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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Onkel Hans
Eingestellt am 28. 05. 2003 09:53


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Inu
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Onkel Hans.

Zeit: Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg.
(um 1950)

*



Hermine ist zehneinhalb Jahre alt und geht in die Sexta der MĂ€dchenmittelschule in BrĂŒckenstadt. Jeden Morgen fĂ€hrt sie die fĂŒnfunddreißig Kilometer mit dem Zug dorthin und am frĂŒhen Nachmittag wieder zurĂŒck.

Christel DornbĂŒsch, Hermines Klassenkameradin, die neben ihr in der Bank sitzt, erzĂ€hlt ihr, dass sie oft bis zum Abend bei den MĂŒllers bleibt. Die MĂŒllers wohnen nicht weit von der Schule entfernt in einem Neubau.
"Komm doch mal mit", sagt Christel, "bei denen ist es schön!"
Das tut Hermine. "Schön" ist gar kein Ausdruck. Hermine ist sprachlos.

Die MĂŒllers, das sind Hans MĂŒller - den Christel ‘Onkel Hans’ nennt - und seine Frau, die Waltraud.
Die Waltraud ist immer am Putzen, am Kochen. Wenn die Kinder da sind und alles in der Wohnung frisch blinkt und strahlt, nimmt sie ihre Handarbeit vor. Dann strickt sie. Oder sie stickt. Aber sie hört auch gern schöne Schlagermusik. Sieht hĂŒbsch aus. Redet wenig.

Onkel Hans ist laut. Kaum kommt er zur TĂŒr herein, ist es, als ob die Wohnung plötzlich auf einen Schlag voller Menschen wĂ€re, soviel Stimmung bringt er mit. Weil er auch immer lustig ist und seine Sprache verstellen kann, sich dann anhört wie der Heinz Erhard oder der Karl Valentin. Er ist groß, ein bisschen dick, blond, zirka vierzig Jahre alt. Und wenn er Witze erzĂ€hlt, mĂŒssen die Kinder lachen, ob sie wollen oder nicht ...

Onkel Hans hat es schon zu etwas gebracht. Das ist nur wenigen gelungen, so kurz nach dem Krieg. Er ist nĂ€mlich Handelsreisender. Vertreter fĂŒr Radios, Musiktruhen, elektrische HaushaltsgerĂ€te. Das ist eine gute Existenz, sagt Christel, hĂ€tte ihre Mutter gesagt. Weil, in Deutschland mĂŒssen die Leute sich nach dem Krieg ja alles frisch anschaffen.
Die MĂŒllers leben in einer brandneuen Etagen- Eigentumswohnung mit einer großen Sonnenterrasse nach SĂŒden.

Onkel Hans ist stolz auf sich, auf die Wohnung und sein frisch gekauftes, vornehmes Auto, den silbernen Mercedes. Und auf die Waltraud.
"Sie ist Hausfrau mit Leib und Seele", sagt er, "so muss es sein in einer guten Ehe. Dass Mann und Weib an einem Strang ziehen."

Waltraud lÀdt hÀufig Leute in ihr schickes Heim ein. Sie mag auch Kinder gern, hat aber selbst keine. Deswegen ist sie ganz froh, meint sie, wenn Christel und Hermine sie möglichst oft besuchen.

"Ihr könnt jederzeit herkommen und bei uns eure Hausaufgaben machen. Hier habt ihr Platz und Ruhe."

Bei den MĂŒllers in der KĂŒche steht ein riesiger KĂŒhlschrank. Der ist etwas Neues, nie Dagewesenes, denn er hat ein eingebautes Gefrierteil ... supermodern. Dass es EisfĂ€cher gibt, wo Lebensmittel sich monatelang frisch halten, davon haben die meisten Leute noch nichts gehört. Erst wenige haben einen simplen KĂŒhlschrank zu Hause. Lisa, die Stiefmutter, besitzt keinen.

Waltraud serviert den Kindern nachmittags Erdbeertorte mit Schlagsahne. Und ... o Wunder, nachher gibt es eine große Portion Eiscreme. Unsagbar lecker tĂŒrmt sich das köstliche Kunstwerk in zwei großen Cocktailschalen vor den MĂ€dchen auf. Eiscreme aus rot-grĂŒn-orange-rosa ĂŒbereinandergelagerten Fruchtschichten. Hm ... das schmeckt! Oben ist das Ganze noch mit Schokoladeraspeln und eingeweckten Kirschen verziert.

