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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Orientierung einer Figur
Eingestellt am 25. 05. 2010 14:13


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neonovalis
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2010

Werke: 12
Kommentare: 11
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BEIM BUND (DIE KUNST, SICH NICHT UNTERZUORDNEN)

Rattarattarattarattarattarattaratta. Das Maschinengewehr tut seinen Dienst. Gottseidank. Philipp sitzt mit den anderen Kameraden im Gruppenraum. Gottseidank tut das Maschinengewehr nur seinen Dienst im Film. Auf der Mattscheibe. Philipp ist neunzehn, großgewachsen, drahtig. Unter naturgelockten, braunen Haaren sitzen braune Augen in einem markanten Gesicht. Er ist seit einem Monat Rekrut. Bei der Luftwaffe.
\"Höa ma, Alter,\" Kalle ist wie immer stinkbesoffen.
\"Da ham se se aba ma wieder gut plattgemacht, wa?\"
\"Jau.\"
Mehr sagt Philipp nicht. Er hasst Kalle, zeigt es aber nicht. Vorgestern hatte er kurz mit dem Gedanken gespielt, ihn zu erschießen. Sie waren draußen am Schießstand. Hatten beide ihre Pappkameraden anvisiert. Und gelöchert. ’Philipp, nur ein kurzer Schwenker nach links. Dann einfach abdrĂŒcken. Und dann war’s das mit Kalle.‘ Dann hatte er weiter auf seinen Pappkameraden geschossen. Schließlich darf man Menschen nicht einfach umbringen, Philipp. Aber hassen darf man sie schon. Und so will Philipp seinen Hass eben manchmal ausleben. Vorgestern hatten sie seinen Kameraden weggetragen - keine Ahnung, ob die Hand noch zu retten sein wĂŒrde. Das hatte Philipp verbittert gemacht. Und hart. Dabei wollte und sollte er doch den Bund als Abenteuer betrachten. In Eutin stationiert, bei Hamburg, fern der westfĂ€lischen Heimat. Ein neues Kapitel im Leben aufschlagen.-

Philipp wird zum Hauptmann `reingerufen. Er klopft an. Tritt ein. Macht seine Meldung.
\"Herr Kroniger. Ich habe gehört, dass Sie verweigern wollen.\"
\"Ja, Herr Schulz. Das will ich.\"
\"Und warum?\"
\"Ich möchte nicht auf Menschen schießen.\"
Der Hauptmann nickt verstÀndnisvoll.
\"Aber, Herr Kroniger. Im Krieg ist das leider unerlĂ€sslich. Schließlich mĂŒssen wir unsere Demokratie schĂŒtzen. Das ist Ihnen doch klar?\"
\"Ich weiß nicht, Herr Hauptmann.\"
\"Gehen Sie nochmal in sich, Herr Kroniger.\"
\"Ist gut, Herr Hauptmann.\"
Sie verabschieden sich militĂ€risch und Philipp verlĂ€sst das BĂŒro.-

Die Trillerpfeife schreckt die ganze Kompanie aus dem Schlaf. Auch Philipp purzelt aus dem Bett.
\"Kompanie aufsteh’n!\"
Schreit es ĂŒber den Gang. Nach Morgendusche im Gemeinschaftsraum und korrekt militĂ€rischer Ankleide geht es in Reih’ und Glied ‘rĂŒber zum FrĂŒhstĂŒck. Allein unter Kameraden. Philipp wĂŒrde am liebsten aus der Truppe ausscheren. Weiß aber, dass sie ihn dann einsperren. Wegen Befehlsverweigerung. Also marschiert er widerwillig mit.

\"Willst du wirklich verweigern?\"
Kamerad Stubenfreund fragt schĂŒchtern nach. Philipp nickt. Schlingt entschlossen seine Haferflocken `runter.
\"Warum denn?\"
\"Ich will keine Menschen töten.\"
\"Ach so.\"
Stubenfreund wird nachdenklich.
\"Du, Philipp. Vielleicht mach’ ich`s auch so wie du.\"
Philipp freut sich.-

Eine halbe Stunde spÀter freut er sich nicht mehr.
\"Los, runter!\"
Scharf ertönt die Stimme des Unteroffiziers. Die ganze Truppe schmeißt sich in den Dreck. Auch Philipp. Was bleibt ihm anderes? Das machen sie ein paar Mal. Philipp kommt aus dem Matsch gar nicht mehr `raus. Nach dem Rödeln dann tarnen. GebĂŒsch umhĂ€ngen. Sie laufen `rum wie die WichtelmĂ€nnchen. FĂŒhlen sich scheiße. Der Mist ist wirklich kaum zu ertragen. Sie spielen ein wenig Indianer. HĂ€uptling Unteroffizier immer voran. Philipp geht mit Ă€ußerstem Widerwillen mit. Beißt die ZĂ€hne zusammen. So geht es ĂŒber die mittĂ€gliche Gulaschkanone weiter in den Nachmittag. Endlich gibt es ein wenig Erleichterung. Die Kameraden sind zum Schießplatz marschiert. Als die Waffen ausgegeben werden, ist Philipp erleichtert.
’Herr Kroniger. Sie sind einer der besten SchĂŒtzen in der Kompanie.‘
Philipp hat die Worte des Hauptmanns noch im Ohr. Routiniert nimmt er sein Gewehr entgegen. Begibt sich an seinen Schießstand. Und legt in aller Ruhe auf den Pappkameraden an. Zielsicher wie gewohnt trifft er. Mitten ins Schwarze. Allerdings fĂŒhlt er sich dabei weniger beim MilitĂ€r als auf dem Kirmesplatz. Und stellt sich vor, er wĂŒrde fĂŒr seine Liebste eine rote Rose schießen. Philipp ist von dem Gedanken beseelt. Trifft gut, fĂŒhlt sich gut. Als er kurz nach rechts schaut, sieht er Kalle.
’Das alte Arschgesicht.‘
Die nÀchste Kugel versiebt er.-

