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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Nur ein ganz normaler Tag?
Eingestellt am 11. 02. 2003 18:54


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Lady_Unicorn
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Nov 2002

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Nur ein ganz normaler Tag?
(nach einer wahren Begebenheit)


Es gibt Morgen, an denen man frĂŒher erwacht als an anderen. Es sind besonders schöne, warme Morgen. Die Sonne hat sich bereits erhoben und tastet sich vorsichtig in dein Zimmer. Der Himmel ist klar und die Vögel begrĂŒssen mit ihren lieblichen Singereien den jungen Tag.
Als ich an jenem Morgen erwachte, war dies kein solcher Morgen. Es war vielmehr einer dieser Morgen, an denen man sich fragt, ob es sich ĂŒberhaupt lohnen wĂŒrde, jetzt aufzustehen. NatĂŒrlich ist dies normalerweise eine rhetorische Frage und man kennt die Antwort mit verbissener Gewissheit: nein.
Entgegen dieser lautlosen Fragestellung erhebt man sich trotzdem und hat das sichere GefĂŒhl bereits den ersten fatalen Fehler begangen zu haben. Dann denkt man sich, Unsinn, es ist nur ein ganz normaler Tag.
Wie soll man auch wissen, dass man mit dieser einzigen und falschen Entscheidung eine endlose Kette kommender UnglĂŒcke heraufbeschwört, die einem heimsuchen werden und wahrscheinlich bereits irgendwo lauern, vielleicht schon am FrĂŒhstĂŒckstisch in Form eines harmlos anmassenden Eis, um einem aus dem Hinterhalt den Tag auf immer ins GedĂ€chtnis zu brennen, als den schlimmsten, den man in seinem kurzen arbeitsreichen Leben erleidet hat.
Was meinen Tag anbelangte, so machte ich mir an diesem Morgen einstweilen keine Sorgen mehr. Die Tatsache, dass ich eine ChemieprĂŒfung wĂŒrde schreiben mĂŒssen, liess sich vorerst gut verdrĂ€ngen und stellte somit auch kein Problem dar.
Da ich zu jenen Menschen gehöre, die regelmĂ€ssig auf ein FrĂŒhstĂŒck verzichten, entging ich dem vielleicht tĂŒckischen Ei und liess mich auch nicht beirren, als die Uhr, meinen unwilligen Blick ignorierend, stur beharrte, dass der Geschichtsunterricht in zwanzig Minuten beginnen wĂŒrde. Nicht das ich kein Vertrauen in meine Uhr setze, aber da mich der Schulweg mit dem Fahrrad nur etwa drei Minuten kostet, setzte ich PrioritĂ€t mein widerspenstiges Haar zu zĂŒgeln, was mir auch prompt misslang.
FĂŒnfzehn Minuten bis zur Geschichte. Es kam der Moment, da auch ich einsehen musste, dass es kein schlechter Zeitpunkt wĂ€re, sich auf den Weg zu machen.
Ich lief also, so schnell es meine grobmotorischen FĂ€higkeiten zu so frĂŒher Stunde zuliessen, die Treppe hinunter, machte kehrt und eilte dieselbe Treppe wieder hinauf, um meine Schultasche an mich zu bringen, die in meinen Zimmer darauf wartete, dass ich zu der Einsicht kam, dass ich sie vergessen hatte. Jetzt lag nur noch die TĂŒr zwischen mir und meinen Fahrrad und die stellte glĂŒcklicherweise kein ernstzunehmendes Hindernis dar.
Ich schwang mich also auf mein Rad und hatte sicherlich schon die HĂ€lfte der Strecke, die mich vom pĂŒnktlichen Erscheinen in Geschichte trennte, hinter mich gebracht, als mein Rad schlichtweg und nicht minder abrupt den Geist aufgab. Ich vergeudetet weitere drei, vier Sekunden damit, mich zu fragen, warum meine unbeholfenen Tretversuche nicht mit schnellerem VorwĂ€rtskommen belohnt werden, ehe ich feststellen musste, dass mich die Kette kommender UnglĂŒcke bereits im Visier hatte.