"Was hab ich dir versprochen? Ist das nicht toll? grinst Christel.
"Ja, der Wahnsinn!"

Eiscreme bekommt Hermine daheim nie, denn: "So große SprĂŒnge können wir nicht machen", sagt die Stiefmutter. "Ich muss jeden Pfennig dreimal umdrehen. Weil der Papa, seit er aus Gefangenschaft zurĂŒck ist, nur experimentiert und mit seiner blöden Wichskocherei herumfuhrwerkt. Statt sich eine gute Anstellung beim Staat zu sichern, wo er doch Abitur hat und Offizier war und wo die meisten Soldaten im Krieg gefallen und andere hohe Nazis gewesen sind und sie jetzt jeden ĂŒbrig gebliebenen anstĂ€ndigen Mann in Deutschland gut brauchen können."

Da kommt Christel schon aus einer besser gestellten Familie. Ihr Vater ist nÀmlich Polizeioberwachtmeister.
Sie wohnen am Stadtrand. In einem großen Haus, das wie fast alle anderen in dem Viertel von Brandbomben getroffen war. "Wenigstens sind die AußenwĂ€nde stehen geblieben", sagt Christel. Noch immer wird gebaut und renoviert. Aber die Zimmer im Erdgeschoss haben sie schon wieder schön hergerichtet.

Die MĂŒllers jedoch scheinen wirklich reich zu sein. Der Onkel Hans und die Waltraud haben immer schicke Kleider an und die modernsten Möbel. Im Wohnzimmer steht eine nagelneue Musiktruhe aus gelbpoliertem Schleiflack mit aufklappbaren TĂŒren. Mit Radio und Plattenspieler. Beinahe dreißig Schallplatten sind in einem Halter auf dem nierenförmigen Beistelltisch aufgereiht. Die beiden kleinen MĂ€dchen dĂŒrfen da Musik hören, solang sie wollen.
"Heimweh nach dir, o old Virginia" ,
"Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt",
"Heimat, deine Sterne" oder
Zarah Leander: "Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehn und dann werden tausend MĂ€rchen wahr..." so etwas eben ...

Wenn der Onkel Hans da ist, singt er laut mit und tanzt ausgelassen mit den kleinen MĂ€dchen im Zimmer herum. Dann ist richtig was los.

Eigentlich sind die Kinder nicht mit dem Onkel Hans und der Tante Waltraud verwandt. Aber Christel hat gesagt, dass ihre Eltern die beiden schon seit Jahren kennen.

Eines Tages gehen Christel und Hermine wieder einmal nach der Schule zu den MĂŒllers. An dem Tag gibt es Sauerbraten mit KartoffelklĂ¶ĂŸen und Kopfsalat. Danach natĂŒrlich eine Riesenportion Eis. Anschließend machen die beiden MĂ€dchen ihre Schulaufgaben auf der sonnigen Terrasse. Die Waltraud legt sich ein bisschen hin, weil sie heute abend mit ihrer Freundin ins Skala gehen will. In die Nachtvorstellung. Einen Arzt-Liebesfilm mit Dieter Borsche und Maria Schell.

Hermine und Christel haben es sich richtig gemĂŒtlich gemacht. Holen sich Cola aus dem KĂŒhlschrank. Waltraud hat ihnen auch erlaubt, Schallplatten zu hören, wĂ€hrend sie Vokabeln pauken. Das ist normal. Viele SchĂŒler lassen neuerdings im Hintergrund beim Hausaufgaben-Machen sogar das Radio dudeln.

"Das ist verruckt ... wie soll eine Mensch das im Gehirn aushalten?" hat Mademoiselle Beaujolais, die Französischlehrerin, warnend gerufen, als sie davon hörte. Diejenigen, die es anging, haben nur gegrinst.

Onkel Hans kommt am spĂ€ten Nachmittag von seiner Vertreter-Tour zurĂŒck. Als die Kinder sich verabschieden, meint er, er könne sie doch beide heimfahren. Mit dem Wagen. Tante Waltraud sagt ... ja, das wĂ€re eine gute Idee. So machen sie es dann auch.

