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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Papa Som
Eingestellt am 14. 10. 2001 08:46


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Sriver
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

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Papa Som

Ich hĂ€tte ihn damals lieber woanders getroffen, als in einem dieser Wohnsilos vor den Toren von Paris. „Pyjama City“, so nannten wir die TĂŒrme, deren Fassaden der LĂ€nge nach fĂŒnf farbige Streifen auf tristem, grauen Klinker trugen. Schmutzige, abgetragene Pyjamas fĂŒr Menschen die verwahrlost sind oder die man gedenkt, in dieses Vorstadium der menschlichen Hölle zu befördern. Verkommene Flure, defekte Lichtanlagen und verschlossene NotausgĂ€nge. Beste Chancen fĂŒr einen, irgendwann in der Dunkelheit Opfer eines Verbrechens zu werden, aber daran dachte ich damals nicht. Wenn ich spĂ€t abends von meinen Pariser Entdeckungsreisen heimfuhr, war ich so beeindruckt, daß ich nicht das GefĂŒhl hatte, mir könnte etwas passieren. Diverse Warnungen meiner Freunde hörte ich zwar, aber die Szenerie der Stadt, verquickt mit einer blĂŒhenden Phantasie, ließ es erst gar nicht zu, von Angst ĂŒberwĂ€ltigt zu werden.

Daß ich ĂŒberhaupt in „Pyjama City“ ĂŒbernachten durfte, war ein Privileg und zugleich ein Geschenk. Warum mir das zuteil wurde, kann ich heute nur vermuten. Damals hinterfragte ich es nicht, sondern war dankbar und glĂŒcklich darĂŒber Aufnahme gefunden zu haben, die zu einem guten Teil auch Annahme war. So empfand ich es jedenfalls. Wie gesagt, selbstverstĂ€ndlich war es nicht. Als ich beim ersten Mal mit seiner Tochter spĂ€t nachts „Pyjama City“ betrat, warnte sie mich vor ihrem Vater und wies mich an, mich ausgesprochen leise zu verhalten. Dabei dachte ich mir nichts, weil es sowieso nicht meine Art ist, nachts und auch nicht tagsĂŒber irgendwo herumzupoltern. Als sie mir aber dann mitteilte, daß ihr Vater im Besitz eines SĂ€bels sei und auf unangemeldete Besucher unmißverstĂ€ndlich deutlich reagieren könne, stockte mir der Atem fĂŒr einen Augenblick. Ich fragte sie, ob es wirklich in Ordnung sei, bei ihnen zu ĂŒbernachten, da ich ja nicht einmal wußte, wieviel Zimmer sie hatten. Sie nickte ruhig und vielsagend. Und genau diese Mehrdeutigkeit in ihrem Blick hatte zur Folge, daß ich mich verstĂ€rkt auf meine Zehenspitzen konzentrierte.
Wir stiegen in den ramponierten Fahrstuhl und sie drĂŒckte auf den Knopf des siebten Stocks.
War ich eben noch totmĂŒde gewesen, so begann nun, je lĂ€nger die Fahrt dauerte und ich wußte ja, daß sie bald zu Ende sein wĂŒrde, mein Adrenalin verstĂ€rkt im Körper zu zirkulieren.
Schweißtropfen bildeten sich in meinen HĂ€nden und ich spĂŒrte ein zunehmendes Pochen in meiner Herzgegend.

Meine Blicke wanderten umher, um irgendwo Halt zu finden. Angelehnt an die Fahrstuhlwand, die Stirn runzelnd, betrachtete ich das Gesicht meiner neuen Freundin. Sie war schön. Ich mochte ihre braune Haut und ihr tiefschwarzes Haar. Alles Exotische ĂŒbte damals eine ungeheure Anziehungskraft auf mich aus, in der RealitĂ€t und Phantasie in völlig freiem Lauf ineinanderfließen konnten. Ihre goldenen Kettchen und das Amulett, welches ihren Ausschnitt zierte, ließ mich an eine TempeltĂ€nzerin denken, die geschmeidig in fließenden Bewegungen eine Liebesgeschichte erzĂ€hlt. Fast hĂ€tte ich die Situation vergessen in der ich mich befand, aber dann ertönte der Klingelton des Fahrstuhls und signalisierte uns das Erreichen des siebten Stocks.

