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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Ohne Worte gesagt
Eingestellt am 28. 11. 2003 21:26


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Isola
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

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Ohne Worte gesagt

Ihre Mutter hatte sie gebeten, sie ├╝ber die Feiertage zu besuchen und da keine wichtigen Pr├╝fungen anstanden, hatte Debbie zugesagt.
Debbie lebte seit neun Jahren in Glasgow und ging dort zur Uni; sie wohnte bei ihrer Tante und ihrem Onkel, die ihr die M├Âglichkeit zu einer besseren Ausbildung gaben, als sie in ihrer Heimat gehabt hatte.
Vor einundzwanzig Jahren war ihre Mutter ihrem Vater von Glasgow nach Oulu, einer kleinen Stadt in Finnland gefolgt. Doch Debbies Vater war bei einem Autounfall ums Leben gekommen, da war sie drei Jahre alt gewesen und ihre Mutter stand mit Debbie mittellos da. Ihre Mutter war mit neunzehn nach Oulu gekommen und hatte keinen Beruf erlernt, so dass sie sich und ihre kleine Tochter nun mit Gelegenheitsjobs am Leben halten musste.
Debbie hatte das von klein auf gekannt, dass ihre Mutter den ganzen Tag arbeiten war und es machte ihr eigentlich nichts aus, doch als Debbie elf wurde, schickte ihre Mutter sie nach Glasgow zu Tante Jane und Onkel Kevin; sie w├╝nschte sich einfach, dass es ihrer Tochter einmal besser erginge.
Jane und Kevin hatten Debbie immer wie ihre eigene Tochter behandelt und trotz anf├Ąnglichem Trotz und Widerspenstigkeit, hatte sie sich bald eingelebt bei den Beiden und besuchte ihre Mutter mindestens viermal im Jahr in Oulu.

Nun aber sa├č Debbie mit ihrem Rucksack und dem Flugticket in der Hand am Flughafen, um nach Helsinki zu fliegen. Dort w├╝rde sie ein Bekannter ihrer Mutter abholen und mit ihr nach Oulu fahren, wo sie ├╝ber Weihnachten und Neujahr bleiben w├╝rde.
Nerv├Âs fummelte Debbie an ihrer Tasche herum und tippelte mit dem Fu├č auf und ab. Sie musste noch fast zwei Stunden warten und das gefiel ihr gar nicht; warten war etwas furchtbares f├╝r sie. Um sich zu beruhigen, stand sie jetzt auf, schulterte ihren Rucksack, den Koffer hatte sie schon aufgegeben, und ging in Richtung Kiosk. Sie bl├Ątterte die Zeitschriften durch, kaufte schlie├člich auch vier davon und setzte sich wieder auf ihren Platz, wo sie die Beine ├╝bereinander schlug, und las die Zeitschriften interessiert durch. Sie war auf einmal schon viel ruhiger als zuvor.

Er hatte sie schon eben gesehen und wusste jetzt immer noch nicht, was er tun sollte.
Eigentlich wollte er keine Bekanntschaften schlie├čen, sondern nur zu seiner Mutter fliegen, die in einer Woche ihren Lebensgef├Ąhrten heiraten w├╝rde, aber dieses M├Ądchen war ihm sofort aufgefallen und wenn er nicht so sch├╝chtern w├Ąre, dann h├Ątte er sie angesprochen.
In zweieinhalb Stunden w├╝rde sein Flug nach London gehen und er freute sich schon, seine Mutter und seine Schwester Marie wiederzusehen. Er hatte vor vier Jahren ein Stipendium hier bekommen und war zusammen mit seinem Freund Olaf her gezogen; da war Olaf einundzwanzig gewesen und hatte au├čer Helsinki nichts von der Welt gesehen, deshalb hatte Elias ihn nach Glasgow mitgenommen.
Elias meinte zu wissen, dass Olaf das M├Ądchen ganz sicher angesprochen h├Ątte; Olaf war schon immer der mutigere und selbstbewusstere von beiden gewesen und bei diesem Gedanken musste Elias l├Ącheln. Denn Olaf sprach M├Ądchen zwar ├Âfter an als er, bekam aber dadurch auch ├Âfter mal einen Korb. Olaf war, seit sie sich kannten, immer sein gro├čer Held gewesen; er hatte Elias in Schl├Ągereien verteidigt und hatte ihn getr├Âstet, wenn er Probleme gehabt hatte. Vielleicht war Olaf, weil er zwei Jahre ├Ąlter war, ja auch so eine Art gro├čer Bruder f├╝r Elias; er wusste es nicht.

