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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Outing
Eingestellt am 09. 11. 2001 14:15


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Nighel
Hobbydichter
Registriert: Nov 2001

Werke: 7
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Outing




1

Er hatte lange am Fenster gestanden und versucht, jeden Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen. Die Augen waren ger├Âtet und seine Wunden schmerzten. Die Zigarette in seiner Hand hatte er vergessen zu Ende zu rauchen und die Glut begann nun schwarze Flecken in seine Haut zu brennen. Obwohl er erst Anfang drei├čig war, hatte sich Falte f├╝r Falte in engen Furchen auf seine Stirn gelegt. Schwere Schatten lagen auf dem Gesicht, spielten in roten, braunen und schwarzen Farben und dr├╝ckten die Augen weit in das Innere des Kopfes. Seine Frisur war kurz und gepflegt, die Haare lagen unwirklich geometrisch nebeneinander und spiegelten in einem warmen roten Ton das Licht der Neonr├Âhre wider. Der Oberk├Ârper zw├Ąngte sich in ein enges T-Shirt, dessen Kragen in einen breiten Schmutzrand getaucht war und an mehreren Stellen rote Flecken getrockneten Blutes aufwies.

In gleichm├Ą├čigem Abstand wurde die Stille im Zimmer vom Motorenger├Ąusch der Frachtflugzeuge zerschnitten und die leere Bierdose auf dem Schreibtisch in einen zittrigen Tanz gezwungen. Nur schwer dr├Ąngte sich das Licht der Scheinwerfer, das den Weg der Maschinen am Himmel vorzeichnete, durch die verschlossenen Fensterl├Ąden. Obwohl das Heulen der schubgepeinigten Turbinen ihn, seit er hier wohnte, mit monotonem Zeittakt jede Nacht begleitete, schlug es ihm doch jedesmal wieder ins Bewu├čtsein und raubte ihm die Konzentration.

Langsam und mit pr├Ąziser Gleichm├Ą├čigkeit lie├č seine rechte Hand die Bierdose gegen den Rand der Tischplatte gleiten, bis sie kippte und auf den Boden fiel.

Das Dunkel des Raumes verlor sich erst im angrenzenden Flur. In diesem Licht zeichnete sich die Schrankwand des Zimmers ab, deren Regale ebenso wie die beiden Sessel und der Couchtisch aus imitiertem Nu├čbaumfurnier mit B├╝chern ├╝berf├╝llt war. Der Boden war ├╝bers├Ąt mit Zeitschriften und Papier.

An der Au├čenwand des Schrankes lehnte das in ├ľlfarben gemalte Portrait einer alt gewordenen Frau, eingewickelt in eine durchsichtige Folie und ├╝berladen mit Staub. Durch das Plastik schimmerten Prim├Ąrfarben und lie├čen den expressionistischen Charakter des Bildes erahnen. Der Rahmen war aus schwerem dunklen Holz und dr├╝ckte auf das dargestellte Gesicht.

Im Flur, der durch eine schwache Lampe beleuchtet wurde, die direkt unter der Decke befestigt war und deren Milchglas mit toten Insektenk├Ârpern gef├╝llt war, hing eine mit Konzertkarten, Zeitungsartikeln und Notizzetteln zum Bersten bespickte Pinnwand.