Philipp schießt im Moment nicht so gut, da nĂŒtzen auch die Gedanken an die imaginĂ€re Liebste nichts. Kamerad Kalle macht ihm das Leben schwer. Schon durch seine pure Anwesenheit. Philipp spĂŒrt, wie sein Arm zittert. Er gibt noch ein paar mehr oder weniger schlechte SchĂŒsse ab, dann kommt der Unteroffizier und beendet die Übung. Philipp ist fertig. Nicht vom Schießen, sondern durch Kalles Anwesenheit. Der auch noch sein Mitbewohner auf der Stube ist. Die ganze Zeit ĂŒber staut sich die Wut in ihm auf. Nach Abendessen, Schuhe putzen und Stubenreinigung ist es dann soweit:
\"Na, feiner Herr? Welches Buch lesen wir denn heute?\"
\"Geht dich einen Scheißdreck an.\"
\"Aber, aber. Was kennt der feine Herr denn fĂŒr AusdrĂŒcke? Das haben wir aber auf der Schule nicht gelernt. Und von Mama auch nicht.\"
Philipp sieht rot und haut Kalle eine `rein. Zeng. Fresse dick. Kalle holt zum Gegenschlag aus. Trifft aber nicht, weil Philipp sich vorher geduckt hat. Dann tritt er Kalle mit voller Wucht vor`s Schienbein. Kalle schreit auf, vor Wut und Schmerz. Bevor er sich wehren kann, öffnet sich die TĂŒr. Und der Gefreite springt `rein.
\"Festhalten! Beide!\"
Fordert er die Stubenkameraden auf. Die Stubenkameraden gehorchen. Ruckzuck ist auch der Unteroffizier da. Und lÀsst sich berichten.
\"AbfĂŒhren!\"
So sitzen sie, nach einem langen, harten Tag, in getrennten Zellen.-

\"Los! Aufstehen!\"
Philipp reibt sich die Augen. Er sieht die GitterstĂ€be und weiß, wo er ist. Mit dem Aufstehen hat Philipp keine Probleme, egal, wie kurz die Nacht war. Und sie war sehr kurz. Dann geht`s mit der Ermahnung, \"schnell zu machen\", unter die Dusche. Dann flink zĂ€hneputzen und ankleiden. Hurtig und ungefrĂŒhstĂŒckt ab zum Hauptmann.
\"Flieger Kroniger,\" heute redet ihn der Hauptmann nicht mit \"Herr\" an, \"was haben Sie da fĂŒr einen Scheiß gebaut!?\"
\"Los, antworten Sie!\" schiebt er angesichts von Philipps Sprachlosigkeit noch hinterher.
\"Ich hasse meinen Kameraden.\"
\"Name!\"
Blafft Schulz ihn an.
\"Schnelleisen.\"
\"Also, Flieger Kroniger,\" der Hauptmann guckt unvermittelt freundlich, \"Kamerad Schnelleisen ist vielleicht manchmal ein bisschen unbedarft. Trotzdem darf er am Wochenende nach Hause. Und Sie nicht. Weil Sie ihn geschlagen haben. Sind Sie damit einverstanden, Flieger Kroniger?\"
Hauptmann Schulz schaut Philipp eindringlich an.
\"Ja, Herr Hauptmann.\"
\"Abtreten!\"-

Am Wochenende hat Philipp viel Zeit. Meist latscht er mit mĂŒden Knochen auf dem KasernengelĂ€nde `rum. Und denkt an seine PrĂŒgelei mit Kamerad Kalle. Kalle ist jetzt im Wochenende. Er nicht. Das macht ihn neidisch. Und lĂ€sst ihn in Gedanken den Kamerad Kalle weiterverprĂŒgeln. WĂ€hrend er so in sich hineinhorcht, tut es ihm auch einmal sehr weh, als er an die nahe gelegene Liebesinsel im Großen Eutiner See denkt...

