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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Nur eine Sonne
Eingestellt am 14. 11. 2003 23:08


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wondering
Fast-Bestseller-Autor
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Nur eine Sonne

Der Abend ist mild, das Licht des Vollmonds freundlich. Wir sitzen zusammen auf der Veranda des FerienhĂ€uschens am See und lauschen, jeder fĂŒr sich, in die Stille. Es ist der letzte Abend, den wir diesen Sommer hier verbringen. Nach einer Woche in dieser wohltuenden Abgeschiedenheit werden wir morgen wieder in den Alltag geworfen. Jeder fĂŒr sich.

Ich schaue auf den See. Das Schilf am Ufer wiegt sich in einer leichten Brise und erinnert mich ein wenig an uns, wie wir damals in dieser kleinen Bar, eng aneinander geschmiegt, zu sanften PianoklÀngen tanzten.
Der volle Mond spiegelt sich auf dem Wasser. Ich muss beim Anblick der Enten schmunzeln, die grĂŒndelnd sein Angesicht zerstĂŒckeln, das sich immer wieder glitzernd zusammenfĂŒgt. Ich sehe mich, wenn ich mich in StĂŒcke geschnitten fĂŒhle und selbst wieder zusammen setze. Manchmal fehlt mir dann ein kleines Teil und es kann dauern, bis ich mich wieder vollstĂ€ndig fĂŒhle. Ein GefĂŒhl, das mir vielleicht bevorsteht.

Versonnen sehe ich zu dir und betrachte dein Gesicht. Im kontrastarmen Kerzenlicht sind deine Falten kaum zu sehen. Ich liebe jede einzelne an dir und weiß schon jetzt, wie sehr ich sie vermissen werde. Deine Augen sind auf das Wasser, in die Ferne gerichtet und ich kann mir denken, dass deine Gedanken bereits vorgeeilt sind. Sicher schmiedest du schon an den PlĂ€nen der kommenden Wochen, in denen wir uns nicht sehen werden.
“Hallo?!”, möchte ich sagen, “Was wird nun aus uns?”. Doch ich schweige und blicke wieder hinaus.

Seit drei Jahren sind wir miteinander verbunden. Wir trafen uns zufĂ€llig in einem AntiquitĂ€tenladen und schacherten als Konkurrenten um einen alten Bilderrahmen. Ich hĂ€tte angesichts des Preises lĂ€ngst aufgeben mĂŒssen, doch etwas in mir trieb das Gerangel weiter. Ich erinnere mich an das Funkeln in den Augen des HĂ€ndlers, der seine Stunde gekommen sah. Du wolltest diesen Rahmen unbedingt haben. Daraus machtest du kein Geheimnis und beeindrucktest mich gleichzeitig mit souverĂ€n vorgetragener Kenntnis ĂŒber AntiquitĂ€ten. Außerdem drehtest du mir geschickt stĂ€ndig deinen athletischen RĂŒcken zu und versuchtest mich so, außen vor zu lassen. Ich fĂŒhlte mich herausgefordert und es reizte mich. Deine faszinierende Weltgewandtheit, die ich in kleinen Gesten und großem Wortschatz erkannte und dein Enthusiasmus ließen mich vergessen, dass ich gar kein Bild fĂŒr diesen Rahmen hatte. Wir hĂ€tten genau so gut um diesen kleinen Silberlöffel streiten können, den ich seit einer Weile nervös in der Hand drehte. Ich schacherte um mein Leben, so kam es mir vor. Mir war es nicht mehr wichtig, was und ob ich kaufen wĂŒrde, ich wollte dich.

Irgendwann gab ich mich doch geschlagen, allerdings nicht ohne dir das Versprechen einer angemessenen EntschÀdigung abzunehmen.
„Sie dĂŒrfen mir heute Abend wenigstens gepflegt meinen Magen fĂŒllen, nachdem die Wand in meinem Schlafzimmer nun leer bleibt“, sagte ich bestimmt und setzte mein sĂŒĂŸestes LĂ€cheln auf. Deine Verwirrung machte mir Spaß, dein Zögern ĂŒberging ich und Sekunden spĂ€ter hattest du ein Date fĂŒr den Abend. Wir trafen uns in einem kleinen Lokal außerhalb der Stadt.

Vielleicht waren meine Erwartungen an diesen Abend zu hoch gesteckt. Wie konnte ich auch annehmen, dass ein Mann wie du noch zu haben wĂ€re. Jedenfalls bliebst du recht reserviert, beinahe kĂŒhl und meine Flirt-Versuche wurden in sachlichen Monologen ĂŒber AntiquitĂ€ten erstickt. Also begnĂŒgte ich mich damit, dich zu beobachten, deine Gestik und Mimik zu studieren, mich in das Feuer deiner Augen zu verlieben und mir allerlei prickelnde Augenblicke mit dir zu ertrĂ€umen.