Die Wohnung war ausgesprochen klein und durch die gro├če Anzahl ungeordnet im Raum verteilter Gegenst├Ąnde wirkte sie umso beengender. Entlang der Mitte des Raumes und der L├Ąnge des Flures nach schien die Unordnung am Boden einen schmalen Weg frei zu lassen. Er war ihn unz├Ąhlige Male gegangen, hatte ganze N├Ąchte geopfert, um die kurze Strecke auf und abzuschreiten. Anfangs hatte er diese Zeiten mit Lekt├╝re verbracht, hatte sich selbst laut Romane und St├╝cke vorgelesen, hatte w├Ąhrend des Hin- und Hergehens Rollen gespielt, Gedichte gelesen. Mit auferlegter Disziplin hatte er Teile auswendig gelernt und sich immer wieder vorgesagt, um sie in sich hineinzusaugen. Auf die Arbeit, zu seinen Freunden, hatte er sie getragen, hatte an Tresen bis zur Sperrstunde Fremde damit irritiert. Dann wurden die Teile immer kleiner und seine Ausf├╝hrungen immer unverst├Ąndlicher, bis er schlie├člich Monate mit einem einzigen Satz verbrachte, den er in endlosen Reden zerpfl├╝gte und beackerte. Drau├čen wurde er nun gemieden und er begann damit seine Reden zuhause zu halten, indem er sich die Gespr├Ąchspartner ausdachte. Erst waren es nur Monologe, kurz unterbrochen von einzelnen Fragen, dann aber lernte er, sich ganze Diskussionsabende auszudenken, in denen er unter den wohlwollenden Ohren seiner Visionen Standpunkte erkl├Ąrte, verteidigte und wieder verwarf. Diese Phasen langer und intensiver Besch├Ąftigung mit Literatur wechselten sich mit Zeiten ab, in denen er jeden Kontakt zu B├╝chern vermied. Dann zwang er die Zeit durch Ablenkung voran, lernte Schacher├Âffnungen, versuchte sich an verschiedenen Musikinstrumenten, durchsuchte in seinem Keller den an geh├Ąuften elektronischen Schrott nach Teilen, die es ihm wert und sich selbst herausfordernd genug erschienen, sie wieder in Gang zu setzen. Alle diese Teile vereinten sich auf seinem Schreibtisch zu einem abstrakten Gewirr, mit dem er sich nachts an fremde Rechner anschlo├č, nach Stunden die Sekunde des Einbruchs geno├č, sich durch die Dateienb├Ąume langweilte, bis er ersch├Âpft die Verbindung abbrach.

Er begann sich wieder zu bewegen. Mit einer Art wie Verwunderung betrachtete er die linke Hand, in der die vergessene Zigarette tiefe Spuren hinterlassen hatte. Langsam f├╝hrte er die Schultern nach vorne, um die Verschiebungen der Narben seines R├╝ckens gegeneinander zu genie├čen. Er drehte sein Gesicht in Richtung des Flures, an dessen Ende sich eine kleine abgetrennte Kochnische befand. Schneller als gew├Âhnlich brachte er die kurze Strecke hinter sich und entnahm dem K├╝hlschrank, der durch das an geh├Ąufte Eis um die K├╝hl fl├Ąchen schwer und laut atmete, eine weitere Dose Bier. Seine Augen fanden auf dem K├╝hlschrank ein P├Ąckchen Tabak und so lie├č er sich langsam an der Wand zum Boden gleiten und begann damit, eine Zigarette zu drehen. Er beschlo├č, die Dose bis auf einen kleinen Rest in einem Zug auszutrinken, um sie als Aschenbecher verwenden zu k├Ânnen.

Im schwerelosen Dunst des Zigarettenrauches fand er etwas Ruhe. Sein inneres Auge begann in die Dunkelheit ein Bild der Erinnerung zu zeichnen. Da waren die langen, braunen Haare, die sich gegen den Spot der Deckenbeleuchtung abhoben. Da war die feine, helle Haut mit den weichen Z├╝gen des Gesichtes. Da war die Hand, die mit gelenktem Spiel der Finger eine Str├Ąne hinter das Ohr zur├╝ckzwang. Da waren die beiden Ringe und der ein gelassene Stein, der den Kampf gegen das harte Licht aufnahm und siegte. Doch dort, wo die Vision Form und Gestalt, wo sie Person werden wollte, verlor sie sich in Unsch├Ąrfe. Es fehlte der Erinnerung die laute Musik von damals, das Stimmengewirr der Gespr├Ąche. In stummer Ruhe lag sie da.

Er war eingeschlafen. Die Stimme des Radiosprechers zers├Ągte sein Hirn und brachte ihm die Orientierung zur├╝ck. Auf dem Boden breitete eine Bierlache ihre bizarre Form aus. Mit einem ihrer Ausl├Ąufer hatte sie ein Jandl Buch zu greifen bekommen und den unteren Teil durchtr├Ąnkt. Der Rauch war unter der Decke zur Ruhe gekommen und teilte die Luft des Raumes in zwei Charaktere. Er hatte nun aufzustehen und lenkte seine Bewegungen sorgf├Ąltig, um den Schmerz zu minimieren.

