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Leselupe.de > Erzählungen
Nur ein Märchen?
Eingestellt am 02. 08. 2010 13:27


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Retep
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Nur ein Märchen ?
(nach einer Idee von Jorge Bucay)


Es ist schon lange her und geschah in einem fernen Land.

Ihr wisst ja, dass alles, was uns irgendwie merkwürdig erscheint, alles, was wie ein Wunder aussieht, in einem fernen Land passiert ist, schon vor langer Zeit. Heute würde niemand mehr solche Geschichten für wahr halten, jeder würde denken, dass es unmöglich sei, dass so etwas passieren konnte.
An einige dieser alten, wundersamen Geschichten glauben wir noch heute. Sie wurden immer wieder erzählt, viel später dann aufgeschrieben. Sie haben sich mit der Zeit verändert, jeder hat sie ein wenig anders erzählt und beim Aufschreiben und Abschreiben sind Fehler gemacht worden.
Was damals wirklich passiert ist, wissen wir nicht so genau.

Schon Kinder hören diese Geschichten im Kindergarten und in der Schule und glauben noch daran, wenn sie erwachsen sind.
Heute haben wir das Fernsehen mit vielen Kanälen und aus vielen Zeitungen erfahren wir, was auf der Welt geschieht. Wir sehen nicht nur Bilder und lesen von Ereignissen, sondern uns wird auch noch erklärt, wie es dazu kam, wie wir das richtig verstehen sollen.

Das war damals vor langer Zeit und in fernen Ländern etwas anders. Da wurden die neuesten Nachrichten auf dem Marktplatz laut ausgerufen, damit alle Bescheid wussten. Diejenigen, die lesen konnten, das waren nur wenige, konnten sich auch anders informieren.
An Kirchentüren hingen große Papierbögen. Da stand alles Wichtige drauf.
Warum an Kirchentüren? Na ja, da kamen am Sonntag alle Leute hin.
Heute würde das nicht mehr viel bringen, nur ganz wenige wüssten Bescheid.
Auch Sänger zogen durch das Land. In ihren Liedern teilten sie allen mit, was wichtig war, was alle wissen sollten.
So konnten schon damals die Menschen alles richtig verstehen. Es gab aber immer wieder welche, die hatten dabei Schwierigkeiten. Sie erhielten dann Einzelunterricht und wurden so überzeugt.
Besonders Böswillige, bei denen der Einzelunterricht auch nichts gebracht hatte, verschwanden irgendwohin.
Wie sie verschwanden? Und wohin?
Na ja, das hing von der jeweiligen Zeit ab. Meine Erzählung würde viel zu lang werden, wenn ich Einzelheiten darüber schreiben würde.

Nun komme ich endlich zu der Geschichte, die einmal vor langer Zeit in einem fernen Land passierte.
Nein, ich werde nicht die bekannte Geschichte von Leuten erzählen, die einmal einem Stern hinterher zogen, nicht die Geschichte, von einem Mann, der Wunder tun konnte.

Es geht um einen König.
Wie alle Könige wollte er viel Macht haben und hatte viel Macht. Er wollte von allen bewundert werden und wurde bewundert.
Schon morgens, wenn er sich rasierte, sah er sich im Spiegel und bewunderte sich glücklich.
Täglich fragte er alle Leute, die ihm begegneten:
„Bin ich nicht ein wunderbarer Mensch, bin ich nicht ein mächtiger König?“
Und alle antworteten ihm natürlich:
„O ja, ehrwürdiger König, du bist der Größte, der Mächtigste und der Schönste.“

Da gab es aber einen Magier in seinem riesigen Königreich. Magier wurden damals alle genannt, die Erfindungen machten, Spezialisten, die auf irgendeinem Gebiet weiter denken konnten als die anderen, die denken konnten, was noch keiner gedacht hatte.
Heute nennt man sie Wissenschaftler, Dichter, Philosophen.

Der König war ziemlich eifersüchtig auf Leute, die bewundert wurden, ganz besonders eifersüchtig war er auf diesen einen Magier.
Die Leute erzählten von ihm nur das Beste:
Er sei ein sehr guter Mensch, sehr weise, man sagte von ihm, er könne die Zukunft lesen. Wenn jemand einen Rat brauchte, so gab er ihn. Die Armen mussten nichts dafür bezahlen, bei den Reichen kassierte er doppelt. Viele liebten ihn.

