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Os
Am 2.Januar 2012 wäre Os 78 Jahre alt geworden. Ich traf ihn an elf Sonntagen des vergangenen Sommers im Garten der Seniorenresidenz Villa Ahorn, an einem Nebenlauf der Alster gelegen. Altersheim dürfen derartige Bewahranstalten heute nicht mehr genannt werden. Er erzählte mir Ausschnitte aus seinem Leben und ich habe seine ungewöhnliche Geschichte aufgeschrieben. Zu den ersten sieben Jahren konnte er nicht viel sagen, da er davon nichts mehr wusste. Ich habe bei einer noch lebenden älteren Cousine recherchiert, denn die ersten Lebensjahre waren für seine spätere Entwicklung wie für jeden Menschen entscheidend wichtig. Nach dem Treffen mit dieser Dame ging ich, bevor ich meinen Text in den PC tippte, durch meine Wohnung und strich mit den Händen über all´ die unbenutzten Gegenstände, die einmal so etwas wie ein neues Leben möglich erschienen ließen. Diese körperlichen Dinge waren mir zum Zeitpunkt des Erwerbes jeweils sehr wichtig, da ich mir am besten über Anschauen und Ertasten sinnliche Eindrücke verschaffen konnte. Mental folgte ich dem Leitspruch, das Unmögliche zu versuchen, um das Mögliche zu erreichen. Ich wurde von einer Mischung aus Melancholie und Erwartung erfasst, als sei die Gegenwart meines Betastens der Gegenstände und des bevorstehenden Schreibens auf einen kurzen Augenblick zusammengeschrumpft und getrennt vom Vergangenen und Zukünftigen, das mir weit entfernt schien.
Geburt 1934
Os wurde schon vor seiner Geburt, im Jahr der Machtergreifung Hitlers 1933, als Fötus wild herumgeschleudert. Seine Mutter war Tochter eines Gutsbesitzers, der auch Bürgermeister eines Dorfes in der Nordheide war, in dem jetzt auch ihre Familie wohnte. Sie war sehr privilegiert und konnte sich zweier Pferde des Gutshofes für Ausritte in die Wälder bedienen. Nach der Heirat lebte sie mit ihrem Ehemann im selben Dorf in einer umgebauten Kate. Sie versuchte Os in wilden Ritten abzutreiben, denn sie wollte keine Kinder, schon gar nicht in dieser Nazizeit. Aber sie hatte damit keinen Erfolg. Os wollte leben. Doch seine Nabelschnur wickelte sich wegen der Drehungen im Leib der Mutter zweimal um den Hals und drohte ihn zu strangulieren. Mit beginnendem Gehirnwachstum im siebten Monat entwickelte sich vermutlich schon im Mutterleib ein unangenehmes Angstgefühl, so dass Os den achten und neunten Monat seines pränatalen Daseins einfach ausblendete, um zu überleben. Er wurde dann termingerecht nach neun Monaten am 2.Januar 1934, gleich nach Neujahr, unter Lachgasnarkose per Kaiserschnitt ins Leben geholt, wovon er natürlich wegen der Betäubung nichts mitbekam. Wahrscheinlich führte das auch dazu, dass er im späteren Leben nie physisch kämpfen lernte und ein mieser Sportler in der Schule wurde, denn die mühsame Arbeit durch den engen Geburtskanal seiner Mutter wurde ihm vorenthalten. Blau angelaufen betrat er so die Welt, eine gewisse Urangst im Gepäck.
Über die ersten Jahre seines Lebens und die erste Klasse seiner Schulzeit gab es nicht viel zu berichten. Seine geistige Entwicklung verlief überdurchschnittlich gut, da beide Eltern schon im vierten Lebensjahr begannen, ihrem einzigen Sprössling jeden Nachmittag zwei Stunden Lesen und Schreiben beizubringen. Die Erziehung wurde vor allem vom Vater, der eigentlich zehn Kinder den Nazis zur Verfügung stellen wollte, sehr streng reglementiert. Schläge, für die er sich zuständig erklärte, waren bei Regelverletzungen an der Tagesordnung. Wenigstens sein einziger Sohn sollte ein brauchbares Mitglied im Sinne des Nationalsozialismus werden. Mutter war von ihrer Grundhaltung eher gegen die Nazis eingestellt und wollte keine Kinder für dieses Pack in die Welt setzen.
8. Lebensjahr 1941
Die Sowjetunion wurde am 22. Juni von Nazideutschland angegriffen. Das Reich wollte mehr Lebensraum für ihre Arier schaffen.
Erstes Treffen im Garten der Seniorenresidenz Villa Ahorn. Ich erfuhr:
Os Vater war Sohn eines evangelischen Dorfpastors und arbeitete als Chirurg im Krankenhaus der naheliegenden Kreisstadt. Vor dem Essen wurde immer gebetet und dann sollte schweigend gespeist werden. So auch am Donnerstag, dem siebten Geburtstag seines immer noch einzigen Sohnes. Der Beginn dieses achten Lebensjahres blieb besonders intensiv in Os´ Erinnerung haften. Nach dem Gebet wurde zunächst wortlos gegessen, bis Vater das Schweigen brach: „Oskar, setz´ dich ordentlich hin!“ Oskar richtete sich auf. Etwas später wieder der Vater: „Oskar schmatz´ nicht!“, und so ging das weiter: „Oskar halt´ die Gabel nicht wie eine Schaufel,…klappere nicht mit dem Messer.“ Die Mutter saß stillschweigend mit gesenkten Augen und genervtem Gesichtsausdruck am Tisch, wagte ihren Mann nicht anzuschauen, starrte auf ihren Teller.
Nach einiger Zeit fragte Oskar ganz ruhig: „Vater, warum schmatzt du denn jetzt und lehnst dich zurück auf deinem Stuhl?“
„Unverschämter Bengel!“, schreit der Vater und knallt sein Besteck auf den Teller. Du kommst nach dem Essen in mein Arbeitszimmer. Mutter sagte nichts, wusste aber, dass Prügel verteilt werden sollten.
Es gab 30 Rohrstockhiebe auf den blanken Po, die Oskar, ohne einen Laut von sich zu geben, ertrug. Aber er fasste nach dem 21.Schlag einen weitgehenden Beschluss. Er wollte in Zukunft nur noch jeden siebten Schlag wahrnehmen und die anderen ignorieren. So konnte er die weiteren Schläge bis 30, dem Standard seines Vaters, weitgehend ausblenden. Zurück in seinem Zimmer beschloss er auch, nur noch jede siebte unangenehme Frage zu beantworten, nur jede siebte Bitte zu erfüllen und nur jede siebte Rüge zu ertragen. Und er wollte nur noch jeden siebten Buchstaben seines Namens benutzen. Doch da dann lediglich der Buchstabe O blieb, machte er hier eine Ausnahme und nannte sich fortan Os, die ersten beiden Buchstaben seines Vornamens. Vater hatte ihm zur weiteren Strafe aufgegeben, zehnmal alle zehn Gebote sauber aufzuschreiben. Os konnte dank des Trainings seiner Eltern schon vor seiner Einschulung fast fehlerfrei schreiben. Doch auch in diesem Fall beschloss er lediglich das erste und das achte Gebot ein erstes und ein achtes Mal zu Papier zu bringen und schrieb ohne Fehler, denn die Gebote hingen jederzeit sichtbar auf einer Tafel in der Küche an der Wand:
Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben
Du sollst kein falsches Zeugnis von dir geben wider deinem Nächsten.
Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben
Du sollst kein falsches Zeugnis von dir geben wider deinem Nächsten.
Vater holte den Zettel am Abend ab und schimpfte. „Was soll das? Ich hatte dir aufgetragen zehnmal alle zehn Gebote aufzuschreiben. Heute hast du noch Geburtstag, aber dir werd´ ich´s schon zeigen. Morgen sprechen wir uns.“
Der zweite Tag des achten Lebensjahres begann nach der Schule mit einer Standpauke seines Vaters nach dem schweigend verbrachten Mittagessen. Os ließ wie geplant nur jeden siebten Satz in sich hinein. Die anderen schaltete er auf Durchgang, zum einen Ohr rein, zum anderen wieder raus. Bis Sonntagabend saß er seinen Hausarrest ab und ging Montag wie gewohnt zur Schule, in der er sich am wohlsten fühlte. Vater wurde am Ende des Monats kurzfristig einberufen und musste an die neu aufgemachte Ostfront.
15. Lebensjahr 1948
Der Krieg war überstanden. Die alliierten Gegensätze in der deutschen Frage spitzten sich zu, eine Währungsreform und die Berlin-Blockade bestimmten das politische Geschehen. Der Schrecken wurde in den Familien weitgehend verdrängt und man war mit der Beschaffung von Arbeit, Nahrung und Brennmaterial ausgelastet.