Zuerst setzt Onkel Hans Christel vor ihrer TĂŒr ab, denn sie wohnt ja nur ein paar Straßen weiter.
Danach geht es in Richtung Marienstock, wo Hermine zuhause ist, wie wir bereits wissen.

Eine herrliche Fahrt. Das kleine MÀdchen hat noch nie im Leben in einem so tollen Auto gesessen. Wie auf Wolken gleiten sie dahin, schnell und weich. Das neue Auto riecht innen ganz frisch nach Leder, ist gerÀumig und tausendmal bequemer als Papas alte Klapperkiste.

"Das gefÀllt dir, nicht wahr? Es gefÀllt dir immer bei uns, oder? "
"O ja."
"Weißt du, wir haben dich sehr gern. Besonders ich. Ich hab dich viel lieber als die Christel", fĂ€hrt er fort und wird rot wie ein Krebs. "FĂŒr dich wĂŒrd ich die Christel glatt stehen lassen!"
"Das ist unfair. Du kennst sie doch schon viel lÀnger."
"Du bist aber ... netter."

Ein bisschen freut sich Hermine s c h o n, dass er sie gern hat. Auch wenn sie ihn gar nicht besonders mag. Er ist so dick und meistens zu laut. Nein, besonders gern hat sie ihn nicht ... sie kann ihn gut leiden, so wie sie viele Leute gut leiden kann. Oft bringt er sie ja auch zum Lachen ...

Der Onkel Hans legt auf einmal seinen Arm um Hermines Schulter.
Das gefĂ€llt ihr ĂŒberhaupt nicht.
"Du hast so schöne Zöpfe, du bist ein so nettes, kleines MÀdel", sagt er. "Ich hab dich sehr lieb!"
Das ist Hermine furchtbar peinlich. Weil ihr das nie passiert ist, dass jemand so den Arm um sie gelegt hat. Und nie hat ihr jemand gesagt, dass er sie lieb hat. Der Papa nicht und die Lisa schon gar nicht. Auch die Zöpfe hat bis jetzt noch niemand gelobt ... sie waren einfach da. Basta. RattenschwÀnze.

Kurz vor Marienstock hÀlt der Onkel Hans am Ackerrand den Wagen an.
"Warum", fragt Hermine, was ist los?"
"Komm wir ruhen uns ein bisschen in dem schönen Auto aus. Wir haben es doch nicht eilig ... oder?"
"Nein ..."
Er sitzt so komisch da, ist rot im Gesicht und mit seiner Hand ist er da unten an seiner Hose, wo jedes Kind weiß, dass es sich nicht gehört, wenn einer sich da anfasst ...
Hermine passt das gar nicht. Ist einfach eklig.

"Guck mal", sagt er, "was ich da Schönes habe!"
Das Schöne ist ein schlaffes Ding, das plötzlich klein vor seinem Bauch hĂ€ngt wie eine rohe Bratwurst, nur viel mickriger. Eher wie eine fette, fahle Schnecke. Baumelt weiß zwischen Onkel Hans mĂ€chtigen Hosenschenkeln. Hermine hat keine Ahnung, was der Onkel Hans da macht ... ach, sie kann gar nicht mehr richtig hingucken, es ist ... scheußlich.

Onkel Hans hat ein rosa Hemd und einen vornehmen, taubenblauen Anzug an. Der bleiche, madige Fleischwurm, der da lungert, passt ĂŒberhaupt nicht dazu. WĂŒrde nirgendwo hinpassen ... und erst recht nicht an den schicken Onkel Hans. Sowas Abscheuliches hat Hermine ja noch nie gesehen.
Es ist bestimmt der Blinddarm ... Appendix, Wurmfortsatz. Das haben sie doch neulich in Bio durchgenommen ... Genau der muss es sein: ein aus dem Bauch herausgequollener ‘Wurmfortsatz.’
Wirklich ... etwas, was so schwabbelweiß und krank aussieht, kann nur etwas Unnormales ...