Wie das Leben so spielt, wenn man einen tapferen Helden braucht, ist keiner zur Stelle. Ich dachte mir also, selbst ist die Frau, und mit deutlich mehr als sanfter Gewalt gelang es mir tatsĂ€chlich die Radkette zu befreien, natĂŒrlich nicht ohne mich entsprechend schwarz zu bemalen. Nun gut, ich wollte mich darĂŒber freuen, sobald ich die Zeit dazu fand, denn unterdessen eilte es schon eher, in die Geschichtsstunde zu kommen.
Trotzdem erreichte ich das Klassenzimmer knapp vor dem Lehrer, kassierte aber zumindest einen missbilligenden Blick, als ich mich an ihm vorbei ins Zimmer drÀngte. Ein entschuldigendes LÀcheln spÀter war mein Stammplatz bereits vergeben und ich setze mich gezwungen ruhig an die Ecke, um meine Materialien hervorzukramen. Die Kette hatte mich lÀngst im Griff und meine Schultasche einen gÀngigen Nachteil. Sie neigt nun einmal nicht dazu sich selbst zu packen. Ich gelobte Besserung und versuchte mich auf den Unterricht zu konzentrieren mit dem Ergebnis, dass es erst recht nicht gelingen wollte.
WĂ€re es nicht einer dieser Tage, an denen sich alles gegen einem verschworen hat, hĂ€tte ich mich jetzt auf die zweite Stunde gefreut. Heute aber bedeutete dies sich mit mathematischen Problemen verwirren zu lassen und sich die Problemlösung eines lĂ€ngst verstorbenen griechischen Philosophen anzuhören, die man wohl nicht einmal verstehen dĂŒrfte, wenn man wenigstens das GefĂŒhl hĂ€tte, dass der Lehrer an der Tafel dieselbe Sprache spricht.
Ich entschied folglich, dass dies einer jener Stunden war, die man gut nutzen könnte, um ein wenig kreativ zu sein, wenn auch nicht im Rahmen, des zu behandelnden Stoffes. Ich fasste den Vorsatz, eine neue Zeichnung zu entwerfen, musste aber feststellen, dass mein Etui sich wohl gerade eine Auszeit mit den Geschichtsmaterialien gönnte. Kein Minenbleistift, keine Zeichnung, das musste ein Wink des Schicksals sein. Ich tĂŒftelte also einen neuen Plan aus und beschloss die Rechnung an der Tafel nachzuvollziehen, oder dies zumindest nicht unversucht zu lassen.
Jeder dĂŒrfte unterdessen ahnen, welches der nĂ€chste Baustein in der Kette war, die hartnĂ€ckig an meinen Untergang nagte.
Mein Taschenrechner befand sich nach SchĂ€tzung auf halbem Weg zwischen hier und irgendwo, auf alle FĂ€lle nicht in meiner Tasche. Die Abwesenheit meines Bleistiftes konnte ich verschmerzen, aber das Fehlen des Taschenrechners gereichte dann zur Panik, wenn ich mich wieder an die Chemieprobe erinnerte. Taktisch klug hielt er nĂ€mlich alle Formeln sowie AbkĂŒrzungen fĂŒr Substanzen gespeichert, die ich mir in meinen kurzen Leben nicht hĂ€tte merken könne, selbst wenn ich diese Möglichkeit ernstlich in Betracht gezogen hĂ€tte.
Die Sterne standen sichtlich ungĂŒnstig ĂŒber jenem Tag, aber noch wagte sich ein Funken Hoffnung der unheilvollen Kette in den Weg zu stellen. Das GlĂŒck lachte mir bei dem Gedanken, dass ich vor der Chemieprobe eine Freistunde hatte und somit Zeit, meinen Taschenrechner an seine Pflichten zu ermahnen und vor allem von zu Hause zu holen.
Die Mathematikstunde zog sich ungewohnt endlos dahin und der Gedanke an meinen Rechner entwickelte sich langsam aber sicher zur ausgewachsenen Besessenheit. Entsprechend ungehalten reagierte ich auf das hysterische Schrillen der Pausenglocke und die Tatsache, dass mein BirchermĂŒsli in die Freiheit strebte, das PlastiksĂ€ckchen, in das ich es verbannte, schon ĂŒberwunden hatte und sich in meiner ansonsten ziemlich leeren Schultasche ungehindert ausbreitete. Scheint, dass wer dem Ei entgeht mit doppelt harter Strafe rechnen muss. In meinem aufkeimenden Zorn war der MĂŒsliwiderstand jedoch bald gebrochen und nichts hinderte mich mehr daran, zu meinem Taschenrechner zu gelangen.