Zweites Treffen im Garten der Seniorenresidenz Villa Ahorn. Ich erfuhr:
Os Vater war aus dem Russlandfeldzug, in dem er als Stabsarzt im Feldlazarett operierte, nicht zurückgekommen. Er fiel schon im Frühjahr 1942, als eine Granate das Lazarett mitten beim Amputieren beider Beine eines schwerverletzten Soldaten traf. Mutter half bei der Wiederinbetriebnahme der Schule in ihrem Dorf, indem sie in ihrem erlernten Beruf als Grundschullehrerin arbeitete. Der Tod des Vaters hatte sie nicht sonders berührt, schien sie eher zu erleichtern. Ihre materielle Situation war dank ererbter Vermögen von ihren verstorbenen Eltern erträglich. Das Gutshaus musste sie zwar verkaufen, da sie es nicht erhalten und bewirtschaften konnte, aber die Versorgung mit Lebensmitteln und Brennmaterial klappte zufriedenstellend.
Die Pubertät hatte Os als Frühreifer überstanden. Seine Hirnanhangdrüse sendete regelmäßig und zuverlässig hormonelle Signale in die dafür zuständigen Organe, um Testosteron ins Blut zu transferieren. Sein Sieben-Regel-Schema behielt er bei, denn das Gehirn hatte vermutlich diese Struktur so verinnerlicht, dass sie nicht mehr veränderbar erschien. Das hatte den Vorteil, dass er nach wie vor die meisten negativen Ereignisse, die natürlich nicht ausblieben, einfach ausblenden konnte.
Am Morgen des ersten Tages der Sommerferien brachte Os´ nun alleinerziehende Mutter ihm ausnahmsweise einen Becher Kakao ans Bett. „Alles Gute zum Ferienbeginn“, sagte sie und weiter „jetzt bist du groß und kannst vernünftig werden.“ In ihrer Stimme lag eine kaum wahrnehmbare Schärfe, die Os nicht entging und vermuten ließ, das wäre ein ehernes Gesetz, welches unbedingt eingehalten werden musste. Da hatte der Vater wohl sein Erziehungswerk auch bei ihr nachhaltig hinterlassen, ohne dass ihr das bewusst war. Von wegen „Du kannst.“ Er musste! Dabei hatte Os sich gerade in seine Klassenkameradin Estella – er ging inzwischen aufs Gymnasium der nahe gelegenen Kreisstadt - verliebt. Er glaubte zu spüren, dass sie ihn auch mochte. Die weiteren Ratschläge seiner Mutter konnte er nach seinem Sieben-Regel-Schema ignorieren.
Estella war ein großes brünettes Mädel, etwas breitschultrig – eher wie ein Junge in seinem Alter -, mit schmaler Taille. Sie hatte hellgrüne Augen mit braunen Sprengseln in der Iris und wirkte sehr sportlich. Sie war beliebt bei den Jungs seiner Klasse und wurde in all´ den Dingen, die sie tat, beobachtet, wie die Kurve eines Wehenschreibers im Kreißsaal einer Gebärklinik, denn sie war ein sehr aktiver Mensch. Os galt als schüchtern, doch in diesem Fall wusste er, dass es geschehen musste. Und es geschah.
Eines schönen Sommertages nach den Ferien hatten sie sich zu einem Spaziergang im nahegelegenen Wald des kleinen Kreisstädtchens verabredet, um gegenseitig Vokabeln für den Englischtest am nächsten Tag abzuhören. Das erledigten sie schnell und schmerzlos, denn sie waren gute Lerner in Sprachen. Als sie in der Sonne auf der weichen Decke, die Estella in ihrem Rucksack mitgebracht hatte, saßen, erlebte Os zum ersten Mal das Gemisch aus Erregung, Liebe und Verlangen, wonach er im späteren Leben immer wieder suchte. Estella hatte kleine feste Brüste, die auf ihrem fliederfarbenen T-Shirt klare Konturen zeichneten, so dass er seinen Blick nicht entlassen konnte. Ihr entging das nicht. Ein unerklärliches Lächeln versuchte sie mit ihren grünen Augen zu unterdrücken, doch es gelang nicht. Sie vermittelte plötzlich das sichere Wissen, dass er ganz in Ordnung sei, wobei ihr Körper damit kaum etwas zu tun hatte. Os spürte ihre Seele, die ihn anstrahlte, genauso wie ihre grünen Augen ihn erleuchteten. Ihre Körper öffneten sich und sie taten es. Bei Sonnenuntergang gingen sie dann schweigend Hand in Hand zurück ins Städtchen.
Der Rest des Sommers wurde eine Folge sinnlicher Strudel, die sie vor der Außenwelt geheim halten konnten, denn es waren sehr prüde Zeiten. In Worte waren die sinnlichen Erlebnisse nicht zu fassen, denn ein völlig neues Vokabular wäre dazu notwendig gewesen. Os hatte damals nicht die leiseste Ahnung, weder auf Deutsch, noch auf Englisch, wie es hätte aussehen können. Körper-Seelensprache wäre wohl der treffendste Ausdruck für das Ping-Pong ihrer Austauschvorgänge gewesen. Er spürte in dem folgenden Jahr immer wieder, dass er bei jeder Begegnung etwas Neues entdeckte, was ihn rührte, erregte oder faszinierte. Die sanfte Linie ihrer Hüfte, die vorwitzigen, absurd schönen Schlüsselbeine, die zarten, fast durchsichtigen Härchen in ihren Achselhöhlen und die Straffheit ihrer Pobacken. Und die erigierten Brustwarzen, die sich wie aufmüpfige Rosinen, die wieder zu großen ursprünglichen Weintrauben werden wollten, erhoben, wenn er sie zart streichelte. Und nicht zu vergessen ihre betäubend nach Vanille duftende Haut. Nach dieser ersten Liebe wurden Frauen zu Sternen seiner Obsession, zum eigentlichen Wesen der Dinge, wie die Erde, die sich um die Sonne dreht.
Os kam beim Erzählen noch heute nach so vielen Jahren ins Schwärmen. Unsere weiteren Treffen fanden auch nach dem Sieben-Regel-Schema statt, d.h. jeder siebte Tag und jeder siebte Geburtstag dienten als Leitkriterium unserer Gespräche.
22. Lebensjahr 1955
Die Besatzungszeit in der DDR und der BRD endete. Gleichzeitig wurden beide Länder mit der Gründung des Warschauer Paktes bzw. der Aufnahme in die NATO fest in ihre Blöcke eingebunden. Bundeskanzler Konrad Adenauer erreichte auf seiner Moskaureise die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zur Sowjetunion und die Heimkehr der letzten deutschen Kriegsgefangenen. Gleichzeitig schloss seine Regierung jedoch die Aufnahme von Beziehungen zur DDR mit der Hallstein-Doktrin aus. Die Verdrängungsjahre der Kriegsgreuel hielten an. Viele Altnazis saßen immer noch oder schon wieder auf wichtigen Posten.
Kaffeetrinken im sonnigen Garten der Villa Ahorn zum dritten Gespräch. Ein paar Kanus glitten den Alsterlauf entlang. Ich erfuhr:
Os hatte sein Abitur mit Bravour bestanden und studierte jetzt Betriebswirtschaft in Hamburg. Seinen 22. Geburtstag hatte er in besonders schlechter Erinnerung. Er konnte das Geschehen nicht ignorieren, da sein Sieben-Regel-Schema dieses nicht zuließ.
Am Nachmittag seines Geburtstages wollte sein zweite Studienfreundin Giulia ihn besuchen. Nach dem stillen Kaffeetrinken brach am Abend dieses Wintertages plötzlich die Dunkelheit ein. Finstere Gewitterwolken überzogen den Himmel. Os wurde verbannt, doch, dass es an jenem Abend geschehen würde, wusste er nicht. Giulia war Italienerin und wollte mit einem anderen Kommilitonen, Mario, einem Landsmann, in den kommenden Semesterferien verreisen. Sie hatte mit Os abgerechnet und gehörte nicht mehr zu ihm.
Sie saßen am Küchentisch bei einem Glas Wein. Sie schaute ihn nicht an, starrte auf den Kühlschrank schräg hinter ihm und sagte: „Ich will mich nicht an dich gewöhnen“, und es hörte sich an wie ein Tagesordnungspunkt auf einer Lehrerkonferenz, die über eine Disziplinarmaßnahme gegen einen Schüler zu entscheiden hatte. Os schwieg.
Nach einer langen Weile der Totenstille - nur der Kühlschrank brummte ab und an vor sich hin – richtete sie ihre Augen auf ihn. Sie tat das in der Form wie die Scheinwerfer eines Autos in einer Kurve schwenken, ohne dass der Kopf die Bewegung mitmachte. Er schwieg weiter. Eigentlich wusste er schon, dass es niemals etwas werden würde mit ihr, denn er gehörte zu den Menschen, die intuitiv spürten, was passierte. Ihre neue Liebe war jetzt zum Friedhof seiner alten geworden. Sie drehte ihren Kopf jetzt ganz zu ihm hin und fragte: „Was ist los mit dir?“ Er sagte: „Was soll los sein? Du hast entschieden.“
Es herrschte eiserne Stille. Nur noch ihre starren Körper waren beteiligt. Nach unendlichen Minuten stand sie auf, ging in den Flur, zog ihren Mantel an und verschwand. Ihre Schritte verhallten mit abnehmender Lautstärke im Hausflur, nachdem die Wohnungstür ins Schloss fiel. Das war die endgültige Tilgung ihrer Liebe, dem Verschlingen der Zeit zwischen dem ersten Blick auf der Vernissage eines befreundeten Künstlers und dem Zuschlagen der Haustür seiner Studentenbude in Hamburg-Eimsbüttel.