Scheppernd öffnete sich die metallene FahrstuhltĂŒr, die ich gerne in Watte gepackt hĂ€tte. Wir gingen den Flur entlang. Flackernde Beleuchtung, wie in Filmen, bei denen man schon weiß, daß sich gleich eine Katastrophe abspielen wird.
Meine Freundin wirkte ĂŒberraschend gelassen, schob den SchlĂŒssel ins Schloß und bevor sie die TĂŒre öffnete, hielt sie senkrecht ihren Zeigefinger vor ihre Lippen. Ich hingegen spitzte meine Ohren und erinnerte mich an eine Katze, die auf samtnen Pfoten und mit geschĂ€rfter Aufmerksamkeit, die Begegnung mit einem gefĂ€hrlichen Hund vermeiden will.

Drinnen war es dunkel und ich schaute aufgeregt nach allen Seiten. Gleich mußte er kommen und mir seinen SĂ€bel an die Kehle halten. Asiaten sind listige Strategen, das war mir bekannt, und ich hielt mich allmĂ€hlich fĂŒr einen Idioten, der sich freiwillig in die Höhle des Löwen begeben hatte. Alles, was nun geschehen wĂŒrde, ich hatte keinen Grund mich zu beschweren.
Die Gefahr gesucht, Verstand und Vorsicht vernachlĂ€ssigt, und nun mußte ich die Konsequenzen dafĂŒr tragen.
Ein Lichtstrahl flutete plötzlich die Dunkelheit und ich hörte, wie sich eine TĂŒre am Ende des Flures langsam öffnete. Jetzt war es also soweit. Sowohl meine Freundin, als auch ich, blieben wie angewurzelt stehen und wendeten uns dem Ort zu, von dem das Licht einfiel.
Schemenhaft erkannte ich eine mĂ€nnliche Gestalt, die ein langes Tuch um ihre HĂŒften gewickelt trug, ganz so, wie es die Samurai tun. Dieser Mann war zwar kein japanischer Krieger, aber dafĂŒr war er Kambodschaner, der einmal eine hohe Position in seinem Land innehatte. Nur wußte ich nicht welche. Aber eines war mir ĂŒber Kambodscha bekannt, daß es dort eine unglaubliche Metzelei an der Bevölkerung gegeben hatte. Kambodscha war damals das Schlachthaus SĂŒdostasiens.

Ich hielt Ausschau nach dem SĂ€bel und taxierte den Mann so gut ich konnte von oben nach unten. Nackte FĂŒĂŸe, eine freie Hand konnte ich erkennen, aber wo war die andere?
Er hielt sie hinter seinem Körper und trat nun ruhigen Schrittes etwa drei Meter in den Flur, um mich in Augenschein zu nehmen. Meine Freundin grĂŒĂŸte ihren Vater mit leiser Freundlichkeit, aber das schien ihn nicht zu interessieren. Er schaute nur mich an und diese Sekunden der ÜberprĂŒfung wurden fĂŒr mich zu einer Ewigkeit. Was ihm durch den Kopf ging, konnte ich beim besten Willen nicht erkennen. Auch das ist eine Kunst der Asiaten, die sie meisterhaft beherrschen. Zumindest wollte ich nicht verschĂ€mt wegschauen. Bitteschön, hier war ich nun und erwartete offenen Auges das Urteil. Es war schon möglich, daß ich durch meine Anwesenheit gerade das Porzellan einer anderen Kultur gewaltig in Mitleidenschaft gezogen hatte. Ich hoffte, es nur nicht zertrĂŒmmert zu haben.

Dann begegneten sich unsere Blicke und verweilten beieinander. Ich atmete ruhig und entdeckte wĂŒrdevollen Ernst und eine unglaubliche Ausgeglichenheit in seinen GesichtszĂŒgen. Keine Spur von Ungeduld oder aufbrandendem Ärger. Aber was hatte das schon zu besagen? Dann aus dem scheinbaren Nichts heraus bewegte sich sein Arm, den er bis dahin hinter seinem Körper versteckt gehalten hatte und mit seiner Hand, die nun zum Vorschein kam, deutete er seiner Tochter in die Richtung eines anderen Zimmers. Er wirkte bestimmt und entschlossen, ohne jedoch dabei eine Miene zu verziehen.

