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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Papa Som
Eingestellt am 14. 10. 2001 08:51


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Sriver
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

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Papa Som

Ich h├Ątte ihn damals lieber woanders getroffen, als in einem dieser Wohnsilos vor den Toren von Paris. ÔÇ×Pyjama CityÔÇť, so nannten wir die T├╝rme, deren Fassaden der L├Ąnge nach f├╝nf farbige Streifen auf tristem, grauen Klinker trugen. Schmutzige, abgetragene Pyjamas f├╝r Menschen die verwahrlost sind oder die man gedenkt, in dieses Vorstadium der menschlichen H├Âlle zu bef├Ârdern. Verkommene Flure, defekte Lichtanlagen und verschlossene Notausg├Ąnge. Beste Chancen f├╝r einen, irgendwann in der Dunkelheit Opfer eines Verbrechens zu werden, aber daran dachte ich damals nicht. Wenn ich sp├Ąt abends von meinen Pariser Entdeckungsreisen heimfuhr, war ich so beeindruckt, da├č ich nicht das Gef├╝hl hatte, mir k├Ânnte etwas passieren. Diverse Warnungen meiner Freunde h├Ârte ich zwar, aber die Szenerie der Stadt, verquickt mit einer bl├╝henden Phantasie, lie├č es erst gar nicht zu, von Angst ├╝berw├Ąltigt zu werden.

Da├č ich ├╝berhaupt in ÔÇ×Pyjama CityÔÇť ├╝bernachten durfte, war ein Privileg und zugleich ein Geschenk. Warum mir das zuteil wurde, kann ich heute nur vermuten. Damals hinterfragte ich es nicht, sondern war dankbar und gl├╝cklich dar├╝ber Aufnahme gefunden zu haben, die zu einem guten Teil auch Annahme war. So empfand ich es jedenfalls. Wie gesagt, selbstverst├Ąndlich war es nicht. Als ich beim ersten Mal mit seiner Tochter sp├Ąt nachts ÔÇ×Pyjama CityÔÇť betrat, warnte sie mich vor ihrem Vater und wies mich an, mich ausgesprochen leise zu verhalten. Dabei dachte ich mir nichts, weil es sowieso nicht meine Art ist, nachts und auch nicht tags├╝ber irgendwo herumzupoltern. Als sie mir aber dann mitteilte, da├č ihr Vater im Besitz eines S├Ąbels sei und auf unangemeldete Besucher unmi├čverst├Ąndlich deutlich reagieren k├Ânne, stockte mir der Atem f├╝r einen Augenblick. Ich fragte sie, ob es wirklich in Ordnung sei, bei ihnen zu ├╝bernachten, da ich ja nicht einmal wu├čte, wieviel Zimmer sie hatten. Sie nickte ruhig und vielsagend. Und genau diese Mehrdeutigkeit in ihrem Blick hatte zur Folge, da├č ich mich verst├Ąrkt auf meine Zehenspitzen konzentrierte.
Wir stiegen in den ramponierten Fahrstuhl und sie dr├╝ckte auf den Knopf des siebten Stocks.
War ich eben noch totm├╝de gewesen, so begann nun, je l├Ąnger die Fahrt dauerte und ich wu├čte ja, da├č sie bald zu Ende sein w├╝rde, mein Adrenalin verst├Ąrkt im K├Ârper zu zirkulieren.
Schwei├čtropfen bildeten sich in meinen H├Ąnden und ich sp├╝rte ein zunehmendes Pochen in meiner Herzgegend.

Meine Blicke wanderten umher, um irgendwo Halt zu finden. Angelehnt an die Fahrstuhlwand, die Stirn runzelnd, betrachtete ich das Gesicht meiner neuen Freundin. Sie war sch├Ân. Ich mochte ihre braune Haut und ihr tiefschwarzes Haar. Alles Exotische ├╝bte damals eine ungeheure Anziehungskraft auf mich aus, in der Realit├Ąt und Phantasie in v├Âllig freiem Lauf ineinanderflie├čen konnten. Ihre goldenen Kettchen und das Amulett, welches ihren Ausschnitt zierte, lie├č mich an eine Tempelt├Ąnzerin denken, die geschmeidig in flie├čenden Bewegungen eine Liebesgeschichte erz├Ąhlt. Fast h├Ątte ich die Situation vergessen in der ich mich befand, aber dann ert├Ânte der Klingelton des Fahrstuhls und signalisierte uns das Erreichen des siebten Stocks.