Im Sommer beschloss Os etwas für seine körperlichen Genüsse zu tun. Er hatte sich öfters Massagen geben lassen, weil er sich häufig verspannt fühlte, wahrscheinlich eine Folge der verdrängten Schläge aus seiner Kindheit, aber das wusste er nicht. Jetzt wollte er testen, ob auch aktives Massieren seine Sinne anregt. Kurzentschlossen meldete er sich zu einem Kurs in der Holsteinischen Schweiz an.
Es war wunderbar und hatte gefunkt – ganz ohne Planung. Als er seine Hände mit sanftem Druck den Rücken hinab und dann die Hüften hinauf bei Marie, dem Rotschopf aus der Gruppe, gleiten ließ, entwichen zarte Lustseufzer aus dem Mund dieser Schönen. Da er das Sonnenlicht auf einem Blatt, die Anmut des Windes, den Faltenwurf eines Vorhangs zu schätzen wusste, wurde es möglich, dass er den Garten der Liebe in diesem unerwarteten Moment betrat. Es war um ihn geschehen. Er hatte viel über Tibet gelesen und erinnerte sich an das Sprichwort „Besser ein Tag Tiger sein als tausend Jahre Schaf“ und wusste, was zu tun ist: Spaziergang am See, Verführung, Glückseligkeit. Wenn ein Mann verliebt ist, sieht das Blatt noch schöner aus, sind Schultern noch lieblicher, Hüften noch sinnlicher.
Abends im Bett liebkosten seine Hände und sein Mund Marie, seine Zunge ertastete nach und nach die geheimsten Regionen ihres Körpers. Es war, als tauchte er sein Gesicht in eine Schale reifer Früchte und atmete deren Düfte ein. Pfirsiche, Äpfel, Birnen. Alles an ihr war sinnlich und frisch. Er begann zu fühlen, ohne sich mit der Bildung von Sätzen oder der Wahrnehmung von Bildern aufzuhalten. Er fand, dass es seine Empfindungen steigerte, wenn sie taktil blieben und nicht in Worte oder Bilder gefasst wurden. Seine Gefühle konzentrierten sich nicht mehr einzig auf seine Lendengegend. Vielmehr errötete seine Haut, die Augen wurden intensiver blau, die Eingeweide lösten sich auf und fingen an zu fließen. Und er war weder gespalten noch eins, war nichts und alles. Er war hier und überall zugleich. Sein Traum nach einer neuen Beziehung wurde wahr.
Marie wohnte in Hannover und war fünf Jahre älter. Sie besuchten sich fast jedes Wochenende. Nach seinem Examen beschlossen sie zu heiraten. Marie hatte eine sehr große Jugendstilwohnung geerbt, in die er mit einziehen konnte. Er nahm seine erste Stelle als Akademiker an und wurde Wirtschaftsjournalist bei der Hannoverschen Presse, bei der auch Marie in der Kulturredaktion arbeitete.
29. Lebensjahr 1962
Die Kubakrise im Oktober war eine äußerst ernste Konfrontation zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika und der Sowjetunion, die sich um die Stationierung sowjetischer Mittelstreckenraketen auf Kuba drehte. Die eigentliche Krise dauerte dreizehn Tage, und es folgte eine Neuordnung der internationalen Beziehungen. Mit der Kubakrise erreichte der Kalte Krieg eine neue Qualität und die Overkill-Kapazitäten beider Supermächte wurden erstmals deutlich. Während des Konflikts wurde der Ausbruch eines Atomkrieges als wahrscheinlich angesehen. Es wurde in Westdeutschland inzwischen politisch demonstriert. Os war oft dabei.
Viertes Gespräch, diesmal im Gemeinschaftsraum der Villa Ahorn, da es im Freien regnete. Ich erfuhr:
Den Geburtstag zu Beginn des Jahres hatte Os besonders heftig in Erinnerung, da er einschneidend für sein weiteres Leben wurde. Am Abend fand er zufällig eine Flasche weißen Rum im Kleiderschrank seiner Frau, als er frisch gewaschene Wäsche von ihr hineinlegen wollte. Ihm wurde blitzartig klar, dass sie wohl Alkoholikerin sei. Bisher war ihm nie der Gedanke gekommen, obwohl er schon des Öfteren bemerkt hatte, dass sie manchmal sehr viel trank. So auch heute. Aber da das nicht regelmäßig geschah, und in Gesellschaft bisweilen sehr viel getrunken wurde, hatte er sich nichts dabei gedacht. Als er sie zur Rede stellte, bestritt sie Alkoholikerin zu sein. Doch bei seinem nächsten Hausarztbesuch fragte ihn der Arzt, ob er wüsste, dass die Leberwerte seiner Frau auf einen Alkoholismus hindeuteten. Os fiel aus allen Wolken und informierte sich über dieses Suchtverhalten. Da seine Frau als Quartalssäuferin einzustufen war, musste etwas geschehen. Es folgte eine Odyssee diverser Therapieversuche. Doch auch Sitzungen bei den Anonymen Alkoholikern wurden nach kurzer Zeit von ihr wieder abgebrochen. Nach vielen Gesprächen verabredeten sie, dass sie eine Entziehungskur machen müsse, um erst einmal trocken zu werden. Anfang Februar sollte sie beginnen. Os erinnerte sich noch sehr genau an den Dialog mit seiner Frau.
Es war sehr kalt. Der ICE nach Basel musste in einer Stunde eintreffen.
„Was wollen wir trinken“, fragte Os. Er stellte den Koffer in der Cuba-Bar am Bahnhofsplatz in Hannover ab und schob den Hintern auf den Barhocker.
„Schön hier“, sagte seine Frau und setzte sich neben ihn. „Lasst uns Cuba Libre bestellen.“
„Zwei Cuba Libre“, sagte er zur Barfrau hinter dem Tresen.
„Große?“, fragte diese.
„Ja, zwei große“ sagte seine Frau.
„Ich nur einen kleinen“, sagte er.
Die Barfrau mixte die Drinks und stellte sie auf die Theke vor die Gäste. Sie guckte sich die beiden genauer an und ging etwas zurück.
Seine Frau nahm einen gierigen Zug und schaute sich dann um. Sie blickte aus dem Fenster. Auf dem Bahnhofsvorplatz schneite es. Der Wind wirbelte die Schneeflocken durcheinander. Die Menschen hetzten gebückt über die große Fläche. Reklameleuchten flackerten an den Häusern gegenüber. „Wie Irrlichter“, sagte sie.
„Ich hab´ noch nie eins gesehen“, sagte er.
„Was zeigt denn die Tafel am Kaufhaus gegenüber?“ fragte sie.
„Sinalco ist Kult.“
„Das möchte ich jetzt trinken.“ Sie stürzte den Cuba Libre hinunter.
Er nippte am Glas und rief die Bedienung: „Hallo, haben Sie auch Sinalco?“
„Ja sicher.“
„Bitte bringen sie uns zwei Flaschen.“
„Es schmeckt bestens“, sagte er und setzte sein Glas ab. „Und ist viel gesünder als der weiße Rum im Cuba Libre!“
„Ach, hör schon auf damit“, sagte sie. „Ich genieße gerade die Wärme hier drin.“ Sie strich über ihren Bauch und schaute hinaus in das Schneetreiben.
„Es ist wahnsinnig schön“, sagte sie. „Die Reklameleuchten sehen eigentlich gar nicht aus wie Irrlichter. Ich sehe nur das Aufflackern der Lichter, die die Schneeflocken zum Glitzern bringen. Wollen wir noch etwas trinken?“
“Gut.“
„Der Rum wärmt meine Seele“, sagte sie.
„Es ist wirklich eine gute Klinik in den Bergen,“ sagte er. „Dir wird es gefallen.“
Sie senkte den Blick und starrte den Fußboden an.
„Ich weiß, dass du keine Angst hast Marie. Du wirst es schaffen.“
Sie schweigt….
„Und was wird nachher?“
„Nachher wird es so schön wie früher.“
„Warum glaubst du das?“
„Es ist doch das Einzige, was uns in Streit geraten ließ.“
„Und du glaubst, dass wir dann wieder glücklich werden?“
„Ja, ich weiß es. Du brauchst keine Angst zu haben.“
Marie stand auf und sagte: „Lass´ uns zum Bahnsteig gehen. Ich möchte den Zug nicht verpassen.“
„Ja. Fühlst du dich jetzt besser?“
„Es geht mir großartig“, sagte sie.