Lustlos sitzt er im Mannschaftsheim und löffelt sein SĂŒppchen.
\"Ach, der Kamerad Kroniger.\"
\"Tag, Herr Gefreiter.\"
\"Sie können mich ruhig duzen. Ich heiße Torsten.\"
\"Philipp.\"
Er ist ganz ĂŒberrascht ob der ungewohnten Vertrautheit. Torsten ist von einer anderen Ausbildungskompanie.
\"Philipp. Ich hab` von deinem Fall gehört. Und ich muss sagen: Hut ab. Starke Leistung. HĂ€tt’ ich nicht gebracht.\"
\"Ach, Torsten. Gehört doch nichts dazu.\"
\"Na, na, Kamerad. Gehört schon `ne ganze Menge dazu. Schnelleisen ist ja wegen seiner braunen Einstellung bekannt. Wurd` echt Zeit, dass der mal in die Schranken verwiesen wurde.\"
\"Das stimmt allerdings. Aber er hĂ€tte die Tracht PrĂŒgel nicht von mir bekommen mĂŒssen. Der Arsch ist doch jetzt zuhause und lacht sich kaputt.\"
\"Philipp, Kopf hoch! Klar ist der ein Arsch. Aber der wird im Leben schon noch seinen Meister finden. Aber was ist denn mit dir? Du scheinst hier ja auch nicht grade glĂŒcklich zu sein.\"
\"Torsten, ich weiß gar nicht, was ich will. Nur, was ich nicht will!\"
\"Und das wÀre?\"
\"Zum Beispiel in Reih` und Glied marschieren!\"
\"Hm, hm. Ich kann dich schon verstehen.\"
\"Deswegen will ich auch verweigern.\"
Philipp sagt das leise und ein wenig traurig.
\"Philipp, ich find`s hier auch oft Mist. Aber im Unterschied zu dir hab` ich mich entschlossen, das durchzuziehen.\"
\"Was soll ich machen? Ich halt`s hier einfach nicht aus!\"
\"Gut, Philipp. Ich sprech` mal mit dem Pfarrer! Vielleicht kann der dir ja weiterhelfen.\"
\"Das wÀr` echt nett von dir.\"
\"Klar, mach` ich doch. Ich geb` dir dann Bescheid.\"
\"Danke. Bis dann.\"
Philipp steht auf, zahlt sein SĂŒppchen, gibt Torsten kameradschaftlich die Hand. Und geht.-

Es ist frĂŒher Freitagnachmittag. Philipp sitzt in Hamburg-Barmbeck in einem von der Kirche gesponserten BĂŒro. Sein GegenĂŒber heißt Mike Schiller und ist Sozialarbeiter, der angehende Kriegsdienstverweigerer berĂ€t.
\"Guten Tag.\"
Philipp gibt Mike die Hand. Er wirkt etwas steif.
\"Mein Name ist Philipp Kroniger. Ich komme hier
\"Ich bin Mike. Guten Tag, Philipp,\" Mike lĂ€chelt gewinnend, \"setz’ dich doch. Möchtest du einen Kaffee?\"
\"Ja, gern.\"
Philipp ist doch etwas unsicher.
\"Ja, dann erzĂ€hl’ mal. Du möchtest also verweigern. Wie ist es denn dazu gekommen, dass du jetzt beim Bund bist?\"
\"Also, ich hatte Stress mit meinen Eltern. Tierischen Stress. Sie haben mir nach dem Abitur, das harte Arbeit fĂŒr mich war, keine Pause gegönnt, sondern mich gezwungen, eine Ausbildung zu machen, die ich niemals wollte. Groß- und Außenhandelskaufmann wĂ€r’ ja okay gewesen, aber nicht in einem Turbo-Autohaus. So musste ich die Lehre nach sechs Wochen schmeißen. Dann ging’s mir dreckig, und mein Zorn richtete sich gegen meine Eltern.\"
Philipp macht eine Pause.
\"Ich bin fast durchgedreht. Hab’ mein Zimmer verwĂŒstet.\"
Er macht eine Pause. Mike lÀsst ihm Zeit.
\"So konnte es nicht weitergehen,\" hebt Philipp wieder an, \"ich musste ‘raus. Da hab’ ich mir gedacht, gehste mal zum Bund. Und da bin ich vom Regen in die Traufe gekommen.\"
\"Drill, scheiß Vorgesetzte, blöde Kameraden. Oder?\"
\"Also, die Vorgesetzten gehen sogar. Aber Drill stimmt. Und ein Kamerad ist sogar ein Schwein.\"
\"Und jetzt willst du da weg.\"
\"Ja.\"
Philipp klingt entschlossen, mit einer Spur Nachdenklichkeit.
\"Ich halt’s da einfach nicht mehr aus. Und eh’ ich vor die Hunde gehe...\"
\"Gut, Philipp. Das Ziel ist also klar. Jetzt mĂŒssen wir gucken, wie wir es fĂŒr dich erreichen. Dazu ist aber vor allem auch deine Mitarbeit gefragt.\"
\"Okay, Mike. Kein Problem.\"
\"Du musst deine Hausaufgaben machen. Ich geb’ dir hier schon mal Informationsmaterial ĂŒber Fragen, die wĂ€hrend der mĂŒndlichen Verhandlung kommen können. Du liest dir das durch und ĂŒberlegst, wie du auf die Fragen antworten wĂŒrdest.\"
Philipp sind das fast etwas zuviel Anweisungen von Mike, er sieht das GesprÀch aber als seine letzte Chance an. Also pariert er.
\"Gut, Mike. Ich nehm’ das dann mal mit. Und bei unserem nĂ€chsten Treffen hab’ ich die Antworten drauf.\"
Philipp spĂŒrt, wie er langsam wieder selbstsicherer wird. Sie vereinbaren den nĂ€chsten Termin fĂŒr folgenden Freitag und verabschieden sich freundlich voneinander.-

