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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Nur ein Sack Reis
Eingestellt am 24. 04. 2003 10:06


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Silberstreif
???
Registriert: Jun 2001

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Der kleine, gelbe Mann war unscheinbar. Er geh├Ârte zu der Sorte Menschen, die man sieht und gleich darauf wieder vergisst.
Sein Gesicht war ausdruckslos, der stumpfe Blick m├╝de. Das Einzige was er ausstrahlte, war ein wenig Traurigkeit. Er sprach mit niemandem, blieb nie stehen, keiner wusste wo er herkam, oder wo er hin ging. Seine Kleidung war abgetragen, farblos, seine Schuhe staubverkrustet. Er war mager und von unbestimmbarem Alter; vielleicht mochte er 40 sein, vielleicht auch 80. Es interessierte niemanden.

Das einzig Auff├Ąllige an ihm war der gro├če Sack, den er auf dem R├╝cken trug. Ein durchaus handels├╝blicher Sack, wie es sie zu Tausenden gab, f├╝r den Transport und das Lagern von Reis. Aussergew├Âhnlich war, dass der kleine, gelbe Mann den schweren Sack st├Ąndig mit sich trug, ihm dieses aber keine gro├če M├╝he zu bereiten schien. Manchmal tuschelten die Leute hinter seinem R├╝cken, stellten Mutma├čungen an und verloren sich in Spekulationen ├╝ber sagenhafte Sch├Ątze, die ihm zur Beute gefallen waren, oder geheimnisvolle Zauberkr├Ąuter, deren magische Kr├Ąfte ungeahnte Verw├╝stungen herbeif├╝hren k├Ânnten.
Die Leute waren ├╝berall auf der Welt sensationsl├╝stern und tratschw├╝tig. Sie waren sich nat├╝rlich der Tatsache bewusst, dass in dem Sack auch einfach nur alte Lumpen sein k├Ânnten, doch diese M├Âglichkeit bot nat├╝rlich keinerlei Klatschpotential. Deswegen w├Ąhrte das Interesse auch ├╝berall nur kurz und der geheimnisvolle, kleine, gelbe Mann mitsamt seinem Sack, war schnell wieder aus den D├Ârfern und den K├Âpfen verschwunden.
Doch so wenig wie die Leute den kleinen, gelben Mann kannten, so gut kannte er sie. Er wu├čte um die verborgenen Geheimnisse eines jeden von ihnen, um ihre W├╝nsche und Tr├Ąume, denn er beherrschte ihre Gef├╝hle.
Nicht dass er eine besondere Gabe hatte, oder gar dieses Wissen und diese Macht anstrebte. Er w├Ąre sogar sehr dankbar gewesen, wenn ihm diese B├╝rde nie auferlegt worden w├Ąre, doch hatte er sich nun, binnen der ungez├Ąhlten Jahre, die er schon ├╝ber die Erde wanderte, daran gew├Âhnt und hatte es l├Ąngst aufgegeben dar├╝ber nachzudenken. Niemals w├Ąre ihm auch in den Sinn gekommen, seine 'Aufgabe', wie er es nannte, zu verraten, oder gar zu seinem Vorteil zu nutzen. Vielleicht war er genau deswegen ausgew├Ąhlt worden, weil es Menschen wie ihn nicht sehr h├Ąufig gab.
Ohne Murren, doch auch ohne Stolz, trug er seinen Sack von einem Ort zum anderen und er begn├╝gte sich damit, nur gelegentlich die dicke Schnur aufzukn├╝pfen und mit beiden H├Ąnden in den Sack zu greifen um den Reis durch seine Finger rieseln zu lassen.