Marie hatte auch diese Therapie nach kurzer Zeit abgebrochen und soff weiter. Os reichte im nächsten Jahr die Scheidung ein und zog aus der gemeinsamen Wohnung aus. Das hatte natürlich seinen emotionalen und finanziellen Preis, wovon er sich erholen musste.
36. Lebensjahr 1969
Neil Armstrong, ein ehemaliger amerikanischer Testpilot und Astronaut, betrat als erster Mensch den Mond. Die Manson Family ging mit den Tate-LaBianca-Morden in die Geschichte ein. Die Beatles spielten ihr letztes öffentliches Konzert auf dem Dach der Apple-Studios in der Londoner Savile Row. Die Horla-Kommune Köln mit einem äußerst radikalen polit-kulturellen Ansatz der 68er Studentenbewegung gab vier Ausgaben einer Kinder-Agitationszeitung heraus, die zur Durchsuchung des Republikanischen Clubs in Köln führte und Heinrich Böll veranlasste, sich mit dieser Aktion zu solidarisieren. Endlich kam politische Bewegung in die Erstarrung der bundesrepublikanischen Wirklichkeit, was sich zum Beispiel in der Studentenparole "Unter den Talaren der Muff von tausend Jahren" ausdrückte. Eine sexuelle Revolution der jungen Leute stellte die Prüderie in den Schlafzimmern der Elterngeneration in Frage.
Fünftes Gespräch, zunächst im Garten der Villa Ahorn und dann Fortführung wegen eines Gewitters in seinem Zimmer. Ich erfuhr:
Inzwischen war Os wieder nach Hamburg gezogen und arbeitete in der Logistikabteilung eines großen Speditionsunternehmens, denn in Hannover hielt ihn nichts mehr. Die Studentenrevolte nahm er mit Wohlwollen wahr und beteiligte sich auch aktiv an politischen Demonstrationen. Den Geburtstag feierte er mit seinem neu gewonnen Freund Hannes, mit dem er regelmäßig Tennis spielte. Sie hatten sich zwei Tage frei genommen und wollten ihre Scheiterungen beim weiblichen Geschlecht “feiern“. Hannes machte vor einer Woche Schluss mit seiner Freundin Iris. Sie wollte ein Kind und er nicht. Os war von seiner Flamme Eva, mit der er in seiner Phase serieller Monogamie in getrennten Wohnungen liiert war, nur noch genervt. Sie konnte einfach nicht loslassen, hatte keinen Spaß am Sex, hielt am liebsten immer nur Händchen. Sie war eher der Typ Seelchen und passte nicht zu seiner körper-geist-fixierten Wesensart.
Beide wollten die Frauen vergessen, in der Art des Vergessens wie einen Regenschirm, den man in der U-Bahn liegen lässt und an den man erst wieder denkt, wenn ein Regenschauer aus heiterem Himmel überrascht. Deshalb gingen sie in die Muschibar auf der Großen Freiheit in St Pauli. Allzu viel erinnerte Os nicht mehr, denn es gab wohl keine größere Diskrepanz als die zwischen der gesamten Zeit des Besäufnisses und den abgesplitterten Teilen von Nebel und Klarsicht.
Die Bar war schmal, lang und dunkel und lag direkt neben dem Starclub. Viele Musiker kamen nach ihrem Auftritt um abzuhängen. Einige wurden später sehr berühmt. Viele Kunden waren zu spießig oder zu knauserig, zu den Huren zu gehen oder sich eine Freundin zu halten. Sie saßen lieber an der Bar und betrachteten Lenas große Titten, die sie wie eine Dünenlandschaft vor sich her trug. Sie streckte sie gern den lüsternen Blicken der Männer entgegen, die dann in fortgeschrittenem Alkoholstadium manchmal zulangen durften. Zu späterer Stunde legte sie die schwer gewordenen Brüste auf ihrem Tresen ab um sie zu entlasten. Den Männern gefiel das. Das Vergnügen musste mit einem endlosen Strom Wodka, Gin oder Whisky bezahlt werden. Lena gefiel das. Os gefiel das Tittenbetrachten mit einem gewissen vernebelten Gehirn und entsprechendem Blick auch. Die wüstenwindähnlichen Besteigungen und Austauschvorgänge, und die sinnlosen Streitereien und nutzlosen Gespräche mit Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts ertranken zu später Stunde im Gelalle der Gefühle. Beide vergaßen sie, die Frauen und die Gefühle, in der Art, bei der man vergisst, was man vergessen hat.
Hannes und Os nahmen sich zur Sperrstunde ein Taxi und lagen sich weinend auf dem Rücksitz in den Armen. Die Sintflut bahnte sich ihren Weg. Die verletzte Seele brauchte ein Ventil. Der Fahrer musste sie in Hannes´ Wohnung bringen, da er den Schlüssel nicht mehr ins Loch brachte und Os es auch nicht schaffte. Sie wachten erst am frühen Nachmittag, immer noch katerisiert, in voller Montur in Hannes französischen Bett auf. Sie beschlossen nach dem Duschen in die Milchbar Lucky Kuh in der Altstadt zu gehen, denn der Kühlschrank war leer wie das Gehirn, das außer Schmerz nichts mehr belastete. Der kleine Spaziergang tat ihnen gut. Sie konnten ihre Köpfe etwas entlüften und mussten feststellen, dass es ohne Frauen auch nicht schön ist.
Im Sommer desselben Jahres lernte Os Vera kennen. Doch die Beziehung hielt nur drei Monate. Os fühlte sich wieder sehr allein. Was er auch vorhatte, es lag noch im Nebel, aber Vera ging ihm nicht aus dem Kopf, da er sie in einem Café an der Elbe gesehen hatte. Sie saß dort mit einem fremden Mann in angeregte Unterhaltung vertieft. Seltsam, dass man mit einer Frau ins Bett steigen konnte und schon ein paar Wochen später von ihr nichts mehr wusste, und dass doch der Gedanke an sie ihn aus der täglichen Lethargie holte. Die Gegenwart dieses Denkens war wie beharrliches Unkraut. Es kehrte Tag für Tag mit derselben Gestalt zurück, und dennoch erwartete er etwas Neues. Hatte auch Vera dieses Neue bei ihm gesucht? Wollte sie ihn deshalb verantwortlich für ihr Nicht-Mehr-Geschehen machen?
Der Abend dunkelte und schlich mit Einsamkeit und Stille in den Zimmern seiner kleinen Wohnung umher, überfiel ihn von allen Wänden. Er fragte sich, ob er die Trennungserfahrung wie eine Lampe ausschalten konnte. Das hatte er zunächst gedacht und versucht. Er glaubte an einem Punkt angekommen zu sein, wo das Leben ihm das Notwendige beigebracht hätte, aber alles drehte sich nur noch im Kreis. Immer dasselbe, nur jedes Mal etwas schwerer zu ertragen.
Vera warf ihm vor, dass er keine Gefühle zeigte, wenn es angebracht war. Doch wann war etwas angebracht und wann nicht? Er wusste es nicht. Sie meinte, von Männern wie ihm müsse man sich fernhalten. Nur dann kann einem nichts mehr passieren. Aber was ist dann, wenn nichts mehr passiert?
Sein Leben in Bezug auf Frauen bestand nach seiner Scheidung von Marie aus Ereignissen, die keinen Zusammenhang durch diese oder jene Vorstellungen hatten. Vera war ihm einfach geschehen. Er kam an einem sonnigen Spätsommertag im Stadtpark auf einer Bank am See mit ihr ins Gespräch. Sie verliebten sich, zumindest glaubte er das. Im Verlauf ihrer Treffen hatte sie ihm Liebe oder zärtliche Worte, ja beides zu Teil werden lassen, und inzwischen wusste er, sie hatte Antworten erwartet. Er war es nicht gewohnt, dass ein Gefühl mehr bedeutete, wenn man es beim Namen nannte. Er war dankbar für ihre Gesellschaft und hätte ihr zumindest ab und an sagen müssen, dass sie ihm fehlte, wenn sie nicht bei ihm war. Er hielt das nicht für notwendig, denn er fühlte sich wohl in ihrer Nähe. Manchmal hatte er allerdings Angst ihr so nah zu kommen, dass er herausfinde, wie fremd sie ihm war, obwohl sie auch zusammen ins Bett stiegen und schönen Sex hatten.
Nach ein paar Wochen wurden ihre Treffen seltener und kürzer. Ihre Abwesenheit begann Stück für Stück länger zu werden. Er sah das, lange bevor es da war, denn Veras Blicke wurden undurchdringlicher und ihr Schweigen greifbarer, bis sie eines Tages nicht mehr kam. Sie hinterließ in ihm das Gefühl, als würde sein Leben weggeschleudert.