Der Onkel Hans fummelt an dem Ding herum.
"Schau mal, schau mal", flĂŒstert er und rĂŒckt nĂ€her.
„Schau mal wie es wĂ€chst!“
Das kann doch nicht wahr sein? Hermine vergisst vor Schreck, den Mund zuzumachen.
„Fass es doch mal an!“
„Nimm‘s weg", schreit sie.
„Ach komm“, sagt er und versucht, ihre Hand zu nehmen.
"Machs weg." Hermines Stimme ĂŒberschlĂ€gt sich. Der Onkel sieht nicht, dass das Kind im Gesicht grĂŒn ist.
"Uh, wie eklig", schreit es.

"Komm", sagt der Onkel Hans, "fass ihn an, meinen kleinen Freund. Er mag das. Fass ihn an! Probier das doch mal. Komm ... schau, er ist schon viel grĂ¶ĂŸer geworden!"

Hermine wird schlecht.

Onkel Hans greift nach Hermines Hand. Das Kind reißt sie ihm schnell weg. Es verhakt die Finger seiner beiden HĂ€nde ineinander. Weiß treten die Knöchel hervor. Es verhakt beide HĂ€nde so fest, dass er sich keine davon greifen kann.

"Sei doch lieb ... Fass ihn an ..."
"Nein", schreit Hermine.
"Da macht das bleiche Madending dann plötzlich ein paar komische Hopser und oben kommt etwas Weißes raus, wie dicke Milch, so sĂ€mig Weißes.

Hermine muss gleich brechen..

Am Ende putzt der Onkel Hans das Ding mit dem frischen, weißen Taschentuch ab und stopft es in die Hose. Wahrscheinlich auch, weil Hermine wie am Spieß schreit.
"Tu das sofort weg ... tu das sofort weg!", brĂŒllt sie schon die ganze Zeit.

Schnell fÀhrt der Mann sie nach Haus.
Als er das Auto anhÀlt, zieht er sie plötzlich zu sich hin. Und er streichelt sie ... ihre Wange, ihr Haar.
„Gell, anfassen darf ich dich aber, ich hab dich doch so arg gern!“
"Lass mich, ich will heim!"
"Du bist ein so verstĂ€ndiges MĂ€dchen. Bitte versprich mir, dass du es niemand erzĂ€hlst, dass ich dich so lieb habe. Wir haben jetzt ein großes Geheimnis." Er lĂ€chelt komisch.
Dann lÀsst er sie aussteigen. Beim Wegfahren winkt er aus dem Fenster, so ganz freundlich und wirft ihr einen Kuss zu ... so etwas machen doch sonst nur Leute im Film.

Nachher im Bett muss sie lange an all das denken. Sie fĂŒhlt einfach, dass das bös war, was er da gemacht hat ... und es hat ihr ĂŒberhaupt nicht gefallen, obwohl er gut nach ParfĂŒm roch.

Zur Waltraud geht Hermine noch einmal. Zwei Wochen spÀter. Weil Christel nach der Schule unbedingt hin will.
NatĂŒrlich erzĂ€hlt Hermine der Freundin NICHTS von der Sache im Auto. Denn die wĂŒrde vielleicht meinen, sie wĂ€r selber schuld.
‚Vielleicht ist es auch normal, DAS mit dem Onkel Hans‘, was weiß ich denn schon davon‘, fĂ€hrt es Hermine durch den Kopf, ‚womöglich machen alle erwachsenen MĂ€nner so etwas, wenn sie ein MĂ€dchen lieb haben??‘ Warum sollte sie deswegen nicht mehr zur Waltraud gehen? Die kann ja nichts dafĂŒr.
Es ist einfach nur die Lust aufs Musikhören und auf Eiscreme, die Hermine wieder zu den MĂŒllers treibt.

Eis essen sie an dem Tag eine ganze Menge und auch Schallplatten hören sie wie immer.

"La mer, qu on voit danser le long des golfes clairs ..." singt gerade Louis Trenet.
S c h ö n.

Da kommt der Onkel Hans heim. Man merkt ihm an, dass er sich freut, als er die zwei kleinen MĂ€dchen sieht. Schaut auch gleich Hermine an, grinst sonderbar, legt den Zeigefinger an seine Lippen, wie, um ihr oder sich den Mund zu verbieten, und das sieht so blöd aus und ‚so etwas macht ein richtiger Mann doch nicht, wenn er ein MĂ€dchen lieb hat, oder?‘ denkt Hermine. Er zwinkert ihr zu. Das mag sie ĂŒberhaupt nicht.