Sein K├Ârper brannte. Vor Wochen hatte er damit begonnen, Schnitte in sein Fleisch zu f├╝hren. Erst war es ihm als Spiel erschienen. Mit einer scharfen Rasierklinge hatte er vorsichtig die Haut seines linken Unterarms ge├Âffnet. Er wunderte sich ├╝ber die ihm zu lange erscheinende Zeit, die der harmlose Schmerz brauchte, bis er sich zu seinem Bewu├čtsein durchgearbeitet hatte. Er beobachtete die Wunde, betrachtete den winzigen Tropfen Blutes, der sich am Ende der ge├Âffneten Haut nach au├čen pre├čte. Geduldig hatte er gewartet, bis die Gerinnung die Wunde wieder verschlo├č. Immer ├Âfter griff er zur Klinge, verteilte die Schnitte auf seinem ganzen K├Ârper. Vorsichtig begann er damit, die frisch verschlossenen Stellen wieder zu ├Âffnen und zu erweitern. Er hatte die Klinge durch eine dickere Nadel ersetzen m├╝ssen, um die Arbeit voranzutreiben. So waren aus den kleinen Verletzungen der Haut gro├če Krater geworden, deren Rand sich gehoben hatte, um nach innen den dunkelroten W├Ąnden entlang tief in den K├Ârper hineinzugleiten.

Er ging zum Schreibtisch. Mit einer leichten Bewegung gegen die Tischplatte beendete er die Arbeit des Screenschoners. Er lie├č sich die eingetroffene Post auflisten und aktivierte den Filter, mit dem er ├╝ber Schl├╝sselw├Ârter die Reklameschreiben aussortierte. Belustigt verfolgte er das Spiel des Bildschirms, auf dem sich die gro├če Menge an Bezeichnern verkleinerte, bis ein letztes Schreiben ├╝brig blieb, dessen Absender neben der Net-Adresse in Klartext seinen eigenen Nachnamen trug. Langsam zog er mit der Maus den Brief in den Trashcan.

Er beeilte sich beim Duschen, um mehr Zeit zu gewinnen, seinem K├Ârper Pflege zukommen zu lassen. Sorgsam ├Âlte er ihn ein, verband allzu gro├če Wunden mit Mull. Er trocknete sein Haar und legte es in Form. Dann lackierte er die Fingern├Ągel. Dem Schrank entnahm er einen der frisch gereinigt dort h├Ąngenden Anz├╝ge, befreite ihn vom Nylonschutz, nahm ebenso ein frisch gesteiftes Oberhemd und kleidete sich an. Noch einmal polierte er seine Schuhe, bevor er sie anzog.

Drau├čen empfing ihn die Dunkelheit. Die K├Ąlte bi├č in die weichen Teile hinter seinen Schl├Ąfen. Er atmete tief ein. Der Morgen hatte noch nicht begonnen und doch sp├╝rte er, da├č der Tag die K├Ąlte nicht verlieren w├╝rde. Diese Gewi├čheit echote in seinem Inneren in einer konzentrierten Ruhe.

2

Das neue Jahr verl├Ąngerte seine Tage und f├╝hrte unbarmherzig das Licht durch die engen Ritzen der Rolladen vor den Fenstern der Wohnung. Er betrachtete diesen Vorgang wie jedes mal mit Besorgnis. Das warme Licht der Sonne, die Summe der unz├Ąhligen Farbanteile, die sich an den wenigen gr├╝n Flecken der Erde brachen, einen Teil des Spektrums abstriff, um einem seiner Farbt├Âne den Vorzug zu geben, erschien ihm als ein Sinnbild jener Anarchie, die er sich aus seinem K├Ârper herausgeschnitten hatte.

Er zwang sich selbst zur Besch├Ąftigung mit dem Buch, das nun schon seit geraumer Zeit ohne Beachtung auf seinen Beinen lag. Er hatte sich die Literatur zur Gewohnheit gemacht, ja sie war ihm zur Sucht geworden. Er sp├╝rte den einfachen Fluchtweg in dieser Hingabe, sie schenkte ihm neue Welten, nicht in Bildern gemalte, aber abstrakte Gedankenwelten, die ihn gefangen nahmen und seine Zeit aufsaugten, da├č es ihm gefiel.

Aber es gelang ihm die Ruhe nicht.