Os spürte nach dem Wiedersehen von Vera, dass wieder Angst und Trotz sein Gehirn belagerte und den Magen übelte, ging auf seinen Balkon um frische Luft zu schnappen, und schaute in den Himmel. Die Sterne ließen sich an dem Abend nicht blicken. Sie wurden von niedrigen Wolken verdeckt, die von den Lichtern der Stadt angestrahlt und vom Wind gejagt wurden, wobei dieser Winterluft vor sich hertrieb. Er konnte durchatmen und ging nach ein paar Minuten fröstelnd zurück ins Wohnzimmer. Kein einziges Wort von dem, was Vera in ihren schönen Zeiten hier geäußert hatte, war aus dem Raum entschwunden. Wie greifbare Gegenstände standen die Sätze irgendwo zwischen den Möbeln und Pflanzen. Da gab es kein Entkommen. Er hörte alles, was sie sagte und fühlte sich schuldig geworden an der Liebe.
43. Lebensjahr 1976
Ulrike Meinhof wurde in ihrer Zelle im Gefängnis Stuttgart-Stammheim erhängt aufgefunden, Vietnam wurde nach langem Krieg wiedervereinigt und die chinesische Kulturrevolution fand ein Ende. Os war wieder verheiratet und etablierter Familienvater geworden.
Sechstes Gespräch beim Kaffeetrinken und verspeisen einer Schwarzwälder Torte im sonnigen Garten der Villa Ahorn. Ich erfuhr:
Anfang Vierzig überlegte Os, ob sein Leben sich gesteigert oder nur vermehrt hatte. Bei genauer Betrachtung musste er sich eingestehen, dass seine Abenteuerlust im Sande verlaufen war. Er werde wohl nicht mehr tun, was er sich als Jugendlicher erträumt hatte. Stattdessen zog er zusammen mit seiner Ehefrau Annette zwei Jungen – Zwillinge - groß. Er hatte seine Frau vor sechs Jahren sehr schnell nach dem Kennenlernen geheiratet, weil sie von ihm geschwängert wurde und kurz vor der Entbindung stand. Sie wohnten in der Kreisstadt der Nordheide, in der er seine Gymnasialzeit verbracht hatte. Er half beim Wickeln und Abfüttern der Kinder, mähte den Rasen, diente seinem Arbeitgeber, machte regelmäßig Urlaub mit der Familie, im Sommer am Mittelmeer, im Winter auf den Kanaren. Doch jetzt, nachdem die Kinder über den größten Berg waren und in die Schule gingen, konnte er das Gefühl nicht loswerden, dass er sein Leben schon hatte. Alles ging seinen Gang. Die Langeweile sickerte immer tiefer in alle Fasern seines Körpers. Sein Verantwortungsbewusstsein und sein Realismus erwiesen sich zunehmend als Hürde, und er ging seinen Träumen aus dem Weg, statt ihnen ins Auge zu sehen.
Sein bester Freund Hannes, mit dem er immer noch oft Tennis spielte, war da flexibler. Obwohl inzwischen auch verheiratet mit drei kleinen Kindern, ging er des Öfteren eigene Wege, segelte mit Freunden über den Atlantik, lernte Gleitschirmfliegen und nahm an Mal- und Kreativ-Schreib-Gruppen teil. Auch flirtete er gern mit anderen Frauen, wenn sich die Gelegenheit ergab. Os dachte bisher, dass sich das Leben als junger Mensch vom älteren darin unterscheidet, dass man in jungen Jahren seine Zukunft plant, und dann später eher an der eigenen Vergangenheit herummodelt, sie in der Regel schönt, oder verschiedene unangenehme Vergangenheiten anderer Menschen erfindet, damit es einem selber besser geht - gängige Verfahren der Selbstüberlistung. Doch bei Hannes gelang ihm das nicht. Er musste zugeben, dass er ihn sehr beneidete.
Sämtliche Uhren um ihn herum versicherten ihm, dass die Zeit beständig vergeht. Nichts kam ihm glaubwürdiger vor als das Voranschreiten der Zeiger einer Analoguhr oder das Zucken der Ziffern einer Digitaluhr, auch wenn schmerzvolle oder freudige Ereignisse langsamer oder schneller zu vergehen schienen. Die Jahre flogen dahin, verstärkt durch sein Sieben-Regel-Schema.
Hannes sagte oft "Grenzüberschreitung ist oberste Pflicht der Phantasie". Da musste Os ihm Recht geben. Er hatte irgendwo gelesen, dass jemand sagte: "Die Ehe ist eine lange fade Mahlzeit, bei der der Nachtisch zuerst serviert wird". Os musste das zugegebenermaßen bestätigen. Sexuell lief nach sechs Jahren Ehe fast nichts mehr zwischen Annette und ihm. Aus dem Schlafzimmer hatte sie ihn längst ausgelagert. Kinder und Haushalt dominierten ihre Gespräche, bis sie nach dem Fernsehen todmüde in ihre Betten fielen. Er stagnierte in seiner Entwicklung und musste was tun, denn er wollte sich noch nicht am Ende des Lebens angelangt sehen. Er beschloss, dass er dem Ende der Wahrscheinlichkeit einer Änderung seines Lebens widerstehen werde bevor es zu spät ist.
Hannes las sehr viele Romane, sah gute Filme, ging oft in Jazzkonzerte und hatte die Fähigkeit Gelesenes, Gesehenes und Gehörtes in Gefühle umzusetzen, ohne, dass es sich in Worten ausdrücken ließ. Dieses formlose Aufnehmen von Empfindungen, Eindrücken und Wahrnehmungen entsprach seiner spezifischen Denkweise, der Denkweise eines Künstlers oder auch Lebenskünstlers. Os hatte bei Vernissagen, zu denen der Freund ihn manchmal mitschleifte, oft der Gedanke beschäftigt, dass die einführenden Redner und danach die Besucher sich mit Worten herum wanden, die ihn eher behinderten. Er hörte zwar alles, was gesagt wurde, aber fragte sich, wovon eigentlich die Rede war. Hannes sagte dann immer: "Höre einfach nicht hin und glaube keinem Kritiker". Das Unausgesprochene konnte so die Oberhand behalten und insofern verstand er seinen Freund sehr gut. Er ließ in ihm immer wieder das Gefühl aufkommen – wohlgemerkt ohne zu nerven -, dass er sein Leben, das er die letzten Jahre geführt hatte, weggeschleudert hat.
Er beschloss mit Annette zu reden und sich einen freien Abend in der Woche, ein paar Wochenenden und zwei Wochen Urlaub im Jahr ausbedingen, in denen er ohne Familie aktiv werden wollte.
50. Lebensjahr 1983
Der NS-Kriegsverbrecher Klaus Barbie, Schlächter von Lyon, früherer Gestapo-Chef in dieser Stadt, wurde in Bolivien festgenommen, wo er als Klaus Altmann lebte. Das deutsche Magazin Stern gab exklusiv den Fund der Hitler-Tagebücher bekannt, die wenige Wochen später als Fälschung Konrad Kujaus enttarnt wurden. Die rätselhafte Krankheit AIDS, die tödlich verlief, trat in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit Deutschlands. Im Kalten Krieg meldete ein technisches Problem im Sowjetischen Überwachungszentrum den Abschuss von Atomraketen in den USA. Stanislaw Jewgrafowitsch Petrow reagierte besonnen und stufte es nach bangen Minuten als Fehlalarm ein. Hunderttausende versammelten sich im Bonner Hofgarten, um für Frieden und Abrüstung und gegen den NATO-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Insgesamt etwa 1,3 Millionen Menschen bekundeten in der BRD an diesem Tag ihre Abneigung zur Nachrüstung. Os war mit Hannes nach Bonn gefahren. Der Deutsche Bundestag billigte die Stationierung der neuen Mittelstreckenraketen Pershing 2. Das Space Shuttle Challenger startete zu seinem Jungfernflug ins Weltall. Udo Lindenberg trat bei einem Rockkonzert im Berliner Palast der Republik auf. Den einzigen Auftritt in der DDR hatte sein Hit “Sonderzug nach Pankow“ ausgelöst, in dem der Sänger ironisch an Staatschef Erich Honecker appellierte. Es wurde immer mehr Selbsterfahrung, sei es in Frauen- oder Männergruppen oder in von Psychologen und Gurus angeleiteten Gruppen, betrieben.
Siebtes Treffen im Garten der Seniorenresidenz Villa Ahorn. Ich erfuhr:
Os interessierte sich immer weniger für Politik und hatte seine Ziele abseits der Familie wahrgemacht. Er nahm Unterricht bei einer Malerin und lernte Portrait- und Aktzeichnen, Ölmalerei und später das Malen mit Acrylfarben. Kunst war schon in der Schule sein Lieblingsfach. Außerdem eignete er sich bei mehreren Massagekursen verschiedene neue Techniken an, denn ihm waren sinnliche Körperkontakte vor allem mit Frauen sehr wichtig. Doch er hatte das Gefühl, dass seine Ehe immer mehr den Bach hinunter ging. Sie schliefen inzwischen überhaupt nicht mehr miteinander. Annette kam zwar morgens meistens nach dem Aufwachen mit einem aufregenden Sexy-Nachthemd an sein Bett und fragte: „Darf ich dich küssen?“
„Ja“, sagte er und bekam ein platonisches Küsschen auf die Wange, manchmal auch auf die Lippen. Sie ging dann weiter in die Küche. Er war frustriert und in seiner Begehrlichkeit enttäuscht. Ihr wunderschöner Körper wurde immer unerreichbarer. Warum reizte sie ihn und ließ ihn dann doch hängen, so dass er sich selbst onaniemäßig abfertigen musste?