"Ich kann euch doch nachher heimfahren, euch zwei HĂŒbsche", fragt der Onkel. Christel nickt.
"Mich aber nicht", sagt Hermine.
„Warum nicht? Es ist doch schön in meinem Auto!“
„Ich will nicht“, sagt Hermine.
„Dann fahr‘ ich auch nicht mit“, sagt Christel.
Der Onkel Hans legt eine neue Platte auf: ‚Über den Wellen.‘ Er weiß, dass den MĂ€dchen die Melodie gefĂ€llt.
„Komm ich zeig dir, wie man Walzer tanzt!“ Der Onkel will Hermine am Arm vom Stuhl hochziehen.
„Nein!“
Bald darauf tritt die Waltraud herein.

"Ach, hier ist ja mein Schatz", ruft er, nimmt sie fest in die Arme, zieht sie mit Tanzschritten durchs Zimmer. Und die Waltraud quiekt fast wie ein Schweinchen, weil er sie ganz wild drĂŒckt.
"Ich tanze mit dir in den Himmel... " Onkel Hans schmettert es laut. Und schielt dabei am Kopf seiner Frau vorbei zu den beiden Kindern. Zwinkert ihnen abwechselnd zu.
Hermine wird ĂŒbel. Wenn sie jetzt nur nicht brechen muss. Warum hat sie auch so viel Eis gegessen?

"Ich komm noch ein StĂŒck mit dir", murmelt sie, als sie spĂ€ter mit Christel auf der Straße steht.
"Weißt du ... der Onkel Hans ...", fĂ€ngt sie zaghaft an und stockt.
"Was ist mit ihm? Du kannst ihn nicht leiden, stimmt's? Das hab ich schon lang gemerkt!"
"Aber ..."
"Was ist denn?"
Ach ... nichts."

Dann marschiert Hermine zum Bahnhof und nimmt den Zug nach Marienstock.

Von da an hĂ€lt sie sich vom Haus der MĂŒllers fern. Sie will auch nicht mehr an das hĂ€ssliche, bleiche Ding erinnert werden, von dem sie schon eine Minute spĂ€ter gewusst hatte, dass es kein Blinddarm und kein ‘Wurmfortsatz’ war. Sie spĂŒrt: Das hatte sie sich nur vorgemacht.

Ein halbes Jahr spÀter denkt Hermine nicht mehr oft daran.

Bis eines Morgens. Da kommt Christel aufgeregt in die Schule gerannt.
"Hermine ... sie haben den Onkel Hans festgenommen, UNSEREN On... Du kannst dir nicht vorstellen, was bei mir daheim los ist und wie mein Vater herumbrĂŒllt. Er und seine Kollegen haben ihn gestern verhaften mĂŒssen. Der Onkel Hans ist ein Sitt-lich-keits-ver-bre-cher", stammelt sie. "Und die Waltraud wĂ€re ein böses Luder, die hĂ€tte von seiner Ab-artig-keit gewusst", sagt mein Vater. Aber ich kann es nicht glauben." Christel schluchzt gottserbĂ€rmlich.

Doch es ist wahr. Der Onkel ist ein
S i t t e n s t r o l c h . Es steht auch in der Zeitung, die Christel fĂŒr Hermine zum Beweis mitgebracht hat:
Hans M. ein WiederholungstĂ€ter. Besucher hatten ihn seit Tagen beobachtet, wie er im Freibad Kinder ansprach, ihnen am Kiosk SĂŒĂŸigkeiten kaufte, sie sogar anfasste. Er wurde in fragranti in seiner Kabine mit einer ZehnjĂ€hrigen ertappt. Hans M. soll sich noch ĂŒber Grobheiten der Polizei beschwert haben, als die Obrigkeit zuschlug und ihn festnahm. ...


