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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Onkel Bastian geht in die Oper
Eingestellt am 20. 10. 2010 02:36


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Zwillingsjungfrau
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Registriert: Feb 2003

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Mein Onkel, getauft auf die Namen Franz Leopold Bastian, den alle nur Basti riefen, schenkte seiner geliebten Frau Trudel zwei Opernkarten. Sie wollten gemeinsam einen unvergesslichen Abend erleben.

Die Oper war lang, die Pausen kurz. Zur Vorsicht gingen beide noch einmal zur Toilette. Dort herrschte FĂŒlle. Als sie zu ihren PlĂ€tzen im Parkett eilten, lĂ€utete es zum zweiten Mal. Die Sessel in der Reihe waren inzwischen fast sĂ€mtlichst besetzt. Basti schritt voran, Trudel folgte ihm.

Mit vielen Verbeugungen und gemurmeltem Dank schlĂ€ngelte sich Basti an den OperngĂ€sten vorbei. Der Gang war sehr schmal, die GĂ€ste mussten aufstehen, damit Basti und Trudel weitergehen konnten. Jedem Gast nickte er dankend zu, obwohl einige murrten. „ „Die Leute auf den MittelplĂ€tzen sind immer die letzten.“ Plötzlich fuhr ihm wie ein Blitz ein Gedanke durch den Kopf. Hatte er eigentlich seinen Reißverschluss wieder geschlossen? Ein Griff zur Hose, der Reißverschluss war offen. Der heftige Ruck am Schieber war automatisch. Hui, noch mal gutgegangen.

Er wollte schnell weitergehen, etwas bremste ihn. Die Dame, die fĂŒr ihn aufgestanden war; um ihn vorbeizulassen, stand ihm direkt gegenĂŒber. Ärgerlich murrte sie: „Nun gehen Sie endlich weiter, setzen Sie sich doch“. Das ging jedoch nicht, irgendetwas hielt ihn fest. Besorgt blickte Bastian an sich herab, und dann sah er es.

Beim hastigen Schließen des Reißverschlusses war es passiert. Der aufgebauschte bunte Seidenrock der Dame hatte sich in seinem Reißverschluss verfangen. So heftig er sich auch bemĂŒhte, diesen wieder zu öffnen, er saß bombenfest. „Ihr Rock hat sich in meinem Reißverschluss eingeklemmt“ flĂŒsterte er der Dame zu. „Ich kann ihn nicht wieder öffnen.“ „Das gibt es doch gar nicht“, schimpfte die Dame und versuchte ihrerseits, Bastis Reißverschluss wieder aufzuziehen. Trudel, die nicht verstand, was Basti mit der fremden Dame zu flĂŒstern hatte, schubste Basti, er solle weitergehen.

„Lass das, Trudel, ich bin mit der Dame verklemmt“, fuhr Basti seine Frau an. „Hilf mir lieber“. Sie beugte sich vor und besah sich das Problem. Dann langte sie um ihren Mann herum und verjagte die Hand der Dame. Nun versuchte sie selbst, den Reißverschluss wieder zu öffnen. Doch dieser saß fest, als wĂ€re er zugeschweißt.

Die Situation spitzte sich zu, es wurde dramatisch. Das dritte Klingelzeichen ertönte. Gleich wĂŒrden die Lichter im Saal erlöschen. Die OperngĂ€ste der Vorderreihe drehten bereits Ihre Köpfe und zischten „Ruhe“. Eine Dame, welche auf dem Nebenplatz saß, hatte das Malheur mitbekommen. „Ich habe eine Schere, damit könnte ich Sie befreien“. Die eingeklemmte Dame war jetzt wirklich erbost. „Das ist ein neuer Rock, ein Designer-StĂŒck. Er war sĂŒndhaft teuer. Sie können mir doch kein Loch hineinschneiden.“ „Nun gut“, meinte die Nachbarin, dann bleiben Sie eben gemeinsam stehen. Und wie wollen Sie nach der Oper das Haus verlassen? Ein, zwei, drei, im Walzerschritt, etwa tanzend? Entweder jetzt oder gar nicht. Im Dunklen schneide ich nĂ€mlich nicht mehr, wer weiß, was ich dabei verletzen kann“.

Basti aber flehte mit sich fast ĂŒberschlagender Stimme und nun schon ziemlich laut: „Bitte schneiden Sie den verdammten Rock ab, ich ersetze alles.“ Weitere Leute drehten die Köpfe, standen auf und wollten wissen, was geschehen war. Die eingeklemmte Dame nickte. Bevor die Lichter ganz verloschen waren, hatte die Platznachbarin mit sicherem Griff ein kreisrundes Loch in den Rock geschnitten.

Zwei Menschen verließen wĂ€hrend der Pause ihre PlĂ€tze nicht, sondern hielten krampfhaft die HĂ€nde auf die verschandelten Teile. Basti verdeckte bunte Stofffetzen am Reißverschluss, die alle Blicke magisch auf sich zogen und die Dame mit dem Loch im Rock versuchte, den TrĂ€nen nahe, krampfhaft ihre aus dem Loch durchschimmernden Dessous zu verbergen. Trudel pendelte in der Pause zwischen ihrem kummervollen Mann und der unglĂŒcklichen Dame hin und her, verteilte Anschriften, tröstete und versprach eine großzĂŒgige Wiedergutmachung.

Trudel sprach nie darĂŒber. Doch zu vorgerĂŒckter Stunde und nach einigen GlĂ€sern Wein kam es vor, dass Basti die Geschichte seinen Zuhörern erzĂ€hlte. Wenn den Besuchern, sogar seiner geliebten Göttergattin, vor unterdrĂŒcktem Lachen die TrĂ€nen kamen, glaubte er, sie bedauerten ihn. Dieser Opernabend hatte ihn ein kleines Vermögen gekostet und blieb dem Ehepaar fĂŒr den Rest ihres Lebens tatsĂ€chlich unvergesslich.

__________________
Verantwortlich ist man nicht nur fĂŒr das, was man tut, sondern auch fĂŒr das, was man nicht tut.
Laotse

Version vom 20. 10. 2010 02:36

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