Die Zeit nimmt eine Zigarette. Nimmt einen tiefen Zug, lehnt sich zurĂŒck. Und betrachtet gelassen die Menschen, die sie, mal schneller, mal langsamer, durchstreifen.-

Philipp hat Wochenende. Sitzt in einer Kneipe in St. Pauli. Blinzelt durch die rauchgeschwĂ€ngerte Luft. Und nimmt einen tiefen Schluck Bier aus dem Pilsglas. Geraucht hat er auch nie, bis ihm der Rocker neben ihm eine Selbstgedrehte hinhĂ€lt. Da kann er nicht ’Nein‘ sagen. Zusammen qualmen sie eine, dann noch eine. Und noch eine. Das nĂ€chste Bier geht auf den Rocker, Philipps neuen Kumpel. Der Rocker hat mit Philipp einen Vertrag geschlossen. Er bezahlt ihm den Abend und der darf sich dafĂŒr Peters - so heißt der Rocker - Lebensgeschichte anhören. Es geht um Liebe, Eifersucht und Mord. Philipp richtet es die Nackenhaare auf. Aber da Philipp sich im Leben schon so manch’ haarstrĂ€ubende Geschichte angehört hat, haut es ihn nicht um. Irgendwann geht der Rocker. Philipp steht allein vor dem Tresen und sinniert noch etwas vor sich hin. Zwischen eins und vier. Aus den Augenwinkeln sieht er noch eine Nette...

Philipp steht am Hamburger Hafen. Sieht das Wasser der Elbe. Und die Schiffe, weiß schimmernd, die auf dem Weg zum Meer sind. Sieht in die Ferne, stellt sich vor, wie ein Kreuzfahrtschiff auf dem Weg nach Amerika ist. Das geschĂ€ftige Treiben an Bord, die harte Arbeit der Seeleute, die livrierten Stewards, die schicken Damen der Gesellschaft, den einsamen KĂ€pt’n. Auf einmal will er mit. Und ist riesig enttĂ€uscht, weil sein schöner Traum fĂŒr lĂ€ngere Zeit unerfĂŒllt bleibt.-

Philipp hat die erste Nacht in der Jugendherberge genĂ€chtigt, er verbringt dort auch die zweite. Die von Samstag auf Sonntag. Diesmal nĂŒchtern. ErnĂŒchtert. Grade nochmal davongekommen.
Er sitzt am gemeinschaftlichen FrĂŒhstĂŒckstisch. Und löffelt gedankenverloren sein MĂŒsli. Da sieht er die Nette vom vorgestrigen Kneipenabend wieder. Er geht hin und fragt sie, ob sie sich zu ihm setzen möchte. Zu seiner Überraschung sagt sie ‘Ja’. Sie setzt sich und nach kurzer Zeit sind die beiden ins GesprĂ€ch vertieft. Sie heißt Iris...

Die kommenden Wochen plÀtschern so vor sich hin. Philipp liegt im Schlamm. Marschiert in Reih` und Glied. Putzt die Knarre. LÀsst sich anschreien. Er hat einen eleganten Reflex entwickelt, genau in dem Moment des beginnenden Schreies die Ohren auf Durchzug zu stellen. So stört es ihn nicht weiter.-

An den Wochenenden verwandelt sich die gesunde Anspannung in ein tiefes GlĂŒcksgefĂŒhl. Jedes Mal, wenn er mit dem Zug nach Hamburg `reinfĂ€hrt, steigert sich die Vorfreude von Kilometer zu Kilometer. GefĂŒhle erzeugen Gedanken, Gedanken erzeugen Worte. Vorerst allerdings, an den Freitagnachmittagen, wird noch hart gearbeitet. Philipp bereitet sich mit Mike zusammen auf die mĂŒndliche Verhandlung vor. Sie gehen immer wieder Argumente fĂŒr seine beabsichtigte Kriegsdienstverweigerung durch. Philipp wird langsam besser und kann Mike im Rollenspiel - Mike der Vorsitzende, Philipp der Verweigerer - schon ganz gut Paroli bieten.
\"Warum wollen Sie verweigern?\"
\"Ich will keine Menschen töten!\"
\"Warum haben Sie nicht sofort verweigert, sondern sind erst zum Bund gegangen?\"
\"Ich hatte persönliche Probleme mit meinem privaten Umfeld. Statt der erhofften Orientierung fand ich beim Bund jedoch nur Orientierungslosigkeit.\"
\"Was wĂŒrden Sie tun, wenn Sie nachts mit Ihrer Freundin durch den dunklen Wald gingen, und Sie wĂŒrden von einem Typen angegriffen?\"
\"Ich wĂŒrde meine Freundin und mich verteidigen.\"
\"Dann mĂŒssen Sie auch Ihr Vaterland verteidigen.\"
\"Nein, denn zivile Notwehr ist etwas anderes, als sogenannte Staatsnotwehr.\"
So oder Ă€hnlich finden die Rollenspiele statt. Das Fieber bei beiden steigt. Der Tag der Verhandlung rĂŒckt immer nĂ€her. Philipp geht kurz aus dem BĂŒro, um frische Luft zu schnappen. Der Himmel fĂ€rbt sich langsam rot von der untergehenden Sonne. Philipp erscheint er mit einem Mal blutrot.-