"Es war nĂ€mlich so gewesen, hat mein Vater gesagt", erzĂ€hlt Christel, "der Bademeister hat ihm eine Falle gestellt. Ein schlaues, kleines MĂ€dchen hat dabei mitgemacht und ist schließlich mit ihm in seine Kabine gegangen. Dort hat man ihn dann gepackt, wie er mit ausgezogener Hose ..."

Nach seiner Verhaftung wird es klar: Er hat zuvor schon einmal in einer anderen Stadt sein Unwesen getrieben. Da ist er noch davongekommen. Jetzt nicht mehr.
"Es ist so furchtbar." Christel lÀsst sich weinend in die Schulbank fallen.
"Meine Mutter schreit daheim herum wie eine Furie. Meine Mutter!! Gestern hat sie mich immer wieder gepackt und geschĂŒttelt und wissen wollen, was der Onkel Hans mit mir gemacht hat und so ... Und mein Vater soll auf dem Revier wie ein Stier getobt haben, sagt Mama. Er wĂ€re gerade noch von seinen Polizisten-Kollegen zurĂŒckgerissen worden ... weil er dem Onkel Hans an die Gurgel gesprungen wĂ€re. Meine Mutter sagt, das Gesetz sagt: "Niemand darf so einem Schweine-kerl ein Haar krĂŒmmen bis zur Gerichtsverhandlung, daran muss die Obrigkeit sich halten."
Christel hört gar nicht mehr auf, zu schluchzen.

Tatsache ist aber: Christels Eltern hatten von den Besuchen ihrer Tochter bei Onkel Hans und seiner Frau gewusst und sich nur Gutes dabei gedacht.
"Das Ehepaar MĂŒller machte einen grundsoliden Eindruck", werden auch Zeugen spĂ€ter aussagen ...

Hermine wundert sich, warum Christel das alles so furchtbar tragisch nimmt und tagelang in den Schulpausen immer wieder davon anfĂ€ngt. Und sogar aus heiterem Himmel losheult. Es ist der Freundin ja nichts passiert - ihr selbst eigentlich auch nicht - wenn man es richtig bedenkt ... da braucht man doch kein SOLCHES Theater zu machen. Über etwas ist Hermine aber besonders traurig: es wird ihr jetzt klar, dass der Onkel Hans sie ja gar nicht gern gehabt hat. Er hat das, was er im Auto getan hat, mit anderen MĂ€dchen genau so gemacht. Oder versucht. Auch denen hat er bestimmt erzĂ€hlt, er hĂ€tte sie lieb.

Ein paarmal ist Hermine nah daran, die ganze Sache der Stiefmutter, der Lisa, zu erzÀhlen, aber dann lÀsst sie es doch lieber sein.


*




Aus meinem Roman: MINOU (auch hier seit Anfang 2006 gepostet)


*


Copyright Irmgard Schöndorf Welch August 2002
ĂŒberarbeitet am 01.06.2005










Version vom 28. 05. 2003 09:53
Version vom 21. 08. 2008 12:28

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majissa
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Liebe Inu,

ein leider immer wieder aktuelles Thema hast du da glaubwĂŒrdig und spannend in eine Geschichte verpackt. Du kannst wirklich SCHREIBEN, dachte ich beim Lesen und stolperte nur an wenigen Textstellen, auch wenn man aufgrund der LĂ€nge meines Kommentars anderes vermuten könnte. Zum Ende hin wirkt deine Story etwas abgehakt, nahezu telegrammartig. So, als hĂ€ttest du endlich zum Schluss kommen wollen. Ansonsten aber ist das hier wirklich ein gelungenes StĂŒck Prosa. Hier noch meine Anmerkungen:


Die Geschichte hat einen guten, schnörkellosen Einstieg. Dann treffe ich im zweiten Absatz auf die großgeschriebenen „MĂŒllers“ und „begeistert“, woraufhin ich leicht beim Lesen hĂ€ngenbleibe, weil ich mich frage, warum du diese Worte unbedingt hervorheben musst. Das lenkt nur ab. Dein Stil, Inu, ist sicher und zumeist fesselnd genug, dass du auf die Hervorhebungen locker verzichten kannst. Aha! Ich sehe gerade, die Großschreibung zieht sich durch den ganzen Text. Das tut nicht Not. Konstruktionen wie „am Putzen, am Kochen usw.“ sind unschön, auch wenn sie zur (bewußt gewĂ€hlten?) kindlichen ErzĂ€hlweise im zweiten Absatz passen mögen. Von Waltraud habe ich gleich ein Bild vor Augen.
Die Beschreibung von Hans jedoch ist weniger einprĂ€gsam. Dass er laut ist, merkt man sich gleich. Doch dann kommt der etwas lasche Vergleich: „...So, als wenn plötzlich viele Leute da wĂ€ren.“ Da könntest du dir etwas Besseres einfallen lassen. An SkurrilitĂ€t fehlt es dir ja nicht (siehe MĂŒcke!). Warum, möchte der Leser wissen, klingt es so, als wĂ€re der Raum voller Menschen, sobald Hans eintritt? Trampelt er durch die Wohnung? Summt er, wĂ€hrend er gleichzeitig lautstark in SchrĂ€nken kramt und nebenbei unbeabsichtigt GegenstĂ€nde zu Boden fegt? Das Wörtchen „alle“ vor „elektrischen HaushaltsgerĂ€te“ stört. Ich meine, wĂŒrde Hans auch nur Ÿ oder die HĂ€lfte der damals erhĂ€ltlichen HaushaltsgerĂ€te verkaufen, hĂ€tte auch diese Mengenangabe dem Leser nur ein mĂŒdes Achselzucken entlockt. Diese Info ist unwichtig. Das „frisch gekaufte“ Auto wĂŒrde ich durch „fabrikneu“ ersetzen. Herrlich aber Hans‘ Bemerkung zur Ehe.
Du hast ĂŒbrigens ein gutes GespĂŒr fĂŒr die Absatzeinteilung. Bei der Eiscremestelle ahne ich jetzt erstmalig, dass irgendwas mit den MĂŒllers nicht stimmen kann. Mal sehen, ob sich das gleich bestĂ€tigt. „Das ist verruckt“ klingt witzig, aber mit â€žĂŒ-PĂŒnktchen“ wĂ€r’s korrekter. Oder handelt es sich hier um ein charmantes Fehlerchen im Deutsch der Mademoiselle Beaune? Oh Gott! Baggert Hans etwa das MĂ€del an? Hier wird es jetzt richtig gruselig. Super, Inu, wie glaubwĂŒrdig du wĂ€hrend des Dialogs im Auto Luzies kindliche NaivitĂ€t herausstreichst.
Zuviel „dass“ ist in folgendem Abschnitt enthalten: „Das ist dem Kind furchtbar peinlich. Weil ihm das nie passiert ist, dass jemand den Arm um es gelegt hat.“ Der Schockeffekt bleibt nicht aus. Gelungen! Das „Ding“ hast du gut beschrieben. Genauso wĂŒrden Kinder es sehen. Bei der „fetten, fahlen Schnecke“ und ĂŒber die nĂ€chsten AbsĂ€tze hinweg bewegt man sich unfreiwillig zwischen Entsetzen und dem Drang zu Lachen. So furchtbar das Beschriebene auch ist, Inu, muss man ĂŒber deinen Einfallsreichtum wirklich schmunzeln. Erstaunlich dabei aber, dass die Furcht vor dem Kommenden durch die humorvollen Beschreibungen nicht etwa abnimmt, sondern sich eher noch intensiviert.
Hm...also die Sache mit dem Geheimnis solltest du noch weiter ausbauen. Es ist nicht glaubwĂŒrdig, dass das Kind nur aufgrund des einmaligen Hinweises, nun mit Onkel Hans ein Geheimnis zu haben, schweigen wird. Hans mĂŒsste viel nervöser sein, nachdrĂŒcklich darauf beharren, dass Luzie auch wirklich schweigt. So durchtrieben, wie er ist, muss ihm klar sein, dass ein Wort des Kindes an falscher Stelle ihn um Reichtum und Ansehen bringen wĂŒrde. GlaubwĂŒrdig ist es jedoch, dass Luzie wieder zu den MĂŒllers geht.
Aus „Bis eines Morgens“ wĂŒrde ich „Bis eines Morgens Christel verstört in die Schule gerannt kommt“ machen. Dass die Mutter daheim herumschreit wie eine „Bekloppte“ scheint mir fĂŒr die Sprachgewohnheiten der kleinen Christel zur damaligen Zeit doch recht ungewöhnlich. Das passt nicht. Ein Verdreher steckt in folgendem Satz: „Gestern hat sie mich immer wieder gepackt und geschĂŒttelt und wissen wollte...“

Liebe GrĂŒĂŸe
Majissa

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Inu
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Liebe majissa
Danke erstmal, dass Du Dich so intensiv mit meinem Text beschÀftigt hast.
Ich werde mich nachher mal flugs daran machen, Deine VerbesserungsvorschlÀge umzusetzen.

