. Aber das h├Ątte ja sein m├╝ssen. Schlie├člich h├Ątte sie ja angemessene Garderobe gebraucht. Und in Italien, da seien schlie├člich alle Frauen so schick. Die Kleider habe sie dann zuhause im Koffer in den Keller gestellt. ├ťber das Geld h├Ątte sie sich keine Gedanken gemacht. Das h├Ątte schlie├člich sein m├╝ssen. Da habe sie gar keine Wahl gehabt. Sonst h├Ątte sie das nicht mehr ausgehalten. Und sie mu├čte ja f├╝r ihre Familie sorgen. Ordnung und Sauberkeit, Respekt und R├╝cksichtnahme – so, wie sie es gelernt hatte. Aber dann sei eine Betreibungsandrohung nach der anderen ins Haus geflattert. Sie h├Ątte gro├če M├╝he gehabt, diese vor ihrem Herbert und den anderen zu verstecken. Aber diese Schande.
Nein, eine solche Schande h├Ątte sie nicht ├╝ber die Familie bringen d├╝rfen. Sie nicht auch noch. Nein. Das h├Ątte ihr Vater nicht ├╝berlebt. Und als dann der Beamte ins Haus kam und mit Pf├Ąndung und Versteigerung von allem drohte, da habe sie keinen anderen Ausweg mehr gesehen. Da w├Ąre es wieder wie fr├╝her gewesen, als sie sah, was die Schande ihrer Familie antat und sie nichts tun konnte, weil sie zu klein war. Aber jetzt, jetzt konnte sie etwas tun. Jetzt konnte sie ihrer Familie die Schande ersparen. Das sollten sie nicht erleben m├╝ssen. „Ich liebe sie schlie├člich.“ fl├╝sterte Eva-Maria Schrader. „Das habe ich doch aus Liebe getan. Ich wollte sie doch vor der Schande bewahren.“

Die Anw├Ąltin hatte dem nichts hinzuzuf├╝gen. Der Proze├č wird morgen fortgef├╝hrt.

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strumpfkuh
???
Registriert: Jun 2003

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Hallo ElFe,
mit dieser Geschichte hast du gezeigt, dass du schreiben kannst. Nicht nur, dass Stil und Inhalt ├╝berzeugen, auch die Gef├╝hle deiner Protagonisten kommen prima r├╝ber.
LG
Doro

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