Oh ja, er wusste, dass es kein gew├Âhnlicher Reis war, obwohl er sich kaum davon unterschied. Die K├Ârner waren etwas gr├Â├čer, unregelm├Ąssiger und auch farblich viel nuancierter. Es gab gelbliche lange K├Ârner, fast runde, von leicht grauer Farbe und dann spitze, nahezu goldgl├Ąnzende. Die r├Âtlichen waren ziemlich klein, die caramelfarbenen flacher als alle anderen. So gab es verschiedene Arten zu Hunderten und aus einem ihm v├Âllig unerkl├Ąrlichen Grund, kannte er sie alle. Er wusste welches die Wut beherbergte, welches die Sehnsucht, welches die Trauer, den Neid, die Freundschaft, den Schmerz, die Hoffnung, die Missgunst, die Liebe, den Hass, die Zufriedenheit, die Lust, die Gier, den Ekel, die Verzweiflung und alle anderen Gef├╝hle. Er kannte alle Gef├╝hle, kannte ihre Facetten und Abwandlungen und wusste, dass es nur eine begrenzte Anzahl gab und keinesfalls unendliche, wie die Leute alle glaubten. Es gab nur genausoviele Gef├╝hle, wie Reisk├Ârner in seinen Sack passten und wie er - und nur er - tragen konnte.
Nur er allein wusste, dass die Gef├╝hle der Welt nicht in den Herzen, den Seelen oder gar K├Âpfen der Leute beherbergt waren, sondern in Reisk├Ârnern in einem abgewetzten Sack, den er zeitlebens auf dem R├╝cken tragen w├╝rde.
Wie das mit den Gef├╝hlen und den Leuten die sie ja zweifellos sp├╝rten (das kannte er von sich selbst) nun tats├Ąchlich funktionierte, h├Ątte er nicht zu sagen gewusst, so wie er auch sonst nicht viel zu sagen gewusst h├Ątte. Er trug einfach des Tags seinen Sack durch die Gegend und Nachts diente er ihm als Ruhestatt, f├╝r sein m├╝des Haupt.

Er hatte kein bestimmtes Ziel, keine Anweisung wohin er gehen sollte, sondern lief jeden Morgen einfach drauflos, so weit ihn seine Beine trugen. Niemals w├Ąre ihm in den Sinn gekommen, dass sich daran je etwas ├Ąndern w├╝rde.
Eines Tages, als er gerade eine Stadt durchwanderte, deren Namen er sich wie gew├Âhnlich nicht gemerkt hatte, war etwas geschehen. Er hatte bereits seit einer Weile die Gewissheit, dass etwas anders geworden war, bis ihm einfiel, dass ein Korn fehlte. Er fand die winzige, durchgescheuerte Stelle im Sack, durch die er das Korn verloren hatte. Zun├Ąchst dichtete er die Stelle sorgf├Ąltig ab, um weiteren Schaden zu vermeiden, bevor er die Schnur aufband, die Augen schlo├č und mit beiden H├Ąnden in den Sack fuhr. Die K├Ârner rieselten wie gew├Âhnlich durch seine Finger und sein ganzes Selbst und sehr bald wusste er, welches Korn fehlte. Es war das Gl├╝ck.

Er selbst war nie besonders gebeutelt worden von den Gef├╝hlen die er mit sich trug, und das Gl├╝ck war in ihm nur als Ahnung, doch wusste er, wie wichtig es den Leuten zu sein schien. Nun fehlte es. Die Konsequenzen konnte er freilich nicht erahnen. Er begann mit der Suche.
Da er keinerlei Zeitgef├╝hl hatte und nur Tag und Nacht wirklich voneinander unterschied, war ihm nicht klar, wann und somit auch wo er das Gl├╝ck verloren hatte.
Genauso teilnahmslos wie er bisher seine Last getragen hatte, ├╝bernahm er die zus├Ątzliche Aufgabe - die Suche nach dem Gl├╝ck.
Und mit ihm, suchen seither alle Leute ebenfalls danach, nat├╝rlich in v├Âlliger Unkenntnis der Hintergr├╝nde und ohne jede Ahnung von dem kleinen, gelben Mann.
Das Gl├╝ck liegt auf der Stra├če.
__________________
will man, was man muss?

Version vom 24. 04. 2003 10:06

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Zarathustra
Routinierter Autor
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Hallo Silberstreif

SCHADE DASS DEINE ERZÄHLUNG SO WENIG GELESEN WIRD!

... eine wunderbare Parabel hast du da geschrieben.
Jedenfalls ist man schon anfangs sehr gespannt, was denn in dem Sack ist.

Nur ein Sach Reis, so scheint es uns doch immer...

Die Spannung in deiner Geschichte bleibt bis zum Schluss, der uns ja allen wohlbekannt sein d├╝rfte.

Sch├Ân zweideutig!
Erstens, weil es wirklich notwendig ist, das fehlende K├Ârnchen zu finden; -
zweitens, wegen dem endlos nervenden "pursuit of happiness" der amerikanischen Lebensphilosophie.