Er fand sich auf der Stra├če wieder und begriff, was er tat. Mit langsamen Schritten schlenderte er in Richtung des Flughafens. Die Luft war erfrischend und der Kerosinanteil war auf der Zunge kaum zu schmecken. Die Sonne w├Ąrmte die Haut, er mu├čte seine Augen vor der ungewohnten Intensit├Ąt sch├╝tzend zusammenkneifen. In einiger Entfernung lagen die Betongeb├Ąude, die das Flugfeld begrenzten, und er besch├Ąftigte sich eine zeitlang damit, die in grellen Farben gespr├╝hten Graflities zu betrachten, w├Ąhrend er voranschritt. Ein etwa zwei Kilometer breiter Gr├╝nstreifen trennte den Flugplatz von der Steppenlandschaft des unbewohnten Teiles der Gegend. Hier endete sein Spaziergang vorl├Ąufig. Er setzte sich auf das leicht feuchte Gras und fand nun die Ruhe, die ihm zuhause nicht gelingen wollte. Er begann zu lesen, zum erstenmal las er im nat├╝rlichen Licht des Tages. Zuweilen hielt er inne und f├╝hrte seinen Blick ├╝ber die kahle Landschaft, die der Boden der W├Ąlder gewesen war, die der Autor des Buches mit jener Nebens├Ąchlichkeit beschrieb, die der Mensch sich im Umgang mit dem Allt├Ąglichen erlaubte. Er wu├čte von den antiquierten Startrampen auf Kontinent Drei, die man in Erinnerung der ersten Kontakte des Menschen nut den Welten au├čerhalb des Erdballs stehen gelassen hatte. Es gab mehrere Relikte der Vergangenheit, die man ├╝berleben gelassen hatte. Die Erde war von ihren Fehlern befreit. Die Luft hatte einen definierten Sauerstoffgehalt, durch gen technische Adaption waren die in ihr enthaltenen Schadstoffe nun ungef├Ąhrlich. Der Wechsel der Jahreszeiten und das t├Ągliche Wetter waren linearisiert. Trotzdem glaubte er, es w├Ąre besser gewesen, einen dieser W├Ąlder stehen zu lassen und das Risiko des Unkalkulierbaren zu tragen. Eine kleine Gruppe schwarzer Kolkraben tummelte sich um die ├Âlgetr├Ąnkten Pf├╝tzen des FIugfeldes. Sie schienen den Beton der angrenzenden Grasnarbe vorzuziehen.

Einmal bemerkte er in der Ferne eine Familie beim Ausflug. Die beiden Kinder waren in st├Ąndiger Bewegung, liefen vor und wieder zur├╝ck. Sie hatten St├Âcke in der Hand, mit denen sie die h├Âher gewachsenen Graspflanzen ermordeten. Ihre Eltern aber waren jung geblieben. Sie sprachen viel und mit dem ganzen K├Ârper, unterbrochen durch herzliches Lachen. Sie hielten sich an den H├Ąnden, um sich alsbald wieder zu l├Âsen und in den Arm zu nehmen. Dann aber blieben sie stehen um sich zu k├╝ssen.

Er erinnerte sich pl├Âtzlich der lauten Musik und des Stimmengewirrs in jener Kneipe damals. Er sah die wei├čen H├Ąnde, die zarten Finger mit geometrischem Nagelbett, eine Zigarette haltend und geschm├╝ckt mit zwei Ringen. Ein L├Ącheln schien er sich erarbeitet zu haben. Sehnsucht befiel ihn und er hielt dieses Gef├╝hl f├╝r die Lust zu trinken. Eine Viertelstunde sp├Ąter war er wieder zuhause. Er beschlo├č, die Dose in einem Zug auszutrinken und nur einen kleinen Rest zu lassen, um sie als Aschenbecher verwenden zu k├Ânnen.

3

Er war die ganze Nacht durchgefahren. Obwohl die Heizung des Wagens nicht funktionierte und die K├Ąlte der Nacht den Innenraum ausf├╝llte, schwitzte er am ganzen K├Ârper.

Sein Hemd klebte ihm am R├╝cken. Der Aschenbecher war ├╝berf├╝llt. Er hatte ihn schon mehrmals in der Nacht mit den Fingern entleert. Der Boden der Beifahrerseite war ├╝bers├Ąt mit zerdr├╝ckten Filtern und silbrig gl├Ąnzender Asche. Schon zu Beginn der Fahrt hatte er die L├╝ftungsklappen geschlossen, soda├č im engen Raum schwerer Rauch lag, der sich zusammen mit der Feuchte der Luft als schmieriger Film an den Fenstern absetzte. Drau├čen regnete es in Str├Âmen, die Wischer leisteten Schwerstarbeit. Die Scheiben des Wagens waren beschlagen und er kam nicht umhin, in regelm├Ą├čigem Abstand eine Sichtl├╝cke in die Windschutzscheibe zu putzen. Auf dem Beifahrersitz lag eine unge├Âffnete Packung Kekse, die er an der ersten Tankstelle, an der er halten mu├čte, mehr aus Gewohnheit zus├Ątzlich zu den Zigaretten gekauft hatte.