Mein Magen rebelliert, als diese Erinnerungen mich einholen. Ich nehme mein Glas mit Rotwein und genehmige mir einen großen Schluck. Wir schweigen noch immer. Ich spĂŒre, wie eine gewisse Wut in mir aufsteigt. Sie richtet sich gegen mich, weil ich, angesichts meines GefĂŒhls fĂŒr dich, unfĂ€hig bin fĂŒr Klarheit zu sorgen. Jener Klarheit, die dich ganz an meine Seite fĂŒhrt und auch nach außen sichtbar wird. Stattdessen lasse ich es zu, mich alltags wie ein lĂ€stiges AnhĂ€ngsel zu fĂŒhlen, um mich zu gegebener Zeit in eine umschwĂ€rmte Prinzessin oder Herrscherin ĂŒber deinen Leib und Leben zu verwandeln.

Gleich an unserem ersten Abend hast du mir von deiner Familie erzÀhlt und versichert, dass du an einer AffÀre nicht interessiert bist. Diese Ehrlichkeit zog mich noch tiefer in deinen Bann. Ich verbarg meine EnttÀuschung nicht, zog eine Schnute und wollte wissen:
“Warum sind Sie dann hierher gekommen?”, und du antwortetest verschmitzt:
“Nun, es ist doch so eine Art GeschĂ€ftsessen.”
Am Ende des Abends hatte ich immerhin deine Handynummer und bewahrte sie wie eine TrophÀe.

Ich sinke tiefer in meinen Sessel auf der Veranda und mein Blick schweift ĂŒber den Horizont. Weit weg sehe ich, wie ein Gewitter sein Kommen an den Himmel malt. Dunkle Wolken ziehen sich zusammen und das wilde Lichtspiel eines Wetterleuchtens umschwirrt sie. Daneben ist der Himmel noch klar, der Mond hat einen zarten Hof und unendlich viele Sterne schicken ihr Funkeln.
Es ist ein bizarrer Anblick, wie eine optische Metapher unserer Situation.

Verstohlen blicke ich zu dir und taste dein markantes Profil ab, lasse meine Augen ĂŒber deinen Oberkörper zu deinen HĂ€nden wandern. Du hast schöne HĂ€nde. Ich spĂŒre meine AbhĂ€ngigkeit von der Leidenschaft und ZĂ€rtlichkeit, die sie mir geben. Etwas, was mich sehr an dich bindet. Aber ich wĂŒrde sonst was darum geben, auch zu erfahren, wie es in deinem Inneren aussieht. Bis heute hast du mir den tieferen Zugang zu deiner Seele verwehrt.
Meine Stirn krÀuselt sich bei diesen Gedanken wie die OberflÀche des Sees, und mein Zorn wandelt sich zusehends in Entschlossenheit.

“Es wird noch laut werden heute Nacht”, sage ich unvermittelt und sehe gelassen, wie meine Worte dich aufschrecken.
“Was meinst du, Liebes?”, murmelst du und schaust mich an.
Ich bemerke dein Zwinkern und weiß, du hast mich völlig falsch verstanden.
“Ich sehe Dunkles auf uns zukommen”, locke ich dich und wende meinen Kopf Richtung Gewitter.
“Ja, ich sehe es. Hast du Angst, Schatz?”, fragst du zĂ€rtlich und ich erkenne, dass du mein Wortspiel nicht verstehen willst. Ich werde deutlicher:
“Ja, ich habe Angst. Angst vor meiner Konsequenz, dem Wetterumschwung. Ich liebe dich, das weißt du. Aber ich kann so nicht weiterleben. ErklĂ€ren muss ich dir nichts und ich habe auch keine Fragen mehr. Es ist seit drei Jahren dabei geblieben, dass fĂŒr uns nur die kurzfristige Wirkung zĂ€hlt. Ich gebe zu, diese Wirkung ist enorm, aber daneben wird jede BestĂ€ndigkeit bestraft. Meine und die deiner Familie. Weißt du, es kann nur eine Sonne fĂŒr dich scheinen.”
“Aber ich....”
“Pssst”, ich lege meinen Finger auf die Lippen und sage: „Komm mit ins Wasser? Lass uns schwimmen gehen. So schnell wird sich die Gelegenheit nicht mehr bieten. Der See ist noch warm, deine Familie und das Gewitter noch einiges entfernt. Ich bin jetzt genug allein geschwommen. Komm endlich, diese Gelegenheit kommt nicht wieder.”
Als ich entschlossen aufspringe, sehe ich, wie du dich zu winden beginnst.
“Schatz, sei vernĂŒnftig, es ist doch dunkel. Was ist denn nur los mit dir? Sei lieb, SĂŒĂŸe, und setz dich wieder hin. Lass uns den herrlichen Abend genießen. Ich hole dir noch ein Glas Rotwein, oder möchtest du vielleicht noch etwas essen? Soll ich dir den RĂŒcken kraulen? Liebes.... ! Veronika?! Wo gehst du hin? Man soll bei Gewitter nicht baden... ich komme nicht mit! Bleib hier! ....Veronika!?”