Ein, zwei Holprigkeiten in der Sprache verzeiht man der Geschichte gerne.
__________________
Was sind das f├╝r Zeiten, wo ein Gespr├Ąch ├╝ber B├Ąume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen ├╝ber so viele Untaten einschlie├čt! (Bertold Brecht)

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Silberstreif
???
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danke Zarathustra, f├╝r Deinen wohlwollenden Beitrag.

K├Ânntest Du mir die ein bis zwei Holprigkeiten vielleicht noch verdeutlichen? Will ja nicht, dass jemand stolpert und wom├Âglich hinf├Ąllt...

Ich freue mich, dass sie Dir gef├Ąllt

Gr├╝├če vom Silberstreif
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Zarathustra
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@ilberstreif

Liebe Silberstreif,

an eine, wirklich nur kleine Holprigkeit erinnere ich mich spontan:

Niemals w├Ąre ihm auch in den Sinn gekommen, seine 'Aufgabe', wie er es nannte, zu verraten, oder gar zu seinem Vorteil zu nutzen.

Es ging mir um den Ausdruck "Aufgabe". Mir erschien das ein bisschen nach Schule zu klingen. Eine Aufgabe, die man l├Âsen will. Dar├╝ber bin ich zuerst gestolpert.
Dann wurde mir klar, dass du Aufgabe in dem Sinne meinst,
dass der kleine gelbe Mann eine "Mission" zu erf├╝llen hat, ... in dem Sinne, dass er das Kreuz tragen muss (darf) das ihm auferlegt wurde.
Mir kam es halt so vor, dass er den Sack tr├Ągt wie ein Kreuz. Und dass keiner der Menschen versteht, was das alles bedeutet...

Aber das ist nur meine Interpretation...

├ťbrigens:
Das Zitat von Virgina Wolf, den du in deiner Biografie hinterlegt hast, hat mir sehr gut gefallen.
Trifft jeden Machomacho ins Herz. Ich habe eine kleine Persiflage dar├╝ber entworfen. Vielleicht wird sie mal fertig und ich stelle sie in die Leselupe...

Also bis dann...



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verlaglapoetica
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2003

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hallo silberstreif

danke
hat mir gut gefallen
verlaglapoetica

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Herbert Stahlvogel
Autorenanw├Ąrter
Registriert: May 2003

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Hallo Silberreif,
gerne h├Ątte ich Dir f├╝r diese Geschichte, die beste Bewertung gegeben, aber da die sprachliche Qualit├Ąt meiner Meinung nach den Erz├Ąhlflu├č stark hemmt, habe ich mich f├╝r die 2. Beste entschieden. Du hast eine spannende und einfallsreiche Geschichte geschrieben, die, wenn man sie ├╝berarbeitet wirklich super sein k├Ânnte.
Vielleicht liegt mir Dein Stil nicht, ich wei├č es nicht, aber ich m├Âchte Dir ein paar Stellen zeigen, die ich anders gemacht h├Ątte:

Der Anfang:
Es lebte einmal ein kleiner gelber Mann, der so unscheinbar war, dass man ihn schnell wieder verga├č.
Sein Gesicht war ausdruckslos, sein Blick stumpf und seine Beine m├╝de von den langen Reisen...

Zitat: Das einzig Auff├Ąllige -> w├╝rde ich weglassen
-> Er trug einen schweren Sack auf seinem krummen R├╝cken, einen handels├╝blichen, ...

Zitat: Die Leute waren ├╝berall auf der Welt sensationsl├╝stern und tratschw├╝tig -> w├╝rde ich weglassen
-> Man erz├Ąhlte sich von dem Mann, der ein Geheimnis auf seinem R├╝cken trug , aber da er immer nur kurz auftauchte, ging das Geheimnis mit seiner Gestalt unter...

Zitat: Ohne Murren, doch auch ohne Stolz, trug er seinen Sack von einem Ort zum anderen
-> Mit gro├čer M├╝he trug er den Sack von einem Ort zum anderen ...er sagte sich,solange ihn die F├╝├če tragen w├╝rden, so lange w├╝rde er ihn bei sich haben.

Das jetzt nur so auf die Schnelle.
Viele Gr├╝├če Herbert

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