Einmal fragte er sie abends, nachdem die Kinder im Bett waren: „Wovor hast du eigentlich mehr Angst, vor meinem Begehren oder vor einer Trennung?“
Sie schaute ihn an, schwieg lange, und antwortete dann zögerlich: „Ich weiß es nicht, ich glaube vor beidem.“
Os wurde mutiger und sprach aus, was sich immer klarer in ihm abzeichnete: „Entscheide dich! Sonst entscheide ich mich.“
„Aber ich habe solche Angst.“
„Dann musst du springen.“
„Ich bin am Anfang gesprungen, als ich dich kennenlernte. Mutig ins Ungewisse. Leider mit geschlossenen Augen.“
„Mit geschlossenen Augen springen kann gefährlich sein. Versuch´s doch einmal mit offenen Augen“, sagte Os.
„Ich bin gestrauchelt und habe immer wieder versucht, mich aufzurichten. Aber es hat dir nicht gereicht. Ich bin auf unsicherem Boden gelandet“.
„Absolut sicheren Boden gibt es nicht und totale Sicherheit ist eine Illusion. Etwas Kontrolle muss sein. Aber es gibt so oder so immer neue Erfahrungen beim Springen.“
„Ich werde erst wieder bereit sein zu springen, wenn ich erkenne, dass ich auf sicherem Boden lande. Ich sehe darin deine Aufgabe, ihn zu festigen“, meinte sie.
„Das kann ich nicht gewährleisten, aber ich werde mich bemühen, dich zu unterstützen. Doch Eigenverantwortung musst du schon übernehmen.“
„Ja“, sagte Annette.
„Schwankungen sind allgegenwärtig wie das Wetter und die Gefühle. Mal sind wir bedürftig, mal voller Kraft, mal ängstlich, mal mutig“, versuchte er sie zu überzeugen.
„Ich wünsche mir immer noch, dass wir ein richtiges Paar werden könnten“, antwortete sie.
„Ein Paar kannst du nur mit mir werden, wenn du bereit bist, Liebe, Lust und Leidenschaft mit all´ seinen Schwankungen zu leben und mit mir zu teilen“, sagte er.
„Das will ich doch!“
„Das ist manchmal wild und gefährlich. Konflikte sind unumgänglich und sozusagen der Normalfall. Aber sonst wäre es doch auch ziemlich langweilig, oder?“
„Glaubst du an Gott?“ fragte sie unvermittelt.
„Nein, das finde ich absurd. In seinem Namen wurden und werden immer wieder Kriege geführt. Auch mein Vater hat einen Krieg in seinem Namen gegen mich geführt.
„Du solltest ihn lieben!“
„Wen, den Vater oder den Gott? Ich kann die nicht lieben.“
„Doch sagte sie, du hast mir von deinen früheren Frauen erzählt. Aber das war wohl keine richtige Liebe. Das war nur Leidenschaft und Sinnenlust. Wenn man liebt, will man etwas dafür tun. Dann will man Opfer bringen. Man will dienen.“
„Das tue ich doch, auch ohne Unterstützung Gottes. Was habe ich alles schon für dich getan!“ sagte er.
„Du hast viel für mich getan, ja, aber du hast meine Seele verletzt.“
„Ich habe das Lieben nie gelernt“, verzweifelt er.
„Ich weiß, aber du wirst es noch. Und dann wirst du glücklich.“
„Ich war meistens glücklich.“
„Das ist etwas anderes. Du kannst es nicht beurteilen, wenn du es nicht gelernt hast.“
„Ja, ich werde es dir sagen, sollte ich es je erfahren“, beschloss Os das Gespräch.
57. Lebensjahr 1990
Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten.
Achtes Treffen im Garten der Seniorenresidenz Villa Ahorn. Ich erfuhr:
Annette wollte mit ihrer Freundin aus Studienzeiten nach Berlin, um die Wiedervereinigungseuphorie vor Ort mitzufeiern. Auf der Fahrt mit dem Auto hatten die beiden einen tragischen Unfall. Bei einem Stau auf der Autobahn raste ein LKW ungebremst in ihren Golf. Beide starben noch an der Unfallstelle. Der Fahrer des LKWs war eingeschlafen und überlebte. Os war geschockt.
An einem Dezembertag kurz vor Weihnachten fiel Os die Decke auf den Kopf. Seine Söhne studierten weit weg in München. Er fühlte sich sehr einsam. Draußen krachte der Frost und in der Luft wirbelten fallende Flocken. Der Winter strebte seinem Höhepunkt entgegen. Die kleine Kreisstadt hatte sich zum Ballungsraum verdichtet. Fensterlichter brannten über abgezäunte Felder am Rande der Stadt und ließen die Häuserblöcke durchlöchert erscheinen, unregelmäßig wie ein Schweizer Käse. So konnte er sehen, wo Leben geschah und wo nicht. Die Hügel dahinter verloren ihre Schärfe im diffusen Gemisch aus Schneeflocken und der beginnenden Dämmerung des Abends. Bunte Lichter zappelten in diesem Stimmungsgemenge, Reklameschriften, Verkehrsampeln, reflektierende Schneekristalle.
Seit einiger Zeit plagten ihn häufig Herzstiche in der linken Brusthälfte. Er beschloss einen Trip mit seinem SUV in der naheliegenden Schneelandschaft zu machen – einfach ziellos herumfahren. Er holte den winterbereiften Wagen aus der Garage und bog nach links in seine Wohnstraße ein. Er dachte darüber nach, wie langweilig Langeweile sein kann, ein Fragezustand, der ihn immer öfter verfolgte und nicht mehr gesteigert werden konnte.
An der Bushaltestelle am Ende seiner Wohnstraße winkte ihm eine Frau zu, wollte ihn zum Anhalten bringen, ihn wahrscheinlich als Busersatz benutzen. Er überlegte kurz, denn normalerweise nahm er keine fremden Menschen mit, entschloss sich aber anzuhalten, und fragte die wohl noch recht junge Frau: „Wo wollen Sie denn hin?“
Sie antwortete: „Ach Sie, wir haben uns doch schon öfter bei REWE im Supermarkt gesehen. Am Mittwoch dieser Woche standen Sie vor mir an der Kasse.“
„So…?“
„Ich wollte eigentlich mit dem Bus nach Harburg und dann wieder zurück, aber am liebsten würde ich ein bisschen durch die Gegend fahren. Ich brauche etwas Ablenkung vom Stress meiner Wohngemeinschaft.“
Ach so eine, denkt Os.
„Na gut, steigen Sie ein. Ich bin dabei meine Langeweile zu bekämpfen und will deshalb ein bisschen herumfahren. So stimmen wir ja überein in unseren Wünschen. Wie heißen Sie denn?“
„Elvira.“
Sie warf sich erleichtert ausatmend in den Beifahrersitz, der schon länger nicht besessen wurde. Os ließ die Kupplung sanft kommen und fuhr los. Sie beugte sich nach vorn, klappte die Sonnenblende herunter und betrachtete ihr Gesicht in dem kleinen Spiegel. Dann fingerte sie einen Lippenstift aus ihrer rechten Manteltasche und zog ihre Lippen blassrosa nach.
Kein Benehmen diese Frau, stellte Os fest, von WG-Bewohnern nicht anders zu erwarten.
Gerade als Elvira sich in ihren Sitz zurücklehnte, fegte eine heftige Windbö über den Wagen und brachte ihn zum Schwanken. Beide zogen instinktiv ihre Köpfe ein und schauten sich erschreckt an. Ein kleiner Schneesturm verschaffte den Wischern zusätzliche Arbeit.
Schweigend fuhren sie weiter durch eine Allee starker Eichenstämme, bis sie den nahe gelegenen Wald erreichten. Die Scheinwerfer streiften die teils weiß gefärbten Bäume in den Kurven wie aufflackernde Irrlichter. Eine unheimliche Stimmung tat sich auf. Beide genossen es ohne Worte zu wechseln. Hätten sie gesprochen, wären diese kostbaren Empfindungen weggesickert. Plötzlich trat Os heftig auf die Bremse und der SUV kam leicht ins Schlittern, konnte aber rechtzeitig stoppen, wobei der Motor abgewürgt stehen blieb. Vor ihnen in der Straßenmitte stand ein Reh, starr und gebannt vom Scheinwerferlicht. In seinem erhobenen Kopf glommen zwei rote Löcher. Schneeflocken taumelten zwischen den Bäumen hindurch, um diesen magischen Moment der Ruhe etwas zu beleben. Nach Momenten des Verharrens schaltete Os die Scheinwerfer aus, startete den Motor und ließ ihn im Leerlauf aufheulen. Das Reh schreckte auf und verschwand mit großen Sprüngen im Wald.