Seine Gestik wurde begleitet von einigen kambodschanischen Worten, an denen ich meinte, zumindest keine Abweisung vernommen zu haben. Dann nickte er mir fast unmerklich zu und begab sich auf auf den RĂŒckweg in sein Zimmer. Ich schaute ihm hinterher und meine Blicke ruhten auf diesem sanft gefĂ€rbten Tuch, welches er um seine HĂŒften trug. Dann schloss sich die TĂŒre und ich hatte das GefĂŒhl, als ob eine zentnerschwere Last von mir fallen wĂŒrde. Meine Knie wurden augenblicklich weich und ein Schauer durchfuhr den ganzen Körper. Meine Freundin reichte mir die Hand, streichelte die meine, so als ob ich gerade eine schwere PrĂŒfung bestanden hĂ€tte.




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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Ja Sriver, bist Du denn von Sinnen?

Diese Story stellst Du in die Werkstatt?
Die Story ist nach meinem Empfinden perfekt!

Ein starker Anfang, eine starke Geschichte und stark geschrieben.
Du hast es geschafft mich in eine andere Welt zu entfĂŒhren. Hast mir Dinge gezeigt, hast mich gut unterhalten.

Na schön, warte noch andere Meinungen ab, aber dann ruckzuck ins Kurzgeschichtenforum.

TOLL! SUPERLEISTUNG!

Gruss
Volkmar

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Sriver
Hobbydichter
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Papa Som

Hallo Volkmar,

danke fĂŒr Dein Lob und natĂŒrlich freue ich mich, daß Dir
meine kleine Geschichte, die ich gedenke auszubauen, gefallen hat. Ich habe etwas Neues probiert, wie ich momentan vieles ausprobiere.

Deine Geschichte in Afrika muß ich mir nochmal in Ruhe durchlesen und dann werde ich mich bei Dir melden.

Alles Gute, Stefan

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Rote Socke
Guest
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Ok Sriver, aber...

...warte noch ein wenig mit der Steppennacht, ich stelle noch eine Überarbeitung ein.

Bin ja mal gespannt wie Du Deinen Text ausbauen wirst. Er interessiert mich auch sehr vom Thema her.

Gruss
Volkmar

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leonie
Guest
Registriert: Not Yet

hallo sriver

wow, gut und spannend geschrieben. ich habe zum Schluß hin einen aggressiven, zornigen Mann erwartet, und dann kam dieser ruhige, eigentlich sympathische Asiate, der den besucher zwar prĂŒfend ansieht, aber ansonsten scheinbar harmlos ist. Jetzt bin ich aber auf weiteres gespannt.
ganz liebe grĂŒĂŸe leonie

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Löwengeist
???
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WOW !!!!

Hallo Sriver,

eine absolut perfekte Geschichte, wie ich finde. Ich schließe mich Sockes Worten an, sie hat hier nichts zu suchen :-)
Du hast es wieder einmal mehr geschafft, ein Thema mit sehr schönen Worten spannend zu umschreiben, danke dafĂŒr !

Liebe GrĂŒĂŸe
Kerstin

PS: Schon im Cafe vorgestellt ? *fg*

__________________
Der Glaube in uns, geboren aus Hoffnung, weist einen Weg, der Zuversicht heißt.

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Sriver
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

Werke: 16
Kommentare: 27
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Papa Som

Also herzlichen Dank. Ich habe den Text hierein gestellt, weil ich lernen und begreifen möchte, wie meine Texte auf andere wirken und welche Übereinstimmungen und Differenzen zwischen meinen Betrachtungs-, Gestaltungs- und Empfindungsweisen und denen des Lesers gibt.

Konnte ich meine Ziele erreichen ?

Tja, Löwengeist, ich habe den Text direkt an die Redaktion
des LC geschickt, weil ich keine Lust darauf hatte, mit
Dreck ĂŒberschĂŒttet zu werden und mich damit auseinanderzusetzen. Manchmal habe ich darauf keinen Bock.

Und was meinen Text anbetrifft: Fortsetzung folgt.
Danke fĂŒr Euer Interesse...

Stefan

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