Philipp ist ein geradliniger Mensch. Er geht nach dem Motto \"Hart, aber herzlich\" durch’s Leben.
Musste aber die Erfahrung machen, dass er aufgrund dieser offenen und ehrlichen Art auf dem Gymnasium, der kurzen Ausbildung und in Freundschaften Schwierigkeiten hatte. Große Schwierigkeiten. GrĂ¶ĂŸte Schwierigkeiten. Um sich das Leben mit seinen Mitmenschen wenigstens etwas zu erleichtern, wird er das ein oder andere Mal etwas kompromissfĂ€higer. Überschreitet dabei allerdings bisweilen die Grenze zur Verstellung.
,Wer bin ich?‘
Es schreit in ihm, sucht verzweifelt nach Antwort. Findet keine...

Der Zug rattert durch die Gegend. Es ist sechs Uhr frĂŒh. Kalt und neblig. Und die ersten verschlafenen und lustlosen Gestalten hocken auf ihren BĂ€nken und fahren zur Arbeit. Eine Gestalt ist gar nicht verschlafen. Und noch weniger lustlos. GlĂŒcklich lĂ€sst sich Philipp den roten Feuerball ins Gesicht scheinen. Die Nacht war kĂŒrzer als kurz, aber das interessiert ihn gar nicht. Er ist so inspiriert, am liebsten wĂŒrde er ein Gedicht schreiben. Er sinniert gerade ĂŒber die BrĂ€utigamseiche. Sie ist der einzige Baum auf der Welt, an den man schreiben kann. Als er an ihren Namen denkt, fahren sie in den Eutiner Hauptbahnhof ein. Philipp sieht die ersten Bundeswehrfahrzeuge. Halbwegs ernĂŒchtert fĂ€hrt er mit dem Bus zur Rettbergkaserne, grĂŒĂŸt militĂ€risch am Eingangstor. Und seine alte Welt, die er so dringend verlassen will, hat ihn wieder. Schnell ist er auf der Stube, hat sich noch schneller umgekleidet und tritt in Uniform vor den Hauptmann. Schulz begrĂŒĂŸt ihn freundlich:
\"Guten Morgen, Herr Kroniger. Sie machen einen ausgeglichenen Eindruck. Hatten Sie ein schönes Wochenende?\"
\"Sehr schön.\"
Philipp ist ganz ĂŒberrascht ob der Freundlichkeit des Kompaniechefs.
\"Was macht die Wehrdienstverweigerung?\"
\"Den Antrag habe ich gestern abgeschickt. Jetzt warte ich auf einen Verhandlungstermin.\"
\"Gut, Herr Kroniger. Sie machen schön Ihre Grundausbildung weiter, bis Sie als Wehrdienstverweigerer anerkannt sind. Ich wĂŒnsche Ihnen eine gute Woche.\"
\"Danke, Herr Hauptmann. Ich Ihnen auch.\"
Philipp verlĂ€sst das BĂŒro. Die Persönlichkeit des Hauptmanns beeindruckt ihn. Die Bundeswehr als Institution lehnt er dagegen ab. Gedankenschwer betritt er die Stube. Seine Kameraden haben bereits ihre TrainingsanzĂŒge ĂŒbergestreift - Kalle ist ĂŒbrigens nicht mehr dabei. Der Kompaniechef hat ihn in ein anderes Ausbildungsregiment versetzt. Ab gehtÂŽs mit dem Bundeswehrbus zum StĂ€dtischen Schwimmbad. Philipp freut sich aufÂŽs Schwimmen, hat es immer gerne praktiziert. Hat kein Gramm Fett zuviel an seinem drahtigen, durchtrainierten Körper. Er springt ins Wasser, krault die erste Bahn. Philipp findet so richtig Spaß an der Bewegung. Mit dem Gegner, den er sich durch seine ZermĂŒrbungstaktik den Vorgesetzten gegenĂŒber aufgebaut hat, rechnet er nicht. Es ist ein kleines, mageres BĂŒrschchen. OffiziersanwĂ€rter. Der schreit:
\"Aufhören! Was erlauben Sie sich!\"
Philipp nimmt erstaunt den Kopf hoch. Muss sich das Lachen
verkneifen, als er das MĂ€nnchen sieht, das den Schrei ausgestoßen hat.
\"Der wirkt so Àngstlich, dass er sich vor sich selbst in die Hose scheisst.\"
Das ist das Zitat eines Stubenkameraden von Philipp. Und der Ă€ngstliche Zwerg namens MĂŒller plustert sich weiter auf:
\"Sofort aus dem Wasser `raus!\"
Da will einer drangsalieren, den man als Gegner gar nicht ernst nehmen kann. Philipp gehorcht amĂŒsiert. Zieht sich am Beckenrand hoch. Und klettert ÂŽraus.
\"Warum benutzen Sie nicht die Leiter, Flieger Kroniger?\"
\"Herr Gefreiter! Bitte entschuldigen Sie mein Fehlverhalten!\"
Einige von Philipps Kameraden mĂŒssen sich bereits das Lachen verkneifen.
\"Flieger Kroniger! Sie mĂŒssen hier gar nicht glauben, Sie wĂ€ren der tolle Hecht! Schwimmen Sie gerne?\"
\"Sehr gerne!\"
\"Gut. Dann ist das Schwimmen fĂŒr Sie gestrichen. Ziehen Sie sich an. Gehen Sie zum Mannschaftsbus. Warten Sie dort. Und in der Kaserne dĂŒrfen Sie dann nachher den Hof fegen!\"
Philipp geht auf ihn zu. Will ihn schlagen. Kamerad Peter packt ihn an der Schulter, hĂ€lt ihn zurĂŒck. Philipp hebt den Arm. Ballt die Faust. Kamerad Horst hĂ€lt den Arm fest.
\"Nur weiter so, Flieger Kroniger. Ich werde bei Ihrem Hauptmann Meldung ĂŒber Sie machen!\"
Philipps Gesicht ist vor Wut ganz rot angelaufen. Die Kameraden Horst und Peter geleiten ihn in die Umkleidekabine, passen auf, dass er nicht noch mal zum BĂŒrschchen zurĂŒckgeht. Lassen ihn dann allein, als er sich abgekĂŒhlt hat. Im Mannschaftsbus wird ihm die Zeit gar nicht lang, sie ist voller schöner Phantasien mit Iris gefĂŒllt. Und er braucht die Kraft der Phantasie, um mit der MontagmorgenrealitĂ€t fertig zu werden. Als er im Bus irgendwann das BĂŒrschchen zu Gesicht bekommt, steigt zwar die Wut wieder in ihm hoch - er beherrscht sich aber. Seine Wut ist ein Problem. Irgendwann wird sie ausbrechen. Vorerst bleibt er aber ruhig. Er sieht aus den Augenwinkeln die Silhouetten der HĂ€user von Eutin, das Witwenpalais, die Sankt-Michaelis-Kirche, das Weber-Geburtshaus vorbeiziehen. Weber, Tischbein, Voß. Vor seinem geistigen Auge erscheinen noch die schönen Skulpturen: Der junge Poet, die Schauende, der Dumm-Hans, die Lesende, das MĂ€dchen im Wind. Und freut sich auf das schöne Buch, das er sich vor ein paar Tagen gekauft hat. \"Die Traumnovelle\" von Arthur Schnitzler. Philipp findet es sehr spannend und tiefgrĂŒndig. Er sinniert ein wenig. Dann sind sie an der Kaserne angekommen. Beim Aussteigen ist er nochmal kurz davor, dem
BĂŒrschchen ein Bein zu stellen - er beherrscht sich aber. Nach dem Umziehen, kurz bevor sie wieder in Uniform antreten, begegnet ihm Kalle. Philipp schlĂ€gt ihn nicht, zischt ihn nur kurz an:
\"Verpiss dich!\"
Guckt dabei so giftig, dass Kalle wortlos verschwindet.-