Elvira fragte: „Haben sie vielleicht etwas Musik im Wagen?“
„Ja, schauen Sie mal ins Handschuhfach.“
Sie kramte irgendeine CD heraus und schob sie in den Player. Aus den Lautsprechern ertönte Klarinettenmusik, ein sanfter Gehörteppich, in den sich eine Frauenaltstimme mischte. Os kuppelte wieder ein und beschleunigte den Wagen. Die Straße trat nach einigen langsam gefahrenen Kilometern aus dem Wald und wurde nun von Vogelbeerbäumen begleitet. Ab und an leuchteten Dolden roter Beeren im Scheinwerferlicht auf und einzelne Blätter, die der Herbstwind zurückgelassen hatte, hingen wie große vertrocknete Hautfetzen im Geäst. Die Klimaanlage hatte das Wageninnere inzwischen hochtemperiert. In Os´ Schläfen, die so dünn waren wie Papier, pochte der Puls in schnelleren Schlägen und die Langeweile war im Nirgendwo verschwunden.
Elvira fragte: „Kann ich mal etwas lüften, mir ist heiß.“ Ihren Mantel hatte sie schon geöffnet.
„O.K.“, sagte Os und drehte den Regler der Klimaanlage auf 20 Grad, und sie öffnete kurz ihr Seitenfenster. Auch sein Gehirn war inzwischen heiß gelaufen und er überlegte, was er mit seinem Zustieg noch anfangen könnte. In dem Moment schlug sie vor, dass sie gern zurückfahren wollte. Sie hatte ihm die Entscheidung genommen.
Von rechts näherte sich die Schneise der Autobahn, Lichtstreifen, die weiterstiebende Schneepartikel wie Silvestermunition verschossen. Er fädelte sich ein, gab Gas auf der weitgehend schneefreien Piste und nahm nach zehn Schweigeminuten die zweite Abfahrt. Schilder gaben jetzt die Geschwindigkeit an, die er aufzunehmen hatte. Nach sieben Kilometern öffnete sich seine Wohnstraße. Elvira bat ihn, an derselben Stelle anzuhalten, an der er sie aufgenommen hatte. Beim Abschied gab sie ihm einen kräftigen Kuss auf die rechte Wange und bedankte sich herzlich für die schöne Fahrt. Die Beifahrertür, die er in der letzten Zeit nur geöffnet hatte, wenn er Gepäckgegenstände auf dem Sitz deponierte, schlug zu und er zuckelte langsam in Richtung Garage. Seine Herzstiche waren wie weggeblasen.
Os betrat sein Wohnzimmer mit einer Flasche Rotwein. Der Raum kam ihm jetzt vor wie eine mathematische Gleichung. Alles stand im Gleichgewicht, alles stimmte, wie seine Frau sich das ausgedacht hatte. Er überlegte, dass er ja auch mal was ändern könnte. Im Sessel angekommen schenkte er sich wie jeden Abend ein Glas ein und grübelte: Wie hatte meine Beifahrerin eigentlich ausgesehen? Er konnte sie nicht beschreiben. Nur der Umstand, dass sie einen Kopf größer war als er und ein irgendwie freundliches Gesicht hatte, blieb vage in ihm haften.
64. Lebensjahr 1997
Ein ausuferndes Kreditvolumen und rasant steigende Immobilienpreise führten zu Blasenbildungen und damit zur Finanzkrise in Asien. Bei einem Terroranschlag auf Touristen vor dem Ägyptischen Museum in Kairo wurden zehn Menschen getötet, darunter neun Deutsche, und vierundzwanzig verletzt.
Neuntes Treffen im Garten der Seniorenresidenz Villa Ahorn. Ich erfuhr:
Os´ Söhne hatten inzwischen ihr Studium beendet Der eine arbeitete als Volkswirt in New York, der andere als Informatiker in München. Er selbst war jetzt schon viele Jahre Witwer und lebte immer noch in dem zu groß gewordenen Reihenhaus in der Kreisstadt der Nordheide, in der er schon sein Abitur gemacht hatte.
Seit seine Frau tot war, hatte er sich geweigert zu leiden. Das hatte er schon als Kind gelernt. Er wollte auch nicht mit dem Leid anderer zu tun bekommen. Sein wesentliches Mittel, dem zu entgehen, bestand darin, unablässig in Bewegung zu bleiben. Er wusste durch sein langes Leben, dass man so den anderen am besten entging – und letztendlich auch sich selbst.
Wenn er sich sein Mittagessen gekocht hatte, setzte er sich ohne eine gewisse Esskultur, wie sie seine Frau so liebte, an seinen Teller und schaufelte die einfachen Speisen mit schnellen mechanischen Bewegungen in sich hinein, wie jemand, der sich selbst abfüttert. In ähnlich schnellem Tempo wie sein morgendlicher Fitnesslauf vor dem Frühstück. Wenn der letzte Bissen geschluckt war, stand er sofort auf und lud das Geschirr in die Spülmaschine.
Er lebte, wenn er nicht in Bewegung war, in alten Erinnerungen, die durch sein Sieben-Regel-Schema dominiert wurde. Sie waren seine einzigen Sicherheiten, über die er noch verfügte – im Guten wie im Schlechten. Er wollte vermeiden, dass daran herumgebastelt wurde und hielt deshalb nur sehr losen Kontakt zu seinen zwei Kindern, die vieles anders sahen. Allerdings fühlte er sich manchmal durch seinen einen Sohn genötigt, in die Vergangenheit hinabzusteigen und diese einer neuen Durchsicht zu unterziehen. Sein anderer Sohn mied eher alles, was sich unangenehm anfühlte, und hatte sich weitgehend abgewendet. Er glich so dem Vater. Die wenigen Freunde, wenn man das so bezeichnen kann, kamen ihm sentimental vor, aber erwiesen ihm keine Loyalität.
Er versuchte sein verleugnetes Leid wegzulaufen, doch konnte ihm letztendlich nicht entgehen. Einen Sonntagmorgen beschloss er ganz früh spazieren zu gehen, denn sein Knie schmerzte und er wollte den Zustand durch das Laufen nicht verschärfen. Es war ein dunkler Herbstmorgen im November. Das erste Grau in der Stadt begann aus den Gehwegen zu kriechen, schlich an den Häuserwänden entlang und zog die Umrisse der Gebäude, Autos, Straßenlaternen und kahlen Bäume aus dem Schutz der Nacht. Die Feuchtigkeit kroch kalt in seinen Mantel und er ging diesmal gegen seine Gewohnheit in langsamem Tempo um die Blöcke seiner Wohnungsumgebung.
Er konnte nicht verhindern, dass sein Gehirn unkontrolliert arbeitete. Ihm offenbarte sich, dass er beträchtliches Leid hinter sich gebracht haben musste, dass sein Leiden ihn nicht immer ereignishaft überfiel, sondern zu einem Teil selbstgesuchten Entscheidungen entsprang. In der Essenz hatte er sich selbst alleiner als allein gemacht. Ein Teil seines Älterwerdens bestand darin, sich zu weigern, neue Erinnerungen anzulegen und Versäumtes in Beziehung zu seinen Söhnen nachzuholen, soweit das überhaupt noch möglich war. Er wusste immerhin aus seiner beruflichen Tätigkeit, dass, solange er nicht selbst etwas tat, seine Arbeit durch die Menschen und Dinge bestimmt wurden, die darin auftraten.
Das Wetter hatte sich inzwischen seiner veränderten Stimmung angepasst. Der neblige Dunst wich ersten Sonnenstrahlen, die versuchten der Stadt das Trübselige zu nehmen.
71. Lebensjahr 2004
Durch ein Erdbeben im Indischen Ozean mit Epizentrum nahe Sumatra und der Stärke 9,1 auf der Richterskala kam es zu einem Tsunami mit bis zu zehn Meter hohen Flutwellen, die Küstengebiete in weiten Teile von Indien, Sri Lanka, Thailand, Malaysia und vor allem Indonesien verwüsteten. Es starben ca. 230.000 Menschen. Der Afghanistankrieg hielt unvermindert an und forderte viele Tote. Viele Terroranschläge dominierten auch in diesem Jahr das politische Geschehen in vielen Ländern der Erde. Bilder flimmerten ständig über die Fernseher. Die Menschen wurden immer mehr zu Voyeuren der Leiden der Welt.
Zehntes Treffen im Gemeinschaftsraum der Seniorenresidenz Villa Ahorn. Ich erfuhr:
Os war inzwischen Rentner und nach Hamburg in eine kleine Wohnung in St. Georg gezogen. Er wollte die Stadtnähe, um näher an kulturellen Einrichtungen zu sein. Sein Auto hatte er verkauft. Manchmal ging er in die Bodega Nagel gegenüber dem Hauptbahnhof um ein Bier zu trinken. So auch an seinem 71.Geburtstag. Dort bekam er ein Gespräch von drei Frauen am Nachbartisch mit.
„Wie geht´s dir Isabelle?“, fragte die eine, die Nicole hieß.