Und mit dem ersten Donnerschlag des Gewitters an unserem letzten Abend sitze ich in meinem Wagen und starte zu neuen Ufern.


__________________
Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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Monfou Nouveau
???
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Hi wondering,

sehr schön geschrieben, mit einer eleganten Distance, vor allem der erste Abschnitt ist ganz perfekt. Das Bild des im Wasser zerstĂŒckelnden Mondes ist frappierend, aber ich wĂŒrde nicht zu viel Philosophie daran hĂ€ngen. „Irgendwie erkenne ich mich in diesem kleinen Schauspiel wieder.“ Die Verbindung mĂŒsste man, aber wie?, vielleicht noch eine Idee gleitender, selbstverstĂ€ndlicher hinkriegen. Die Sprache stellenweise sehr gewĂ€hlt, das "Antlitz" des Mondes, ich denke fast, diese Sprachebene bedarf immer einer leichten Ironie. Du hast als Gegensatz natĂŒrlich die "grĂŒndelnden Enten".
Vom Gedachten noch stÀrker zum Dargestellten gelangen.

Der Schluss hat mir auch gefallen. Ohne allzu große Dramatik. Schön kommt die Problematik dieser Beziehung zum Ausdruck.
Ein Satz war fĂŒr mein Empfinden im Kontext der Story zu direkt, zu nackt: "Seit drei Jahren kennen wir uns."
Schöner, sublimer Titel!

Beste GrĂŒĂŸe
Monfou

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wondering
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Oct 2002

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Hi,

sehr schöne Hinweise fĂŒr den Feinschliff.
Danke

und GrĂŒĂŸe
wondering
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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Liebe wondering,

das hast Du wirklich fein ausgearbeitet.

Manches finde ich zu kompliziert formuliert, z.B.
>>Mit einem beeindruckend souverĂ€n vorgefĂŒhrten Sachverstand erklĂ€rtest du die Notwendigkeit, den Rahmen kaufen zu mĂŒssen. <<

Der Satz ist sehr verwickelt ... und am Ende, glaube ich, auch nicht korrekt, denn "die Notwendigkeit, etwas tun zu mĂŒssen", ist eine Tautologie, es mĂŒĂŸte heißen "die Notwendigkeit, den Rahmen zu kaufen". Wobei ich die Substantivierung "Notwendigkeit" auch noch vermeiden wĂŒrde und vereinfachen zu "... erklĂ€rtest Du, daß Du den Rahmen unbedingt kaufen mĂŒĂŸtest" oder haben mĂŒĂŸtest o.Ă€.

Was mir gefĂ€llt, ist das Auseinanderbröckeln dieser SouverĂ€nitĂ€t im letzten Absatz. "Soll ich dir den RĂŒcken kraulen ..." Da fĂ€llt ihm nichts anderes mehr ein. Ich kann mir ein fieses Grinsen nicht verkneifen.

Liebe GrĂŒĂŸe von Zefira
__________________
schmollfisch

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wondering
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Oct 2002

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Danke Zefira, an den satz geh' ich dann nochmal dran...

und ich hab' beim Schreiben auch gegrinst

LG wondering
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pipi-barfuss
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Aug 2003

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hallo wondering,

auch ich habe mich zum teil in deiner geschichte wiedergefunden. ĂŒber den satz mit den enten bin ich erst mal gestolpert,"die grĂŒndelnd sein Angesicht zerstĂŒckeln" aber das mag an mir liegen da ich grĂŒndeln gar nicht kenne.
ein schmunzeln konnte ich mir auch nicht verkneifen,zum schluss allerdings (dialog) hĂ€tte ich Ihm gerne den rotwein ĂŒber den kopf gekippt.

hab immer noch ein lÀcheln auf meinen lippen,
deine geschichte hat mir gefallen.

liebe grĂŒĂŸe,
und einen schönen tag,

pipi


__________________
Lebe den Augenblick,auch wenn du mit einem Bein schon in der Zukunft stehst und mit dem anderen noch in der Vergangenheit

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