Dienstagmorgen erscheinen Philipp die Schreie dreimal so laut als sonst. Der Tag beginnt grau in grau, der Himmel weint und fĂŒr Anfang Juli ist es ziemlich kalt. Philipp macht sich warme Gedanken, die ihn den Mist um ihn herum vergessen lassen. Er denkt an Iris schönen Körper. Und an ihre kluge Stimme, die ihm geraten hat, den Befehl zu verweigern. Und sich abfĂŒhren zu lassen. Philipp geht zum Hauptmann hin.
\"Ich verweigere das Schießen!\"
Er trÀgt das in einem mutigen Ton vor.
\"Flieger Kroniger. Machen Sie keinen Scheiß! Gehen Sie zu Ihren Kameraden und fahren Sie mit `raus!\"
Die Stimme des Hauptmanns ist bestimmt, aber gelassen.
\"Ich verweigere den Gehorsam!\"
Es kommt etwas dĂŒnner, dennoch entschlossen.
\"Flieger Kroniger! Das war jetzt die zweite Befehlsverweigerung!
Beim nĂ€chsten Mal lass` ich Sie abfĂŒhren!!!\"
Schulz’ Stimme klingt schneidend. Er hat die LautstĂ€rke gesteigert. Philipp steigen die TrĂ€nen in die Augen. Sein Wille ist gebrochen. Wie ein geprĂŒgelter Hund verlĂ€sst er das Zimmer. Keine Ahnung, wie er zum Schießstand kommt. Das Gewehr wiegt dreimal so schwer wie sonst. Es zittert ihm in der Hand. Sein Arm ist merkwĂŒrdig kraftlos. Kein Wunder, dass er nur Fahrkarten schießt. Nebenan die Schreierei. Wie soll es nur weitergehen?-