„Hast du diese Scarlett, die Neue im Betrieb, gesehen?“, empörte die Angesprochene sich.
„Nur beim Betriebssport“.
„Bei der werde ich viel Glück brauchen.“
„Kann dir doch das Wasser nicht reichen, Isabelle“.
„Die könnte dir zehn Jahre jünger nichts anhaben“, schaltete sich die ein, die Marlene hieß.
„Die kannst du locker ausstechen“, ergänzte Nicole.
„Das schon“, meinte Isabelle, „die hat nicht viel Erfahrung im Job; nicht so wie du und ich.“
„Aber Axel fährt auf jung und schön ab. Das kann man sehen wie er Scarlett Blicke hinterherwirft“, sagte Marlene.
„Die erledigst du mit Charme und deiner Verführungskunst“, ermutigte Nicole.
„Mag sein! Sicher habe ich eine Chance, den Job zu bekommen.“
„Mach´s mit ihr wie damals mit Veronika“.
„Veronika, diese Schlampe“, wurde Isabelle wütend.
Die drei Frauen saßen nach Feierabend in der Bodega und tranken Prosecco. Am Nachbartisch saßen zwei Nutten und machten Pause vom Strich um die Ecke in St. Georg. Sie takelten sich auf für die nächste Schicht, qualmten Zigarillos und tranken Weinschorle.
„Veronika war so alt wie ich“, griff Isabelle das Gespräch nach einer Trinkpause wieder auf und runzelte die Stirn.
„Scarlett ist jung und schön“, neidete Marlene, „und Axel hat ein Auge auf sie geworfen.“
„Ach, Axel“, gab Nicole abfällig dazu, „der ist zwar ein passabel aussehender Mann, aber kann Unfähigkeit erkennen, wenn Fassade blendet.“
„Der ist doch auch nur ein Mann wie alle Männer“, ergänzte Marlene süffisant.
Isabelle sagte verzweifelt: „Was kann ich nur tun?“
„Geh´ mit ihm ins Bett. Du hast doch viel mehr Erfahrung“, schlägt Marlene vor.
„Wie meinst du das? Im Bett oder im Job?“
„In beidem“.
„Danke, als Mann ist er nicht mein Typ. Das ist unter meiner Würde.“
„Lasst uns eine Strategie entwickeln“, schaltete Nicole sich wieder ein. „Wir könnten das Gerücht im Betrieb lancieren, dass sie mit Herbert bumst. Der schaut sie doch auch immer ganz versonnen an, wenn sie sich begegnen.“
„Ich find´s zwar etwas fies, den Herbert damit reinzuziehen“, moralisiert Marlene, „aber der ist nicht aufstiegsfixiert und kann das wohl ab“.
Gut, machen wir das“, beschlossen die Frauen übereinstimmend, lachten laut auf und begossen ihre Verschwörung. Die Nutten schauten böse zu ihnen hinüber.
„Also, dann bis morgen beim Betriebssport“, und die Kolleginnen verabschiedeten sich mit Umarmung und Küsschen auf die Wangen.
Os fragte sich, wer wohl hier eher die Nutten seien und dachte: Wie gut, dass ich nicht mehr jung bin und hinter solchen Frauen her sein muss.
78. Lebensjahr 2011
Volksrevolutionen in der arabischen Welt, Sunami und atomarer GAU in Fukushima und ein Wiederaufflammen der Finanzkrise bestimmten die Schlagzeilen des Jahres.
Das letzte Gespräch mit Os in seinem Zimmer. Ich erfuhr:
Seinen Geburtstag wollte Os in diesem Jahr nicht feiern. Aber er gestand mir das Geheimnis seiner letzten Liebe. Sie hieß Irma und er nannte sie “Irma la Douce“. Sie war Anfang des Jahres in die Villa Ahorn eingezogen, hatte schlohweißes Haar, eine gepflegte schlanke Figur und strahlende blaue Augen. Er hatte sich sofort in sie verliebt und die beiden tranken jeden Nachmittag zusammen einen Kaffee und plauderten über ihre Leben. Sie war im letzten Jahr Witwe geworden und hatte keine Lust mehr in ihrer großen Wohnung allein zu hocken. Ihre beiden Kinder wohnten weit weg, ihre Tochter hatte nach Argentinien geheiratet, lebte in Buenos Aires, und ihr Sohn arbeitete als Banker an der Wall Street in New York.
Irma nannte Os nach einiger Zeit liebevoll “Alter Knochen“, wegen der Übersetzung aus dem Lateinischen os. Os war damit einverstanden, denn zu Oskar wollte er nicht zurück. Die beiden hatten in den letzten drei Monaten sehr schönen, liebevollen Sex. Ganz geheim halten konnten sie das nicht, denn die Türen ihrer Zimmer waren jederzeit aus Sicherheitsgründen von außen zu öffnen und einmal wurden sie durch eine Putzfrau überrascht. Den Pflegerinnen gefiel das gar nicht, aber sie konnten es nicht verbieten. Vielleicht waren einige auch einfach nur neidisch, wenn das alte Liebespaar auf Wolke Sieben schwebte. Bei ihrer letzten Himmelfahrt verstarb Irma leider mitten im Orgasmus an Herzversagen. Eigentlich wollten sie das beide zusammen tun, aber es hatte nicht geklappt. Wohl auch ein schwierig zu erreichendes Ziel.
Os fühlte sich wieder einmal extrem alleingelassen und beklagte sich immer mehr über starke Kopfschmerzen. Im Spätherbst hatte er einen Termin im Krankenhaus, um im Kernspintomographen untersucht zu werden.
Os Vermächtnis
In der Silvesternacht 2011 verstarb Os, einen Tag vor seinem Geburtstag. Ich erhielt drei Tage später mit der Post einen an mich gerichteten Brief:
Lieber Herr Schüler,
wenn Sie diesen Brief erhalten, lebe ich nicht mehr. Die Ärzte haben mir einen Gehirntumor diagnostiziert. Das konnte ich nicht mehr ausblenden, zumal dieses Jahr in das Sieben-Regel-Schema fiel. Ich sollte im Januar operiert werden. Die Leitung der Villa Ahorn wollte keine Verantwortung mehr für mich übernehmen und bestand darauf, dass ich ins Krankenhaus musste.
Ich werde folgenden Plan durchführen: Ich miete mir heimlich heute am letzten Tag des Jahres einen PKW und kaufe in einem Baumarkt einen dicken, vier Meter langen Gartenschlauch. Dann fahre ich in das Dorf meiner Kindheit in der Nordheide und nehme Abschied von meinem Geburtshaus, das längst verkauft ist und von anderen mir unbekannten Menschen bewohnt wird. Ich fahre dann in den mir immer noch vertrauten Wald, in dem meine erste Liebe mit Estella begann. Ich kenne noch sehr einsame Stellen und stelle das Auto an einen kleinen dunklen Weiher ab. Ich habe die Absicht zu warten bis es dämmert und werde dann den Gartenschlauch in den Auspuff schieben, die Lücken mit lehmiger Erde abdichten, dann in den Wagen steigen und das Fenster an der Fahrertür einen Spalt öffnen, so dass der Schlauch hindurchpasst. Dann werde ich den Motor starten und im Leerlauf warten bis das Kohlenmonoxyd mich einschläfert und langsam mein Leben gen Himmel entweicht. Dazu werde ich mich auf die Vordersitze legen, damit es nicht zu lange dauert, denn das Gift sinkt zunächst auf den Boden und füllt dann das Wageninnere von unten nach oben. Ich will keinen 79.Geburtstag mehr und auch nicht in die Klinik.
Ich bin der Herr, Dein Gott. Du sollst keine anderen Götter neben mir haben
Du sollst kein falsches Zeugnis von dir geben wider deinem Nächsten.
Ihr Os
Eigenartig, aber vermutlich waren diese letzten Sätze, die Gebote 1 und 8, so fest in seinem Gehirn in der Jugend verankert und dann vom immer größer werdenden Tumor wieder heraus gedrückt worden. Das erschien mir plausibel, denn die Gebote wurden von seinem Vater mit Gewalt hinein gepresst und damals nicht wie die anderen von Os auf Durchgang geschaltet. Vielleicht wollte er auch im Falle des ersten Gebotes beweisen, dass er keinen Herrn brauchte und selbst seinen Sterbezeitpunkt bestimmen. Und Zeugnis ablegen über sein Leben, das zumindest über jedes siebte Jahr.
Am Schluss des Briefes folgte noch ein
P.S. Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit, die Sie mir an den Sonntagen geschenkt haben. Stellen Sie meine Geschichte ins Internet. Vielleicht interessiert das jemanden.
Ihr Os
Hier steht sie nun im Internet.
Copyright Uwe Schüler
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Es gibt für Alles den richtigen Zeitpunkt und Zeichen dafür, die das anzeigen (Indianische Weisheit)
Version vom 25. 01. 2012 22:48 Version vom 26. 01. 2012 09:04 Version vom 26. 01. 2012 15:12 Version vom 01. 02. 2012 16:18
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