Aber jetzt, in diesem Moment, war Olaf nicht da, um ihm zu helfen und Elias kam sich ziemlich verlassen vor auf diesem riesigen Flughafen. Die ganze Zeit, seit er seinen Koffer aufgegeben hatte, hatte er hier gesessen, Musik geh├Ârt und das M├Ądchen beobachtet, das ihm gegen├╝ber sa├č und nerv├Âs zu sein schien.
Sie war ihm mit ihren schokobraunen Haaren und den blitzenden azurblauen Augen gleich aufgefallen, wie sie sich genervt auf die Bank hatte fallen lassen und seitdem an ihrer Tasche herumfummelte. Die hautengen, verwaschenen Jeans und das burschikose Hemd mit den ├╝berlangen ├ärmeln sahen aus, als seien sie nur f├╝r sie gemacht worden und mit dem hochgesteckten Haar, den schwarz umrandeten Augen und den brombeerfarben geschminkten Lippen sah sie einfach hinrei├čend aus. Ihre Nervosit├Ąt machte Elias auch nicht nerv├Âs, sondern steckte ihn an, lie├č Freude in ihm hochsteigen, dass er bald seine Familie wiedersehen w├╝rde.
Eben war sie aufgestanden und er wollte ihr schon nachgehen, war aber dann heilfroh, als sie mit einigen Zeitschriften vom Kiosk wieder kam. Wenn er sich doch nur traute, dieses M├Ądchen anzusprechen!


Debbie sah verstohlen zu dem Kerl hin├╝ber, der sie schon die ganze Zeit beobachtete und w├Ąhrenddessen Musik h├Ârte. Sie fragte sich, welche Musik...
Er gefiel ihr; er sa├č dort wie ein Fels in der Brandung und schien die Ruhe selbst zu sein. Es beruhigte sie unsagbar, dass in diesem ganzen Trubel um sie herum jemand war, dem die Hektik eines Flughafens offensichtlich nichts ausmachte. Au├čerdem hatte sie dann auch etwas sch├Ânes zum gucken. Er war n├Ąmlich genau ihr Typ; er sah schon fast skandinavisch aus mit seinem blonden, strubbeligem Haar, den braunen, ruhigen Augen und dem hochgeschossenem K├Ârper. Ja, er war gro├č, bestimmt sogar einen Kopf gr├Â├čer als sie und sie war mit einsneunundsechzig nicht gerade klein. Er trug schwarze Jeans und einen dicken Wollpullover mit Strickmuster und hatte eine kleine, lederne Tasche neben sich stehen, an der ein kleiner Pl├╝schelefant als Schl├╝sselanh├Ąnger festgemacht war. Sie musste schmunzeln. Entweder hatte er eine Freundin oder er war ziemlich verspielt.
Seine F├╝├če steckten in modischen, teuer aussehenden Sneakers und Debbie sah auf ihre eigenen Schuhe hinunter, schwarz-wei├če Loafers, die sie sich vor kurzem erst neu gekauft hatte. Warum hatte sie keine alten Turnschuhe angezogen? Die Loafers w├╝rden ja doch nur unn├Âtig dreckig werden!