Nichts, abgesehen von der zweiten Velopanne an diesem Tag. Auch meinen Rad musste die organisierte Rebellion sichtlich zusagen, wie sonst liesse sich erklÀren, dass ich der gleichen eingeklemmten Radkette ein zweites Mal zum Opfer fiel?
Einige wilde Verschwörungstheorien spĂ€ter, hatte ich mein Haus erreicht und eingesehen, dass dieser Tag keine Rettung mehr bringen wĂŒrde. Ich schloss mein Fahrrad also besser ab, wobei sich prompt der Hörer meines Discmans in einer Speiche verfing und riss. Ich zĂ€hlte in Gedanken bis drei, ignorierte die lautlose aber verfĂŒhrerische Stimme in meine Kopf, die mir riet, laut zu schreien und mit den FĂ€usten gegen die Mauer zu hĂ€mmern und wagte es schliesslich, die Treppe in Angriff zu nehmen, wachsam, immer auf einen weiteren hinterhĂ€ltigen Anschlag auf meinen Seelenfrieden gefasst. NatĂŒrlich geschah nichts.
Ich gelangte unbeschadet in die Wohnung und fand, wie vermutet, den Taschenrechner auf dem Esszimmertisch liegen. Eine Woge heissen Triumphs beflĂŒgelte meine Gedanken und ein breites Grinsen drĂ€ngte sich auf meine Lippen, als ich mir sagte, dass ich zumindest den Chemietest bewĂ€ltigen wĂŒrde.
Das Lachen gefror, als meine Hose nervös zu vibrieren begann, und mir nach kurzen Überlegen begreiflich machte, dass ich einen Anruf auf mein Handy erhielt. Normalerweise hĂ€tte mich dies erfreut. An diesem Tag nicht. Zweifel ĂŒberschatteten meine Genugtuung als ich nach dem Telefon griff und abhob. Meine Freundin meldete sich zu Wort. Ich unterdrĂŒckte mĂŒhsam den Impuls das Handy gegen die nĂ€chste Wand zu schmettern, als sie mir zögerlich mitteilte, dass die Parallelklasse den Taschenrechner an der Probe nicht hatte benĂŒtzen dĂŒrfen.
HĂ€tte mich in diesem Moment jemand zu Gesicht bekommen, hĂ€tte er sich wahrscheinlich um die eigenen Achse gedreht, um den Geist, der mir diesen fassungslosen Unglauben auf die ZĂŒge trieb, zu erspĂ€hen. Ich indes fragte mich, was ich verbrochen hatte, um so gestraft zu werden. Meine Freundin musste meinen Schrecken verstehen und verabschiedete sich mit einigen unbeholfenen Worten und dem Versprechen, dass sie auch fĂŒr mich einen Spickzettel anfertigen werde. Ein amĂŒsiertes Glucksen meinerseits durchbrach die aufkeimende Panik, als ich mir ĂŒberlegte, dass wohl gerade Massenproduktion herrschte. Dann fiel mir wieder ein, wie wenig ich zu lachen hatte.
Die Chancen, diese Probe ohne meinen Rechner auch nur halbwegs genĂŒgend zu bestehen, standen etwa so gut, wie wenn ich versucht hĂ€tte, auf der Stelle giftgrĂŒn anzulaufen oder wenigstens einmal um den Tisch zu fliegen.
Ich war sicher, dass dies das Ende der Kette sein musste.
Ich sollte mich irren. Eine kurzen hoffnungsvollen Augenblick lang liess ich mir die Möglichkeit durch den Kopf gehen, einfach zu Hause zu bleiben, mich in mein Zimmer zu schliessen und zu beten, dass die Sonne justament untergehen möge. Ich verwarf den Gedanken und stieg langsam die Treppe hinab, um das Haus zu verlassen. Ich hĂ€tte mich wohl kaum gewundert, wĂ€ren gleich die ersten Schneeflocken gefallen. Ich musste feststellen, dass dieser Gedanke ein wenig unschlĂŒssig zu sein schien und die Tatsache, dass es plötzlich so kalte war, eher darauf zurĂŒckzufĂŒhren, dass ich meine Jacke liegen gelassen hatte. Zum sage und schreibe sechstem Male an diesem Tag nutzte ich die Treppe, holte die Jacke, vergewisserte mich vorsichtshalber, dass ich auch Schuhe trug und schwang mich auf mein Velo. Ich wusste, dass dies die dritte Radpanne bedeuten wĂŒrde und dies war wohl der einzige Grund, aus dem ich die Schule ohne Zwischenfall erreichte. Man wollte mir nicht recht geben.