Philipp schwitzt. Auf dem unbequemen, harten Holzstuhl. Seit zehn Minuten lĂ€uft seine Verhandlung. Die Verhandlung, die darĂŒber entscheidet, ob er noch lĂ€ngere Zeit Frondienst verrichten muss. Oder etwas Soziales tun darf. Den Vorsitzenden, einen weißhaarigen, schmerbĂ€uchigen, ehemaligen Richter, findet er von Anfang an zum Kotzen.
\"Sie wollen also Ihr Vaterland im Stich lassen.\"
Das sind seine ersten Worte nach der förmlichen, steifen BegrĂŒĂŸung.
\"Nein. Das will ich nicht. Ich leiste meinen Dienst fĂŒr die Gesellschaft.\"
Philipps Augen funkeln Àrgerlich.
\"So. Und warum haben Sie nicht sofort verweigert?\"
\"Aufgrund meiner persönlichen LebensumstÀnde musste ich von zuhause weg.\"
\"So, so. Ich habe allerdings gelesen, dass Sie eine Ausbildung abgebrochen haben. Sind Sie so ein SchwÀchling?\"
Philipp will aufspringen und dem alten Knacker an den Kragen gehen.
\"Hören Sie. Sie haben wohl in Ihrem langen Leben nicht viel erlebt. Sie mussten nie etwas durchstehen. Sonst wĂŒrden Sie nicht so reden.\"
Philipp hat es grade noch geschafft, die Kurve zu kriegen. Zwar deutlich, aber nicht beleidigend zu werden. \"Haben Sie jetzt Ihr Abitur geschafft oder nicht?\"
\"Wie Sie meinem Lebenslauf entnehmen können, habe ich es geschafft.\"
Mike sieht, wie sich Philipps Gesicht von Neuem zu röten beginnt. Sofort beantragt er beim Vorsitzenden eine Verhandlungspause, die ihm auch gewĂ€hrt wird. Sie verlassen das BĂŒro. Auf dem Gang nimmt er Philipp beiseite:
\"Philipp! Ab jetzt fĂŒhre ich die Verhandlung fĂŒr dich. Du redest nur noch in Absprache mit mir,\" beschwört er ihn eindringlich.
\"Aber Mike -\"
\"Nix ’Aber Mike‘. Bevor du dem Alten an den Kragen gehst, muss ich eingreifen.\"
Sie gehen noch kurz ein paar Fangfragen durch. Dann wieder `rein ins BĂŒro.
\"Herr Kroniger. Wie wĂŒrden Sie handeln, wenn Sie mit ihrer Freundin abends allein durch den Wald gingen. Und von einer Person angegriffen wĂŒrden?\"
Mike nickt ihm zu. Die Antwort hatten sie vorbereitet.
\"Ich wĂŒrde uns beide verteidigen. Es gibt einen Unterschied zwischen ziviler Notwehr und sogenannter Staatsnotwehr. Wenn ich zivile Notwehr ĂŒbe, heißt das noch lange nicht, dass ich im Kriegsfalle die Waffe in die Hand nehmen muss.\"
Der Alte schweigt. Dann schickt er Philipp und Mike `raus, um sich mit den beiden Beisitzern zu beraten. Der lange Gang des ehemaligen GerichtsgebĂ€udes riecht nach Schweiß. Philipp und Mike schwitzen aus jeder Pore. Sie sind sehr aufgeregt. Nach langen Minuten quĂ€lenden Wartens werden sie schließlich `reingerufen.
\"Sie sind als Wehrdienstverweigerer anerkannt. Sie bleiben noch Angehöriger der Bundeswehr, bis Ihr WehrdienstverhÀltnis in ein ZivildienstverhÀltnis umgewandelt worden ist.\"
Der Vorsitzende sagt das in sehr unsympathischem Tonfall. Aber das interessiert Philipp nicht. Er bricht in lauten Jubel aus. Schnappt seinen Freund und stĂŒrmt aus dem Raum, das Kopfnicken der Beisitzer nicht registrierend. Auf der Straße brĂŒllt er weiter. Er kann es nicht fassen. Die Anspannung muss `raus, Erleichterung greift Raum. Es ist Freitagnachmittag und Philipp feiert mit Mike. Er haut das Geld `raus. Erst wird Mike zum Essen in ein feines Fischrestaurant eingeladen. Dann geht`s zum Freitagabendspiel nach St. Pauli. Last not least zu Peter in die Hafenstraße. Wo Philipp und Peter sich besaufen, als gĂ€be es kein Morgen. Alles auf Philipps Kosten, versteht sich. Der innerhalb weniger Stunden seinen letzten Sold verjuxt. Aber das ist ihm im Moment egal.
Um Mitternacht ziehen zwei versoffene Gestalten die Hafenstraße entlang. Unter Absingen schmutziger Lieder. Danach geht`s noch in eine WG von Peters Leuten. Es wird weiterhin um die Wette gekifft und gesoffen. Nach dem unvermeidlichen Filmriss wacht Philipp am nĂ€chsten Morgen in Peters Armen auf. In voller Montur. Sein armer SchĂ€del zerplatzt fast. Wankend sucht er den Weg zum Wasserhahn. Er hĂ€lt den Kopf unter den kalten Strahl, um wach zu werden und seinen Nachdurst zu stillen. Dann verlĂ€sst er sofort die WG. Um geschwĂ€cht und unter tödlichen Kopfschmerzen zu Peters Wohnung zurĂŒckzukehren.-