Sie hatte aufgeh├Ârt, in ihren Zeitschriften zu bl├Ąttern und sah sich, scheinbar zufrieden, um.
Ihre Blicke streiften sich zwischenzeitlich und sie wurde rot, wie ein kleines M├Ądchen, was sie noch viel sympathischer f├╝r ihn machte. Elias beschloss, sie kennen zu lernen.
Doch wie sollte er das tun, ohne unh├Âflich und plump zu wirken? Er konnte doch nicht einfach aufstehen und sich neben sie setzen! Das w├╝rde nur billig und notgeil wirken, so als ob er st├Ąndig irgendwelche M├Ądchen auf Flugh├Ąfen anbaggere.


Als er zu ihr r├╝bergesehen hatte, schoss Debbie das Blut in die Wangen und sie war rot geworden. Das war ihr richtig peinlich, denn normalerweise war sie selbstbewusst und lie├č sich von einem Mann nicht nerv├Âs machen, aber der hier machte sie ├╝berm├Ą├čig nerv├Âs und das gefiel ihr absolut nicht. Hoffentlich w├╝rde er nicht her├╝ber kommen und sie doof angraben, wie die dummen Jungen es fr├╝her in der Schule gemacht hatten und wie es die Studenten auf ihrer Uni heute noch machten. Dann w├Ąre er nicht mehr interessant, dann w├Ąre er nur noch ein dummer Kerl, der ein bisschen Macho spielen wollte. Aber sie wollte doch, dass er kommt! Gott, warum ging sie eigentlich nicht zu ihm? Lebten sie denn nicht in einer modernen Welt, in der auch eine Frau einen Mann anmachen konnte?

Elias hatte beschlossen, sie nicht anzusprechen, das w├╝rde die Atmosph├Ąre kaputt machen. Er genoss es, sie einfach anzusehen und das gen├╝gte ihm auch schon. Vielleicht w├╝rde er sie auch mal anl├Ącheln und sie w├╝rde selbst zu ihm kommen, so dass er gar nichts machen musste.

Debbie riskierte einen Blick zu ihm hin und in diesem Moment l├Ąchelte er das sch├Ânste L├Ącheln, das sie je bei einem Mann gesehen hatte. Es bildeten sich kleine Gr├╝bchen in seinen Wangen, als er sie anstrahlte und sie ihm ganz und gar verfiel. Sie kannte ihn nicht, h├Ątte also nie behauptet, sie habe sich in ihn verguckt, aber sie fand ihn sympathisch und das entschied sich bei ihr meist innerhalb der ersten Sekunden.

Sie hatte zur├╝ckgel├Ąchelt und gleich wieder verlegen auf ihre H├Ąnde geschaut. Was sollte er nur tun? Er war ganz und gar in Verlegenheit geraten, trotz dass er es geschafft hatte, dass sie nun nicht mehr da sa├č wie eine Filmdiva aus alten Hollywood-Streifen.
Olaf w├╝rde jetzt sagen: ‚Los, hol dir die Braut!’ Aber Elias war nicht Olaf und sie war nicht irgendeine ‚Braut’, die man sich zum Vergn├╝gen anlachte, sondern sie war auf einmal etwas ganz besonderes. Elias wollte sie wirklich kennen lernen; er wollte wissen, welches Parfum sie benutzte, welche Musik sie h├Ârte, wenn sie schlafen ging, welche Filme sie sich ansah, wenn sie lachen wollte und welche B├╝cher sie las, um sich in eine andere Welt zu tr├Ąumen.
Er nahm sich die Ohrh├Ârer aus den Ohren und schaltete den CD-Player aus.

Er hatte seinen CD-Player weggepackt und die H├Ąnde auf die Oberschenkel gelegt. Nun sah er angespannt aus, gar nicht mehr der ausgeglichene Ruhepol in all der Hektik. Wollte er etwa zu ihr hin├╝berkommen? Ihr Flug w├╝rde in einer Stunde gehen und sie musste sich bald fertig machen, um einzuchecken und die Maschine zu besteigen. Sie hatte keine Zeit mehr! Was sollte sie nur tun? Sie wusste gar nichts von ihm, nicht, wohin er fliegen w├╝rde, nicht, wo er her kam, ob er ├╝berhaupt englisch sprach und sie verstehen w├╝rde und nicht, ob es sich ├╝berhaupt lohnen w├╝rde, ihm ihre Nummer zu geben.
Debbie schrak zusammen, als ihr Flug durchgerufen wurde. Musste sie denn wirklich schon gehen?