Das gefiel dem König nicht besonders, die Leute sahen ihn zwar groß und mächtig, schmeichelten ihm, wenn sie ihn den Schönsten nannten. Das wusste er, konnte er sich doch jeden Tag im Spiegel betrachten.
Aber geliebt wurde er nicht.
Immer wieder hörte der König von diesem guten und weisen Magier, das missfiel ihm immer mehr, und er überlegte, wie er dies Problem lösen könnte.
Endlich fiel ihm etwas ein:
Er würde ein großes Fest in seinem großen Schloss machen, alle möglichen berühmten Leute einladen, auch den Magier.
Nachdem alle gut und viel gegessen und getrunken hätten, würde er den Magier bitten, zu ihm an den Tisch zu kommen. Er würde ihn fragen, ob er die Zukunft lesen könne, was der Magier bestätigen würde. Er solle ihm dann seinen eigenen Todestag sagen. Nach der Antwort würde er ihm mit seinem Schwert erstechen.
Damit hätte er das Problem gelöst. Der Tod des Magiers würde zwar einigen nicht gefallen, aber die würden sich schon wieder beruhigen, wenn notwendig durch spezielle Unterweisung.

So geschah es denn auch. Auf dem Höhepunkt des Festes rief der König den Magier zu sich und sagte zu ihm:
„Die Leute erzählen, dass du die Zukunft lesen kannst. Ist das wahr?“
„Ein bisschen“, sagte der Magier.
„Kannst du auch deine eigene Zukunft voraussagen?
„Ein bisschen.“
„Dann beweise es jetzt und hier. Wann ist dein Todestag?“
Der Magier lächelte und schaute dem König in die Augen.
„Was ist los mit dir? Hast du meine Frage nicht verstanden oder kannst du die Zukunft doch nicht lesen?“
„Doch, schon“, sagte der Magier, „aber ich traue mich nicht, deine Frage zu beantworten.“
„Du traust dich nicht? Ich bin dein König und befehle dir, meine Frage zu beantworten! Sage mir also sofort: Wann wirst du sterben?“

Nach einer längeren Pause schaute der Magier den König an und sagte:
„Das genaue Datum kann ich nicht angeben, aber ich weiß mit Sicherheit, ich werde einen Tag vor dem König sterben.“

Man hörte keinen Laut in dem Festsaal. Alle wussten, dass der König immer gesagt hatte, dass er nicht an Wunder und nicht an Weissagungen glaube, niemand könne in die Zukunft sehen.
Aber er wagte nicht, den Magier zu töten.

Der König war bleich geworden, verschiedene Gedanken rasten durch sein Gehirn. Er merkte, dass sein Plan nicht funktioniert hatte.
„Ihr seht so bleich aus, Hoheit, fühlt ihr euch nicht gut?“, fragte der Magier.
„Ja, ich fühle mich schlecht, ich werde mich zurückziehen.“

In seinem Schlafzimmer legte er sich aufs Bett. Der Magier hatte die einzige richtige Antwort gegeben, sonst hätte er ihn getötet. Hatte der Magier geahnt, was er mit ihm vorhatte, was er geplant hatte? Konnte er wirklich in die Zukunft sehen?

Der König ging in den Festsaal zurück und sagte zum Magier:
„Du bist in meinem ganzen Königreich bekannt für deine Weisheit. Ich bitte dich, diese Nacht in meinem Schloss zu schlafen.“
„Welch große Ehre für mich“, sagte der Magier.

Der König befahl seiner Leibwache, den Gast zu seinem Schlafzimmer zu begleiten. Zwei Soldaten sollten die ganze Nacht vor der Tür stehen und seinen Schlaf bewachen.
Am nächsten Morgen ging er zum Magier, bat ihn noch länger zu bleiben. Er, der König, brauche seinen Rat bei den Regierungsgeschäften.
Und der Magier blieb bei ihm, löste mit dem König zusammen die Schwierigkeiten im Königreich und wurde immer von des Königs Leibwache geschützt.
Der König merkte, dass sein Berater intelligent und weise war, dass das Regieren für ihn wesentlich leichter und erfolgreicher geworden war.
Er, der vorher niemals jemanden um einen Rat gebeten hatte, immer alles alleine entschieden hatte, hatte etwas dazu gelernt.
Und sein Volk begann ihn zu lieben.

So vergingen viele Jahre.
Eines Nachts starb der König friedlich in seinem Bett im Schloss.
Der Magier war traurig, hatte er doch den König schätzen und lieben gelernt, waren sie doch Freunde geworden.
Den ganzen Tag saß er am Sarg.

Nach der Beerdigung des Königs zog der Magier aus dem Schloss aus, ging zurück in sein Haus in der Stadt. Die Leibwache des Königs brauchte er jetzt nicht mehr.

Die Zukunft hatte er nicht richtig vorrausgesagt, konnte es wohl auch nicht.
Es war damals nicht möglich und heute auch nicht.

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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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