Die Sichtschirme des Armaturenbrettes waren auf dunklen Hintergrund geschaltet. Vor Jahren hatte er sich den Spa├č geg├Ânnt, die Codierung zu ersetzen, soda├č die Screens mit technischen Daten ├╝ber den Momentanzustand des Fahrzeugs ├╝berladen waren. Er warf einen kurzen Blick ├╝ber die Zahlen, las Innen- und Au├čentemperatur, die sich zur Zeit um weniger als ein Grad unterschieden, F├╝llstand und Druck der Bremsanlage, Kerntemperatur der Antriebsbatterie. Im linken Anzeigefeld sah er die Landkarte und den blinkenden Punkt, der ihm den Aufenthaltsort zeigte. Er war seinem Ziel schon nahe.

Die Scheinwerfer der entgegenkommenden Fahrzeuge tauchten sein Gesicht f├╝r wenige Sekunden in einen hellen Blau ton. Das Licht empfand er als W├Ąrme. Da war einiges durcheinander geraten.

Die Stra├če verlief gerade und langweilig. Das Steuern des Wagens kostete ihn nicht viel seiner Konzentration. Er dachte an die Begriffe, die sich so stark in seine Welt gedr├Ąngt hatten, dachte an Leben, Tod, die Liebe. Es waren Worte, die er als sterile abstrakte Konstrukte kennengelernt hatte und die ihm heute wie das Leben selbst vorkamen. Tag f├╝r Tag hatten sie sich mehr in Fleisch verwandelt. Sie hatten ihn aus seiner Konzeption herausgebracht und er hatte sie daf├╝r geha├čt. Er hatte versucht, sie definierend zu fassen und sie so in die Abstraktion zur├╝ckzuschicken, doch sie waren immer wieder gekommen. All seine Sinne spielten dieser Metamorphose zu. Er erinnerte sich an einen Roman, den er vor Jahren gelesen hatte. Ein Mann hatte aus f├╝r ihn v├Âllig unersichtlichen Gr├╝nden einen Mord begangen und pl├Âtzlich begann die Vergangenheit ihre Bedeutung zu ver├Ąndern. Jeder einzelne Teil des Lebens dieses Mannes verlor seinen kausalen Zusammenhang, hatte erst zwei, dann viele Bedeutungen, bis sich alle in Bedeutungslosigkeit vereinten. Der R<> man hatte die Semantik seiner Sinnesorgane verwandelt. Aus Instrumenten zur Erfassung der Umweltbedingungen au├čerhalb des eigenen K├Ârpers waren tr├╝gerische, eigenst├Ąndige Wesen geworden. Kreatives Denken wurde zu Phantasie. Er konnte sich Dinge vorstellen, die offensichtlich unm├Âglich waren. Das Absurde heftete sich an seine Fersen und verfolgte ihn. Er begann zu trinken.

Kurz vor Paris hatte er die Autobahn verlassen. Es war sp├Ąt in der Nacht und drau├čen ein gew├Âhnlicher Wochentag, soda├č nicht viel Verkehr in der Stadt zu erwarten war. Der Weg ins Innere der Metropole kam ihm nervenzerreibend lang vor. Er vertrieb sich die Zeit mit einem Gedankenexperiment. W├╝rde man den Fixpunkt eines Koordinatensystems in den Mittelpunkt seines Fahrzeugs legen, so w├╝rde die Bahn der Erde, relativ zu diesem Bezugspunkt, einen hektischen, wild springenden Verlauf nehmen, dessen einfache Berechenbarkeit man dem Linienvektor nicht mehr ansehen w├╝rde. Die kleinen Zacken der Kurve w├╝rde man als ├╝berlagertes Rauschen interpretieren. Er selbst sp├╝rte weder die Hektik noch die rasende Geschwindigkeit, mit der sich die Erde bewegte. Ruhig, tr├Ąge zog die in warmes rotes Licht getauchte Notre Dame an ihm vor├╝ber.