Warum war sie zusammengezuckt, als man Helsinki durchrief? Sie w├╝rde doch hoffentlich nicht nach Helsinki fliegen? Das durfte sie nicht! Er wollte sie doch noch so vieles fragen. Jetzt musste er einfach zu ihr r├╝bergehen, sie machte Anstalten, zu gehen!


Sie musste einfach gehen, wenn auch schweren Herzens. Auf einmal freute sie sich gar nicht mehr, ihre Mutter zu sehen und mit ihr Weihnachten zu feiern. Langsam ging sie zum Schalter hin├╝ber, um ihm Zeit zu lassen, doch noch r├╝ber zukommen, aber er sah ihr nur nerv├Âs hinterher. Und schon stand sie am Schalter, am Ende einer langen Schlange wartender Passagiere und ihr kam eine Idee...

Er sah, wie sie etwas aus ihrem Rucksack kramte und mit einem Stift auf ein Blatt Papier schrieb, das sie aus einem kleinen Notizblock herausgerissen hatte. Schnell steckte sie den Stift und den Notizblock wieder weg und lie├č sich mit den anderen Passagieren weiterschieben. F├╝r einen endlos scheinenden Moment sah er sie nicht mehr.

Debbie faltete das Blatt Papier zu einem Flieger, wie Onkel Kevin ihr immer welche gebastelt hatte, wenn sie eine Aufmunterung gebraucht hatte. Sto├čgebete fl├╝sternd hob sie den Arm hoch und lie├č ihn fliegen.

Ihr Arm kam pl├Âtzlich aus der Menge heraus und ein Papierflieger flog im Sturzflug auf ihn zu. Elias st├╝rzte hastig auf ihn, damit niemand auf die Idee k├Ąme, der Flieger w├Ąre f├╝r ihn bestimmt und entfaltete das Blatt. Es stand eine Nummer darauf und ‚Ruf mich an!’.
So konnte sie doch nicht einfach verschwinden! Was, wenn er sie nicht erreichte? Ja, vielleicht h├Ątte er gl├╝cklich sein sollen, ├╝berhaupt etwas mit seinem Hin├╝berstarren erreicht zu haben, aber er war es ganz einfach nicht!
Elias riss ein St├╝ck von dem Blatt ab und krakelte eilig seine Nummer und seinen Namen mit einem Filzstift darauf. Dann h├Ąngte er sich seine Tasche um und rannte zum Schalter.


Sie h├Ârte jemanden rufen, als sie gerade durch die Schranke gegangen war und drehte sich fragend um. Er stand an der Abgrenzung und winkte ihr zu. Im selben Moment warf er ihr ein Papierk├╝gelchen zu und sie fing es mit zitternden H├Ąnden auf. Seine Nummer stand darauf und sein Name. Elias. Sie l├Ąchelte und wurde schon gleich von ver├Ąrgerten Mitreisenden weiter geschoben und sah nur noch, wie er ihr fr├Âhlich nachwinkte.


by V.L., 2003






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Denn jeder t├Âtet, was er liebt. (Oscar Wilde)

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flammarion
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Registriert: Jan 2001

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also,

da ist man ja wirklich gespannt, wie die sache weitergeht. k├Ânnte n roman werden. angenehmer stil!
ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Isola
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2003

Werke: 12
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Danke sch├Ân!

Danke f├╝r das Lob, flammarion - h├Ârt man immer wieder gerne...

Ich habe auch vor, eine Fortsetzung zu schreiben, es kann nur noch etwas dauern, weil ich erst Ideen sammeln muss.

gr├╝├čt lieb zur├╝ck.
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Denn jeder t├Âtet, was er liebt. (Oscar Wilde)

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