Scheppernd ├Âffnete sich die metallene Fahrstuhlt├╝r, die ich gerne in Watte gepackt h├Ątte. Wir gingen den Flur entlang. Flackernde Beleuchtung, wie in Filmen, bei denen man schon wei├č, da├č sich gleich eine Katastrophe abspielen wird.
Meine Freundin wirkte ├╝berraschend gelassen, schob den Schl├╝ssel ins Schlo├č und bevor sie die T├╝re ├Âffnete, hielt sie senkrecht ihren Zeigefinger vor ihre Lippen. Ich hingegen spitzte meine Ohren und erinnerte mich an eine Katze, die auf samtnen Pfoten und mit gesch├Ąrfter Aufmerksamkeit, die Begegnung mit einem gef├Ąhrlichen Hund vermeiden will.

Drinnen war es dunkel und ich schaute aufgeregt nach allen Seiten. Gleich mu├čte er kommen und mir seinen S├Ąbel an die Kehle halten. Asiaten sind listige Strategen, das war mir bekannt, und ich hielt mich allm├Ąhlich f├╝r einen Idioten, der sich freiwillig in die H├Âhle des L├Âwen begeben hatte. Alles, was nun geschehen w├╝rde, ich hatte keinen Grund mich zu beschweren.
Die Gefahr gesucht, Verstand und Vorsicht vernachl├Ąssigt, und nun mu├čte ich die Konsequenzen daf├╝r tragen.
Ein Lichtstrahl flutete pl├Âtzlich die Dunkelheit und ich h├Ârte, wie sich eine T├╝re am Ende des Flures langsam ├Âffnete. Jetzt war es also soweit. Sowohl meine Freundin, als auch ich, blieben wie angewurzelt stehen und wendeten uns dem Ort zu, von dem das Licht einfiel.
Schemenhaft erkannte ich eine m├Ąnnliche Gestalt, die ein langes Tuch um ihre H├╝ften gewickelt trug, ganz so, wie es die Samurai tun. Dieser Mann war zwar kein japanischer Krieger, aber daf├╝r war er Kambodschaner, der einmal eine hohe Position in seinem Land innehatte. Nur wu├čte ich nicht welche. Aber eines war mir ├╝ber Kambodscha bekannt, da├č es dort eine unglaubliche Metzelei an der Bev├Âlkerung gegeben hatte. Kambodscha war damals das Schlachthaus S├╝dostasiens.

Ich hielt Ausschau nach dem S├Ąbel und taxierte den Mann so gut ich konnte von oben nach unten. Nackte F├╝├če, eine freie Hand konnte ich erkennen, aber wo war die andere?
Er hielt sie hinter seinem K├Ârper und trat nun ruhigen Schrittes etwa drei Meter in den Flur, um mich in Augenschein zu nehmen. Meine Freundin gr├╝├čte ihren Vater mit leiser Freundlichkeit, aber das schien ihn nicht zu interessieren. Er schaute nur mich an und diese Sekunden der ├ťberpr├╝fung wurden f├╝r mich zu einer Ewigkeit. Was ihm durch den Kopf ging, konnte ich beim besten Willen nicht erkennen. Auch das ist eine Kunst der Asiaten, die sie meisterhaft beherrschen. Zumindest wollte ich nicht versch├Ąmt wegschauen. Bittesch├Ân, hier war ich nun und erwartete offenen Auges das Urteil. Es war schon m├Âglich, da├č ich durch meine Anwesenheit gerade das Porzellan einer anderen Kultur gewaltig in Mitleidenschaft gezogen hatte. Ich hoffte, es nur nicht zertr├╝mmert zu haben.

Dann begegneten sich unsere Blicke und verweilten beieinander. Ich atmete ruhig und entdeckte w├╝rdevollen Ernst und eine unglaubliche Ausgeglichenheit in seinen Gesichtsz├╝gen. Keine Spur von Ungeduld oder aufbrandendem ├ärger. Aber was hatte das schon zu besagen? Dann aus dem scheinbaren Nichts heraus bewegte sich sein Arm, den er bis dahin hinter seinem K├Ârper versteckt gehalten hatte und mit seiner Hand, die nun zum Vorschein kam, deutete er seiner Tochter in die Richtung eines anderen Zimmers. Er wirkte bestimmt und entschlossen, ohne jedoch dabei eine Miene zu verziehen.

Seine Gestik wurde begleitet von einigen kambodschanischen Worten, an denen ich meinte, zumindest keine Abweisung vernommen zu haben. Dann nickte er mir fast unmerklich zu und begab sich auf auf den R├╝ckweg in sein Zimmer. Ich schaute ihm hinterher und meine Blicke ruhten auf diesem sanft gef├Ąrbten Tuch, welches er um seine H├╝ften trug. Dann schloss sich die T├╝re und ich hatte das Gef├╝hl, als ob eine zentnerschwere Last von mir fallen w├╝rde. Meine Knie wurden augenblicklich weich und ein Schauer durchfuhr den ganzen K├Ârper. Meine Freundin reichte mir die Hand, streichelte die meine, so als ob ich gerade eine schwere Pr├╝fung bestanden h├Ątte.




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