Die hohe Leistung des Fahrzeugmotors erlaubte es ihm, seinen Fahrstil zu verschlechtern. Er nahm die Umgebung nicht mehr war. Erst als er sich auf einem der gro├čen Strahlen des Sterns befand, dessen Zentrum der Grund f├╝r den Umweg war, zu dem er sich entschlossen hatte, drosselte er die Geschwindigkeit. Als er im Kreisverkehr den Polizeiwagen entdeckte, lie├č die Erinnerung ein L├Ącheln in sein Gesicht flie├čen und machte es weich. Er beschlo├č, einmal den Arc de Triomphe zu umrunden, bevor er in Richtung K├╝ste weiterfahren w├╝rde. Er sp├╝rte sein hartes Herz, hart geworden durch den Kampf gegen die ├╝brigen Organe in seinem Torso.

Die Motortemperatur stieg leicht an, das beunruhigte ihn etwas. Es wollte ihm nicht gelingen, das Faktum zu verdr├Ąngen, ausgerechnet jetzt, wo ihm so wenig Zeit blieb. Es war v├Âllig irrelevant, er war nur noch wenige Kilometer von der K├╝ste entfernt, fast h├Ątte er zu Fu├č weitergehen k├Ânnen. Dennoch durchbrach er immer wieder die Sch├Ąrfe seiner Gedanken mit einem Blick auf die Armatur. Es blieb ihm nichts anderes ├╝brig als die komplette Instrumentierung durch einen kr├Ąftigen Zug von der Stromversorgung zu trennen.

Er parkte auf dem gleichen Platz, auf dem ihn damals seine Fahrer abgesetzt hatten. Der Regen trommelte auf die Karosserie. Er verlie├č den Wagen und k├Ąmpfte sich gegen den st├╝rmigen Wind zu den Felsen und zum Meer. Sein Gesicht war na├č. Das Wasser verband sich auf seiner Haut mit dem getrockneten Schwei├č und schmeckte salzig auf der Zunge. Es war der Geschmack des Meeres, das ihm, am Rande der Klippen, tief unter sich ein Schauspiel seiner Gewalten bot. Die Wellen waren hoch und zersprangen in wei├čem Schaum am Stein, schlugen, mi├čhandelten ihn. Der Regen durchdrang seine Lederjacke und er sp├╝rte die N├Ąsse auf seinem Oberk├Ârper als erotische Ber├╝hrung der Natur. Durch leichte Bewegungen schaffte er Hohlr├Ąume zwischen seiner Haut und der Kleidung. Er geno├č das zarte Streicheln der Tropfen, die, der Schwerkraft folgend, eine Linie auf seinem K├Ârper zogen. Am Horizont begann mit einem feinen silbrigen Streifen der Tag sein Leben und dr├╝ckte kraftvoll die Dunkelheit der Nacht vor sich her. Er hatte sich nicht get├Ąuscht. Es war alles so, wie er es vermutet hatte. Da war wieder die Gegens├Ątzlichkeit der Begriffe, die ihn seit langem in ihren Fesseln hielten. Da waren die toten Dinge, das Wasser, der Felsen, das Licht der fernen Sonne, und ihr Zusammenspiel war Fleisch, war Leben. Hier mu├čten auch die bedeutungsschwersten Begriffe sich mit der Absurdit├Ąt der Welt vereinen und ihn aus ihrem Gef├Ąngnis entlassen. Hier vereinten sich Tod und Leben zum Nichts, Chemie und Geist zum Individuum.

Er begann, das Atmen bewu├čt auszuf├╝hren. Er sp├╝rte die gleichm├Ą├čigen Bewegungen seiner Lungenfl├╝gel und er hatte das Gef├╝hl, sein Herz w├╝rde sich in der gleichen Rhythmik auf und ab bewegen, als k├Ąmpfte es noch immer. Er blickte ├╝ber das Meer und beobachtete das Farbenspiel, das sich aus dem Ringen der Lichter an der Grenze des anbrechenden Tages zur Nacht entwickelte. Die ganze Kraft seiner Sinne benutzte er, um das ihm dargebotene Schauspiel in sich hineinzusaugen. Das Wasser, die Brandung, die Felsen, das Licht mit seinen Farben, wurde Teil seiner selbst und er geno├č es. Und er geno├č auch die Leichtigkeit seines Standes am Rande des Felsens, die Bewegung der unter seinem Gewicht ins Rollen geratenen Ger├Âllsteine.

Die Tageszeitungen waren dankbar, ├╝ber den Unfall eines Androiden, der in der letzten Nacht von den Klippen in der N├Ąhe eines kleinen Dorf bei Royan gest├╝rzt war, berichten zu k├Ânnen. Das Ereignis bedeutete, sieht man einmal von konzeptionellen Aspekten ab, auch einen herben finanziellen Verlust.


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