Hauptmann Schulz fragt sofort am Montagmorgen nach:
\"Wie warÂŽs, Herr Kroniger?\"
\"Ich hab`s geschafft!\"
Philipp kann vor Begeisterung kaum an sich halten.
\"Na, dann herzlichen GlĂŒckwunsch, Herr Kroniger. Ich habe Respekt vor mutigen Leuten wie Ihnen. Das wĂŒrde nicht jeder durchziehen.\"
\"Danke, Herr Hauptmann.\"
Philipp ist es fast peinlich.
\"Sie bleiben noch ein paar Wochen bei uns. Dann ist Ihr WehrdienstverhÀltnis in ein ZivildienstverhÀltnis umgewandelt. Ab Mittwoch bekommen Sie von mir Heimaturlaub. Dann können Sie sich in Ruhe eine Zivildienststelle suchen.\"
Schulz wĂŒnscht ihm noch einen guten Tag. Philipp ebenso, wie immer von der Persönlichkeit des Hauptmanns beeindruckt. Als angehender Zivi geht er zu den SanitĂ€tern, um ihnen ein wenig ĂŒber die Schulter zu schauen. Die freuen sich ĂŒber einen Interessierten. Und zeigen ihm erste Hilfe. Und wie man einen Verband anlegt. Philipp ist ganz bei der Sache. Kalle ist schon ganz weit weg. Und er vergisst beinah’, dass er sich ja immer noch in der Kaserne befindet. Immerhin, die Grundausbildung hat er nicht nur ĂŒberstanden. Sondern auch bestanden. Seine Kameraden aus den ersten drei Monaten sind praktisch alle weg, an andere Kasernen versetzt. Mit denen, die ĂŒbriggeblieben sind, hat er nicht viel zu tun. Man grĂŒĂŸt sich und geht ansonsten seiner Wege. Immerhin, der Gefreite Torsten ist immer noch Gefreiter. Sie sprechen schon mal etwas lĂ€nger und trinken nach Dienstschluss im Mannschaftsheim das ein oder andere Bier. Torsten will nach der Bundeswehrzeit Medizin studieren. Er hat sich schon mit einigen theoretischen Inhalten des Studiums befasst. Philipp lauscht begierig seinen AusfĂŒhrungen. Vage Vorstellungen verdichten sich. Und mit einem Mal sieht er am beruflichen Horizont eine neue Perspektive auftauchen. Die Tage sind insgesamt harmonischer und ruhiger geworden. Das heißt, einmal hat er noch beinahe seine zweite SchlĂ€gerei. Irgendein Kraftprotz nennt ihn einen \"Scheiß-Zivi\" und ein \"Weichei\". Philipp will ihm auf`s Maul hauen. Aber zum GlĂŒck ist grade Torsten zugegen und geht dazwischen. \"Aufhören!\"
Er drÀngt die beiden auseinander.
\"Sonst geh` ich mit euch beiden zum Hauptmann!\"
Die Kontrahenten geben sich einsichtig.-

Die Tage gehen dahin, zwischen Schreibstube, essen, Schreibstube, lesen und schlafen. Irgendwann ist der Tag X da. Der Tag des Abschieds. Philipp hat sich ganz fest vorgenommen, mit zwei lachenden Augen zu gehen. Zuerst verabschiedet er sich von Torsten, dann vom Spieß. Nickt dem ein oder anderen freundlich zu. Schließlich klopft er ein letztes Mal beim Hauptmann. Ertappt sich dabei, wie er militĂ€risch grĂŒĂŸen will. Nimmt die Hand schnell wieder `runter. Schulz lĂ€chelt jovial.
\"Herr Kroniger. Das ist jetzt nicht mehr nötig. Schließlich sind Sie ab morgen Zivildienstleistender.\"
\"Ja, Herr Haupt-, wollte sagen Herr Schulz.\"
\"Ist schon gut, Herr Kroniger. War ja nicht immer einfach mit Ihnen. Aber wie ich Ihnen schon mal sagte: Sie sind ein intelligenter junger Mann. Machen Sie was draus.\"
Philipp schweigt. Trotz seiner Sympathie fĂŒr ihn will er sich vom Hauptmann nicht beeinflussen lassen.
\"Denken Sie mal darĂŒber nach.\"
Philipp nickt nur. Seine Nachdenklichkeit paart sich mit Verlegenheit.
\"Werd’ ich machen, Herr Hauptmann.\"
\"Schulz.\"
Philipp lÀchelt. Es menschelt.-

- ENDE -


__________________
thora

Version vom 25. 05. 2010 14:13
Version vom 28. 05. 2010 23:10

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