In der Schule wurde ich von meinen zwei treuen Freundinnen empfangen. Ihre Versuche Trost zu spenden, prallten an meiner Mutlosigkeit ab, aber den Spickzettel nahm ich gerne an mich. Ich hatte es auch nicht besonders eilig, das Chemiezimmer zu erreichen, da ich ahnte, das die hinteren PlĂ€tze schon vergeben waren. Ich eroberte mir einen Sitz in der zweiten Reihe und wartete geduldig darauf, dass sich mein VerhĂ€ngnis erfĂŒllen möge. Der Lehrer erschien zwei Minuten zu spĂ€t - zwei Minuten, die ich ihm nie verzeihen werde – und verteilte die Testbögen. Ich hatte noch nicht die erste Frage beantwortet, sondern erst meinen Namen und ein falsches Datum auf das Blatt geschrieben, als mein Kuli entschied, dass er keine Lust mehr hatte, mir in dieser schweren Zeit beizustehen. Mein Flehen blieb unbeachtet, so dass ich mir einen Stift ausborgen musste. Von einer plötzlichen Euphorie ergriffen, bemerkte ich, dass der Lehrer nicht erwĂ€hnt hatte, dass man den Taschenrechner nicht benĂŒtzen durfte und dass die anderen genau dies taten. Ein letztes Mal begehrte ich gegen mein Schicksal auf und holte meinen Rechner hervor, sorgsam darauf bedacht, dass ich dem Lehrer keine Gelegenheit gab, einen Blick auf mein Display zu werfen und so die illegal gespeicherten Informationen zu erkennen.
Es mag ein weiteres Element meiner unheilvollen Kette oder vielleicht auch pure Langweiligkeit gewesen sein, welche die Aufsichtsperson dazu trieben, ungelenk im Zimmer auf und ab zu gehen und mir nun ihrerseits keine Aussicht zu lassen, einen Blick auf meinen Bildschirm zu erhaschen, um die illegitim festgehaltenen Formeln abzurufen. Ich ertappte mich bei der Vorstellung wie hilfreich es doch wĂ€re, wenn mein Lehrer Freundschaft mit einem GĂŒterzug schliessen wĂŒrde, der zufĂ€llig hier vorbeifuhr, oder wenigstens aufhörte, hin und her zu watscheln. Das Ende der Stunde kam frĂŒher, als es mir lieb war.
Ich beschloss, dass die Probe alles in allem dennoch schlechter hĂ€tte ausgehen können, - zum Beispiel wenn ich auch noch meinen Namen unkorrekt zu Papier gebracht hĂ€tte - und statt weiter mit den andern darĂŒber zu plaudern, besser noch ein wenig im weiten Ozean des Selbstmitleids zu planschen. Da Selbstmitleid aber nicht halb so lustig ist wie Mitleid eines anderen, entschied ich meinen Emailfreund von all den Schrecknissen zu berichten, die mich heute heimgesucht hatten. Beim zweiten Versuch gelang es mir, ein Mail zu verfassen, dass nicht nur aus einem Titel bestand und dies sogar an die richtige Adresse zu schicken.
Dabei wollen wir es bewenden lassen. WĂ€re dies ein MĂ€rchen, wĂŒrde jetzt eine Moral folgen. Mir fĂ€llt keine Moral ein, ich kann euch nur einen Warnung mitgeben:
Es gibt keine ganz normalen Tage, und wenn ihr jemals das Schicksal mit einem solchen Gedanken fordert, dann erinnert euch an die Kette kommender UnglĂŒcke, die nur einer einzigen folgenschweren Entscheidung bedarf, um auf euch aufmerksam zu werden und sich auf euch zu stĂŒrzen. In einem solchen Falle, hĂŒtet euch vor scheinbar friedliebenden Eiern.



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Lady Unicorn

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