Das mit den Worten aus lauter Großbuchstaben, das ist eigentlich praktisch. Da erkennt der Leser genau die Stellen, die ich hervorheben will. Ich habe auch Zefira gefragt, sie mag es nicht wirklich, aber sie ist auch nicht ganz abgeneigt, wenn man nicht ĂŒbertreibt. Mich wĂŒrde mal interessieren, was andere Lupianer davon halten. Es wĂ€re halt die einfachste Art, etwas hervorzuheben. Könnte man sich daran vielleicht gewöhnen?

Vorerst danke ich Dir jetzt mal fĂŒrs Lesen und Deine VorschlĂ€ge. Ob ich die Großschreibungen einhalten werde, weiß ich noch nicht genau.

Liebe GrĂŒĂŸe
Inu

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Aneirin
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GROSSBUCHSTABEN

Hallo Inu,

Du fragst, was andere von Worten in GROSSBUCHSTABEN halten.

Nicht viel bis ĂŒberhaupt nichts! Das ist meine Meinung. Ausnahmen bei AbkĂŒrzungen wie UNO, NASA usw.

Du benutzt die Wörter in Deinem Text, um ihnen eine besondere Betonung zu verleihen. Das erreichst Du schon durch die Stellung des Wortes im Satz oder durch das gewĂ€hlte Wort ĂŒberhaupt. FĂŒr meine lesenden Augen verstĂ€rken die GROSSBUCHSTABEN die Wirkung nicht, sondern stören den Lesefluss wegen des uneinheitlichen Bildes.

Du schreibst "er ist ein SITTENSTROLCH". Das entscheidende starke Wort "Sittenstrolch" steht am Ende des Satzes und ist schon dadurch betont. Es hat auch einen heftigen Klang. Beides zusamen verhindert, dass es untergeht auch ohne besondere Schreibweise.

Dann schreibst Du, "Meiers schienen WIRKLICH reich zu sein". Wirklich reich ist fĂŒr mich reicher als reich und ist durch die Wortwahl schon betont, ohne dass es GROSSBUCHSTABEN bedarf.

Also: die Betonung einzelner Wörter sollte aus dem Inhalt des textes und aus irer Stellung im Satz kommen, aber nicht aus der Schreibweise.

Kannst Du meiner Argumentation folgen?

Viele liebe GrĂŒĂŸe und ein schönes Wochenende
Aneirin

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Inu
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Liebe Aneirin

Entschuldige die große VerspĂ€tung. Ich bin in einem Internet Cafe, da mein Internet seit einer Woche anscheinend unrettbar? zusammengebrochen ist. kann in der Hektik kaum arbeiten. Bins nicht gewöhnt. Ich habe mich aber bemĂŒht, die Schreibweise der Geschichte wieder auf "normal" umzustellen. Danke Dir sehr fĂŒr Deinen Kommentar.

Und sehr liebe GrĂŒĂŸe
Inu

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Aneirin
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COMPUTER

Hey Inu,

der Text hat meinen Augen gut getan in normaler Schreibweise.

Ich verstehe Dich, mein Computer war 14 Tage zur Reparatur undich kam mir nicht vollstĂ€ndig vor, obwohl ich ja im BĂŒro einen stehen habe, vor dem ich den ganzen Tag sitze, so auch jetzt.

Viele liebe GrĂŒĂŸe aus einer heißen Ecke Deutschlands
Aneirin

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Inu
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Hallo Aneirin

Jetzt bin ich endlich wieder verfĂŒgbar. Ja, ich finde auch, dass der Text so besser rĂŒberkommt.

Liebe GrĂŒĂŸe Inu

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